Der Herr wird für euch streiten

Predigt über 2. Mose 14: Das Wunder am Schilfmeer

Sommerpredigt Wasser II, 2.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In vier Gottesdiensten in diesem Sommer geht es um Geschichten aus der Bibel, in denen Wasser vorkommt. Das letzte Mal haben wir eine gelesen, in der es positiv besetzt war: Es rettet Leben und gibt uns Kraft.  (2. Mose 14, 1- 7) Viele andere Erzählungen in der Bibel handeln aber von genau dem Gegenteil. Sie beschreiben, dass man im Wasser auch untergehen kann. Eine der Bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl die vom Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer. Sie waren aus Ägypten aufgebrochen, und eigentlich hatte der Pharao sie auch ziehen lassen. Aber dann überlegte er es sich anders und verfolgte sie mit seinen Soldaten. Am Schilfmeer holte er sie ein, und da geschah dann das Wunder und die Katastrophe: Gott spaltete das Meer in zwei Hälften, sodass die Israeliten hindurch ziehen konnten, aber über den Ägyptern schloss sich das Meer wieder, und das ganze Heer ertrank. Für uns klingt das zwar furchtbar, aber in der Geschichte Israels und in seinem Glauben war das das zentrale Ereignis der Rettung durch Gott.

2. Mose 14 in Auszügen

13,20 Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
14,5b Als das dem König von Ägypten angesagt wurde, sprach er: Warum haben wir die Israeliten ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?
7 Und er nahm sechshundert auserlesene Wagen mit Kämpfern auf jedem Wagen.
9a Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern.
10 Und die Israeliten fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN.
13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.
14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
19b Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie
20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.
21a Und der Herr ließ das Meer zurückweichen.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.
25b Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.
27 und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.
30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.
31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle das Wort „Gospel“. Es „ist Englisch und heißt auf Deutsch: ,Die gute Nachricht‘. Es setzt sich zusammen aus dem altenglischen Wort gōd, das heißt gut, und spel, auf Deutsch: Erzählung.“ (wikipedia) Dabei steht dieses Wort nicht nur für das geschriebene Evangelium, sondern auch für eine ganz bestimmte Musik. Sie ist in den afroamerikanischen Gemeinden während der Sklavenzeit entstanden und enthält Jazz- und Blueseinflüsse. Die Texte in den Liedern, die wir auch „Spirituals“ nennen, handeln vom Loben, Danken und von der Hoffnung, die aus dem Glauben an Gott entspringt. Der allgemeine Klang der Gospelmusik ist also positiv, optimistisch und fröhlich. Doch diese Fröhlichkeit ist nicht oberflächlich, sondern sie entstammt den tiefen Leiderfahrungen aus der Sklavenzeit.

Und genau das macht diese Musik so inspirierend und attraktiv. Die Gospels haben sich seit ihrer Entstehung weit verbreitet und werden bis heute gesungen. Es gibt überall Gospelchöre, und auch in unserem Gesangbuch finden wir das eine oder andere Lied aus dieser Richtung. Teilweise wurden sie sogar ins Deutsche übersetzt, wie z.B. „Komm, sag es allen weiter.“ (EG 225)

Und sicher kennen viele von euch auch das Lied: „When Israel was in Egypt’s land“. Es beschreibt die Sehnsucht der Israeliten nach Freiheit und die zähe Auseinandersetzung zwischen Mose und dem Pharao, die dem Auszug voranging. Die Sklaven haben sich darin wiedegefunden, weil sie in derselben Situation waren, wie die Israeliten in Ägypten, und weil sie sich ebenfalls leidenschaftlich die Befreiung wünschten. Außerdem glaubten auch sie an einen starken Gott. Die gefangenen Afrikaner klagten ihm ihr Leid und trauten ihm dasselbe Handeln zu wie damals. Das war ihre Hoffnung, und die haben sie besungen und bezeugt.

Wir haben die Geschichte von dem Auszug der Israeliten aus Ägypten eben gehört. Es war allerdings nicht der ganze Text aus der Bibel, der davon berichtet, der ist in Wirklichkeit doppelt so lang. Aber es gibt darin so viele Wiederholungen und auch einige Ungereimtheiten, dass es ein bisschen ermüdend ist, wenn man es alles hört. Man kann auch davon ausgehen, dass hier verschiedene Erzählungen zu einer zusammengefügt wurden. So ist das ganz oft im Alten Testament. In einer Geschichte melden sich oft mehrere Stimmen zu Wort. Wir haben jetzt z.B. nicht gelesen, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtete“. (Vers 4) Seine Motivation, die Israeliten zu verfolgen, war einfach nur der Ärger darüber, dass er sie hatte ziehen lassen, und dass sie ihm nicht mehr dienten. Er dachte, die hole ich leicht ein.

Und das Wunder selbst wird auch auf verschiedene Weise beschrieben. In der oben stehenden Version, wird nur gesagt, dass „der Herr das Meer zurückweichen ließ“. Andere Erzähler berichten, dass Mose seinen Stab hob und das Meer teilte. (Vers 16) Es ist aber auch noch von einem Ostwind die Rede (Vers 21), der das Meer zur Seite schob. Das sind wahrscheinlich andere Überlieferungen. Und genauso wird das Untergehen der Ägypter verschieden begründet. Wir haben gehört, dass sie erschrocken und verwirrt waren und ins Meer hineinliefen. An anderer Stelle wird gesagt, dass ihre Räder ins Stocken gerieten, und sie so den Wasserfluten nicht mehr entkommen konnten. (Vers 25)

Es ist also ziemlich eindeutig, dass mehrere Überlieferungen zu Grunde liegen, und man sieht daran, dass die Geschichte immer wieder erzählt wurde. Ich sagte ja auch schon, dass die Rettung am Schilfmeer ein ganz entscheidendes Ereignis für die Israeliten war. Ihr Urbekenntnis, das überall im Alten Testament auftaucht, lautet: „Jahwe hat Israel aus Ägypten herausgeführt.“ Das ist wie eine Formel, die bei ganz vielen Gelegenheiten wiederholt wurde. Wir finden sie in den Psalmen, bei den Propheten und in der Geschichtsschreibung. Und der Kern dieses Themas ist das Wunder am Schilfmeer. Wahrscheinlich sind die Erzählungen darüber sogar jünger, als die Urformel. Sie sind erst im Nachhinein entstanden. Man wollte damit das kurze Bekenntnis theologisch entfalten und deutlich machen, was wirklich geschehen ist. Man erinnerte sich an eine entscheidende Kriegstat Jahwes, und das galt als so eine Art Garantie: Es war eine unverbrüchliche Bürgschaft dafür, dass Gott sein Heil für Israel durchsetzen würde. Das war sein Wille, und das war der Glaube Israels.

Es fällt nämlich auf, dass in allen Erzähltraditionen Gott der allein Handelnde ist. Israel steht tatenlos daneben und lässt seine Macht zu. Und die setzt sich ohne Lärm oder Getöse durch. Gott handelt wortlos und Israel lässt es schweigend und vertrauensvoll geschehen. Der Satz, mit dem das zum Ausdruck kommt, lautet: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ Gott verherrlicht sich hier also selbst ohne Mitwirken des Menschen. Nur der Glaube Israels wird betont, denn um den ging es. Der sollte begründet werden. Deshalb endet die Erzählung mit dem Satz: „Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht.“

Aber wie geht es uns damit? Wir kennen die Geschichte sicher alle, aber führt sie auch uns zum Glauben an Gottes Macht und an sein Heil? Wir sind ja schließlich keine Israeliten und haben die Ägypter genauso im Blick. Die sind nicht gerettet worden, sondern grausam ertrunken. Dieser Gott, von dem hier die Rede ist, ist gar nicht nur gut, sondern er hat auch ei­ne sehr brutale Seite. Und deshalb entstehen für uns erst ein­mal Fragen, wenn wir die Geschichte hören: Was ist das für ein Gott? Wie kann er so etwas tun? Und wollen wir daran überhaupt glauben? Das ist das, was uns beschäftigt.

Und so geht es uns mit dem gesamten Alten Testament. Überall und immer sollen die Feinde sterben und tun es auch. Das wird erzählt, das wünschen sich die Psalmbeter und das verheißen die Propheten. Gott wirkt in der Geschichte, er rettet die Einen und vernichtet die Anderen.

Und das machen wir so nicht mehr mit. Wir haben ein ganz anderes Weltbild. Toleranz steht für uns ganz oben. Wir wün­schen unseren Feinden nicht den Untergang, sondern wollen Frieden für alle. Daran glauben wir, das soll Gott bewirken. Und das ist auch gut so. Zum Glück haben sich unsere Vorstellungen von einem gerechten Gott verändert.

Bloß eine Sache übersehen wir dabei leicht: Es ist noch nicht so weit, dass Gottes gute Macht sich ganz durchgesetzt hat. Den Kampf gegen das Böse gibt es nach wie vor. Unsere Welt ist nicht friedlich. Es gibt die Ungerechtigkeit, den Terror und den Krieg, Rassismus und Diskriminierung. Das Heil Gottes hat noch nicht die ganze Welt erfasst. Diese Tatsache dürfen wir nicht übersehen. Wir stehen nach wie vor in einem Kampf. Das müssen wir erkennen. Wir verharmlosen mit unserer Toleranz auch manchmal die Schärfe der Auseinandersetzungen. Wollen wir gegen Rechtsextreme tolerant sein? Gegen fanatische Fundamentalisten? Gegen grausame Diktatoren und totalitäre Regierungen? Es gibt sie ja leider in vielen Ländern, und das das ist beunruhigend. Wir dürfen das nicht verharmlosen.

Wir müssen vielmehr sehen: Es gibt auch heute noch das Gegeneinander von Gut und Böse, und wir müssen uns entscheiden, wo wir stehen wollen. Die Bibel lädt uns ein, uns klar auf die Seite des Guten zu stellen und daran zu glauben. Und sie will uns dazu nicht nur auffordern, sondern verkündet uns gleichzeitig, woher wir dafür unsere Zuversicht nehmen können, was wir dem Bösen entgegensetzen können. Auch unsere Geschichte enthält diese Botschaft. Sie erzählt uns, woher wir die Hoffnung nehmen können, dass das Böse einmal besiegt werden wird. Sie enthält ein starkes Bekenntnis, denn es kommt ein mächtiger Gott darin vor. Die Schilderung von dem Wunder am Schilfmeer bezeugt: Gott ist letzten Endes stärker als das Böse und er wird eines Tages siegen.

Als Christen dürfen wir das erst recht glauben. Denn in Chris­tus hat Gott seine Macht ein für alle Mal erwiesen. Er hat ihn von den Toten auferweckt, und das ist ein stärkeres Ereignis als alles, was vorher dagewesen ist. Die früheren Taten Gottes weisen aber darauf hin und können verdeutlichen, wie Gott handelt. So kann auch das Wunder am Schilfmeer dafür ein Symbol sein. Das Meer steht dann für den Tod, aus dem die Israeliten auf wunderbare Weise gerettet wurden. Und das kann Gott wirklich tun. Seine Macht ist stärker als der Tod, und es ist gut, daran zu glauben. Denn nur dieser Glaube kann unsere Hoffnung unerschütterlich machen. Nur wenn wir uns daran festhalten, können wir in den Schrecken, die uns umgeben, zuversichtlich bleiben. Das schützt und trägt uns. Und dazu will uns die Geschichte einladen.

Oft halten wir uns ja lieber an anderen Dingen fest. An einer Idee vielleicht, an der Phantasie von einer besseren Welt. Und oft glauben wir auch lieber an unsere eigenen Möglichkeiten. Wir kämpfen für das Gute. Aber dieser Kampf ist oft vergeb­lich, wenn er nicht noch viel tiefer gegründet ist. Unsere Ideen zerbrechen nicht selten an der Wirklichkeit, sie halten nicht. Und dann zerplatzen unsere Träume. Wir werden nüchtern und geben auf.

Vielleicht müssen wir auch erst an diesen Punkt kommen, um uns wirklich an Gott zu halten. Erst wenn wir merken, dass wir nichts mehr tun können, erwacht in uns der Glaube an Gottes Möglichkeiten. Es ist das „Stille werden“, von dem in der Geschichte die Rede ist. Damit fängt der Glaube an. Und dass daraus wirklich eine feste Zuversicht entstehen kann, dafür gibt es viele Beispiele.

Die Schwarzen in Amerika konnten nicht umsonst viel mehr mit dem Alten Testament anfangen, als wir. Sie haben sich in den Geschichten über Israel wiedergefunden und daraus Lieder gemacht. Für die Sklaven war der Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer eine mutmachende Geschichte. Genauso würde Gott auch sie einst befreien. Sie lebten in Gefangenschaft, aber sie glaubten an einen Gott, der sie da herausführen würde. Und so ist es dann ja auch geschehen. Zu Ende ist dieser Kampf um Freiheit noch nicht, das haben wir gerade in den letzten Wochen wieder erlebt. Der Rassismus ist leider überall präsent. Aber es ist gut, dass es eine starke Gegenbewegung gibt, und der Slogan: „Black lives matter“ in vielen Ländern laut bezeugt und gelebt wird.

Denn die Hoffnung auf eine bessere Welt hat einen berechtigten Grund. Wir dürfen daran glauben, dass Gott so, wie er Israel aus Ägypten herausgeführt hat, eines Tages das Heil in der Welt durchsetzen wird. Das ist sein Wille, und der ist stark und mächtig und wird zuletzt auch geschehen.

Das Lied „When Israel was in Egypt‘s land“ bezeugt das. Es steht übrigens auch im Evangelischen Gesangbuch, und zwar im Anhang der Ausgabe für die Landeskirche in Württemberg. (Nr. 603) Da findet sich zusätzlich eine deutsche Übersetzung. Der Schriftsteller und Afrika-Forscher Janheinz Jahn hat sie 1962 geschrieben, und sie lautet folgendermaßen:

1. Als Israel in Ägypten war, –
– lass mein Volk doch ziehn!
das Joch nicht zu ertragen war –
– lass mein Volk doch ziehn!
Kehrvers
Geh hin, Moses, geh ins Ägypterland,

sag König Pharao:
Lass mein Volk doch ziehn!
2. »Gott will’s«, sprach Moses vor dem Thron,
– lass mein Volk doch ziehn!
»sonst töt ich deinen ersten Sohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
3. »Genug der Knechtschaft, Last und Fron«,
– lass mein Volk doch ziehn!
»lass ziehn es mit Ägyptens Lohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
4. Und Gott wies Mose Weg und Zeit,
– lass mein Volk doch ziehn!
dass er sein Volk zur Freiheit leit’
– lass mein Volk doch ziehn.

