Auf dass die Schrift erfüllt würde

Predigt über Matthäus 2, 13- 18: Die Flucht nach Ägypten und der Kindermord des Herodes

1. Sonntag nach Weihnachten, 30.12.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Sind Weihnachten einige eurer Wünsche in Erfüllung gegangen? Dann habt ihr euch sicher gefreut, denn das ist grundsätzlich ein schönes Erlebnis, nicht nur, wenn es um materielle Geschenke geht. Wir freuen uns wahrscheinlich noch viel mehr, wenn wir z.B. verliebt sind, und sich herausstellt, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Wer schon immer mal eine bestimmte Reise machen wollte und sich diesen Wunsch irgendwann endlich erfüllt, ist ebenso glücklich. Auch die Heilung von einer schlimmen Krankheit gehört zu solchen Erlebnissen, und vieles mehr. Wir alle kennen das Warten, das dazu gehört, die Hoffnung, die sich damit verbindet, und die Freude, wenn sie in Erfüllung geht.

Den ersten Christen erging es ähnlich, denn sie glaubten, dass Jesus der verheißene Messias war. Es waren Juden, und so war ihr Lebensgefühl vom Warten auf den göttlichen Retter bestimmt. Für diejenigen, die sich zu Christus bekehrten, war die Schrift nun in Erfüllung gegangen, davon waren sie überzeugt. Und das versuchten sie zu beweisen. In den Evangelien wird seine Geschichte so erzählt, dass daran kein Zweifel bleiben soll.

Besonders Matthäus legt Wert auf dieses Bekenntnis. Sein Evangelium ist mehr als die anderen von sogenannten „Reflexionszitaten“ durchzogen. Das sind Stellen aus dem Alten Testament, die am Ende einer Erzählung über Jesus stehen und belegen, dass die Begebenheit mit den Verheißungen in der Bibel übereinstimmt. Sie reflektieren die Erfüllung des Alten Testamentes in Jesu Leben und beleuchten seine Geschichte von der Schrift her. Gerade am Anfang des Matthäusevangeliums finden wir mehrere solcher Zitate, so auch in dem Abschnitt aus der Kindheit Jesu, der heute unser Predigttext ist. Er steht im zweiten Kapitel, Vers 13 bis 18, und lautet folgendermaßen:

Matthäus 2, 13- 18

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten
15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.
17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15):
18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Das sind zwei Kurzerzählungen, die für den Evangelisten wichtige Ereignisse mitteilen. Sie ergaben sich im Anschluss an den Besuch der drei Sterndeuter, den „Weisen aus dem Morgenland“ im Stall in Bethlehem (Matthäus 2, 1-12), und es sind schmerzliche Episoden. Die Vorgänge belasten den „neugeborenen König der Juden“. So hatten die drei Weisen Jesus genannt. Zuerst muss er nach Ägypten fliehen, und im Anschluss daran werden alle gleichaltrigen Knaben in Bethlehem getötet. Das sind brutale Vorkommnisse. Ob sie wirklich so geschehen sind, wissen wir nicht, aber um Historizität geht es dem Evangelisten auch gar nicht. Er greift vielmehr auf vorgegebene Überlieferungen zurück. Hier war es Matthäus wahrscheinlich wichtig, zwischen Jesus und Mose eine Parallele herzustellen. Im Leben von Mose ereigneten sich nämlich ähnliche Dinge: Kurz nachdem er geboren war, gab es einen massenhaften Kindermord (2. Mose 1,15-22), und auch er war später nach Ägypten geflohen (2. Mose 11-15). So entspricht das Schicksal Jesu der wunderbaren Rettung des Mose und des Volkes Israel aus Ägypten. Die Geschichten über seine Flucht und der Bewahrung vor dem Tod als kleines Kind sind demnach so etwas wie Meditationen über die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen, und sie sollen offenbaren, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias ist.

