So ist Versöhnung

Predigt über Jesaja 5, 1- 7: Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

2. Sonntag der Passionszeit: Reminiszere, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Menschen können singen und das tun sie aus ganz verschiedenen Anlässen: Wenn sie sich freuen und wenn sie traurig sind, aus Wut oder aus Begeisterung, um etwas zu erzählen oder zu vergessen. So gibt es Klage- und Loblieder, Dank- und Liebeslieder, Kampflieder, Balladen und vieles mehr. Wir besingen unsere Gefühle und Gedanken, unsere Erfahrungen und Einsichten. Und das tun wir, weil ein Lied noch mehr sagen kann, als das gesprochene Wort. Es berührt uns viel intensiver, spricht tiefere Schichten in unserer Seele an und inspiriert uns. Deshalb gibt es seit Menschengedenken Lieder, und viele aus uralten Zeiten sind auch überliefert. In der Bibel sind es die Psalmen, die alles enthalten, was Menschen in Lieder fassen können. Und verstreut finden wir noch etliche weitere, so z.B. bei den Propheten. Sie haben nicht nur geredet und gepredigt, sondern oft auch gesungen und zwar öffentlich.

Unser Predigttext von heute ist so ein Lied, das der Prophet Jesaja wahrscheinlich in Jerusalem vor dem Tempel gesungen hat, so dass alle es hören konnten. Es ist das sogenannte „Weinberglied“ und lautet folgendermaßen:

Jesaja 5, 1- 7

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Was hat es damit auf sich? Am Anfang klingt dieser Text wie ein Liebeslied, am Ende wird er zum Klage- oder sogar Drohlied. Und was will der Prophet damit sagen?

Er sang sein Weinberglied wahrscheinlich anlässlich eines Herbstfestes in Jerusalem. Da war es üblich, dass man Lieder zur Unterhaltung der Menschen vortrug, auch Liebeslieder waren dabei. Und das Bild vom Weinberg für die Geliebte war bereits ein gängiges Motiv, weil es die Liebe schön beschreiben kann: Auch hier wird ja zuerst erzählt, wie der Liebhaber alles für seine Geliebte tut: Der Weinberg war auf einer fetten Höhe angelegt, es musste also das Beste daraus werden, wenn man sich seiner sorgsam annahm. Das tat der Weinbergbesitzer und wartete dann zu Recht darauf, dass er gute Trauben brächte. So weit gehen die heiteren Töne, die dann allerdings umschlagen: Alle Mühe war vergeblich, der Weinberg setzte faule, übel schmeckende Beeren an.

Ein enttäuschter Liebhaber beklagt sich also über seine treulose und undankbare Geliebte. Er wird zum Ankläger, der das Urteil der Menge herausfordert. Doch er wartet gar nicht auf den Urteilsspruch, sondern verkündet selber die Strafe, die die Untreue treffen wird: Er wird sie links liegen lassen, wird ihr Schutz und Pflege versagen, so dass sie gänzlich verkommt. Seine Liebe schlägt in Zorn um.

Das haben die festlich gestimmten Hörer und Hörerinnen vielleicht noch mit einer gewissen Schadenfreude aufgenommen, aber dann verging ihnen das Lachen sicher. Am Ende finden sie sich nämlich auf der Anklagebank vor. Das Bild wird enthüllt, indem der Prophet sagt: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.“ Jesaja will mit seinem Lied also die Liebe zwischen Gott und seinem Volk beschreiben, denn die war auch einmal innig und schön. Aber dann wurde das Verhältnis durch die Schuld des Volkes zerstört. Nicht mehr in Bildern, sondern in einer klaren und scharfen Sprache wird der Grund solcher Zerstörung benannt: Es ist die Rechtsvergessenheit des Volkes, insbesondere seiner Oberschicht, Auflehnung gegen Gott, Schlechtigkeit und Sünde. Gott hatte das Seinige zu vollem Gedeihen getan, der Mensch aber hat versagt und wird deshalb untergehen. Das Todesurteil ist verhängt, das ist die erschreckende Ankündigung Jesajas.

Bestimmt waren die Menschen darüber empört und verärgert. So etwas wollten sie nicht hören, schon gar nicht auf einem Fest!

Und möglicherweise geht uns genauso. Es ist ja letzten Endes eine Gerichtspredigt, und die gefällt uns nicht. Das ist uns zu brutal. Wo bleiben da die Liebe und Geduld Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit? Außerdem stört uns möglicher Weise auch der Stil: Eine grausame Botschaft wird mit schöner Sprache und lieblichen Bildern eingeleitet, um dann umso heftiger Angst und Schrecken auszulösen. Wir fragen uns, was das soll. Und wozu lesen wir das noch?

Um darauf eine Antwort zu bekommen, ist es gut, wenn wir das Lied als Ganzes betrachten und zunächst die heitere Botschaft hören, die in dem anfänglichen Bild ausgemalt wird. Wir dürfen uns dabei ruhig mit dem Volk Israel gleichsetzen. Dann wird uns gesagt, dass Gott sich rührend um uns kümmert. Er ist um uns bemüht, er hängt an uns, an jedem und jeder einzelnen. Und er hat schöpferische und gestaltende Kraft, mit der er unser Leben ordnen kann. Er pflegt und erhält es, er tut ganz viel, um uns zu bewahren. Gott ist lebendig und mitfühlend. Er will nicht der strenge und strafende Gott sein, sondern er ist voller Liebe und Leidenschaft für uns Menschen.

Und so ist es auch geblieben. Hier wird zwar außerdem sein Zorn benannt, aber der war nicht sein Wesensmerkmal, sondern eine Reaktion auf die Untreue seines Volkes. Die forderte er und er war enttäuscht. Das Strafgericht, das daraus folgte, wird ja an vielen Stellen im Alten Testament thematisiert.

Aber dabei ist es nicht geblieben, denn eines Tages änderte Gott seine Strategie. Er merkte, dass seine Strafe zu nichts führte, und so hat er sich eines anderen besonnen und den Menschen die versöhnende Hand gereicht. Das ist die Botschaft des Neuen Testamentes: Er hat uns wissen lassen, dass er uns „trotzdem mag“ und endgültig Frieden geschlossen. So wird es uns mit dem Kommen Christi verkündet. Das Evangelium ist „wie ein Brief nach langem Schweigen“ und „wie ein unverhoffter Gruß.“ Durch die Augen Jesu Christi schaut Gott uns mit einem „Blick“ an, „der Hoffnung weckt“. Wir sollen keine Angst vor ihm haben, sondern nur seine Liebe erwidern. Das ist sein großes und versöhnendes Angebot.

Trotzdem ist dadurch noch nicht alles gut, denn leider vergessen wir das oft. Häufig entscheiden wir ohne Gott, was wir für richtig halten. Dabei versuchen wir, die wir hier sitzen, natürlich das Gute zu tun, das, was uns und den anderen hilft, was gerecht und friedlich ist. Die Frage ist allerdings, ob uns das auch gelingt, denn wir werden dabei von Wünschen und Ideen gesteuert und leider oft auch von Besserwisserei und einem gewissen Kontrollbedürfnis. Und dadurch machen wir zwangsläufig Fehler.

In der jetzigen Situation wird das besonders deutlich: Die Politiker und Politikerinnen müssen ständig folgenschwere Entscheidungen treffen. Sicher machen sie etliches richtig, aber sie machen auch vieles falsch. Denn niemand weiß oder kann genau abwägen, was jetzt wirklich das ratsamste ist. „Wie man‘s macht, ist es verkehrt.“ Das ist z.Zt. das Dilemma, das wir ja auch aus dem persönlichen Leben kennen.

Da lauern ebenfalls ständig Gefahren der Zerstörung, weil niemand verhindern kann, dass er andere enttäuscht oder verletzt, übergeht oder vergisst. Wir können den Frieden und die Gerechtigkeit verlieren, auch wenn wir uns noch so sehr um sie bemühen. Unkraut überwuchert oft das Gute, unser Leben bleibt trocken und unfruchtbar. Das sollten wir erkennen und zugeben, denn dann sind wir bereits auf einem besseren Weg.

Es ist der Weg der Demut und der Ehrlichkeit uns selber gegenüber. Wir müssen uns unsere Fehlbarkeit und Begrenztheit eingestehen, die Kontrolle vorübergehend aus der Hand geben, unsere Besserwisserei beenden und zugeben: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ So hat Matthias Claudius das ausgedrückt in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ (EG 482,4). Diese Selbsterkenntnis tut schon mal gut, sie macht uns nüchtern und relaistisch.

Aber noch heilsamer ist dann der nächste Schritt, der darin besteht, dass wir auf die Geduld und Liebe Gottes vertrauen und bitten: „Gott lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“ (EG 482,5)

Das Heil ist zum Greifen nahe, wir müssen es nur annehmen und uns für seine Kraft öffnen. Dann gewinnen wir einen viel größeren Schutz, als durch unsere Eigenmächtigkeit. Denn wir vertrauen auf die Macht der Liebe und der Versöhnung. Und das ist das wirksamste Mittel zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Es ist „ein Weg aus der Bedrängnis“, denn unser Leben wird geordnet, wir fühlen uns frei und gelassen, wir gewinnen Stärke und Kraft. Gottes schöpferische Energie kann wirken. Unser Leben wird wie ein fruchtbarer Weinberg, auf den „ein frischer Tau fällt“. Es fühlt sich an „wie ein Fest nach langer Trauer“.

So beginnt ein Lied, das noch viel besser als bloße Worte beschreiben kann, was Versöhnung bedeutet:

1. Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein off’nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein »Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss«:
So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn. So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.
2. Wie ein Regen in der Wüste,  frischer Tau auf dürrem Land, Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde, Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis, wie in Seenot »Land in Sicht« wie ein Weg aus der Bedrängnis, wie ein strahlendes Gesicht. So ist Versöhnung…
3. Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt, wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil neu entdeckt. wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst, das wahre Licht. So ist Versöhnung…

Text: Jürgen Werth 1988
Melodie: Johannes Nitsch 1988

Liebe, dir ergeb ich mich

Predigt über Jesaja 58, 1- 9: Falsches und rechtes Fasten
Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 14.2.2021, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Im Jahr 269 erlitt der Priester Valentin von Rom den Märtyrertod. Er wurde hingerichtet, weil er Soldaten getraut hatte, denen das Heiraten verboten war. Außerdem hatte er während der Christenverfolgungen im Römischen Reich Gottesdienste für Christen gefeiert.

200 Jahre später führte Papst Gelasius den 14. Februar als seinen Gedenktag ein.

Im 14. Jahrhundert wurde das Fest des heiligen Valentinus dann erstmals mit der romantischen Liebe verbunden, und im England des 18. Jahrhunderts entwickelte es sich zu einer Gelegenheit, bei der Paare ihre Liebe zum Ausdruck brachten. Sie schenkten einander Blumen und Süßigkeiten und schickten sich Grußkarten. Diese Sitte hat sich seitdem in ganz Europa und vielen Industrieländern verbreitet, und dadurch ist sie auch bei uns üblich geworden.