Amen.

Trau Gott etwas zu!

Predigt über 2. Mose 17, 1- 7: Israel in Massa und Meriba

Sommerpredigt „Wasser“ I: Wasser bedeutet Leben
26.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Mose 17, 1- 7

1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Sin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der HERR befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken.
2 Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN?
3 Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?
4 Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen.
5 Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin.
6 Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.
7 Da nannte er den Ort aMassa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: bIst der HERR unter uns oder nicht?

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 erklärten die Theologen der sogenannten bekennenden Kirche in Barmen: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (Die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, Artikel 1) Das steht ganz am Anfang ihres Dokumentes, das seitdem zu den grundlegenden Bekenntnissen unserer Kirche gehört, es ist die „Barmer Erklärung“. Sehr deutlich wird darin betont, dass wir als Christen nur einen Herrn und Gott haben, wir brauchen keine weiteren Ideologien. Im dritten Reich war diese Aussage sehr bedeutungsvoll, denn sie richtete sich gegen den Versuch der Nazis, die Kirche ihren Zwecken unterzuordnen. Viele Christen haben das verheerender Weise zugelassen und grenzten sich nicht deutlich ab.

Und in dieser Gefahr, sich verschiedenen teilweise verlockenden und gefährlichen Einflüssen auszusetzen, stehen wir als Christen und Christinnen auch heutzutage noch. Denn so war es schon immer:

Bereits in der Bibel gibt es viele Geschichten, die erzählen, wie das Volk Israel an der Macht Gottes zweifelte und mit ihm haderte. Immer wieder trauten sie ihm nichts mehr zu und ließen sich mit anderen Mächten und Göttern ein.

Das begann bereits in der Zeit der Wüstenwanderung. 40 Jahre lang war das Volk Israel unterwegs von Ägypten Richtung Palästina. Sie lebten wie Nomaden, und das führte natürlich viele Entbehrungen mit sich: Es gab wenig zu essen und zu trinken, sie hatten keine feste Bleibe, mussten immer wieder weiter und wussten gar nicht so genau, wohin die Reise überhaupt ging. Das Ziel war unklar und ein Ende war nicht absehbar. Sie wurden auch regelmäßig von anderen Nomadenstämmen angegriffen. Es war also ein äußerst hartes Dasein. Sicherheiten gab es nicht, weder äußerlich noch innerlich, und oft murrten die Menschen deshalb. Sie waren unzufrieden mit diesem Leben.

Deshalb brauchten sie auch einen Führer, der sie immer wieder beruhigte, ihnen Mut zusprach und den Sinn ihrer Wanderschaft nicht aus dem Gedächtnis verlor. Das war Mose. Er war von Gott für diese Aufgabe auserwählt worden. Er stand also mit Gott in engem Kontakt, und er vergaß deshalb nie, warum sie unterwegs waren. Das war ja nicht nur einfach so geschehen, sondern auf die Weisung Gottes hin. Er hatte sie losgeschickt, um sie in ein Land zu führen, in dem es ihnen gut gehen sollte. Aber der Weg war wie gesagt nicht einfach. Dabei war das größte Problem gar nicht mal die äußere Situation, sondern die schlechte Stimmung, die immer wieder aufkam. Das Volk „murrte“ regelmäßig, und Mose bekam das dann ab.

In der Geschichte, die wir eben gehört haben, kommt es gleich zu Anfang vor, das Murren und Klagen. An einem bestimmten Ort, dessen Name sogar genannt wird, haderte das Volk mit Mose und mit Gott. Es ging mal wieder um Wasserknappheit. Und wie so oft, sehnten sie sich nach Ägypten zurück, wo sie hergekommen waren. Sie hatten dort zwar als Sklaven gelebt, aber wenigstens hatten sie immer zu essen und zu trinken. In ihrer Erinnerung verzerrte sich das Bild der Vergangenheit, und ihr Glaube vermischte sich mit der Vorstellung, dass es früher in Ägypten doch viel besser war. Und das warfen sie Mose hier vor.

Mose zog sich daraufhin erst einmal zurück und betete zu Gott. Er schrie sogar zu Gott, denn offensichtlich hielt er das auch nicht mehr aus. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Aber Gott hatte eine Antwort. Er sah, dass das Problem nicht nur das fehlende Wasser war, sondern auch der fehlende Glaube an seine Macht und Möglichkeiten. Deshalb wollte er die aufs Neue demonstrieren.

Mose sollte das Volk feierlich versammeln, und zwar vor einem Felsen, den es in der Nähe gab. Mit ein paar Ältesten sollte er sich dem Volk gegenüber an diesen Felsen stellen und dann mit seinem Stab daran schlagen. Gott wollte vor ihm stehen und dafür sorgen, dass daraufhin Wasser aus dem Felsen hervorquoll. Und so geschah es dann auch. Plötzlich war dort ein Wasserfall und das Volk hatte zu trinken.

Es wird nicht mehr berichtet, dass sie daraufhin aufhörten zu murren, denn das hielt der Erzähler wohl für selbstverständlich. Das Ereignis blieb ihnen aber im Gedächtnis, und der Ort bekam daraufhin auch einen neuen Namen. Er hieß jetzt „Massa und Meriba“, das heißt „Versuchung und Anklage“, weil das Volk Gott dort versucht und gesagt hatte: „Ist der Herr unter uns oder nicht?“

Und das ist auch das Thema dieses Ereignisses: Die Menschen zweifeln an der Macht und den Möglichkeiten Gottes, weil sie seine Nähe nicht spüren, und er antwortet darauf in wunderbarer Weise. Die Geschichte will uns also sagen: „Trau Gott etwas zu und verlass dich ganz auf ihn.“

Das ist an Hand dieser Erzählung allerdings nicht ganz einfach, denn das Wunder kommt uns märchenhaft vor. Möglicherweise ist es auch nicht wirklich geschehen, sondern es gab an der Stelle bereits einen Wasserfall, und es entstand diese Legende, um sein Vorhandensein zu erklären.

Aber das muss uns nicht daran hindern, die Geschichte ernst zu nehmen. Sie hat trotzdem eine Botschaft, die wahr und aktuell ist. Die Erzählung ist nämlich wie ein Bild, das unser Leben beschreibt. Lasst uns die Einzelheiten deshalb einmal übertragen.

Dann ist da als erstes die Wanderung, auf der es immer wieder Durststrecken gibt. Das kennen wir auch. Uns fehlt es zwar nicht an Wasser, aber trotzdem oft an Kraft und Ausdauer. Die Anforderungen des Lebens sind häufig sehr hart, wir werden müde und murren, manchmal innerlich und leise, manchmal aber auch laut und hörbar.

In der jetzigen Krise ist das z.B. so. Unser Leben ist nun schon seit gut vier Monaten nicht mehr so, wie wir uns das wünschen. Und keiner weiß, wie lange es noch so weitergehen wird, dass wir Abstände einhalten müssen, Mund- und Nasenschutz tragen und vor allem: nicht in geschlossenen Räumen singen dürfen. Das betrifft uns als Gemeinde schon. Ebenso leiden darunter alle Kulturschaffenden, Reiseanbieter und andere Geschäfte. Und da kann man zwischendurch schon mal ungeduldig werden und anfangen zu murren. Es macht uns ärgerlich, traurig und sorgenvoll.

Und solche Gefühle entstehen auch in anderen Situationen, in schwierigen Beziehungen z.B., bei Krankheiten und vielem mehr. Für unsere Wanderung durch das Leben brauchen wir auf jeden Fall immer wieder viel Mut und Vertrauen, das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, Ausdauer und Kraft. Und das kann alles manchmal verschwinden. Das ist das eine, was diese Geschichte thematisiert. Sie beschreibt eine Situation, die wir kennen, in der wir an Gott zweifeln und der Versuchung ausgesetzt sind, uns allen möglichen Ideologien oder Mächten anzuvertrauen.

Das Zweite ist dann aber das Wunder, das geschieht. Das können auch wir erleben. Wir müssen es Gott bloß zutrauen, dass er etwas tun kann. Die Israeliten dachten ja, dass Gott sie vergessen hatte, dass sie ihm gleichgültig geworden waren. Aber in Wirklichkeit war es umgekehrt: Sie hatten ihn vergessen. Sie haben sich selber blockiert mit ihrem Ärger und ihrem Hadern, ihren verzerrten Träumen und Vorstellungen. Gott musste ihnen erst mal die Augen öffnen, und genau so ist es auch bei uns.

Wir sind oft so verstrickt in all unsere Gedanken, dass wir gar nicht mehr mit Gott rechnen. Alles dreht sich um die Probleme unseres Lebens und die Sorgen, die wir haben. Wir starren auf das, was vor uns liegt und uns zu schaffen macht, und dadurch entsteht das Gefühl der Überforderung. Wir kriegen Angst und fühlen uns auch von Gott verlassen.

Und genau das ist das größte Problem, denn das ist ein ganz großer Irrtum. Gott verlässt uns niemals. Wenn wir uns allein fühlen, dann haben wir ihn verlassen. Wir müssen also nur zurückkehren, und das heißt, mit ihm auch wirklich rechnen. Wir müssen unseren Kopf immer wieder für ihn frei machen und den Gedanken, dass er bei uns ist, auf uns wirken lassen. Dann können wir erleben, dass da etwas dran ist. Wir spüren dann, es gibt ja noch viel mehr, als nur all diese Dinge, die uns beschäftigen oder belasten. Es gibt auch noch die entlastende Liebe und Gegenwart Gottes. Er ist immer da, er weiß um uns und will uns auch versorgen.

Als Christen und Christinnen dürfen wir uns dessen umso gewisser sein, denn durch Jesus Christus ist das so. Er ist der Sohn Gottes und mit ihm ist Gott uns ganz nahe gekommen. An ihn sollen und dürfen wir glauben, und zwar von ganzem Herzen. Nicht unsere vielen Gedanken oder Gefühle sollten der Mittelpunkt unseres Lebens sein, und schon gar keine andere „Macht oder Gestalt“, sondern Jesus Christus ist in Wirklichkeit die Mitte, und von ihm her ordnet sich alles andere.

Das war auch das Anliegen der Barmer Erklärung. Sie beginnt nicht umsonst mit dem Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh.14,6) Wenn wir diesen Weg wählen, werden wir ruhig und zuversichtlich, geduldig und stark. Es ist wir das Trinken von Wasser, das plötzlich und unerwartet aus einem Felsen sprudelt. Wir können das als Bild verstehen, das die Kraft Gottes beschreibt. Sie fließt sogar da, wo vorher harter Stein war, und sie fließt eben auch. Durch die Gegenwart Jesu Christi strömt sie in mir und durch mich hindurch. Das ist das Zweite.

Und das Dritte ist die Gemeinschaft, in der die Israeliten das erlebt haben. Gott hat sich ihnen gezeigt, als sie versammelt waren. Und so kann es auch uns ergehen. Die Gemeinde kann ein Ort sein, wo die Quelle der Kraft Gottes immer wieder zum Sprudeln kommt. Denn wir können uns gegenseitig zum Glauben ermuntern, uns an Jesus Christus erinnern, zu ihm rufen und uns gegenseitig auch helfen. Das ist besonders dann gut, wenn es gesellschaftliche Krisen gibt.

So ging es auch der bekennenden Kirche. Im Gegensatz zu den jetzigen Problemen, waren die Vorgänge in der Zeitwirklich schlimm, grausam und zerstörerisch. Deshalb war es gut, dass doch viele Menschen wach und klar geblieben sind, sich zusammengefunden und bekannt haben: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Der Pfarrer und geistliche Dichter Otto Riethmüller war einer von denen, die diese Erklärung als erster unterschrieb. Von ihm gibt es ein schönes Lied, in dem die Gegenwart Gottes als „Quelle mit einem frischen Trank“ beschrieben wird. Es enthält die Bitte um das wahre Wasser des Glaubens, das der in der Kirche als „Stadt Gottes“ fließen möge. Der Text lautet folgendermaßen:

  1. „Nun gib uns Pilgern aus der Quelle der Gottesstadt den frischen Trank; lass über der Gemeinde helle aufgehn dein Wort zu Lob und Dank.
  2. Gib deiner Liebe Lichtgedanken mit Vollmacht uns in Herz und Mund; mach, woran Leib und Seele kranken, durch deine Wunderhand gesund.
  3. Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen, durch dich gestärkt, zum Dienst bereit.
  4. Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du.“
    (Otto Riethmüller, 1889 – 1938)

Amen.

Nur mit Jesus will ich Pilger wandern

Predigt über Lukas 5, 1- 11: Die Berufung der ersten Jünger

5. Sonntag nach Trinitatis, 12.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 5, 1- 11

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde.

Kermit, der Frosch aus der Muppetshow, stand einmal an einem regnerischen Tag sinnierend am Fenster und sagte: „Manchmal frage ich mich, was aus den Menschen geworden ist, die mich nach dem Weg gefragt haben.“ Offensichtlich hatte er Antworten gegeben, die gar nicht so genau stimmten. Vielleicht hatte er nicht zugeben wollen, dass er den Weg nicht kannte, vielleicht ist ihm auch erst hinterher eingefallen, dass seine Angaben verkehrt waren.

Das kennt ihr sicher auch alle aus eigener Erfahrung. Auf die Frage nach dem Weg sind wir ja nie vorbereitet, und dadurch vertun wir uns leicht mir der Auskunft, verwechseln die Seiten oder die Straßennamen, und wissen eigentlich nur so ungefähr, wo es lang geht. Trotzdem wollen wir natürlich helfen und uns als ortskundig erweisen, und so geben wir Antworten, die möglicherweise in die Irre führen.

Oft wäre die Aussage ehrlicher, die ich einmal auf der Rückseite eines T-Shirts gelesen habe. Da stand: „Folgt mir nicht nach, ich weiß auch nicht wo’s lang geht.“ Ich fand das sehr lustig, denn die Aussage bezieht sich natürlich auf das Leben im Allgemeinen. Und da ist es gar nicht so schlecht, wenn einer zugibt, dass er sich nicht auskennt. Er ist damit bestimmt nicht allein. Bei den meisten Menschen ist es besser, wenn ihnen niemand folgt.

