Jesus ist unser guter Hirte

Predigt über 1. Petrus 2, 21b- 25: Der Hirte und Bischof der Seelen
2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2026, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

1. Petrus 2, 21b- 25

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Liebe Gemeinde.

Ein Mensch trifft etwa 20.000 bis 35.000 Entscheidungen pro Tag. Das ist eine Schätzung aus der Neurowissenschaft. Die überwiegende Mehrheit davon sind unbewusste Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die Wahl der Kleidung, was gegessen wird oder wann man aufsteht. Das meiste geschieht, ohne dass wir darüber nachdenken. Nur ein Bruchteil wird bewusst reflektiert. Und bei diesen Entscheidungen kann man sich natürlich auch mal irren, bei der Berufswahl z.B., bei Menschen, auf die wir uns einlassen, Geldanlagen, Reisezielen usw. Oft wissen wir nicht genau, wo es am besten lang geht, und merken erst später, dass wir uns geirrt haben.

In unserem Predigttext wird diese Situation bildlich umschrieben, denn da ist am Ende ja vom Umherirren die Rede, und zwar von „irrenden Schafen“. Dem Schreiber geht es dabei hauptsächlich um den Hirten, der den Schafen hilft, ihren Weg zu finden. Schafe haben keinen eingebauten Orientierungssinn. Sie gehen einfach nur immer weiter. Man muss ihnen den Weg zeigen und aufpassen, dass sie sich nicht zerstreuen. Und dafür brauchen sie den Hirten. Er ist hier ein Gleichnis für Jesus Christus: So wie die Schafe sich ohne den Hirten verlaufen würden, ginge es uns ohne Christus. „Er ist der Hirte und Bischof unserer Seelen“, d.h. unser Hüter und Bewahrer. Auf diese Botschaft läuft der Textabschnitt hinaus.

Das Ganze ist so eine Art Christushymnus, mit dem der Verfasser die Zuhörer oder Leserinnen ermahnen und auch ermutigen möchte. Er stellt Christus als Vorbild hin und gleichzeitig als den Erlöser und Retter.

Dabei werden wir zur Geduld ermahnt: Falls uns Unrecht zugefügt wird, sollen wir es erleiden, genauso wie Christus es getan hat. Er hat es schweigend auf sich genommen, ohne Gleiches mit Gleichem zurückzugeben. Er hat seine Sache Gott anheimgestellt, und so sollen auch die Christen und Christinnen das Gericht Gottes nicht in eigener Regie vorwegnehmen, sondern ihre manchmal leidvolle Situation annehmen. Das ist der erste Teil dieses Lehrstücks.

Danach gibt der Verfasser aber noch mehr zu bedenken. Es folgt eine Motivierung und Begründung für diese christliche Leidensnachfolge. Letzten Endes bedeutet sie nämlich Freiheit und Heilung, die Christus uns nicht nur vorgelebt, sondern auch bewirkt hat. „Er hat unsere Sünde selber an das Kreuz hinaufgetragen“, heißt es, und er hat uns damit von der Herrschaft der Sünde frei und los gemacht. Er hat den üblichen Automatismus von Schmähung und Widerschmähung zerbrochen und damit das Heil bewirkt. Alle, die an ihn glauben, können deshalb in derselben Freiheit leben wie er. Das ist ihre neue Ausrichtung, ihr Ziel, das das Leben gestalten und prägen soll. Sie können ihre alten Gewohnheiten hinter sich lassen, umdenken und eine ganz andere Geisteshaltung einnehmen. Denn mit Christus hat etwas Neues angefangen, was dann am Ende mit dem Bild von dem „Hirten und Hüter der Seelen“ zusammengefasst wird. Man kann auch übersetzen: „Aufseher, Wächter, Leiter, Beschützer und Bewahrer.“ D.h. er zeigt den Weg, gibt Orientierung, nach ihm kann man sich ausrichten, und zwar in jeder Hinsicht. Er ist das Vorbild und gleichzeitig derjenige, der den Weg begleitet und überhaupt erst möglich macht. Von ihm kommt das Heil, das zur Überwindung führt. Das will unser Predigttext uns sagen.

Lasst uns also fragen, wie das vor sich gehen kann. Hilft diese Botschaft uns z.B., wenn wir Entscheidungen zu treffen haben? Normalerweise leiten uns dabei ja unsere Interessen und Wünsche, Sehnsüchte und manchmal auch Begierden. Jedenfalls suchen wir meistens unseren Vorteil, unser Wohlbefinden, unseren Erfolg. Um das zu erreichen, gebrauchen wir unseren Verstand, denken nach und wägen ab. Auch unsere Gefühle spielen oft eine Rolle, wenn wir uns entscheiden müssen.

Und das alles sind auch ganz gute Mittel. Trotzdem führen sie uns manchmal in die Irre, denn wir erkennen nie die gesamten Folgen. Dafür müssten wir in die Zukunft schauen können, und das ist nicht möglich. Deshalb stellt sich oft erst später heraus, dass etwas nicht richtig war, und die Dinge entwickeln sich negativ. Auf der Weltbühne sehen wir gerade, was z.B. Kriege anrichten, Machtwille und Gier. Sie führen zu Tod und Zerstörung.

