Was die Kirche braucht

Predigt über Johannes 20, 19- 29: Die Vollmacht der Jünger

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 12.4.2015
9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Johannes 20, 19- 29

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!
23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.
26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und amein Gott!
29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, adie nicht sehen und doch glauben!

Liebe Gemeinde.
„Wie viele Leute waren denn da?“ Das werde ich fast immer als erstes gefragt, wenn ich von einer kirchlichen Veranstaltung erzähle. Sei es der Gottesdienst, eine Andacht, eine Gesprächsrunde, die „Zeit der Stille“ oder sonst etwas, am meisten interessiert es andere, die nicht da waren, wie hoch die Teilnehmerzahl war. Ich muss zugeben, dass ich diese Frage auch ganz oft stelle, obwohl ich das eigentlich nicht will. Denn was sagt das schon? Natürlich denken wir, dass eine Veranstaltung gut war, wenn viele Menschen mitgemacht haben. Aber ist die Anzahl der Teilnehmenden wirklich ein Qualitätsmerkmal? Können wir daran ablesen, ob etwas gut oder schlecht ist?
Es gibt Massenveranstaltungen, die sind fürchterlich, laut und oberflächlich, vielleicht sogar gefährlich und zerstörerisch. Wir müssen nur an das dritte Reich denken. Dagegen können kleine Zusammenkünfte manchmal wunderbar erfüllend sein, weil sie persönlich sind, dicht und intensiv. Es kommt zu echten Begegnungen und neuen Erkenntnissen.
Die Menge der Anwesenden sagt also nichts darüber aus, ob eine Zusammenkunft segensreich oder jämmerlich ist.
Auch für Jesus spielte das keine Rolle. Die Menschen sind ihm zu seinen Lebzeiten zwar in Scharen nachgefolgt, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Am Ende war er doch allein. Was blieb, war der kleine Kreis der zwölf Jünger, und das waren noch nicht einmal besonders großartige Menschen. Bei seiner Kreuzigung war ihr Verhalten kein bisschen glorreich und danach glänzten sie noch weniger: Sie versteckten sich hinter verschlossenen Türen aus „Furcht vor den Juden“, wie es im Evangelium von heute heißt.
Doch das reichte für Jesus, das war ihm gut genug. Er wählte genau diese kleine, verängstigte Schar, um sich als Auferstandener zu zeigen und durch sie das Evangelium in die Welt zu befördern. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Das war sein Auftrag. Und dann tat er das Entscheidende: Er „blies sie an und sprach zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“ Er schenkte ihnen Kraft und Zuversicht, erfüllte sie mit seiner Gegenwart, blieb innerlich bei ihnen und setzte sie in Bewegung. Er gab ihnen Vollmacht, anderen Menschen Sünden zu „erlassen“ und zu „behalten“.
Selbst Thomas, der gerade nicht da war, als dies geschah, wurde von ihm noch überzeugt. Er konnte nicht glauben, was die anderen ihm erzählten, reagierte ganz menschlich und zweifelte. Aber Jesus war es wichtig, dass er ihn genauso wie die anderen als Auferstandenen erlebte, und deshalb kam er nach acht Tagen noch einmal. Er erlaubte Thomas, ihn zu berühren und seine Wunden zu fühlen, und so ermöglichte er auch ihm den Glauben.
Fünfzig Tage später wurden sie dann aktiv. Beim Pfingstfest traten sie in Jerusalem auf die Straße und predigten das Evangelium. Die erste Gemeinde entstand, aus der dann die Kirche erwuchs. Ihr Fundament ist Jesus Christus selber, der Gekreuzigte und Auferstandene. Er hat sie ins Leben gerufen, er hat seinen Geist geschickt und dafür gesorgt, dass bis heute Menschen an ihn glauben und sein Heil empfangen.
Und das ist wichtig, daran sollten wir uns immer wieder erinnern. Uns, die wir hier sitzen, bedeuten die Kirche und der Glaube ja etwas, und sicher freuen wir uns alle, wenn möglichst viele Menschen mitmachen. Wir sind oft traurig über die geringe Zahl der Gottesdienstbesucher, zweifeln an unserer Bedeutung und verzagen. Die Kirche ist uns zu leblos, und wenn wir nichts tun, stirbt sie bald ganz. Das ist unsere Sorge. In vielen Gesprächen und Überlegungen ist es deshalb Thema, wie wir das ändern können.
Über Öffentlichkeitsarbeit wird dann nachgedacht und geredet. Wie können wir unser Image aufpolieren? Es müssen gute Prospekte her, bunte Internetseiten, Präsenz in den Medien. Auch mit unseren Angeboten richten wir uns oft nach den Bedürfnissen der Menschen. Wir gestalten Gottesdienste und unsere Zusammenkünfte modern und abwechslungsreich, bieten gute Unterhaltung und ansprechende Themen. Psychologische Erkenntnisse werden umgesetzt, soziologische Untersuchungen und Umfragen berücksichtigt. Wir werten aus, was wir über die Gesellschaft und die Menschen wissen, und entwickeln Konzepte und Methoden, wie das Evangelium heutzutage da hinein wirken kann. Im Studium gibt es dafür das Fach „praktische Theologie“. Im Vikariat werden die zukünftigen Pastoren und Pastorinnen weiter geschult, und auch Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, sowohl haupt- als auch ehrenamtlichen, wird ein reichhaltiges Fortbildungsprogramm angeboten. Auf allen Ebenen wird daran gearbeitet, dass wir als Kirche besser werden und mehr Menschen gewinnen und binden.
Und möglicher Weise gelingt es der einen oder anderen Gemeinde dadurch tatsächlich, viele Menschen zu erreichen und zu begeistern. Vielleicht haben sie ein völlig neues Gottesdienstkonzept entwickelt, ihre Kirche modernisiert, ein Projekt zum Gemeindeaufbau erfolgreich durchgeführt usw. Das ist dann wunderbar und natürlich auch nicht verkehrt. Wir müssen schon mit der Zeit gehen, innovativ bleiben und uns auf die Menschen und die Gesellschaft einstellen. Aber liegt darin wirklich die Antwort auf all unsere Probleme? Helfen diese Überlegungen, dass sich die Lage grundlegend verbessert?
Ich finde das viele Nachdenken über die richtigen Aktivitäten manchmal ermüdend, denn sie hängen so sehr von unseren Ideen und unserer Kraft ab. Wir setzen uns selber unter einen starken Druck, brauchen viele Menschen und am besten mehr Geld. Wir strengen uns an und sind irgendwann erschöpft und ausgelaugt. Wir können nicht mehr. Daran liegt es wohl auch, dass trotz aller Bemühungen noch kein allgemeiner Aufwärtstrend zu erkennen ist. Und so kommen zu der Anspannung oft noch Enttäuschung und Frustration dazu.
Richtig gut scheint es nur den sogenannten charismatischen oder Pfingstgemeinden zu gehen. In Amerika ist dieser Glaubensstil sehr verbreitet. Da gibt es inzwischen sogenannte „Gigakirchen“. Sie sehen aus wie riesige Stadien, es kommen jeden Sonntag zigtausend Menschen zusammen und feiern ausgelassen Gottesdienst. Rundherum sind Räume für alle Bedürfnisse, für jeden ist gesorgt. Man kann singen und beten, etwas über den Glauben lernen und diskutieren, seine Sünden beichten, Vergebung empfangen und geheilt werden. Es geschehen Zeichen und Wunder, der Geist Gottes ist mächtig am Werk und verteilt seine Wohltaten und seinen Segen.
So könnten wir es natürlich auch machen, wir müssten nur entsprechend glauben und predigen. Aber wollen wir das? Ich selber finde diese Art der Kirchen unattraktiv, sie sind mir viel zu laut und aufregend. Die Gottesdienste ähneln einer Show, bei der eine großartige Stimmung erzeugt wird. Die Predigten sind fundamentalistisch und oft manipulativ. Es entsteht ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Das Ganze hat rauschhafte Züge. Und bestimmte Methoden stehen dahinter genauso. Es wird z.B. mit viel Druck und Angst gearbeitet: Wer sich nicht freut, glaubt noch nicht richtig, wer krank ist, versteckt irgendeine Sünde, und wer zweifelt, hat sich noch nicht ganz entschieden. Außerdem sind mir Massenbewegungen wie gesagt immer suspekt. Der oder die Einzelne muss sich anpassen und mit schwimmen, einen individuellen Weg gibt es nicht.
Das kann also auch nicht die Antwort sein. Doch wo liegt sie dann? Wie sollen wir mit der Misere denn nun umgehen?
Darauf gibt uns unser Predigttext eine Antwort, denn er zeigt uns, wie es anfing, und zwar mit Jesus Christus selber. Er ist zu den Jüngern gekommen und hat ihnen seinen Geist eingehaucht. Und das muss auch bei uns geschehen.
Es ist keine Alternative zu all den guten Methoden, die wir inzwischen entwickelt haben, aber es muss immer der Anfang von all unserem Handeln sein, der erste Schritt, der Ursprung, aus dem heraus wir reden und arbeiten. Die anderen Aktivitäten folgen dann, sie sind sekundär. Lassen Sie uns deshalb fragen, wie wir für die Gegenwart Christi wach bleiben und seinen Geist immer wieder empfangen können.
Dafür ist es zunächst einmal wichtig, dass wir aufhören, zu sehr über die Zahlen der Gottesdienstbesucher oder Kirchenmitglieder nachzudenken. Wir sollten uns die Frage „Wie viele waren denn da?“ wirklich einmal verkneifen. Stattdessen ist es gut, zu den kleinen Zahlen zu stehen. Der Erfolg lässt sich daran nämlich nicht ablesen. Denn es geht bei unseren Gottesdiensten und in unsren Gemeinden nicht um riesige Events und eine Bombenstimmung. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wie nahe ist Jesus Christus? Und was will er? Wo stehen wir gerade und was bewegt uns jetzt am meisten? Das ist eine ganz persönliche Frage an jeden und jede Einzelne. Wir müssen in uns gehen, um sie zu beantworten, und dazu brauchen wir keine laute Musik. Im Gegenteil, es ist gut, wenn es einmal still wird, damit wir uns selber spüren und genau in unser Leben hineinschauen können. Wir müssen es annehmen und erkennen, dass unsere Kraft oft sehr gering ist. Wir sind nicht besonders erfolgreich, wir sind keine Helden und Heldinnen und zweifeln manchmal wahrscheinlich genauso wie Thomas. Darunter leiden wir zwar, aber wir müssen daran selber nichts ändern, denn das können wir gar nicht. Diese Erkenntnis wäre der erste Schritt, um Christus nahe zu kommen.
Als zweites ist es wichtig, dass wir uns von ihm anrühren lassen. Er lebt und er will uns seinen Geist einhauchen, wir müssen dafür nur bereit sein. Und dafür ist es gut, wenn wir gerade einmal aufhören, uns zu viele Gedanken über bessere Methoden zu machen. Möglicherweise verhindern wir damit das Entscheidende, weil wir viel zu beschäftigt sind. Wir sind voll von unseren eigenen Ideen, Termine nehmen uns in Anspruch, Konzepte blockieren unseren Geist. Wir können das alles ruhig einmal loslassen, es bei Seite schieben und stattdessen empfangen, was Christus uns schenken möchte. Es ist seine lebendige Gegenwart, seine Liebe und sein Geist. Wir werden mit allem ausgerüstet, was nötig ist, damit wir leben können, und seine Gemeinde wächst. Wir müssen nur auf ihn schauen, ihn kommen lassen und ihm begegnen. Wir können ihn zwar nicht mehr leibhaftig anrühren wie Thomas das tat, aber wir können ihm trotzdem ganz nahe kommen. Denn er will in uns einziehen und von innen her alle Zweifel ausräumen. Wenn wir das zulassen, empfangen wir Kraft und Zuversicht. Das ist das Zweite.
Und als drittes entsteht daraus natürlich etwas. Zunächst einmal geschieht etwas mit uns: Der Glaube wirkt sich aus, und zwar nicht erschöpfend und auslaugend, sondern er macht uns wirklich froh. Wir entspannen uns, der Krampf löst sich auf, wir sind nicht müde und enttäuscht, sondern erfüllt und glücklich. Und das wirkt überzeugender und einladender als alles andere. Kein toller Prospekt kann das ersetzen, es muss allen abwechslungsreichen Programmen vorweggehen. Wenn wir lebendig sind, authentisch und erfüllt, dann wird wirklich etwas besser. Wir sind dann auch nicht mehr enttäuscht, wenn nur wenig Menschen zu uns kommen. Die Frustration verschwindet, und wir freuen uns an denen, die da sind. Und sie kommen ja. Wir sind nicht unbedeutend, sondern können anderen genau das geben, was sie wahrscheinlich am meisten suchen: Ein tiefes Vertrauen auch im Leid, eine Hoffnung, die nicht vergeht, und eine Liebe, die befreit.
Deshalb gibt es die Kirche auch bis heute – mit all ihren unterschiedlichen Ausrichtungen. Es liegt nicht an daran, dass sie immer so toll war, im Gegenteil, im Laufe der Geschichte hat es unzählig viele Verirrungen und Irrtümer gegeben, falsche Wege und Sackgassen. Aber das hat Jesus Christus nicht davon abgehalten, in ihr gegenwärtig zu sein. Keine Konfession hat ein Patentrezept, aber in allen ist Christus am Werk, natürlich auch in den Pfingstgemeinden. Und es ist gut, wenn wir uns daran einfach freuen. Wie viele Menschen mitmachen, ist nicht entscheidend, wichtig ist, dass sie überhaupt da sind, dass die Sache Christi weitergeht, und dass wir alle immer wieder Vertrauen, Hoffnung und Liebe empfangen und in die Welt tragen.
Amen.

Jesus zieht ein

Predigt über Johannes 12, 12- 19: Der Einzug in Jerusalem

6. Sonntag in der Passionszeit, Palmarum, 29.3.2015, Lutherkirche Kiel

Johannes 12, 12- 19

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,
13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!
14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.
17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.
18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, aalle Welt läuft ihm nach.