Zu denen gehörte Jesus allerdings nicht. Er war sich über seinen Weg und seinen Auftrag ganz sicher, und er riet nicht davon ab, ihn zu fragen oder ihm nachzufolgen. Im Gegenteil, er rief dazu sogar auf und begann damit gleich am Anfang seines öffentlichen Auftretens.

Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie handelt von ihm und den Fischern Simon, Jakobus und Johannes. Sie trafen sich am See Genezareth. Dort hatte Jesus gepredigt, mit Vollmacht und einer großen Ausstrahlungskraft. Er war zutiefst überzeugt von seiner Rede und fand mit seiner Botschaft viele interessierte Zuhörer. Sie drängten sich um ihn, so dass es sogar zu eng für ihn wurde. Aber er wusste sich zu helfen: Hinter ihm auf dem See lagen zwei leere Boote. Die Fischer waren ausgestiegen, um die Netze zu waschen. In eines der beiden ging Jesus nun, um die Menge von dort aus weiter zu belehren. Er bat darum, das Boot einige Meter auf den See hinauszufahren, weil er so die beste Akustik hatte. Die Menge nahm am Ufer im Halbkreis Platz.

„Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ So geht die Geschichte weiter. Die Menschenmenge verschwindet aus dem Blickfeld, und wir erfahren, was im Boot geschieht: Es ergeht ein Befehl an den Besitzer, der Simon heißt, und der gehorcht aufs Wort. Und das ist erstaunlich, denn eigentlich ist die Aufforderung unsinnig. Die Fischer sind die ganze Nacht unterwegs gewesen um etwas zu fangen, weil das dafür die günstigste Zeit ist. Nun ist bereits morgen, und sie waren erfolglos geblieben. Aber „auf sein Wort“ wirft Simon die Netze noch einmal aus. Es ist stärker als seine berufliche Erfahrung. Und dann fangen sie so viele Fische, dass die Netze zu reißen beginnen. Kollegen von einem anderen Boot müssen helfen, um sie an Bord zu ziehen. „Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“

Ein Wunder geschieht, und das überwältigt Simon. Er begreift, dass Jesus kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern göttliche Eigenschaften hat. Er ist offensichtlich Herr über die Naturereignisse. Simon kniet deshalb vor ihm nieder und spricht: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Im Griechischen heißt die Anrede „Kyrios“, und das ist eine Ehrenbezeichnung. Gleichzeitig empfindet er sich selber als „sündigen Menschen“. Doch Jesus beruhigt sein erschrecktes Gewissen und sagt zu Simon und seinen Gefährten, Johannes und Jakobus: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Sie sollen Missionare werden und Menschen für Jesus und das Reich Gottes gewinnen.

Zum Schluss wird dann kurz festgestellt: „Sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“ Sie wurden zu seinen engsten Vertrauten und taten von nun an, was Jesus von ihnen wollte. Sie lernten von ihm und wurden später zu Aposteln.

Wir kennen die Geschichte alle, haben sie schon oft gelesen und gehört. Trotzdem ist sie immer wieder faszinierend, denn was hier geschieht, ist ungewöhnlich. Wie kommt es, dass Jesus sich so sicher war? Er kannte den Weg und wollte, dass die Menschen ihm folgten. Und das ist ihm auch gelungen. Die Fischer gingen tatsächlich mit ihm, ohne Bedenken und ohne Zögern. Und das geschieht bis heute: Viele hören auf sein Wort und bekehren sich zu ihm.

Und das ist auch erklärlich, denn von den unzähligen Wegen, die wir gehen können, führt der Weg Jesu uns tatsächlich zum Leben. Was ihn erfüllt und was er verkündigt, ist von ganz anderer Natur, als unsere menschlichen Ziele. Er kommt von Gott und verkündigt sein Reich. Sein Weg weist weit über diese Welt hinaus und führt in die Ewigkeit. Und es ist gut, wenn auch wir das beherzigen.

Wir nennen uns zwar Christen, aber oft interessiert uns dieses Thema gar nicht so sehr. Wir setzen uns lieber innerweltliche Ziele, und davon gibt es etliche, die auch alle ganz unterschiedlich sind. Die Möglichkeiten, seinem Leben einen Inhalt zu geben, sich selber zu verwirklichen und etwas zu erreichen, sind vielfältig. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten und Überschneidungen. So gehören zu den Dingen, die den meisten Menschen wichtig sind, die Ausbildung und der Beruf, Wohlstand und materielle Güter, Menschen und Erlebnisse, Ideen und Erfahrungen. Doch die Fülle dieser Inhalte ist manchmal unüberschaubar. Man kann sich leicht verirren. Einige Menschen wissen vielleicht ihr Leben lang genau, was sie wollen, aber viele geraten zwischendurch auf Irrwege und wissen dann nicht mehr richtig, wo es lang geht.

Das geschieht z.B., wenn jemand seinen Job oder auch den Partner bzw. die Partnerin verliert. Bei anderen ist es eine Krankheit, die alles durcheinander bringt, oder sogar der Tod eines nahen Angehörigen. Auch in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, gerät vieles ins Wanken, was für uns eigentlich selbstverständlich ist: Unsere Grundrechte und unsere Bewegungsfreiheit, kulturelle Erlebnisse, Begegnungen und soziale Nähe. Gewohnte Wünsche und Ziele stehen plötzlich in Frage, und das führt bei vielen große Probleme mit sich. Wie in allen leidvollen Situationen sind wir unsicher und orientierungslos. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir das alles bewältigen können, und nach einem Weg suchen, der uns da heraus führt. Und genau den will Jesus uns zeigen. In drei Schritten können wir ihm folgen.

Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass alle unsere selbstgewählten Ziele letzten Endes beliebig sind. Sie haben keine allgemeine Gültigkeit, sondern sind von vorne herein vergänglich und dem Wechsel unterworfen. Zudem sind sie meistens sehr individuell, betreffen nur uns selber, und das heißt automatisch, dass andere uns nicht unbedingt weiterhelfen können.

Diese Erkenntnis kommt auch in unserer Geschichte vor. Sie steckt hinter dem Ausruf von Simon: „Ich bin ein sündiger Mensch“. Das klingt uns vielleicht etwas zu negativ, aber es heißt, dass er seinen Blick nach innen richtet. Und das können auch wir tun. Uns wird dann bewusst, dass wir an Zielen und Ideen festhalten, die uns nicht weiterbringen. Wir haben uns „bezaubern und betören“ lassen, wie es in einem Lied von Gerhard Tersteegen heißt (EG, 392,1) . Deshalb geraten wir in ein Dickicht, bleiben gefangen und finden nicht den richtigen Weg.

Doch genau in diese Situation hinein erfolgt der zweite Schritt. Er besteht darin, dass wir auf Jesus hören und uns von seinem Ziel anstecken lassen. Er ist mitten unter uns und steigt zu uns ins Boot. Das kann ein Bild für unser Leben sein. Jesus betritt es, denn er kennt uns und will uns begegnen. Und seine Botschaft lautet: Die Welt und das Leben erschöpfen sich nicht im Diesseits. Es gibt nicht nur unsre Aufgaben und Wünsche, sondern das Reich Gottes ist da. Mit Jesus kommt Gott zu uns. Und der wirkt in unserem Leben, er schenkt uns das, was wir am meisten brauchen, denn er schenkt uns sich selber in Hülle und Fülle.

Auch wir sollten deshalb vor Jesus niederfallen, uns für ihn öffnen und auf seine Stimme hören. Wir müssen sie nur einmal beachten. Dann relativiert sich alles andre ganz von selber und erscheint in einem neuen Licht. Wir erkennen, was wirklich zählt. Die Probleme werden kleiner und verlieren ihre Macht. Das Leid wird gemildert, und selbst der Tod macht uns keine Angst mehr. Wir müssen nur die Gegenwart Jesu annehmen, vor ihm niederfallen und uns dann für ihn entscheiden.

Das ist der dritte Schritt, dass auch wir für ihn leben, ihn in die Mitte treten lassen und ihm nachfolgen. Und das geht genauso wie bei Simon nur ganz oder gar nicht. Jesus fordert ein klares Bekenntnis von uns. Die Liebe und die Kraft Jesu können nur dann in unserem Leben wirken, wenn wir anderen Kräften Einhalt gebieten, wenn wir nicht mehr unserem eigenen Willen folgen, sondern auf Jesus vertrauen und uns ihm hingeben. Es gilt, loszulassen, was uns bindet, und leidensbereit zu werden.

An der Hand Jesu fällt uns das nicht schwer, denn er hält uns das ewige Ziel vor Augen. Sein Ruf ist ein rettender Ruf, und es ist ein erlösender Schritt, darauf zu hören. Jesus führt uns aus dem Leid in eine ganz große Freiheit. Das Leben verändert sich, denn es gelten plötzlich neue Regeln, eine neue Lehre. Nicht mehr die vielen Ziele, die uns verführen wollen, geben den Ton an, sondern die eine ewige Heimat. Die Stimme Jesu weist uns darauf hin und heilt uns von innen her. Sie öffnet ganz neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns. Unser Lebensgefühl verändert sich. Wir werden ruhiger und gelassener, die Unsicherheit verschwindet und wir gewinnen einen festen Halt. Und diesen Weg können wir dann auch anderen zeigen. Sie dürfen uns gerne folgen, denn wir wissen, was aus ihnen wird: Die Unruhe weicht und sie werden ebenfalls mit Freude erfüllt. Sie werden genauso wie wir zuversichtlich, sicher und frei.

Lasst uns deshalb mit Jesus unseren Weg gehen, so wie das in einem Pilgerlied aus dem 19. Jahrhundert zum Ausdruck kommt. Der evangelische Pfarrer Johann Peter Schück aus Hoffenheim hat es gedichtet, und es lautet:

  1. Nur mit Jesu will ich Pilger wandern, nur mit Ihm geh froh ich ein und aus; Weg und Ziel find ich bei keinem andern, Er allein bringt Heil in Herz und Haus.
  2. Berg und Tal und Feld und Wald und Meere, froh durchwall ich sie an Seiner Hand. Wenn der Herr nicht mein Begleiter wäre, fänd ich nie das wahre Vaterland.
  3. Er ist Schutz, wenn ich mich niederlege, Er mein Hort, wenn früh ich stehe auf, Er mein Rater auf dem Scheidewege und mein Trost bei rauem Pilgerlauf.
  4. Bei dem Herrn will ich stets Einkehr halten, Er sei Speis und Trank und Freude mir; Seine Gnade will ich lassen walten, Ihm befehl ich Leib und Seele hier.
  5. Bis es Abend wird für mich hienieden, und Er ruft zur ew’gen Heimat hin, bis mit Ihm ich gehe ein zum Frieden, wo Sein sel’ger Himmelsgast ich bin.
    (Text und Melodie: Johann Peter Schück, 1811- 1892)

Amen.

Geht Gottes Weg!

Predigt über Apostelgeschichte 4, 32- 37: Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

1. Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2020
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Kleine Kinder werden von ihren Eltern gerne angehalten, die Schokolade miteinander zu teilen oder den anderen auch mal ihr Spielzeug zu überlassen. Häufig haben diese Aufforderungen allerdings keinen Erfolg, denn die Kinder finden es besser, das Spielzeug nur für sich zu behalten. „Das gehört mir. Das ist meins.“ Diese Sätze lernen sie früh. Und auch die Schokolade würden sie am liebsten allein aufessen.

Der Drang nach eigenem Besitz ist also offensichtlich angeboren, und er bleibt auch in uns. Als Erwachsene erleben wir das ja ganz ähnlich: Wir wollen das, was uns gehört, für uns allein haben. Wir tun uns z.B. schwer, unser Auto oder unseren Computer einem anderen zu leihen, der es gerade braucht. Wir befürchten, er könne unsere Dinge nicht gut behandeln, mit unserem Auto in einen Unfall verwickelt werden, den Computer durcheinander bringen usw. Das Risiko ist uns zu groß, und Scherereien mit der Versicherung zu unangenehm. Wir haben viele Gründe, das, was uns lieb ist, nicht mit anderen zu teilen, sondern es für uns zu behalten.

In der Urgemeinde war das anders. Das ist die erste Gemeinde, die nach der Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem entstanden war. Sie wird in der Apostelgeschichte im vierten Kapitel beschrieben. Dort wird uns folgendes erzählt:

Apostelgeschichte 4, 32- 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Der Evangelist Lukas hat das geschrieben und er zeichnet hier das Bild der christlichen Frühzeit, das für immer ein Leitbild dessen geblieben ist, was Kirche sein soll: Es ist das Ideal der Gütergemeinschaft. Die Einigkeit unter den zum Glauben Bekehrten war so stark, dass das private Eigentum keine Grenzen mehr zwischen den Menschen zog. Niemand beanspruchte sein Hab und Gut nur für sich selber, sondern stellte es, wo es nötig war, für die Geschwister zur Verfügung. Es sollte keine Armen und keine Reichen in der Gemeinde geben.

Diese Vorstellung war nicht neu. Im Alten Testament wird so die Wirkung des Segens Gottes beschrieben. Durch ihn erfüllt sich die Verheißung einer endzeitlichen Heilsgemeinde. Und auch in der griechischen Philosophie gab es dieses Bild bereits. Da kursierte die Utopie einer verlorenen, heilen Urzeit, die wieder hergestellt werden müsse. Der Gedanke an eine Welt ohne die Schranken des Privateigentums, in der allen alles gemeinsam ist, strahlte schon immer eine große Faszination aus. Der Evangelist Lukas kannte diese Idee sicher auch und hat sie hier übernommen.

Allerdings dachte er dabei nicht an eine organisierte oder gesetzlich fixierte Eigentumsgemeinschaft, in der alle Güter vergesellschaftet wurden. Er erzählt uns vielmehr, dass die Begüterten ihren Besitz verkauften und so zum Unterhalt der Bedürftigen beitrugen. Was dem Einzelnen gehörte, stellte er in selbstverständlicher Freiheit der Gemeinschaft zur Verfügung, so wie es gerade gebraucht wurde. Mit einem biografischen Beispiel belegt der Evangelist das Bild der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde noch: Er erwähnt einen Barnabas, der mit gutem Beispiel voranging, seinen Acker verkaufte und das Geld den Aposteln gab, damit sie es in der Gemeinde verwenden konnten.

