Sieben Wochen ohne Pessimismus

Geistlicher Impuls zur fünften Fastenwoche

Psalm 62, 2- 8: „Mein Zuversicht ist bei Gott“
März 2020

1. Einleitung

Die Fastenzeit steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Als dieses Thema ausgesucht wurde, ahnte noch kein Mensch, wie aktuell es werden würde: Plötzlich brauchen wir die Zuversicht mehr als alles andere. Ein Virus bedroht unsre Gesundheit, unsere Wirtschaft, unser soziales Leben und unsere Psyche, wie es noch nie dagewesen ist, und das auf der ganzen Welt, in allen Ländern. Die Menschheit ist empfindlich getroffen worden.

Natürlich setzen wir unsere Zuversicht auf die Medizin und die Politik, auf unsere eigene Disziplin, unser Durchhaltevermögen und unseren Zusammenhalt. Trotzdem liegt die Versuchung, dem Pessimismus zu erliegen, ständig auf der Lauer und will uns ergreifen. Sie kommt in der Gestalt der Mutlosigkeit, Traurigkeit, Wut, einem ganzen Gemisch aus negativen Gedanken und Gefühlen. Gelegentlich übermannt sie uns auch.

Es wäre aber fatal, wenn wir dieser Versuchung zu sehr nachgeben und ihr am Ende erliegen, denn dann wird alles nur noch schlimmer. Es ist wichtig, ihr zu widerstehen. Texte aus der Bibel können uns dabei helfen. Für die fünfte Fastenwoche ist ein Abschnitt aus Psalm 62 vorgeschlagen, in dem das Thema lautet: „Meine Zuversicht ist bei Gott.“

2. Psalm 62, 2- 8

2 Meine Seele ist stille
zu Gott, der mir hilft.
3 Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,
dass ich gewiss nicht fallen werde.
4 Wie lange stellt ihr alle einem nach,
wollt alle ihn morden,
als wäre er eine hangende Wand
und eine rissige Mauer?
5 Sie denken nur, wie sie ihn stürzen,
haben Gefallen am Lügen;
mit dem Munde segnen sie,
aber im Herzen fluchen sie. SELA.
6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /
der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.

3. Auslegung

Der Dichter dieses Psalms ist in bedrängter Lage. Von seinen ehemaligen Freunden verlassen und verfolgt, kommt er sich vor wie eine „sinkende Wand, wie eine Mauer, die vom Einsturz bedroht ist“. Die Angriffe seiner Gegner haben ihn zermürbt, und er droht, unter dem seelischen Druck zusammenzubrechen. Ein innerer Kampf spielt sich in seiner Seele ab. Er ringt zwischen Verzweiflung und Gottvertrauen.

Am Ende siegt das Vertrauen, deshalb beginnt sein Psalm mit dem Bekenntnis, dass er „bei Gott Hilfe“ gefunden hat. Er hat seinen Blick ganz auf Gott konzentriert, sich betend für Gott geöffnet und das Suchen nach menschlicher Hilfe aufgegeben. Er hat sich restlos Gott anvertraut und sieht nur noch den Einen, der ihm „Hilfe, Fels und Burg“ ist.

Dadurch sind die unruhevollen Gedanken, die ihn quälten, einer großen Stille gewichen. Er wurde aus seinen menschlichen Sorgen und Bedrängnissen herausgehoben. Seine Seele ist ruhig geworden. Das Hin und Her der Ängste ist vorbei. Er ist innerlich Herr geworden über seine Not.

Er hat Abstand gewonnen zu dem, was ihm widerfährt, und dadurch kann er es ganz anders einordnen. Er hat den richtigen Maßstab und ein sicheres Urteil erworben. Gott hat sich ihm offenbart und ihm Klarheit geschenkt. Dabei ist ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Situation durchaus bewusst, er macht sich nichts vor und gibt sich keiner Illusion hin. Aber er bleibt innerlich der Überlegene, er zerbricht daran nicht und lässt sich nicht besiegen. Denn er hat eine Position eingenommen, die ihn über alle Not hinweghebt: Es ist der Blick des Glaubens, von dem her er nun Hoffnung und Zuversicht erhält.

Und das ist ein wunderbares Zeugnis echter Gebetshaltung. Der Beter hat es aufgeschrieben, weil er andere zu demselben Vorgehen einladen möchte. Und es tut gut, wenn wir dieser Einladung folgen.

