Geht Gottes Weg!

Predigt über Apostelgeschichte 4, 32- 37: Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

1. Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2020
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Kleine Kinder werden von ihren Eltern gerne angehalten, die Schokolade miteinander zu teilen oder den anderen auch mal ihr Spielzeug zu überlassen. Häufig haben diese Aufforderungen allerdings keinen Erfolg, denn die Kinder finden es besser, das Spielzeug nur für sich zu behalten. „Das gehört mir. Das ist meins.“ Diese Sätze lernen sie früh. Und auch die Schokolade würden sie am liebsten allein aufessen.

Der Drang nach eigenem Besitz ist also offensichtlich angeboren, und er bleibt auch in uns. Als Erwachsene erleben wir das ja ganz ähnlich: Wir wollen das, was uns gehört, für uns allein haben. Wir tun uns z.B. schwer, unser Auto oder unseren Computer einem anderen zu leihen, der es gerade braucht. Wir befürchten, er könne unsere Dinge nicht gut behandeln, mit unserem Auto in einen Unfall verwickelt werden, den Computer durcheinander bringen usw. Das Risiko ist uns zu groß, und Scherereien mit der Versicherung zu unangenehm. Wir haben viele Gründe, das, was uns lieb ist, nicht mit anderen zu teilen, sondern es für uns zu behalten.

In der Urgemeinde war das anders. Das ist die erste Gemeinde, die nach der Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem entstanden war. Sie wird in der Apostelgeschichte im vierten Kapitel beschrieben. Dort wird uns folgendes erzählt:

Apostelgeschichte 4, 32- 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Der Evangelist Lukas hat das geschrieben und er zeichnet hier das Bild der christlichen Frühzeit, das für immer ein Leitbild dessen geblieben ist, was Kirche sein soll: Es ist das Ideal der Gütergemeinschaft. Die Einigkeit unter den zum Glauben Bekehrten war so stark, dass das private Eigentum keine Grenzen mehr zwischen den Menschen zog. Niemand beanspruchte sein Hab und Gut nur für sich selber, sondern stellte es, wo es nötig war, für die Geschwister zur Verfügung. Es sollte keine Armen und keine Reichen in der Gemeinde geben.

Diese Vorstellung war nicht neu. Im Alten Testament wird so die Wirkung des Segens Gottes beschrieben. Durch ihn erfüllt sich die Verheißung einer endzeitlichen Heilsgemeinde. Und auch in der griechischen Philosophie gab es dieses Bild bereits. Da kursierte die Utopie einer verlorenen, heilen Urzeit, die wieder hergestellt werden müsse. Der Gedanke an eine Welt ohne die Schranken des Privateigentums, in der allen alles gemeinsam ist, strahlte schon immer eine große Faszination aus. Der Evangelist Lukas kannte diese Idee sicher auch und hat sie hier übernommen.

Allerdings dachte er dabei nicht an eine organisierte oder gesetzlich fixierte Eigentumsgemeinschaft, in der alle Güter vergesellschaftet wurden. Er erzählt uns vielmehr, dass die Begüterten ihren Besitz verkauften und so zum Unterhalt der Bedürftigen beitrugen. Was dem Einzelnen gehörte, stellte er in selbstverständlicher Freiheit der Gemeinschaft zur Verfügung, so wie es gerade gebraucht wurde. Mit einem biografischen Beispiel belegt der Evangelist das Bild der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde noch: Er erwähnt einen Barnabas, der mit gutem Beispiel voranging, seinen Acker verkaufte und das Geld den Aposteln gab, damit sie es in der Gemeinde verwenden konnten.

Sicher steht dahinter auch eine geschichtliche Wirklichkeit. Das ist nicht nur eine Phantasie oder ein frommer Wunsch, sondern so war es am Anfang wohl wirklich: Die Gemeindeglieder waren „ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Allerdings ist das Experiment schon bald gescheitert. Bereits in der Apostelgeschichte wird erzählt, wie erste Schatten auf das Bild der Urzeit gefallen sind. Es ergaben sich vielfältige Schwierigkeiten.

Und das können wir uns gut vorstellen, denn auch wir hätten unsere Bedenken, wenn wir so leben sollten. Es schwebt uns zwar immer noch als das vollkommene Bild einer Gemeinde vor, aber verwirklicht wird es kaum. In unserer Kirche wird das Privateigentum nicht in Frage gestellt. Wir bezahlen zwar unsere Kirchensteuer, damit alles getan werden kann, was wichtig ist, und sicher spenden wir gelegentlich auch Geld für Notleidende, aber niemand würde alles hergeben, was er besitzt, und es mit allen anderen teilen.

Was sollen wir mit dieser Geschichte also anfangen? Ist das Ganze nicht sehr unrealistisch und für eine heutige Umsetzung kaum tauglich? Das fragen wir uns und wir müssen uns Gedanken machen.

Lasst uns das tun und zunächst folgendes feststellen: Lukas vertritt hier nicht einfach nur irgendeine Philosophie. Er erinnert mit der Beschreibung der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde vielmehr an die Kritik des Reichtums, die er bereits in seinem Evangelium betont, und die er von Jesus gelernt hatte. Der verzichtete auf Besitz und warnte vor dem Sorgen um materielle Güter. Sie waren für ihn eine Gefahr, weil sie dem radikalen Anspruch Gottes im Weg standen. Sie verengen den Blick auf das eigene Ich, das war seine Warnung, und die hat die Urgemeinde ernst genommen. Sie hat versucht, die Gefahr des Besitzes zu bannen. Mit der Gütergemeinschaft realisierten sie eine Lebensform, in der die materiellen Dinge als gute Gaben Gottes verstanden wurden. Sie trennten die Menschen nicht voneinander, sondern führten sie zusammen. So blieben die Einzelnen offen für Gott und den Nächsten. Der Geist Jesu war unter ihnen lebendig, er stärkte und ermutigte sie. Jesus stellte sich sozusagen zu ihnen. Seine Gedanken wurden ihre Gedanken, und sie wuchsen in sein Reich hinein. Und das hat ihnen sicher Freude bereitet. Sie erlebten, wie reich es innerlich macht, dem anderen zu helfen. Es freut nicht nur den Empfänger oder die Empfängerin, sondern auch den Geber oder die Geberin.