Liebe Gemeinde.
Wenn Staatsoberhäupter oder Stars empfangen werden, darf der Rote Teppich nicht fehlen. Er wird meist lang ausgerollt, auf Treppen, aber auch am Flughafen, und soll die Bedeutung der Personen, die darüber gehen, zum Ausdruck bringen.
Seine Geschichte ist Jahrtausende alt. Bereits im antiken Griechenland wurde der rote Teppich den Kriegshelden bei ihrer Rückkehr ausgelegt. Er war purpurrot, weil diese Farbe lange Zeit ein kostspieliger Luxus war, den sich nur einflussreiche Menschen leisten konnten. Bis heute verbinden wir mit dieser Farbe Eleganz und Einfluss, Liebe und Freude. Für die Helden von heute, Könige, Präsidenten und Filmgrößen gehört der Gang über den Roten Teppich zum Geschäft. Der Effekt ist derselbe geblieben: Bewunderung.
Wenn die Menschen in Jerusalem, die Jesus damals empfangen haben, einen roten Teppich zur Hand gehabt hätten, dann wäre er auch für ihn ausgerollt worden. Doch sein Einzug in die Stadt geschah eher spontan, er war nicht vorbereitet, und so improvisierten die Leute. Sie behalfen sich mit ihren Kleidern und Palmenzweigen.
Wir kennen die Geschichte alle. Beim Einzug Jesu in Jerusalem lief die Menge zusammen und begrüßte ihn überschwänglich. Es waren die Festpilger, die sowieso schon nach Jerusalem gekommen waren. Denn das alles ereignete sich kurz vor dem Passahfest. Da war die Stadt voller Menschen, die von überall her angereist waren, um zu feiern. Viele von ihnen kannten Jesus bereits oder hatten zumindest etwas von ihm gehört. Sie wussten, er konnte Wunder tun, und sie hielten ihn für den Messias, den großen Retter. So begrüßten sie ihn wie einen politischen König, einen Befreier, der ein neues Reich aufbauen würde. Sie nahmen Palmenzweige und riefen: „Hosianna“. Das heißt auf Deutsch: „Hilf doch“. Das war normaler Weise der Gruß für den König beim Einzug in den Tempel. Und so nennen sie Jesus auch: „König von Israel.“
Der Grund für diese Huldigung war ein Wunder, das er kurz vorher bewirkt hatte. Er hatte Lazarus von den Toten auferweckt, einen Mann, den einige von ihnen kannten. Die Nachricht darüber hatte sich in Windeseile in der Stadt verbreitet, und die Menschen waren entsprechend begeistert und aufgeregt. Es ist verständlich, dass sie ihn mit Tanz und Gesang willkommen hießen.
In Wirklichkeit passte das allerdings gar nicht zu ihm und zu dem, was dann folgte. Die Geschichte entwickelte sich ganz anders, denn die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohen-priester bekamen Angst vor dieser Massenbewegung. Sie waren wütend und entsetzt und sprachen untereinander: „Alle Welt läuft ihm nach!“ Das konnten sie nicht ertragen, und sie dachten sich einen Plan aus, mit dem sie ihn fassen und vernichten könnten.
Jesus wusste das, und es sieht so aus, als ob er absichtlich in die Falle gegangen ist, die ihm in Jerusalem gestellt werden sollte. Möglicherweise wollte er auch gar nicht so großartig empfangen werden, denn was er brachte, war etwas ganz anderes, als die Menschen erwarteten.
Es klingt in dieser Geschichte an, und wir können es mit den beiden Stichworten „Gehorsam“ und „Liebe“ benennen. Der Gehorsam wird daran deutlich, dass er hier nur tut, was in der Bibel vorgezeichnet war. Es war nicht seine Idee, so nach Jerusalem zu kommen, er folgte einfach seiner Bestimmung und sagte selber nichts. Er wollte nicht die Macht ergreifen, sondern schwieg und lieferte sich aus.
Und dass er in liebevoller, friedfertiger Absicht kam, wird an dem Reittier deutlich, dass er wählte. Es war bewusst ein Esel und kein Pferd, denn die wurden damals nur im Krieg verwandt. Sie zogen die Streitwagen und trugen die Soldaten. Ein Esel dagegen bedeutete von vorne herein, dass jemand frei von Aggressionen war und es gut meinte. Und das war die Grundhaltung Jesu, das machte ihn aus. Deshalb passte der triumphale Einzug, den die Menschen ihm bereiteten, eigentlich nicht zu ihm und seinem Weg.
Trotzdem ist die Geschichte wichtig, um Jesus zu verstehen, denn sie will gerade diesen Widerspruch hervorheben. Es soll gezeigt werden, dass Jesus entgegen allem, was danach geschah, doch etwas Göttliches an sich hatte, und dass es richtig war, wie die Menschen ihn empfingen. Er war der Sohn Gottes. Und das Kreuz, an dem er starb, war keine Niederlage, sondern von Gott gewollt und damit in geheimnisvoller Weise bereits seine Erhöhung. Und die ist in der Tat ein Grund zum Feiern und zur Freude.
Das ist hier die Botschaft, und die bedeutet für uns zweierlei: Zum einen sollen auch wir Jesus in unserem Leben wie einen König empfangen, in ihm den Sohn Gottes erkennen, ihm vertrauen und ihn mit Ehren begrüßen. Zum anderen sollen wir unser eigenes Leid annehmen und Jesus in Tod und Auferstehung folgen. Wir können uns also vorstellen, dass wir ihm in unserem Geist und unserer Seele einen roten Teppich ausrollen, ebenso in unserer Gemeinschaft und unserem Handeln. Denn er kommt immer noch zu uns und lädt uns zur Nachfolge ein. Er will uns seine Liebe schenken und auch uns zum Gehorsam befähigen.
Doch was heißt das nun? Und wollen wir das überhaupt? Das klingt zum einen recht fromm und innerlich. Wo bleiben die Taten und die Lebensgestaltung? Zum anderen mögen wir den Gehorsam nicht besonders, schon gar nicht, wenn es um Leiden und Sterben geht. Das vermeiden wir lieber, und so organisieren wir auch unser Leben.
Selbst als Christen sind wir am liebsten aktiv. Wir haben vor Augen, was Christus alles Gutes getan hat, und das streben wir ebenfalls an. Wir wollen unser Leben und die Welt mitgestalten, sie besser machen, etwas tun und bewirken. So setzen wir uns für unser Wohlbefinden und auch unsere Mitmenschen ein, engagieren uns für Frieden und Gerechtigkeit, üben Nächstenliebe und leben Gemeinschaft. Und das wird auch von uns erwartet. Die Welt hat genau dieses Bild von den Christen. Wir stehen Forderungen und Vorstellungen gegenüber und versuchen, sie zu erfüllen.
Dadurch haben wir so unsere Fragen an zu viel Innerlichkeit und Leidensbereitschaft. Das ist uns wie gesagt oft zu wenig und auch zu unbequem.
Aber ist unser Konzept schlüssig? Geht diese Strategie der Werke und Taten auf? Wir sollten auch einmal anders herum fragen, ob denn all die Aktivitäten, die wir so ausüben, wirklich heilbringend sind. Dabei können wir uns vorstellen, dass Jesus das tut. Er steht vor uns und fragt uns: Wo willst du hin? Wonach sehnst du dich, und findest du es? Erreichst du deine Ziele? Und wie geht es dir dabei? Dann müssen wir zugeben, dass vieles an unserer Lebensführung zweifelhaft ist. Zum einen stehen wir dauernd unter einem gewissen Druck. Wir beugen uns unter Leistungsanforderungen und sind irgendwann erschöpft. Müdigkeit stellt sich ein. Denn Enttäuschungen und Niederlagen bleiben nicht aus, und all das zehrt an unseren Kräften und unserer Motivation. Unsere eigenen Grenzen planen wir nicht ein, denn wir wollen gerne gut sein, sogar möglichst perfekt.
Doch irgendwann bekommen wir zu spüren, dass das nicht so einfach ist, und das tut dann weh. Wir bleiben irgendwo stecken, irgendetwas macht uns einen Strich durch die Rechnung und wir müssen aufgeben. Der Lebensentwurf, bei dem das eigene Handeln im Mittelpunkt steht, funktioniert nur so lange, wie wir gesund und kräftig sind. Alter, Schwachheit und Krankheit haben keinen richtigen Platz darin. Auch Trauer und Verlust, Angst und Sorgen müssen außen vor bleiben. Auf das Leid gibt uns diese Einstellung keine befriedigende Antwort. Es stört einfach nur, und der Tod erst recht.
Das alles sollten wir erkennen und zugeben, wenn Jesus uns fragt, ob unser Leben eigentlich gelingt. Denn das öffnet uns macht uns empfangsbereit. Wir begrüßen ihn plötzlich gerne, und das Evangelium gewinnt eine ganz neue Strahlkraft. Wir ahnen, dass Jesus auf die Fragen, die er uns stellt, eine Antwort hat. Und die besteht darin, dass er uns einlädt und befähigt, unser Leid anzunehmen, die Unvollkommenheit auszuhalten und nicht alles von unserer eigenen Kraft zu erwarten. Er zeigt uns, dass wir uns ruhigen Gewissens den Forderungen auch einmal entziehen und uns von dem Druck befreien dürfen. Denn wir müssen uns unter nichts anderes beugen, als unter ihn und seine Liebe. Er rührt uns an und kann uns verändern. Die Wirkung des Evangeliums beginnt im eigenen Leben, in der Seele und im Geist. Und nur wenn das geschieht ist, kann sich auch um uns herum etwas tun. Der Weg der Liebe Christi geht von innen nach außen.
Es ist also wirklich ratsam, Jesus immer wieder den roten Teppich in unserem Leben auszurollen, ihn einziehen zu lassen und ihn mit Ehren zu empfangen. Es gilt, sich selber zu spüren und die eigene Erlösungsbedürftigkeit anzunehmen. Leid und Tod lassen sich nicht vermeiden, geschweige denn abschaffen. Sie gehören zu unserem Leben dazu, und es ist heilsam, sie einzubeziehen. Dazu will Jesus uns befähigen, diese Kraft will er uns schenken.
Und nicht nur das, er befreit uns auch von unseren Nöten. Denn er kommt wirklich zu uns und nimmt unser Leben in seine Hand. Er ist längst auf dem Weg und schenkt uns seine vollkommene Liebe. Bei ihm finden wir, was wir suchen. Wir müssen nur zu ihm rufen, ihn im Geist begrüßen und ihm nachfolgen.
Dann verändert sich etwas. Wir kreisen damit nicht um uns selbst und versauern auch nicht in unseren Kirchen. Wenn wir wirklich erleben, wie nah Jesus uns ist, und seine Hilfe annehmen, dann treibt uns das auch zu den Menschen. Ganz von alleine geben wir seine Liebe weiter und schenken das, was wir empfangen haben, anderen. Wir gestalten die Welt und unser Miteinander durch die Kraft Christi.
Und das unterscheidet sich von dem, was andere Menschen erreichen. Wir Christen sind ja nicht die Einzigen, die sich für die Welt engagieren. Gerechtigkeit und Frieden werden auch von anderen Gruppen und Institutionen propagiert. Sie sind kein Alleinstellungsmerkmal der Kirchen, wie man so schön sagt. Wenn es nur darum ginge, bräuchten wir Christus auch nicht unbedingt. Das geht mit der Vernunft und einem besonnenen Verhalten genauso gut.
Wenn wir aber nach einer wirklich tiefgreifenden Antwort auf das Leid suchen, auf Fragen, für die es keine einfache Lösung gibt, die uns ratlos machen und verstummen lassen, um den Sinn des Lebens und die Schrecken des Todes, dann brauchen wir mehr. Dann brauchen wir den, den Gott gesandt hat, um uns einen Weg zu bahnen, der weiterführt, der die Ewigkeit für uns öffnet und uns ein Heil schenkt, das größer ist als diese Welt.
Wir sind eingeladen, an den Sohn Gottes zu glauben. Und nur wenn wir ihm immer wieder den roten Teppich ausrollen, werden wir wirklich befreit und erlöst. Amen.

Durch Sterben zum Leben

Predigt über Johannes 12, 20- 26: Die Ankündigung der Verherrlichung

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 15.3.2015, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Johannes 12, 20- 26