Sicher steht dahinter auch eine geschichtliche Wirklichkeit. Das ist nicht nur eine Phantasie oder ein frommer Wunsch, sondern so war es am Anfang wohl wirklich: Die Gemeindeglieder waren „ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Allerdings ist das Experiment schon bald gescheitert. Bereits in der Apostelgeschichte wird erzählt, wie erste Schatten auf das Bild der Urzeit gefallen sind. Es ergaben sich vielfältige Schwierigkeiten.

Und das können wir uns gut vorstellen, denn auch wir hätten unsere Bedenken, wenn wir so leben sollten. Es schwebt uns zwar immer noch als das vollkommene Bild einer Gemeinde vor, aber verwirklicht wird es kaum. In unserer Kirche wird das Privateigentum nicht in Frage gestellt. Wir bezahlen zwar unsere Kirchensteuer, damit alles getan werden kann, was wichtig ist, und sicher spenden wir gelegentlich auch Geld für Notleidende, aber niemand würde alles hergeben, was er besitzt, und es mit allen anderen teilen.

Was sollen wir mit dieser Geschichte also anfangen? Ist das Ganze nicht sehr unrealistisch und für eine heutige Umsetzung kaum tauglich? Das fragen wir uns und wir müssen uns Gedanken machen.

Lasst uns das tun und zunächst folgendes feststellen: Lukas vertritt hier nicht einfach nur irgendeine Philosophie. Er erinnert mit der Beschreibung der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde vielmehr an die Kritik des Reichtums, die er bereits in seinem Evangelium betont, und die er von Jesus gelernt hatte. Der verzichtete auf Besitz und warnte vor dem Sorgen um materielle Güter. Sie waren für ihn eine Gefahr, weil sie dem radikalen Anspruch Gottes im Weg standen. Sie verengen den Blick auf das eigene Ich, das war seine Warnung, und die hat die Urgemeinde ernst genommen. Sie hat versucht, die Gefahr des Besitzes zu bannen. Mit der Gütergemeinschaft realisierten sie eine Lebensform, in der die materiellen Dinge als gute Gaben Gottes verstanden wurden. Sie trennten die Menschen nicht voneinander, sondern führten sie zusammen. So blieben die Einzelnen offen für Gott und den Nächsten. Der Geist Jesu war unter ihnen lebendig, er stärkte und ermutigte sie. Jesus stellte sich sozusagen zu ihnen. Seine Gedanken wurden ihre Gedanken, und sie wuchsen in sein Reich hinein. Und das hat ihnen sicher Freude bereitet. Sie erlebten, wie reich es innerlich macht, dem anderen zu helfen. Es freut nicht nur den Empfänger oder die Empfängerin, sondern auch den Geber oder die Geberin.

Und das können auch wir erfahren, wenn wir die Dinge, die uns gehören, mit anderen teilen, jemandem z.B. unser Auto oder unseren Computer leihen. Die Freude, die wir ihm damit bereiten, fällt auf uns selber zurück. Wir kennen es ja auch aus eigener Erfahrung, wie schön es ist, wenn wir beschenkt werden, wenn ein anderer etwas mit uns teilt, das er besitzt, und wir es auch haben dürfen. Es zählt plötzlich ein ganz anderer Maßstab, als das Festhalten am Eigentum. Wir teilen und lieben, kommen uns näher und werden eins. Freude entsteht, und das Evangelium wird Wirklichkeit.

Und das muss sich auch nicht nur auf äußere materielle Dinge beziehen. Genauso wichtig ist es, dass wir Erfahrungen, Ideen und Gedanken, Zuversicht und Vertrauen miteinander teilen. Wenn jemand uns erzählt, was er in einen anderen Land, bei einer schönen Begegnung oder einer interessanten Lektüre erfahren hat, dann schenkt uns das mehr Sicherheit und zeigt uns Wege auf, wie wir in unserer Situation handeln können. Wir sind dankbar, wenn wir Anteil gewinnen an den Erlebnissen der anderen.

Es gibt dazu ein schönes Sprichwort, das lautet: „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Es sagt uns, wie gut es uns tut, wenn jemand mit uns fühlt, sich auf unser Leid einlässt und es mit uns teilt, mit uns trägt. Dann wird es leichter. Wir fühlen uns nicht allein, denn da geht jemand mit uns hinein in die leidvollen Gefühle, die uns bedrücken.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir alle sicher Dinge erlebt, die uns belastet oder traurig gemacht haben. Wir hatten Angst und waren unsicher, wütend oder nervös. So tat es gut, wenn jemand das alles mit uns ausgehalten hat und wir unsere Sorgen und Ängste teilen konnten. Sie werden leichter, wenn wir damit nicht allein sind. Wir fühlen uns dazu gehörig und sind nicht ausgeschlossen.

Und umgekehrt ist es mit der Freude. Wir haben in uns den Drang, unsere Freude auch vor anderen auszudrücken. Und wenn der andere sich ehrlich mit uns freut, dann vertieft das unsere Freude. Sie wird gleichsam verdoppelt. Wir freuen uns dann miteinander an schönen Erlebnissen und Gedanken, an den Zusammenhalt in der Familie, an der Gesundheit und der Zuversicht. Das Teilen tut uns allen gut, ob es nun um unseren Besitz oder unsere Güter geht, unser Leid oder unsere Freude, unsere Erfahrungen oder Gedanken.

Denn wir dürfen dabei daran glauben, dass Jesus Christus bei uns ist. Er ermutigt uns zum Geben und zum Nehmen, wie es gerade nötig ist, und er schenkt uns die Freude und die Dankbarkeit, wenn das Teilen gelingt. Auf diese Weise verwirklicht sich sein Friede, und sein Reich wächst. Es muss gar nicht das Ideal der vollkommenen Gütergemeinschaft sein, es reicht schon, wenn die Liebe Christi hier und da in der Welt vorkommt und Menschen tröstet und ermutigt. Unser Alltag wird damit aufgehellt.

Der englische Geistliche John Raphael Peacy hat ein schönes Lied gedichtet, das all diese Gedanken wiedergibt. Er lebte von 1896 bis 1971 in Brighton und schrieb viele geistliche Lieder, die bis heute gesungen werden. Der evangelisch- methodistische Pastor Stefan Weiler hat das besagte Lied im Jahr 2000 ins Deutsche übersetzt. Ich habe es im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine gefunden, dort lautet es folgendermaßen:

1. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt! Habt guten Mut, weil Gott sich zu euch stellt. Seine Gedanken werden eure sein. Ihr werdet wachsen in sein Reich hinein. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt!

2. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt, Liebe, die tröstet, wo Verzweiflung quält, die Menschen nachgeht, die verloren sind, und noch im Fernsten sieht das Gotteskind. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt!

3. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt, Stärke, bei der ein neuer Maßstab zählt: die überzeugt, nicht unterdrücken will und sich doch durchsetzt – nachhaltig und still. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt!

4. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt, Freude, die auch das Alltagsgrau erhellt, die über jede Gabe staunen kann und dankt für das, was Gott an uns getan. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt!

T: vor 1971 John Raphael Peacy „Go forth for God, go to the world in peace“ ;  deutsch: 2000 Stefan Weller;
M: 1551 Loys Bourgeois / 1562 London;
Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine Nr. 547)

Amen.

Der Predigt liegt ein Text von Anselm Grün zu Grunde, den ich z.T. zitiert habe, ohne es jeweils anzugeben. Ihr findet ihn in folgendem Buch:
Anselm Grün, Der Engel der Einfachheit und andere himmlische Boten, die das Leben leichter machen; Freiburg, Basel, Wien 2014; S. 88 : „Der Engel des Teilens“

Du, Herr, öffnest Türen

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-14.22-24: Das Pfingstwunder

Pfingstsonntag, 24.5.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Abends, spätestens vor dem Schlafen gehen, verschließen wir in der Regel unsere Türen. Wir wollen nicht, dass ungebetene Gäste in unser Haus bzw. unsere Wohnung kommen und uns unangenehm überraschen. Das Verriegeln gibt uns Sicherheit. Wir schließen ja auch Menschen ein, die gefährlich sind, oder Tiere oder Geld oder wertvolle Gegenstände. Dahinter steht immer eine Angst oder eine Sorge.

So war es auch bei den Jüngern nach dem Tod Jesu. Im Johannesevangelium heißt es: „Die Jünger waren versammelt und die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.“ (Joh.20,19) Und so blieben sie in einem Haus in Jerusalem und versteckten sich im „Obergemach“. Dort „pflegten sie sich aufzuhalten“. (Apg. 1,13)

Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern, die ja schließlich dafür gesorgt hatten, dass Jesus hingerichtet worden war. Wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden, dann würde es ihnen nicht viel anders ergehen als ihm, das war ihre Sorge, und deshalb zogen sie sich lieber zurück.

Doch nach 50 Tagen geschah etwas, das ihre Situation grundlegend veränderte. Das Ereignis steht am Anfang der Apostelgeschichte, es war das Pfingstwunder, und das wird folgendermaßen erzählt:

Apostelgeschichte 2, 1- 14. 22b- 24

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
22b Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –
23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht.
24 Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

Am Pfingstfest der Juden geschah also ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf die Jünger herab, und zwar mit Wind und mit Feuer. Die waren mit einem Mal da, und es sind Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer, das ist ebenfalls eine Kraft, die vieles verändern und bewirken kann. Deshalb sind der Wind und das Feuer sehr gute Bilder für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, verändert und wirkt.

Und mit dieser Energie waren die Jünger plötzlich erfüllt. Die Angst war wie weggeblasen, alle Furcht war von ihnen abgefallen, und sie verließen ihr Versteck. Sie öffneten ihre Türen, gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie verkündeten seine Auferstehung und waren davon plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten.

Und dann geschah das nächste Wunder: Jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ Gott löste alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an. Viele kamen zum Glauben an Jesus Christus und wollten sich taufen lassen. Das wird etwas weiter unten erzählt. Der Heilige Geist hatte die Menschen bewegt, ihr Denken erhellt und alles verändert.

Und das war nicht nur ein historisches Ereignis, sondern es kann sich jederzeit wiederholen. Denn der Heilige Geist ist auch heute noch lebendig und weht überall. Er schenkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Furcht und Todesangst verschwinden. Wen er ergreift, fühlt sich frei und unbeschwert. Türen öffnen sich, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. Und das sind wunderbare Eigenschaften und Wirkungen. Lasst uns deshalb fragen, wie der Heilige Geist auch in der heutigen Zeit wehen und arbeiten kann.

Die Situation der Jünger können wir uns gut vorstellen, denn bei uns waren genauso wie bei ihnen ungefähr zwei Monate lang die meisten Türen zu. Wir sollten am besten zu Hause bleiben und uns nicht mit anderen treffen. Bis auf die Läden waren alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen und viele sind es immer noch. Dahinter steht ebenfalls eine Angst: Es ist die Furcht vor dem Corona-Virus, und die ist auch noch nicht weg. Vieles wird langsam zwar wieder geöffnet, so auch unsere Kirchen, aber Vorsicht ist nach wie vor geboten. Das Stichwort, das jetzt gilt, ist „die neue Normalität“. Dazu gehören Abstands- und Hygieneregeln, Mund- und Nasenschutz, Dokumentationspflicht bei Veranstaltungen usw.

So richtig frei fühlen wir uns also weiterhin nicht. Dabei verwirren uns mittlerweile die vielen verschiedenen Meinungen zu diesem Thema. Die Gegenstimmen werden lauter, Wissenschaftler*innen legen voneinander abweichende Theorien vor, die Studien und Statistiken sind nicht alle gleich, Politiker*innen vertreten unterschiedliche Strategien usw. Wer hat denn nun Recht? Das fragen sich inzwischen viele. Die Unsicherheit bleibt also, selbst bei geöffneten Türen, und die sogenannte „neue Normalität“ fühlt sich irgendwie gar nicht normal an. Wir sind geschwächt und angreifbar.

Das ist unsere gegenwärtige Situation und Stimmungslage, und dahinein schenkt uns das Pfingstfest nun eine wunderbare Botschaft. Denn uns wird verkündet: Es gibt einen besseren Weg zu einem angst- und sorgenfreien Lebensgefühl, als es uns z.Zt. angeboten wird, denn es gibt noch eine ganz andere Realität, als die der Wissenschaft, der Politik oder des eigenen Denkens. Es ist der Heilige Geist, der uns alle ergreifen kann, wir müssen nur damit rechnen. Dann verschwinden Unsicherheit und Furcht ganz von selber, wir fühlen uns frei und werden gestärkt. Denn er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Wir müssen uns davor also nicht mehr fürchten.

Letzten Endes steht hinter dem Verschließen von Türen ja immer eine Todesangst. Sei es die Quarantäne wegen einer Infektion, ein Besuchsverbot in Altersheimen oder auch nur das Verschließen der Türen am Abend: Wir tun es, um unser Leben zu sichern, um nicht zu sterben.

Auch die Jünger fürchteten den Tod und schlossen sich deshalb ein. Wie sie da wieder herauskommen würden, wussten sie nicht. Am einfachsten wäre es eigentlich gewesen, ihren Glauben an Jesus Christus abzulegen, aber das taten sie nicht. Sie blieben zusammen und bildeten eine verschworene Gemeinschaft, denn sie waren davon überzeugt, dass Jesus lebte. Deshalb warteten und beteten sie einfach, d.h. sie blieben mit Gott in Verbindung, hielten an ihrer Überzeugung fest und hatten Geduld. Und weil sie das alles taten, konnte die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen und erfüllen. Sie fanden Trost und Hoffnung, Zuversicht und Freude.

Und das kann auch bei uns geschehen, wir müssen uns nur genauso verhalten wie die Jünger, und das heißt: Anstatt unser Lebensgefühl von dem bestimmen zu lassen, was von außen an uns herangetragen wird, wenden wir uns nach innen, beten und halten zusammen, glauben und vertrauen auf Jesus Christus. Unsere „Herzenstür“ kann immer offenstehen, das kann kein Gesetz der Welt verbieten, und Jesus kann dort jederzeit mit seinem Geist einziehen.