Der heutige Tag scheint also gut zu dem Thema zu passen, das unser Predigttext enthält. Er handelt nämlich von Liebe und Fürsorge, gegenseitiger Rücksicht und Hilfe. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja und lautet folgendermaßen:

Jesaja 58, 1- 9a

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.
3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Der Prophet Jesaja ermahnte sein Volk also zu Nächstenliebe und gegenseitiger Fürsorge. Denn er erlebte, dass das in der Gesellschaft fehlte. Die Menschen in seiner Zeit – das war nach der Rückkehr aus dem Exil – hatten zwar mit dem Bau eines neuen Tempels begonnen und hielten bestimmte Fastentage ein, aber sie waren ihm dabei nicht fromm und ehrlich genug. Denn sie hofften eigentlich nur, dass Gott sie hörte und sah und sie dafür belohnen würde. Sie erwarteten seine Hilfe. Aber die kam nicht, und das ärgerte sie. „Warum fasten wir und du siehst es nicht an?“ Das war ihr Vorwurf: Sie aßen nichts, kleideten sich in Sack und Asche, unterdrückten alle leiblichen Freuden, doch nichts änderte sich! Der Aufbau ging nur schleppend voran, das Leben blieb ärmlich und bedürftig.

Darauf antwortet der Prophet hier und er sagt: Eure Fastentage gefallen Gott nicht, denn sie sind nur äußerlich. In Wirklichkeit beschäftigt euch doch etwas ganz anderes, als das Gebet und der Wille Gottes. Die Fastenden nutzten die Tage nämlich dazu, leichter Geschäfte betreiben zu können. Sie mahnten ihre Schuldner, ließen die Arbeiter schuften, und es kam obendrein auch noch zu Zank und Streit, sogar zu Gewalttaten. Es gab also erhebliche Missstände, und die klagt der Prophet hier an. So ein Fasten war völlig nutzlos.

Was Gott in Wirklichkeit will, ist zwar auch eine gewisse Selbstbeschränkung und ein Verzicht, aber nicht als kultisches Ritual, sondern als die tätige Liebe am Mitmenschen. Damit will Gott geehrt sein, darin besteht der wahre Gottesdienst. Und zwar geht es um Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, den in ihrer wirtschaftlichen Existenz Bedrohten und in Schuldhaft Sitzenden. Und es geht ebenso um die Liebe an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Es geht stets um die Sorge für den Bruder und die Schwester, für den in Not befindlichen „Nächsten“.

Das ist hier die Mahnung, und es folgt darauf auch noch eine Verheißung. Für ein derartiges Leben in Liebe wird das ersehnte Heil kommen. Es wird sich also etwas ändern, langsam aber sicher.

Das klingt in unseren Ohren alles sehr vertraut, denn die Nächstenliebe ist längt ein wichtiges Thema in der Kirche geworden. Was hier erwähnt wird, sind Aufgaben, die von verschiedenen kirchlichen Initiativen und Einrichtungen schon seit langem übernommen werden. Brot für die Welt sorgt z.B. dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen. Bei uns gibt es so etwas wie die „Kieler Tafel“, Unterkünfte für Obdachlose werden bereit gestellt, wir sammeln immer wieder Altkleider, damit andere etwas anzuziehen haben. Und Pfarrstellen gibt es auch überall: in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Feld der Diakonie ist sehr weit, es gibt unzählige Helfer und Helferinnen, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Trotzdem sollten auch wir einmal unser Gewissen überprüfen und uns fragen, mit welcher Einstellung wir das machen. Wir tun zwar Gutes, aber unser Handeln bleibt doch oft genauso äußerlich wie das Fasten der Israeliten. Es hat nicht viel mit Gott zu tun, sondern eher mit unseren moralischen Werten, Mitmenschlichkeit und Armenfürsorge. Es ist unser soziales Engagement, zu dem uns Anstand und Mitgefühl motivieren.

Es geht dem Propheten aber nicht nur darum. Er will vielmehr, dass Gott im Leben und in der Gesellschaft lebendig ist. Der Glaube erschöpft sich nicht in Ritualen und im organisierten Handeln, sondern in einem lebendigen inneren Vollzug, an dem der ganze Mensch beteiligt ist. Gott ist keine Idee, und der Glaube kein Programm. Gott ist vielmehr ein lebendiges Gegenüber und eine Realität. Wir können mit ihm rechnen und sollen ihn lieben. Es geht um persönliche Hingabe und Offenheit, um echte und gelebte Liebe, die von Herzen kommt.

Deshalb scheint das Thema wie gesagt gut zum Valentinstag zu passen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn genauso wenig wie die Nächstenliebe einfach nur ein moralisches Verhalten ist, genauso wenig dürfen wir sie mit der romantischen Liebe verwechseln. Im Griechischen gibt es deshalb auch zwei Begriffe für Liebe: den Eros und die Agape, und die haben eine sehr unterschiedliche Bedeutung. 

Der Eros macht zwei Liebende zu einem Paar, und die Verbindung kommt durch den Wunsch nach Befriedigung zu Stande, durch die Sehnsucht nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Der Liebespartner bzw. die Liebespartnerin möchte etwas bekommen. Die Liebenden haben Bedürfnisse und Erwartungen, ihre Lust regt sich, und sie vereinigen sich seelisch und körperlich.

Die Agape dagegen möchte etwas geben und sich verausgaben. Wer sie lebt, vergisst sich selber, wird selbstlos, bringt Opfer für die anderen und ist leidensfähig. Sie wendet sich auch denjenigen zu, die nicht liebenswert sind, und fragt nach keiner Gegenleistung. Sie ist uneigennützig und von Gott inspiriert, d.h. eine Kraft des Geistes und des Glaubens.

Jesus Christus hat uns in wunderbarer Weise vorgelebt, wie diese Liebe aussieht. Er war davon erfüllt, hat sie anderen Menschen gegeben und ist am Ende dafür gestorben. Und natürlich meint der Prophet Jesaja genau das. Was er beschreibt, hat sich im Neuen Testament erfüllt. Vorher sind die Menschen trotz aller Ermahnungen auch immer wieder daran gescheitert. Erst durch Jesus Christus ist die Liebe, wie Gott sie sich vorstellt, möglich geworden. Und sie ist viel größer und tiefer als das, was wir am Valentinstag feiern.

Gegeneinander ausspielen sollten wir die beiden verschiedenen Weisen zu lieben allerdings nicht, denn wenn die erotische Liebe halten soll, muss sie sich irgendwann in selbstlose Liebe verwandeln. Wer liebt muss leiden können, denn in jeder Liebesbeziehung gibt es Enttäuschungen und Verletzungen. Niemand kann die Erwartungen des oder der anderen vollständig erfüllen, es bleibt immer etwas zu wünschen übrig. Es ist deshalb gut, wenn wir uns von der Liebe erfüllen lassen, die Jesus Christus uns schenkt, und bereit sind, selbstlos füreinander da zu sein und auch zu leiden.

Dazu werden wir eingeladen, und es ist gut, dass wir das von Jesus Christus lernen können. Ohne ihn würden wir es nämlich genauso wenig schaffen wie die Israeliten. Wir brauchen den göttlichen Beistand, um die Agape zu verwirklichen. Nicht umsonst gehen so viele Paare wieder auseinander. Aber das muss nicht sein, denn die Hilfe ist da, der Grund ist gelegt, wir müssen uns nur ganz Jesus Christus anvertrauen.

Der christliche Mystiker Johann Scheffler, dessen Lyrik wir auch unter dem Namen Angelus Silesius kennen, hat das 1657 wunderbar in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das in unserem Gesangbuch steht. Es handelt von der „Liebe“, die ihn zum „Bilde ihrer Gottheit gemacht hat“, und damit meint er Jesus Christus. Denn er sagt von ihr, dass sie „Mensch geboren wurde“, und für ihn „gelitten“ hat und „gestorben“ ist. Scheffler bekennt sich mit dem Lied also zu Jesus Christus und seinem Heilswerk und er verspricht, sich ihm „ewiglich zu ergeben“. (EG 401)

Amen.

Achtet auf das „prophetische Wort“!

Predigt über 2. Petrus 1, 16- 19: Die Verklärung Jesu und das prophetische Wort

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31.1.2021. 9.30 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

In den Nachrichten hören wir oft von Überschwemmungen ganzer Landesteile, Städte oder Dörfer. Ein Fluss ist über die Ufer getreten, weil es zu viel geregnet hat; ein Damm ist gebrochen, oder es gab eine Sturmflut. Meistens fordert so ein Ereignis nicht nur Häuser, Gebäude, Autos, Bäume usw., sondern auch Menschen- und Tierleben. Auf jeden Fall ist eine Wasserflut gefährlich: Sie reißt mit sich, was ihr in den Weg kommt, richtet Chaos an, zerstört und tötet. 

Wir gebrauchen das Wort „Flut“ auch in anderen Zusammenhängen, und da hat es ebenfalls eine bedrohliche Bedeutung: Es kann eine Flut von Bildern geben, eine Flut von Meinungen und Gedanken, eine Flut von Nachrichten und Informationen. Und auch davor müssen wir uns schützen, sonst verlieren wir die Orientierung, werden zerrissen und unruhig, fremdbestimmt und sorgenvoll. Wir können psychisch und mental untergehen.

Das ist besonders in diesen Zeiten eine Gefahr. Wenn wir es drauf ankommen lassen, werden wir mit Meldungen – besonders zur Corona-Krise – „überflutet“: Zahlen und Statistiken, Warnungen und Verordnungen überschwemmen uns geradezu und machen uns nervös. Natürlich sollten wir die geltenden Regeln kennen, aber wir müssen uns gleichzeitig davor hüten, in all diesen Nachrichten „unterzugehen“.

Dafür brauchen wir einen festen Standpunkt, einen sicheren Grund, auf dem wir stehen und standhalten können. Und genau davon handelt unser Predigttext von heute. Es ist ein Abschnitt aus dem zweiten Petrusbrief. Da heißt es im ersten Kapitel:

2. Petrus 1, 16- 19

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.
17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

Der Verfasser gibt sich als Petrus aus und meint damit den Jünger Jesu und späteren Apostel. Wir wissen inzwischen, dass er es nicht gewesen sein kann, aber es ist gar keine schlechte Idee, in seinem Namen zu schreiben. Der Brief soll so etwas wie ein Testament des Petrus sein und damit eine zuverlässige Quelle für die christliche Hoffnung. Denn Petrus war nicht nur Augenzeuge des Lebens Jesu, er gehörte auch zu den drei auserwählten Jüngern, die bei seiner Verklärung dabei waren auf dem „heiligen Berge“. Wir haben die Geschichte, die in drei Evangelien erzählt wird, eben gehört. Sie handelt davon, wie die göttliche Natur Jesu einmal kurz auf Erden sichtbar wurde. Petrus hat die „Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus selber gesehen“. Und er hat die Stimme Gottes gehört, die dabei vom Himmel kam und sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Seine Predigt bestand also nicht in „ausgeklügelten Fabeln“. So übersetzt Luther das Wort, das hier steht. Es ist das griechische Wort „Mythos“, und das bedeutet u.a. Märchen, Erzählung oder Geschichte. Was der Verfasser damit konkret andeuten will, ist nicht ganz klar. Er beschreibt diese „Mythen“ zusätzlich als „ausgeklügelt“, d.h. sie sind ausgedacht und schlau, und es kann sein, dass er bestimmte Irrlehren meint. Es gab damals ja viele religiöse und philosophische Strömungen, mit denen sich die Christen auseinandersetzen mussten. Doch nur eine Geschichte war wirklich vertrauenswürdig und verlässlich, und die will der Verfasser gewährleisten.

