Das Maß des Glaubens halten

Predigt über Römer 12, 1- 5: Das Leben als Gottesdienst

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Römer 12, 1- 5:

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.
Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch,
dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben,
aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus,
aber untereinander ist einer des andern Glied.

Liebe Gemeinde.
In regelmäßigen Abständen gibt es in den Kieler Nachrichten eine Gesundheitsseite. Da steht dann etwas über einen erholsamen Schlaf, gute Ernährung, genügend Bewegung usw. Das ist alles sehr lesenswert. Früher nannte sich die Rubrik „Gesundheit“, doch das hat sich geändert. Ist Ihnen das schon aufgefallen? Interessanter Weise steht als Titel in der Kopfzeile jetzt das Wort „Balance“, auf Deutsch „Gleichgewicht“, und damit verraten die Redakteure bereits ihre Sichtweise auf das Thema: Wer gesund leben möchte, muss in allem das richtige Gleichgewicht finden. Es geht um Ganzheit und Ausgewogenheit. Gesundheit hat nicht nur etwas mit Diagnosen und Therapien, Behandlung und Medizin zu tun, sie ist vielmehr ein Lebenskonzept. Dafür kann man sich entscheiden, man hat es selber in der Hand und kann es pflegen. Deshalb lohnt es sich auch, drüber zu schreiben.
Ich finde diesen Titel allerdings etwas irreführend, denn unter das Stichwort „Balance“ könnte noch viel mehr fallen. Sie spielt ja in allen Lebensbereichen eine Rolle, in der Erziehung und Wirtschaft, im Miteinander, im Denken und im Glauben usw.
Paulus hat das auch schon erkannt. Wir haben es vorhin in unsrer Epistel gehört. Da heißt es an einer Stelle. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ Paulus ermahnt damit zu genau dem, was ich eben erwähnte, zu der richtigen Balance – in diesem Fall im Glaubensleben. Die ist ihm offensichtlich wichtig.
Lassen Sie uns deshalb fragen, was er damit meint. Dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. Keiner soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, sondern sich in Besonnenheit üben und Maß halten, und d.h., sich um Ausgewogenheit und Gleichgewicht bemühen.
Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Er beschreibt, wie ein Leben mit Christus aussieht, wie Christus es prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.
Dabei geht es auch ihm um Ganzheitlichkeit. Das wird gleich am ersten Satz deutlich: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“
Die ganze Person ist zur Hingabe aufgefordert. Die Antwort auf das Heilswerk Jesu ist Leib und Leben der Glaubenden. Der richtige Gottesdienst ereignet sich nicht in nur in Gaben, Gebeten, Liedern und Predigen, sondern im Lebensvollzug. Er bleibt nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt, sondern muss in den Alltag und das Verhalten hineinwirken.
Es unterscheidet sich von dem, was vorher war, von den Nicht-Christen und der übrigen Welt. Paulus sagt: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.“ Es geht also um eine Umwandlung und Veränderung. Der Glaube an Christus führt zu einer neuen Wahrnehmung des Willens Gottes. Die Christen erkennen, was Gott wohlgefällt. Ihnen wird Weisheit geschenkt, die sie zu dem neuen Lebenswandel anleitet.
Und in diesem Zusammenhang spielt nun die Besonnenheit eine Rolle, das Gleichgewicht, die Balance. Auch im Glauben und im Gemeindeleben gilt es, darauf zu achten. Die einzelnen Gemeindeglieder sollen auf alles Trachten verzichten, das die Gemeinschaft der Glaubenden und die gemeinsame Basis sprengen könnte.
Paulus veranschaulicht das mit dem Beispiel von den vielen verschiedenen Gliedern am Leib. Er sagt: „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.“ Wir sind alle aufeinander angewiesen, keiner kann und darf es sich leisten, auf Kosten der anderen seine eigene Denk- und Lebensweise zu verfolgen. Es gilt vielmehr, sich an Jesus Christus zu orientieren. Dann kann das Evangelium lebendig werden.
Das sind wichtige Ermahnungen, die auch wir beachten sollten. Sie verhelfen uns zu einem gesunden Glauben und Gemeindeleben. Lassen Sie uns also fragen, was wir dafür beachten müssen. Dabei hilft es, wenn wir uns klar machen, worin die Gefahren liegen, was wir eventuell falsch machen. Auch wir neigen dazu, das Gleichgewicht und das Maß zu verlieren, Inhalte und andere Menschen über- oder unter zu bewerten.
Es passiert ja z.B. leicht, dass einer seine Art des Glaubens für besser hält, als die des anderen. Er findet, dass er das Evangelium konsequenter lebt, es ernster mit dem Willen Gottes meint, frömmer und bibelfester ist. Er tut vielleicht auch mehr in der Kirche, lässt sich öfter blicken, geht regelmäßig in den Gottesdienst und hält sich deshalb für einen Vorzeigechristen. Doch selbst wenn es so ist, dass er wirklich viel tut, daraus können auch Stolz und Hochmut, entspringen, und die führen dann zu Vorbehalten und Argwohn, Spannungen und Abspaltungen. Der Geschwisterlichkeit dient das jedenfalls nicht. Die Selbstüberschätzung wäre also eine Gefahr, die uns aus dem Gleichgewicht bringt und die Balance stört.
Es kann aber auch genau das Gegenteil der Fall sein, dass ich mich nämlich unterbewerte. Dann finde ich, dass der andere besser ist. Ich stelle mein eigens Licht in den Schatten, traue mir nichts zu, habe Selbstzweifel, fühle mich schlecht und überfordert. Angst und Neid sind ständige Begleiter. Wer so denkt, leidet viel und wird eventuell sogar krank. Ein positives Miteinander wird ebenfalls blockiert, genauso wie bei der Überbewertung der eigenen Möglichkeiten. Diese falsche Bescheidenheit trägt nicht zur Ausgewogenheit bei und entspricht auch nicht der Weisheit, die Paulus meint. Sie ist vielmehr die zweite Gefahr.
Und eine dritte Grundüberzeugung, die ebenfalls nicht förderlich ist, besteht darin, dass man alle für schlecht hält. Um ja niemanden über zu bewerten, lehnt man am besten alle ab, stellt die Gemeinschaft und den Glauben grundsätzlich in Frage. „Ich bin schlecht, die anderen sind es aber auch.“, dieser Gedanke prägt dann das Lebensgefühl. Ein erfreuliches Miteinander ist dabei natürlich am wenigsten möglich. Wahrscheinlich ist es sogar der Anfang vom Ende eines gesunden Glaubenslebens. Sinnlosigkeitsgefühle gehen damit einher, es führt zur Passivität und Ziellosigkeit. Das wäre die dritte Fehlhaltung.
Alle drei Grundpositionen stören das Gleichgewicht, sie sind töricht und einseitig, destruktiv und ungesund. Die sogenannte Transaktionsanalyse hat das in den achtziger Jahren herausgearbeitet. Sie diente dazu, uns selber besser zu verstehen und unsre Einstellung verändern zu können. Ihre Schöpfer Thomas A. Harris und Eric Berne benutzten für die verschiedenen Grundüberzeugungen markante Sätze, mit denen wir uns gut merken können, worum es jeweils geht. Der Satz für die erste Fehlhaltung lautet: „Ich bin okay. Du bist nicht okay.“ Die zweite Variante heißt dementsprechend: „Ich bin nicht okay. Du bist okay.“ Und die dritte: „Du bist nicht okay. Ich bin nicht okay.“ (Manfred Gührs und Claus Nowak, Das konstruktive Gespräch, Kiel 1991, S. 44f)
Jetzt können Sie können sich sicher schon denken, worin die Lösung liegt. Am besten wäre es nämlich, zu sagen: „Ich bin okay. Du bist okay.“ Das wäre konstruktiv und ausgewogen. Die Autoren bezeichnen es als „integrierte Haltung“, bei der ich mich weder über- noch unterlegen fühle. Dieses Bewusstsein fördert gute Kommunikation und ein gedeihliches Zusammenleben. Der liebevolle Umgang miteinander wird möglich, bei dem das rechte Maß gehalten wird.
Am besten wäre es also – und dazu will Paulus uns auch ermuntern – zu sagen: Ich bin gut, und du bist auch gut. Selbst wenn wir unterschiedlich intensiv glauben, uns verschieden stark einbringen und andere Prioritäten setzen, wir gehören zusammen und wir können auch übereinstimmen. Verständnis füreinander wird möglich. Man erkennt sich selber und den anderen und sieht alles im rechten Licht. Man übt sich in Besonnenheit und Weisheit. So wird der Glaube ausgewogen, und es entsteht ein gesundes Gleichgewicht.
Doch das ist natürlich nicht ganz einfach, niemand kann das konsequent durchhalten. Es gibt sicher keinen Menschen, der sich ausschließlich in dieser Lebensposition befindet. Aber davon geht auch niemand aus. Wenn es so wäre, bräuchte Paulus ja seine Ermahnungen nicht zu schreiben, und die Transaktionsanalyse wäre nicht entwickelt worden. Wir müssen uns darum bemühen, es anstreben und immer wieder darauf achten.
Dabei ist es gerade im Glauben wichtig, dass wir einsehen: Aus eigener Kraft wird uns das nicht möglich sein. Paulus ermahnt die Gemeinde bewusst „durch die Barmherzigkeit Gottes“. Sie ist die Voraussetzung für alles, was wir tun. Darüber hatte er in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich geschrieben. Gott weiß um unsre Fehlbarkeit und Unausgewogenheit und er hat Mitleid mit uns. Das steht hinter seiner Barmherzigkeit. Er bedauert uns und hat deshalb etwas getan: Er sandte seinen Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann man sagen, dass er „das Maß des Glaubens“ in vollkommener Weise gelebt hat. In ihm sehen wir das Bild Gottes und das Bild des Menschen, wie Gott ihn sich wünscht. Es gilt deshalb, auf ihn zu schauen, auf Jesus Christus zu vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken zu lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unseren Ehrgeiz, als auch unsere Schwäche überwinden.
Falls wir dazu neigen, uns selber zu überschätzen, werden wir in seinem Licht in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sind in der Lage, auch unsere Fehler zu erkennen und anzunehmen, denn es macht nichts, dass wir sie haben. Und automatisch erscheint der andere dadurch in einem viel positiveren Licht als vorher.
Christus kann die erste Fehlhaltung überwinden, und ebenso die zweite. Auch Minderwertigkeitsgefühle können durch den Glauben aufgehoben werden, denn wir wissen, Jesus liebt uns. Er kennt unseren Wert, und der ist nicht geringer, als der von anderen Menschen. Ganz gleich, was und wie viel wir einbringen, wir sind in seinen Augen gut.
Und die dritte Fehlhaltung, bei der wir alles negativ sehen, entsteht gar nicht erst, denn unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht. Er gibt uns Sinn und Ziel. Von ihm her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv. Christus schenkt uns das Gleichgewicht, das rechte Maß, Besonnenheit und Weisheit. Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinde werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das Vergleichen und Bewerten hört auf, denn jeder ist gut und trägt zum Ganzen etwas bei.
Am besten ist es, mit diesem Wunsch ins Gebet zu gehen und Christus darum immer wieder zu bitten. Wir können das gut mit folgenden Worten aus der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen:
„Herr, gib mir himmlische Weisheit, dich vor allem andern zu suchen und in allem zu finden, dich über alles zu lieben und in allem zu genießen und die übrigen Dinge an jene Stelle zu setzen, die deine Weisheit ihnen zugewiesen hat. Lehre mich, den glatten Schmeicheleien des falschen Freundes klug auszuweichen und die harten Worte meines Gegners geduldig zu ertragen. Denn es ist eine große Weisheit, weder die scharfe Zugluft des Tadels noch das sanfte Gelispel des Lobes auf sein Herz wirken zu lassen. Und nur diese Weisheit führt sicher zwischen Abwegen links und rechts hindurch.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 227f)
Amen.

Meine Zeit steht in deinen Händen

Predigt über Jakobus 4, 13- 15: Wider eigenmächtiges Planen und Tun

Neujahrstag, 1.1.2016, 18 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jakobus 4, 13- 15