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.
26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und awo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Liebe Gemeinde.
Es gibt vier liturgische Farben zu den verschiedenen Festen und Zeiten des Kirchenjahres, in denen jeweils passende Paramente aufgehängt werden, vor dem Altar und an der Kanzel. Jetzt sind sie violett, denn das ist die Farbe der Sammlung für die Buß- und Fastenzeiten. Ostern ist dann die Farbe Weiß dran, die als Innbegriff des Lichtes gilt. Wir nehmen sie für alle Christusfeste und besonderen Feiertage. Dann gibt es noch rot, die Farbe, die an die Liebe, das Feuer und das Blut erinnert und für die Feste des Heiligen Geistes und der Kirche vorgesehen ist. Und die vierte Farbe ist grün als Symbol für das Wachstum. Sie hängt hier in den Zeiten ohne besondere Feste.
Für den heutigen Sonntag, den vierten Sonntag der Fastenzeit steht nun im Sonn- und Feiertagskalender folgender Hinweis: „Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt werden.“ Rosa ist eine Mischfarbe aus viel Weiß und blaustichigem Rot. Es hat einen optimistischen, erfreulichen und positiven Charakter. Aber natürlich haben wir kein rosa Parament, denn wer schafft sich so etwas schon für einen einzigen Sonntag im Kirchenjahr an?
Trotzdem ist die Anweisung interessant. Sie besagt, dass der Ernst der Fastenzeit heute einmal kurz unterbrochen wird, ein kleiner Spalt öffnet sich und wir sehen bereits etwas von der Freude, auf die wir uns in dieser Zeit vorbereiten, von Ostern und der Auferstehung.
Das kommt auch sehr deutlich in der Lesung aus dem Johannesevangelium zum Ausdruck, die wir vorhin gehört haben. Sie ist ein Teil eines Gespräches, das Jesus mit seinen Jüngern führt. Sie waren bereits in Jerusalem, um am Passafest teilzunehmen. Die Stadt war also voll von Menschen, und Jesus hatte bei seinem Einzug auch Aufsehen erregt.
Nun wollten ein paar Griechen „ihn sehen“ und baten den Jünger Philippus, ihnen eine Audienz zu vermitteln. Damit fängt der Abschnitt an. Die Griechen spielen dann allerdings gar keine Rolle mehr, denn zu der Begegnung kommt es nicht. Wahrscheinlich werden sie hier nur erwähnt, weil sie keine Juden, sondern Heiden waren. Es soll gezeigt werden, dass die Heiden sich bereits vor Ostern für Jesus interessierten, ihn aber da noch nicht „sehen“ konnten. Erst nach seiner Auferstehung, durch die Wirkung des Heiligen Geistes kamen auch sie zum Glauben an ihn und gehörten zur Kirche. Hier geht Jesus noch nicht auf sie ein.
Er führt vielmehr mit seinen Jüngern ein Gespräch und kündigt ihnen seine „Verherrlichung“ an: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ Das sind seine einleitenden Worte. Die klingen zwar großartig, bedeuten aber, dass Jesus kurz vor seinem Kreuzestod stand. Das ganze Johannesevangelium ist von der Vorstellung durchzogen, dass Jesus am Kreuz bereits verherrlicht wurde. Die gesamte Erzählung läuft auf dieses Ereignis zu. Seine Sendung erfüllt sich darin, und nun ist diese Stunde nah.
Das wusste Jesus, und hier redet er darüber mit seinen Jüngern. Vor allen Dingen will er es ihnen erklären, und das tut er mit einem Bild aus der Natur oder der Landwirtschaft: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Damit beschreibt er seinen Tod und dessen Wirkung. Er wird nicht sinnlos sein, sondern Frucht tragen und neues Leben schaffen. Er wird den Menschen das Heil bringen.
Doch das geschieht nur, wenn sie ihm glauben und ihm nachfolgen. Und was das bedeutet, sagt er mit dem nächsten Satz: „Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“ Liebe und Hass werden als Stichworte eingeführt, und die sind in diesem Zusammenhang überraschend und provozierend: Der Mensch soll sein Leben „hassen“ und Gott lieben. Er soll in dieser Welt ebenfalls den Tod annehmen und sich auf die Ewigkeit ausrichten, auf das Leben nach oder außerhalb dieser Welt. Das ist die Aufforderung Jesu, und sie ist eine starke Zumutung an die Hörer. Er fordert sie bewusst heraus, wie er es ja oft getan hat.
Hier setzt er die Aussage mit dem traditionellen Nachfolgespruch fort, der lautet: „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ Wer zu Jesus gehören will, muss sich für ihn entscheiden und ihm auf dem Weg zum Kreuz folgen, d.h. er muss bereit zum Leiden und Sterben sein. Nur dann wird er dort hinkommen, wo Jesus sein wird: in die Herrlichkeit des Vaters, zu Gott. Der wird ihn dann „ehren“, und damit ist in diesem Zusammenhang retten und lieben gemeint. Er wird ewiges Leben empfangen, Freude und Glückseligkeit.
Das ist hier die Botschaft, und die hat in der Tat einen gemischten Charakter, so wie die Farbe rosa eine Mischung ist. Sie ist weder ganz weiß noch ganz dunkel, sondern liegt irgendwo dazwischen. Und wir müssen uns fragen, was wir damit anfangen können. Wie wirkt das auf uns?
Möglicherweise hören wir hauptsächlich die dunklen Töne, denn sie ärgern uns. Einiges passt ganz und gar nicht in unser Denken. Warum sollen wir unser Leben „hassen“? Das ist doch völlig ungesund! So ist unsere Meinung, denn das klingt nach „Selbsthass“, und die Psychologie hat längst erkannt, welche zerstörerische Wirkung der hat. Meistens sind bereits negative Erlebnisse die Ursache: Schuld oder Gewalt, die einem widerfahren ist. Menschen meinen, sich selber bestrafen zu müssen und sie tragen diese Neigung ständig mit sich herum. Ein Leben im „Selbsthass“ ist geprägt von Zweifeln und Vorwürfen, Angst und Depression. Zerstörerische Kräfte sind am Werk.
Wer darunter leidet, braucht deshalb auf jeden Fall Hilfe, und die kann er auch bekommen. Es gibt wirksame Therapien, erfolgreiche Methoden, mit denen die betroffenen Menschen lernen, sich selber wieder zu lieben und zu achten. Denn nur wenn wir das können, sind wir auch lebensfähig. Wir brauchen unsere Würde und Selbstsicherheit, die Akzeptanz und den Sinn für das, was uns eigen ist. Wir müssen lieben, was zu uns gehört, unser Leben annehmen und wertschätzen. Es ist wichtig, dass wir uns selber verwirklichen. Es macht ja auch Spaß. Darin sind wir uns alle einig, es scheint heutzutage sogar das oberste Gebot zu sein, dem wir gerne alle folgen. Selbstverwirklichung wird ganz groß geschrieben.
Was sollen wir also mit der Aussage Jesu anfangen, „unser Leben in dieser Welt zu hassen“? Ist es nicht besser, sie zu ignorieren und bei Seite zu legen? Das wäre eine Möglichkeit, denn es gibt kein Gesetz, das uns vorschreibt, die Worte Jesu ernst zu nehmen. Natürlich können wir sie ablehnen und bei unserer Meinung bleiben.
Dir Frage ist bloß, ob das etwas bringt. Möglicher Weise lohnt es sich, trotz allem, was wir dagegen haben, über die Aussagen Jesu nachzudenken. Er will uns provozieren, uns herauslocken, unsere Gedanken in Bewegung setzen, und darauf können wir uns ja einmal einlassen.
Dabei ist es ratsam, dass wir das Wort „Hass“ etwas abmildern und andere Formulierungen Jesu beachten, die das Gleiche zum Ausdruck bringen. Wir finden sie sogar in demselben Satz, denn es geht um das Gegenteil von „lieben“, und es ist vom „verlieren“ die Rede. Außerdem ist wichtig, dass Jesus vom „Leben in dieser Welt“ redet. Wir sollen uns gar nicht „selber hassen“, nicht unseren Charakter oder unsere Geschichte, sondern eine bestimmte Tatsache, die problematisch ist. Und das ist unsere Zugehörigkeit zu dieser Welt, wir können auch sagen, unsere Gefangenschaft im Diesseits. Jesus will uns an die Endlichkeit und Begrenztheit des Lebens erinnern. Es ist vergänglich und führt viel Leid und Not mit sich. Denn die Welt, von der wir ein Teil sind, ist noch unerlöst. Es geht Jesus darum, dass wir das Leben in dieser Welt deshalb nicht unnötig festhalten, es nicht überbewerten und immer wieder seine Unvollkommenheit entlarven. Er lädt uns zur Nüchternheit und zur Distanz gegenüber der Welt ein. Wir sollen uns nicht in ihr verlieren, sondern wachsam sein und immer wieder loslassen. Wer sich an der Welt festhält, ist nicht gut beraten, denn er hält sich an Flüchtiges und manchmal auch an Böses. Er zieht das Unvollkommene dem Vollkommenen vor, das Zeitliche dem Ewigen, und das ist kein guter Weg. Er führt nicht zum Heil.
Jesus meint also nicht den „Selbsthass“, den die Psychologie zu Recht als krankhaft eingestuft hat, sondern einen gesunden Realismus. Wir sollen uns nicht selber zerstören, sondern „lernen, dass wir sterben müssen“, uns selber loslassen und unser Ich hingeben. Und das ist etwas ganz anderes.
Es ist auch kein Selbstzweck, sondern ein Weg, auf dem wir ein bestimmtes Ziel erreichen. Jesus hat etwas vor Augen, etwas Schönes und Herrliches, und das will er auch uns ermöglichen: „Wir sollen sein, wo er ist“, und die Liebe Gottes empfangen. Und das ist etwas ganz Großes, das ist mehr als diese Welt, das ist Freude und ewiges Leben.
Es lohnt sich also tatsächlich, seine Worte ernst zu nehmen und nicht zu sehr an diesem Leben zu hängen. Wir müssen es nicht aktiv hassen, sondern einfach nur erkennen, dass es uns lange nicht alles bieten kann, was wir uns wünschen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Selbstliebe und Selbstverwirklichung zum Glück führen, dass sie der allein seligmachende Weg sind.
Wenn wir ehrlich sind, wissen wir das auch. Wo führt es denn hin, wenn wir uns nur um uns selber drehen? Sicher ist eine Therapie in vielen Fällen zunächst wichtig und nötig, aber irgendwann ist die ja auch mal abgeschlossen. Dann sind wir hoffentlich stabil, und es kann weitergehen. Und darum geht es, um eine Lebensweise, die noch viel mehr beinhaltet als psychische Stabilität, noch mehr als Gesundheit und Ichstärke. Es geht um eine ganz große Freiheit und Gelassenheit, um echte Erlösung und „Verherrlichung“. Und die erreichen wir nur, wenn wir bereit sind zu sterben, d.h. unser Ich relativieren und wieder loslassen. Jesus lädt uns zu einer Lebenseinstellung ein, die nicht dauernd nach Problemlösungen fragt, sondern die das Leid einbezieht, bei der wir auch zu dem, was schwer ist, „ja“ sagen. Geduld und Leidensbereitschaft spielen dabei eine Rolle, und das sind positive und lebensschaffende Tugenden. Sie führen uns in eine große Ruhe, zum inneren Frieden und zu Gott. Um ihn geht es letzten Endes, Jesus möchte uns seine Nähe schenken. Und sie wird uns auch nur durch ihn, Jesus, möglich. Denn nur wenn wir ihn vor Augen haben, können wir loslassen und uns hingeben.
Und das ist ein ganz anderes Leben, als wenn wir die Selbstverwirklichung im Diesseits zu unserem Ziel erklären und nur danach fragen, was für uns jetzt in der Welt gerade das Beste ist. Vor dieser Verkürzung will Jesus uns bewahren, vor einer Reduktion, die nicht zum Heil führt. Denn wenn wir nur Selbstliebe anstreben, bleiben wir in unserem Ich gefangen, werden möglicherweise egozentrisch und selbstsüchtig. Und sie ist auf die Dauer auch anstrengend, denn wir müssen uns ständig um unser Glück bemühen. Menschen, die bis an ihr Lebensende mit ihrer eigenen Selbstverwirklichung in dieser Welt beschäftigt sind, verpassen ganz viel und haben sogar etwas Lächerliches an sich. Sie verfehlen ihre Bestimmung. Denn wir sind alle zu mehr berufen, als zu einem Leben im Diesseits. Jesus will uns die „Herrlichkeit des Vaters“ schenken, eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht, eine Zuversicht, die sich durch nichts erschüttern lässt und uns auch im Leid erhalten bleibt.
Er will, dass wir „Frucht bringen“, so wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt. Das ist ein wunderbares Bild für den Vorgang, den er hier beschreibt. Jeder Same muss im Erdreich verschwinden, bevor er zu einer Pflanze werden kann. So lange er an der Oberfläche bleibt, geschieht gar nichts. Irgendwann vertrocknet er. Erst wenn er in der Erde „erstirbt“, entsteht daraus neues Leben. Dieses Gesetz von Werden und Vergehen durchzieht die ganze Schöpfung. Es ist wie ein Schwingen vom Tod zum Leben, und darin müssen wir einwilligen, das müssen wir annehmen. Nur dann kann es hell in uns werden.
Und das ist in der Tat eine freudige Botschaft, zu der die Farbe rosa sehr gut passt. Das dunkle Violett mischt sich mit Weiß, denn wir erkennen bereits das Ziel, dem die Sammlung und die Buße der Fastenzeit dienen. Die Einladung Jesu, ihm zu folgen, hat einen optimistischen und positiven Charakter. Ein kleiner Spalt öffnet sich und wir erleben schon jetzt etwas von der Freude der Auferstehung, die wir Ostern feiern dürfen.
Amen.

Welche der Geist Gottes treibt

Predigt über Mt. 3, 13- 17: Die Taufe Jesu
11.1.2015, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

1. Sonntag nach Epiphanias, mit Einführung neuer Kirchenvorsteher

In dem Gottesdienst wurden drei Kirchenvorsteher, die ihr Amt abgegeben haben, entpflichtet, und drei Personen, die nun  als Kirchenvorsteher bzw. Kirchenvorsteherin beginnen. eingeführt.

 

Matthäus 3, 13- 17

13  Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s geschehen.
16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.
17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, ban dem ich Wohlgefallen habe.

Liebe Gemeinde.
Das Wort „Berufung“ hat mehrere Bedeutungen. So hat unser Kirchengemeinderat gerade drei Menschen dazu „berufen“, in diesem Gremium mitzuarbeiten. Das sieht das Kirchenrecht so vor, wenn andere ausscheiden, bevor Neuwahlen angesetzt sind. In dem Fall ist eine „Berufung“ ein bestimmtes, rechtliches Vorgehen, eine amtliche Ernennung für eine zeitlich begrenzte Aufgabe.
„Berufung“ kann aber auch noch eine tiefere Bedeutung haben und mit einer besonderen Befähigung einhergehen. Dann spürt jemand einen Auftrag in sich und fühlt sich z.B. zur Künstlerin berufen, zum Arzt oder zum Klosterleben. Die „Berufung“ beinhaltet in dem Fall eine Lebensentscheidung und eine Mission.
Bei Jesus war in gewisser Weise beides der Fall: Er wurde von Gott „berufen“, d.h. in seine Aufgabe eingesetzt, aber die war nun nicht nur ein vorübergehender Auftrag, sondern umfasste sein ganzes Leben. Es war gleichzeitig seine Bestimmung. Der Bericht von seiner Taufe macht das deutlich, da ereignete sich die „Berufung“ Jesu, seine Beauftragung und Amtseinführung, und zwar in recht spektakulärer Weise. So wünscht sich das vielleicht mancher, der nicht genau weiß, was seine „Berufung“ ist: Eine Stimme vom Himmel offenbart es ihm.
Jesus war zu dem Täufer Johannes an den Jordan gekom-men, um sich von ihm taufen zu lassen. Doch bevor das ge-schah, kamen die beiden in ein Gespräch miteinander, das ganz aufschlussreich ist: Johannes wunderte sich über den Wunsch Jesu. Er war ihm vorangegangen und hatte ihn angekündigt, aber ihm war immer klar gewesen, dass er der Geringere war, der Wegbereiter, der dem Stärkeren nur die Türen öffnete. Deshalb fragte er erstaunt: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“ Und das war eine sehr berechtigte Frage. Wir wundern uns darüber wahrscheinlich genauso, und so ganz unkompliziert war die Antwort Jesu auch nicht. Sie lautete: „Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Damit meinte Jesus wohl den Willen Gottes, die rechte Ordnung, das, was Gott vorgesehen hatte. Und dazu gehörte es, dass Jesus auf einer Stufe mit den Menschen stand, dass er mitten unter die Sünder ging und sich von ihnen nicht unterschied. Er ließ sich taufen wie alle anderen, die ihre Sünden bekannt hatten, um die Vergebung Gottes durch die Taufe zu empfangen.
Johannes ließ es dann auch geschehen, er taufte Jesus, und dabei bekannte sich Gott nun zu ihm. Jetzt wurde doch deutlich, dass hier ein besonderer Mensch getauft wurde, denn „der Himmel tat sich auf und der Geist Gottes fuhr in einer Erscheinung auf Jesus herab“. Er sah aus „wie eine Taube und kam über ihn.“ Zu dieser Vision wurde eine Stimme hörbar, die sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus wurde also öffentlich zum Messias ausgerufen. Gott erklärte seine engste Verbindung mit ihm. Die Menschen, die dieses Ereignis mitbekamen, sollten das wissen und anerkennen. Es war eine Proklamation, die bewusst am Beginn der Wirksamkeit Jesu stand. Von nun an handelte und lebte er gemäß dieser Bestimmung. Dabei wird an seiner Taufe deutlich, dass er von Anfang an mitten unter den Menschen lebte, er war einer von ihnen. Er ging gehorsam und demütig seinen Weg und erfüllte den Auftrag, den Gott ihm gegeben hatte.
Und das ist bis heute so: Wir glauben daran, dass Gott in Jesus gegenwärtig ist, dass durch ihn Gott mitten unter uns ist und uns seine Liebe schenkt. Wenn wir Jesus folgen und uns zu ihm bekennen, haben wir Anteil am Reich Gottes. Wir werden ebenfalls zu „seinen Kindern“, wie es im Römerbrief heißt, denn auch uns „treibt der Geist Gottes“. (Römer 8, 14)
Doch was bedeutet das nun für unser Leben? Lassen Sie uns über diese Frage noch einmal nachdenken. Und zwar können wir uns das gut am Amt des Kirchenvorstehers bzw. der Kirchenvorsteherin klar machen. Dabei hilft es, wenn wir dieses Amt einmal mit anderen Betätigungen ähnlicher Art vergleichen.
Es steckt ja Engagement dahinter, wenn ihr dazu bereit seid. Und das trifft auf viele Menschen zu. So kann man sich auch in der Politik engagieren, für Jugendliche oder Flüchtlinge, für die Umwelt, im Stadtteil, in künstlerischen Projekten, bei einer Zeitung und vielem mehr. Wer das tut, folgt seinen Begabungen und Interessen. Oft hat es auch etwas mit der eigenen Geschichte zu tun, mit der Umgebung, in der man lebt. So gibt es in Gaarden jetzt z.B. Menschen, die sich dafür einsetzen, dass das Freibad erhalten bleibt. Ich verstehe das gut und war bei einer Versammlung auch dabei, denn ich schwimme dort selber sehr gern im Sommer und bin betrübt darüber, dass es geschlossen werden soll.
Wer sich in dieser Weise engagiert, kämpft für etwas, er verfolgt Ideen und Ziele, will und macht etwas. Man treibt eine Sache voran und wehrt sich eventuell gegen andere. Und das ist gut so. Wir brauchen solche Initiativen und Gruppen, Bewegungen und Parteien.
Die Arbeit im Kirchenvorstand gehört mit dazu. Da bringen wir uns ebenso an einer Stelle in der Gesellschaft ein und versuchen, etwas voranzutreiben. Es gibt auch eine große Schnittmenge zwischen kirchlichem und gesellschaftlichem Engagement. So vereint viele verantwortungsbewusste Bürger und Bürgerinnen z.Zt. der Einsatz für Flüchtlinge. Der Punkt steht z.B. auf unserer nächsten Tagesordnung, doch damit sind wir nicht allein. Es gibt genauso viele unkirchliche Initiativen, die auf diesem Gebiet aktiv sind. Dabei ziehen alle an einem Strang und vernetzen sich sogar, und das ist gut. Ebenso geht der Einsatz für den Frieden über alle Grenzen hinweg und vereint die Menschen, ganz gleich, welcher Überzeugung oder welchem Glauben sie folgen. Nach den Anschlägen in Paris ist das erst recht so. Es spielt keine Rolle, ob jemand bei der Kirche für Gerechtigkeit kämpft oder in einer Partei oder in einer anderen Religion: Alle wünschen sich, dass so etwas aufhört, und tun, was ihnen möglich ist.
Doch trotz aller Gleichheit gibt es etwas, das uns als Christen von anderen unterscheidet, und das ist der Geist Gottes. Er bewirkt etwas, das so nirgends sonst geschieht. Was das ist, wird am ehesten klar, wenn wir uns die Grenzen vor Augen halten, die jedes politische oder soziale Engagement mit sich führt. Das Verfolgen der eigenen Ziele kann nämlich leicht zu einer gewissen Starrheit im Denken führen, man legt sich auf eine Linie fest und verschließt sich gegenüber anderen Meinungen. Die Gefahr des Fundamentalismus ist nie weit entfernt. Man fängt an, Macht auszuüben und setzt andere unter Druck. Wenn es ganz schlimm kommt, wird man zum Fanatiker.
Natürlich gibt es das alles auch im Christentum, doch wo sich der Glaube so entwickelt hat, ist etwas schief gelaufen. Wenn wirklich der „Geist Gottes uns antreibt“, sind wir davor geschützt. Denn dann folgen wir nicht einer Idee oder einer Überzeugung, wir empfangen vielmehr eine Kraft. Im Mittelpunkt steht kein Programm und kein Projekt, sondern die lebendige Gegenwart Christi. Was wir uns wünschen, ist längst Wirklichkeit, denn die Liebe Gottes ist in dieser Welt, weil Christus mitten unter uns ist. Er ist unsere gemeinsame Mitte. Durch ihn leben wir als „Kinder Gottes“ und hören immer wieder auf seine Stimme. Wir dienen ihm und vertrauen auf seine Gnade. Wir machen nicht etwas, sondern leben in der Nachfolge.
Wer im Reich Gottes mitarbeitet, braucht deshalb auch keine besonderen Gaben. Es reicht, wenn er oder sie Zeit und Bereitschaft einbringt, Offenheit und Zuversicht. Er legt sich nicht auf Inhalte fest, sondern wird durchlässig für die Liebe Gottes. Sie fließt in das Leben hinein, und das ist das Entscheidende. Wer sich Christus zur Verfügung stellt, übt keine Macht über andere aus, er wird vielmehr mitfühlend und geduldig, friedfertig und fröhlich. Erst daraus ergibt sich alles Weitere.
Wenn ihr im Kirchengemeinderat mitarbeitet, heißen wir euch deshalb auch nicht nur herzlich Willkommen und bitten euch um eure Emailadresse, wie z.B. bei der Initiative für das Frei-bad, sondern wir feiern einen „Gottesdienst zur Einführung und Entpflichtung“. Anfang und Ende stehen unter dem Segen Gottes. Wir begleiten euch mit Gebet und sprechen euch den Geist Gottes zu.
Und das tun wir auch nicht nur heute für euch sechs. So rufen wir uns immer wieder alle in Erinnerung, was uns erfüllt, wovon und wofür wir leben. Unsere Bestimmung ist es, den Geist Gottes zu empfangen und „Kinder Gottes“ zu sein. Dazu sind wir alle berufen, die wir an Christus glauben, ob wir im Kirchengemeinderat mitarbeiten oder nicht. Unsere Lebensentscheidung besteht darin, auf Christus zu vertrauen, und unser Auftrag ist die Liebe.
Amen.