Wir sind es ja nicht gewohnt, dass der Staat so viel Macht über unser Leben hat wie in der letzten Zeit, und sogar in unsere privatesten Beziehungen hineinregiert. Das fühlt sich nicht gut an, es regt sich Widerstand. Doch anstatt uns dagegen aufzulehnen, ist es besser, wenn wir eine noch viel stärkere Macht über unser Leben zulassen: die Macht des Heiligen Geistes. Er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Er schafft eine neue Realität, in der Krankheit, Leid und Sterben ihre Bedeutung verlieren. Der Heilige Geist hebt uns weit über all das hinaus. Er lässt uns aufatmen, befreit uns und macht uns stark.

Und dieses Lebensgefühl sollte unsere „neue Normalität“ sein. Anstatt die Antworten auf unsere Fragen von anderen Menschen oder von uns selbst zu erwarten, rechnen wir mit Gott: Wir beten und halten zusammen und glauben an etwas Großes, nämlich daran, dass Jesus bei uns ist und den Tod überwunden hat.

Dann öffnen sich auch die Türen unserer Häuser und Kirchen ganz von selbst, und das ist gut, ob nun mit Hygieneregeln oder ohne. Wichtiger als die Form unserer Zusammenkunft ist die Tatsache an sich, dass wir hier Gottesdienst feiern und uns zu der Quelle führen lassen, die uns allen Leben schenkt.

Amen.

Christus schafft den neuen Menschen

Lesepredigt über 2. Korinther 5, 17: Die neue Schöpfung

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 3.5.2020

Für einen Gottesdienst zu Hause ist hier ein Entwurf:

3. n. Ostern zu Hause

Liebe Gemeinde

Es gab schon immer Wahrsagerinnen, Orakel und Propheten. Sie können uns angeblich etwas über die Zukunft sagen, denn sie sind anders in die kommenden Geschehnisse eingeweiht als wir. Sie kennen Geheimnisse, die wir nicht kennen und berichten darüber. Viele Menschen folgen gerne ihren Ausführungen. Ob ihre Quellen seriös sind, spielt für sie keine große Rolle.

Anderen ist das wichtiger, wenn es um die Zukunft geht, und es gibt ja durchaus auch ernstzunehmende Vorhersagen. Sie resultieren aus Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, Aufzeichnungen, Messungen und Berechnungen. Der Wetterbericht entsteht z.B. so, und wir vertrauen ihm normaler Weise. Auch sogenannte Zukunftsforscher sind angesehene Wissenschaftler, auf deren Stimme gehört wird.

Auf jeden Fall ist es ein großes Bedürfnis der Menschen, die Zukunft vorherzusagen. Wir beschäftigen uns gerne und oft damit, entweder aus Angst, oder um das Leben zu planen, aus Sorge, oder weil wir Wünsche haben, die wir uns erfüllen möchten. Die Zukunft begleitet uns ständig in unsrem Denken und Fühlen, unserem Handeln und unseren Entscheidungen.

In der Bibel ist das auch so, da spielt sie sogar eine große Rolle. An vielen Stellen ist dort von den Verheißungen Gottes die Rede: Propheten haben Visionen, sie machen Zusagen, wollen Zuversicht vermitteln oder warnen. Auch das Thema einer völlig neuen Welt, die Gott heraufführen wird, durchzieht die ganze Bibel. Die Israeliten hofften darauf, und sowohl Jesus als auch die Apostel waren davon überzeugt, dass bald das ewige Reich Gottes anbrechen würde.

Hinter dem Spruch für den Sonntag Jubilate und die kommende Woche steht diese Vorstellung ebenso. Er steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther und lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5, 17)

Paulus sagt mit diesem Satz, was es heißt, Christ zu sein und zu Christus zu gehören: Es ist, als würde der Mensch mit Christus neu geschaffen. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, so wird auch der Gläubige ganz neu mit ihm leben.

Hinter dieser Aussage steht der Endzeitglaube von Paulus. Er lebte in dem Bewusstsein, dass es zwei Weltzeiten, zwei Äonen gibt, einen alten und einen neuen. Die alte Zeit begann einst mit der Erschaffung Adams, die neue Zeit ist mit Christus angebrochen. Wer mit ihm Gemeinschaft hat, wird also neu erschaffen und hat Anteil an der ewigen Zukunft Gottes. Er wird ein himmlischer Mensch.

Dabei weiß Paulus sehr wohl, dass die Welterneuerung noch nicht vollendet ist. Es wird noch mehr kommen, die endgültige Auferstehung und die volle Gottesherrschaft stehen noch aus. Sünde und Tod sind noch da, die alte Welt ist noch nicht endgültig abgelöst. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, die vergehende Welt ist besiegt und zum Untergang verurteilt. Denn Christus hat ein neues Zeitalter herbeigeführt, das in die alte Welt eingebrochen ist. Das Neue triumphiert bereits. Die große Entscheidung über die Mächte dieser Welt ist in Christus gefallen.

Es ist also beides gleichzeitig da: Das „Noch nicht“ und das „Es ist geschehen“. Und so gibt es bereits jetzt ein „neues Sein in Christus“, auch wenn das alte „noch nicht“ vergangen ist. Christus erneuert den inneren Menschen, er versöhnt ihn mit Gott. Der Tag des Heils ist jetzt.

Das ist die Botschaft von Paulus, und es tut gut, darauf zu hören. Gerade jetzt in der Corona-Krise denken ja viele Menschen darüber nach, wie es wohl danach werden wird. Wir erleben etwas Ungewohntes und Neues. Es macht Angst und lädt zu Spekulationen ein. Viele sagen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Doch wie wird sie aussehen?

Mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung lassen sich die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Ein Zukunftsinstitut hat vier Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte:

Szenario eins ist die totale Isolation. Der Shutdown wird zur Normalität, alle sind gegen alle, es herrscht Angst und Misstrauen unter den Menschen. Es wird z.B. normal sein, sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei jeder Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Es gibt selbst in der EU umständliche Visumsverfahren, und wir akzeptieren das alle.

Szenario zwei beschreibt den System-Crash: Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht und sie kommt nicht mehr heraus. Das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit ist massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen. Die Welt wankt nervös in die Zukunft.

Diese beiden Abläufe sind pessimistisch.

Man kann aber auch optimistisch sein, und sich vorstellen, dass sich die globalisierte Gesellschaft nach der Corona-Krise wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Das ist das dritte Szenario: Es wird mehr Wert auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Und das vierte Szenario sieht eine wunderbare neue Welt heraufkommen: Die Menschen haben gelernt und gehen gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer. Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle und machen sich unabhängig vom Wachstum. Sie fragen nicht mehr nach dem Profit, sondern nach dem Sinn des Wirtschaftens. Sie legen Wert auf bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen. Das gemeinsame Überstehen der Krise führt zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander. Solidarität, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt bestimmen das Handeln aller. Dieses Szenario wäre natürlich das Beste.

Aber was von all dem eintreten wird, weiß niemand. Es gibt Zukunftsforscher, die mit ihren Prognosen schon gehörig danebengelegen haben, und möglicherweise wird sich gar nicht so viel ändern.

Denn am naheliegendsten wäre es ja, wenn die jetzige Prämisse „Die Gesundheit und das Überleben der Menschen hat absoluten Vorrang“ bald auch alle anderen Bereiche der Politik bestimmt. Dann würden wir sofort Tempo 130 auf allen Autobahnen haben, damit es weniger Verkehrstote gibt. Alkohol, Zigaretten und ungesunde Lebensmittel werden verboten, damit niemand an den Krankheiten stirbt, die dadurch entstehen. Wir stellen die Waffenproduktion ein, damit kein Mensch mehr einen anderen erschießen kann. Wir kümmern uns endlich entschieden um das Klima, damit alle Lebewesen auf diesem Planeten überleben können, usw.

Vielleicht wird das eine oder andere davon ja tatsächlich geschehen, aber sicher nicht sofort nach der Krise, weil dadurch alle so einsichtig werden oder weil die jetzigen Prioritäten in der Politik festgesetzt werden und überall gelten. Denn die Menschen bleiben egoistisch und träge. Macht und Gier und Wille haben uns dahin gebracht, wo wir sind, und die werden nicht einfach so verstummen. Der Mensch wird weiterhin von seinen Wünschen und Bedürfnissen gesteuert sein. Es ist auch nicht ganz nachvollziehbar, warum ein Virus plötzlich alles verändert sollte. Wenn es besiegt ist, wird es wahrscheinlich wieder in Vergessenheit geraten. Auch in früheren Zeiten hat die Menschheit Krisen überstanden und bald danach so weiter gemacht, wie vorher.

Denn zu einer echten Erneuerung gehört etwas ganz anderes, als eine Krankheit, vorübergehender Freiheitsentzug oder ein Wirtschaftseinbruch, selbst wenn es in allen Ländern der Welt geschieht. Es muss eine Zeitenwende eintreten, eine ganz neue Welt entstehen, ohne unser Zutun. Und genau das ist geschehen. So lautet die Botschaft des Neuen Testamentes:

Jesus Christus hat die neue Welt gebracht, in ihm hat sich etwas ereignet, das alle, die an ihn glauben, immer wieder neu erschafft. Das Alte hat seine Macht verloren, auch wenn sich das Neue noch nicht ganz durchgesetzt hat. Christus ist auferstanden und hat die Schöpfung erneuert. Wir müssen nur daran glauben und uns darauf einlassen. So lautet das Evangelium.

Doch was heißt das nun konkret? Was müssen wir beachten, wenn wir an der neuen Schöpfung Anteil haben wollen? Lasst uns darüber noch nachdenken und uns zunächst folgendes klar machen:

Wenn das Heil jetzt da ist, müssen wir uns auf die Gegenwart konzentrieren. Es ist nicht ratsam, zu viel über die Zukunft zu sinnieren und mit den Gedanken in einer Zeit zu sein, die noch nicht da ist. Jetzt geschieht das, was wichtig ist. Alles andere sind Phantasien, Wünsche und Spekulationen. Sie sind zwar in einem gewissen Grad realistisch, aber viel realer ist der Augenblick. In ihm gilt es, zu verweilen. Und das heißt, anstatt etwas zu wollen, müssen wir einfach nur da sein. Nicht auf das Machen und Planen kommt es an, sondern auf das Vertrauen und die Gelassenheit. Christus will uns jetzt ergreifen, und es gilt, seine Liebe und Gnade zu empfangen. Dann kann sein Geist uns erfüllen und wir werden „neu erschaffen“. Es entsteht ein neues Bewusstsein und damit auch eine neue Lebensweise und ein neues Handeln. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir wissen, dass das entscheidende Merkmal dieses neuen Lebens große Freude und Zuversicht ist. Die Angst vor dem Tod verschwindet, denn Christus hat die Welt überwunden und die Ewigkeit steht uns offen. Wir gewinnen eine Hoffnung, die weit über Raum und Zeit hinausweist. Wir werden geduldiger und leidensfähiger. Verlust, Krankheit, Schmerzen und Not verlieren ihr Gewicht. Wir bleiben ruhig und zufrieden, ganz gleich, was geschieht.

Beachten müssen wir dabei nur, dass dieser Zustand nicht ein für alle Mal da ist und von selber andauert. Er will immer wieder eingeübt sein. Es ist eine tägliche Aufgabe, uns so Christus anzuvertrauen, dass sein Geist uns erfüllt und wir zu „neuen Menschen“ werden. Es erfordert unser Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Wenn wir die allerdings aufbringen, wird das neue Sein langsam zu einer Gewohnheit, die uns immer mehr prägt.

Und wenn das so ist, kann sich auch die Welt verändern. Das ist der letzte Gedanke in diesem Zusammenhang. Und die Krise kann dafür auch eine gute Ausgangsbasis sein. Wir wissen zwar nicht, was danach sein wird, aber wir können uns etwas vornehmen und selber dazu beitragen, dass nicht alles wieder so sein wird wie vorher.

Wir merken jetzt alle, wie bedroht unser Leben ist, wie sehr wir einander brauchen, und was wirklich zählt. Und wir haben es selber in der Hand, ob von den guten Vorgängen und Abläufen in unserer Gesellschaft etwas überlebt. Anstatt zu spekulieren, sollten wir für uns selber etwas beschließen. Wichtig sind jetzt nicht die Stimmen von irgendwelchen Orakeln oder Zukunftsforschern, sondern die Entscheidungen jeder und jedes Einzelnen. Auf Glaube, Hoffnung und Liebe kommt es an. Und ob diese Tugenden unsere Gesellschaft prägen, liegt an uns. Die Möglichkeit dazu haben wir, weil Christus es uns geschenkt hat, so zu leben.

Lasst uns deshalb nicht allzu sehr in die Zukunft schauen und dabei ungeduldig die Tage zählen, bis all die Unbequemlichkeiten und Einschränkungen endlich vorüber sind. Jeder Tag zählt, ob in der Krise oder danach, ob in der Zeit oder in der Ewigkeit. Denn „das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

Amen.

Des Lebens Blütensieg

Ostersonntag, 12.4.2020

Ostern verweist uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist.  Wir dürfen uns in diesen Coronazeiten zwar nicht zum Gottesdiesnt versammeln, aber das löscht die Gegenwart des Auferstandenen nicht aus. Feiert euren Ostergottesdiesnt deshalb zu Hause an einem Tisch mit Kerzen und Blumen und einem Osterbild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Ostersonntag zu Hause

Lesepredigt über Jeremia 1, 11f: Der erwachende Zweig

Liebe Gemeinde

Ich bin in diesen Tagen von mehreren Menschen an ein Lied erinnert worden, das der jüdische Dichter und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin gedichtet hat. Der lebte von 1913 bis 1999, d.h. er hat beide Weltkriege miterlebt, und er nannte sein Gedicht „das Zeichen“. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Es beginnt mit der Strophe: „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 606,1) Wenn Ben-Chorin verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Ähnlich werden auch wir es in den kommenden Tagen erleben können: Die Mandel- und Obstbaumblüte wird vielen Menschen Freude und Zuversicht geben, denn sie ist ein wunderbares Hoffnungszeichen, ein „Zeichen für den Sieg des Lebens“.