Dabei ist es interessant, dass das Wort „Mythos“ allgemein einfach „Rede“ oder „Wort“ bedeutet, „Mitteilung“, „Bericht“ oder die „Äußerung eines Gedankens“. Es muss also gar nicht um ganze Geschichten gehen, von denen sich das Evangelium unterscheidet, es ist auch mehr als eine beliebige Meldung oder Meinung. Es hat einen anderen Charakter und kann deshalb ganz anders wirken. Und worin der besteht, sagt der Schreiber in dem letzten Vers, den wir heute bedenken: Da nennt er das Evangelium das „prophetische Wort“, und wir „tun gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen.“

Das ist ein schönes Bild, mit dem der Schreiber noch einmal an die Verklärungsgeschichte anknüpft: Da erschien Jesus den Jüngern in einem hellen Licht. Es war wie das Anbrechen eines neuen Tages, und diesen Zustand kann das Wort des Evangeliums im Herzen der Gläubigen bewirken. Sie erkennen in Jesus Christus die Herrlichkeit Gottes und werden dabei verwandelt. Mit dem „finsteren Ort“ ist die gegenwärtige Welt gemeint, zu der wir noch gehören. In ihr herrschen der Tod und die Angst, Leid und Not. Aber das muss uns nicht verschlingen oder mitreißen, denn es gibt ein helles Licht, das in jedem und jeder aufleuchten kann.

Und das ist eine gute Botschaft: Wir müssen nicht in der Flut der traurigen und schlechten Nachrichten untergehen, sondern können uns auf ein Wort verlassen, das uns in eine „Lichtflut“ stellt. Auch in diesem Zusammenhang gebrauchen wir ja gerne das Wort „Flut“, wie etwa bei dem Begriff „Flutscheinwerfer“. Sie machen die Nacht taghell und sorgen dafür, dass wir die Dinge erkennen, die vor sich gehen, wie z.B. bei einem Fußballspiel, einem Konzert oder einem Polizeieinsatz. Diese Eigenschaft hat das Wort Gottes über Jesus Christus. Es ist wie ein Flutlicht, und es ist ratsam, dass wir es in unser Herz scheinen lassen. Dann wird alles in uns hell und klar.

Aber wie geht das nun? Und können wir die Stimme Gottes überhaupt so hören, wie es in der Bibel erzählt wird? Er spricht doch gar nicht direkt zu uns. Was die Menschen von damals bezeugen, erleben wir nicht. Das ist unser Einwand. Lasst uns deshalb fragen, wie und wann das Wort Gottes überhaupt hörbar wird und in dieser Weise scheinen kann.

Und dabei hilft uns, dass der Verfasser unseres Textes die Qualität des Evangeliums der Qualität anderer Nachrichten gegenüberstellt und sie deutlich voneinander abhebt. Dadurch lädt er uns nämlich indirekt dazu ein, uns der Flut all der minderwertigen Botschaften zu entziehen und verstärkt auf das eine, „prophetische Wort“ zu achten, das allein lebendig und erhellend ist.

So ein ähnliches Vorgehen hat vor ein paar Wochen auch eine Psychotherapeutin empfohlen, die in der Zeitung zitiert wurde. Sie gebrauchte dafür den Begriff „Informationshygiene“. Der ist gerade jetzt sehr aussagekräftig, weil wir ständig an Hygienevorschriften erinnert werden und uns daran halten müssen. Sie beziehen sich auf unser körperliches Wohlergehen: Wir sollen uns nicht mit dem Virus infizieren. Aber es gibt eben auch noch ganz andere Infektionsgefahren: Die Seele kann sich von Angst und Sorge anstecken lassen. Unser Geist kann von all den negativen Meinungen und Gedanken verseucht werden, und das macht uns dann genauso krank wie das Virus es vermag. Wir müssen uns auch davor schützen und wohl dosieren, wie viele Nachrichten wir hören, wie viele schlaue Berichte wir lesen, wie vielen „ausgeklügelten Fabeln“ wir folgen wollen. Auch unser Geist und unsere Seele brauchen Hygiene. Man spricht nicht umsonst von „Seelenhygiene“, wenn es darum geht, in sich hineinzuschauen, auf sich selber zu achten und sich innerlich von negativen Einflüssen zu reinigen.

Doch so ganz einfach ist das nicht, denn die Flut der Meldungen rollt jeden Tag aufs Neue an und will uns mitreißen, wie bei einer Wasserflut und einer Überschwemmung. Dieses Bild ist ganz hilfreich, denn vor ihr rettet man sich am besten, indem man auf eine Anhöhe steigt. Das tun die Menschen ja, die davon betroffen sind: Sie klettern auf ihre Dächer, auf den Deich oder einen Berg.

Und genau das müssen wir im Geist tun. Die Jünger sind mit Jesus auch auf einen Berg gestiegen, um ihn im göttlichen Licht zu sehen. Sie haben eine Pause gemacht und den Alltag unter sich gelassen. Sie waren vorübergehend für niemanden erreichbar, nur für die Gegenwart Jesu und die Stimme Gottes. Und das heißt: Auch wir müssen Pausen einlegen, damit die vielen Stimmen, die auf uns „einströmen“ und uns „überfluten“ wollen, einmal zum Schweigen kommen. Wir hören das „prophetische Wort“ so selten, weil es viel zu laut um uns herum ist, weil wir uns ständig von allem möglichen mitreißen lassen. Wenn wir da aussteigen, und es stiller wird, nehmen wir plötzlich ganz andere Dinge wahr. Wir beruhigen uns, hören die Stimme Gottes, und unser Geist wird klar.

Anselm Grün formuliert das in einer Betrachtung zu unserem Textabschnitt so: „Das Wort Gottes, das mit dem Herzen aufgenommen wird, das leuchtet in unserer Dunkelheit. Es lässt den Tag anbrechen in unserem Inneren. Die Nacht mit ihrer Undurchschaubarkeit, die Nacht mit all dem Bösen, das in ihr geschieht, weicht dem Tag. Der Morgenstern leuchtet in uns auf. Christus selbst leuchtet im göttlichen Wort in unseren Herzen auf.“ (Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe VI,1, Göttingen 1995, S. 79)

Und der reformierte Pfarrer Adolf Lampe aus dem Rheinland hat das Licht, das von Christus ausgeht, 1718 in einem Lied als „Lebenssonne“ bezeichnet. Ihre „Strahlen“ scheinen auch „im Dunkeln“ und sind mit nichts zu vergleichen. Er bittet Jesus um die „Klarheit“, die alle „Schatten“ aus seinem Herzen vertreiben kann. Denn er möchte „in diesem Licht wandeln“, es soll in ihm „wohnen, herrschen, leuchten und heilen“. Dafür „räumt er ihm Herz und Mut.“ Denn er weiß und bekennt: „Ohne dieses Licht des Lebens lebt ich in der Welt vergebens.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1994, Nr. 597)

Amen.

Freut euch des Himmels!

Predigt über Johannes 2, 1- 11: Die Hochzeit zu Kana

2.Sonntag nach Epiphanias, 17.1.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Johannes 2, 1- 11

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Liebe Gemeinde.

Anfang des Jahres bekam ich von meinem Neffen und seiner Freundin einen Brief. Im Umschlag war eine Karte, auf deren Vorderseite steht neben einem Foto von den beiden – sie sind darauf sehr hübsch gekleidet – das Wort „Liebe“ und: „We said yes.“ Der Text auf der Innenseite lautet: „Wir haben uns still und heimlich und ganz für uns das JA Wort gegeben. In diesen turbulenten Zeiten haben wir uns nochmal ganz bewusst gemacht, was für uns wirklich wichtig ist im Leben. Deshalb haben wir diesen Moment ganz für uns und ohne viel Trubel genossen.“

Es war eine Hochzeit ohne Fest, denn das geht zurzeit nicht, aber vielleicht brauchen die beiden es auch nicht. Andere Paare haben ihre Trauung, die sie eigentlich letztes Jahr feiern wollten, verschoben. Wir haben deshalb für den Sommer schon eine ganze Reihe von Anmeldungen. Ob das dann klappt, wissen wir nicht, aber wir hoffen es alle, denn natürlich wollen wir irgendwann auch wieder mit vielen Menschen zusammenkommen, feiern und fröhlich sein.

Jesus hat das offensichtlich auch getan. Davon handelt die Geschichte, die wir eben gehört haben. Sie erzählt, wie er einmal zu Gast bei einer Hochzeit war. Sie fand in Kana statt.

Wo diese Stadt wirklich war, lässt sich nicht mehr herausfinden. Wir haben nur den Hinweis, dass sie in Galiläa lag, dem nördlichen Teil Palästinas, wo Jesus sozusagen zu Hause war. Deshalb war er dort wohl auch zu einer Hochzeit eingeladen. Vielleicht war es sogar ein Familienfest, denn seine Mutter war ebenfalls dabei, und alle seine Jünger, und die stammten genauso wie er aus dieser Gegend. Es waren also viele Gäste anwesend, so wie es damals üblich war. Eine Hochzeit im alten Orient war ein langes und großes Fest. Das ganze Dorf nahm daran teil, alle Freunde und Verwandten kamen und feierten mit. Es dauerte normalerweise sieben Tage.

Es ist hier also kein Wunder, dass der Wein irgendwann alle war. Davon brauchte man ganz schön viel, und offensichtlich hatte der Bräutigam, oder wer dafür verantwortlich war, sich verkalkuliert, und nicht genug vorgesehen. Es war zwar bereits gegen Ende des Festes, die Leute hatten also schon ausgiebig getrunken, aber es war trotzdem peinlich. Das durfte eigentlich nicht passieren.

Die Mutter Jesu fand das auch. Und sie traute ihrem Sohn zu, dass er helfen konnte. Sie hielt ihn bereits für einen Wundertäter. In der Öffentlichkeit hatte er das zwar noch nicht gezeigt, aber Mütter wissen über ihre Kinder ja oft mehr als andere. Und so sagte sie zu ihm: „Der Wein ist alle“, und das war so etwas wie eine Aufforderung, etwas zu tun. Jesus verstand das auch, aber er fand das nicht gut. Er ignorierte es völlig, dass sie seine Mutter war, und redete sie nur barsch mit „Frau“ an. Sie sollte ihn in Ruhe lassen, denn nicht sie bestimmte, wann er seine Macht offenbarte. Jesus hing von den Weisungen seines Vaters im Himmel ab. Der allein gab an, wann seine Stunde gekommen war.

Seine Mutter nahm die Zurückweisung wohl auch nicht persönlich, jedenfalls akzeptierte sie sie und zog sich zurück. Allerdings glaubte sie weiter daran, dass er Abhilfe schaffen würde, denn sie sagte zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“. Sie hielt an ihrer Überzeugung fest, dass er Wunder tun konnte.

Und so geschah es dann auch. Es standen da sechs riesige Krüge, die für das Wasser zur Reinigung bestimmt waren, jeder fasste 80 bis 120 Liter. Die Reinigung war nach dem Gesetz des Mose ein Bestandteil des Festes und der Mahlzeit. Dazu gehörten z.B. das Waschen der Hände und natürlich auch die Reinigung der Gefäße, also der Abwasch.

Und bei diesen Krügen, die noch leer waren, gab Jesus den Dienern nun zwei Befehle: Sie sollten sie mit Wasser füllen, und dann den Speisemeister von diesem Wasser kosten lassen. Das taten sie, und als der Mundschenk das Wasser probierte, war es köstlicher Wein. Er wusste nicht, woher er kam, und war natürlich äußerst verwundert. Es war sogar guter Wein, besserer als der Vorige, und er wurde ausgeschenkt. So konnte das Fest weitergehen.