Bild

Das wahre Licht

Betrachtunsgottesdienst Krippe und Stern“ 26.12.2014, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Weihnachtfeiertag, Predigt über 1. Johannes 2, 8b: „Das wahre Licht scheint jetzt“

Weihnachten ist ein Lichtfest, denn wir glauben, dass mit der Geburt des Sohnes Gottes ein neues Licht in diese Welt gekommen ist. Es leuchtet auch in dem Stern von Bethlehem, der über der Krippe steht.
Deshalb ist dieser Stern auf fast allen Weihnachtsbildern zu sehen, so auch auf Zweien, die wir in unser Kirche haben: auf dem Weihnachtsfenster und dem Parament, das an unserem Altar hängt.
Wir haben diese beiden Bilder in Verbindung mit den Lesungen betrachtet und danach gefragt, was das Licht, das Jesus in die Welt gebracht hat, für unser Leben bedeutet.

Betrachtung zum Weihnachtsparament
Christa Lehmann

Jesaja 60, 1- 6

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!
2 Denn si
ehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden.
5 Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.
6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie w
erden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

Ochse und Esel sind ganz wesentliche Figuren aller Krippendarstellungen, obwohl sie in der Weihnachtserzählung (Lukas 2) gar nicht vorkommen. Warum aber sind gerade diese IMG_3869Tiere überliefert und warum haben sie eine so zentrale Stellung?
Ganz grundsätzlich repräsentieren Ochse und Esel zwei klassische Stalltiere und verweisen damit direkt auf die Geburtsgeschichte Jesu. Er wurde in einem Viehunterstand, einem Stall geboren, in dem eine Futterkrippe für diese Stalltiere stand. Und Hinweise auf diese Stalltiere finden wir in den sogen. apokryphen Evangelien – also Evangelien, die man nicht in unser Neues Testament aufgenommen hat. So heißt es z.B. im sogen. Pseudo-Matthäusevangelium : „Am dritten Tag nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an.“
Außerdem wird der Prophet Jesaja zitiert:
„Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk vernimmt’s nicht“ (Jes. 1,3). Von hier aus, so wird angenommen, hielten Ochs und Esel schon in den ersten christlichen Jahrhunderten Einzug in den Stall zu Bethlehem.
Die heutigen Weihnachtskrippen gehen bereits auf das frühe Christentum zurück, aber die Darstellungen der ersten Jahrhunderte zeigten nur das Jesuskind, das nach dem Lukasevangelium in einer Futterkrippe liegt, mit den zwei Tieren: dem Ochsen und dem Esel: Schon auf einem Sargrelief des 3. Jahrhunderts sind sie neben der Krippe zu sehen. Die Figur der Maria kam erst im Mittelalter dazu, Josef sogar noch später.
Dem entspricht auch die Darstellung auf dem Weihnachtsparament in unserer Kirche: Ochse, Esel und die Krippe, darüber der Stern.
Eine weitere Möglichkeit, diese Darstellung zu deuten:
Der Esel lässt sich verstehen als demütiges, dienendes Tier und damit als Bild für die Demut und Aufopferung Jesu, während der Ochse als typisches Opfertier des Alten Testaments auf das Kreuz verweist.
Man hat auch den Ochsen als das reine“ also koschere Tier als Symbol für das jüdische Volk, der Esel als „unreines“ Tier als Symbol für die heidnischen, also andersgläubigen Völker interpretiert. Das bedeutet für unsere Darstellung:
Über beiden, Ochse und Esel, leuchtet der Stern – d.h. zu beiden, den Juden und den Heiden, kommt das Licht, über beiden erscheint die Herrlichkeit des Herrn, wie wir es in der Lesung aus Jesaja 60 angekündigt finden:
„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn erscheint über dir…Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz,der über dir aufgeht…“

 

Betrachtung zum Weihnachtsfenster
Christa Lehmann

Matthäus 2, 1-12

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,
4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.
5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):
6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,
8und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.
9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.
10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut
11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Krippe und SternAuch auf dieser Darstellung sehen wir wieder Krippe und Stern – die Weihnachtssymbole, die jedem, auch schon kleinen Kindern, geläufig sind. In ihnen finden wir zusammengefasst die Weihnachtsgeschichte, wie sie uns die Evangelisten Lukas und Matthäus berichten. Lukas erzählt von der Geburt im Stall, Matthäus von den Sterndeutern aus dem Morgenland, denen eine besondere Himmelserscheinung den Weg nach Bethlehem wies.
Wir sehen auf blauem Hintergrund – blau steht im Judentum für Gott, in der bildenden Kunst ist es die Farbe der Maria – die braune, also erdfarbene Krippe und darüber den gelben bzw. goldenen Stern mit fünf Strahlen und einem nach links gerichteten Schweif. Das ganze Bild ist geprägt von einer machtvollen, leuchtenden Bewegung von oben nach unten – vom Himmel zur Erde: Gott wird Mensch!
„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein…“ heißt es in einem Weihnachtslied (EG 23,4).
Welches astronomische Phänomen die drei Weisen tatsächlich beobachtet haben, ist bis heute nicht ganz klar.
Auf vielen Gemälden ist der Stern von Bethlehem als Komet dargestellt. Ein solcher Schweifstern kann eine imposante Erscheinung am nächtlichen Himmel sein.
Der Astronom Johannes Kepler (1571-1630) hatte eine andere Erklärung. Er beobachtete in den Jahren 1604 und 1605, wie die Planeten Saturn und Jupiter sehr dicht beieinander standen. Er berechnete, dass diese seltene Konstellation auch im Jahr 7 vor unserer Zeitrechnung auftrat. Die beiden Planeten sind schon alleine helle Erscheinungen. Wenn sie fast an der gleichen Stelle stehen, ergibt sich ein neuer heller Stern“. Diesem könnten die drei orientalischen Sterndeuter gefolgt sein. Jesus wäre demnach im Jahr 7 vor Christus geboren. Für diese Theorie spricht seine astrologische Deutung: Alles, was sich im Himmel abspielte, entsprach der Wirklichkeit auf der Erde. Der Planet Saturn wurde mit Israel in Verbindung gebracht, Jupiter galt als Königsstern. Die Begegnung fand im Sternbild der Fische statt, welches für Palästina stand. Für die Astrologen konnte sich daher nur die Schlussfolgerung ergeben, dass in Palästina ein neuer König geboren sei.
Der Stern von Bethlehem fand Eingang in viele Bilder zur Weihnachtsgeschichte. In der Weihnachtsdekoration weisen Strohsterne auf die besondere Bedeutung Jesu Christi für die Welt hin. Auf unserem Fenster steht die Krippe für das Stroh, für die Armut, die Christus auf sich genommen hat. Als kleines Kind auf Stroh gebettet, wurde der Retter der Welt geboren, um später in hellem Glanz zu erstrahlen. Krippe und Stern bringen beides zusammen – die Geburt in Niedrigkeit und die „Herrlichkeit des Herrn“, die über den Völkern aufscheinen wird, wie wir es in der ersten Lesung bei Jesaja gehört haben. Paul Gerhardt dichtet in dem Lied „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“, das wir nachher singen werden:

„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen.“ (EG 37,3)

 

Predigt über 1. Johannes 2, 8b: Die Finsternist vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.“ 

Liebe Gemeinde.
In der westlichen Welt wissen wir gar nicht mehr so genau, was es bedeutet, wenn es wirklich dunkel ist, denn überall werden sofort Lichter angemacht, wenn die Nacht hereinbricht. Ich war nach meinem Abitur ein Jahr in einem afrikanischen Dorf in Botswana. Da gab es keine Straßenlampen, Geschäfte oder elektrische Beleuchtung in den Häusern, und ich habe zum ersten Mal erlebt, was es heißt, wenn nachts der Mond nicht schient: Wir sahen so gut wie nichts.
Und so ähnlich war es sicher auch zu biblischen Zeiten. Die Menschen wussten: Wenn es finster war, brauchten sie unbedingt ein Licht, sonst würden sie nichts mehr sehen, keinen Weg und kein Ziel, kein Ding und keinen Menschen. Die Dunkelheit wurde als feindlich und lebensbedrohlich erlebt.
Deshalb ist sie eine Metapher für all das geworden, was dem Leben entgegensteht, für das Böse und Unheimliche, Orientierungslosigkeit, Angst und Schrecken. Finsternis bedeutet Tod, das Licht steht dagegen für das Leben. Es bringt Heil und Hoffnung, Liebe und Freude.
Jesus hat diese Gegenüberstellung auch gewählt, um seinen Auftrag zu beschreiben. Er hat einmal gesagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh.8,12) Und in Bezug auf diese Aussage heißt es im ersten Johannesbrief: „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.“
Dieses Wort ist ein Teil eines langen Gedankenganges, in dem Licht und Finsternis einander gegenüber gestellt werden. Die Botschaft lautet: Wo Licht ist, ist kein Schatten, geschweige denn irgendwelche Finsternis. Wer im Licht lebt, muss sich nicht fürchten, seine Sünden werden ihm vergeben und er kann lieben. Und all das hat Jesus Christus gebracht. Wer an ihn glaubt, lebt von dem wahren Licht, das sich gegen die Finsternis durchsetzt.
Dabei finde ich es sehr aufschlussreich, dass er als das „wahre Licht“ bezeichnet wird, d.h. er ist das Licht, das seinen Namen in Wahrheit verdient hat, das zuverlässig und echt ist. Offensichtlich kann man das nicht von jedem Licht sagen. Der Schreiber geht wohl davon aus, dass es auch ein „unwahres“ Licht gibt, das falsch und unnatürlich ist. Es vertreibt die Dunkelheit gar nicht richtig, es vergeht wieder und führt in die Irre.
Und darüber lohnt es sich einmal nachzudenken, denn das können wir genauso auf unser Leben übertragen, wie die Aussage Jesu über sich selber. Die künstlichen Lichter, die wir gerne anzünden, können ebenfalls ein Gleichnis sein.
Dann stehen sie für alles, was wir uns selber ausdenken, um die Dunkelheit des Lebens zu vertreiben, sie sind ein Bild für unsre Illusionen. Und die haben wir alle, je jünger wir sind, umso mehr. Denn dann stellen wir uns vor, was wir im Leben erreichen wollen. Dabei spielen Erfolg und Reichtum ein große Rolle, Macht, Schönheit und Klugheit. Wir wollen gerne beliebt und einzigartig sein, und dafür investieren wir viel. Wir versuchen, unsere Ziele zu erreichen, und leben gerne in der Vorstellung, dass wir auch schon einiges verwirklicht haben. Wir reden und denken uns die Wirklichkeit oft schöner, als sie ist. Wunschbilder bestimmen unser Lebensgefühl.
Doch damit können wir auch einer Täuschung erliegen. Wir bilden uns etwas ein und spiegeln uns eine irreale Welt vor. Oft dauert es allerdings lange, bis wir das merken. Es geschieht erst, wenn es plötzlich nicht mehr weiter geht, und das ist leider die Kehrseite dieser Lebensführung: Irgendwann geraten wir an eine Grenze. Wir merken, dass wir ganz stark in unsrer Phantasie leben, und dass die Wirklichkeit ganz anders ist. Denn wir bewerkstelligen lange nicht alles, was wir uns erträumen. Das Erreichen unserer Ziele bleibt unvollkommen, und vieles von dem, was wir geschafft haben, vergeht auch wieder. Außerdem sind wir irgendwann müde, denn es ist anstrengend, das Leben immer aus eigener Kraft zu erhellen.
Die Dunkelheit lauert deshalb immer um die Ecke, und oft fehlt nicht viel, und wir erliegen ihr. Sinnlosigkeitsgefühle, Traurigkeit, Schuld und Angst können uns jederzeit beschleichen. Wir fühlen uns verloren und wissen nicht weiter.
Wir haben uns gerade von Udo Jürgens verabschiedet. Er war unwahrscheinlich erfolgreich, und das über Jahrzehnte. Es war ein gelungenes und rundes Leben, das sich nun vollendet hat. Und doch war auch er nicht frei von Dunkelheit, das hat er selber zugegeben. Nach jedem Auftritt und dem unbeschreiblichen Applaus tausender Fans kam die Einsamkeit. Der Rausch verflog, die Normalität hatte ihn wieder. Und ein schönes Familienleben ist ihm auch nicht möglich gewesen. Das war der Preis für seinen Erfolg, und der war schon recht hoch, das war ihm selber klar und darüber hat er auch offen geredet.
Und daran können wir erkennen, dass selbst das strahlendste Leben nicht vollkommen ist. Die Finsternis der Welt lässt sich mit rein menschlichen Mitteln nie vollends vertreiben.
Deshalb ist es eine gute Botschaft, die uns zu Weihnachten verkündet wird: Es gibt ein „wahres Licht“, das alle Finsternis vertreibt. Kein Mensch hat es angezündet, es kommt vielmehr von Gott. Er hat die Dunkelheit der Welt wirklich verbannt und uns ein Licht geschenkt, das nicht vergeht. Es lohnt sich, dieses Licht zu entdecken, und das ist auch nicht schwer. Zwei Schritte gehören dazu.
Zunächst einmal ist es gut, wenn wir all die anderen Lichter vorübergehend ausschalten. Wir müssen uns das bewusst vornehmen und Zeit dafür freimachen, denn das tun wir normalerweise nicht gerne. Es heißt nämlich, dass wir unsere Unvollkommenheit und Einsamkeit erkennen, und das tut weh. Es geht uns gegen den Strich. Denn dann müssen wir all die schlechten Gefühle, das Scheitern, die Fehlerhaftigkeit und die Vergänglichkeit einmal aushalten und nicht mehr verdrängen. Wir müssen unsere Wünsche und Träume zur Seite legen. Damit das gelingt, können wir uns sagen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so wichtig sind. Wir können vorübergehend getrost darauf verzichten, sie zu pflegen. So viel macht es nicht, wenn sie nicht alle wahr werden. Das gilt es, zu erkennen und zuzugeben.
Dann haben wir eine gute Voraussetzung, das „wahre Licht“ zu sehen. Es erscheint ja gerade in der Finsternis. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass es da ist, und das ist der zweite Schritt: Wir wenden uns im Geiste Jesus Christus zu und glauben daran, dass er das „wahre Licht“ ist. Dann leuchtet es plötzlich in unserer Seele auf. Wir fühlen uns frei und erlöst, werden innerlich an die Hand genommen und geführt. Wir entspannen uns zutiefst und finden einen ganz neuen Weg. Er besteht nicht mehr darin, dass wir unsere Ziele verwirklichen wollen. Wir lassen uns vielmehr lieben und sind nur einfach nur da. Alles ist gut, wir können wir selber sein, denn wir haben den gefunden, der uns so annimmt, wie wir sind. Dann wird es plötzlich ganz hell in uns, alle Dunkelheit vergeht und das „wahre Licht“ erscheint.
Und das verändert uns. Wir können auch äußerlich eine neue Richtung einschlagen. Denn nun sehen wir ebenso die Welt und die anderen Menschen in einem anderen Licht: Wir sehen sie, wie sie wirklich sind, in ihrer Bedürftigkeit und Sehnsucht. Und wir können ihnen etwas geben. Die Welt ist plötzlich nicht mehr dazu da, dass meine Träume sich in ihr verwirklichen. Die anderen Menschen müssen nicht mehr dazu beitragen, dass es mir gut geht. Ich schenke ihnen vielmehr die Liebe, die ich im Glauben empfangen habe, und trage das Licht Christi in die Welt. Anstatt etwas haben zu wollen, bringe ich ein, was ich empfangen habe.
Dazu sind wir heute eingeladen. Lassen Sie uns deshalb in das Licht sehen, das Jesus gebracht hat, und uns davon leiten lassen. Der Stern von Bethlehem will auch uns führen. Und wenn das geschieht, wird es nicht nur hell in uns, sondern ebenso in der Welt, und die Weihnachtsbotschaft wird lebendig.
Amen.