In der Bibel finden wir dafür ebenfalls Beispiele. Und vermutlich dachte auch Ben-Chorin an die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im ersten Kapitel, wo steht:

Jesaja 1,11

1 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du?
2 Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Diese Vision steht am Anfang des Buches von Jeremia und es ist ein Teil seiner Berufungsgeschichte. Mit ihr beginnt sein Auftreten als Prophet. Er beschreibt darin eine persönliche Begegnung mit Gott, durch die er auf seinen Beruf vorbereitet wurde. Sie bildet den Ausgangspunkt und das Fundament seiner gesamten Prophetie. Entscheidend sind dabei nun allerdings nicht Ideen oder Programme, die er von Gott bekommt, sondern Gott weckt in ihm die Hoffnung und Gewissheit auf ein kommendes Heil für die ganze Welt.

In einer Vision stellt er ihm einen „erwachenden Zweig“ vor Augen, und damit ist ein Mandelzweig gemeint. Der Mandelbaum blüht im Frühjahr nämlich als erster der Fruchtbäume und daher lautet sein hebräischer Name „der Wächter“ oder „der Frühe“, und er klingt wie „wachsam sein“. In der Vision Jeremias gilt er als Zeichen dafür, dass Gott über seine Schöpfung „wacht“. Der Zweig besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Er bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird, als alle Not. Der „erwachende Zweig“ steht als Zeichen gegen Leid, Zerstörung und Tod und sagt Gottes ewiges Friedensreich an.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott immer wieder mit lebendigen Zeichen der Schöpfung und der Natur. So lesen wir von einem „Reis aus der Wurzel Isais“ bei dem Propheten Jesaja. (Jes.11,1f).10  Die Christen haben das später als Ankündigung der Geburt Jesu gedeutet. (Röm.15, 12) Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30) greift dieses Bild auf.

Aber auch Jesus selbst bediente sich gerne dieser Vorgänge in der Natur. So erzählte er das Gleichnis vom Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) und benutzte das Bild vom „Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen“. (Joh.12,24). Damit deutete er seinen eigenen Weg an. Er ist selber gestorben, war tot und wurde beerdigt. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zu Ostern feiern wir vielmehr seine Auferstehung.

Die Evangelien bezeugen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Viele Menschen haben ihn danach gesehen. Zuerst erschien er den Frauen „Maria Magdalena und der anderen Maria“ (Mat.28,9f), dann zeigte er sich auch allen Jüngern (Joh.20,19ff) und wurde „von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen“, wie Paulus im Korintherbrief berichtet. (1. Kor.15,6) Mit diesen Darstellungen legt das Neue Testament viel Wert darauf, die Botschaft von der Auferstehung glaubhaft zu machen, und sie sind auch der Ausgangspunkt des Christentums. Mit Ostern begann der Weg des Glaubens an Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der den Tod überwand.

Doch obwohl dieser Glaube sich im Laufe der Jahrhunderte erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet hat, haben damit heutzutage viele von uns ihre Schwierigkeiten. Wir können und wollen uns das so nicht vorstellen, wir glauben nicht an ein Wunder. Denn unser Denken ist von der Naturwissenschaft und von der Vernunft bestimmt, und da passt der Glaube an die Auferstehung eines Toten nicht hinein.

Das muss er allerdings auch nicht, denn sowohl das Neue Testament als auch der Prophet Jeremia und andere biblische Zeugen wollen gar nicht unsere Vernunft ansprechen. Um die Osterbotschaft aufzunehmen, ist es sogar ungünstig, wenn wir unser normales Denken einschalten. Denn sie ist ein Mysterium, ein Geheimnis, dem wir uns ganz anders nähern müssen, als mit logischen Schlussfolgerungen. Überlegungen zu Ursache und Wirkung, das Nachdenken über Voraussetzungen und Ergebnisse helfen uns bei diesem Thema nicht weiter. Im Gegenteil, sie stehen uns im Weg. Wir müssen ganz andere Mechanismen in unserem Geist und unserem Bewusstsein einschalten, um die Botschaft von der Auferstehung zu begreifen.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal ruhig werden und aufhören zu denken. Wir sollten uns dafür auch Zeit nehmen, denn es dauert eine Weile, bis unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Es gehört dazu, dass wir unser Ich zurücknehmen, innerlich schauen, einfach nur da sind und abwarten, was geschieht. Die Auferstehung ist ein Ereignis, das nicht in die Geschichte und nicht in die Logik passt, aber es ist erfahrbar. Das Evangelium will etwas in uns wecken, und das ist der Glaube an den Sieg des Lebens.

Shalom Ben-Chorin wusste, dass es ein bisschen „meschugge“, d.h. ein „ein bisschen verrückt“ ist, in einem zarten Mandel-Blütenzweig einen Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit zu erkennen. So hat er es später ausgedrückt. Aber zu dieser Verrücktheit sind wir eingeladen. Wir sind eingeladen, an den Sieg des Lebens zu glauben. Ostern ist das Fest, an dem wir uns darauf besinnen, dass aus Ohnmacht Leben wurde. Jesu Weg war nicht der Weg des Scheiterns, sondern in Wahrheit Ausdruck von Gottes Kraft und Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchgesetzt hat. Es gibt das ewige Friedensreich Gottes.

Die Hoffnung darauf verbindet Juden und Christen. Aber als Christen glauben wir noch mehr. Denn wir glauben, dass das Reich Gottes schon begonnen hat. Es ist bereits unsichtbar gegenwärtig und seine Spuren durchziehen diese Welt. Denn wir haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von unserer Hoffnung sprechen. Und das heißt: Durch sein Sterben und Auferstehen ist der Tod nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird in Ewigkeit gerettet. Das ist die Botschaft, die von Ostern ausgeht, und der erste Mandelzweig ist dafür ein wunderbares Zeichen. So können auch wir singen: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!“

Schalom Ben-Chorin dichtete dieses Lied in einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden, um sie an eine unzerstörbare Hoffnung gegen allen Augenschein zu erinnern. Es entstand während der Nazi-Zeit, deren Unrecht er am eigenen Leib erlebt hatte. Ursprünglich lebte er in München, und er wurde dreimal verhaftet. 1935 gelang ihm dann aber zum Glück die Flucht nach Palästina und er ließ sich in Jerusalem nieder. Und obwohl er das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen hatte, gab er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Er dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt. „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“ So lautet die dritte Strophe, und die ist immer noch aktuell, auch und besonders in dieser Zeit, in der wir gerade stehen.

Überall auf der Welt ist die Menschheit von dem Coronavirus bedroht, gegen das wir noch kein Mittel und keinen Impfstoff haben. Wir können uns nur schützen, indem wir zueinander Abstand halten, und dadurch erleben wir gerade etwas, das wir vorher so noch nicht kannten. Das soziale Leben wurde weitgehend eingestellt, damit wir uns nicht zu schnell gegenseitig anstecken. Trotzdem sterben Menschen, die wir lieben. Jede Hoffnung scheint umsonst. Wir erfahren was es heißt, dass „eine Welt vergeht.“

Schalom Ben-Chorin hat das ebenfalls erlebt, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. Es werden jetzt ja oft Vergleiche mit dem zweiten Weltkrieg herangezogen, aber davor sollten wir uns hüten. Was wir erleben, ist nicht annähernd so grausam, wie das, was damals geschah. Wir kennen es bloß nicht, dass wir unsre Freiheiten einschränken müssen, dass es plötzlich Verbote gibt von etwas, was wir für selbstverständlich halten, und dass mehr Menschen sterben als sonst. Es macht uns natürlich Angst. Aber wir wissen, dass Menschen in der Geschichte und in der Gegenwart noch viel größeres Leid erfahren haben. Und an denen können wir uns ein Beispiel nehmen, so wie an Ben-Chorin, der das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten hat. Es ist ein Hoffnungs-Bild. Er dichtete deshalb: „Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Der Mandelbaum, der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter, für den Verzweifelten das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben, und für den Sterbenden die Verheißung des ewigen Lebens. Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn „eine Welt untergeht“, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig ist das Zeichen, dass das Leben siegt. Vertraue Gott! Wenn du das tust, können sich Resignation und Verzweiflung auflösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen. Gott schenkt uns solche Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken!

Auch die Auferstehung Jesu Christi lässt sich gut mit diesem Bild beschreiben. Und doch ist sie noch viel mehr als das. Denn wenn Christus auferstanden ist, dann ist er jetzt gegenwärtig, dann ist er wirksam und lebendig, dann kann er uns ergreifen und mit seinem Geist erfüllen. Der Osterglaube gibt uns nicht nur ein Symbol, sondern er verweist uns auf eine Realität, die größer und wirklicher ist als die Welt, in der wir leben. Wer sich diesem Glauben anschließt, hat nicht nur gute Gefühle und Gedanken, er bekommt vielmehr eine ganz tiefe Ruhe und wird wirklich getragen. Es entsteht eine Zuversicht, die weit über das Sterben hinausweist, und eine Hoffnung, die den Tod überwindet. Das Leben hat gesiegt, lasst uns darauf vertrauen und Gott dafür loben.

Amen.

Dieser Predigt liegt eine Predigt von Pfarrer Volker Sailer aus Stuttgart zu Grunde, die ich im Internet gefunden habe. Ich habe sie teilweise zitiert, das aber nicht an allen Stellen gekennzeichnet. Den ursprünglichen Text findet ihr hier:

https://www.jomjournal.de/fotos-privat-u-a/predigt-und-lied-mandelzweig/

 

Lasst uns unseren Tagen mehr Leben geben

Karfreitag, 10.4.2020

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ostern in diesem Jahr ausfällt. Doch das kann gar nicht geschehen! Das Einzige was ausfällt, sind gemeinsame Gottesdienste in unseren Kirchen, weil wir uns wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht versammeln dürfen.

Aber Karfreitag und Ostern selber bedeuten ja viel mehr als unsre Gottesdienste. Sie verweisen uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist: Jesus ist für uns gestorben und auferstanden und keine Macht der Welt kann daran etwas ändern.

Feiert euren Gottesdienst deshalb im Wohnzimmer an einem Tisch mit einem Kreuz oder einem passenden Bild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Karfreitag zu Hause

Lesepredigt über Johannes 3, 16

Liebe Gemeinde.

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Das waren der Kerngedanke und die Grundhaltung von Lady Cicely Saunders, einer englischen Krankenschwester, die von 1918 bis 2005 lebte. Sie hat die moderne Hospizbewegung gegründet und war Pionierin der Palliativmedizin. D.h. sie sorgte dafür, dass sterbenskranke Menschen, denen im Krankenhaus gesagt wurde „wir können nichts mehr für sie tun“ in Würde und Menschlichkeit ihre letzte Wegstrecke gehen konnten, in einem hellen Gebäude mit freundlichen Räumen und einer farbenfrohen Dekoration. Und dieses Konzept hat sich überall durchgesetzt, auch bei uns gibt es ein Hospiz. Es ist ein Ort, an dem die Angehörigen sich zusammen mit einem Team an der Versorgung des Kranken beteiligen können, und auch ihnen steht das Team zur Seite, wenn sie selbst Hilfe vor oder nach dem Tod des Patienten benötigen. Zentrale Leitideen sind dabei Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zum Schluss.

Vor dem Tod selbst schreckt die Hospizbewegung nicht zurück, im Gegenteil, er wird als Teil des Lebens bejaht und als etwas ganz natürliches gesehen. Die Erkenntnis, dass unser Leben irgendwann zu Ende ist, hat in diesem Fall also viel Kreativität und Engagement freigesetzt.

Und das war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit so. Im Gegenteil, viele philosophische Ansätze beruhen auf der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Frage nach dem Leid, und auch in den Religionen ist das ein zentrales Thema, allen voran im Christentum. In unserem Glauben werden das Sterben und die Vergänglichkeit radikal einbezogen, es dreht sich praktisch alles um diese Realität. Die Antwort, die das Evangelium darauf gibt, ist allerdings keine theoretische Abhandlung, sondern ein Geschehen: Jesus Christus ist gestorben und auferstanden, er hat den Tod besiegt und uns ewiges Leben geschenkt. Das ist die Botschaft, und wir sind aufgefordert, daran zu glauben. Mit einem Satz aus dem Johannesevangelium werden dieses Ereignis und die Einladung, uns Jesus Christus anzuvertrauen, wunderbar zusammengefasst. Wir kennen ihn alle, denn er ist berühmt geworden und lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16) Dieser Satz fasst das ganze Heilsgeschehen, das Gott durch Jesus Christus heraufgeführt hat, in einem Kerngedanken zusammen. Er beinhaltet die Geburt und das Kommen Jesu genauso wie sein Sterben und Auferstehen. Wir lesen ihn deshalb zu Weihnachten, und er ist ebenso das Leitwort für den Karfreitag, dem Tag an dem wir des Kreuzestodes Jesu gedenken.

Ursprünglich stammt er nicht aus der Passionsgeschichte, sondern aus einem Gespräch, das Jesus eines Nachts mit einem Pharisäer namens Nikodemus führte. Er wollte von Jesus wissen, wer er wirklich war, denn er hatte von den Zeichen und Wundern Jesu gehört und selber welche gesehen. Aber war er wirklich von Gott gesandt? Und wenn ja, wie konnte man zu diesem Glauben kommen? Das waren seine Fragen.

Und Jesus offenbart sich ihm in diesem Gespräch. Er spricht von der Wiedergeburt, die nötig ist, um in ihm den Sohn Gottes zu erkennen, und vom Empfang des Heiligen Geistes. Die alles entscheidende Tat aber, die den Menschen rettet, kommt von Gott selbst: Er hat der Welt seinen Sohn geschenkt und ihn für sie am Kreuz hingegeben. Jeder, der zu ihm aufblickt, wird ewiges Leben haben, er wird aus der Verlorenheit und der Vergänglichkeit gerettet und an der Auferstehung der Toten teilhaben. Das ist seine Botschaft, nicht nur für Nikodemus, sondern für alle, die das Evangelium lesen. Sie zeichnet den Weg Jesu vor, benennt seinen Ursprung, seinen Auftrag und sein Ziel.