Das ist die Geschichte, die von dem ersten Wunder handelt, das Jesus tat. Es wird selbst gar nicht beschrieben, sondern stillschweigend vorausgesetzt, als das Wasser zu Wein geworden war. Eigentlich haben auch nur die Diener mitbekommen, dass Jesus hinter der plötzlichen Weinfülle steckte. Trotzdem „offenbarte er damit seine Herrlichkeit“, wie es abschließend heißt. Bestimmt haben also seine Jünger erfahren, dass er dieses Wunder getan hatte.

Für sie war es auch bestimmt: Es sollte ihren Glauben stärken, dass Jesus der Sohn Gottes war, der Messias, auf den sie gewartet hatten. Der Wein war eine Gabe des Gottessohnes. Wir müssen ihn als ein Symbol verstehen. Es ist damit das ewige Leben gemeint, die unerschöpfliche Fülle, Heil und Freude. Jesus bringt sie uns. Er zeigt uns die Gegenwart Gottes und feiert mit uns ein himmlisches Fest.

Es geht also nicht um den Alkohol oder um eine ausgiebige Feier. Es gibt Leute, die hören hier heraus, dass Jesus daran Spaß hatte: Er konnte lustbetont und gesellig sein, freute sich am Leben, aß und trank gern, weil er genauso weltlich war wie wir. Diese Auslegung ist natürlich ganz praktisch, denn damit sagt die Geschichte, dass wir ruhig feiern dürfen, Speisen und Getränke nach Herzenslust genießen. Partys und lustvolle Zusammenkünfte werden von Jesus abgesegnet.

Doch wenn das der Inhalt ist, was nützt sie uns dann in Zeiten wie diesen? Sie wäre bedeutungslos, denn das alles geht gerade nicht. Und das macht uns durchaus zu schaffen. Wir vermissen den Trubel und die Geselligkeit, Feste und Konzerte, und da stimmt es uns umso trauriger, wenn wir hören, dass Jesus das eigentlich gut fand.

Aber so ist die Geschichte auch nicht gemeint. Der Wein ist wie gesagt als ein Symbol zu verstehen. Jesus ist gerade nicht einfach nur ein Mensch wie alle anderen, sondern er bringt etwas, was wir von uns aus nicht machen können: Er bringt den Himmel auf die Erde. Und das ist viel mehr, als dass nur unsere Feste und unser Spaß am Feiern gut geheißen werden. Es geht um Fülle und Freude in einem viel tieferen Sinn, um die Ewigkeit, die größer als alles ist, und der gegenüber sämtliche anderen Dinge klein werden. Es geht um das, was „wirklich wichtig ist im Leben“.

Und das ist auch gut so, denn es gibt immer Zeiten wie diese, wo Feste nicht möglich sind. Es kann uns auch durch ganz andere Krisen abhandenkommen: eine schwere Krankheit, ein Unfall, tiefe Traurigkeit, Enttäuschung und Resignation. In solchen Situationen ist uns nicht nach Feiern zu Mute und wir merken, wie begrenzt und vergänglich die irdische Freude ist. Unser Leben ist ständig gefährdet und es endet auf jeden Fall mit dem Tod. Es ist deshalb gut, wenn wir uns sowohl in guten als in schlechten Zeiten nach einem anderen Heil ausstrecken. Und genau das will Jesus uns schenken.

Natürlich bejaht er das Leben. Er möchte, dass wir uns freuen und Gemeinschaft haben. Aber das ist bei ihm mehr, als wir uns normalerweise vorstellen. Denn in ihm berühren sich Himmel und Erde. Die Betonung liegt in unserer Geschichte auf dem Wunder, auf der Verwandlung, die stattfindet: Aus dem Profanen wird etwas Heiliges, weil Gott auf der Erde erschienen ist. Und das heißt: Im Glauben an Jesus wird unser Leben verändert. Wir werden emporgehoben und bekommen Kontakt zur Ewigkeit.

Wir müssen nur der Aufforderung folgen, die in unserer Geschichte indirekt vorkommt. Das Hochzeitspaar hatte Jesus ja eingeladen, und das müssen wir auch tun, d.h. „Komm zu uns“ sagen und „herein“, wenn er anklopft. Wir müssen uns und unsere Tür für ihn öffnen, damit er unser Gast sein kann. Es gibt ein Tischgebet, mit dem diese Einladung sehr schön und einfach formuliert ist. Es lautet: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne uns, und was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ Es ist die Bitte um Segnung der Speise, aber es beinhaltet noch viel mehr. Wir können dieses Gebet auf unser ganzes Leben übertragen und auch in anderen Situationen sprechen.

Und dazu haben wir gerade jetzt eine wunderbare Möglichkeit. Wir dürfen nicht mit vielen Gästen zusammen sein. Unser Leben ist ruhiger als sonst. Aber darüber müssen wir nicht traurig sein, sondern wir können diese Ruhe dazu nutzen, einen ganz besonderen Gast einzuladen und viel Zeit mit ihm zu verbringen: Jesus Christus, den Sohn Gottes. Er wartet schon darauf, dass wir ihn in unser Herz hineinlassen und mit ihm das Fest des Himmels feiern.

Wir sind damit auch nicht allein. Das haben unzählige Menschen vor uns getan und tun es jetzt ebenso. Und besonders von denen, die kein einfaches Leben hatten oder haben, gibt es dazu wunderschöne Glaubenszeugnisse. Eine davon ist Marie Schmalenbach. Sie lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen. Sieben ihrer zehn Geschwister starben sehr früh, und später auch eins ihrer eigenen Kinder. Sie dichtete deshalb: „Hier ist Müh morgens früh und des Abends spät, Angst, davon die Augen sprechen, Not, davon die Herzen brechen, kalter Wind oft weht.“ Aber sie ist daran nicht verzweifelt, sondern Jesus Christus war ihrer „Hoffnung Licht“. Sie glaubte an die Ewigkeit und sah vor ihrem inneren Auge die „immergrünen Auen, die sein Wort verspricht“. Und so bat sie: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud.“

Sie hat Jesus eingeladen, in ihr Leben einzutreten, und diese Bitte hat er erfüllt. Denn das tut er gerne immer wieder bei allen, die sich das wünschen. Auch das Abendmahl ist dafür eine Gelegenheit. Da schenkt Jesus sich selber und feiert mit uns. Es wird nicht nur Wasser in Wein verwandelt, sondern der Wein wird zu seinem Blut und das Brot zu seinem Leib. Näher als beim Abendmahl können wir also gar nicht Gemeinschaft mit ihm haben. Es ist das Fest, das unseren Glauben stärken kann und uns mit einer ewigen Freude erfüllt. Wir werden es deshalb nachher zusammen feiern.

Amen

1. Brich herein, süßer Schein
selger Ewigkeit.
Leucht in unser armes Leben,
unsern Füßen Kraft zu geben,
unsrer Seele Freud
unsrer Seele Freud.

2. Hier ist Müh morgens früh
und des Abends spät,
Angst, davon die Augen sprechen,
Not, davon die Herzen brechen,
kalter Wind oft weht,

kalter Wind oft weht.

3. Jesus Christ, du nur bist
unsrer Hoffnung Licht,
stell uns vor und lass uns schauen
jene immergrünen Auen,
die dein Wort verspricht,
die dein Wort verspricht.

4. Ewigkeit, in die Zeit
leuchte hell hinein,
dass uns werde klein das Kleine,
und das Große groß erscheine,
selge Ewigkeit,
selge Ewigkeit.

Text: Marie Schmalenbach 1882
Melodie: Karl Kuhlo 1887

Haltet zusammen!

Predigt über Römer 12, 1- 8: Ein Leib, viele Glieder

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichte, die ich einmal in meiner Schulzeit gehört habe, jedenfalls an ihre Pointe, an die „Moral der Geschichte“. Unser Französischlehrer hat sie uns vorgestellt. Wir haben sie auf Französisch gelesen und dann darüber gesprochen. Sie ging ungefähr so:

Ein Vater hatte drei Söhne, und bevor er starb, wollte er ihnen mitgeben, worauf es im Leben ankommt. So versammelte er sie eines Tages um sich und zeigte ihnen ein Bündel von Zweigen. Sie sollten es mit bloßen Armen durchbrechen. Der erste versuchte es und scheiterte. Es war zu dick, um es zu zerstören. Dann probierte es der Zweite, aber auch ihm gelang es nicht, und genauso erging es dem Dritten. Da zeigte der Vater ihnen, was zu tun ist: Er nahm das Bündel auseinander und zerbrach jeden Zweig einzeln. Und dann sagte er: „Seht ihr? Solange die Zweige zusammengebunden waren, konnte man sie nicht zerbrechen, das ging erst, als ich sie getrennt habe. Merkt euch also: Einheit macht stark.“ Ich habe sogar den französischen Satz behalten, obwohl ich sonst von der Sprache nicht mehr viel weiß. Aber er ist ein geflügeltes Wort und lautet: „L’unité fait la force.“

Viele Gruppen haben sich diese Parole zu eigen gemacht, und auch in der Bibel finden wir dazu etliche Beispiele.

So beschreibt Paulus diese Weisheit an zwei Stellen in seinen Briefen mit einem Bild. Eine davon finden wir im Römerbrief, Kapitel 12. Da veranschaulicht er die Einheit von Vielen mit dem Beispiel von den verschiedenen Gliedern an einem Leib. Der Abschnitt – es sind die Verse eins bis acht – ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Römer 12, 1- 8

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,
6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.
7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.
8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“

Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Es ist ihm wichtig, dass der richtige Gottesdienst nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt bleibt, sondern in den Alltag und das Verhalten hineinwirkt. So beschreibt er, wie Christus das Leben prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.

Und er sagt als erstes etwas Grundsätzliches, nämlich dass alle zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Keiner und keine soll sich über die anderen erheben und die eigene Denk- und Lebensweise durchsetzen. Es gilt vielmehr, die Gaben, die wir haben, Jesus Christus und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und sie dem Dienst am Evangelium unterzuordnen. „Niemand halte mehr von sich, als sich’s gebührt zu halten, sondern er halte maßvoll von sich, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“

So formuliert Paulus das, und dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. D.h. niemand soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, die die Gemeinschaft der Glaubenden und den Zusammenhalt sprengen würden. Geboten ist vielmehr die Übung der Besonnenheit und das Maß halten. Denn die einzelnen Gemeindeglieder sind ein Leib, die Vielen sind daran nur die Glieder, und keins kann ohne das andere existieren. 

Und das ist eine gute Botschaft, die auch wir uns zu Herzen nehmen sollten. Denn wir tendieren oft zum gegenteiligen Verhalten. Das ist besonders jetzt die Gefahr, wo wir eindringlich dazu aufgefordert sind, Abstand zueinander zu halten und die Kontakte zu reduzieren. Das kann leicht zur Vereinzelung führen. Wir ziehen uns in unsere Privatsphäre zurück, isolieren uns von anderen, und unser Miteinander droht auseinander zu fallen. Viele hadern sicher auch mit den verordneten Maßnahmen und zweifeln an ihrer Wirksamkeit. Auflehnung oder Angst verdüstern die Stimmung und führen zu negativen Gefühlen. Und wenn das so ist, werden die Gesellschaft und die Einheit geschwächt. Wir werden anfälliger und sind leichter zu zerbrechen.