4. Anwendung

Dafür gibt es ein ganz konkretes Mittel. Es ist die häusliche Andacht und Zeiten der Stille. Wir sind eingeladen, sie in unseren Alltag einzubauen. Gerade jetzt haben wir dazu wunderbare Möglichkeiten. Die Ausgangsbeschränkungen binden uns alle mehr an das Haus, wir haben viel Zeit und dürfen uns noch nicht einmal zum Gottesdienst versammeln. Aber das muss uns nicht daran hindern, ihn einzeln, zu Zweit oder mit der Familie bei uns zu Hause zu feiern. In vielen Gemeinden wird dazu jetzt eingeladen, und das ist sehr schön. Wir können diese Form der Frömmigkeit wieder beleben.

Viele Christen und Christinnen haben das leider verlernt und führen genauso ein lautes und aktives Leben, wie alle anderen. Es ist voll von Begegnungen, Sinneseindrücken, Ablenkungen und Zerstreuungen, und den meisten bleibt kaum Zeit, um „zu Gott still zu werden“, zu schweigen und zu beten. Und das ist schade, denn eigentlich gehört das zu einem lebendigen Glauben dazu. Wir können es jetzt wieder einführen und uns am besten einmal am Tag hinsetzen, ein Kreuz oder ein biblisches Bild aufstellen, eine Kerze anzünden und Andacht halten. Es gibt dafür viele Anregungen, Bibellesepläne, Impulse zum Kirchenjahr, die Losungen, das Gesangbuch usw. Lasst uns das jetzt verstärkt nutzen.

Die Fastenzeit lädt uns dazu sowieso ein. Es ist die Zeit, in der wir „mit Jesus ziehen“, ihn auf seinem Leidensweg begleiten und an seinem Sterben teilhaben. Und dazu gehört es, dass wir vorübergehend „der Welt entfliehen“, uns aus allem zurückziehen, unser Bewusstsein in eine andere Richtung lenken und eine neue Dimension erfahren. Der Barockdichter Sigmund von Birken (1626-1681) hat diesen Weg sehr schön mit einem Lied beschrieben. Es beginnt mit der Strophe:
„Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach, immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch sein, glauben recht und leben rein, in der Lieb den Glauben weisen. Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.“ (EG 384,1) Es macht deutlich, dass das Leiden und Sterben Jesu zwar ein schwerer Weg war, der in die tiefste Tiefe führte, aber er endete dort nicht. Auch wenn die Jünger es vor seinem Tod noch nicht glauben konnten, danach haben sie bezeugt: „Der Herr ist auferstanden!“ Lasst uns diese Botschaft annehmen, dann werden wir auch „mit ihm leben“. (EG 384,4) So können gerade der Verzicht und das Fasten uns ganz neue Zuversicht geben. Sie entsteht nicht aus unseren menschlichen Gedanken, sondern aus der Gegenwart Gottes und der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu.

5. Auswirkung

Und das hat eine Wirkung, die weit über unsere eigene Frömmigkeit hinausweist. Wir werden nicht nur in der Seele ruhig, sondern es entsteht ein unsichtbares Kraftfeld des Gebetes, das uns miteinander verbindet und diese Welt umgibt. „Gott weiß die Beter überall“. So hat Jochen Klepper es 1938 in seinem Mittagslied ausgedrückt (EG 457,3). Und in einem Kirchenlied aus England von 1870 heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. So sei es, Herr: Die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“ (EG 266,3.5)

Das ist eine sehr schöne Verheißung, und wir können alle daran mitwirken, dass sie wahr wird. Gerade in diesen ungewöhnlichen Zeiten können wir dafür sorgen, dass das Gebet und das „Stillschweigen zu Gott“ nicht aufhören, dass immer irgendwo jemand auf Gott vertraut, dem Pessimismus widersteht und sich in Zuversicht übt. Wir können das Heil von Gott erwarten, es ruht längst bei ihm, der uns immer eine Zuflucht bietet, auf dem unser Dasein gegründet ist wie auf einen Felsengrund. Nicht bange Sorge, menschliche Ängstlichkeit und Wut sind die Gefühle, die unser Leben beherrschen sollten, sondern Zuversicht und Hoffnung, Geborgenheit und Vertrauen, Sicherheit und Kraft.

Amen.

6. Gebet des Klosters am Rand der Stadt

Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens immer
jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre kommst du in die Welt
und durch mein Herz zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben sind wir da,
draußen, am Rand der Stadt.
Herr, und jemand muss dich aushalten, dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst: Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.
Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern unten am Fluss wartet die Stadt auf dich.
Amen.
(Silja Walter)

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