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Han-del treiben und Gewinn machen –,
14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie sich den ersten Kalender für das neue Jahr gekauft? Ich selber brauchte ihn spätestens nach den Sommerferien, denn da haben wir in der Gemeinde bereits sehr viele Dinge für das nächste Jahr verabredet. Ich habe dafür zwar immer schon so einen einseitigen Jahresüberblick, weil er in meinem Terminkalender enthalten ist, aber der reicht dann nicht mehr. Mit einem digitalen Planer wäre das natürlich kein Thema, aber den habe ich nicht. Damit könnte ich jedes beliebige Jahr aufrufen und endlos im Voraus planen.
Das will ich allerdings gar nicht, und das tun sicher auch die Wenigsten von uns. Es ist auch unterschiedlich, wie lange im Voraus wir Termine festlegen, das kommt auf den Beruf, den Zusammenhang, den Charakter und den Lebensstil an. Ich kenne Menschen, die mögen sich grundsätzlich nicht gerne festlegen, mit denen kann ich mich kaum verabreden. Sie entscheiden frühesten ein paar Tage vorher, ob wir uns wirklich treffen.
Und dann gibt es noch die Bibelfesten, die nach einer Verein-barung gerne anfügen: „Jakobus vier Vers fünfzehn!“. Das ist etwas scherzhaft gemeint, denn sie gehen davon aus, dass jeder weiß, was da steht. Es ist der inzwischen sprichwörtliche Satz: „So Gott will.“ Wir haben ihn in unsrer Epistel vorhin gehört. Und auch, wenn es übertrieben wäre, das jedes Mal zu sagen, wenn wir etwas planen, so ist der Abschnitt doch sehr klug und bedenkenswert.
Er richtet sich an Menschen, die Handel treiben. In der Gemeinde, an die der Jakobusbrief geschrieben ist, gab es wohl Kaufleute, die mit ihren Geschäften Reichtum anhäuften. Sie waren viel auf Reisen und glaubten, bis ins Detail hinein zu wissen, wann und wohin und wie lange und wozu sie unterwegs waren. Wahrscheinlich waren sie sehr kapitalträchtig und entsprechend selbstsicher. Und das sieht der Schreiber kritisch.
Er ist gegen das eigenmächtige Planen und Tun, denn dabei wird leicht vergessen, dass die menschliche Wirklichkeit durch Unsicherheit und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Jakobus richtet sich gegen das Erfolgsdenken der Kaufleute, mit dem sie disponierten und kalkulierten, ohne dabei an den Herrn über alle Zeit zu denken. Er hielt es für Torheit, sich der Zukunft sicher zu sein, denn der Mensch weiß in Wirklichkeit noch nicht einmal, was der morgige Tag bringt.
Damit appelliert er an eine Lebenserfahrung, die eigentlich jeder einsichtige Mensch irgendwann macht. Auch um die Vergänglichkeit weiß jeder und jede. Sie wird hier mit dem Bild vom Rauch beschrieben, „der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Bei allem Überlegen und Planen sollen die Menschen Gott als denjenigen anerkennen, der das letzte Wort über Leben und Tod behält. „Wenn Gott will“ heißt hier also: Wenn es Gottes Walten im Geschick des Menschen entspricht. Das klingt vielleicht nach Schicksalsgläubigkeit, möglicherweise sogar Resignation oder Verzweiflung, aber so ist es nicht gemeint. Jakobus geht fest davon aus, dass Gottes Wille dem Heil des Menschen dient. Deshalb ruft er zum Gottvertrauen auf.
Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass der Jakobusbrief nicht mehr an die erste Generation von Christen geschrieben wurde. Die Adressaten gehörten vielmehr in die sogenannte nachapostolische Zeit. Sie hatten sich bereits in dieser Welt eingerichtet. Die anfängliche Aufbruchsstimmung, die die Apostel noch erlebt und ausgelöst hatten, war dem Alltag gewichen mit seinen Belastungen und Verlockungen. Die Christen waren in der Versuchung, sich der Welt anzupassen, die Radikalität der christlichen Forderungen abzumildern. Man nahm es mit der Konsequenz eines Handelns und Lebens nach dem Evangelium nicht mehr so genau. Und dagegen wendet sich der Brief. Er will die Leser aufrütteln und korrigieren. In diesem Sinne sollen alle Christen sich immer wieder sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
Und das ist auch für uns ein wichtiger Satz. Denn wir erliegen genauso gerne dem Gedanken, dass sich alles planen und machen lässt. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden. Natürlich müssen wir Termine verabreden. Ohne Planen würde unser Leben nicht funktionieren, deshalb findet es überall statt: In der Kultur, in der Wirtschaft, in Schulen und Betrieben, Gemeinden und Familien. Mein Terminkalender ist bis zum Juni schon mit ganz schön vielen Eintragungen versehen, und das finde ich auch gut. Dann kann ich mich darauf einstellen und mich entsprechend auf die einzelnen Veranstaltungen vorbereiten. Das sollen wir wie gesagt auch nicht lassen.
Es geht um etwas anderes, und zwar um unser Bewusstsein bei all dem. Mit welcher Grundhaltung gehen wir an das Leben heran? Wie selbstsicher sind wir? Wie viel Vertrauen haben wir in unsere Pläne und was machen wir mit der Tatsache, dass es überall Gefahren und Probleme gibt?
Wir werden von unserem Text eingeladen, die Zeit, die vor uns und auch hinter uns liegt, nicht einfach selbstherrlich als unser Eigentum zu betrachten. Sie wird uns vielmehr geschenkt und „steht in Gottes Hand“, wie es in Psalm 31 (V.16a) heißt.
Dazu gibt es ein Lied von dem westfälischen Theologen Peter Strauch. Der wurde 1943 geboren, und sein Lebensmotto ist genau dieser Satz: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Unter diesem Titel ist auch seine Biografie erschienen. Es gab darin – wie bei jedem Menschen – nicht nur schöne Erfahrungen, sondern auch schwierige Wegstrecken. In seinem Lied kommen sie vor, natürlich allgemein formuliert. Aber sie sind auch allgemein gültig, deshalb ist das Lied wahrscheinlich so bekannt geworden. In unserem Gesangbuch steht es noch nicht, weil es 1981 entstanden ist, aber in das neue Begleitheft wurde es aufgenommen. (Himmel, Erde, Luft und Meer, Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch der Nordkirche, 2014, Nr.135) Es hat drei Strophen, und in jeder Strophe beschreibt Peter Strauch ein Problem, das mit dem selbstherrlichen Planen einhergeht.
In der ersten Strophe thematisiert er die Angst, die uns befallen kann, die Sorgen und die Mutlosigkeit. Das kennen wir alle, denn oft lassen sich diese Gefühle auch durch noch so gründliches Planen nicht aufheben. Wenn Menschen in unserer Familie oder wir selber z.B. krank sind, wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, die politische Lage nichts Gutes verheißt usw., dann können wir uns nicht einfach auf unser Planen und Können verlassen, dann müssen wir nach noch mehr fragen. Dann ist es gut, wenn wir auf Gott vertrauen, auf sein grenzenloses Walten in der Geschichte und unserem persönlichen Leben. Denn er meint es gut mit uns, seine Liebe ist da und er hält uns fest. In seinem Lied hat Peter Strauch das so formuliert:
„Sorgen quälen und werden mir zu groß. Mutlos frag ich: Was wird Morgen sein? Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.“ Wir können das getrost nachsprechen, denn es ist wahr: Gott ist immer bei uns, ganz gleich, was geschieht. Wir müssen uns nicht fürchten. Im Vertrauen auf Gott verlieren wir die Angst und die Sorgen um den nächsten Tag.
Das zweite Problem, das sich durch zu viel Selbstherrlichkeit ergibt, ist der Stress, den wir oft empfinden. Das betrifft natürlich am ehesten die Berufstätigen. Viele Terminkalender sind viel zu voll. Menschen hasten von einer Veranstaltung zur nächsten und wissen manchmal nicht, wie sie das alles schaffen sollen. Sie stehen dauernd unter Druck und leiden an Zeitnot. Es drohen das innere Ausbrennen und der seelische Untergang. Wer darin nicht versinken will, muss anhalten, eine Pause machen und am besten beten. Es gilt, vom Terminkalender weg einmal nach oben zu schauen und Gott um Hilfe zu bitten. Er kann uns befreien und uns führen. In dem Lied ist das so formuliert:
„Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb nehmen mich gefangen, jagen mich. Herr ich rufe: Komm und mach mich frei! Führe du mich Schritt für Schritt.“ Im Glauben an Gott werden wir von dem selbstgemachten Druck erlöst, wir können aufatmen und neue Kraft schöpfen. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes Problem gibt es das Gefühl der Sinnlosigkeit. „Wofür mache ich das alles eigentlich?“ Dieser Gedanke kann uns befallen, wenn wir nur an uns selber glauben, völlig im Diesseits aufgehen und alles für planbar halten. Dann fühlt sich unser Leben trotz aller Geschäftigkeit irgendwann leer an. Die Zeit vergeht, Wochen und Monate ziehen vorbei, und wir wissen gar nicht richtig, wo sie bleiben. Peter Strauch formuliert das so:
„Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn. Hilflos seh ich wie die Zeit verrinnt. Stunden, Tage, Jahre gehen hin, und ich frag, wo sie geblieben sind.“ Das ist ein bedrängendes Gefühl, gegen das es nicht viele Mittel gibt. Auch mit einer Therapie kommen wir dagegen nicht unbedingt an, denn so ist die Wirklichkeit unseres Lebens: In unserem Bibeltext steht nicht umsonst das Bild vom Rauch: Es sagt aus, dass unser Leben vergeht und zutiefst sinnlos bleibt, wenn wir nicht danach fragen, wer es in der Hand hat, und wo es hinführt.
Wenn wir das allerdings tun und beachten, dass „unsere Zeit in Gottes Hand steht“, können wir ruhig und getrost werden. Wir finden Erfüllung und Frieden. Deshalb lautet der Refrain unsres Liedes, der am Anfang und nach jeder Strophe gesungen wird:
„Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ Dieses Gebet können wir alle sprechen, es wird erhört, denn Gott ist da.
Und das gilt auch dann noch, wenn alles zu Ende ist. Das wäre ein letztes Thema, an das wir denken können: Selbst angesichts des Todes kann der Glaube an Gott, der unsere Zeit und damit unser ganzes Leben in der Hand hält, uns tragen und ruhig machen.
Ein Mensch, der uns das in besonderer Weise gezeigt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Von ihm sind viele Worte und Gedanken überliefert, denn er hat sie aufgeschrieben. Das beste Dokument für seinen Glauben und sein Denken ist das Buch „Widerstand und Ergebung“. Es enthält Briefe, die Bonhoeffer in der Haft geschrieben hat. In die war er gekommen, weil er im Widerstand gegen Hitler mitgearbeitet hatte. Das Attentat vom 20. Juli 1944 hat er aus dem Gefängnis verfolgt, da war er be-reits nicht mehr frei. Natürlich hatte er sich davon eine Wende seines Geschickes erhofft, doch die trat nicht ein, denn der Plan war gescheitert. Das ist ein tragisches Beispiel für das Misslingen von menschlichen Vorhaben. Ob Gott es nicht wollte? Hitler glaubte das, aber das finden wir heutzutage natürlich zynisch. Wir wissen es nicht. Bonhoeffer hat das Scheitern auch anders verarbeitet, als sich diese Frage zu stellen. Seine Lage war nun natürlich noch unsicherer, noch bedrohter und aussichtsloser, aber er hat sein Gottvertrauen nicht aufgegeben. Im August 1944 schrieb er vielmehr folgende Zeilen:
„Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen, und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist. Gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsre Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden auf dem wir stehen.“ (Dietrich Bonhoeffer,  Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft,  Gütersloh, 18. Aufl. 2005, S. 209f) Und so ist Bonhoeffer mit festem Glauben seinen Weg weitergegangen. Er wurde ein dreiviertel Jahr später, ein Monat vor Kriegsende umgebracht. Wie „ein Rauch“ verschwand er von der Erde. Doch das Zeugnis seines Glaubens ist bis heute lebendig geblieben, denn das ist unzerstörbar.
Auch wir können uns zu diesem Glauben entscheiden, zu der Gewissheit, dass Gott uns unsere Zeit geschenkt hat und in allem, was wir tun, das letzte Wort behält. Nüchternheit und Wachsamkeit gehören dazu. Der Geist muss sich immer wieder aufschwingen und sich geduldig dem Willen Gottes fügen. Das ist ein innerer Kampf, den wir täglich zu bestehen haben, aber wir können ihn gewinnen, denn einer begleitet uns durch die Zeit, die wir bekommen haben: Jesus Christus, der Sohn Gottes. In ihm ist Gott mit seiner Liebe und seinem Heil bei uns. Am besten können wir diesen Glauben leben, indem wir jeden Morgen mit der liturgischen Tradition unserer Kirche beten:
„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen, 4., völlig neu bearbeitete Auflgae, 1998, S. 290)
Amen.

Das Bad der Wiedergeburt

Predigt über Titus 3, 4- 11: Erneuerung im Heiligen Geist

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2015, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Titus 3, 4- 7

4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit –
durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus,
unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden,
Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde.
Baden Sie gerne? Hier in Kiel kann man das ja gut in der Förde tun, und einige Menschen betreiben das sogar im Winter. Es sind die sogenannten „Winterbader“. Sie treffen sich in der Seebadeanstalt in Düsternbrook oder Holtenau und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Denn das Wasser ist natürlich ziemlich kalt. Aber es erfrischt angeblich, härtet ab, und man fühlt sich hinterher so richtig gut.
Ich selber beschränke mein Schwimmen im Freien auf die wärmeren Monate. Im Winter gehe ich lieber ins Hallenbad. Das bekommt mir auch.
Ins Wasser zu steigen und sich darin aufzuhalten, macht den meisten Menschen Spaß. Selbst das Bad in der Wanne hat eine positive Wirkung. Es entspannt und reinigt, belebt und erfrischt.
Deshalb wurde in unserer Epistel von heute das Bad als ein Bild verwendet. Sie ist gleichzeitig unser Predigttext. Vom „Bad der Wiedergeburt“ ist dort die Rede. Diesen Ausdruck finden wir in der Bibel an verschiedenen Stellen, und er bezieht sich auf die Taufe. Sie macht den Menschen zu einer neuen Kreatur, das war die Vorstellung. Er wird gereinigt, die Sünden werden abgewaschen, und der Mensch ist danach wie ein eben geborener Säugling. Damit soll gesagt werden, dass die Taufe zu einem höheren Dasein erneuert. Der Täufling wird in die neue Welt eingegliedert, die durch das Erscheinen Christi da ist.
Mit dieser Vorstellung beginnt der Textabschnitt, der ein alter Hymnus ist, ein Lied, das die christliche Gemeinde wahrscheinlich immer anlässlich einer Taufe gesungen hat. Darin wird am Anfang das Gotteswunder erwähnt, das mit der Ge-burt und dem Kreuzestod Jesu anbrach: „Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Das sind feierliche Worte für das Kommen Christi. Es stellt eine Wende in der Geschichte der Menschheit dar. Denn in ihm erschien, wie ein Licht in der Finsternis, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Sie hat uns aus dem Verderben gerissen, gerettet und „selig gemacht“, wie Luther übersetzt. Im Lateinischen steht dafür das Wort „Humanitas“, Humanität also. Gott hat die wahre Humanität gebracht, er hat sich den Menschen zugewandt und ihnen einen neuen Anfang ermöglicht.
Das Wasser, das Schmutz abwäscht und reinigt, erfrischt und belebt, ist für diesen Vorgang ein schönes Symbol. Es kommt in unserem Text auch noch ein zweites Mal vor. Wasser gibt es ja nicht nur als Element, in das man hineinsteigen kann, es regnet auch auf uns herab oder kann ausgegossen und verteilt werden. Und das geschieht ebenso bei der Taufe: Da werden wir erneuert „im Heiligen Geist, den Gott über uns reichlich ausgegossen hat.“ Gott gießt seine Kraft und Gegenwart über uns aus, und er geht damit verschwenderisch um. Vom Wasser, das über etwas ausgegossen wird, geht ja meistens etwas daneben, es ist reichlich vorhanden und kann viel bewirken. So ist es mit dem Heiligen Geist, der in der Taufe das Wunder der Neugeburt vollzieht.
Dabei ist es noch wichtig, dass wir das alles ohne unser Zutun bekommen, „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Das ist ja ein Grundgedanke im Neuen Testament, dass wir „allein aus Gnade“ gerettet werden.
Und zum Schluss wird noch das Ziel genannt: Wir werden „Erben des ewigen Lebens nach unsrer Hoffnung.“ Die Taufgnade umfasst eine Verheißung: Wenn der Jüngste Tag anbricht, und Gott zum letzten Gericht erscheint, werden die Getauften freigesprochen und bekommen Anteil am ewigen Leben. Ihre Rettung geschieht für Zeit und Ewigkeit.
Das ist die Botschaft unserer Epistel, und die passt sehr schön zu Weihnachten. Wir feiern das Erscheinen Jesu Christi, und uns wird gesagt: Das war nicht nur ein geschichtliches Ereignis, es hat vielmehr erneuernde Kraft. Wir können hineingenommen werden in dieses Gotteswunder, und das ist wie ein Bad: Wir werden gereinigt und erfrischt, belebt und gestärkt.
Doch wie geht das nun vor sich? An unsere Taufe erinnern wir uns ja wahrscheinlich nicht mehr. Und es ist auch nicht so gemeint, dass dieses einmalige Bad für alle Zeiten ausreicht, damit wir neue Menschen sind. Wir müssen vielmehr – bildlich gesprochen – immer wieder in das Wasser der Taufe eintauchen, der Heilige Geist muss immer wieder über uns „ausgegossen“ werden. Das sagt Luther schon im Kleinen Katechismus im „Hauptstück“ über die Taufe. Es heißt dort „zum Vierten: Was bedeutet denn solch Wassertaufen? Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“
Die Erneuerung im Geist und in der Seele bleibt eine Aufgabe, eine Übung, die wir regelmäßig vollziehen müssen. Lassen Sie uns also fragen, was das heißt.
Wir können es uns gut klarmachen, wenn wir uns einmal bewusst machen, dass wir alle irgendwelche „alten Geschichten“ mit uns herumtragen. Je älter wir werden, umso mehr. Und einiges davon kann uns unser Leben lang belasten. Dabei gibt es natürlich Unterschiede, es gibt leichte und schwere Lasten, Dinge, die wir tragen können, und anderes, das uns fast erdrückt.
Ich habe gerade Post von einem Mann bekommen, der seit 30 Jahren ein Trauma mit sich herumträgt: Er hat damals auf ei-ner Wanderung seinen Sohn verloren, der in den Abgrund gestürzt ist. Er gibt sich selber die Schuld für diesen Unfall und kann die schrecklichen Bilder in seinem Geist nicht auslöschen. Sie haben sich in seiner Seele festgesetzt und quälen ihn Tag und Nacht.
Das ist ein schlimmes Beispiel, etwas Schlimmeres gibt es wahrscheinlich kaum, und so etwas erlebt zum Glück nicht jeder Mensch. Aber keine Lebensgeschichte verläuft geradlinig, ohne Brüche oder seelische Verletzungen. Sie können durch vieles hervorgerufen werden: durch Gewalt oder Unrecht, eigene Schuld, Fehlentscheidungen oder schwerwie-gendes Versagen. Die Seele wird dadurch erschüttert, es kommt zu einem inneren Leiden. Und das kann manchmal lange dauern. Das traumatisierende Ereignis hält uns fest, es hat uns im Griff und wir werden es nicht los. Wir sind darauf fixiert.
Natürlich gibt es dafür viele Therapiemöglichkeiten, und die müssen wir auch in Anspruch nehmen, wenn wir weiterleben wollen. Wir erlernen dadurch tiefere Ebenen der Verarbeitung, können die belastenden Erinnerungen abschwächen bzw. beherrschbar machen. Es gibt auch den Ansatz, das Erfahrene zu einer Geschichte zusammenzufügen, diese mit Sinn oder Bedeutung zu verbinden und in die persönliche Lebensgeschichte zu integrieren. Das Ziel ist immer, sich selber besser zu kontrollieren und nicht mehr von den alten Gefühlen überschwemmt zu werden.
Und dabei kann nun auch der Glaube einen wichtigen Dienst erweisen. Wenn wir das Bild von dem „Bad der Wiedergeburt“ anwenden, heißt es, dass er uns einen Neuanfang ermöglicht, eine Befreiung und Reinigung.
Dabei müssen wir uns als erstes klar machen, dass durch Jesus Christus wirklich etwas Neues angefangen hat. Sein Erscheinen ist nicht nur eine Lehre oder eine Idee, sondern durch ihn gibt es in dieser Welt eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit, in die wir hineingenommen werden können, in die wir „eintauchen“ können.
Das Wasser ist ein anderes Element als die Luft. Wenn wir hineinsteigen, verändert sich unser Körpergefühl, wir werden getragen und sind umgeben von einer Materie, die sich vom Gewohnten unterscheidet. So ist es auch mit der Gegenwart Christi: Sie kann uns umspülen und einhüllen, tragen und verändern.
Oft stellen wir uns Gott oder Jesus Christus als ein Gegenüber vor. Wir denken an ihn, reden über ihn, beten vielleicht zu ihm und erwarten, dass er etwas tut. So fängt der Glaube in der Kindheit auch an. Doch das ist noch lange nicht alles. In Zeiten, in denen wir schwer leiden, reicht das auch nicht. Denn da fehlen uns oft die Bilder und die Worte ebenso. Alles verdunkelt sich, wir können keine klaren Gedanken mehr fassen.
So ist es gut, dass uns verkündet wird: Jesus Christus ist noch viel mehr als ein Gegenüber oder ein Gedanke. Seine Liebe ist wie eine Hülle, die er uns umlegt. Wir müssen dabei gar nichts mehr sagen oder denken. Wir dürfen schweigen, still halten und so sein, wie wir sind. Alles, was uns beschäftigt, gehört zu uns, und nichts davon müssen wir abschneiden. Auch die Dinge, die wir bereuen, Fehlentscheidungen, Versagen und Schuld sind ein Teil von uns, den Jesus sieht und den er haben will.
Wir müssen all diese Geschichten deshalb selber annehmen. Das Schwere lässt sich nicht einfach so eliminieren oder aus-löschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid dadurch, dass wir es loswerden wollen. Wir würden einiges von dem, was sich in unserem Leben ereignet hat, am liebsten ungeschehen machen, aber das geht nicht. Wir müssen dazu „Ja“ sagen. Aus eigener Kraft ist das wahrscheinlich fast unmöglich. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass Christus „Ja“ dazu sagt, kann es möglich werden. Und dadurch wird es abgeschwächt. Es verliert seine Macht, denn Christus vergibt uns alle Sünden, die uns belasten.
Die Erklärung Martin Luthers aus dem Kleinen Katechismus klingt beim ersten Hören ja etwas düster und brutal: „Der alte Adam in uns soll durch tägliche Reue und Buße ersäuft werden und mit allen Sünden und bösen Lüsten sterben.“ Das hört sich an wie ein Leben mit täglichen Schuldgefühlen, täglicher Selbstverurteilung und seelischer Kasteiung, und das lehnen wir ab. Doch so ist es nicht gemeint. Dahinter verbirgt sich vielmehr genau das Gegenteil. Der „alte Adam in uns“ ist genau die Stimme, die uns quält und verurteilt, die uns festhält und traumatisiert. Sie soll „ersäuft“ werden. „Sünde und böse Lust sollen sterben“, wie Luther sagt. Und damit meint er nicht nur Verstöße gegen die zehn Gebote, Ausschweifungen, Egoismus, Liederlichkeit usw., sondern genauso das Festhalten an unseren „alten Geschichten“. Es geht darum, uns nicht mehr auf unsre Schuld zu fixieren, täglich loszulassen und das Alte alt sein zu lassen.
Dabei weiß Luther sehr wohl, dass es nicht einfach ist, die Fixierung aufzubrechen und sie loszuwerden. Die negativen Stimmen in uns verstummen nicht ein für alle Mal, nur weil wir das wollen. Hinter seiner Aufforderung zur „täglichen Reue und Buße“ verbirgt sich vielmehr die Einsicht, dass wir uns immer wieder von ihnen abwenden müssen. Das Vertrauen auf die alles umfassende Gnade Christi muss eine tägliche Übung sein.
Doch wenn wir sie vollziehen, kann „wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“, wie Luther weiter sagt. Und das ist eine wunderbare Verheißung. Hinter ihr verbirgt sich eine geistliche Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns im Vertrauen auf Christus üben: Wir merken, dass er da ist. Wir sind nicht mehr allein, wir spüren seine Liebe und seine Kraft, und die kann uns verwandeln. Seelische Fesseln lösen sich, die innere Qual schwächt sich ab, wir können aufatmen und fühlen uns frei.
Es ist wie nach einem Eintauchen ins Wasser: Wir sind erfrischt und neu belebt. Nicht umsonst gibt es dafür den Aus-druck „sich wie neu geboren fühlen“. Das sagen wir gerne nach einem Bad. Unsere Lebensgeister erwachen dadurch, uns durchströmt eine neue Energie, ungeahnte Kräfte werden mobilisiert und wir verspüren frischen Tatendrang.
Und das alles ist keine Einbildung. Uns wird vielmehr wirklich etwas geschenkt, wenn wir uns in dieser Weise Christus anvertrauen: Der Heilige Geist wird über uns „ausgegossen“ und wir „erben das ewige Leben“. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet, sie öffnet sich ins Grenzenlose, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.
Der Glaube kann also noch viel mehr als eine Therapie. Er löscht ein Trauma vielleicht nicht aus, aber er zeigt uns einen Weg, den wir vorher nicht gekannt haben: Wir finden eine unendliche Weite, in der die Seele zur Ruhe kommen kann. Denn wir finden die „Güte und Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist.“
Das ist die Weihnachtsbotschaft, und wir sind eingeladen, sie nicht nur an diesem Fest, sondern täglich neu zu hören und zu verinnerlichen.
Amen.