Eine Jungfrau wird schwanger

Predigt über Matthäus 1, 18- 25: Jesu Geburt

Heiligabend, 24.12.2014, 23 Uhr, Lutherkirche Kiel

 

Matthäus 1, 18- 25

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.
19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.
20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.
21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):
23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
25 Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Liebe Gemeinde.Maria und Joseph

Sie sehen hinter dem Altar zwei Skulpturen. Das sind unsre Weihnachtsfiguren, Joseph und Maria. Joseph ist in traditioneller Weise gestaltet. Er wird in seiner Fürsorglichkeit für Maria und das Neugeborene gezeigt. In seiner linken Hand hält er ein brennendes Öllämpchen, ein Gegenstand, der Licht und Wärme spendet. Joseph ist der Mutter und dem Kind liebevoll zugewandt und füllt die Vaterrolle aus, ganz so, wie wir uns das vorstellen. Er hat eine vertraute, menschliche Gestalt.
Bei Maria ist das anders. Sie hat, genaugenommen nur ein Haupt. Was auf den ersten Blick ihr Körper zu sein scheint, ist es bei näherem Hinsehen nicht mehr. Die Figur besteht in der oberen Hälfte vielmehr aus einem Dreieck oder Stern, in der unteren Hälfte aus geschwungenen Konturen. Sie deuten ein Gewand an, sind es aber nicht. Sie versinnbildlichen eher eine Kraft, von der Maria auf geheimnisvolle Weise getragen wird. Ihr Gesicht wendet sie dem Kind zu, das in einer Höhlung in dem Stern liegt. Es strampelt wie jedes Kind, erhebt aber gleichzeitig seine rechte Hand wie zum Segen.
Mit dieser Figurengruppe hat der polnische Künstler Ryszard Zajac, den die Luthergemeinde 1994 mit der Schaffung zweier weihnachtlicher Figuren beauftragt hat, das Weihnachtsgeschehen sehr schön dargestellt. Sie erinnern besonders an die Erzählung der Geburt Jesu aus dem Matthäusevangelium, die wir vorhin gehört haben, denn dort kommen Maria und Joseph in genau diesen Rollen vor:
Joseph erfährt als das Familienoberhaupt die Botschaft, dass seine Verlobte ein besonderes Kind bekommen wird. Das sagt ihm ein Engel im Traum. Es wird nicht von ihm sein, er soll es aber beschützen und dafür sorgen, dass Maria nichts geschieht. Eigentlich hätte er sie am liebsten verlassen, denn ein uneheliches Kind bedeutete Schande für die ganze Familie. Aber genau das sollte er nicht tun, und er gehorcht. Er nimmt die menschliche Rolle des Vaters an und gibt dem Kind den Namen, den er ebenfalls im Traum gehört hat: „Jesus“, das heißt, der Retter.
Der Künstler hat das mit unserer Josephsfigur sehr schön umgesetzt.
Maria ist in der Bibel nun diejenige, an der ein Wunder geschieht: Sie bekommt ein Kind, das vom Heiligen Geist gezeugt wurde. Eine Jungfrau wird schwanger, ein göttliches Kind kommt zur Welt. Der Künstler hat auch das in seiner Figur wunderbar zum Ausdruck gebracht: Das Dreieck deutet die göttliche Dreieinigkeit an, von der das Kind ein Teil ist. Maria ist ganz und gar Hingabe, sie schaut auf das Kind, und ihre Seele ist angerührt. Sie nimmt ihren Sohn an, will ihm dienen und wird dabei in sein Geheimnis hineingezogen. Sie steht nicht mehr auf ihren eigenen Beinen, sondern wird von einer unisichtbaren Kraft getragen.
Und mit all dem erfüllt sich, was in der Schrift schon angekündigt war: Der verheißene Retter wurde geboren, die Sehnsucht der Menschen nach der Nähe Gottes wird gestillt. Es ist Weihnachten.
In unserem Glaubensbekenntnis kommt dieses Geschehen bis heute vor, und zwar in dem Satz: „Geboren von der Jungfrau Maria“. Aber können wir den eigentlich noch problemlos mitsprechen? Damit tun wir uns heutzutage schwer, denn das glaubt niemand mehr so richtig. Wir müssen uns also darüber Gedanken machen, wie wir dieses Ereignis verstehen wollen.
Und dafür gibt es zwei Herangehensweisen. Zunächst einmal lässt sich theologisch etwas dazu sagen: Wir können die Jungfrauengeburt als einen Mythos verstehen. Er kommt in vielen Religionen vor. Göttliche Kinder werden auch von Göttern gezeugt, durch ein mystisch-ekstatisches Widerfahrnis. Maria erlebte die größtmögliche Berührung eines Menschen mit dem Geheimnis Gottes. Durch die Kraft des Heiligen Geistes schuf Gott neues Leben und wählte sich dafür den Leib eines palästinensischen Mädchens. Die Theologie rechnet mit Wundern dieser Art, damit, dass das Göttliche in die Normalität der Welt einbricht.
Das ist ein Weg, das Ereignis der Jungfrauengeburt zu erklären und den Satz aus dem Glaubensbekenntnis dann doch mitzusprechen.
Aber dabei allein muss es nicht bleiben. An die Theologie knüpft sich vielmehr der Glaube an, d.h. die Bereitschaft unseres Geistes und unserer Seele, sich auf etwas einzulassen, das die Vernunft übersteigt.
Und diese Bereitschaft und auch Fähigkeit ist in jedem und jeder von uns angelegt. Es ist sogar so, dass wir uns zutiefst danach sehnen, dass es noch mehr geben möge, als die reine Innerweltlichkeit und den puren Verstand. Wir müssen uns nur einmal ehrlich bewusstmachen, wie wir leben und denken
Kaum jemand hört während seines Lebens auf, sich etwas zu wünschen. Selbst wenn wir viel erreicht haben, es bleibt immer noch etwas offen. Das Leben ist nie vollkommen. Wenn wir jung sind, malen wir uns die Zukunft aus, und machen Pläne. Wenn wir einen Beruf haben, denken wir daran, wie wir weiter kommen. Wenn wir Kinder haben, sorgen wir dafür, dass sie ihren Weg ins Leben finden. Im Alter sehnen wir uns dann vielleicht zurück oder danach, dass die Beschwerden nicht allzu heftig werden. Wer arm ist, sehnt sich nach Reichtum, und wer reich ist, wünscht sich einen tieferen Sinn. Der Gefangene möchte frei sein, der Kranke gesund. Künstler entwickeln ihre Kreativität, Forscher wollen noch mehr entdecken, usw. Diese Liste könnten wir unendlich fortsetzen, jeder und jede findet sich mit irgendwelchen offenen Wünschen und Sehnsüchten darin wieder.
Vieles davon verwirklichen wir auch, aber eben niemals alles. Und das gehört zu unsrer menschlichen Natur, so ist unser Leben angelegt: Es bleibt immer eine Restsehnsucht übrig. Und die müssen wir einmal beachten und wahrnehmen. Denn zutiefst äußert sich darin die Sehnsucht nach Gott, nach etwas Größerem, das uns trägt und befreit, das uns ganz erfüllt und Freude und Heil schenkt.
Wenn wir uns dem Wunder der Weihnacht nähern wollen, ist es deshalb gut, das als erstes wahrzunehmen, ehrlich zu sein und zu erkennen, wie wir angelegt sind. Dazu gehört es, dass wir vorübergehend all unsre anderen Aktivitäten und Gedan-ken unterbrechen, eine Pause einlegen und nicht mehr dem hinterher jagen, was wir meinen erreichen zu müssen. Es gilt, einmal still zu werden und die unerfüllte Sehnsucht einfach nur auszuhalten. Wir müssen sie als etwas annehmen, das zu uns dazu gehört. So sind wir, und das ist gut. Es tut auch bereits gut, sich das so bewusst zu machen. Es ist der erste Schritt des Glaubens.
In einem zweiten Schritt können wir dann unseren Geist öffnen und darauf vertrauen, dass es etwas gibt, das uns doch ganz erfüllen kann. Es ist nicht von dieser Welt, sondern kommt von Gott. Er hat die Sehnsucht nach sich selber in unsere Herzen gelegt. Wir sind auf Gott hin geschaffen, und nur wenn wir seine Nähe suchen, werden wir ganz erfüllt. Und dabei kommt er uns entgegen, ja noch mehr: Er sorgt persönlich dafür, dass wir mit ihm in Berührung kommen. Das ist das Wunder von Weihnachten: Wir müssen uns nicht mehr anstrengen, um mit Gott in Kontakt zu treten, denn er ist zu uns gekommen. Er ist nicht mehr fern, sondern ganz nah. Er ist in unser Menschsein eingegangen. In dem Kind der Jungfrau Maria können wir Gottes Gegenwart erleben. Wir müssen es nur genauso betrachten, wie sie das tut, es in unser Herz aufnehmen, in unser Innerstes hineinlassen.
Dann werden auch wir in das göttliche Geheimnis hineinge-nommen, etwas verändert sich. Wir spüren eine Kraft, die uns trägt, es entsteht auch in uns neues Leben. Wir werden erfüllt mit einer Freude, die wir uns gar nicht richtig erklären können, mit einem Heil, das uns entspannt und beseelt.
Dazu sind wir heute eingeladen.
Der Mystiker Gerhard Tersteegen hat das 1731 in seinem Weihnachtslied sehr schön zum Ausdruck gebracht  (Evangelisches Gesangbuch 41). Es beginnt mit der Weihnachtsfreude und der Aufforderung: „Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören.“ . Dann beschreibt er mit innigen Worten das Geheimnis der Geburt Christi und sagt am Ende:
„König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde, dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde: du sollst es sein, den ich erwähle allein; ewig entsag ich der Sünde.
Treuer Immanuel, werd auch in mir nun geboren, komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren! Wohne in mir, mache ganz eins mich mit dir, der du mich liebend erkoren.“
Lassen Sie uns dieses Lied jetzt singen.
Amen.

Achtsamkeit

Predigt über Lukas 21, 25- 33:
Das Kommen des Menschensohnes und Ermahnung zur Wachsamkeit

2. Sonntag im Advent, 7.12. 2014, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Das Evangelium für heute, das zugleich der Predigttext ist, steht bei Lukas im 21. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Lukas 21, 25- 33:

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Liebe Gemeinde.
Ich hatte gerade Besuch von einer guten Freundin. Als wir gemütlich beieinander saßen, Tee tranken und klönten, ertönte plötzlich aus ihrem Rucksack ein schöner, warmer Gongschlag. Das war die „Glocke der Achtsamkeit“, die hatte sie sich auf ihr I-Pad heruntergeladen. In unregelmäßigen Abständen erfolgte dadurch eine sanfte Erinnerung. Sie dient dazu, „die Aufmerksamkeit zum gegenwärtigen Augenblick zurückbringen“. Die Anleitung lautet: „Wenn du die Glocke hörst, nimm einige bewusste Atemzüge. Achte auf deine Konzentration und mach weiter. Genieße es.“ Das haben wir dann auch getan.
Die Anwendung gehört zu den Gesundheitsapps und wird von vielen Nutzern und Nutzerinnen positiv bewertet. Eine schreibt: „Wer etwas gedanklich abtauchen und sich richtig entspannen möchte, ist bei dieser App gut aufgehoben. Ich kann mich vollkommen fallen lassen. Jeden Tag lass ich mich erinnern, wieder etwas achtsam meine Umgebung oder einfache Dinge wahrzunehmen.“
Daran musste ich denken, als ich unseren Predigttext las, denn dort werden wir auch zur Achtsamkeit aufgefordert, zum Sehen und Erkennen von Dingen, die nicht vor Augen liegen. Jesus ermahnt seine Jünger dazu.
Der Kontext ist allerdings anders. Jesus geht es nicht um Entspannung und Gesundheit, sondern um etwas viel Dramatischeres. Die Ermahnung ist ein Teil der sogenannten Endzeitrede. Darin trägt Jesus verschiedene Gedanken und Vorstellungen über das Kommen des Weltendes vor, und das wird furchtbar: Er erwähnt z.B. die baldige Zerstörung des Tempels, die Verfolgung der Gemeinde und das Ende Jerusalems. Außerdem wird es Veränderungen an Sonne und Mond geben. Weltweite Naturkatastrophen werden eintreten, denen keiner entkommen kann. Sie werden die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, denn die Ordnung der Schöpfung wird dabei umgewälzt.
Aber inmitten dieser Weltendramatik, wenn die ganze Erde erbebt und erzittert, wird der Menschensohn am Himmel sichtbar. Und er wird mit großer Macht und Herrlichkeit kommen. Das ist der Trost, den Jesus seinen Jüngern gleichzeitig gibt. Damit greift er eine fromme jüdische Vorstellung auf: Man dachte bei dem „Menschensohn“ an eine himmlische Gestalt, ein Lichtwesen, dem nach diesem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen wird. Und das hat Jesus für sich in Anspruch genommen. Wenn er vom Menschensohn sprach, meinte er immer sich selbst, und zwar als den Auferstandenen, der einst wiederkommt, wenn alle kosmischen Ordnungen zerbrechen.
Und weil das geschehen wird, sollen die Christen achtsam und aufmerksam sein. Wie so oft verdeutlicht Jesus das noch mit einem Gleichnis: Man kann am Sprossen der Blätter des Feigenbaumes und der Bäume erkennen, dass der Sommer kommt. Und genauso deuten jene Ereignisse an, dass die Gottesherrschaft nah ist. Die Christen sollen diese Zeichen beobachten und richtig verstehen. Es gibt Vorboten, die es zu beachten gilt.
Dabei war Jesus davon überzeugt, dass die himmlische Welt schon jetzt in die Irdische hineinwirkt und alles verändert. Es gibt eine Realität, die viel größer ist als das, was wir mit unserem Verstand erfassen oder mit den Augen sehen können. Die gilt es, zu beachten und sich davon anrühren zu lassen. Das ist hier die Aussage und Ermahnung. Sie ist schön zusammengefasst in dem Satz: „Seht auf und erhebt eure Häupter weil sich eure Erlösung naht.“
Die Haltung, die hier beschrieben wird, ist also ganz ähnlich wie die, die auch die „Glocke der Achtsamkeit“ fördern will. Der Unterschied ist allerdings der, dass es bei Jesus sehr viel dramatischer klingt. Er sieht eine tödliche Gefahr, den drohenden Untergang. Für ihn war es ein ernstes Thema, und er will die Jünger wachrütteln.
Auch wir sind gemeint, wenn wir seine Worte lesen. Aber können wir dem genauso viel Bedeutung geben wie er? Klingt das für uns nicht unrealistisch und weltfremd? Das glauben wir doch gar nicht richtig, dass das Ende der Welt irgendwann einmal so kommt, wie es hier beschrieben wird. Es hat sich viel zu lange verzögert, und wir brauchen diese Vorstellung heutzutage auch nicht mehr. Das ist unsere Meinung.
Doch genau die wird hier in Frage gestellt, und das sollten wir ruhig einmal zulassen. Jesus lädt uns zu einem Leben ein, das den Himmel einbezieht und sich in der Ewigkeit festmacht. Wir dürfen glauben und hoffen, dass es noch etwas Größeres gibt, als alles, was uns hier begegnet. Und das ist doch spannend. Vielleicht tut es uns ja gut, auf Jesus zu hören, Dinge zu entdecken, die nicht vor Augen liegen, für die wir sonst blind sind. Möglicherweise verpassen wir etwas, wenn wir es nicht tun.
Lassen Sie uns also fragen, was die Ermahnung Jesu für uns bedeuten kann. Und dafür ist es gut, wenn wir uns einmal bewusst machen, wie wir normalerweise denken und leben. Was ist das Gegenteil von der Haltung, die Jesus hier beschreibt? Wovon hebt sie sich ab, wozu bildet sie die Alternative? Das können wir uns fragen.
Und dazu fällt mir hauptsächlich unsere Diesseitigkeit ein. Das ist gerade jetzt in der Adventszeit leider eine Gefahr. Überall gibt es ganz viel Ablenkung und Zerstreuung, sodass wir das Reich Gottes leicht vergessen. Wir sind auch meistens etwas im Stress in dieser Zeit, denn wir nehmen uns ganz viel vor: Wir müssen Geschenke kaufen oder basteln, Grüße schreiben, auf Adventsfeiern gehen und Besuche machen.
Das macht ja auch alles Spaß und hilft uns, diese dunkle Jahreszeit besser durchzustehen. Aber wir können uns darin auch verlieren. Wir sind so in Anspruch genommen, dass der Kopf nicht mehr frei wird. Alles zieht und zerrt an uns, jeder will etwas, so dass wir irgendwann gar nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht.
Und das kommt nicht erst durch die vielen Dinge, die uns in dieser Zeit beschäftigen und angeboten werden. Wir leben auch sonst am liebsten so, weil es am meisten Befriedigung und Erfüllung verspricht. Wir folgen unserem Willen und den äußeren Gegebenheiten. Dabei sind wir mit unseren Gedanken oft schon einen Schritt weiter, planen den nächsten Tag, bereiten ein Projekt vor, freuen uns auf Besuch, lernen für eine Prüfung usw. Unser Ehrgeiz steckt dahinter, unsere Leistungsfähigkeit und unsere Ichhaftigkeit. Wir denken, so wird das Leben schön und gut, so wird es gelingen.
Doch das ist ein Irrtum, denn dieses Konzept hat auch seine Schattenseiten. Wir merken z.B. nicht, dass wir uns dadurch an die Welt und an uns selber binden. Unsre Ideen und Aufgaben halten uns fest. Und es gehen auch immer Sorgen und Ängste damit einher. Wir sind nie richtig frei, engen uns ein und geraten mit Sicherheit irgendwann an eine Grenze. Denn wir können nie alles erreichen, was wir uns wünschen und erstreben. Es entstehen Konflikte, und dann gerät auch unser Selbstbewusstsein ins Wanken. Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sind die Folgen. Wir schauen nicht mehr nach vorne, sondern eher nach unten und sind bedrückt.
Deshalb ist es durchaus ratsam, einmal zu fragen, ob es wirklich gut ist, so zu leben. Und dazu müssen wir dieses unentwegte Treiben unterbrechen, anhalten, das „Haupt erheben und aufsehen“. Wir sollten viel öfter auf den Augenblick achten, so wie es die Aufmerksamkeitsglocke vorschlägt. Was geschieht eigentlich jetzt gerade? Was spüre ich, wie geht es mir wirklich? Das sind die Fragen, die wir uns stellen können, dann entspannen wir uns bereits. Wir lassen uns selber los, atmen tief durch, und das tut gut.
Doch es geht bei Jesus wie gesagt um noch mehr. Er lädt uns nicht nur zu einer Entspannungsübung ein. So sanft und friedlich klingt seine Rede ja auch nicht. Er weiß, dass das Leben hart und schrecklich sein kann, das lässt sich nicht vermeiden. Aber er ist immer da, darauf will er uns hinweisen. Als Christen haben wir noch mehr, als nur einen Gongschlag und die Fähigkeit, uns zu konzentrieren. Wir dürfen an den glauben, der auch im Leid und sogar im Tod noch lebendig ist und uns zur Seite steht. „Seine Worte vergehen nicht“, darauf dürfen wir vertrauen. Auch wenn alles schief läuft und unser Leben zusammenbricht, wir sind geliebt und gehalten, denn Jesus kommt uns entgegen, um unser Leben in seine Hand zu nehmen. Und wenn wir uns bei ihm bergen, dann sind wir wirklich befreit und erlöst.
Zu dieser Haltung werden wir hier ermahnt, und die Adventszeit ist eigentlich dazu da, das einzuüben. Adventlich leben heißt: Aufmerksam und achtsam sein für die Gegenwart Gottes, leicht werden und uns zu dem ausstrecken, der uns entgegengeht und uns ruft. Er zieht unsere Aufmerksamkeit zwar vom Diesseits ins Jenseits, aber dadurch gewinnen wir Halt und Orientierung. Unser Blick wird weggelenkt von den Dingen dieser Welt nach oben, und dadurch werden wir frei und ruhig.
Zu so einem Leben sind wir heute eingeladen. Wir sollen uns auf das Wesentliche konzentrieren, aufmerksam und realistisch werden. Wir sollen aufhören, allem Möglichen hinterherzujagen, und die Gegenwart Christi erkennen. Dann geschieht wirklich, was wir uns wünschen: Wir werden erfüllt und zufrieden, gesund und fröhlich.
Amen.

Befreit zum Widerstehen

Predigt über Johannes 14, 27- 31a: Der Friede Christi

Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens, 16.11.2014
9.30 und 11.00 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Der Predigt liegen Anregungen  aus dem Material des Gesprächsforums Ökumenische FriedensDekade für 2014 zu Grunde. Die Zitate sind dem Arbeitsheft entnommen. 

Johannes 14, 27- 31a

27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
28 Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.
29 Und jetzt habe ich’s euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt,
wenn es nun geschehen wird.
30 Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommt der Fürst dieser Welt. Er hat keine Macht über mich;
31 aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat.

Liebe Gemeinde.
Vor ungefähr dreißig Jahren wurde in den Niederlanden die Idee einer „FriedensDekade“ geboren. Das ist ein 10-tägiger Aktionszeitraum, der das Engagement der Kirchenmitglieder für Friedensfragen stärken soll. Im damals geteilten Deutschland wurde die Idee 1980 aufgenommen, und zwar hauptsächlich in der DDR. Dort versammelten sich in den Kirchengemeinden innerhalb dieser 10 Tage zunächst die Jugendlichen zu täglichen Friedensgebeten. In der Bundesrepublik war es vor allem die Friedensbewegung, die vor Ort jährliche Friedenswochen durchführte.
Sie beginnen jeweils am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres und dauern bis zum Buß- und Bettag. Wir sind da also gerade mitten drin. Deshalb laden die Luther- und Jakobigemeinde auch noch bis Mittwoch jeden Abend um 19 Uhr zu einem Friedensgebet ein.
Seit 1952 gibt es bereits den Volkstrauertag, an dem auch in den Kirchen an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen gedacht wird. Der ist heute.
Wir greifen damit ein Thema auf, dass wesentlich zu unserem Glauben dazu gehört: Das Wort „Frieden“ finden wir im Neuen Testament 46 mal, und zwar in allen Schriften, den Evangelien, der Apostelgeschichte, den Briefen und der Offenbarung des Johannes. Es ist ein zentrales Heilswort. So gehörte der Zuspruch des Friedens fest zum gottesdienstlichen Segen, in ihm ist Gott und Jesus Christus wirksam gegenwärtig. Auch Jesus entließ Menschen, die er geheilt hatte, mit dem Friedenswunsch. Er ist eine elementare Wirkung des Heiligen Geistes. Am Ende seiner Wirksamkeit gab Jesus ihn seinen Jüngern sozusagen als Abschiedsgeschenk. Wir haben vorhin gehört, wie er zu ihnen sagte: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Johannes 14, 27)
Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium, der damit beginnt, ist der Predigttext von heute und ein Teil der sogenannten „Abschiedsreden“. Jesus spricht hier mit seinen Jüngern und kündigt seinen Weggang an: Sie werden bald allein sein und das wird für sie nicht leicht. Jesus wusste das. Sie hatten mit ihm endlich erlebt, wie es ist, wenn Gott ganz nah ist. Jesus hatte ihnen Liebe und Barmherzigkeit gebracht. Er hat Menschen geheilt und viel Leid abgewendet. Sie hatten geglaubt, dass durch ihn nun endlich eine bessere Zeit anbrechen würde. Doch jetzt wird er sie bald wieder verlassen, und davor hatten sie Angst.
Darauf geht Jesus hier ein und er möchte, dass sie ihre Furcht vor seinem Abschied überwinden. Deshalb lässt er ihnen „seinen Frieden“ zurück, und das ist mehr als nur ein Trostwort. Er meint damit die vollendete Gemeinschaft mit Gott, in die er eingehen wird, und an der auch sie teilhaben werden.
Damit sie das verstehen, erklärt er ihnen noch einmal seinen Weg: Er weiß, dass er gefangen und gekreuzigt wird, und es wird so aussehen, als würden seine Feinde über ihn siegen. Aber das ist nur äußerlich, in Wirklichkeit haben sie keine Macht über ihn. Sie können gegen Gottes Plan nichts ausrichten, denn alles was geschieht, entspricht der Sendung Jesu und dem Willen Gottes. Jesus wird sich selber hingeben, und dadurch wird die Liebe Gottes zur Welt zu ihrem Sieg kommen. Er wird eins sein mit dem Vater, und darüber sollten sich die Jünger sogar freuen. Denn er wird die Nähe zu Gott vollenden und auch die Jünger dahinein holen. Und das wird mehr sein, als die irdische Gemeinschaft, die sie jetzt mit ihm haben, denn sie wird bleiben. Sein Friede wird größer und dauerhafter sein als die Gaben der Welt.
Und das ist auch für uns eine gute Botschaft, denn es geht uns oft ähnlich, wie den Jüngern: Wir haben Angst und sind verzagt. Wenn wir in die Welt und in die Geschichte gucken, dann hat sich seit dem Erscheinen Jesu eigentlich nichts geändert. Die Menschheit scheint verloren zu sein: Kriege werden geführt, die Umwelt wird zerstört, Menschen werden ausgebeutet und unterdrückt. Gewalt und Unrecht haben noch lange kein Ende gefunden.
Zurzeit erschrecken uns die Geschehnisse in Syrien und im Nordirak am meisten. Dort versuchen Terroristen den sogenannten „Islamischen Staat“ zu errichten, und sie scheuen dabei vor keiner Gräueltat zurück. Sie führen Krieg und vernichten nicht nur die vorhandenen sozialen Ordnungen, sondern ganze Städte und vor allem Menschen. Ohne jegliches Mitgefühl werden Andersdenkende verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Wir kennen die Nachrichten und die Bilder und sind entsetzt. Man hält das kaum aus und fragt sich, wie so etwas möglich sein kann.
Unsere kirchliche Friedensarbeit scheint dagegen irgendwie lächerlich zu sein. Was sollen unsere Gebete, unser Nachdenken und unsere Ermahnungen? Sie verhallen doch im Winde, kommen nie bei den Kriegführenden an und wirken total sinnlos.
„Die weißen Tauben sind müde“, könnte man sagen. So hat es der Sänger Hans Hartz vor vielen Jahren gesungen. Wehmütig beklagte er die Schwäche derjenigen, die für den Frieden einstehen gegenüber der Gewalt. „Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr. Sie haben viel zu schwere Flügel; und ihre Schnäbel sind längst leer, jedoch die Falken fliegen weiter, sie sind so stark wie nie vorher; und ihre Flügel werden breiter, und täglich kommen immer mehr, nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.“ So lautet sein Lied.
Auf dem Bild zur diesjährigen Friedensdekade wurde
dieser Gegensatz dargefriedensdekade_2014stellt. Man sieht darauf eine weiße Taube, wie sie gegen acht schwarze Falken anfliegt. Doch von Ermattung und Schwere ist da nichts zu sehen, und das ist bewusst so gestaltet. Das Bild enthält eine Botschaft, die Mut machen soll. Oberkirchenrat Dr. Roger Mielke, EKD-Referent für Fragen der öffentlichen Verantwortung der Kirche und Mitglied im Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade hat das Bild sehr schön beschrieben und gedeutet:
Er macht darauf aufmerksam, dass die Taube eben nicht müde wirkt, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Sie steigt auf und strebt gen Himmel. Eigentlich müsste sie Angst haben, denn die Falken stürzen im Formationsflug schräg nach unten auf ihre Beute. Doch sie lässt sich nicht aufhalten oder erschrecken, obwohl sie allein ist. Sie bestimmt vielmehr den Vordergrund und hält mit einer tänzelnden, anmutigen, fast zärtlichen Bewegung nach oben stand. Sie widersteht dem Angriff und irritiert damit die Angreifer. Das Geheimnis ihres Widerstandes ist ihre Leichtigkeit, die sie nicht verleugnet. Die Schwere der Gewalt übernimmt sie nicht.
Die Botschaft des Plakats lautet also: Wir sind „zum Widerstehen befreit“ wie diese Taube. Das ist auch das Motto der diesjährigen Friedensdekade. Lassen Sie uns deshalb fragen, wie wir diese Freiheit und Leichtigkeit gewinnen können. Drei Schritte sind mir dazu eingefallen.
Zunächst einmal ist es wichtig, dass der Friede, den diese Taube verkörpert, etwas Inneres ist. Die kirchliche Friedensarbeit ist in erster Linie nicht eine politische, sondern eine geistliche Bewegung. Es geht um die Gabe des „Friedens Christi“, der in den Herzen der Menschen wirksam ist. Wir müssen deshalb zunächst einmal in uns gehen und uns fragen, wie es um uns selbst bestellt ist. Keiner und keine von uns ist durch und durch friedlich gesonnen. Wir wünschen uns das vielleicht und wären gerne so, aber es ist nicht die Realität. Es gibt immer Menschen oder Ereignisse, die uns aufregen, weil sie uns das Leben schwer machen. Oft führen wir so unsere ganz persönlichen Kleinkriege, ziehen gegen irgendjemanden oder irgendetwas zu Felde und wenden dabei auch Gewalt an.
In der Familie ist das z.B. leider leicht der Fall. Da kann es der Ehepartner oder die Ehepartnerin sein, die uns nicht passt. Auch Kinder und Eltern haben es häufig nicht leicht miteinander. Sie enttäuschen und verletzen sich gegenseitig und bestrafen sich deshalb. Missachtung ist dafür eine gute Möglichkeit, Beleidigungen, Ungeduld und Nörgelei. Wir wollen uns auf jeden Fall durchsetzen. Dieses Bedürfnis gehört zu unseren Urtrieben. Wir wenden zwar am ehesten seelische Gewalt an, um an unser Ziel zu gelangen, und das auch oft unbewusst, aber es ist ein Teil unsrer menschlichen Natur.
Das müssen wir uns eingestehen und anschauen. Der Blick nach innen kann also mit der Frage einhergehen: Wer sind jetzt gerade meine persönlichen Feinde, und wie gehe ich mit ihnen um? Sicher haben wir darauf alle eine Antwort.
Möglicherweise schämen wir uns, wenn uns bewusst wird, wie unfriedlich wir sind, und damit sind wir beim zweiten Schritt. Er besteht darin, dass wir unsere Natur annehmen und erkennen: allein können wir sie nicht überwinden. Es ist sinnlos, gegen uns selber anzukämpfen und alle Aggressionen zu unterdrücken. Wir müssen einen anderen Weg beschreiten. Er besteht darin, dass wir uns selber und die anderen ertragen und die Lösung dieses Problems nicht mehr von uns, sondern von Gott erwarten.
Er will uns helfen, und zwar durch seinen Sohn Jesus Christus. Er wusste, dass wir verloren sind, deshalb hat er ihn geschickt. Und Jesus hat uns „seinen Frieden“ gegeben. Wir erkennen und empfangen ihn, wenn wir uns den Weg Jesu vor Augen halten: Jesus war grausamer menschlicher Gewalt ausgesetzt. Seine Feinde führten gegen ihn einen brutalen und ungerechten Krieg. Äußerlich haben sie ihn gewonnen: Sie haben ihn gekreuzigt. Doch damit haben sie nur einen Scheinsieg davongetragen, denn wovon Christus erfüllt war, das ließ sich nicht zerstören. Seine Gemeinschaft mit dem Vater war stärker als alle menschliche Macht, und sie hat sich durch seinen Tod sogar vollendet. Das gilt es, sich vor Augen zu halten. Dann werden wir von seinem Frieden angesteckt. Wir werden in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen und empfangen seinen Geist.
Und das verändert uns. Der dritte Schritt besteht darin, dass der Ärger von uns abfällt. Wir sind nicht mehr wütend und müssen niemanden bestrafen. Es wird friedlich in uns und um uns herum. Wir fühlen uns so leicht und schwerelos wie die Taube auf dem Plakat.
Und dadurch haben wir plötzlich auch wieder Hoffnung für die Welt. Wir sind „befreit zum Widerstehen“ und können uns mit neuer Kraft und neuem Mut für den Frieden engagieren. Denn wir sind von etwas anderem gesteuert als den Bildern des Krieges. Unser Denken ist nicht von Entsetzen und Verzagtheit bestimmt, sondern von der Kraft des Geistes Christi, von seinem Frieden. Er ist eine Frucht der inneren Freiheit.
Wo wir die ausleben, verändern sich demnach auch die Verhältnisse. Wir unterwerfen uns der sanften Macht des Heiligen Geistes, und die ist stärker ist als Menschenmacht. Sie ist nicht von dieser Welt, aber sie durchdringt diese Welt, und dagegen kann niemand etwas ausrichten. Denn die Liebe Gottes zur Welt hat längst gesiegt, und sie ist größer und stärker als alle irdischen Gaben. Die Hoffnung, dass Gewalt und Unrecht überwunden werden, bleibt deshalb lebendig. Dieser Wind der Hoffnung ist es, der unter die Flügel der Taube greift und sie zum Himmel erhebt. Diese Kraft „befreit zum Widerstehen“ und sie wird sich gerade wegen ihrer Verletzlichkeit und Schwäche am Ende als stärker erweisen.
Das hat Christus uns verheißen und das ist der Inhalt der Friedensdekade. Es ist also in keiner Weise sinnlos, sie zu begehen. Die Andachten und Gebete sind vielmehr eine wunderbare Mitmach-Gelegenheit um sich gegen den Krieg zu versammeln. Wir können damit ein Zeichen des Widerstandes setzen und den Frieden in unserer Gesellschaft und in der Welt stärken. Dabei ist es gut zu wissen, dass wir bundesweit mit vielen anderen Christen vereint sind. Alle tun das Gleiche, und das ist bereits ein Teilsieg über Krieg und Unheil.
Er ereignet sich zum Glück auch nicht nur einmal im Jahr während der Friedensdekade, sondern täglich, stündlich oder sogar in jedem Augenblick. Denn irgendwo auf der Welt sind mit Sicherheit immer Christen dabei, für den Frieden einzustehen und dafür zu beten. Ihre Hoffnung und ihr Vertrauen umschließen den Erdball. Wir können dazu gehören, wenn wir hören und ernst nehmen, was Jesus gesagt hat, als er sich von seinen Jüngern verabschiedete:
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Amen.