Viele Menschen hat das damals auch überzeugt, nicht nur durch diese Geschichte, sondern durch viele weitere Episoden, die belegen, dass Gott seine Ankündigungen wahr gemacht hat. Der Glaube an Jesus als dem Retter der Menschheit hat sich ausgebreitet und wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einer Weltreligion. Es gibt heutzutage überall Kirchen und christliche Gemeinschaften, auch wir gehören dazu. Wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

Doch liegt das an den sogenannten Schriftbeweisen in den Evangelien? Die sehen wir wahrscheinlich eher kritisch, eben weil wir wissen, dass sie nachträglich angeführt wurden. Und die Geschichte, die wir heute bedenken, den Kindermord in Bethlehem, löst möglicherweise sogar genau das Gegenteil aus: Sie lässt uns am Glauben zweifeln. Wie konnte Gott das zulassen? Und warum musste ausgerechnet so etwas Schreckliches geschehen, damit Jesus seinen ihm vorgezeichneten Weg gehen konnte? Das empört und verstört uns, es wirkt makaber und zynisch.

Die Frage nach dem Grund für das Böse stellen wir ja sowieso oft. Warum gibt es das? Wenn Menschen es erleben oder davon hören, verlieren sie eher ihren Glauben, als dass es ihnen hilft, Gott zu verstehen. Sie machen ihm Vorwürfe, werden wütend und klagen ihn an. Er soll sich rechtfertigen.

Doch das tut er nicht, und eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es auch nicht. Sie steht als großes Menschheitsrätsel im Raum und wird letzten Endes auch offen bleiben. Trotzdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, und dazu enthält unsere Geschichte ein paar Hinweise. Wir müssen sie nur genau lesen. Auch ist es wichtig, sie in den Zusammenhang des ganzen Evangeliums einzuordnen. Und schließlich können wir fragen, wie wir das dann auf unser Leben und seine Rätsel anwenden können. Lasst uns diese drei Gedankengänge einmal vollziehen. Wenn wir wollen, können sie uns besänftigen und unsere Empörung abbauen.

Zunächst einmal geht es um Genauigkeit, um ein sorgfältiges Lesen der Geschichten, und dabei entdecken wir, dass der Evangelist den Schriftbeweis für das Bethlehem-Massaker in bemerkenswerter Weise einleitet. Er sagt nämlich bewusst nicht „auf dass erfüllt würde“ (V.15), wie er es sonst tut, sondern: „da wurde erfüllt“ (V. 17). Er war also nicht das Ziel des göttlichen Planens. Menschen haben das verursacht, das Böse geschah – wie so oft – durch Machtgier und Eifersucht, Zorn und Raserei. Gott hat das nicht gewollt oder verursacht, er hat es nur vorhergesehen, weil er die Menschen kennt. Er hat seinen Plan nicht durch die Brutalität verwirklicht, sondern trotz dieser Grausamkeit. Sie begleitete den Weg Jesu von Anfang an, das soll hier gesagt werden. Schon zu Beginn seines Lebens lag ein Schatten über ihm. Es blieb dann ja auch so, dass er nicht den Weg besonderer menschlicher Größe gegangen ist. Sein Leben war – mit weltlichen Maßstäben gemessen – nicht erfolgreich oder befriedigend und schon gar nicht triumphierend. Er war vielmehr von Anfang ein Leidender und Sterbender. Und das war nicht zufällig so, sondern genau darin lag der Wille Gottes.

Und daraus ergibt sich der zweite Gedanke, der uns helfen kann, die Geschehnisse am Anfang des Lebens Jesu, wie Matthäus sie erzählt, und auch andere schlimme Vorkommnisse in der Welt, einzuordnen: Gott hat durch die Geburt seines Sohnes nicht die Menschen geändert. Er hat das Böse nicht ausgerottet oder vernichtet, sondern er hat es auf sich genommen. Er ist selber tief in das Elend der menschlichen Wirklichkeit eingetaucht, hat die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, zu denen Menschen fähig sind, ertragen und durchlitten. Sein Sieg geschah nicht durch sein Kommen, sondern erst durch sein Sterben und Auferstehen. Das war von Anfang an das Ziel. So haben es die Evangelisten deshalb dargestellt: Der Anfang war klein und schwach, und erst durch das Ende ergibt sich ein Gesamtbild. Ostern ist die Christenheit entstanden, durch das Fest der Auferstehung. Denn da wurde der Tod besiegt, da hat die Macht Gottes über das Böse triumphiert, und der Himmel hat sich geöffnet. Die ältesten Sätze des Glaubensbekenntnisses enthalten dieses Ereignis. Auch in der Predigt von Paulus standen das Kreuz und die Auferstehung Jesu im Mittelpunkt. Er lud zum Glauben an die erlösende Kraft dieses Geschehens ein.