Doch das muss nicht eintreten, und es ist auch wichtig, dass wir die negativen Gedanken vertreiben. Das haben unsere Politikerinnen auch erkannt, und sie betonen deshalb, dass alles, was sie verordnen, genau dem Gegenteil dienen soll, dass es letztlich um ein Zusammenhalten geht: Nur durch die gemeinsame Anstrengung kann es uns gelingen, das Virus, das unser Leben bedroht, zu besiegen. Das hören wir immer wieder, fast gebetsmühlenartig. Aber es ist auch wahr, denn wir stehen vor einer ganz besonderen Herausforderung, einer heimtückischen Gefahr. Sie führt uns in den verzwickten Widerspruch, durch das Meiden von Kontakten und den körperlichen Abstand zueinander gemeinsam stark zu werden und zur Einheit zu kommen.

Das ist – zugegeben – eine mentale Kurve, ein ungewohnter Gedankengang, den wir so noch nicht kennen. Und das Verhalten, das daraus folgt, bleibt widersprüchlich. Aber es lohnt sich, wenn wir mitmachen, auch wenn wir uns dabei etwas verbiegen müssen. Es ist nicht ganz einfach, diese Kurve in unserem Denken kriegen. Aber wir sollten es versuchen, denn das verhilft uns dazu, dass wir die Dinge nicht nur negativ sehen und die Maßnahmen nicht ablehnen.

Äußerlich tun wir dabei zwar weniger als sonst, treffen uns nicht so oft, gehen nicht mehr aus, kaufen nur noch das Nötigste usw., aber innerlich tun wir gleichzeitig viel mehr. Das merken wir daran, dass es anstrengend ist, wir brauchen eine Menge an emotionaler Energie. Und daran wird deutlich, dass es um einen gemeinsamen Kraftakt geht, dass wir alle an einer Sache arbeiten. Wir ordnen uns unter, „denken mit“ und versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Wir tun genau das, was Paulus uns vorschlägt. Lasst es uns jedenfalls so sehen, denn dann gelingt es uns besser, wirklich mitzumachen.

Ein weiterer hilfreicher Gedanke ist der, dass die Krise die ganze Menschheit betrifft. Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben: Aus allen Ländern der Welt sieht man die gleichen Bilder, hört identische Nachrichten, erfährt von denselben Problemen. Es ist also eine globale Anstrengung, und wenn sie zum Erfolg führt, kann die Menschheit stolz sein. Dann werden wir etwas gelernt haben, nämlich dass „Einheit stark macht“: Wenn wir uns „zusammenbinden“, kann uns tatsächlich niemand mehr zerbrechen.

Und als Christen hilft uns schließlich noch etwas, diese Herausforderung anzunehmen. Denn dazu, miteinander übereinzustimmen, sind wir als Gemeindeglieder sowieso aufgerufen und befähigt. Paulus erinnert seine Leser und Leserinnen bewusst an „die Barmherzigkeit Gottes“ und verweist uns auf Jesus Christus. Entscheidend ist der Satz: „So sind wir viele ein Leib in Christus.“ Und das heißt, wir werden durch ihn und um seinetwillen befähigt, zusammenzuhalten. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unsere Auflehnung, als auch unsere Angst überwinden.

Unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht, und das macht uns in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sehen nicht mehr alles nur negativ, sondern von Christus her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv: Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinschaft werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das müssen wir uns bewusst machen, dann hören das Hadern und Zweifeln auf. Uns wird klar: Jeder und jede trägt zum Ganzen etwas bei. Wir alle werden zu „Strahlen, die aus einem Licht hervorbrechen. Unser Licht heißt Jesus Christus, und wir sind eins durch ihn.“ (EG 268,1)

Amen.

Habt Geduld!

Predigt über Philipper 4, 10- 13: Die Genügsamkeit des Apostels

1.1.2021, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Der Jahresanfang ist bei vielen Menschen ein Zeitpunkt der guten Vorsätze: Wir nehmen uns vor, irgendetwas im Neuen Jahr anders oder sogar besser zu machen. So will der eine vielleicht endlich abnehmen, die andere will fitter werden; wir wollen netter zu unseren Familienangehörigen sein, rücksichtsvoller Auto fahren, bestimmte Fähigkeiten ausbauen, eine neue Sprache lernen usw. Meistens gehört ein bestimmtes Training dazu, um die Ziele zu erreichen, die wir uns stecken. Ein Weg liegt vor uns, auf dem wir das Neue ausprobieren und einüben, lernen und praktizieren.

Wie lange es uns gelingt, ist dabei offen. Natürlich wünschen wir uns Erfolge, aber oft stellt sich bald heraus, dass es doch zu schwer war, und wir geben wieder auf.

Dabei ist es durchaus sinnvoll, sich etwas Gutes vorzunehmen, denn das Leben will gemeistert werden. Es lebt sich nicht von alleine, sondern stellt uns ständig vor neue Herausforderungen. Und es ist ratsam, wenn wir die annehmen und unsere Möglichkeiten ausschöpfen, wenn wir versuchen, stärker und gesünder zu werden, klüger und umsichtiger.

Der Apostel Paulus hat das auch getan, denn für ihn gab es ständig neue Situationen, die ihm viel abverlangten.

Er war ein erfolgreicher Missionar, ohne den sich der Glaube an Jesus Christus nicht so schnell ausgebreitet hätte. Doch natürlich hat er sich auch Feinde gemacht. Die Bekehrten wurden ja ihrem bisherigen Glauben abtrünnig und verachteten fortan ihre alten Götter. In Ephesus gab es aus diesem Grund einmal viel Unruhe, so dass am Ende die Ordnungshüter eingriffen und Paulus festnahmen. Auch an anderen Orten ist ihm das widerfahren: Immer wieder wurde er wegen Volksverhetzung und Gotteslästerung angeklagt und gefangen genommen. Seine Gegner wollten der Ausbreitung des Evangeliums damit einen tödlichen Schlag verpassen. Doch genau das Gegenteil trat ein, denn es machte seine Weggefährten „umso kühner, das Wort zu reden ohne Scheu.“ (Philipper 1,14) Das erfahren wir von Paulus selber durch die Briefe, die er im Gefängnis schrieb. Dazu gehört auch der Brief an die Philipper.  

Als Paulus ihn verfasste, wusste er nicht, wie seine Gefangenschaft ausgehen würde. Er wartete gerade auf das Gerichtsurteil, und das konnte durchaus die Hinrichtung bedeuten. Er hatte also allen Grund zur Sorge und zur Angst, und die Philipper teilten das mit ihm. Sie waren sozusagen seine Lieblingsgemeinde, er fühlte sich eng mit ihnen verbunden, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. So hatten sie z.B. für ihn gesammelt, weil sie wussten, dass die offizielle Verpflegungszuteilung für Inhaftierte sehr zu wünschen übrig ließ. Die Gemeinde hatte deshalb eine Kollekte für Paulus organisiert, und darüber war er „hoch erfreut“, wie er schreibt. Mit dem Dank dafür beginnt ein Abschnitt im Philipperbrief, der heute unser Predigttext ist. Es ist Philipper 4, 10- 13. Dort steht:

10 Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.
11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht.
12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;
13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Paulus beschreibt damit, was er im Laufe seines Lebens gelernt hat, und zwar ist er „autark“ geworden, wie es wörtlich heißt, d.h. unabhängig und innerlich frei. Nichts kann ihn erschüttern oder umwerfen, weder die eigenen Emotionen noch das Schicksal. Er ist in die Kunst der Selbstgenügsamkeit eingeweiht. So können weder Hunger noch Sattheit, weder Armut noch Reichtum, weder Gefängnis noch Freiheit seine Existenz im Kern treffen.

Denn die ist von etwas ganz anderem bestimmt: Jesus Christus hat ihn befähigt, allen Anforderungen gewachsen zu sein. Christus ist stark in ihm, er gibt ihm die Kraft zum Verzichten und Entsagen, genauso wie zum Haben und Genießen. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ Das ist sein Bekenntnis. „Sein Glaube war der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1.Johannes 5,4) Er war gelassen und getrost in allen Lebenslagen.

Und das hat er natürlich nicht geschrieben, um die Gemeinde darüber einfach nur zu informieren. Er wollte vielmehr ein Vorbild sein und den Philippern Mut machen, sich ebenfalls in Gelassenheit zu üben. Sie sollten in Jesus Christus ihre Stärke sehen und sich in allen Situationen auf ihn verlassen. Das sind seine Botschaft und seine Ermahnung.

Und die tut auch uns gut. Wie wäre es, wenn wir uns das für das neue Jahr vornehmen, die Übung der Geduld und der Leidensfähigkeit, der inneren Ruhe und Selbstgenügsamkeit? Möglichkeiten werden wir dazu genug haben, denn die Krise, in der wir uns befinden, ist noch nicht vorbei, und sie verlangt genau das von uns: Dass wir verzichten und geduldig sind. Wir hören solche Ermahnungen jetzt nicht nur von Seelsorgern, Therapeutinnen oder Philosophen, auch Politikerinnen verkünden diese Tugenden als die beste Strategie. Sie werden uns im Endeffekt sogar von den Regierungen verordnet. Denn etliches dürfen wir z.Zt. nicht, bzw. es geht auch gar nicht: Reisen und in Hotels übernachten, mit vielen Menschen feiern und ihre Nähe spüren; außerdem sind Konzert- und Kinobesuche, Kulturveranstaltungen, gemeinsamer Sport, Einkaufen als Erlebnis usw. eingeschränkt bzw. ganz ausgesetzt. Und das ist eine große Herausforderung. Nicht alle Menschen bewältigen das, sondern sie werden davon seelisch krank oder gewalttätig, depressiv oder aggressiv. Sie fliehen in irreale Welten, verzagen, werden mürbe und dünnhäutig, ganz zu schweigen von der Angst, die um sich greift. Es ist deshalb auch für uns gut, wenn wir innerlich stark werden und uns nicht aufregen oder zerreiben lassen, geduldig und zuversichtlich bleiben.

Doch wie geht das nun? Es ist ja nicht ganz einfach, diese Tugenden zu erlangen, und es ist möglicherweise so wie mit vielen anderen guten Vorsätzen: Wir scheitern am Ende, weil die Ziele zu hoch gesteckt waren. Wir müssen uns also fragen, mit welchen Methoden wir dieses Ziel erreichen können.

Und da gibt Paulus uns einen wichtigen Hinweis. Er hat seine Geduld nämlich nicht durch eigene seelische Anstrengung gewonnen, sondern durch Jesus Christus. Paulus war kein Held, sondern ein Heiliger, und d.h. der Heilige Geist hat in ihm gewirkt. Christus hat ihn frei gemacht und ihn aus allem herausgehoben. Paulus hat sich seine innere Stärke nicht selber antrainiert, sondern sie wurde ihm geschenkt, weil er ganz auf Christus vertraute. Und das heißt, er hat sie nicht zum Ziel erklärt und in die Zukunft verlagert, sondern er hat sich ganz auf den Augenblick geworfen.

Und das ist auch für uns das Geheimnis: Was wir uns wünschen, wenn wir geduldig werden wollen, entsteht nicht erst morgen oder in der nächsten Zeit, es verwirklicht sich in der Gegenwart. Denn jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist Christus da. Es gilt, sich ihm anzuvertrauen, jeden Augenblick aufs Neue. Wir müssen all unsere Nöte nicht in irgendeinem bestimmten Zeitraum selber überwinden. Es geht vielmehr darum, dass wir so, wie wir sind, zu Christus fliehen und ihn walten lassen. Seine Gegenwart wirkt, seine Liebe befreit uns, und er zieht mit seiner Kraft in uns ein. Er kann uns aus der Welt herausheben, weil in ihm eine andere Wirklichkeit da ist. Die Übung, um die es geht, ist also die des Vertrauens und der Hingabe.