Das Fest der Liebe

Predigt über Titus 2, 11- 14: Die heilsame Gnade

Heiligabend, 24.12. 2015, 17.00 Uhr
Lutherkirche Kiel

Titus 2, 11- 14

11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben
13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,
14 der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre czu guten Werken.

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das „Fest der Liebe“, und das erwarten wir auch alle in diesen Tagen: Liebe und Freundlichkeit, Friede und Harmonie. Wir wünschen es uns für unsere Familien und für die Welt, und so bereiten wir uns entsprechend darauf vor. Wir kaufen Geschenke, schmücken unsere Wohnungen, verschicken Grüße, singen Weihnachtslieder, backen Kekse und vieles mehr. Alle sollen es gut haben, besonders am Heiligabend.
Aber gelingt uns das eigentlich? Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe einige Menschen getroffen, für die war es z.B. richtig kompliziert, wer wo Weihachten hingeht. Sind die Kinder erst einmal groß und haben ihre eigenen Familien, stellt sich diese Frage: Feiern wir bei den Großeltern, und wenn ja, bei welchen? Oder kommen die zu uns? Keiner soll zu kurz kommen, keiner übersehen oder verletzt werden. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach zu verwirklichen.
Und ist die Verwandtschaft erst da, stehen viele Fettnäpfchen herum, in die man leicht hineintreten kann. In jeder Familie gibt es empfindliche Themen, belastende Geschichten und unausgesprochene Konflikte.
Hinzu kommen die hohen Erwartungen an dieses wichtige Fest und der Anspruch, dass möglichst alles perfekt sein möge.
Im Schauspielhaus läuft in dieser Saison der Komödienklassiker „Schöne Bescherungen“. Das Stück nimmt Weihnachten und sein Spannungspotential unter die Lupe, und es geht natürlich schief: Ein Alkoholexzess jagt den nächsten, es droht der Ehebruch unterm Tannenbaum, und am Ende gibt es sogar einen versuchten Totschlag. Der britische Autor Alan Ayckbourn hat das Stück mit bissig-britischem Witz und Wahnsinn geschrieben. Das meiste ist natürlich übertrieben, aber den entscheidenden Satz der Hausfrau, in deren Heim das Familientreffen stattfindet, könnte jeder von uns sagen: „Keinen Streit bitte. Die Feiertage haben gerade erst angefangen. Ich kann gut darauf verzichten.“
Doch das ist wie gesagt nicht so einfach. Wo soll die Liebe denn herkommen, wenn sie seit Jahren schon nicht mehr richtig lebendig ist?
Der Abschnitt aus dem Titusbrief, den wir vorhin gehört haben, gibt uns darauf eine Antwort, denn dort wird das wahre Geheimnis von Weihnachten benannt, und zwar mit dem prägnanten Satz: „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ (Tit 2,11).
Das griechische Wort für „Gnade“ lautet „charis“, und das können wir auch mit „Schönheit“ und „Freude“ übersetzen. Es bedeutet ebenso „Freundlichkeit“ und „Wohlwollen“. Danach sehnen wir uns, und es ist da: In Jesus Christus ist das alles Wirklichkeit geworden. Wir empfangen durch sein Kommen das, was wir uns alle wünschen. Er verkörpert das ursprüngliche Bild des Menschen, und das ist geprägt von Gnade und Liebe.
Denn auch Gott hat sich den Menschen so gedacht. Der Mensch, den Gott sich erhofft hat, spiegelt in seinem Gesicht Freude und Schönheit wider. Er strahlt Milde und Freundlichkeit aus. Er ist gut zu sich und zu den Menschen. Er glaubt an das Heil und lockt so den guten Kern in seinen Mitmenschen hervor. Er liebt nicht nur seinen Nächsten, seine Freunde und Bekannte, ja nicht nur seine Feinde. Er ist selbst Liebe. Sein Wesen ist: Liebe zu sein. Und das alles ist in Jesus Christus erschienen.
Das ist die Weihnachtsbotschaft, und die ist wunderbar. Wir haben sie auch bitter nötig. Der Apostel Paulus hat den Titusbrief geschrieben, und er sieht die Situation des Men-schen vor dem Erscheinen Christi als verfahren und heillos. Er spricht vom „ungöttlichen Wesen“, „weltlichen Begierden“ und „Ungerechtigkeit“. All das bestimmt die Menschheit. Doch aus diesem unheilvollen Zustand hat uns das Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus herausgerissen. Es ist das große Geschenk, das Gott uns zu Weihnachten macht. Wir müssen es nur annehmen, d.h. etwas müssen wir dazu beitragen, damit es Wirklichkeit wird. Es geschieht nicht ohne das Zutun des Menschen.
Deshalb erwähnt Paulus hier außerdem einige Tugenden: „Zucht und Selbstbeherrschung, Besonnenheit und Gerechtigkeit.“ All das müssen wir üben, wenn die heilsame Gnade Gottes wirken soll. Man kann diesen Prozess Heiligung nennen. Auf ihn müssen wir uns einlassen. Doch all das ist auch möglich. Wir hören zu Weihnachten die Botschaft von der großen Gnade und Freundlichkeit Gottes, die uns erfüllen und in Bewegung setzen kann.
Das klingt gut, aber ist es nicht doch etwas unrealistisch? Was hat sich in der Welt denn durch das Erscheinen Jesu Christi verändert? Wir scheitern nach wie vor an unseren Idealen, und da sind auch die Christen kein Stückchen besser. Was haben sie eigentlich zur Heiligung des Menschen und zur Rettung der Welt bis jetzt geleistet? Doch herzlich wenig. Das ist der Vorwurf, den wir oftmals hören, und damit müssen wir uns beschäftigen.
Rechtfertigen müssen wir uns allerdings nicht, das hilft uns auch nicht weiter. Wenn wir auf diese Fragen eine Antwort erhalten wollen, müssen wir vielmehr unsere Blickrichtung verändern. Wir dürfen nicht nur in die Welt schauen und auf das Versagen der Menschen, weder auf das der anderen noch auf unser eigenes. Der erste Schritt besteht vielmehr darin, unsre Augen für etwas ganz anderes zu öffnen. Wir werden mit der Weihnachtsbotschaft zu einer neuen Weltsicht eingeladen. Paulus geht davon aus, dass in diese Wirklichkeit etwas Neues gekommen ist. Der christliche Glaube ist für ihn nicht ein Programm oder ein Gedanke. Er lebt vielmehr eine neue Realität, die alles Bisherige in Frage stellt.
Und das müssen wir uns gefallen lassen. Wenn wir von der Gnade Gottes nichts spüren, liegt das nicht daran, dass sie kraftlos ist oder eventuell gar nicht existiert, sondern an uns, die wir sie nicht sehen oder haben wollen.
Ohne dass es uns bewusst ist, verschließen wir uns gerne ge-genüber der Liebe Gottes. Wir erwarten das Gute immer wo anders: Von den Familienangehörigen, von uns selber, von den Politikern, den Umständen oder wem auch immer. Irgendwie kriegen wir den Frieden und das Wohlergehen schon hin. Das denken wir und so handeln wir. Dafür ist das Weihnachtsfest ein gutes Beispiel: Wir erwarten ganz viel und vertrauen auf unsere menschlichen Möglichkeiten.
Doch dabei merken wir nicht, wie sehr wir uns und die anderen unter Druck setzen. Wir bauen Mauern auf und fesseln einander mit unserem Verlangen und unseren Wünschen. Wir sind in Wirklichkeit Gefangene und Zerrissene, wir gehen in die Irre und verlieren dabei das Gute aus den Augen. Es ist da, wir sehen es nur nicht.
Und aus dieser Blindheit will Christus uns erretten. Er will uns ganz machen und uns auf den rechten Weg bringen. Aus dem Zwang, dauernd etwas voneinander zu wollen und zu erwarten, möchte er uns erlösen. Christus kann etwas in uns verwandeln, denn er zeigt uns das wahre Bild des Menschen. Damit bringt er uns in Berührung. Er kann den Schmutz abwaschen, der unser Bild verstellt hat, und das Urbild in neuer Schönheit erstrahlen lassen. Er kann uns von den Fesseln befreien, die uns gefangen halten.
Wir müssen ihm nur vertrauen und in eine persönliche Beziehung zu ihm treten. Das Christentum ist keine Ideologie und auch kein Gesetz. Es lebt vielmehr von der Freundschaft zu dem, der die Liebe ist. Auf ihn müssen wir schauen, an ihn glauben und seine Kraft empfangen.
Und das heißt: Wir müssen nicht vollkommen sein und alles selber hinkriegen. Das Gute wird uns vielmehr geschenkt. „Denn unser Gott und Befreier ist mit offenen Armen zu uns und zu allen Menschen gekommen.“ So kann man den ersten Vers unseres Predigttextes auch übersetzen. (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfürt a.M., 2003, S. 763) Wir müssen uns deshalb nur umarmen lassen, uns selber einmal loslassen, innehalten und auf Christus blicken. Dann können wir die Gnade Gottes auch erleben.
Und dieses Erleben ist wohltuend. Es heilt uns und die Welt, die Liebe wird lebendig. Anstatt danach zu fragen, wie wir auf unsere Kosten kommen, geben wir einfach weiter, was wir in uns haben. Wir werden fähig, etwas Gutes zu tun. Und das kommt auch zurück. Wir gehen nicht leer aus, wenn wir Liebe üben. Es ist vielmehr erfüllend und schön.
Viele Menschen haben das in den letzten Wochen erlebt, wenn sie sich für Flüchtlinge engagiert haben. Es hat sie beglückt und reich gemacht. Und das hängt damit zusammen, dass unser Leben so gedacht ist: Wenn die Liebe und Freundlichkeit siegen, kommen wir dem Bild am nächsten, das Gott sich vom Menschen erträumt hat.
Es gibt viele Stimmen, die uns weis machen wollen, dass die freundlichen Gesten gegenüber Flüchtlingen die Krise nur verschärft haben. Ich halte das für Unsinn. Die Not ist sowieso da. Menschen fliehen nicht, weil es in Deutschland so viele Helfer gibt, sondern weil sie sinnlosen und schrecklichen Kriegen ausgeliefert sind. Und wie soll es denn besser werden in der Welt, wenn nicht durch Freundlichkeit und Wohlwollen? Jemandem die Hand hinzustrecken, der Hilfe braucht, das kann nicht verkehrt sein. Es entspricht der Schönheit und Liebe Gottes, und die bekommen wir heute geschenkt: Wir kriegen das Heil und die Gnade.
Das ist die Weihnachtsbotschaft. Lassen Sie uns deshalb in den nächsten Tagen hauptsächlich etwas von Gott erwarten und sein Geschenk entgegennehmen. Er ist die Mitte des Weihnachtsfestes. Nicht was wir veranstalten macht es zu einem gelingenden Ereignis, sondern seine Gegenwart. Die Liebe und der Friede müssen keine Sehnsucht bleiben, wir müssen sie nur von dort empfangen, wo sie in Wirklichkeit herkommen. Dann können sie uns ergreifen, und wir können sie in die Welt tragen.
Amen.