Aber auch im privaten Leben kann so etwas geschehen. Irgendwann fragen wir uns eventuell: Wollte ich nicht mal etwas ganz anderes? Macht meine Arbeit noch einen Sinn? Liebe ich meinen Partner bzw. meine Partnerin wirklich? Habe ich meine Kinder richtig erzogen? Oder wenn ich keine Kinder habe, kommt die Frage, ob das richtig war? Unsere Pläne können scheitern, und wir stellen fest, dass wir die falschen Entscheidungen getroffen haben, mit denen wir uns und auch anderen viel Leid zufügen. Und diese Erkenntnis kann quälend werden. Sie kann dazu führen, dass wir uns verloren und schuldig fühlen, Angst haben oder sogar krank werden.

Wir fühlen uns wie „irrende Schafe“ und brauchen noch mehr, als unsere Entscheidungsfreiheit. Wir brauchen den Zugang zu einer Wirklichkeit, die uns auch dann noch trägt, wenn unser eigener Plan fehlschlägt, einen größeren Raum der Geborgenheit, der ganz unabhängig von unserem individuellen Lebensentwurf da ist. Und genau das ist gemeint, wenn wir von Christus als dem „Hüter und Hirten unserer Seelen“ reden. Damit wird diese andere Wirklichkeit beschrieben, die uns vor dem Abgrund bewahren kann, denn Christus gibt uns in ganz anderer Weise Wegweisung und Bewahrung, als wir das selber jemals vermöchten.

Doch wie kann das nun konkret geschehen? Was müssen wir tun, damit Jesus uns führt und beschützt? Das fragen wir uns, und dazu sind mir drei Dinge eingefallen.

Zunächst einmal ist es gut, wenn wir einfach nur auf Christus schauen, ihn tatsächlich als Vorbild nehmen. Das können wir wörtlich verstehen und uns sein Bild vor Augen halten, uns ihn vorstellen und seinem Vorbild folgen. Wir denken dabei nicht mehr nach, sondern sind nur da, werden ruhig und setzen uns ihm aus. Wir warten, bis sein Bild eine Wirkung entfaltet. Das Wollen wird dann weniger, und das Vertrauen wächst. Wir verweilen in seiner Gegenwart und lassen uns auf ihn ein. Wir begeben uns in sein Kraftfeld und merken, was er alles für uns tut. Das ist der erste Schritt.

Als zweites können wir zu ihm beten. Das haben Christen immer getan, es ist ein wesentliches Element unseres Glaubenslebens. Dabei sind mir in diesem Zusammenhang Bitten eingefallen, die bei der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Jahr 1983 in Vancouver formuliert wurden. Diese Konferenz war ein bedeutender Moment für ökumenische Gebete und Liturgie. Ein zentrales Ergebnis war der Aufruf zum „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Es ist ein Gottesdienstbuch entstanden, und daraus stammen Bitten, die charakteristisch für Friedensgebete geworden sind. Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges bringen wir sie regelmäßig in unserer Morgenandacht am Dienstag hier in der Lutherkirche vor Gott. Sie enthalten die Bitte und Führung und lauten folgendermaßen: „Führe uns vom Tod zum Leben, vom Irrtum zur Wahrheit. Führe uns vom Zweifel zur Hoffnung, von der Angst zum Vertrauen. Führe uns vom Hass zur Liebe, vom Krieg zum Frieden. Lass Frieden erfüllen unser Herz, unsere Welt und das All.“

Wir bitten Jesus Christus damit nicht um Einzelheiten, nicht um die Erfüllung unserer persönlichen Wünsche und auch nicht um konkretes Eingreifen in das Weltgeschehen. Wir besinnen uns vielmehr auf übergeordnete Tugenden, auf allgemeine Werte unseres Menschseins, auf das Leben und die Wahrheit, Hoffnung und Vertrauen, Liebe und Frieden. Da möge er uns „hinführen“, als „Hirte und Bischof unserer Seelen“.

Er hat es uns selber vorgelebt und er wird es uns schenken. Dass ist der dritte Punkt. Wir gehen ihm nach, und plötzlich hört das Fragen auf. Alles relativiert sich. Wir merken, darum geht es in Wirklichkeit. Unsere eigenen Interessen und Entscheidungen sind gar nicht so wichtig, unser Wünschen und Wollen wird kleiner. Was Christus uns vermittelt, ist viel tiefer und sinnvoller. Der Halt, den er uns gibt, ist fester als alles andere. Die Gedanken sortieren sich, der Geist wird klar. Wir werden friedlich und können loslassen.

Und was auch dazu gehört: Wir können es verkraften, wenn wir falsche Entscheidungen getroffen haben. Denn falls wir dadurch schuldig geworden sind, wird uns vergeben. Wir können die Irrwege annehmen, auf denen wir uns oft bewegen, und werden leidensfähiger. Unsere innere Ruhe ist nicht mehr abhängig von der Situation, in der wir sind. Es muss nicht alles optimal laufen. Lasten fallen von uns ab, die Unsicherheit verschwindet, Zweifel und Schuld bedrängen uns nicht mehr. Wir merken: Jesus Chrsitus ist wirklich der „Hirte und Hüter unserer Seelen“, Aufseher, Wächter, Leiter, Beschützer und Bewahrer. Darauf können wir uns verlassen und ihm getrost folgen.

Amen.

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