Vorbereitung auf das zukünftige Heil

Predigt über 1. Thessalonicher 5, 1- 11:
Leben im Licht des kommenden Tages

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 9.11.2014, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

1.Thessalonicher 5,1-11

1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.
4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.
5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus,
10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11 Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Liebe Gemeinde.
Bald fangen die Weihnachtsvorbereitungen an. Oder sind Sie schon dabei? Das ist sicher davon abhängig, wie wichtig Ihnen das Fest ist, wie groß Sie es feiern und wie viel es zu tun gibt. Bei allen Anlässen bestimmen der Aufwand und die Größe den Zeitpunkt, an dem wir beginnen, uns darüber Gedanken zu machen. So werden etwa Hochzeiten oft schon ein Jahr vorher geplant.
Und das ist auch bei anderen Ereignissen notwendig, bei Prüfungen z.B., Wettkämpfen oder Konzerten. Im Theologiestudium halten wir uns normalerweise die letzten beiden Semester komplett frei, um nur noch zu lernen. Und wer einen Wettkampf gewinnen will, trainiert täglich und macht sich fit. In der Musik muss ebenfalls viel geübt werden, damit etwas dabei heraus kommt.
So ist unser Leben in vielen Bereichen von vorne her bestimmt, von unseren Plänen, Wünschen und Zielen. Wir beabsichtigen etwas und darauf leben wir hin. Wir bereiten uns vor.
Das Neue Testament ist von diesem Lebensgefühl ebenfalls durchzogen. Die Menschen hatten ein Ziel vor Augen, sie lebten von der Zukunft her. Dort geht es allerdings nicht um etwas Innerweltliches, wie ein Fest oder eine Prüfung, sie erwarteten vielmehr den „Tag des Herrn“. Dieses Stichwort fällt in dem Abschnitt aus dem ersten Thessalonicherbrief, den wir vorhin gehört haben. Er trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Leben im Licht des Kommenden Tages“. Paulus meint damit den Tag, an dem Christus wiederkommt, um die Welt zu richten und zu vollenden. Er glaubte, dass er ihn noch erleben würde und damit den Anbruch des Reiches Gottes. Die alte Welt, wie wir sie kennen, vergeht, und eine neue Welt fängt an. Das hatte er gepredigt und daran erinnert er die Thessalonicher hier. Sie sollten ihre Erwartung nicht vergessen, sie sollten nicht müde werden, sondern entsprechend dieser großartigen Zukunft leben. Paulus entfaltet deshalb, was das bedeutet. Er will sie stärken, ihnen helfen, ihnen Weisung und Rat geben.
Denn das Problem ist natürlich, dass er den genauen Anbruch des Tages des Herrn nicht berechnen kann. Er kommt „wie ein Dieb in der Nacht“. „Zeiten und Stunden“ lassen sich nicht exakt voraussagen. Das Wann ist unsicher, deshalb ist eine stete Bereitschaft notwendig. Paulus wendet sich damit gegen eine gewisse Unbekümmertheit, die sich offensichtlich in der Gemeinde in Thessalonich verbreitet hatte. Die Menschen hatten an der nahen Erwartung des Endes wohl ihre Zweifel bekommen.
Um sie wach zu rütteln, bringt Paulus das Bild von der Finsternis und dem Licht ein. Mit der Finsternis meint er die jetzige Welt. Wer nur in ihr aufgeht, ist wie ein Schlafender oder sogar Trunkener. Beides geschieht vorzugsweise in der Nacht, wenn es dunkel ist. Am Tag dagegen, wenn es hell ist und Licht scheint, wachen wir und sind nüchtern. Und diese Verhaltensweise soll für die Christen maßgeblich sein. Das Licht symbolisiert ein Leben mit Christus, das von seiner Wiederkunft her bestimmt ist. Dazu gehören die volle Einsatzbereitschaft und ein klarer Kopf.
Und dann wird Paulus noch konkreter. Er nennt als unverzichtbare Tugenden für diese Lebensführung den Glauben, die Liebe und die Hoffnung. Er sagt: „Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“
Paulus‘ Botschaft ist also die, dass die Lebensgemeinschaft mit Christus schon jetzt in dieser Welt beginnt und bei seinem Erscheinen ihre Vollendung findet. Darauf sollen die Christen hinleben. Sie sollen sich von der himmlischen Zukunft her bestimmen lassen, von der Ewigkeit und dem Fest, das Gott mit ihnen feiern will. Deshalb sollen sie jetzt schon üben und trainieren, sich gegenseitig helfen und fördern. Sie sollen sich vorbereiten und hier schon erlernen, was sie dereinst sein werden. „Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“ Das sagt Paulus zum Schluss.
Und das gilt auch für uns. Der heilige Augustinus hat das einmal sinnbildlich sehr schön formuliert. Er sagte: „Oh Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.“ Und das wäre doch schade. Es ist durchaus gut und heilsam, sich hier schon auf die Ewigkeit vorzubereiten. Die Ermahnungen des Apostels sind immer noch aktuell und stellen unser normales Lebensgefühl in Frage. Auch wir sollen darüber nachdenken, wie wir leben, was uns bestimmt und motiviert. Die Ewigkeit ist es normalerweise ja nicht. Die beziehen wir nur selten in unsere Lebensführung ein. Sie ist uns zu weit weg und auch zu unrealistisch. Wissen wir denn überhaupt, ob es sie gibt? Wir sind lieber auf diese Welt ausgerichtet, die wir vor Augen haben und kennen, verstehen und gestalten können. Wir wollen hier etwas erreichen, Erfolge sehen, Feste feiern und uns selber verwirklichen. Das ist unser Lebenskonzept.
Aber reicht das eigentlich, um ein volles, gesundes und glückliches Leben zu haben? Gelingt uns alles, was wir uns vornehmen? Erreichen wir unsere Ziele und werden wir dabei zufrieden? Das müssen wir uns fragen, und dabei kommen uns möglicher Weise schon die ersten Zweifel. Wir merken, ein rein innerweltliches Leben ist genauso fragwürdig, wie eine Ausrichtung auf das kommende Reich Gottes. Wir verpassen etwas, wenn wir das ausklammern. Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was bei unserer Lebensführung herauskommt. Glaube, Hoffnung und Liebe geraten nämlich in den Hintergrund, und andere Lebenskräfte treiben uns an. Beim Nachdenken darüber ist mir eingefallen, was in etwa das Gegenteil darstellt. Das sind die Leistung, unser Willen und unser Selbstvertrauen. Es ist zwar nicht schlecht und in Maßen sogar notwendig, wenn uns diese Impulse motivieren, aber sie haben auch ganz erhebliche Schattenseiten.
Das erste Beispiel ist unsere Leistung. Durch sie sind wir ständig unter Druck. Wir müssen uns anstrengen und mithalten, und dabei kann sich Erschöpfung einstellen, Müdigkeit und somit auch Erfolglosigkeit. Angst und Sorge sind unsere ständigen Begleiter, und das Scheitern ist nie weit entfernt. Wir können in einen Abgrund fallen und uns schwer verletzen.
Das Zweite, was ich genannt habe, der Wille, ist als Lebensmotor ebenso fragwürdig, denn er macht uns verspannt und verschlossen. Wir verlieren unsere innere Beweglichkeit, wenn immer geschehen soll, was wir wollen. Gefühle werden unterdrückt, und wir werden einseitig. Wir verfolgen eine bestimmte Linie, klammern andere Möglichkeiten aus und merken gar nicht, wie leicht wir dadurch in eine Sackgasse geraten können. Plötzlich stehen wir vor einer Mauer und nichts geht mehr. Unsere Perspektiven verdunkeln sich, und wir sind der Verzweiflung nahe.
Und die dritte Triebfeder, das Selbstvertrauen, ist zwar wichtig und nötig, aber es kann genauso vom Leben wegführen, wie Leistung und Wille. Denn damit geht oft eine gewisse Selbstherrlichkeit einher, Egoismus und eine gefährliche Sicherheit. Es kann uns rücksichtslos gegenüber unseren Mitmenschen machen. Wir verlieren das Interesse an ihrem Wohlergehen und werden stattdessen gewaltsam. Unterdrückung und Krieg sind die Folgen, wenn es ganz schlimm kommt, Mord und Totschlag.
Der neunte November liefert uns dafür ein Beispiel. Er ist in unserem Land ja sehr geschichtsträchtig, und zwar in guter wie in verheerender Weise. Besonders gravierend war der Beginn der Novemberpogrome 1938. Heute vor 76 Jahren brannten in Deutschland alle Synagogen. Das selbstherrliche Regime der Nazis führte zu einer beispiellosen Verfolgung und Vernichtung der Juden. Krieg und Zerstörung ließen nicht lange auf sich warten.
Es ist demnach gut und wichtig, dass wir nach anderen Handlungsanleitungen fragen, und genau davon redet Paulus in unserem Briefabschnitt. Er lädt dazu ein, unseren Geist dafür zu öffnen, dass es nicht nur diese Welt gibt, sondern noch eine ganz andere Realität. Christus hat sie heraufgeführt, sein Reich ist bereits angebrochen, und es lohnt sich, mit ihm Gemeinschaft zu haben. Dann bestimmen nicht mehr die Leistung, der Wille und das Selbstvertrauen unser Lebensgefühl, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe. Und das hat eine ganz große Verheißung.
Lassen Sie uns also fragen, wo diese Tugenden uns hinführen. Paulus verbindet sie bewusst mit zwei Teilen aus der Rüstung eines Soldaten, dem Helm und dem Schild. Sie können uns also beschirmen, wir sind vor Abgründen und Verzweiflung, vor Krieg und Gewalt geschützt. Das wird deutlich, wenn wir uns klar machen, was es heißt, zu glauben, zu hoffen und zu lieben.
Nehmen wir als erstes den Glauben. Er führt uns dahin, dass wir nicht nur auf unsere Leistungskraft angewiesen sind, sondern auf Gott vertrauen. Nötig ist dafür lediglich die Nüchternheit, die Paulus ja auch nennt. Wir müssen ehrlich sein und uns eingestehen, dass wir nicht alles können und erreichen. Wir sind unvollkommen und unzulänglich. Aber das dürfen wir auch sein, denn Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Wir müssen nicht immer gut und erfolgreich sein, sondern dürfen auch scheitern. Im Glauben wissen wir uns von Gott gehalten und geführt, ganz gleich, was geschieht. Er macht uns frei, der Druck verschwindet, wir können aufatmen und müssen keine Angst mehr haben. Die ständige Sorge, ob wir auch bestehen, löst sich in Luft auf, weil wir bei Gott geborgen sind. Das ist das erste.
Und so ähnlich ist es mit der Hoffnung. Auch sie schenkt uns ein ganz neues Lebensgefühl. Mit ihr sind wir zwar genauso auf ein Ziel ausgerichtet, wie durch unseren Willen, aber sie verengt nicht unseren Geist, sondern öffnet ihn. Wenn wir hoffen, ein Ziel zu erreichen, liegt es nicht in unserer Hand, sondern bei jemand anderem. Wir gehen davon aus, dass etwas bereits da und möglich ist, und wir nur darauf warten müssen. Dazu gehören zwar Beharrlichkeit und Geduld, aber keine Anspannung und kein Zwang. Dafür gibt es als Beispiel ein weiteres, positives Ereignis aus unserer Geschichte, das auch auf den 9. November fällt: der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Ohne die Hoffnung der Menschen wäre das so nicht geschehen. Durch sie blieb es friedlich und das Gute hat gesiegt.
Und das dritte, die Liebe, ist vielleicht die stärkste Kraft, die sich aus der Gemeinschaft mit Christus ergibt. Sie wird uns von ihm geschenkt, denn Christus hat die vollkommene Liebe gelebt. Er hat sich nicht selbst verwirklicht, sondern sich hingegeben. Er war erfüllt von dem Wunsch und dem Auftrag, die Menschen zu retten, und das hat er auch getan. Er hat uns einen Weg gebahnt, der uns von uns selber frei machen und uns für die anderen öffnen kann. Wir müssen nur seine Liebe annehmen. Dann fällt der Wunsch, uns selber zu behaupten, von uns ab. Wer sich von Christus geliebt weiß, sucht keine Macht und wendet keine Gewalt an, denn die Kraft der Liebe ist stärker. Sie macht uns milde und rücksichtsvoll, aufmerksam und friedlich. Der andere Mensch rückt in unser Blickfeld, und es erwacht die Freude, ihm etwas Gutes zu tun.
All das ist mit dem „Tanz“ gemeint, den der heilige Augustinus uns ans Herz legt, den wir lernen und einüben sollen, damit „die Engel im Himmel etwas mit uns anfangen können.“ So sieht ein Leben aus, das von der Erwartung des kommenden Endes bestimmt ist. Die Ewigkeit leuchtet hinein und vertreibt die Finsternis.
Es lohnt sich also, wenn wir uns in Glaube, Hoffnung und Liebe üben und diese Tugenden trainieren. Dann sind wir gut vorbereitet auf das große und überwältigende Ereignis der Zukunft, den „Tag des Herrn“. Und der wird kommen. Denn selbst wenn das Ende der ganzen Welt vielleicht noch fern ist, unsere persönliche Zeit hier auf der Erde ist auf jeden Fall begrenzt. Wir gehen alle auf die Vollendung unseres Lebens zu. Deshalb ist es gut und ratsam, wenn wir rechtzeitig „lernen zu tanzen, damit die Engel im Himmel etwas mit uns anfangen können“.
Amen.