Ärgern lohnt sich nicht

Predigt über 1. Korinther 4, 1- 5: Kein Recht zum Richten

3. Sonntag im Advent, 13.12.2015, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

1. Korinther 4, 1- 5

1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.
5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde.
„Du kannst dich den ganzen Tag ärgern, aber du bist nicht verpflichtet dazu.“ Diesen Spruch kennen Sie vielleicht. Ich habe ihn kürzlich von Karsten Sohrt gehört, der bei uns im Posaunenchor mitspielt und auch sonst in uneren Gemeinden ja sehr aktiv ist. Er hat ihn wiederum schon vor längerer Zeit auf einer Spruchkarte gelesen. Im Internet habe ich ein Geschirrhandtuch entdeckt, auf dem er steht. Es ist wohl für Leute gedacht, denen der Küchendienst schlechte Laune bereitet. Sie können sich davon aufmuntern lassen.
Und das ist gut, denn wir ärgern uns alle immer wieder, meistens über andere Menschen: unsere Mitbewohner, Vorgesetzten, Handwerker, Nachbarn usw. Sie haben mal wieder nicht aufgeräumt, uns unmögliche Anweisungen gegeben, ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht, ihre Hecke nicht geschnitten; und so kommt es zum Ärger. Wenn wir wollen, können wir ihn den ganzen Tag haben, aber wir sind – wie gesagt – „nicht dazu verpflichtet“. Es tut uns auch nicht gut. Ein anderer Spruch zu diesem Thema, den Karsten sich gemerkt hat, lautet: „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt dir nicht und dem anderen auch nicht.“
Und es ist nicht im Sinne der Bibel. In unserer Epistel von heute spricht Paulus über dieses Thema. Er hat sich dazu sehr tiefgehende Gedanken gemacht.
Dabei muss man wissen, dass es in Korinth Menschen gab, die sich über ihn ärgerten und ihn verurteilten. Er war hart angegriffen worden. Genau kennen wir die Vorfälle nicht, aber es waren Menschen in die Gemeinde eingedrungen, die böse Verdächtigungen und Verleumdungen über Paulus unter die Leute streuten. Sie bezweifelten öffentlich, dass er ein echter Apostel war, und wollten seine Autorität zerstören. Das hat Paulus getroffen. Er warnt deshalb die Gemeinde vor voreiligem Richten.
In unserem Abschnitt streitet er seinen Gegnern jegliches Recht zu ihrer Kritik an ihm ab und erklärt, dass sie mit ihrem Urteil völlig danebenliegen. Er beansprucht nämlich gar keine besondere Autorität, sondern versteht sich nur als „Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Er übt keine Herrschaft über die Gemeinde aus, denn sie gehört nicht ihm, sondern Gott. Sich selber versteht er nur als Verwalter. Deshalb ist von ihm nichts anderes als „Treue gegen das Eigentum“ gefordert, und die kann er ohne Abstriche bekennen. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, deshalb ist es für ihn auch ein „Geringes, dass er von den Korinthern gerichtet wird.“ Er untersteht ihrem Gericht gar nicht und auch keinem anderen „menschlichen Gericht“. Er beurteilt sich noch nicht einmal selbst. Denn das alles wäre menschlich und von daher in diesem Zusammenhang bedeutungslos.
Außerdem ist er sich – wie gesagt – keinerlei Schuld bewusst. Und dieser Aussage fügt er noch etwas Interessantes hinzu: Er weiß sehr genau um zwei Seiten in seiner Seele. Einerseits muss er sich zwar keine Unaufrichtigkeit vorwerfen, „aber darin bin ich nicht gerechtfertigt“ sagt er weiter. Denn „der Herr ist’s, der mich richtet.“ Sein Gewissen, das zwar rein ist, ist nicht absolut, es ist nicht die letzte Instanz des Gerichtes und nicht die Stimme Gottes. Die geht weit über unsere menschliche Erkenntnis hinaus. Wir sehen immer nur einen Teil der Wirklichkeit, nie haben wir die volle Einsicht in uns selber oder die anderen. Die hat Gott allein.
„Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt.“ fährt Paulus fort. Dem Endurteil Gottes soll niemand vorgreifen, denn das hieße, sich in das Richteramt Christi einzumischen. Niemand kann vollständig in den anderen hineinschauen, geschweige denn, ihn durchschauen. Es ist noch nicht einmal möglich, das eigene Herz ganz auszuloten. Vieles von dem, was in der Seele vor sich geht, liegt „im Finsteren verborgen“, und nur Christus „wird es ans Licht bringen. Er wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden.“ So endet der Textabschnitt, der heute unsere Epistel ist.
Und damit sind auch wir gemeint. Auch wir sollen es lassen, andere Menschen zu be- oder verurteilen. Das tun wir wie gesagt gerne. Jedes Mal, wenn wir uns über einen anderen Menschen ärgern, fällen wir auch ein Urteil. Wir erheben uns über ihn, meinen, es besser zu wissen und halten uns auch für besser. Unsere Mitbewohner oder Familienangehörigen sind schlampig und unordentlich; der Vorgesetzte ist herrisch und überheblich; Handwerker sind nachlässig und hören nicht richtig zu; und unsere Nachbarn sind rücksichtslos und egoistisch. Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen.
Natürlich gibt es einen Grund, warum wir so denken: Es ist Ausdruck unseres Ärgers, und der muss raus. Wir erlauben ihn, weil wir meinen, das sei notwendig. Schließich wollen wir nichts verdrängen oder runterschlucken, denn das ist ungesund. Das wissen wir inzwischen. Wer seine Gefühle nicht zulässt und immer nur still ist, wird irgendwann krank. Er unterdrückt ja etwas, verspannt sich und blockiert seine emotionale Energie. Kopf- oder Magenschmerzen, Herz- Kreislaufprobleme oder etwas anderes Schlimmes sind die Folgen. So denken wir. Deshalb ist es gut, sich immer schön zu ärgeren und das auch allen Menschen zu zeigen. So will die Psychologie es uns jedenfalls weis machen.
Aber stimmt das eigentlich? Ist das eine brauchbare Strategie? Ich finde, wir sollten einmal noch tiefer blicken, dazu lädt Paulus uns hier jedenfalls ein.
Er hätte sich auch ärgern können, denn er wurde aufs Übel-ste verleumdet und gemobbt. Doch das tut er nicht, und bei ihm ist es keine Verdrängung. Er ist vielmehr von etwas erfüllt, das stärker ist: Er glaubt an die Gegenwart Jesu, und dadurch unterscheidet sich sein Seelenleben ganz erheblich von den üblichen psychologischen Vorgängen: Er kennt eine Instanz, die liegt außerhalb der menschlichen Beurteilung, die ist größer und umfassender. Darauf will er auch aufmerksam machen. Es geht ihm um die Gegenwart Christi, um seine Liebe und seine Gnade. Die Korinther sollen sich wie er Jesus Christus anvertrauen und sein Erbarmen walten lassen.
Und das tut gut, es ist etwas ganz anderes, als irgendetwas zu verdrängen. Es macht auch nicht krank, sondern ist heilsam und befreiend.
Wir können uns das klar machen, wenn wir uns noch einmal die Situationen vorstellen, in denen wir uns ärgern. Da steigt ja etwas in uns auf. Körperlich gesehen ist es das Adrenalin, emotional gesehen ist es eine negative Energie. Fühlt die sich eigentlich wirklich gut an? Es ist doch gar nicht so befreiend, sich dieser Dynamik hinzugeben. Im Gegenteil, das ist wie ein Gift, das uns langsam durchdringt. Unsere Seele verdüstert sich, unser Blick wird verzerrt. Durch zu viel Ärger blockieren wir alles. Wir bauen eine Mauer zwischen uns und die anderen, denn sie mögen das nicht. Sie wenden sich von uns ab, und wir erreichen sie nicht mehr. Alles trübt sich ein, und wir verlieren den Überblick. Wir nehmen die Wirklichkeit nur noch bruchstückhaft wahr. „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt mir nicht und dem anderen auch nicht.“ Das sollten wir einsehen und zugeben.
Es ist deshalb gut, wenn wir den ersten Impuls eines Ärgers tatsächlich unterdrücken und uns davon nicht bestimmen lassen. Doch anstatt ihn dann herunterzuschlucken, können wir ihn abgeben. Paulus schlägt uns nichts vor, das uns krank macht, er will uns vielmehr befreien. Wir können unseren Ärger loswerden, indem wir uns und die anderen dem Gericht Christi überlassen. Ihm können wir alles anvertrauen, uns ihm hingeben und ihn urteilen lassen. Er weiß mehr als wir, er hat einen ganz anderen Blick, er allein kennt die Tiefen jedes menschlichen Herzens. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn allein suchen.
Wir werden dann ganz neue Erfahrungen machen. Es ändert sich etwas in unserer Seele, wir werden ruhig und heiter, gelassen und froh. Denn anstatt des Ärgers und Urteilens zieht ein ganz tiefer Friede in unser Herz ein.
Das ist sehr schön an einer Stelle in dem Buch „die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen formuliert. Dieses Buch stammt bereits aus dem 14. Jahrhundert und soll – nach der Bibel – das auflagenstärkste und am meisten übersetzte Buch der Weltliteratur sein. Es gilt als unübertroffenes Kompendium der geistlichen Erfahrung des Mittelalters und bietet uns immer noch Anweisungen für ein stressfreies Leben. Handfeste Grundregeln für den inneren Weg sind darin enthalten, die zu einer lebendigen Freundschaft mit Christus führen. Das Buch ist in sogenannte „Hauptstücke“ aufgeteilt, und eines davon trägt die Überschrift: „Worin der dauerhafte Friede des Herzens und der wahre Fortschritt in allem Guten besteht.“ Es ist in der Form eines Gespräches zwischen „dem Herrn“ und dem Jünger gehalten. Der Jünger fragt: „Was soll ich tun?“ Darauf antwortet der Herr: „Sei aufmerksam auf alles, was du redest und was du tust, und richte deine Absicht nur darauf, dass du mir allein gefällst und außer mir nichts verlangst, nichts suchst. Was aber andere tun oder reden, darüber erlaube dir nie ein vorschnelles Urteil, und mische dich in kein Geschäft, das dir nicht anvertraut ist. Und so mag es geschehen, das dein Herz selten in Unruhe gerät oder wenigstens die Unruhe kein Aufruhr wird.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 222)
Das ist die praktische Anwendung dessen, was Paulus gelebt hat, und es ist wunderbar formuliert. Der Verzicht auf schnelles Urteilen wird hier als ein heilsames Mittel beschrieben, das uns von allem Negativen befreit und uns zur Liebe und zur Ruhe führt.
Dabei ist es wichtig, dass wir dieses Mittel nicht als ein neues Gesetz verstehen, das wir nun einhalten müssen und das uns dann doch einengt. Es gilt vielmehr, die Zurückhaltung im „Sich-Einmischen“ auch uns selber gegenüber anzuwenden. Wir dürfen und sollen auch uns selbst nicht verurteilen. Paulus hat zugegeben, dass er nicht haargenau weiß, wie es wirklich um ihn bestellt ist, aber er ist deshalb nicht ins Grübeln verfallen. Er hat darauf vertraut, dass Christus ihn annimmt und dass er am Ende zum Guten führen wird, was er in ihm begonnen hat. Paulus lebte von der Vergebung und aus der Gnade Christi. Diese positive Kraft hat ihn frei gemacht und sein Seelenleben bestimmt.
Und das ist auch der Anfang dieses Weges, das müssen wir beachten: Wir sollen darauf vertrauen, dass Jesus Christus uns so annimmt, wie wir sind. Wir dürfen daran glauben, dass er uns liebt. Das ist der Hauptinhalt seines Gerichtes und seines Urteils. Wenn wir das an uns selber erfahren und diese Gewissheit in uns tragen, dann fließt sie von innen nach außen.
Deshalb gehört zu dem, was unsere Epistel thematisiert, noch ein letzter Gedanke: „Das Gericht Christi“ betrifft nicht nur unsere Seele und unser persönliches Umfeld. Es wirkt sich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus.
Es geht durch Europa zurzeit ja ein bedenklicher Rechtsruck. Viele Menschen haben Angst vor den Fremden, die zu uns kommen. Sie haben Vorurteile: Die Flüchtlingen akzeptieren unsere Werte nicht, wollen sich nicht integrieren und unterwandern unsere Gesellschaft mit dem Islam. Es sind auch Terroristen darunter. So denken sie. Deshalb ist es besser, sich abzuschotten, ihre Einreise zu verhindern und sich gegen sie zu wehren. Solche Töne hört man jetzt überall.
Aber woher wissen wir eigentlich, dass die Menschen, die zu uns kommen, uns schaden wollen? Das alles sind Urteile, die wir fällen, bevor wir sie kennen gelernt haben. Angst steckt dahinter, und die ist – genauso wie der Ärger – eine zerstörerische und negative Kraft. Sie tut niemandem gut, hilft uns nicht weiter und führt nicht zum Frieden. So ist es besser, wenn wir mit diesen Sorgen ebenfalls zu Jesus gehen und sie uns abnehmen lassen. In seiner Gegenwart wird unser Herz weit, Liebe zieht ein und hilft uns, fremde Menschen willkommen zu heißen.
Wir „bereiten Christus damit den Weg“ (Jes. 40, 3), er zieht in unser Herz und in unsre Gesellschaft ein. Die Kraft der Liebe und Barmherzigkeit setzt sich durch. Gerade in der Adventszeit ist das unser Auftrag, dazu sind wir als Christen durchaus „verpflichtet“. „Wir können uns zwar den ganzen Tag ärgern, aber wir müssen es nicht.“ Lassen Sie uns viel lieber dafür Sorge tragen, dass der Friede Christi, der höher ist als alle Vernunft, unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahrt.
Amen.