Und das können auch wir erfahren, wenn wir die Dinge, die uns gehören, mit anderen teilen, jemandem z.B. unser Auto oder unseren Computer leihen. Die Freude, die wir ihm damit bereiten, fällt auf uns selber zurück. Wir kennen es ja auch aus eigener Erfahrung, wie schön es ist, wenn wir beschenkt werden, wenn ein anderer etwas mit uns teilt, das er besitzt, und wir es auch haben dürfen. Es zählt plötzlich ein ganz anderer Maßstab, als das Festhalten am Eigentum. Wir teilen und lieben, kommen uns näher und werden eins. Freude entsteht, und das Evangelium wird Wirklichkeit.

Und das muss sich auch nicht nur auf äußere materielle Dinge beziehen. Genauso wichtig ist es, dass wir Erfahrungen, Ideen und Gedanken, Zuversicht und Vertrauen miteinander teilen. Wenn jemand uns erzählt, was er in einen anderen Land, bei einer schönen Begegnung oder einer interessanten Lektüre erfahren hat, dann schenkt uns das mehr Sicherheit und zeigt uns Wege auf, wie wir in unserer Situation handeln können. Wir sind dankbar, wenn wir Anteil gewinnen an den Erlebnissen der anderen.

Es gibt dazu ein schönes Sprichwort, das lautet: „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Es sagt uns, wie gut es uns tut, wenn jemand mit uns fühlt, sich auf unser Leid einlässt und es mit uns teilt, mit uns trägt. Dann wird es leichter. Wir fühlen uns nicht allein, denn da geht jemand mit uns hinein in die leidvollen Gefühle, die uns bedrücken.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir alle sicher Dinge erlebt, die uns belastet oder traurig gemacht haben. Wir hatten Angst und waren unsicher, wütend oder nervös. So tat es gut, wenn jemand das alles mit uns ausgehalten hat und wir unsere Sorgen und Ängste teilen konnten. Sie werden leichter, wenn wir damit nicht allein sind. Wir fühlen uns dazu gehörig und sind nicht ausgeschlossen.

Und umgekehrt ist es mit der Freude. Wir haben in uns den Drang, unsere Freude auch vor anderen auszudrücken. Und wenn der andere sich ehrlich mit uns freut, dann vertieft das unsere Freude. Sie wird gleichsam verdoppelt. Wir freuen uns dann miteinander an schönen Erlebnissen und Gedanken, an den Zusammenhalt in der Familie, an der Gesundheit und der Zuversicht. Das Teilen tut uns allen gut, ob es nun um unseren Besitz oder unsere Güter geht, unser Leid oder unsere Freude, unsere Erfahrungen oder Gedanken.

Denn wir dürfen dabei daran glauben, dass Jesus Christus bei uns ist. Er ermutigt uns zum Geben und zum Nehmen, wie es gerade nötig ist, und er schenkt uns die Freude und die Dankbarkeit, wenn das Teilen gelingt. Auf diese Weise verwirklicht sich sein Friede, und sein Reich wächst. Es muss gar nicht das Ideal der vollkommenen Gütergemeinschaft sein, es reicht schon, wenn die Liebe Christi hier und da in der Welt vorkommt und Menschen tröstet und ermutigt. Unser Alltag wird damit aufgehellt.

Der englische Geistliche John Raphael Peacy hat ein schönes Lied gedichtet, das all diese Gedanken wiedergibt. Er lebte von 1896 bis 1971 in Brighton und schrieb viele geistliche Lieder, die bis heute gesungen werden. Der evangelisch- methodistische Pastor Stefan Weiler hat das besagte Lied im Jahr 2000 ins Deutsche übersetzt. Ich habe es im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine gefunden, dort lautet es folgendermaßen:

1. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt! Habt guten Mut, weil Gott sich zu euch stellt. Seine Gedanken werden eure sein. Ihr werdet wachsen in sein Reich hinein. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt!

2. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt, Liebe, die tröstet, wo Verzweiflung quält, die Menschen nachgeht, die verloren sind, und noch im Fernsten sieht das Gotteskind. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt!

3. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt, Stärke, bei der ein neuer Maßstab zählt: die überzeugt, nicht unterdrücken will und sich doch durchsetzt – nachhaltig und still. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt!

4. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt, Freude, die auch das Alltagsgrau erhellt, die über jede Gabe staunen kann und dankt für das, was Gott an uns getan. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt!

T: vor 1971 John Raphael Peacy „Go forth for God, go to the world in peace“ ;  deutsch: 2000 Stefan Weller;
M: 1551 Loys Bourgeois / 1562 London;
Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine Nr. 547)

Amen.

Der Predigt liegt ein Text von Anselm Grün zu Grunde, den ich z.T. zitiert habe, ohne es jeweils anzugeben. Ihr findet ihn in folgendem Buch:
Anselm Grün, Der Engel der Einfachheit und andere himmlische Boten, die das Leben leichter machen; Freiburg, Basel, Wien 2014; S. 88 : „Der Engel des Teilens“

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