Und damit sind wir bei dem dritten Gedanken, der hier wichtig ist: Wir verstehen das Evangelium nur, wenn wir an Jesus glauben, ihm vertrauen und nachfolgen. Es hilft uns nicht, wenn wir mit unserem Verstand versuchen, sein Geheimnis zu ergründen, und angeblich kluge Fragen stellen. Denn seine Geschichte und seine Sendung übersteigen unser Denken. Es ist deshalb sogar gut, wenn wir unser Denken einmal ruhen lassen mitsamt der Frage nach dem Grund für das Leiden. Es ist hilfreicher, wenn wir sie aushalten und unbeantwortet stehen lassen. Dazu müssen wir uns natürlich entscheiden. Es liegt an uns, ob wir verbittern oder loslassen wollen, uns verhärten oder vertrauen. Die Evangelien laden uns zu dem zweiten ein, zum Stillhalten und zum Glauben.

Es gibt dazu eine schöne kleine Geschichte von dem deutsch jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er lebte im vorigen Jahrhundert, zuerst in Wien und dann in Jerusalem, und er hat Jesus immer als gerechten jüdischen Lehrer der Tora anerkannt. Er würdigte es, dass Jesus viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht hat. Die Frage, ob er gleichzeitig der Messias war, ließ Buber allerdings bewusst unbeantwortet. Gegenüber Christen soll er einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:

„Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“ (zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von Elie Wiesel – Herausforderung für Religion und Gesellschaft, Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei https://de.wikipedia.org/wiki/Messias)

Es darf also ruhig sein Geheimnis bleiben. Und das ist ein sehr schöner Gedanke, denn die Enthüllung von Geheimnissen bleibt im Verborgenen, da, wo wir mit Gott allein sind und unseren Geist und unsere Seele für seine Gegenwart öffnen. Wenn wir das tun, können wir erfahren, dass es noch viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen. Dem Glauben erschließt sich eine unaussprechliche und wunderbare Wirklichkeit, und die ist erfüllend und heilend.

So erging es den beiden alten Menschen, von denen wir in der Lesung des Evangeliums gehört haben. Lukas erzählt uns von ihnen. (Lukas 12,25-38) Seine Kindheitsgeschichte ist eine ganz andere als die von Matthäus. Laut ihm wird Jesus sieben Tage nach seiner Geburt zur Beschneidung in den Tempel gebracht, wie es im Gesetz des Moses vorgeschrieben war. Und da traf das Kind Jesus einen alten Mann, Simeon, der sein Leben lang auf den Messias gewartet hatte. Der ging fest davon aus, dass er ihn sehen würde, bevor er starb. Als er nun den Eltern von Jesus begegnete, wusste er sofort: Das ist er. So nahm er das Kind auf seine Arme und sang: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Für Simeon war ein Traum in Erfüllung gegangen. Die langgehegte Hoffnung fand ihr Ziel, er war überglücklich und konnte sich nun ruhig und gelassen auf seinen Tod einstellen. Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir Jesus im Geist umfangen und ihn mit unserer Seele umarmen. Unsere Fragen kommen zur Ruhe und wir können wie Martin Luther singen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? Ihr habt mit euch den wahren Gott; lasst zürnen Teufel und die Höll, Gotts Sohn ist worden eu’r Gesell.“ (EG 25,4)

Amen.

 

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