Die Waffen des Lichtes

Predigt über Römer 13, 8- 14: Die Liebe als Erfüllung des Gesetzes

1. Sonntag im Advent, 29.11.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
„Die Hauptstadt der Unzucht und Laster“, so bezeichnete eine „treue Gruppe der Armee des Kalifats“ – wie die Terroristen sich selber nennen – Paris. Sie nannten damit den Grund für ihre Anschläge am 13. November, mit denen sie die ganze Welt erschüttert haben. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat sich zu den abscheulichen Taten bekannt, und wir sind alle erschrocken und aufgewühlt.
Es beunruhigt uns schon lange, was diese Menschen im Na-hen Osten treiben. Nun rückt der Krieg, den sie führen, immer näher. Es sind religiöse Fanatiker, die in verheerender Weise meinen, das Gute zu tun. Am liebsten würden sie die Welt von aller Sünde und allen Lastern befreien, und deshalb muss jeder sterben, der nicht ihren Vorstellungen von einem gottwohlgefälligen Leben entspricht.
Unserem Denken ist das fremd. Wir haben uns längst an uns-ren freizügigen Lebenswandel gewöhnt und genießen ihn. Die Vorstellungen der Islamisten sind für uns vollkommen rückständig und brutal.
In der Bibel finden wir allerdings Stellen, die erinnern uns an das, was die Islamisten sagen, denn sie verurteilen ebenfalls die Laster und die Unzucht. Der Apostel Paulus tut das z.B. mehrfach, so auch in dem Abschnitt aus dem Römerbrief, der heute unsere Epistel und unser Predigttext ist. Es heißt dort am Ende:
„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht. Sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.“ (V.12b.13.14b)
Paulus hat also auch etwas gegen die Sittenlosigkeit. Er warnt vor dem Lustprinzip, vor einer Vergnügungssucht, die kein Maß mehr kennt. Deshalb erinnert uns seine Einstellung an die radikalen Fundamentalisten.
Was bei Paulus allerdings ganz anders ist, sind die Gründe, die dahinter stehen, und auch die Konsequenzen, die er da-raus zieht. Seine Motivation liegt in dem Erscheinen Jesu Christi und dem, was er für das Heil der Welt getan hat. Und die Antwort auf die Sünden der Welt ist nicht ein rücksichtslo-ses Morden, sondern genau das Gegenteil: Paulus ruft zur gegenseitigen Liebe auf. Den Versen, die ich eben zitiert habe, gehen folgende Worte vorweg: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (V.8-10) Paulus erinnert uns also an das, was Jesus gelehrt und gelebt hat: an die göttliche Liebe.
Dabei spielt sowohl bei Jesus als auch bei Paulus die Vorstellung eine Rolle, dass diese Liebe in ihrer ganzen Fülle noch kommen wird. Beide erwarteten das Reich Gottes, das Ende dieser Welt und die Wiederkunft Christi. Es wird bald eine ganz neue Weltordnung geben, die von Liebe und Friede untereinander bestimmt ist. Daran glaubten sie, und von dieser Verheißung her sollten die Christen leben. Deshalb raten sie davon ab, sich in der jetzigen Welt oder an sie zu verlieren. Sie ist im Vergleich zu dem neuen das „alte Zeitalter“. Von dessen Gesetzmäßigkeiten sollen sich die Christen nicht bestimmen lassen.
Paulus drückt das so aus: „Und das tut, weil ihr die Zeit er-kennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“  (V.11) Das ist ein schönes Bild, das Paulus mit dem nächsten Vers noch genauer beschreibt. Er sagt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ (V.12a) Er vergleicht diese Zeit, in der wir uns befinden, mit dem Ende der Nacht und dem ganz frühen Morgen, wo die ersten Lichtstrahlen anbrechen, und man aufwacht, wo ein neuer Tag sich anmeldet und zu neuem Leben und neuen Taten ruft. So ist diese Zeit, in der wir leben, und das soll unser Bewusstsein bestimmen.
Und damit meint Paulus nicht einfach nur ein gewisses Verhalten, für das wir uns entscheiden können, sondern ein neues Sein. Das wird an einem weiteren Bild deutlich, das er für dieses neue Leben gebraucht. Er sagt am Ende: „Zieht an den Herrn Jesus Christus.“ (V. 14a) Wie die Kleidung, die wir tragen, soll Jesus für uns sein. Er ist die Hülle, die uns umgibt und an der wir zu erkennen sind. Wer die Christen erlebt, soll wahrnehmen, was sie ausmacht und erfüllt.
Und das ist etwas völlig anderes als religiöser Fanatismus. In drei Schritten können wir uns klar machen, was diese Worte für uns bedeuten.
Zunächst einmal ist für Paulus die neue Welt schon da. Jesus Christus hat mit seinem Tod und seiner Auferstehung das Reich Gottes geöffnet. Wir müssen es also nicht selber herstellen. Es hängt nicht an uns und unserer Aktivität, ob es kommt. Es muss niemand dafür bekämpft und schon gar nicht ermordet werden. Wir müssen uns innerlich vielmehr darauf einstellen. Es gibt in dieser alten Welt bereits eine neue Welt, die wir gewinnen und in der wir leben können.
Und das heißt als Zweites, dass wir nicht die anderen, sondern uns selber ändern müssen. Es geht um unser Bewusstsein und die Frage nach den Prioritäten in unserem Leben. Dabei predigt Paulus hier keine Moral und kein Gesetz. Das sagt er ja selber. Er zählt einzelne Gebote auf und betont, dass es um die nicht geht. Er will uns also nichts vorschreiben, sondern nur ermahnen. Und zwar sollen wir einmal nach dem fragen, was das Wichtigste und was gut für uns ist.
Es gibt zerstörerische Kräfte, nicht nur außerhalb von uns selbst, sondern auch in unserem Inneren. Ein zügelloses Le-ben tut niemandem gut. Es ist rücksichtslos und egoistisch und führt oft zu Ungerechtigkeit. Es kann auch krank machen, und glücklich werden wir dadurch ebenfalls nicht. Denn so ein Leben nach dem Lustprinzip ist von Erwartungen und Wünschen geprägt, und die gehen oft nicht in Erfüllung. Es bleibt immer irgendetwas zu wünschen übrig. Die Menschen z.B., mit denen wir zusammenleben, sind nicht so, wie wir sie gern hätten. Wir setzen uns gegenseitig nur unter Druck. Und so verdüstern sich unsre Seele und unser Miteinander eher, als dass das Leben schön wird. Nicht umsonst vergleicht Paulus dieses Verhalten mit der Nacht. Es ist demnach gut, wenn wir uns an etwas anderem orientieren, als an unseren Leidenschaften. Dazu lädt Paulus uns hier ein. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens nennt er eine ganz konkrete Alternative: Es ist die Liebe, denn in ihr „wird das ganze Gesetz erfüllt“. Sie ist die neue Dimension, die uns die Richtung weist. Sie ist wie ein „neuer Tag“ mit neuem Licht. Wir sollen uns für sie öffnen und bereithalten. Dann wird unser Leben schöner und heller. Und das heißt, dass wir einmal nicht zuerst nach unseren eigenen Bedürfnissen fragen, sondern nach denen der anderen, dass wir ihre Nöte beachten, ihre Fehler akzeptieren, für sie da sind und ihnen helfen. Das ist nicht so einfach, denn dazu gehört es, dass wir von unseren Erwartungen Abstand nehmen. Wir müssen uns einmal ganz bewusst von unserem Wollen verabschieden und selbstlos werden.
Aber es lohnt sich, denn wir lassen uns stattdessen ja von der Liebe Jesu leiten, und dabei wendet er sich uns zu. In seiner Gegenwart bekommen wir alles, wonach wir uns sehnen. Un-sere eigenen Bedürfnisse müssen wir plötzlich gar nicht mehr so ernst nehmen. Wir können uns davon lösen, weil wir uns ganz tief geliebt und gesehen wissen. Und so werden wir dazu befreit, einander wirklich zu lieben. Konflikte und Spannungen lösen sich auf. Wir können uns an den anderen Menschen freuen und sind dankbar, dass es sie gibt. Die Liebe macht unser Herz weich und froh. Sie bringt Licht und Wärme in unser aller Leben.
Und das ist das beste Mittel gegen die Nacht der Sünde, ge-gen den Terrorismus und die Angst davor. Danach sehnt sich auch jeder. Nicht umsonst hatte nach den Terroranschlägen in Paris ein kleines Gespräch zwischen einem Kind und seinem Vater, das sie vor einem Reporter führten und das im Internet veröffentlicht wurde, bereits mehr als 400.000 Zuschauer:
Das Kind hatte Angst und dachte, dass sie nun umziehen müssten. Darauf sagte der Vater: „Wir müssen nicht umziehen. Frankreich ist unser Zuhause.“ Doch sein Sohn ließ sich nicht beirren: „Aber sie haben doch Waffen. Und sie können auf uns schießen, weil sie doch so böse sind.“ „Sie haben vielleicht Waffen, aber wir haben Blumen. Schau dir die Leute an, sie alle legen Blumen nieder. Damit kämpfen sie gegen Waffen.“ „Sie beschützen uns mit Blumen?“ „Genau.“ Und auf die Nachfrage des Reporters sagte der Junge: „Jetzt fühle ich mich besser!“
Die Liebe ist stärker als der Terror, diese Botschaft enthält das Gespräch. Und dazu können wir beitragen. Wir können nicht die ganze Welt verändern, aber wir können dafür sorgen, dass es hier und da heller wird. Dann kommt Christus in die Welt und ist gegenwärtig. Lassen Sie uns die Ermahnungen des Paulus also ernst nehmen und „aufstehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt nahe“. Lassen Sie uns „ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.
Amen.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch

Predigt über Lukas 17, 20- 24: Vom Kommen des Gottesreiches

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 8.11.2015, Lutherkirche Kiel

Lukas 17,20-24

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann;
21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen.
23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!
24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Liebe Gemeinde.
Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist so alt wie die Menschheit. Wer kennt sie nicht? Alle wünschen sich Frieden und Stabilität, Freiheit und Wohlstand, Gesundheit und Glück. Zigtausende von Menschen machen sich zurzeit auf den Weg, weil sie meinen, sie finden das alles hier bei uns in Deutschland. Sie fliehen vor Krieg und Unterdrückung, Zerstörung und Terrorismus. Und selbst wenn sie zunächst in Notunterkünften wohnen, lange warten und sich gedulden müssen, so kann man das gut verstehen. Es geht ihnen hier bestimmt trotzdem besser als in der Hölle, aus der die meisten kommen.
Das Paradies gibt es allerdings auch in Deutschland nicht. Mit der Flut der Flüchtlinge, die zu uns kommen, wächst auch die Welle der Radikalität, des Hasses und der Aggression. Und natürlich gibt es unzählige weitere, schwerwiegende Probleme in unserer Gesellschaft. So stand am Montag z.B. in der Zeitung, dass sich die Krankschreibungen wegen psychischer Probleme häufen. Angststörungen, Depressionen und andere seelische Leiden nehmen zu, und damit steigt auch der Alkohol- und Drogenkonsum und die Selbstmordrate.
So einfach ist es also nicht, selbst in einem Land wie unserem, wirklich glücklich zu werden. Das gute Leben stellt sich nicht von alleine ein. Für viele liegt es immer irgendwie noch vor ihnen, in der Zukunft, in der Ferne. Und oft bleibt es ein Wunschtraum. Das Lebensgefühl vieler Menschen ist deshalb von der Sehnsucht nach einer besseren Welt geprägt.
Zur Zeit Jesu war das besonders stark. Es lag eine Endzeit-stimmung in der Luft. Die Menschen litten unter der Gegenwart und erwarteten das Kommen der Gottesherrschaft. Darunter stellten sie sich die Auferstehung der Toten und den Anbruch des ewigen Heils vor.
In dem Abschnitt aus dem Evangelium von heute unterhält Jesus sich darüber mit einigen Pharisäern. Sie wussten, dass das für ihn ein wichtiges Thema war, denn er hatte schon mehrere Male davon gesprochen. Nun fragten sie ihn nach dem Termin: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Das wollten sie von ihm wissen. Sie gingen also davon aus, dass es ein sichtbares, feststellbares Ereignis sein würde, das man berechnen und beobachten kann, und sie wollten von Jesus den Zeitpunkt seines Eintretens erfahren.
Darauf antwortet Jesus hier, allerdings nicht so, wie die Pharisäer sich das vorstellten. Er fand, dass ihre Frage falsch gestellt war. „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es!“ So lautet der erste Teil seiner Antwort. Gottes Herrschaft beginnt nicht wie ein geschichtliches Ereignis, das man dann aufzeichnet. Sie ist dem Zugriff und der Feststellung des Menschen entzogen. Man kann sie nicht berechnen.
Aber, und das ist nun die Belehrung und die Korrektur, die Jesus vornimmt: Man kann auf die Herrschaft Gottes hingewiesen werden. Und wer geistig sehen kann, der nimmt sie jetzt schon wahr. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ sagt er. Und dahinter steht die Überzeugung, dass das Gottesreich durch die Verkündigung und die Wunder Jesu jedem nahegebracht und angeboten wird. Es ist längst da, man muss nur hinschauen und es ergreifen. Doch das geschieht nicht mit den natürlichen Augen oder den leiblichen Händen, sondern mit dem Geist und in der Seele. Es ist ein innerer Vorgang. Auch die Pharisäer können es erkennen, sie müssen sich nur dafür öffnen und sich auf Jesus einlassen. Dazu hatte Jesus sie auch schon in vorhergehenden Gesprächen eingeladen.
Wie sie darauf reagierten, wird hier nicht erwähnt. Die Pharisäer verschwinden vielmehr von der Bildfläche. Sie konnten sich überlegen, ob sie die Antwort Jesu annehmen wollten oder nicht, ob sie ihm nachfolgen oder lieber bei ihrer Meinung bleiben wollten.
Die nächsten Worte ergehen an die Jünger, denen Jesus zusätzlich einiges sagen will. Und zwar spricht er vom „Tag des Menschensohnes“. Und damit meint er nun doch eine große Weltenwende. Was jetzt bereits in seiner Gegenwart erlebbar ist, sind die Vorboten. In ihm ragt die Wirklichkeit Gottes in die Zeit hinein, doch eines Tages wird sie ganz da sein. Dann wird Gott alles verändern. Jesus verheißt seinen Jüngern eine universale Rettung und Heil für alle Zeiten.
Doch schlimme Erfahrungen gehen diesem Ereignis noch vorweg, so dass ihr Blick wahrscheinlich für die echte Erlösung getrübt sein wird. Helfer und Ratgeber werden sich einfinden, die Abhilfe schaffen wollen, aber sie führen die Menschen nur in die Irre. Ihnen sollen sie deshalb nicht folgen. „Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“ Das sind die abschließenden Worte Jesu, und damit macht er deutlich, dass der Tag des Menschensohnes unverwechselbar sein wird: Der gesamte Himmel wird erleuchtet und es gibt keinen Ort innerhalb der Schöpfung, wo der Menschensohn und mit ihm das ewige Reich Gottes nicht sein wird.
Jesus spricht hier also über die Dimension der Ewigkeit, die mit ihm in die Welt gekommen ist und eines Tages alles ver-ändern wird. Und diese Botschaft ist auch für uns noch aktuell. Es ist jedenfalls ratsam, wenn wir darauf hören. Wir lassen das Reich Gottes viel zu oft außer Acht.
Denn wir sind diesseitig geworden. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, wie man so sagt. Die gibt es in Europa seit Napoleon. Da wurden kirchliche Besitztümer in großem Stil verstaatlicht, Politik bekam Vorrang vor der Religion, zeitliche Werte zählten mehr als ewige.
Bei uns ist das bis heute so geblieben, und das ist gar nicht so schlecht. Es hat viele Vorteile. Denn in so einer Gesellschaft kann jeder nach seiner „eigenen Façon selig werden“, wie Friedrich II, König von Preußen schon 1740 schrieb.
Niemand schreibt uns vor, was wir denken sollen. Jeder kann selbst entscheiden, was für ihn im Leben wichtig ist, was an oberster Stelle steht, wonach er strebt oder was er sein lässt. So lange unsere „Freiheit, die Einigkeit und das Recht“ nicht zerstört werden, ist alles erlaubt.
Und so beschäftigen wir uns am liebsten mit dem Diesseits. Abwechslung und Vergnügen, menschliche Begegnungen und berufliche Erfolge stehen bei vielen ganz oben. Geld, Bildung und Kultur, Freizeit und Geselligkeit, das sind Werte, die den meisten von uns wichtig sind. Denn von daher winken das Glück und die Befriedigung all unserer Bedürfnisse.
Aber reicht das tatsächlich, damit das Leben wirklich gelingt? Eine umfassende Antwort auf alle Lebensfragen ist damit doch noch lange nicht gegeben. Denn wo kommt unsere Zuversicht her? Was gibt uns Hoffnung? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben in einer säkularen Gesellschaft offen. Wir haben zwar das Recht, sie nach unserem eigenen Geschmack zu beantworten, aber das müssen wir auch, sonst kommen wir nicht klar.
Denn ganz viele Wünsche bleiben im Diesseits unerfüllt. Wir müssen uns immer wieder von Erwartungen und Vorstellungen über unser Leben verabschieden. Der Erfolg bleibt z.B. aus, die Zufriedenheit stellt sich nicht ein, und dadurch sind wir viel öfter schwermütig oder mutlos, als wir wollen. Depressionen, Angststörungen und andere psychische Probleme sind nicht nur ein Zeichen von Stress, sie sind auch Folgen unseres säkularen Lebensstils und des Verlustes der Ewigkeit.
Wenn wir diese Dimension nicht mehr beachten, fehlt etwas. Und das spüren gerade jetzt wahrscheinlich viele Menschen. Sie suchen plötzlich nach einer Hoffnung und wünschen sich, dass eine neue Welt heran brechen möge. Die Schrecken der Kriege und des Terrors sollen ein Ende nehmen und die Menschheit soll gerettet werden. Die Sehnsucht nach einer universalen Wende regt sich jetzt sicher in vielen Gemütern.
Denn wir leben in unruhigen Zeiten. Ich glaube, seit dem zweiten Weltkrieg hat es in Deutschland noch nie ein Thema gegeben, das die Menschen in Europa so sehr beschäftigt hat, wie der Zustrom der Flüchtlinge und seine Ursachen. Für mich ist es jedenfalls neu, so etwas mit zu erleben, und ich höre von vielen anderen, dass es ihnen genauso geht. Die Hilfsbereitschaft ist zum Glück groß, aber das Chaos ist auch nicht weit entfernt. Angst und Unsicherheit machen sich ebenso breit.
Und in diese Situation hinein hat die Botschaft Jesu eine große Bedeutung. Er sagt uns: Es hat sich schon lange eine Zeitenwende vollzogen, das Reich Gottes ist da. Bloß eben nicht so, dass man es sehen oder beobachten kann, sondern ganz anders: In seinem Sohn Jesus Christus ist Gott mitten in dieser Welt. Wir müssen nur hinschauen und uns auf ihn einlassen.
Und das heißt, das Reich Gottes ist eine unsichtbare aber gegenwärtige Wirklichkeit. Wir erkennen sie mit der Seele und im Geist. Frieden und Freiheit, Glück und Heil fangen im Inneren des Menschen an. Luther übersetzte die Stelle aus dem Lukasevangelium nicht ganz verkehrt, wenn er formulierte: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Es ist deshalb wichtig, dass wir in uns gehen, wenn wir diese Wirklichkeit entdecken wollen.
Und dabei kommt es zwangsläufig zu einer Überprüfung der Werte, nach denen wir leben. Wir müssen zugeben, dass vieles davon nicht richtig taugt, um glücklich und zuversichtlich zu werden. Deshalb gilt es, dass wir es loslassen und neue Prioritäten setzen.
Dieser Vorgang beginnt damit, dass wir uns unsere Ohnmacht und unsere eigene Unzulänglichkeit eingestehen und sie aushalten. Anstatt uns nur nach Erfolgen auszustrecken, müssen wir auch Niederlagen zulassen. Es ist deshalb es gut, wenn wir dann und wann einfach still werden, Pausen einlegen und nicht nach ständiger Abwechslung haschen. Und die Einsamkeit lässt sich auch nie ganz vertreiben. Sie gehört zu uns, und es ist ratsam, wenn wir sie in unser Lebensgefühl integrieren. Sie lässt sich auf die Dauer nicht verdrängen, auch nicht durch noch so viel Geselligkeit und Kontakte.
Das ist alles nicht ganz einfach, denn wir folgen damit nicht unseren natürlichen Trieben. Wir gebieten dem unumschränkten Lustprinzip Einhalt und nehmen einen inneren Kampf auf. Es ist eine Herausforderung, so zu leben, und die ist unbequem. Aber es ist gut, wenn wir uns ihr stellen, die Grenzen einer rein diesseitigen Lebensweise erkennen und damit umgehen.
Denn wir fallen damit nicht ins Leere. Das Reich Gottes ist da, mitten in dieser Welt, und wir können uns gleichzeitig mit dem Loslassen nach ihm ausstrecken. Jesus Christus reicht uns seine Hand und lädt uns zum Vertrauen auf ihn ein. Und das lohnt sich mehr als alles andere. Denn wenn wir ihm folgen, gewinnen wir die Ewigkeit und damit eine ganz neue Zuversicht und Hoffnung. Der Frieden und die Freude, nach der wir uns zutiefst sehnen, werden in seiner Gegenwart lebendig. Und damit bricht das Reich Gottes in uns und auch um uns herum an. Das Licht der Ewigkeit dringt durch uns hindurch in das Chaos der Welt.
„In die Wirrnis dieser Zeit fahre Strahl der Ewigkeit, zeig den Kämpfern Platz und Pfad und das Ziel der Gottesstadt.“ (EKG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1984, Nr. 449,4) So dichtete Otto Riethmüller 1932. Er war Pfarrer und geistlicher Dichter und gehörte zur „Bekennenden Kirche“, die sich gegen das Nazi-Regime wehrte. Auch er lebte also in unruhigen Zeiten und hat für das Evangelium gekämpft. Einige seiner Lieder stehen heute noch in unserem Gesangbuch.
Die Strophe, die ich zitiert habe, gehört zu dem Lied: „Herr, wir stehen Hand in Hand.“ Otto Riethmüller bringt darin zum Ausdruck, dass er sich auf die Ewigkeit eingestellt hat. Sein Geist war offen, und er rechnete mit der Gegenwart Gottes mitten in unserer Welt. Er glaubte und bezeugte, dass Jesus Christus lebt, dass die „Wirrnis“ hier auf Erden nicht alles ist. Und dadurch bekam er ein „festes Herz“ und einen klaren Blick. Seine Tage waren trotz der „Wetter“, die um ihn „leuchteten“, voller „Trost und Dank“. Denn er verstand sich als „Wanderer zum Vaterland“.
Und das können und sollten auch wir tun. Denn wenn wir versuchen, so zu leben, ist das nicht nur gut für uns und unsere Seele, wir sind es den anderen Menschen und dieser Welt auch schuldig. Wir haben die Möglichkeit, in unserem Land zu glauben, was wir wollen, aber das sollten wir auch. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, und alle anderen Menschen brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Sie müssen Menschen treffen, die ihnen die Ewigkeit verheißen und Liebe schenken, die mit ihrem Leben einen Frieden bezeugen, „der höher ist als alle Vernunft“.
„Der bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.“ (Phil.4,7)
Amen.