Die sollten wir uns allerdings wirklich vornehmen und ganz konkrete Zeiträume oder Gelegenheiten dafür schaffen. Es hilft, wenn wir immer mal wieder still werden und uns im Gebet auf Christus konzentrieren.

Das haben – neben Paulus – noch unzählige weitere Menschen vor uns genauso getan. Ein berühmtes Beispiel für uns evangelische Christen ist Paul Gerhard. Er hatte ein viel schwereres Leben als wir. Der 30-jährige Krieg tobte, vier seiner fünf Kinder sind gestorben, und seine Frau war schwermütig. Trotzdem gehören seine Lieder zu den schönsten, die wir im Gesangbuch haben, oder vielleicht sogar gerade deshalb. Denn was er formulierte, hat er natürlich selber gelebt, das kam aus tiefstem Herzen und war leiderprobt. Paul Gerhard wollte auch andere dazu einladen, es ihm gleich zu tun, und dichtete in seinem Neujahrslied bewusst: „Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.“ Und sicher hat er nicht nur zu Neujahr, sondern an jedem Morgen gebetet: „Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue; Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.“ (EG 58,1.7)

Und ein anderes berühmtes Beispiel ist Dietrich Bonhoeffer. Er wurde von den Nazis gefangen genommen und eingekerkert. Der Ausgang seiner Haft war unsicher. Eines Tages wusste er aber genau, dass sie ihn hinrichten würden. Er hätte nun verzweifeln können, den Mut, die Hoffnung und den Trost verlieren. Aber das ist nicht geschehen, sondern das Gegenteil ist eingetreten: Er war sich der Gegenwart Christi umso gewisser und hat für seine Lieben noch kurz vor seinem Tod ein Lied gedichtet, das bis heute vielen Menschen Trost gibt. Es endet mit der Strophe: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 65,7)

Lasst auch uns so glauben und die Übung der Geduld und des Vertrauens ganz oben auf die Liste unserer guten Vorsätze stellen.

Amen.

Jesus sehen und umarmen

Predigt über Lukas 2, 25- 35: Der Lobgesang des Simeon
1. Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 2, 25- 35

25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.
26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 den du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.
33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.
34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird
35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Liebe Gemeinde.

Weihnachten war dieses Jahr anders als sonst. Materielle Wünsche sind vermutlich in Erfüllung gegangen, wir haben uns beschenkt und leckere Speisen verzehrt. Aber die Gemeinschaft und das Zusammensein, der leibhaftige Kontakt zur Familie und die Gottesdienste, das alles war sehr eingeschränkt. Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe konnte nicht so erfüllt werden, wie wir uns das zu Weihnachten wünschen. Die Einsamkeit, die viele Menschen oft aushalten müssen, wiegt in diesen Tagen auch noch schwerer als sonst, weil wir uns das Fest eigentlich anders vorstellen. Deshalb herrschte in vielen Häusern wahrscheinlich nicht nur Freude, es hat sich dieses Mal ebenso Traurigkeit und Kummer eingeschlichen.

Und das geht möglicherweise noch weiter, denn die Krise ist noch lange nicht vorbei. Wir müssen weiterhin Abstand zueinander halten, Kontakte reduzieren und dürfen uns nur in kleinen Kreisen treffen. Das alles macht uns langsam müde und mürbe.

Wir müssen deshalb darüber nachdenken, wie wir diese neuen Verhaltensregeln am besten aushalten. Und dafür gibt uns der alte Simeon, von dem wir eben gehört haben, einen wunderbaren Hinweis.

Er hatte auch eine Sehnsucht, die sein ganzes Leben bestimmte. Doch die war nun ganz anders, als unsere Wünsche es normalerweise sind. Er wartete nicht auf Menschen, mit denen er sich wohl fühlte, sondern sein Leben lang hoffte er auf „den Trost Israels“, den Retter, den die Propheten verheißen hatten.

Denn er war ein frommer Mann, der daran glaubte, dass Gott den Messias senden und endgültig in das Weltgeschehen eingreifen wird. Und er ging davon aus, dass er das noch erleben würde, weil ihm das in einer Offenbarung Gottes mitgeteilt worden war.

Vom Geist geleitet kam er dann eines Tages in den Tempel von Jerusalem und traf das Kind Jesus mit seinen Eltern. Simeon erkannte in ihm sofort den Messias. Er nahm ihn zärtlich auf die Arme und erlebte in demselben Augenblick die Erfüllung seiner Sehnsucht und Hoffnung. Er stimmte daraufhin das Gotteslob an und sang ein Lied. Voll Freude pries er das Kind mit einem Hymnus, den wir bis heute singen. Er lautet: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Simeon konnte nun „in Frieden fahren“, denn er hatte das Ziel erreicht, das Gott für ihn vorgesehen hatte. Er war bereit zu sterben, im Bewusstsein des Heils. Er hatte sein Leben nicht nutzlos verbracht, denn er hat den „Heiland“ noch mit seinen eigenen Augen „gesehen“. Simeon pries ihn als denjenigen, der für alle Völker und alle Stämme Israels gekommen ist, um für sie ein Licht zu sein. Es wird sie erleuchten und die Dunkelheit vertreiben.

Simeon konnte nun sein Leben getrost in die Hand Gottes zurücklegen. Seine Seele war ruhig geworden, seine Sehnsucht war gestillt. Das Alter war für ihn die Zeit der Erfüllung, er erlebte am Ende das Schönste, das er sich vorstellen konnte. Mit weniger hatte er sich auch nicht zufrieden gegeben. Er hat nicht auf etwas Vergängliches gesetzt, sondern auf das ewige Heil, das ihm verheißen worden war. Und natürlich hatte das sein Leben geprägt. Das göttliche Licht war von vorne auf seinen Weg gefallen und hat ihm die Richtung gezeigt. Alles andere hatte sich dadurch relativiert. Mit dieser Lebenseinstellung war er auch nie allein gewesen, selbst im hohen Alter nicht. Er war verbunden mit allen Propheten und Heiligen vor ihm, und diese Gemeinschaft vollendete sich nun für ihn. Er wurde ganz dahinein genommen.

Und damit ist er für uns wie gesagt ein sehr schönes Vorbild. Drei Dinge können wir von Simeon lernen.

Zunächst einmal zeigt er uns, auf welche Wünsche es ankommt. Wünsche haben ja immer etwas handlungsanleitendes, sie führen uns in eine bestimmte Richtung und prägen unser Denken. Ob es uns gut oder schlecht geht, hängt immer mit unseren Wünschen zusammen. Das Gelingen unseres Lebens beginnt nicht dann, wenn alles in Erfüllung geht, was wir uns vorstellen, sondern viel früher. Es hat seinen Ursprung in dem, wonach wir verlangen. Es ist also sinnvoll, wenn wir uns das zunächst bewusst machen. Wir warten nämlich normalerweise auf etwas anderes als Simeon. Das ewige Heil ist uns gar nicht so wichtig, wir sehnen uns viel mehr nach irdischem Glück, Wohlstand und Gemeinschaft, Gesundheit und Gemütlichkeit.

Das ist zwar naheliegend und berechtigt, aber dadurch sind die Enttäuschungen bereits vorprogrammiert. Denn das bekommen wir nicht immer, im Gegenteil, es ist ständig brüchig und bedroht. Das merken wir in der Krise besonders. Da erfüllt sich nicht alles, wonach wir uns sehnen. Wir sind deshalb gut beraten, wenn wir unser Wollen und Trachten einmal hinterfragen und es relativieren. Die irdischen und menschlichen Wünsche führen uns nur sehr eingeschränkt ins Glück. Sie bergen sogar ein sehr hohes Potential, uns zu enttäuschen und unglücklich zu machen. Das ist der erste Punkt.

Als zweites können wir uns zusammen mit Simeon nach etwas ganz anderem ausstrecken. Wenn es uns schlecht geht, weil die Welt sich verdüstert, dann ist das noch lange nicht der Untergang der Freude. Die äußere Dunkelheit muss uns nicht verschlingen, denn es gibt ein Licht, das sie vertreiben kann Wir müssen nur in dieses Licht hineinschauen. Es strahlt in dem Kind in der Krippe, dem neugeborenen Jesus, der von Gott zu uns gekommen ist. Und es kann auch in uns leuchten. Wenn es um uns herum dunkel ist, muss sich nicht gleichzeitig unsere Seele verdüstern. Sie kann von dem göttlichen Licht angerührt und erfüllt werden. Wir müssen uns nur dafür bereiten.

Simeon hat das Kind auf seine Arme genommen, er hat es umfangen und festgehalten, und das können auch wir im Geiste tun. Paul Gerhard hat das einmal sehr schön zum Ausdruck gebracht: In dem Lied „Fröhlich soll mein Herz springen“ lautet die Strophe zehn: „Süßes Heil, lass dich umfangen, lass mich dir, meine Zier, unverrückt anhangen. Du bist meines Lebens Leben; nun kann ich mich durch dich wohl zufrieden geben.“ (EG 36,10) So können auch wir beten. Wir müssen die Dunkelheit nicht selber vertreiben, aber Jesus kann das für uns tun. Wir müssen ihn nur anschauen und im Geist umarmen.

Dann wird unsere Seele hell und still. Das ist der dritte Schritt, den wir mit Simeon gehen können. Er war bereit, im „Frieden dahin zu fahren“, nachdem er Jesus begegnet war. Er konnte loslassen und Abschied nehmen. Das Ende seines Lebens, von dem er wusste, dass es bald kommen würde, hat ihn nicht erschreckt. Er war nun bereit zu sterben.

Und das kann auch uns so gehen. Wenn wir mit Jesus verbunden sind und ihn im Herzen tragen, ist der Tod nicht mehr das Schlimmste, was es gibt. Das ist er nur, wenn wir keinen Trost haben, wenn wir uns nicht geborgen wissen und voller Angst sind. Jesus kann uns das alles nehmen. Und so sollte unser Leben auch angelegt sein. Es ist gut, wenn wir schon zu Lebzeiten uns darauf vorbereiten und mit Paul Gerhard sagen: „Ich will dich mit Fleiß bewahren; ich will dir leben hier, dir will ich hinfahren; mit dir will ich endlich schweben voller Freud ohne Zeit dort im andern Leben.“ (EG 36,12)

Wenn wir so leben, dreht sich alles um: Das Alter ist nicht mehr die Zeit der Entbehrung, sondern die Zeit der Erfüllung. Traurigkeit verwandelt sich in Freude, und die Dunkelheit wird vom Licht verschlungen. Danach dürfen wir getrost verlangen. Wenn das unser größter Weihnachtswunsch wird, werden wir nicht enttäuscht. Denn wir geben uns keiner Illusion mehr hin, werden nüchtern und fromm, und eine große Freude zieht in uns ein.

Amen.

Habt Geduld!

Predigt über Jakobus 5, 7- 8: Mahnung zur Geduld

2. Advent, 6.12.2020, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde

Ein verarmter Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus, noch nicht Bischof und Erbe eines größeren Vermögens, erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen. Auf dieser Legende über den heiligen Nikolaus basiert der Brauch, in der Nacht vor dem Nikolaustag Schuhe oder Ähnliches mit Geschenken zu füllen.