Und damit gibt das Evangelium auf den Tod eine ultimative Antwort. Jesus hat nicht darüber philosophiert, er hat ihn besiegt. Sein Ziel war es nicht, „dem Leben mehr irdische Tage zu geben“, sondern den wenigen Tagen, die ihm auf dieser Erde zur Verfügung standen, so viel Leben wie möglich. Und etwas Weitreichenderes und Lebendigeres, als er bewirkt hat, kann es gar nicht geben. Denn er hat mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung eine Zeitenwende heraufgeführt. Der Himmel steht offen, und das Leben hat ein für alle Mal gesiegt! Lasst uns deshalb zu denen gehören, „die an ihn glauben“.

Das ist gerade in diesen Tagen besonders nötig, denn der Tod und das Sterben sind überall. Das Coronavirus hat unser Leben verändert, hoffentlich nur vorübergehend, aber z.Zt. ist alles, was geschieht, ausgesprochen gruselig. Wir müssen nicht nur die Nachrichten über die Toten verkraften, die jetzt überall zu beklagen sind, auch das Leben der Gesunden droht zu verkümmern. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, ihre Seele zu verlieren, denn vieles von dem, was es lebenswert und menschlich macht, ist verboten.

Eine der vielen traurigen Tatsachen ist jetzt die, dass viele Menschen umgeben von Maschinen und Gestalten in Schutzkleidung sterben. Sie sehen am Ende ihres Lebens kein Lächeln mehr, keine Farben und keine vertraute Person. Wegen der Ansteckungsgefahr werden sie zur Einsamkeit verurteilt. Weil alle wissen, wie unerträglich das ist, wird in Einzelfällen zum Glück dann doch die Palliativmedizin einbezogen. Die Kranken werden isoliert, und Angehörige dürfen unter strengen Sicherheitsvorschriften Abschied nehmen. Ihnen wird die Möglichketi gegeben, „Lebe wohl“ zu sagen, um so ein letztes Stück Würde und Menschlichkeit aufrecht zu erhalten.

Ansonsten wird alles dem Gemeinwohl, der Solidarität und der Rücksichtnahme untergeordnet. Denn der Medizin liegt die Devise zu Grunde: „Wir wollen dem Leben so viele Tage geben wie möglich“. Jeder Arzt ist verpflichtet, Leben zu retten, und es wurden dafür inzwischen großartige Möglichkeiten entwickelt: Es gibt Beatmungsgeräte, das künstliche Koma und die Intensivpflege. Meistens ist das alles segensreich und für viele Menschen wirklich lebensrettend. Doch in diesen Tagen zeigt sich, dass der medizinische Fortschritt, wie wir ihn gern nennen, auch ganz erhebliche Schattenseiten hat. Damit jeder, der es nötig hat, diese Therapie bekommen kann, müssen alle anderen unglaublich hohe Opfer bringen. Sozial, juristisch, wirtschaftlich und ethisch sind wir an eine Grenze gekommen, die uns den Weg zu einer für alle Menschen segensreichen Lösung versperrt. Das sollten wir zugeben. Es reicht nicht, wenn wir nur noch an die gesellschaftlichen Maßnahmen und die Medizin glauben und so tun, als hätten wir aus dieser Situation einen plausiblen Ausweg, als könnten wir das alles ohne Schaden bewältigen. Wir dürfen uns nichts vormachen und müssen das Dilemma anerkennen, in dem wir stecken. Wir sollten nicht daran glauben, dass wir als Menschen alles in den Griff bekommen können. Den Tod können wir schon gar nicht besiegen, es wird ihn immer geben. Es ist also ratsam, wenn wir innerlich immer mal wieder aus dem Denken aussteigen, das gerade die Welt beherrscht und uns täglich in den Medien präsentiert wird.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus Christus helfen. Er starb für uns am Kreuz, und das ist eine der grausamsten Todesarten, die es gibt. Es geschah ohne Selbstbestimmung, mit unsäglichen Schmerzen, allein und qualvoll, verachtet und verlassen. Jesus ist an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens gegangen.

Er war nicht der erste und einzige, der einen solchen Tod starb. Die Kreuzigung war damals bei den Römern die übliche Hinrichtungsmethode, und die Folter, die damit einherging, war ein Teil der Strafe. Aber Jesus war der erste und einzige Sohn Gottes. In ihm offenbarte Gott seine Liebe zu der Welt, und das heißt: Am Kreuz Jesu hat Gott selber den Tod auf sich genommen. Und damit hat er die Grenze geöffnet, vor der wir stehen, wenn wir sterben, die Grenze vor der wir uns als Gesellschaft auch jetzt in diesen Zeiten befinden.

Wir müssen nur an ihn glauben, und „bei ihm stehen, wenn ihm sein Herze bricht“. So hat Paul Gerhard diesen Schritt der Hingabe an Jesus beschrieben. (EG 84, 6). D.h., wir müssen ihn im Geist umarmen, „in unseren Arm und Schoß fassen“. Dann sieht er auch uns und steht uns zur Seite.

Das ist eine geistliche Übung, mit der wir das eigene Sterben in gewisser Weise vorwegnehmen. Wir lassen das Leben los und richten unseren Blick auf das Kreuz. Wir bejahen den Tod. In dieser Zeit haben wir dazu unzählige Möglichkeiten, denn die angeordneten Kontakteinschränkungen bedeuten ein Sterben auf vielen verschiedenen Ebenen: Existenzen sind bedroht, Träume platzen, Menschen werden arbeitslos, viele Möglichkeiten der liebevollen Zuwendung, der zärtlichen Berührung und des Trostes werden unmöglich gemacht, um von Geselligkeit, Feiern und Unterhaltung einmal ganz zu schweigen. Unser Leben ist gerade sehr arm. Aber anstatt das zu beklagen, können wir dieses Sterben auf uns nehmen. Dann gehen wir nicht bloß mit hilfreichen Gedanken oder einer bestimmten Strategie durch diese Krise, sondern wir kommen wirklich dem Tod näher. Und das ist gut, denn er ist sowieso ein Teil des Lebens. Vielleicht lernen wir jetzt, ihn in das Leben einzubeziehen und zu bejahen. Und damit „geben wir unseren Tagen mehr Leben“, als wenn wir ihn verdrängen oder abschaffen wollten. Wir leben bewusster und wesentlicher, wacher, gesünder und klarer. Es geschieht etwas mit uns: Eine Kraft zieht in unsere Seele ein, die uns ausgeglichener und ruhiger macht. Wir werden gelassen und angstfrei. Und wir gewinnen etwas, das viel größer ist, als dieses Leben: Wir gewinnen die Ewigkeit, denn Jesus zieht uns zu sich „an sein Herz“.

Auch in der Hospizbewegung sollte der Glaube an die Überwindung des Todes vorkommen, sonst ist selbst dieser Weg nur ein verkürztes Angebot. Für viele Menschen ist es sicher ausreichend, aber nicht für alle.

Meinem Vater war es z.B. nicht genug. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Auch für ihn kam der Tag, wo der Arzt im Krankenhaus sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Er schlug das Hospiz vor, und dort ist mein Vater dann eingezogen. Nach drei Tagen wurde er allerdings unruhig und hat rebelliert. Er vertrug die Freundlichkeit der Menschen um ihn herum nicht, das war ihm alles zu seicht, zu weltlich und zu menschlich. Er empfand es als Theater. Denn seit seinem 20. Lebensjahr lebte er im Glauben an die Ewigkeit. In der Gefangenschaft in Russland während des zweiten Weltkrieges, wo er von Schrecken umgeben war und täglich das Massensterben miterlebte, hatte er sich bekehrt, und war seitdem durchdrungen von dem Bewusstsein, dass es noch mehr gibt, als diese Welt, eine Überwindung, die größer ist als alles. Darauf wollte er sich in seinen letzten Tagen konzentrieren, und er hat alle, die ihm weniger als das anboten, höflich weggeschickt. Er kam wieder nach Hause zu meiner Mutter, und die Pflege konnte gut organisiert werden. Ein Freund, von dem er wusste, dass der genauso dachte und lebte wie er selber, hat ihm regelmäßig das Abendmahl gereicht mit einer Liturgie, die ihm vertraut war. Das fand er gut. Und damit hat er seinen letzten „Tagen mehr Leben gegeben“ als irgendeine andere Maßnahme es möglich machen konnte. Er hat sich mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden, ganz leiblich, ganz nah und ganz real.

Und das können wir alle tun, nicht nur für uns selber, sondern auch für die Angehörigen, die wir jetzt allein lassen müssen. Wir können für sie beten und sie im Geist vor das Kreuz Christi legen. Dann zieht auch in diesen dunklen und beklemmenden Zeiten die überwindende Kraft des Kreuzes in uns und in die Welt ein, und sie wird uns durch alles hindurch tragen, was wir jetzt erleben. Lasst uns auf diese Kraft vertrauen. Sie kommt von der Gegenwart Jesu Christi, der sich für uns „dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Amen.

 

 

 

Sieben Wochen ohne Pessimismus

Geistlicher Impuls zur fünften Fastenwoche

Psalm 62, 2- 8: „Mein Zuversicht ist bei Gott“
März 2020

1. Einleitung

Die Fastenzeit steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Als dieses Thema ausgesucht wurde, ahnte noch kein Mensch, wie aktuell es werden würde: Plötzlich brauchen wir die Zuversicht mehr als alles andere. Ein Virus bedroht unsre Gesundheit, unsere Wirtschaft, unser soziales Leben und unsere Psyche, wie es noch nie dagewesen ist, und das auf der ganzen Welt, in allen Ländern. Die Menschheit ist empfindlich getroffen worden.

Natürlich setzen wir unsere Zuversicht auf die Medizin und die Politik, auf unsere eigene Disziplin, unser Durchhaltevermögen und unseren Zusammenhalt. Trotzdem liegt die Versuchung, dem Pessimismus zu erliegen, ständig auf der Lauer und will uns ergreifen. Sie kommt in der Gestalt der Mutlosigkeit, Traurigkeit, Wut, einem ganzen Gemisch aus negativen Gedanken und Gefühlen. Gelegentlich übermannt sie uns auch.

Es wäre aber fatal, wenn wir dieser Versuchung zu sehr nachgeben und ihr am Ende erliegen, denn dann wird alles nur noch schlimmer. Es ist wichtig, ihr zu widerstehen. Texte aus der Bibel können uns dabei helfen. Für die fünfte Fastenwoche ist ein Abschnitt aus Psalm 62 vorgeschlagen, in dem das Thema lautet: „Meine Zuversicht ist bei Gott.“

2. Psalm 62, 2- 8

2 Meine Seele ist stille
zu Gott, der mir hilft.
3 Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,
dass ich gewiss nicht fallen werde.
4 Wie lange stellt ihr alle einem nach,
wollt alle ihn morden,
als wäre er eine hangende Wand
und eine rissige Mauer?
5 Sie denken nur, wie sie ihn stürzen,
haben Gefallen am Lügen;
mit dem Munde segnen sie,
aber im Herzen fluchen sie. SELA.
6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /
der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.

3. Auslegung

Der Dichter dieses Psalms ist in bedrängter Lage. Von seinen ehemaligen Freunden verlassen und verfolgt, kommt er sich vor wie eine „sinkende Wand, wie eine Mauer, die vom Einsturz bedroht ist“. Die Angriffe seiner Gegner haben ihn zermürbt, und er droht, unter dem seelischen Druck zusammenzubrechen. Ein innerer Kampf spielt sich in seiner Seele ab. Er ringt zwischen Verzweiflung und Gottvertrauen.

Am Ende siegt das Vertrauen, deshalb beginnt sein Psalm mit dem Bekenntnis, dass er „bei Gott Hilfe“ gefunden hat. Er hat seinen Blick ganz auf Gott konzentriert, sich betend für Gott geöffnet und das Suchen nach menschlicher Hilfe aufgegeben. Er hat sich restlos Gott anvertraut und sieht nur noch den Einen, der ihm „Hilfe, Fels und Burg“ ist.

Dadurch sind die unruhevollen Gedanken, die ihn quälten, einer großen Stille gewichen. Er wurde aus seinen menschlichen Sorgen und Bedrängnissen herausgehoben. Seine Seele ist ruhig geworden. Das Hin und Her der Ängste ist vorbei. Er ist innerlich Herr geworden über seine Not.

Er hat Abstand gewonnen zu dem, was ihm widerfährt, und dadurch kann er es ganz anders einordnen. Er hat den richtigen Maßstab und ein sicheres Urteil erworben. Gott hat sich ihm offenbart und ihm Klarheit geschenkt. Dabei ist ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Situation durchaus bewusst, er macht sich nichts vor und gibt sich keiner Illusion hin. Aber er bleibt innerlich der Überlegene, er zerbricht daran nicht und lässt sich nicht besiegen. Denn er hat eine Position eingenommen, die ihn über alle Not hinweghebt: Es ist der Blick des Glaubens, von dem her er nun Hoffnung und Zuversicht erhält.

Und das ist ein wunderbares Zeugnis echter Gebetshaltung. Der Beter hat es aufgeschrieben, weil er andere zu demselben Vorgehen einladen möchte. Und es tut gut, wenn wir dieser Einladung folgen.

4. Anwendung

Dafür gibt es ein ganz konkretes Mittel. Es ist die häusliche Andacht und Zeiten der Stille. Wir sind eingeladen, sie in unseren Alltag einzubauen. Gerade jetzt haben wir dazu wunderbare Möglichkeiten. Die Ausgangsbeschränkungen binden uns alle mehr an das Haus, wir haben viel Zeit und dürfen uns noch nicht einmal zum Gottesdienst versammeln. Aber das muss uns nicht daran hindern, ihn einzeln, zu Zweit oder mit der Familie bei uns zu Hause zu feiern. In vielen Gemeinden wird dazu jetzt eingeladen, und das ist sehr schön. Wir können diese Form der Frömmigkeit wieder beleben.

Viele Christen und Christinnen haben das leider verlernt und führen genauso ein lautes und aktives Leben, wie alle anderen. Es ist voll von Begegnungen, Sinneseindrücken, Ablenkungen und Zerstreuungen, und den meisten bleibt kaum Zeit, um „zu Gott still zu werden“, zu schweigen und zu beten. Und das ist schade, denn eigentlich gehört das zu einem lebendigen Glauben dazu. Wir können es jetzt wieder einführen und uns am besten einmal am Tag hinsetzen, ein Kreuz oder ein biblisches Bild aufstellen, eine Kerze anzünden und Andacht halten. Es gibt dafür viele Anregungen, Bibellesepläne, Impulse zum Kirchenjahr, die Losungen, das Gesangbuch usw. Lasst uns das jetzt verstärkt nutzen.