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden

Predigt über Markus 10, 2- 9: Von der Ehescheidung

20. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2015, Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 10, 2- 9 

2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.
3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten?
4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.
7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen
und wird an seiner Frau hängen,
8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Liebe Gemeinde.
Wenn ein Paar seine diamantene Hochzeit feiert, ist das ein Bericht in der Zeitung wert, denn die beiden sind dann 60 Jahre verheiratet. So oft geschieht das nicht. Noch seltener ist die eiserne Hochzeit, die das 65-jähringe Ehejubiläum markiert, und wenn es 70 Jahre sind, die ein Mann und eine Frau zusammen gelebt haben, ist das eine echte Gnade. Deshalb heißt dieses Jubiläum auch „Gnadenhochzeit“. Das wird es bald wahrscheinlich gar nicht mehr geben, denn die Menschen heiraten heutzutage kaum noch mit Anfang zwanzig, und das wäre ja nötig. Sie müssen dann trotzdem noch mindestens 90 Jahre alt werden, um so lange zusammen sein zu können.
Man freut sich jetzt z.B. bereits über fünf, sieben, oder zehn Jahre Ehe. Es gibt sogar Bezeichnungen für diese Gedenktage: Nach fünf Jahren ist es die hölzerne Hochzeit, bei der die Ehe bereits fest wie Holz geworden ist, nach sieben Jahren die kupferne Hochzeit, bei der sich schon eine schöne Patina gebildet hat, und nach 10 Jahren die Rosenhochzeit, zu der man sich noch einmal über die Liebe freut, wie am ersten Hochzeitstag.
Die Jubiläen dienen dem Dank dafür, dass man das gegenseitige Versprechen gehalten hat. Die feierlichen Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ haben sich bewahrheitet, und das ist schön.
Wir haben diesen Satz vorhin in unserem Evangelium gehört. Es ist ein Wort Jesu, das in einem Streitgespräch mit den Pharisäern auftaucht. Die Pharisäer wollten wissen, was Jesus von der Möglichkeit der Ehescheidung hielt. Sie kannten seine Ablehnung diesbezüglich wahrscheinlich schon und wollten ihn bewusst in einen Widerspruch zum Gesetz des Mose verstricken. Dort war die Ehescheidung nämlich ausdrücklich erlaubt. Sie war zwar etwas einseitig geregelt, so dass nur der Mann seine Frau wieder entlassen durfte, aber immerhin, „wenn er etwas Schändliches an ihr gefunden hat“,  wie es dort heißt (5. Mose 24,1ff), dann durfte er sich von ihr trennen. Was das im Einzelnen sein konnte, wird nicht gesagt. Natürlich war Ehebruch ein Grund, aber ein Mann konnte auch Banaleres vorbringen. Das Gesetz war für Interpretationen offen, und das war ganz praktisch. Ein Mann konnte sich auf diese Weise problemlos aus einer unbequemen Situation befreien, und das fanden die Pharisäer sicher ganz gut.
Jesus hielt allerdings nichts davon. Er kritisiert dieses Gesetz, indem er sagt, dass es ihnen nur wegen ihres „Herzens Härte“ gegeben wurde. Man kann auch übersetzen: wegen ihrer „Halsstarrigkeit“, und die taucht oft im Alten Testament auf. Sie ist der Grund für das Scheidungsgebot. Es nimmt darauf Rücksicht, dass die Menschen eben immer mal wieder gegenüber den göttlichen Weisungen ungehorsam sind. Und niemand sollte diesbezüglich überfordert werden. Der Mensch ist nun mal moralisch unvermögend und versagt immer wieder. Deshalb gab es das Scheidungsrecht. Es war ein Regelungsverfahren für die menschliche Schwäche. Mit dem ursprünglichen Willen Gottes hatte es nichts zu tun. So beurteilt Jesus es.
Er erinnert daran, dass es von der Schöpfungsordnung her nicht so gedacht war. Gott hatte sich das ganz anders vorgestellt. Er hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, so dass die beiden „ein Fleisch“ sein sollten, d.h. sie bilden eine unzertrennliche Lebensgemeinschaft. Dabei ist Gott der Verbindende, und deshalb soll der Mensch die Ehe nicht auflösen. Jesus leitet das Verbot der Ehescheidung also aus dem Willen Gottes ab.
Wie die Pharisäer das fanden, wird hier nicht gesagt. Er hat ihnen damit wahrscheinlich mal wieder das Maul gestopft. Sie mussten klein beigeben und zogen ab.
Und wie geht es uns mit dieser Radikalität Jesu? So richtig wohl fühlen wir uns damit sicherlich auch nicht. Es klingt sehr moralisch und fundamentalistisch. Wo bleibt die Freiheit des Einzelnen? Wir sehen die Sache vermutlich ganz ähnlich wie die Pharisäer und finden es richtig, dass wir uns im Notfall scheiden lassen können. Zum Glück ist diese Möglichkeit bei uns ja auch fairer und gleichberechtigter geregelt als im alten Israel. Natürlich wollen wir nicht leichtfertig davon Gebrauch machen, aber wenn die Situation unerträglich wird, ist es doch besser, man trennt sich. Ich vermute, da sind wir uns alle einig. Was sollen wir mit dem Gebot Jesu also anfangen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es gut, wenn wir die Situation, die zu einer Scheidung führt, noch einmal etwas genauer beleuchten.
Wir sagen so schnell, dass das eben oft gut ist. Aber geht es uns eigentlich wirklich gut damit? Das will jedenfalls keiner, der heiratet. Im Gegenteil, wir gehen immer davon aus, dass diese Beziehung hält. Wir wünschen uns das ganz sehnlich, und meistens sind wir am Anfang auch richtig glücklich: Da ist endlich jemand, der zu mir passt, der mich versteht, der mich ernst nimmt, der mich gerne berührt und für mich da ist. Und umgekehrt ist es genauso: Am Anfang bin ich bereit, alles zu geben, den anderen glücklich zu machen und ihn wirklich zu lieben. Ganz tiefe Wünsche, die jeder von uns hat, gehen bei einer Eheschließung in Erfüllung.
Deshalb ist es auch immer schmerzlich, wenn das alles nachlässt und sich langsam in sein Gegenteil verkehrt. Und so ist es ja, wenn eine Ehe in die Brüche geht: Es ist ein Notfall. Da gehen Enttäuschungen und Verletzungen vorweg: Der Partner ist doch nicht so zuverlässig, wie ich am Anfang dachte. Er hat Eigenschaften, die ich nicht kannte, ganz andere Interessen. Es kommt zu Konflikten und Spannungen. Paare leben sich auseinander, jeder geht seinen eigenen Weg, und wenn es ganz schlimm wird, kommt es zum Ehebruch. Das tut dann richtig weh. Manchmal gelingt es den beiden Partnern, sich wieder zusammenzuraufen, sich auszusprechen und zu verzeihen. Sie erinnern sich daran, was sie einmal wollten, was sie schon alles zusammen erlebt haben, was es doch auch an Positivem in ihrem Zusammenleben gibt. Es kommt zur Versöhnung und zu einem Neuanfang. Das ist allerdings eher die Ausnahme. Wenn eine Ehe erst mal problematisch und konfliktgeladen geworden ist, kommt es meistens zur Trennung, denn die „Herzen haben sich verhärtet“.
Das gilt übrigens auch für andere Beziehungen. Es geschieht zwischen Kindern und Eltern, unter Geschwistern, in Freundschaften, in der Gemeinde oder im Arbeitsleben. Es kommt oft zu Konflikten, denn die anderen sind nicht so, wie wir das gerne wollen. Sie handeln nicht nach unseren Vorstellungen, und das verursacht Ärger und Spannungen. Tiefe Gräben können sich auftun, und es folgen Trennungen und Zerwürfnisse.
In den Augen Jesu liegt der Grund dafür in der „Halsstarrigkeit“ der Menschen, und darum geht es ihm hier auch: Er will hier gar keine unerfüllbaren Regeln aufstellen. Er fordert keinen moralischen Fundamentalismus. Er richtet seinen Blick vielmehr auf die Herzen der Menschen, auf ihr Inneres. Er formuliert nicht einfach nur ein Gebot, das uns letzten Endes überfordert, sondern denkt an eine andere Art der inneren Beschaffenheit: Das Herz muss nicht zwangsläufig hart werden, es kann auch weich und sanft bleiben. Davon geht Jesus offensichtlich aus, denn das wäre ja das Gegenteil von dem, was die Pharisäer meinen. Lassen Sie uns danach noch einmal etwas genauer fragen: Jesus spricht hier über ein inneres Geschehen, über Kräfte der Seele und des Geistes, die aktiv werden können. Wir müssen also in uns gehen und in uns hineinschauen, um zu verstehen, was Jesus meint.
Und dabei fällt unser Blick zunächst auf die Gründe für die „Herzens Härte“. Sie hat etwas mit unseren Erwartungen zu tun, mit Träumen und Wünschen, die wir in eine Partnerschaft hineintragen. Wir erleben uns selber als den Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen hat. Unser Ich ist groß und fest, und alles, was ihm im Wege steht, stellt ein Problem dar. Und das ist unser Anteil an einem Konflikt. Wir denken zwar, der andere hat Schuld, aber die Spannungen haben genauso viel mit uns selber zu tun. Das müssen wir als erstes zugeben: Wir tragen genauso viel dazu bei. Das ist ein Stück Selbsterkenntnis, die zwar nicht ganz leicht ist, die aber nötig ist, damit sich etwas ändern kann.
Dabei hilft es, wenn wir uns gleichzeitig bewusst machen, dass unsere Erwartungen und unsere Ichhaftigkeit uns immer auch einengen und unfrei machen. Wir fühlen uns zwar ganz wohl in unserem Ich, in unseren Fantasien und Träumen, sie sind wie ein zu Hause, aber gleichzeitig sind wir darin uns auch gefangen. Wir halten uns an ihnen fest, aber damit halten sie uns ebenso fest. Sie haben uns im Griff und bestimmen unser Denken und Fühlen. Es ist deshalb gut und wohltuend, wenn wir ein Stück weit Abstand dazu nehmen und uns im Loslassen üben. Wir müssen unsere Vorstellungen und Erwartungen relativieren und sie nicht mehr als alleinigen Maßstab betrachten.
Das ist wie gesagt nicht ganz leicht, aber wir sind dabei auch nicht allein. Jesus hat genau so gelebt und gehandelt. Er hat sein Leben von vorneherein ganz in den Dienst Gottes gestellt und sich ihm hingegeben. Er war nicht von seinem Ich erfüllt, sondern von der Gegenwart und Liebe Gottes. Und deshalb kann er uns helfen. Denn wenn wir das glauben, ihm vertrauen und ihm nachfolgen, wird es auch uns möglich. Die Belange des Lebens bekommen in seiner Gegenwart eine andere Gewichtung. Was vorher groß war, wird plötzlich kleiner, weil etwas anderes viel wichtiger geworden ist: Es ist die Liebe Jesu, die das Herz weich und sanft und liebend macht. Jesus macht uns frei von uns selber, schenkt uns einen neuen Halt und ein Gefühl von tiefer Geborgenheit. Es ist unabhängig von allen äußeren Gegebenheiten. Die Liebe Gottes wird der tragende Grund, auf den wir uns immer verlassen können.
Und das kann in einer Ehe und in jeder anderen Beziehung gerade dann entstehen, wenn einmal nicht alles nach unseren Vorstellungen läuft, wenn es Konflikte und Spannungen gibt. Wir erleben sie zwar als eine Störung, aber in Wirklichkeit sind sie eine große Chance. Denn sie können uns zum Loslassen führen und dazu, uns dem Willen Gottes zu überlassen. Wenn wir merken, wir müssen uns von unseren Ideen trennen, dann können wir uns im gleichen Augenblick in die Arme Gottes werfen, uns fallen lassen und uns für seine Kraft öffnen.
Aus dem, was Jesus uns vorschlägt, ergibt sich also ein ganz anderes Ehe- und Gemeinschaftsverständnis. Der Partner, das Kind, die Eltern, Geschwister, Freunde und Kollegen sind nicht nur diejenigen, die meine Wünsche erfüllen und zu mir passen sollen, sie zeigen mir vielmehr ganz oft, wo ich meine Probleme habe, wo ich noch nicht heil bin. Sie decken meine Schwächen auf und helfen mir, mit mir selber und im Glauben weiter zu kommen. Die Ehe und jedes Miteinander kann ein Übungsfeld für den Glauben und das Leben sein, für Gott, für mich und für den anderen. Sie führen mich in die Nachfolge und machen mich frei und lebendig.
„Wände reden nicht mit mir“, hat mir einmal eine Frau gesagt, die allein lebte, und damit meinte sie genau diesen Aspekt jedes Zusammenlebens. Es fordert mich heraus, macht etwas mit mir, kann mich verändern und in Bewegung setzen.
Wenn wir es so verstehen und uns entsprechend aufeinander einlassen, wird unser Geist offener, und unsere Herzen werden weicher. Die Liebe und die Freundschaft, die Nähe und das gute Einverständnis, das uns miteinander verbindet, bleiben lebendig.
Und darum geht es Jesus hier. Wir sollen ein neues Herz bekommen, neues Leben und neue Liebe. Wir sollen der Gegenwart Gottes inne werden und unser Leben von daher führen. Wir sollen es aus seiner Kraft heraus gestalten und damit für ihn ein Zeugnis sein. Ganz von selber wird unser Miteinander dadurch gesegnet. Es kann gelingen, so dass Ehepartner auch nach Jahren noch Glück miteinander erleben, Eltern und Kinder füreinander da sind, Geschwister, Freunde und Kollegen zueinander halten.
Die beiden Ehejubiläen, die wir am meisten kennen, sind die silberne und die goldene Hochzeit. Wir feiern sie nach 25 bzw. 50 Jahren, und nicht umsonst sind sie nach Edelmetallen benannt: Die Ehe ist kostbar geworden, sie hat einen hohen Wert, und deshalb feiern wir diese Festtage gerne. Viele Paare laden dazu ein, und einige kommen sogar noch einmal in die Kirche. Sie stellen sich erneut unter den Segen Gottes, denn sie wollen zum Ausdruck bringen, dass nicht sie dafür gesorgt haben, dass sie glücklich und zufrieden sind. Gott hat ihnen geholfen, die Weisung Jesu in ihrem Leben zu befolgen.
Lassen Sie uns seine Aufforderung, uns nicht zu trennen, also ernst nehmen und es wirklich wagen, einander lebenslange Liebe und Treue zu versprechen.
Amen.