Auch soll Nikolaus einmal während einer großen Hungersnot angeordnet haben, in Myra, seinem Heimatort, einen Teil des Kornes von einem Schiff auszuladen, das eigentlich für den Kaiser in Byzanz vorgesehen war. Er wollte in der Not helfen. Und als das Schiff in der Hauptstadt ankam, hatte sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert. Das in Myra entnommene Korn aber reichte volle zwei Jahre und darüber hinaus noch für die Aussaat. Das ist eine weitere der vielen Legenden über Nikolaus von Myra.

Historisch belegt sind diese Geschichten nicht. Wir wissen nur, dass der Heilige Nikolaus im 4. Jahrhundert nach Christus lebte und erst Priester und später Bischof in Myra wurde. Das lag in der kleinasiatischen Region Lykien und war damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs. Heute gehört es zur Türkei. Sein ererbtes Vermögen verteilte er unter den Notleidenden. Er war also ein Helfer der Armen und ein Geschenkebringer. Dafür wird er bis heute nicht nur in der Ostkirche, sondern in allen Konfessionen verehrt. Auch bei uns.

Und das geschieht zu Recht, denn damit tat er genau das, was im Neuen Testament an vielen Stellen steht und den christlichen Lebenswandel prägen soll. Jesus hat das betont, und auch in den Briefen der Apostel kommt es oft vor. So auch bei Jakobus, dessen Brief etliche Ermahnungen zum rechten Handeln enthält. Er betont, dass die guten Werke auf jeden Fall zum Glauben dazu gehören. Die Reichen warnt er besonders, nicht nur an sich selber zu denken. Er erinnert sie mehrfach daran, dass Gold und Silber vergeht. Die Armen dagegen sind in seinen Augen die Heiligen und Erwählten. Denn sie sind viel weniger in Gefahr, den materiellen Dingen oder der Gier zu verfallen. Und das ist ihm wichtig, denn was die Christen erfüllt, soll nicht die Welt sein, sondern das „Kommen des Herrn“. So kann die wirtschaftliche Notsituation sogar eine Chance sein, sich auf das kommende Heil zu freuen. Darauf sollen die Christen jedenfalls geduldig warten. So steht es in dem Abschnitt, der heute unser Predigttext ist. Er lautet folgendermaßen:

Jakobus 5, 7- 8

7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Jakobus will mit diesen Worten die Christen trösten und ermahnen. Er erinnert sie deshalb zunächst an das „Erscheinen des Herrn“. Damit meint er die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit, wie sie an vielen Stellen im Neuen Testament angekündigt wird. Er veranschaulicht das mit dem Vergleich vom Bauern, der geduldig während des Regens die Früchte seines Feldes erwartet und dabei die Sorge um den Ernteertrag Gott überlässt. Er kann das Wachsen und Reifen der Früchte nicht beschleunigen, sondern nur mit Geduld erwarten. Gott bestimmt die Zeit und schickt den Regen, den die Felder brauchen. Darauf muss er vertrauen.

Und entsprechendes gilt für die Christen. Auch sie sollen die Geduld nicht verlieren und einen langen Atem behalten. Das Erscheinen Christi ist nahe, er steht praktisch vor der Tür. Es gilt also, langmütig zu sein und zu warten. Sie sollen unter ihrem Schicksal glaubensvoll aushalten, sich in Geduld üben und ihre „Herzen stärken“. Auch in Anfechtung und Zweifeln gilt es festzubleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.

Und das musste auch der Heilige Nikolaus tun, denn während der Christenverfolgung im Jahr 310 wurde er gefangen genommen und gefoltert. Das wird in den Legenden kaum erwähnt. Es ist aber wichtig, um zu verstehen, was ihn ausmachte. Denn es zeigt, dass seine Gesinnung nicht von den Freuden der Welt geprägt war, sondern von Glauben und Vertrauen. Das gab ihm Kraft. Die Nähe Christi erfüllte sein Denken und Handeln. Er hatte die Geduld der Liebe, hielt sich offen für Christus, war wachsam und bereit zu handeln, wo es nötig war. Er ließ sich von den Notsituationen, von denen er erfuhr, nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil, mit großer Leidenschaft ging er darauf ein, war barmherzig und vermittelte den Menschen die Langmut Gottes. Und damit ist er ein gutes Beispiel dafür, wie unser christliches Leben gedacht ist.

Doch was heißt das nun konkret für uns heute und für unsere Lebensführung? Lasst uns das als erstes fragen. Mit der Geduld haben wir ja häufig so unsere Schwierigkeiten. Wir warten nicht gerne. Wir sind vielmehr oft ungeduldig, wenn etwas nicht so schnell geht, wie wir es gern hätten. Wir machen uns Sorgen und würden vieles gerne beschleunigen. Am liebsten wollen wir, dass das Gute sofort geschieht. Wir verlangen nach Glück, das sich am besten hier und jetzt einfinden möge. Ohne es zu merken, zwingen wir dabei anderen unsere Erwartungen auf und versuchen die Dinge selber zu regeln.

Doch natürlich gelingt das nicht immer. Es gibt eine Menge Schwierigkeiten, die sich nicht so leicht ändern lassen, Schicksalsschläge, Krisen und Krankheiten, die wir nicht abschaffen können. Angesichts vieler Nöte sind wir machtlos, und das verursacht dann Ärger oder Schwermut. Wir bekommen schlechte Laune. Frustration stellt sich ein, Groll und Wut. Wir hadern mit unserem Schicksal, und unser Geist verdüstert sich.

Und genau dagegen richtet sich die Ermahnung zur Geduld. Sie wäre genau das Gegenteil, denn sie beinhaltet, dass wir das, was uns nicht gefällt, aushalten, es ertragen und „Ja“ dazu sagen. Wir sollen ruhig bleiben, still werden und nicht alles selber machen. Es gilt, den Eigenwillen und die Autonomie aufzugeben und uns im Vertrauen zu üben. Gleichmut und Toleranz, Gelassenheit und Ausdauer sind die Verhaltensweisen, die uns hier vorgeschlagen werden.

Aber wollen wir das? Das ist die nächste Frage, die wir haben. Diese Vorgehensweise klingt in unseren Ohren leicht wie Ergebung und Unterwerfung. Schnell stellen wir uns darunter vor, dass alle Leidenschaft zum Erliegen kommt, keine Begeisterung mehr da ist, Träume aufhören, und Resignation sich breit macht. Passivität und Müdigkeit kehren ein, das ist unsere Sorge.

Doch so ist die Aufforderung zur Geduld im Neuen Testament an keiner Stelle gemeint. Im Gegenteil, sie ist etwas Aktives, der „lange Atem der Leidenschaft“, wie Jüngel es einmal formuliert hat. Sie weitet unseren Horizont und hält Durststrecken aus. Sie macht weitsichtig und gelassen. Auch Geduld ist ein Handeln, denn wir entscheiden uns bewusst für einen anderen Umgang mit der Realität, als wie ihn meistens pflegen.

Und dabei geht es nicht nur um eine bestimmte Verhaltensweise oder Tugend. Im Neuen Testament hängt die Ermahnung zur Geduld vielmehr immer mit dem Hinweis auf die Nähe und das Kommen Christi zusammen. So ist es auch in unserem Briefabschnitt. Jakobus begründet seine Aufforderung nicht umsonst mit dem Satz „denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ Dafür sollen wir still werden.

Und das heißt, wir sollen nicht einfach nur geduldig ins Leere blicken oder langsam einschlafen, sondern auf Christus schauen und ihn erwarten. Die göttliche Wirklichkeit ist schon da, und sie relativiert alles andere. Anstatt uns in der Welt zu verlieren und uns zermürben zu lassen, lohnt es sich viel mehr, wenn wir uns nach ihm ausstrecken. Die Probleme und Nöte verblassen dann. Deshalb ist es gut, wenn wir unsere Angelegenheiten einmal ruhen lassen und stattdessen beten, zu Christus rufen und uns seiner Gegenwart aussetzen. Wir können das auch gemeinsam tun, indem wir in der Kirche oder zu Hause zusammenkommen, an ihn denken und mit ihm rechnen.

Dann werden unsere „Herzen gefestigt“. Wir bekommen neue Kraft und werden von innen her heil. Wir wissen uns geborgen und geliebt. Und das ist viel besser, als alle eigene Anstrengung. Denn jedes Gedrängel und Gezerre macht uns kurzatmig, es ist ermüdend und kräfteraubend. Die Geduld und das Warten auf Christus machen uns dagegen langatmig und gesund.

Trotzdem gibt es noch eine dritte Frage, und die lautet, ob so eine Lebensführung letzten Endes nicht egoistisch ist. Es mag uns selber dabei vielleicht gut gehen, aber wo bleiben die anderen? Ist das nicht viel zu innerlich? Dreht sich nicht alles nur noch um unser eigenes Seelenheil?

Diese Vermutung liegt zwar nahe, aber sie trifft nicht zu. Denn wenn wir wirklich auf Christus schauen, werden wir auch von seinem Geist erfüllt. Wir verlieren unser Selbstbezogenheit, werden uns selber im guten Sinne los. Und damit rücken die anderen ganz von alleine ins Blickfeld. Wir werden frei und offen, wachsam und bereit zu handeln. Nicht Gleichgültigkeit ist die Folge, sondern Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ganz von selber wenden wir uns unseren Nächsten zu. Wir werden barmherzig und können den Menschen den langen Atem Gottes offenbaren. Die Geduld, die wir einüben, ist die Geduld der Liebe. So war es bei Jesus und allen Aposteln und Heiligen. Die Legenden über Nikolaus machen das sehr schön deutlich. Es gibt noch weitere, als die, die ich eingangs erwähnte.

So riefen einmal in Seenot geratene Schiffsleute in ihrer gefährlichen Lage den heiligen Nikolaus an. Ihnen erschien ein mit Wunderkräften ausgestatteter Mann und übernahm die Navigation, setzte die Segel richtig und brachte sogar den Sturm zum Abflauen. Daraufhin verschwand der Mann wieder. Als die Seeleute in der Kirche von Myra zum Dank für ihre Rettung beteten, erkannten sie den Heiligen und dankten ihm.

Und eine letzte schöne Geschichte erzählt, wie Nikolaus einmal drei oströmische Feldherren kennen lernte, die er zu sich nach Myra einlud. Sie wurden Zeugen, wie der Bischof drei unschuldig zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrte, indem er dem Scharfrichter das Schwert aus der Hand riss. Zurück in Byzanz wurden die drei Feldherren Opfer einer Intrige und selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker erbaten sie die Hilfe des heiligen Nikolaus, der daraufhin dem Kaiser und dem Intriganten im Traum erschien. Zutiefst erschrocken veranlasste der Kaiser die unverzügliche Freilassung der Feldherren.

Und das alles konnte Nikolaus, weil er von Christus erfüllt war und geduldig auf ihn wartete. Sein „Herz war fest“ geworden, und deshalb wurde er auch für seine Mitmenschen zum Segen.

Amen.