Die Fastenzeit lädt uns dazu sowieso ein. Es ist die Zeit, in der wir „mit Jesus ziehen“, ihn auf seinem Leidensweg begleiten und an seinem Sterben teilhaben. Und dazu gehört es, dass wir vorübergehend „der Welt entfliehen“, uns aus allem zurückziehen, unser Bewusstsein in eine andere Richtung lenken und eine neue Dimension erfahren. Der Barockdichter Sigmund von Birken (1626-1681) hat diesen Weg sehr schön mit einem Lied beschrieben. Es beginnt mit der Strophe:
„Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach, immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch sein, glauben recht und leben rein, in der Lieb den Glauben weisen. Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.“ (EG 384,1) Es macht deutlich, dass das Leiden und Sterben Jesu zwar ein schwerer Weg war, der in die tiefste Tiefe führte, aber er endete dort nicht. Auch wenn die Jünger es vor seinem Tod noch nicht glauben konnten, danach haben sie bezeugt: „Der Herr ist auferstanden!“ Lasst uns diese Botschaft annehmen, dann werden wir auch „mit ihm leben“. (EG 384,4) So können gerade der Verzicht und das Fasten uns ganz neue Zuversicht geben. Sie entsteht nicht aus unseren menschlichen Gedanken, sondern aus der Gegenwart Gottes und der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu.

5. Auswirkung

Und das hat eine Wirkung, die weit über unsere eigene Frömmigkeit hinausweist. Wir werden nicht nur in der Seele ruhig, sondern es entsteht ein unsichtbares Kraftfeld des Gebetes, das uns miteinander verbindet und diese Welt umgibt. „Gott weiß die Beter überall“. So hat Jochen Klepper es 1938 in seinem Mittagslied ausgedrückt (EG 457,3). Und in einem Kirchenlied aus England von 1870 heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. So sei es, Herr: Die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“ (EG 266,3.5)

Das ist eine sehr schöne Verheißung, und wir können alle daran mitwirken, dass sie wahr wird. Gerade in diesen ungewöhnlichen Zeiten können wir dafür sorgen, dass das Gebet und das „Stillschweigen zu Gott“ nicht aufhören, dass immer irgendwo jemand auf Gott vertraut, dem Pessimismus widersteht und sich in Zuversicht übt. Wir können das Heil von Gott erwarten, es ruht längst bei ihm, der uns immer eine Zuflucht bietet, auf dem unser Dasein gegründet ist wie auf einen Felsengrund. Nicht bange Sorge, menschliche Ängstlichkeit und Wut sind die Gefühle, die unser Leben beherrschen sollten, sondern Zuversicht und Hoffnung, Geborgenheit und Vertrauen, Sicherheit und Kraft.

Amen.

6. Gebet des Klosters am Rand der Stadt

Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens immer
jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre kommst du in die Welt
und durch mein Herz zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben sind wir da,
draußen, am Rand der Stadt.
Herr, und jemand muss dich aushalten, dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst: Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.
Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern unten am Fluss wartet die Stadt auf dich.
Amen.
(Silja Walter)

Gott tröstet uns

Lesepredigt über Jesaja 66, 10- 14

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 22.3.2020

Liebe Gemeinde.

Jeder Mensch, braucht die Nähe von anderen Menschen, und normaler Weise suchen wir sie auch. Natürlich gibt es Einzelgänger, die am liebsten für sich alleine bleiben, aber das ist die Ausnahme. Von unserer Grundstruktur her sind wir soziale Wesen und brauchen zum Überleben unser Miteinander. Und dazu gehören nicht nur der Austausch, die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben, sondern auch Berührung und Körperkontakt sind wichtig.

Das ist ja auch das erste, was wir erfahren, wenn wir auf die Welt kommen: Wir werden in den Arm unserer Mutter gelegt und es entsteht sofort eine Verbindung zu ihr. Vor der Geburt war sie sogar noch inniger, denn da waren wir neun Monate lang in ihrem Leib. Und wenn keine Störungen vorliegen, werden wir die ganze Kindheit über weiter von unseren Eltern hoch gehoben, getragen, in den Arm genommen, gestreichelt.

Als Erwachsene suchen wir dieses Erleben dann bei einem Partner oder einer Partnerin: Wir kuscheln, umarmen und küssen uns. Auch das Bedürfnis zum Geschlechtsverkehr ist nicht nur ein Trieb, sondern hat darin ebenso seine Wurzeln.

Die liebevolle Berührung schafft Geborgenheit, sie stärkt und beruhigt uns, sie kann uns trösten und uns neu beleben.

Der Prophet Jesaja wusste das auch, und er benutzt es als ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Er schreibt in Kapitel 66:

Jesaja 66, 10- 14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Das ist ein Abschnitt von dem sogenannten „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem hatte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. erobert. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Das Heil wird kommen, das ist gewiss, denn Gott lässt nichts unvollendet. Es wird wieder Glück und Freude geben, überall kehrt Wohlstand ein, und Jerusalem wird wieder aufgebaut.

Damit beginnt unser Abschnitt: Alle Bewohner der Stadt werden reichlich und in Fülle haben. Sie werden umsorgt wie Säuglinge. Mit diesem Bild beschreibt der Prophet den glückseligen Zustand. Babys dürfen trinken, bis sie satt sind, die Brüste der Mutter versiegen nicht. So wird es mit der göttlichen Fürsorge auch sein. Dazu kommt sein Trost, auch der wird sein wie der Trost einer Mutter für ihr kleines Kind: Gott wird sie aller Sorge und Angst entreißen, und dann wird nur noch Freude herrschen. Neue Lebenskraft wird entstehen, wie das sprießende Grün nach einem belebenden Regen.

Das ist natürlich ein Bild für die Endzeit, und Visionen dieser Art gibt es viele in der Bibel. Sie beinhalten den Glauben an die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft. Gott wird sie heraufführen, das ist die Verheißung. Und die hat die Menschen damals wahrscheinlich wirklich getröstet. Denn die Vorstellung von der Wiederherstellung des Paradieses, die eines Tages eintrifft, war sowieso ein Teil ihres Denkens und ihres Lebensgefühls. Der Prophet musste sie nur daran erinnern.

Doch wie geht es uns damit? Nützen uns solche Worte heutzutage noch etwas?

Schlecht geht es uns zurzeit auch. Die weltweite Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, ist für uns alle völlig neu. So etwas haben wir noch nie erlebt, und es macht uns Angst. Dabei beunruhigt uns nicht nur die Krankheit, die wir bekommen können, wenn wir nicht aufpassen. Uns verunsichern auch die Maßnahmen, die jetzt überall verordnet werden. Plötzlich dürfen wir ganz vieles von dem, was wir gewohnt sind und für selbstverständlich halten, nicht mehr tun. Die oberste Devise lautet: Soziale Kontakte so gut es geht vermeiden! Und das geht diametral gegen alles, was uns als Menschen ausmacht. Das Geheimnis unseres Erfolges innerhalb der Evolution liegt gerade darin, dass wir mehr als jedes andere Lebenswesen zusammen etwas machen. Und wir werden auch nur so überleben. Wenn es verboten wird, stürzt alles ein, und das ist bedrohlich. Wo führt das hin? Und sind die Entscheidungen alle richtig? Niemand kann das mit Fug und Recht behaupten. Es hat sich lediglich eine bestimmte Art des Denkens und Handelns durchgesetzt. Alle Länder der Welt handeln im Moment nach demselben Muster.

Es hat seinen Grund darin, dass die Gesundheit über alles gestellt wird und auf jeden Fall so viele Leben gerettet und so wenig Leid verursacht werden soll wie möglich. Darin sind wir uns einig, da müssen wir nicht lange drüber nachdenken.

Das Dilemma ist bloß, dass das im Moment gar nicht möglich ist. Ganz gleich, welche Entscheidungen getroffen werden, es entsteht immer irgendwo großes Leid: Existenzen von vielen, die selbständig arbeiten und auf Kunden angewiesen sind, sind bedroht. Familienmitglieder müssen ihre Lieben in den Altersheimen und Krankenhäusern allein lassen, weil sie sie nicht besuchen dürfen. Die Landwirtschaft steht vor großen Problemen, weil niemand mehr reisen darf, um dabei zu helfen. Eltern sind im Stress, weil sie ihre Kinder betreuen und gleichzeitig Geld verdienen müssen. Und in Quarantäne oder Ausgangssperre besteht die Gefahr der psychischen und körperlichen Instabilität. Lagerkoller, Depression, oder Verlotterung können eintreten. Es gibt in der jetzigen Situation also keine optimale Lösung, kein richtig oder falsch, und die Probleme, die gerade entstehen, sind gigantisch.

Natürlich hoffen wir, dass das alles bald wieder aufhört, und dass genug Geld da sein wird, um anschließend allen zu helfen, die es nötig haben werden. Wir müssen den Politikern vertrauen und uns auch gegenseitig so gut es geht Mut machen. Humor ist ebenfalls ein gutes Mittel gegen die Angst, selbst wenn es nur Galgenhumor ist.

Aber reicht das? Gibt es nicht vielleicht noch etwas anderes, das uns jetzt trösten kann? Unser Prophetenwort möchte uns so ein Angebot machen, und es tut gut, darauf zu hören. Denn es enthält auch für uns eine Botschaft, die uns weiterführt. Wir können sie uns in drei Schritten klar machen.

Den ersten Schritt hat Ernesto Cardenal, ein spanischer Mystiker und Befreiungstheologe in seinem „Buch von der Liebe“ einmal so ausgedrückt: „Gott hüllt uns von allen Seiten ein wie die Atmosphäre. Und wie die Atmosphäre voller Licht- und Schallwellen ist, die wir weder sehen noch hören können, wenn wir nicht die dafür bestimmten Kanäle einschalten, so können wir auch die Wellenlänge Gottes nicht hören, es sein denn, wie schalten den entsprechenden Kanal ein. Wer nur in der Welt der fühlbaren Sender lebt, kann den Sender Gottes nicht abhören.“ (Das Buch von der Liebe, 61978, S.25)

Das ist ein wunderbares Bild, das uns ganz konkret dazu einlädt, nicht den ganzen Tag Radio zu hören oder fern zu sehen, Zeitung zu lesen oder im Internet nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Es reicht völlig aus, das ein oder zweimal am Tag zu tun. Denn es gibt noch mehr, als das, was uns da erzählt wird, eine ganz andere Dimension, eine ganz andere Hülle, die uns umgibt. Es ist die Gegenwart Gottes. Er hält uns längst in den Armen, wie eine Mutter das mit ihrem Kind tut. Wir müssen uns diese Umarmung nur bewusst machen und sie genießen. Uns werden zurzeit zwar viele Bewegungsfreiheiten genommen, aber uns wird nicht verboten, wohin wir mit unseren Gedanken gehen. Wir können sie getrost auf Gott lenken und „seinen Sender einschalten“. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt besteht darin, dass wir in der gegenwärtigen Lage die ganz große Chance haben, einmal unseren Lebenswandel zu überdenken. Ist das wirklich alles nötig, was wir immer so wollen und veranstalten? Wir sollen Abstand zueinander halten, und das ist unnatürlich. Aber gelegentlich tun solche unnatürlichen Maßnahmen auch gut. Viele Menschen ziehen sich freiwillig ein oder mehrere Male im Jahr zurück, gehen in ein Kloster oder ähnliches, um innerlich frei zu werden, zur Ruhe zu kommen und sich neu auszurichten. Plötzlich ist es für uns alle so, und das ist nicht nur schlecht. Wir können uns in diesen Zeiten fragen: Ist unsere Lebensweise eigentlich gottgemäß? Will er es, dass wir ständig hin- und herreisen, uns vergnügen und ablenken, Lärm machen, Geld verdienen, Wohlstand anhäufen? Gibt es nicht noch ganz andere Werte? Das Miteinander ist zwar lebensnotwendig, aber das Zusammensein mit Gott brauchen wir ebenso. Und dafür ist es gut, sich vorübergehend von anderen Menschen zurückzuziehen, zu schweigen und in sich zu gehen. Oft vermeiden wir durch unsere oberflächliche und gesellige Lebensweise den Kontakt zu ihm. Und das ist schädlich. Denn im tiefsten kann nur seine Berührung uns wirklich zufrieden machen. Es wird nie wieder so sein, wie im Säuglingsalter, dass die Umarmung der Mutter oder des Vaters uns vollständig beruhigen. Sind wir erst einmal erwachsen, schlummert in uns allen ein Bedürfnis nach Zuwendung, das nur der Ewige stillen kann. Vielleicht will er uns das ja gerade einmal zeigen. Es wäre also ratsam, die Chance zu ergreifen.

Und als drittes sagt uns der Prophet: Es gibt noch eine andere Welt, die Gott heraufführen wird. Jetzt gehören Leid und Tod dazu, aber eines Tages wird sich das ändern. Und das heißt: Wir dürfen nicht erwarten, dass wir mit menschlichen Mitteln den Tod abschaffen können. Er wird uns alle irgendwann treffen, ob durch das Coronavirus oder etwas anderes. Die Sterblichkeitsrate beträgt letzten Endes immer und überall 100%, daraus gibt es kein Entkommen. Deshalb ist es auch in normalen Zeiten gut, daran zu glauben, dass wir mit dieser Tatsache nicht allein gelassen sind. In Krankheit und Armut sind wir bei Gott geborgen, wenn wir einsam sind, sterben oder nichts mehr geht. Seine Liebe hört nie auf. Und nur durch ihn gewinnen wir das ewige Leben.

Das hat er uns durch seinen Sohn Jesus Christus gezeigt und geschenkt. Er ist selber den Weg des Leidens und Sterbens gegangen, damit wir nicht allein sind, wenn es uns trifft. Er will uns tragen und in den Arm nehmen, streicheln und liebkosen. Wir müssen nur daran glauben, darauf vertrauen und uns das gefallen lassen. Dann erleben wir auch in diesen Zeiten eine tiefe Geborgenheit, die uns stärkt und beruhigt, uns tröstet und neu belebt, ganz gleich, was geschieht.

Amen.