Sieghafter Glaube

Predigt über Matthäus 15, 21- 28: Die kanaanäische Frau

17. Sonntag nach Trinitatis, 27.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 15, 21- 28

21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Stell sie zufrieden, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Liebe Gemeinde.
Lorbeerkranz, Goldmedaille oder Triumphbogen sind Zeichen eines Sieges. Sie sollen dauerhaft an den abschließenden Erfolg im Kampf oder Wettkampf erinnern. Gefeiert wird ein Sieg mit entsprechenden Posen, dem Hissen von Fahnen, dem Victory-Zeichen oder einer Siegerparade. Denn es ist ein tolles Gefühl und ein großartiges Ereignis, wenn man den Sieg über einen Gegner errungen hat. Es geschieht im militärischen oder sportlichen Kampf, sowie im politischen oder künstlerischen Wettbewerb. Preise, Belohnungen, erobertes Gut und Ähnliches machen den Sieger darüber hinaus zum Gewinner.
Der Gegner erfährt eine Niederlage und oft einen Verlust, er ist der Verlierer. Und die gibt es bei jedem Sieg genauso. Den Sieger stört das meistens nicht, das gehört dazu und wird von allen akzeptiert. Trotzdem ist das natürlich eine Schattenseite jedes Sieges, er hat immer zwei Seiten, eine gute aber auch eine zerstörerische.
Ist es deshalb sinnvoll, ihn in Zusammenhang mit dem Glauben zu bringen? Unser Thema heute lautet: „Sieghafter Glaube“, und das klingt kämpferisch und ungemütlich. Irgendetwas wird beim Glauben offensichtlich überwunden und vernichtet. Was ist das? Und wollen wir das überhaupt? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft uns das Evangelium von heute. Es handelt von Jesus und einer Frau. Sie haben eine Auseinandersetzung, es ist so eine Art Kampf, und aus dem geht die Frau eindeutig als Siegerin hervor. Was ist geschehen, und wie kam es dazu?
Jesus befand sich „in der Gegend von Tyrus und Sidon“, damit beginnt die Erzählung, und das ist nicht unwichtig, denn das waren zwei Küstenstädte auf heidnischem Gebiet. Sie zeichneten sich durch blühenden Handel und großen Reichtum, aber auch durch Gottlosigkeit und Feindschaft gegen Israel aus. Mehrfach haben die Propheten des Alten Testamentes ihnen das Gericht Gottes angedroht. Hier nun begegnet Jesus einer Frau, und es ist klar, dass er nicht besonders gut auf sie zu sprechen ist.
Schreiend kommt sie zu ihm, verzweifelt und aufdringlich. Sie ruft um Erbarmen und benutzt zwei Anreden für Jesus: „Herr“ und „Sohn Davids“. Das heißt, sie erkennt an, dass er der Messias ist. Sie glaubt an ihn und traut ihm Großes zu. Der Grund für ihre Not ist ihre Tochter, die „von einem bösen Geist übel geplagt“ wird. Heute würde man sagen, sie leidet an einer schweren psychischen Krankheit. Die Frau erwartet von Jesus ein Heilungswunder.
Doch das geschieht zunächst nicht, im Gegenteil, dreimal weist Jesus die Frau zurück. Zunächst „antwortet er ihr kein Wort“, er schweigt und ignoriert sie. Auch auf das Eingreifen der Jünger hin, er möge sie doch zufrieden stellen, tut er nichts, sondern sagt: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Er ist für die Frau nicht zuständig, seine Sendung bezieht sich nur auf Israel. Das beides war vielleicht gerade noch zu ertragen. Die dritte Zurückweisung ist dagegen wirklich erniedrigend. Nachdem die Frau trotzdem „kommt, vor ihm niederfällt“ und ihr Bitte wiederholt, „antwortet er: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ „Hund“ war ein schlimmes Schimpfwort, selbst wenn in diesem Bildwort wahrscheinlich Stubenhunde gemeint sind, die unter dem Tisch herumlungern. Mit ihnen vergleicht Jesus die Frau, und das ist eine schlimme Demütigung. Doch auch das beeindruckt sie nicht. Sie unterläuft die Zurückweisung vielmehr, indem sie das Bild aufgreift und fortsetzt: „Die Hunde fressen aber ja von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ So lautet ihre erneute Antwort. Und damit hat sie die Ablehnung Jesu endlich überwunden. Er staunt sich über ihre Beharrlichkeit und würdigt sie mit den Worten: „Frau, dein Glaube ist groß.“ Er erkennt ihre innere Stärke und auf Grund dessen gewährt er ihr Hilfe. „Ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ Damit endet die Geschichte: Die Frau hat gesiegt und alles gewonnen, was sie sich gewünscht hat.
Und das kann auch uns so gehen. Dazu müssen wir die Geschichte in unser Leben übertragen. Wir gehen heutzutage mit dem Wunsch nach Heilung einer Krankheit zwar anders um und erwarten keine Wunder, trotzdem kann die Frau uns viel für unsere Glaubenspraxis zeigen. Um zu erkennen, was das ist, müssen wir uns auf das konzentrieren, was sich zwischen ihr und Jesus abspielt. Daraus können wir hier etwas lernen.
Seine dreifache Zurückweisung ist von Bedeutung. Darin spiegelt sich eine leidvolle Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann im Glauben einmal macht: Es ist das Schweigen Gottes, die vergebliche Fürbitte und das Gefühl, vor Gott unwürdig zu sein. Diese drei Anfechtungen hat bereits Luther in seiner Auslegung der Geschichte entfaltet, und die kennen wir. Der Glaube funktioniert nicht einfach so als Heilmittel für alles. Viele Gebete bleiben ungehört. Gott tut nichts, auch wenn wir ihn noch sehr bitten. Er scheint sich von uns getrennt zu haben.
Glaubenszweifel und Mutlosigkeit sind dann meistens die Folgen, und davon sind viele Menschen befallen. „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ diesen Satz hört man häufig, wenn wieder einmal etwas Schlimmes geschehen ist. Ein Kind wurde ermordet, ein Unfall oder eine Naturkatastrophe hat viele Menschenleben gefordert. Zwischen den Blumen und Kerzen, die am Ort des Geschehens niedergelegt werden, finden sich immer auch Schilder mit dem einen Wort: „Warum?“. Es drückt Ratlosigkeit und Verlassenheit aus, Entsetzen und Unverständnis für das, was geschehen ist. Auch Auflehnung spricht aus diesem Wort: Gott hätte das doch verhindern können! Wo war er? Er soll sich rechtfertigen.
Und diese Gefühle und Gedanken kennen wir alle auch aus unserem persönlichen Leben. Nicht nur einmal geraten wir in eine leidvolle Situation, die wir kaum verstehen: Schwere Konflikte mit unseren Mitmenschen, Krankheiten, die sich nicht heilen lassen, Todesfälle, die uns in tiefe Trauer stürzen. Sie lassen uns fragen: Warum trifft das ausgerechnet mich? Und warum schweigt Gott und tut nichts?
Mit dieser Situation befasst sich die Geschichte, denn so ähn-lich muss es der kanaanäischen Frau gegangen sein. Sie zeigt uns also, was wir tun können, wenn Gott stumm bleibt und uns zurückzuweisen scheint.
Dabei müssen wir allerdings als erstes einsehen, dass es auf die Frage, warum Gott Leid zulässt, keine direkte oder eindeutige Antwort gibt. Die bekommen wir hier auch nicht. Gott rechtfertigt sich hier nicht. Wir werden vielmehr eingeladen, anders mit einer schlimmen Situation umzugehen, als diese Frage zu stellen. Und das ist gut, denn wo führt es hin, wenn wir versuchen, Gott für das Leid verantwortlich zu machen? Was bringt uns das? Der Versuch führt ins Leere und verstärkt unsren Schmerz nur.
Wir sollten diese Frage deshalb einmal unter die Lupe nehmen und eine Gegenfrage stellen. Sie lautet: Wo kommt es eigentlich her, dass wir von Gott verlangen, er möge sich rechtfertigen? Hat das überhaupt etwas mit ihm zu tun? Offenbaren wir damit nicht viel eher, was in uns selber vorgeht? Wir suchen damit ja einen Schuldigen. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss doch irgendjemand verantwortlich sein! Sonst halten wir es nicht aus. Und so erfinden wir eine höhere Macht, in die wir unsere Ratlosigkeit und Verzweiflung hinein projizieren. Wir stellen uns so eine nebulöse Instanz vor, und an sie richten wir unsere Wut und unsere Traurigkeit. Denn die muss ja irgendwo hin. Wir suchen Entlastung, und dafür schaffen wir in unserer Phantasie eine Adresse, die wir Gott nennen.
Doch das funktioniert nicht, denn dieses Verhalten kommt aus unserer Auflehnung. Es hat negative Wurzeln und kann uns deshalb nicht befreien. Es hat auch nichts mit dem Gott zu tun, den die Bibel uns verkündet. Deshalb kann dieser Weg uns nicht helfen. Die Lösung liegt ganz wo anders.
Anstatt uns einen Gott auszudenken, dem wir die Schuld für das Leid geben, können wir uns an den wenden, der wirklich da ist. Es gibt einen lebendigen und wahren Gott, und der hat sich auch gezeigt. Er ist nicht im Nebel geblieben und auch nicht weit weg, sondern er ist uns ganz nah gekommen, in seinem Sohn Jesus Christus. In ihm sehen wir, wer Gott wirklich ist, und an ihn können wir uns wenden, allerdings nicht mit der Frage, warum er das Leid zulässt, sondern mit der Bitte um Hilfe. Das ist das erste, was die Frau tut, und wir können es ihr nachmachen: Wir müssen mit ihr zu Jesus laufen, zu ihm rufen und um Erbarmen bitten. Wir können das ruhig laut tun und all unsere Not hinausschreien. Unser Ärger, unsere Wut und unsere Traurigkeit müssen sich Luft machen, aber es ist ratsam, dafür gleich die Adresse zu wählen, die es wirklich gibt: Jesus Christus, der uns auf jeden Fall hört, und der das Leid und den Tod kennt. An ihn müssen wir glauben, ihm vertrauen und zu ihm beten. Das ist das erste, was die Frau uns zeigt.
Als zweites ist es wichtig, dass wir beharrlich bleiben. Ich sagte, Jesus Christus hört uns, aber es kann eine Weile dauern, bis wir das auch spüren. Wir brauchen Geduld und Hartnäckigkeit. Die fehlt uns leider oft. Denn keiner möchte gerne leiden, wir lehnen es ab, wollen es so schnell es geht los werden. Doch Ungeduld führt uns nicht aus dem Leid heraus. Es wird sogar noch schlimmer, weil die Auflehnung den Schmerz verstärkt. Wenn wir den Weg des Glaubens gehen, gehört dazu immer, dass wir das Leid, Angst und Verlassenheit zunächst aushalten, keine schnelle Lösung erwarten und auch das Schweigen Gottes ertragen. Jesus mutet uns das zu, und wir dürfen uns davon nicht beirren lassen. Er verlangt manchmal, dass wir warten und uns ihm ausliefern.
Der Glaube, den die Frau uns zeigt, ist so etwas wie reiner Glaube, gegen alle Vernunft, gegen den Augenschein. Sie war eine Heidin, d.h. sie kannte sich im Glauben Israels nicht aus. Sie wusste nicht viel über die Heiligen Schriften und Vorschriften, aber das war auch nicht entscheidend. Ihr Glaube wird am Ende trotzdem „groß“ genannt, weil er nicht aus Inhalten bestand, sondern aus einer starken Haltung. Er war in sich selber sinnvoll. Er stütze sich auf nichts, und hatte gerade dadurch tragende und überwindende Kraft. Das ist das zweite.
Und als drittes hat die Frau sich demütigen lassen. Sie hat ihre eigene Niedrigkeit erkannt und sich sozusagen hinten angestellt. Falls sie vorher selbstherrlich gewesen ist, so hat sie das in der Begegnung mit Jesus abgelegt. Sie ist niedergefallen und hat sich ihre Abhängigkeit und Hilflosigkeit eingestanden. Und das müssen auch wir tun.
Das ist wahrscheinlich der schwerste Schritt, aber er führt zu einer Lösung. Wir sollen unseren Stolz ablegen, uns selber loslassen und uns hingeben. Das klingt im ersten Moment vielleicht negativ, aber in Wirklichkeit liegt darin eine ganz große Befreiung.
Wir versprechen uns zwar immer sehr viel davon, wenn wir uns selber behaupten. Wir versuchen damit, zu siegen, aber viel gewinnen wir in Wirklichkeit nicht. Das müssen wir zuge-ben. Wenn wir ehrlich sind, ist es sogar sehr anstrengend. Am Ende sind wir meistens müde und erschöpft. Viel heilsamer und wohltuender ist es, aufzugeben und vor Jesus niederzufallen, denn damit fällt auch alle Anstrengung von uns ab. Das ist der dritte Schritt, und der führt schließlich zu einem Sieg. Es geschieht zwar kein Wunder, wie in der Geschichte, aber wir empfangen eine wunderbare Kraft, die uns frei macht. Wir bekommen Freude und neue Zuversicht. Das sind die Zeichen unseres Sieges.
Ihnen ging ein Kampf voraus, denn es ist nicht selbstverständlich, gegen die Leere anzutreten, geduldig zu warten und sich selber loszulassen. Aber wir können diesen Kampf gewinnen und dürfen am Ende unseren Sieg feiern. Es ist ein innerer Kampf, den wir führen müssen, und der Preis den wir bekommen, ist ebenfalls ein inneres Gut: Es ist die Gegenwart und Liebe Christi, die uns erfüllt und aufrichtet. Unser Glaube wird zur festen Grundlage für das ganze Leben. Wir werden mit großer Kraft und Zuversicht belohnt. Und was wir dabei überwinden, ist nichts weniger als diese Welt. Aus ihren Gesetzmäßigkeiten werden wir befreit. Wir gewinnen eine heilsame Unabhängigkeit von den irdischen Gegebenheiten. Leid und Tod sind die Verlierer, sie werden überwunden und vernichtet Aber anders als bei militärischen oder sportlichen Wettkämpfen, muss ihre Niederlage uns nicht leid tun.
Amen.