Heilung an Leib und Seele

Gottesdienst mit der Evangelischen Jugend Kiel-Mitte am 26.10.2014, 11.00 Uhr, Jakobikirche Kiel

19. Sonntag nach Trinitatis,
Predigt über Markus 2, 1- 12: Die Heilung des Gichtbrüchigen

Im Gottesdienst haben drei Jugendliche, Joshua, Svenja und Hennes und unser Gemeindepädagoge Matthias Beckmann mitgewirkt und vor der Predigt folgendes  Anspiel mit anschließender Aktion durchgeführt:

Anspiel und Aktion: „Die Laus auf der Leber“

von Matthias Beckmann

Joshua betritt den Altarraum mit hängenden Schultern und einem missmutigen Gesicht.
Svenja tritt zu ihm und spricht, zur Gemeinde gewandt:
„Hallo Joshua, alles klar?“
Joshua (leicht aggressiv):
„Ach Svenja, lass mich bloß in Ruhe, ja!“
Svenja:
„Mensch, mach mich doch nicht gleich so an. Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“
Joshua und Svenja frieren in ihrer Bewegung ein, und Hennes tritt herzu. Während Matthias eine Gedankenblase mit Grafik hochhält, wendet Hennes ein:
„Moment mal. – Dem Joshua ist eine Laus über die Leber gelaufen?“…

Kurze Denkpause, dann folgt die Erklärung:
„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“ Das fragt man jemanden, der schlechte Laune hat. Aber wie sollte denn die Laus überhaupt an seine Leber kommen und wieso hat seine Leber etwas mit seiner Laune zu tun?
Früher dachten die Menschen, dass die Leber der Sitz der Gefühle ist. Deshalb sagte man „Es ist ihm etwas über die Leber gelaufen“, wenn jemand nicht gut drauf war. Später wurde aus „etwas“ die „Laus“, die über die Leber läuft. Man hat wohl die Laus gewählt, weil es ein winziges, unscheinbares Tier ist. Die Redewendung wird nämlich besonders dann benutzt, wenn man glaubt, dass der andere nur wegen einer Kleinigkeit mies drauf ist.“

Redewendungen, die mit Körperteilen zu tun haben, stellen meist ein Wissen über Zusammenhänge dar, die zwischen Körper und Seele bestehen. Zum Beispiel „Halsstarrig sein“ oder „die Nase voll haben“.
Die Laus auf der Leber deutet ein Wissen darüber an, dass depressive Tendenzen immer auch ein Zusammenhang mit dem Organ Leber haben können.

(Die Inhalte stammen von Geolino-Hpg und einem Blog zu Sprichwörtern.)

Vielleicht fallen Euch und Ihnen ja auch ein paar Redewendungen ein, die mit Körperteilen zu tun haben.
Svenja und ich sammeln mal, ihr könnt euch einfach melden und wir kommen dann zu euch.

Svenja ging dann mit Schildern und Edding mit Hennes zu den Leuten, die sich meldeten und notierten weitere Redewendungen.  Hennes brachte die Schilder nach vorne und las sie laut vor, bevor er sie nach und nach Joshua umhhängte, der immer weiter unter ihrer Last zusammensackte.
Matthias kam hinzu und sagte, dass es nun genug sei für den armen Joshua. Er wurde deshalb auf eine Trage gelegt und von Svenja, Hennes, Matthias und einer vierten Person davongetragen.

Folgende Redewendungen wurden u.a. gesammelt:

Das geht mir an die Nieren.
„Das schlägt mir auf den Magen.“
„Mir geht die Galle über.“
„Ich habe die Nase voll.“
„Das steht mit bis zum Hals.“
„Jemand ist halsstarrig.“
„Ich zerbreche mir den Kopf.“
„Ich habe Schmetterlinge im Bauch.“
„Liebe geht durch den Magen.“

Es folgte die Lesung des Evangeliums:

Markus 2, 1- 12

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass Jesus im Hause war.
2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.
4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:
7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?
8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?
10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten:
11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

 

Predigt über Markus 2, 1- 12

Liebe Gemeinde.
Ganz oft stecken seelische Probleme dahinter, wenn wir krank werden. Das machen die vielen Aussprüche deutlich, die wir gesammelt haben. Wer all das erlebt, was wir eben an Joshua angeheftet haben, ist am Ende so krank, dass er hinausgetragen werden muss. Körperteile werden in Mitleidenschaft gezogen, wenn etwas im Leben schief läuft, denn Leib und Seele gehören zusammen. Unser Verhalten, unsere Einstellung und unsere Gefühle haben Folgen für unsere Gesundheit. Die Medizin nennt das Psychosomatik.
Jesus wusste offensichtlich auch etwas davon. In der Geschichte von dem Gelähmten, der von seinen Freunden zu ihm gebracht wird, kommt das Thema jedenfalls vor. Denn es wird von einer Sündenvergebung und einer Heilung erzählt, von einer Befreiung also, die Seele und Leib in gleicher Weise betrifft.
Jesus war in einem Haus in Kapernaum und predigte. Viele Menschen hatten sich versammelt, um ihm zuzuhören. Das Haus war also gesteckt voll, sogar draußen vor der Tür standen noch Menschen und lauschten andächtig den Worten Jesu. Doch dann wurde er unterbrochen, denn jemand war auf das Dach des Hauses gestiegen und deckte es auf. Es war wahrscheinlich mit Schilf, Heu und Zweigen gedeckt, es ließ sich also durchaus öffnen. Vier Männer taten das, weil sie unbedingt ihren gelähmten Freund zu Jesus bringen wollten. Da sie aber nicht durch die Menge kamen, die den Eingang versperrte, hatten sie ihn mitsamt seinem Bett aufs Dach getragen und ließen ihn nun vor Jesus herunter. Er sollte den Gelähmten wohl heilen.
Sie äußerten diesen Wunsch aber nicht, und Jesus geht zunächst auch überhaupt nicht auf die Krankheit des Mannes ein. Er spricht etwas ganz anderes an, nämlich seine Sünden, und er vergibt sie ihm. Er kümmert sich also zuerst um die Seele des Gelähmten und nicht um seinen Leib. Das war für ihn wohl wichtiger.
Wie der Mann das fand, erfahren wir nicht. Erst mal mischten sich nämlich ein paar Schriftgelehrte ein. Sie regten sich über das Verhalten Jesu auf, denn sie zweifelten an seiner Vollmacht. Deshalb ist die Geschichte an dieser Stelle auch noch nicht zu Ende. Jesus offenbart vielmehr, was er wirklich kann, und befiehlt dem Kranken: „Steh auf, nimm dein Bett und geh heim.“ Alle Anwesenden sollen wissen, dass er eine Macht besitzt, die Seele und Leib gleichermaßen heilt.
Und so geschieht das Wunder, der Gelähmte wird auch körperlich gesund. Er spürt wieder Kraft in seinem schwachen Leib, steht wirklich auf und verlässt vor den Augen der anderen das Haus.
Sein Leben war damit vollständig neu geworden. Alles, was ihn gequält hatte, war mit einem Mal verschwunden. Und das war nicht nur die Krankheit, sondern auch seine Sünde. Mit Sicherheit hatte auch er dazwischen einen Zusammenhang gesehen. Als Jude war ihm von Kindheit an beigebracht worden, dass jede Krankheit eine Strafe für irgendwelche Sünden ist. So hatte er sich wahrscheinlich aufgegeben und war völlig bewegungslos geworden.
Das Evangelium schildert uns hier also nicht nur eine Wunderheilung, und das ist gut. Denn so etwas geschieht heutzutage kaum, und wir könnten es auch nicht richtig glauben. Wir würden die Geschichte wohl nicht so ganz ernst nehmen, wenn das alles wäre. Dadurch aber, dass hier noch mehr erzählt wird, ist sie auch für uns interessant. Denn sie beschreibt, wie wunderbar es ist, wenn wir in der Seele gesund werden. Dann empfangen wir neue Kraft, wir werden aufgerichtet, kommen in Bewegung und können weit gehen. Das ist hier die Botschaft: Jesus heilt uns an Leib und Seele. Und das tut er auch heute noch.
Wenn wir etwas mit ihm erleben wollen, ist es demnach gut, dass wir uns einmal fragen: Was belastet mich eigentlich seelisch? Was treibt mich um und quält mich innerlich? Bei dem Mann waren es seine Sünden, und er brauchte die Vergebung. Aber es gibt auch noch andere Probleme, die uns krank machen können: Ärger und Angst z.B., Stress, Versagen und Enttäuschungen. All das kann uns belasten.
Und wenn das so ist, ist oft auch die Gesundheit beeinflusst. Eine Erkältung kann z.B. durchaus damit zusammen hängen, dass wir von irgendetwas „die Nase voll haben“, Ärger schlägt uns auf den Magen, und Stress verursacht Kopfschmerzen. Diesen Zusammenhang müssen wir beachten, dann verstehen wir, was hier in der Geschichte passiert, und was der Glaube an Jesus bewirken kann.
Es vollzieht sich in drei Schritten. Der erste besteht darin, dass wir unsere Gedanken sortieren, bzw. sie loslassen. Oft drehen sie sich ja im Kreis, wenn uns etwas quält: Wir fragen uns z.B., warum ist das passiert? Oder – wenn jemand anders unser Problem verursacht hat, regen wir uns über ihn auf, verurteilen ihn und würden uns am liebsten rächen. Vielleicht geraten wir auch ins Grübeln über uns selber. Wir machen uns Vorwürfe und bereuen unser Verhalten, bloß ändern können wir es nicht. Und all das sorgt dafür, dass wir in schlechte Gefühle verstrickt werden. Wir sind innerlich gefangen, verkrümmt und gebeugt und werden krank. Deshalb ist es als erstes wichtig, dass wir mit all diesen Gedanken aufhören. Sie führen und helfen uns nicht weiter, im Gegenteil, sie machen oft alles nur noch schlimmer.
Der zweite Schritt besteht dann darin, dass wir stattdessen „Ja“ sagen, dass wir unser negativen Gedanken durch positive ersetzen und unser Problem annehmen. Es gehört jetzt zu uns, es ist da, und wir können es allein nicht lösen. Das müssen wir uns eingestehen und aushalten.
Das ist natürlich nicht ganz leicht, und es geht auch nur, wenn wir gleichzeitig auf denjenigen schauen, der uns helfen und befreien kann. Das ist der dritte Schritt: Wir dürfen und sollen auf Jesus vertrauen und ihn um Hilfe bitten. Alles, was uns beschäftigt und belastet, dürfen wir ihm sagen. Dann merken wir: Wir sind damit nicht mehr allein.
Jesus begegnet uns vielmehr, er rührt uns an und „vergibt“ uns. D.h. er tut etwas an uns und für uns. Wir müssen unser Leben nicht selber in Ordnung bringen, Jesus tut das für uns. All die unnötigen Gedanken werden uns abgenommen, das Grübeln hat in der Gegenwart Jesu ein Ende, und alle Probleme verlieren ihre Macht. Sie halten uns nicht mehr fest. Wir können uns öffnen und loslassen, denn wir haben jemanden, der uns ganz und gar annimmt. Wir müssen uns nur auf ihn verlassen und mit seiner Kraft rechnen. Jesus kann immer noch vollmächtig in unserem Leben wirken, denn er liebt uns und will unser Leben in seine Hand nehmen. Wir müssen es nur auch in seine Hand legen und uns ihm anvertrauen. Dann kann er etwas für uns tun, und dazu lädt er uns ein.
Wenn wir seiner Einladung folgen und ihn an uns heran las-sen, werden wir an Leib und Seele gesund. Die schlechten Gefühle werden schwächer, die Gedanken kommen zur Ruhe und die Qual nimmt ab. Das alles ist mit Vergebung gemeint. Sie ergreift uns ganz und macht uns an Leib und Seele frei. Sie ist wie ein Pflaster, unter dem alle Wunden heilen können. Das ist ein Bild, mit dem wir uns gut vorstellen können, was Vergebung bedeutet.
Die Pflaster für Kinder sind ja oft mit kleinen Figuren und Bildchen geschmückt. Wir kennen auch das Wort „Trostpflaster“. Wenn ein Kind sich verletzt hat, weint es zunächst einmal, auch wenn die Verletzung vielleicht gar nicht so schlimm ist. Das Pflaster verbindet dann nicht nur die Wunde, es tröstet auch. Denn es kommt immer von jemandem, der es gut mit dem Kind meint, der Vater oder die Mutter, eine Erzieherin oder sogar ein Arzt. Auf jeden Fall kümmert sich jemand um das Kind, wenn er das Pflaster aufklebt. Und damit geschieht noch viel mehr, als dass nur die Wunde versorgt wird. Auch die Seele des Kindes kommt zur Ruhe.
Und genauso ist es mit der Vergebung und der Zuwendung Jesu, sie ist wie ein Trostpflaster. Jesus versorgt uns damit an Leib und Seele. Im Glauben an ihn empfangen wir eine Kraft, die uns ganz durchströmt. Sie macht uns frei und richtet uns auf, sodass wir gesund und fröhlich weiterleben können.
Amen.

Am Ausgang bekam jeder Besucher und jede Besucherin ein Pflaster, auf dem das Wort „Vergebung“ stand.