Die Legenden und Daten über Nikolaus vn Myra sind dem Artikel bei Wikipedia entnommen: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Myra

Lasst euch nicht verhärten

Predigt über 1. Timotheus 2, 1- 4: Das Gemeindegebet

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, Volkstrauertag, 15.11.2020
Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“ Das schrieb der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann 1968 seinem Freund Peter Huchel, der in der DDR vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht und isoliert wurde. Biermann hat daraus ein ganzes Gedicht gemacht, das den Titel „Ermutigung“ trägt. Er hat es noch im gleichen Jahr veröffentlicht und eine Melodie dazu komponiert. Diese Liedvertonung wurde sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik populär und gehört zu den bekanntesten Liedern Wolf Biermanns. Der Dichter warnt darin ein Gegenüber, trotz der herrschenden Zustände nicht zu „verhärten“ und zu „verbittern“. Dafür hätte er ebenfalls viele Gründe gehabt, denn er war mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Das war schlimm für einen Künstler, er drohte zu resignieren. Aber das wollte er nicht. Er hat auch sich selber mit diesem Lied ermutigt und seine positive Grundhaltung nicht aufgegeben. Das wird besonders an der letzten Strophe deutlich, in der er mit dem optimistischen Bild eines kommenden Frühlings Trost verheißt. Es ist deshalb kein Wunder, dass das Lied auch Eingang in das Gesangsgut kirchlicher Kreise fand.

Doch wie kann das nun gelingen, dass wir uns nicht „verhärten, verbittern und erschrecken“ lassen, ganz gleich wie „hart“, oder „bitter“ oder „schrecklich“ die Zeiten sind? Eine einfache Ermahnung reicht da doch nicht. Wir brauchen noch konkretere Vorschläge und Strategien. Und die gibt es auch. So enthält unser Predigttext von heute einen guten Entwurf, wie wir zu einem friedlichen und positiven Lebensgefühl kommen können. Er steht im ersten Brief des Paulus an Timotheus und lautet:

1. Timotheus 2, 1- 4

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Paulus schrieb das an seinen Freund und Schüler Timotheus, als er selber in Rom in Gefangenschaft war. Ihm war vorgeworfen worden, dass er gegen das Gesetz und die vorherrschenden religiösen Überzeugungen agiert hatte. Er hatte ja sowohl die jüdische Lehre als auch die römischen Götter hinterfragt und das Volk damit in Unruhe versetzt. Er galt als Aufrührer und saß deshalb in Untersuchungshaft. Und die Einkerkerung war sehr streng: Er lag in Fesseln wie ein Verbrecher. Eine erste Gerichtsverhandlung lag hinter ihm. Sie war zwar günstig verlaufen, aber Paulus war skeptisch, dass der Prozess positiv ausgehen würde. Eine Hinrichtung war durchaus realistisch, darüber war Paulus sich im Klaren. Und genauso ist es dann ja auch gekommen.

Timotheus war nun einer seiner engsten Gefährten und hatte in der jungen Kirche in Kleinasien bereits eine verantwortliche Führerstellung als Vertreter des Apostels inne. So hat er nach dem Martyrium des Paulus dessen Werk auch fortgesetzt. Aus den Quellen kann man schließen, dass er wahrscheinlich zum ersten Bischof von Ephesus wurde.

Mit den Briefen an ihn wollte Paulus ihm wohl sein Lebenswerk als Vermächtnis übergeben. Besonders der erste hat den Charakter eines amtlichen Schreibens. Es beginnt mit einigen grundsätzlichen theologischen Klarstellungen und enthält ab dem zweiten Kapitel eine Gemeindeordnung. Und die beginnt mit der Anweisung von „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung“ im Gottesdienst. Damit beschreibt Paulus das gesamte christliche Gebet, das er als Einheit versteht. Und es soll allen Menschen gelten, ohne Ausnahme, ganz im Sinne der Liebesgesinnung Jesu. So soll es auch für die Kaiser und hohen Beamten erfolgen, also für die heidnische Obrigkeit, die römische Regierung und Verwaltung. Paulus begründet das damit, dass dann das Gemeindeleben gedeihen kann. Er vertraut also darauf, dass Gott die christliche Gemeinde bei der Lenkung der Weltgeschichte berücksichtigen wird, so dass sie Frieden haben und halten kann. Er glaubt daran, dass Gott der Beschützer der gesamten Menschheit ist, und sein Heilsplan alle umfasst. Hinter seiner Missionstätigkeit hatte ja auch die Überzeugung gestanden, dass alle Menschen vom Evangelium erfahren sollten, damit sie gerettet werden. Er wollte sie zur „Anerkennung der Wahrheit“ führen und sie bekehren.

Dafür hat er gelebt und dafür ist er gestorben. Er hat sich also durch nichts „verhärten“ lassen, war unerschrocken, wurde nicht bitter und hat nicht geschwiegen. Möglich wurde ihm das durch seinen Glauben an Gottes Allmacht und die umfassende Wirkung des Gebetes. Das war seine Strategie für ein friedliches und positives Lebensgefühl.  

Und das kann auch uns helfen. Einfach sind die Zeiten, in denen wir gerade leben, ja ebenfalls nicht. Sie sind zwar noch lange nicht so schlimm, wie während der DDR-Diktatur, geschweige denn unter der Herrschaft der Römer, aber vielen Menschen geht es gerade nicht gut. Sie können dem, was die Regierung jetzt in der Corona-Krise beschließt und verordnet, nur schwer vertrauen. Den einen ist es zu wenig, den anderen geht es zu weit. Es ist alles sehr ungewohnt, schränkt uns ein, macht uns nervös und dünnhäutig. Die einen haben dabei Angst vor der Ansteckung mit dem Virus, die anderen vor der Macht der Regierenden, und wieder andere haben Angst vor der Angst, die sich gerade überall verbreitet. Es liegt nahe, dass wir die Politiker und Politikerinnen deshalb verurteilen, ihnen alles Mögliche unterstellen und spekulieren, was sie vielleicht antreibt, ohne dass wir davon etwas erfahren. In vielen Köpfen sprießen gerade Verschwörungstheorien.

Vielleicht hilft das denjenigen, die daran glauben und ihre Hypothesen in die Welt setzen. Sie verharmlosen damit die Gefährlichkeit des Virus, schaffen sich eine andere Realität und fühlen sich sicher. Das mag eventuell eine Hilfe sein, eine optimistische Grundhaltung verbirgt sich dahinter aber nicht. Im Gegenteil: Es entsteht ein sehr düsteres Weltbild, negative Gedanken und Gefühle drängen sich in den Vordergrund, die Aggressivität wächst, und es wird Unfriede gesät. Und das kann nicht gut gehen. Niemandem ist damit geholfen, dass wir hart werden. Es führt vielmehr irgendwann zum Zusammenbruch, so wie Wolf Biermann es formuliert hat: „Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich.“

Und genau das haben wir als Christen nicht nötig. Im Gegenteil, unser Glaube ist immer friedlich ausgerichtet, er führt zur Versöhnung und zur Liebe, zur Hoffnung und zur Zuversicht. Und um das zu gewinnen, ist es in der Tat gut, für die „Obrigkeit“, d.h. für die Regierenden zu beten, und zwar mit „Bitte und Danksagung“. Gemäß den Anordnungen von Paulus kommt das ja auch fast in jedem Fürbittgebet und damit in jedem Gottesdienst vor.

Die Frage ist allerdings, ob wir überhaupt daran glauben, dass Gott es erhört und dass es etwas bewirkt. Ganz so überzeugt wie Paulus sind wir davon wahrscheinlich nicht. Wir machen zu oft die Erfahrung, dass Gott nicht so handelt, wie wir uns das wünschen. Sonntag für Sonntag oder sogar jeden Tag beten wir für Frieden und Gerechtigkeit, aber sie scheinen sehr fern zu sein, jedenfalls in vielen Teilen der Welt. Hat Gott sich nicht längst verabschiedet und die Menschen sich selbst überlassen, ganz gleich, wieviel wir beten? Diese Gedanken kennen wir sicher alle. Sie liegen angesichts so vieler Konflikte in der Menschheit ja auch nahe und fallen uns in dieser Krise bestimmt wieder ein.

Doch sie sollten uns nicht davon abhalten, trotzdem Fürbitte für alle Menschen zu halten. Das bewirkt nämlich noch an einer ganz anderen Stelle etwas: Es prägt auf jeden Fall unser Bewusstsein und unsere Seele, und zwar in mehrfacher Weise.

Zunächst einmal ändert sich unsere Einstellung zu den Regierenden, denn wir sehen die Politiker und Politikerinnen als unsere Mitmenschen, die genauso viel göttlichen Beistand brauchen wie alle anderen. Was sie beschließen, kann nur menschlich und damit unzulänglich sein. Sie wissen vieles auch nicht besser als wir. Sie haben möglicherweise etwas mehr Macht, aber die ist in der Regel begrenzt. Wir dürfen das Handeln der Regierenden deshalb nicht überbewerten, sondern können es ruhig relativieren.

Denn die letzte Macht hat Gott, daran sollen wir glauben. Er lenkt nach wie vor unsere Geschicke. Er ist der Herr der Welt, und es gilt, auf ihn zu schauen. Mit dem Gebet tun wir das. Wir richten unser Bewusstsein auf den, der größer ist als alle anderen, der die Welt geschaffen hat und auch erhalten will. Wir setzen unser Vertrauen auf seine Gegenwart und Kraft. Denn er ist bei uns, ganz gleich, wie es um uns steht.

Paulus ist für diesen Glauben ein wunderbares Beispiel. Er hat sich nicht erschüttern lassen, die Machthaber haben ihm seinen Glauben nicht austreiben können. Es ist, als ob er befolgt hat, was Wolf Biermann so formuliert: „Du, lass dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das woll‘n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken schon vor dem großen Streit.“ Selbst angesichts des Todes hat Paulus genau das nicht getan, „die Waffen gestreckt“: Er hat seinen Glauben nicht aufgegeben, sondern seine Zuversicht behalten. Und er hat wie Jesus für seine Feinde gebetet. Er war von einem tiefen Frieden und von Ruhe erfüllt.

Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir auf Gott vertrauen und am Gebet festhalten, werden unser Bewusstsein und unsere Seele erhellt, und wir beruhigen uns. Angst und düstere Gedanken weichen, wir werden frei und klar. Der Heilige Geist kann Einzug halten, und Frieden wird möglich. Die finsteren Mächte können uns nichts anhaben, weil wir geschützt sind.

Und das ist in der Zeit, in der wir gerade leben, das wichtigste. Damit kommen wir am besten durch die Krise. Es ist gut, wenn wir der Stimme Wolf Biermanns folgen, der uns zuruft: „Du, lass dich nicht verbrauchen. Gebrauche deine Zeit. Du kannst nicht untertauchen. Du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.“

Und natürlich wird die Krise auch irgendwann zu Ende sein. Alle Pandemien waren irgendwann vorbei, genauso wie alle Kriege in der Geschichte wieder aufgehört haben, und alle Tyrannen eines Tages gestürzt wurden oder starben. Es hat manchmal lange gedauert, aber am Ende haben sich die konstruktiven Kräfte durchgesetzt. Es war, wie Wolf Biermann am Schluss seines Liedes sagt: „Das Grün ist aus den Zweigen gebrochen.“ Und wer weiß, vielleicht lag es genau daran, dass es immer Menschen gab, die für die „Obrigkeit“ gebetet haben.

Amen.

„Ermutigung“

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

Du, lass dich nicht verbittern
In dieser bitt’ren Zeit
Die Herrschenden erzittern
Sitzt du erst hinter Gittern
Doch nicht vor deinem Leid
Auch nicht vor deinem Leid

Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll’n sie doch bezwecken
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Schon vor dem großen Streit

Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Grad deine Heiterkeit

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid.

Text und Melodie: Wolf Biermann 1968