Sorget nicht!

Predigt über Matthäus 6, 25- 34: Vom Schätzesammeln und Sorgen

15. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 6, 25- 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, bso wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Liebe Gemeinde.
„Einmal einfach loszusingen, loszuschreien, loszuspringen, in das volle Leben greifen, zu umarmen, was gefällt. Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
So beginnt ein Lied, das den Titel „Freude“ trägt. Alexej Stachowitsch dichtete es 1963. Das war ein österreichisch-russischer Autor, Pädagoge, Liedermacher, Techniker, Pfadfinder und Wandervogel. Vor zwei Jahren starb er 95-järig in Limburg an der Lahn. Axi, so lautet sein Fahrtenname, war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein „Wandervogel“ durch und durch.
1896 war diese Bewegung in Steglitz bei Berlin entstanden. Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft lösten sich darin von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds. In den Städten schritt die Industrialisierung fort, und dagegen entwickelten sie in der freien Natur eine eigene Lebensart. Der „Wandervogel“ stellte den Beginn der sogenannten Jugendbewegung dar. In seinen Liedern hat Axi das Lebensgefühl der Wandervögel wunderbar zum Ausdruck gebracht.
Langsam, betont und fast hymnisch ist das Lied über die Freude, und es bringt die große Sehnsucht nach einem sorgenfreien, unverstellten und ursprünglichen Dasein zum Ausdruck: „Einmal einfach sich verschenken, in die Freude sich versenken, aufzuwachen, aufzulachen, aufzuatmen du und ich.“ So lautet die zweite Strophe.
Das Lied beschreibt, was auch Jesus seinen Jüngern wünschte: Ein Leben ohne Sorgen, frei wie das der „Vögel unter dem Himmel“ und der „Lilien auf dem Felde“. Wir haben diesen Teil aus der Bergpredigt vorhin gehört.
Jesus macht darin seine Jünger auf die Vögel und Blumen aufmerksam, sie sollen sie betrachten und durch sie etwas lernen. Denn sie sind anders als wir, führen eine andere Art von Dasein. Bestimmte Dinge tun sie im Unterschied zu uns nicht: Die Vögel „säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“, und die Blumen „arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht“. Sie sorgen sich um nichts. Wenn die Vögel sich in ihrem Element, der Luft bewegen, sind sie frei, freuen sich am Dasein und sind voller Lebenslust. Denn immer und überall finden sie, was sie als Nahrung brauchen. Es liegt herum, wird ihnen gegeben, sie müssen es nur aufsammeln.
Und genauso ist es mit den Blumen. Sie sind schön, ohne dafür etwas tun zu müssen, ohne eitel zu sein, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Ihre Pracht ist einfach da und wurde ihnen geschenkt. Wie die Vögel führen sie ein absichtsloses Dasein.
Darauf macht Jesus seine Jünger aufmerksam, denn das sollen sie von ihnen lernen. Sie sollen sich an den Vögeln und Blumen ein Bespiel nehmen und sich nicht zu viele Gedanken um Essen und Kleidung machen, und wo das alles herkommt. Besser ist es, darauf zu vertrauen, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgen wird.
Dabei muss man wissen, dass das Sorgen für Jesus und seine Jünger nicht ganz unberechtigt war, denn sie führten ein ungesichertes Dasein. Sie hatten ihre Berufe zum großen Teil aufgegeben und hatten kein festes Einkommen. Oft wussten sie nicht, wo das Essen für den nächsten Tag herkommen würde. Aber gerade deshalb ermahnt Jesus sie zur Sorglosigkeit. Die Frage nach Essen und Kleidung soll nicht an erster Stelle stehen, sondern sie sollen zuerst auf Gott vertrauen, sein Reich suchen und seinen Willen tun: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ So lautet der abschließende Satz.
Das alles sagt Jesus auch zu uns, und das ist gut, denn natürlich machen wir uns immer wieder Sorgen. Im Moment beschäftigt uns z.B. alle der Strom von Flüchtlingen, der nach Europa und nach Deutschland kommt. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß, aber es gibt auch Ängste und Sorgen: Wo führt das hin? Die Folgen dieser Zuwanderung sind im Moment unübersehbar. Wo sollen all die Menschen auf die Dauer wohnen? Wovon sollen sie leben? Welche Kultur bringen sie mit? Wird es in unserer Gesellschaft so friedlich bleiben? Was müssen wir abgeben? Worauf müssen wir eventuell verzichten? Menschen am unteren Rand der Gesellschaft machen sich Sorgen, dass sie vergessen werden und nun noch ärmer und einsamer werden.
Und auch auf politischer Ebene tauchen Probleme auf: Europa droht sich zu spalten, es gibt keine einheitlichen Wertvorstellungen mehr, Grenzen werden geschlossen, Menschenrechte werden übergangen. Trotz aller Hilfseuphorie gibt es viele ungeklärte Fragen und Ängste, und die müssen wir auch ernst nehmen. Es ist bei uns Menschen leider alles etwas komplizierter, als bei den Vögeln und Blumen. Der Aufruf Jesu „sorget nicht“ hilft im ersten Moment nicht.
Was sollen wir damit anfangen? Ist es ein guter Rat? Können wir danach leben? Es gibt ja auch noch andere Zusammenhänge, in die hinein Jesus das sagt: Wir machen uns genauso Sorgen in unserem privaten Leben, um unsre Kinder z.B., wenn sie heranwachsen. Was wird aus ihnen? Wir können keinen Einfluss mehr ausüben und müssen sie sich selbst überlassen. Wir wissen nicht, ob ihnen gelingt, was sie vorhaben.
Und diese Liste könnten wir unendlich fortsetzen: Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unser Wohlergehen, um unser Geld oder unseren Arbeitsplatz. Auf Reisen machen wir uns Sorgen, ob wir ankommen, zu Hause machen wir uns Gedanken, ob alles stehen bleibt. Unser ganzes Leben ist davon durchzogen, und die Inhalte sind sehr unterschiedlich.
Doch eins haben sie alle gemeinsam: Wir halten unsere Sorgen für realistisch und meinen, dass wir sie brauchen. Wir nehmen damit die Herausforderungen des Lebens ernst, machen uns nichts vor und verschließen uns nicht vor allen möglichen Gefahren. Wir wägen ab und berechnen, und denken, dass das sein muss.
Der Aufruf Jesu, uns keine Sorgen zu machen, klingt deshalb beim ersten Hören reichlich unrealistisch. Sollen wir einfach die Augen verschließen, uns schönen Illusionen hingeben und Träumen nachgehen? So könnte man seine Einladung, die „Vögel unter dem Himmel“ und die „Lilien auf dem Felde“ zu betrachten, ja hören. Sie wirkt etwas weltfremd. So reden eigentlich nur Aussteiger, Menschen wie die Wandervögel. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation ist uns Deutschen das auch bereits zum Vorwurf gemacht worden. In England war vom „Hippie-Deutschland“ die Rede, das nur nach dem Herzen handelt und den Kopf ausgeschaltet hat.
Doch so ist der Aufruf Jesu nicht gemeint. Es gibt einen Vers in unserem Abschnitt, von dem her wir ihn am besten verstehen. Er lautet: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ Das „Reich Gottes“ erwähnt Jesus hier, und das ist der Schlüssel für seine Rede. Davon war sein Lebensgefühl bestimmt, von einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Jesus Christus kam in seinem Auftrag, er hat es für uns geöffnet. Es ist wie ein unsichtbarer Raum, in dem wir in Kontakt mit unserem Schöpfer kommen. Durch Jesus können wir in das Reich Gottes eintreten, denn in ihm ist Gott gegenwärtig. Wir müssen uns nur ihm anvertrauen und uns ganz auf ihn verlassen.
Jesus war also mitnichten unrealistisch, er war vielmehr von einer anderen Realität erfüllt als die meisten Menschen. Für ihn gab es noch mehr als diese Welt, mehr als das, was vor Augen liegt, und er wollte seinen Jüngern dafür die Augen öffnen. Sie sollten die ganze Realität erkennen. Und zu der gehört die Macht und Gegenwart Gottes: Gott ist da und er steht hinter allem, was geschieht.
Das war seine Botschaft, und die gilt auch uns. Jesus fordert uns auf, unseren Blick für das Reich Gottes zu öffnen, unser Bewusstsein auf ihn zu lenken und seine Gegenwart zu suchen, „dann wird uns alles andere zufallen.“
Jesus ruft uns also in die Entscheidung. Er fragt uns: Wie willst du denken und leben? Was soll dich bestimmen? Was soll in deinem Bewusstsein Vorrang haben? Er wusste: Ängste entstehen nicht nur dadurch, dass etwas Bestimmtes geschieht. Sie kommen nicht nur von außen, sondern hauptsächlich von innen und haben etwas mit dem Menschen zu tun, der sie hat. Sie bringen zum Ausdruck, wie er mit der Ungewissheit des Lebens umgeht.
Die ist ja da. Unserem Erkennen sind Grenzen gesetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen. Wir wissen nicht, wie es Menschen geht, mit denen wir gerade keinen Kontakt haben, über die wir keinen Einfluss haben. Unsere Möglichkeiten sind erheblich eingeschränkt, in jeder Hinsicht. Gedanken, die wir uns trotzdem über all das machen, was wir nicht kontrollieren können, bleiben Spekulationen, Vermutungen, Phantasien. Sie sind irreal.
Es ist deshalb eigentlich sinnlos und überflüssig, wenn wir uns zu viel damit beschäftigen. Denn sie lösen unnötige Sorgen aus. Das müssen wir erkennen. Unsere Sorgen führen uns nicht an die Realität heran, im Gegenteil, sie leiten uns oft in die Irre und trüben den Blick. Und ob das geschehen soll, können wir entscheiden. Wollen wir uns die Zukunft dunkel oder hell ausmalen?
Das ist die Frage, die Jesus uns stellt, und natürlich ist sie als Einladung gemeint, uns nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was alles geschehen könnte. Es ist besser, gegenwärtig zu leben, uns selber zu spüren, und Ängste als irreal zu entlarven. Denn dann werden wir offen für das, was jetzt gerade geschieht. Wir wachen auf und werden frei für die Liebe Gottes. Sie ist da, und wenn wir auf Jesus vertrauen, empfangen wir sie.
Und dadurch wird ein ganz anderer Umgang mit der Welt möglich. Die Probleme verschwinden zwar nicht, Gefahren und Unsicherheiten bleiben bestehen, aber die Sorgen lösen sich auf. Wir haben keine Angst mehr, denn wir lassen uns von etwas anderem leiten, als von trübenden Gedanken. Das Vertrauen auf Jesus verändert uns, und dazu lädt er uns hier ein.
Die Art und Weise, wie die Mehrheit der Deutschen jetzt mit den Flüchtlingen umgeht, ist dafür ein wunderbares Bespiel. Sie lassen sich nicht von Ängsten leiten, sondern von Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Und das kann gar nicht verkehrt sein. Es ist das oberste Gebot der Stunde. Gewalt oder Abschottung kann weder die Antwort an die Flüchtlinge noch die Reaktion auf unsere Ängste sein. Wenn es eine Lösung gibt, dann kann sie nur im Vertrauen, in der Hoffnung und in der Liebe liegen. Wahrscheinlich ist es auch die Sehnsucht danach, die hinter der Welle der Hilfsbereitschaft steht. Menschen wollen nicht nur etwas Gutes tun, sie sehnen sich nach einer humanen Gesellschaft, nach Frieden und Gerechtigkeit. Und im Moment tragen viele dazu bei, dass sie bei uns wahr wird.
Und das ist gut. Die sogenannte Willkommenskultur ist wie ein Kraftstrom, mit dem wir den Strom der Flüchtlinge begleiten können. Er sollte genauso unaufhaltsam sein. Wenn alle zusammenhalten, wenn die Politik, die Medien und Organisationen an einem Strang ziehen, dann kann daraus etwas Großartiges werden. Ich bin mir sicher, dass es in unserer Gesellschaft noch viel Spielraum nach oben gibt, dass wir noch lange nicht alles getan haben, was möglich ist.
In dem Lied, das ich am Anfang erwähnte, heißt es weiter: „Seht die Masken, wie sie schwinden, Augen, wie sie Augen finden; herrlich steigt und neugeboren aus den Fesseln eine Welt.“
Das ist die Vision, die wir vor Augen behalten sollten Es war die Ideologie der Wandervögel, und sie deckt sich mit dem Evangelium. Dort ist sie Wirklichkeit geworden. Das hat Jesus bewirkt, er hat diese „neue Welt“ heraufgeführt. Wenn wir ihm folgen, wird sie wahr, denn wir werden von allen Ängsten und Sorgen befreit. Im Glauben und Vertrauen auf Jesus brauchen wir sie nicht. Wir können uns verändern und neu werden. Denn was uns trägt und hält, ist die Gegenwart des Reiches Gottes, seine Liebe und Kraft. Wenn wir uns darauf ausrichten, geschieht etwas. Wunder werden wahr, und eine unbeschreiblich große Freude kommt auf.
„Freude, Freude, lasst sie wehen, über Tiefen über Höhen, bis die Fülle uns durchflutet, trinken wir des Lebens Quell.“
So lautet die letzte Strophe des Liedes von Axi. Und dann kommt noch einmal der Refrain: „Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
Lassen Sie uns danach leben und nicht den Sorgen, sondern der Freude Raum geben. Amen.