Gott ist parteilich

Predigt über Matthäus 20, 1- 16: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae, 9.2.2020,
Lutherkirche Kiel

Matthäus 20, 1-16

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Liebe Gemeinde.

„Damit das Reich Gottes verwirklicht werden kann, müssen jene an diesem Reich teilhaben, die ganz weltlich des Lebens in seinen verschiedenen Formen beraubt worden sind: die Armen und Unterdrückten. Daher ist die Verkündigung Jesu parteilich, und der Gott des Lebens zeigt sich parteilich für die des Lebens beraubten […] Jesus verkündigt das Reich Gottes den Armen, verkündigt das Leben jenen, die es am wenigsten haben.“ (Bruno Kern, Theologie der Befreiung, Tübingen und Basel, 2013, S. 39)

So formuliert Jon Sobrino, ein spanischer Jesuit, der zu den sogenannten Befreiungstheologen gehört. Er lebt in El Salvador und ist Professor der Theologie. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er erforscht und herausgearbeitet hat, wie das Leben und die Verkündigung Jesu Christi die Gesellschaft prägen können. Nachfolge bedeutet für ihn ganz praktisch das Engagement für die Befreiung der Unterdrückten.

Und damit ist er nicht allein. Für alle Befreiungstheologen ist die Person Jesu Christi der Prüfstein für ihre Denkwege, und sie haben herausgestellt, dass Jesus und die Botschaft vom Reich Gottes unauflöslich zusammengehören. (s.o. S. 128)

Was das Reich Gottes dabei bedeutet, kann man an seinem Handeln und auch an seinen Gleichnissen erkennen. Eins davon haben wir vorhin gehört. Es ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Jesus wählt für seine Geschichte wie immer eine Situation aus dem Alltagsleben der Menschen und erzählt von einem Weinbergbesitzer: Der brauchte Arbeiter, möglicherweise für die Ernte, und so ging er früh am Morgen aus, um sie zu suchen. Sie standen auf dem Marktplatz in der nächsten Ortschaft und warteten ihrerseits auf eine Anstellung. Es war damals üblich, dass Menschen für einen Tag bei jemandem arbeiteten und am Morgen für eine Anstellung zur Verfügung standen. Die Arbeitszeit dauerte normaler Weise von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Was den Lohn betraf, so verabredete man morgens die Höhe, und am Abend wurde man ausbezahlt.

Bis dahin ist hier also alles ganz normal. Der Weinbergbesitzer schlägt auch den damals üblichen Tageslohn vor, einen Silbergroschen nämlich. Das war zwar nicht viel, aber wenn man sonst kein Einkommen hatte, lohnte es sich durchaus, dafür einen Tag lang zu schuften. So fand der Gutsbesitzer also welche, die auf seinem Weinberg für den verabredeten Lohn arbeiten wollten.

Doch dann tat er etwas Ungewöhnliches. Drei Stunden später ging er nämlich noch einmal los, um Arbeiter einzustellen. Offensichtlich reichten die Kräfte nicht aus, um das, was getan werden musste, zu bewältigen. Interessanter Weise wird aber beim zweiten Mal die Höhe des Lohnes nicht erwähnt. Der Herr will ihnen „geben, was recht ist“, heißt es nur. Das weckt natürlich die Erwartung, dass sie entsprechend ihrer kürzeren Arbeitszeit auch weniger Geld bekommen, aber das wird bewusst so nicht gesagt. Es soll in der Schwebe bleiben, denn genau darum geht es am Ende bei der Pointe der Geschichte.

Vorher wiederholt sich der Vorgang allerdings noch dreimal im Dreistundentakt. Sogar kurz vor Sonnenuntergang werden abermals Arbeiter eingestellt.

Dann ist es Abend und es kommt zur Auszahlung. Und nun wird es spannend und interessant. Was hat der Weinbergbesitzer vor? Wie wird er die Arbeiter belohnen? Das fragt sich jeder, der die Geschichte bis dahin gehört hat. Und so ist sie auch aufgebaut. Dabei sind gerade die letzten Arbeiter, die nur eine Stunde gearbeitet haben, erzählerisch wichtig, denn um die geht es, und um die ersten. Diese beiden Gruppen kommen deshalb nun ins Blickfeld. Und zwar fängt der Hausherr mit der Lohnauszahlung bewusst bei den Letzten an. Die Ersten sollen nämlich mitkriegen, was er tut. Sie sollen zu Zeugen der Belohnung werden. Denn nun geschieht das Auffällige, die Arbeiter erhalten alle gleich viel, und zwar den vollen Tageslohn. Der Weinbergbesitzer kümmert sich nicht darum, wie lange die Einzelnen gearbeitet haben, er gibt jedem einen Silbergroschen. Und das ist natürlich eine Provokation, denn er ergreift eindeutig Partei für die Letzten. Prompt ruft dieses Verhalten den Missmut der Ersten hervor. Sie finden das ungerecht und beschweren sich. „Sie murrten gegen den Hausherrn“, wie es heißt. Sie hatten den ganzen Tag in der Hitze geschuftet, und nun sollen sie genauso bezahlt werden, wie die, die erst am Abend angefangen haben? Das ist ihr verständlicher Vorwurf.

Und darauf bekommen sie auch eine Antwort. Der Hausherr erklärt ihnen sein Handeln, und zwar mit zwei Argumenten. Er beruft sich einmal auf das Recht, das er ja nicht verletzt hat. Niemand bekommt weniger als vereinbart, kein Vertrag wurde gebrochen, keiner wurde ausgenutzt oder betrogen. Das ist das eine Argument. Es bezieht sich auf die Ersten. Und das andere ist seine Güte und Großzügigkeit, die er gegenüber den Letzten geltend macht. Er unterbricht also den reinen Lohngedanken, er geht nicht nur nach der Leistung, sondern er sieht die Menschen und ihre Bedürftigkeit. Menschlichkeit leitet diesen Herrn, und er bittet die Murrenden um Verständnis. Die Ersten sollen sich doch lieber mit den Letzten freuen, anstatt sich zu beschweren, denn auch sie haben bekommen, was sie zum Überleben brauchen.

Das ist das Gleichnis, und damit sagt Jesus etwas über sein eigenes Denken und Handeln und über sein Gottesbild. Mit dem Hausherrn ist nämlich Gott gemeint, und die Arbeiter sind diejenigen, die sich zu ihm bekennen, ihm dienen und an ihn glauben. Es geht dabei um die Frage, wer „am Reich Gottes teilhat“.

Zu diesem Thema sagt Jesus, dass bei Gott etwas anderes zählt, als Leistung und Lohn. Er ist gütig und großzügig. Er rechnet nicht nach, wieviel einer für ihn tut, sondern er behandelt jeden gleich. Denn Gott kalkuliert nicht, sondern er liebt. Und diese Liebe kennt keine Grenzen, sie wird nicht aufgeteilt oder portioniert, sondern sie gilt jedem ganz und gar. Sie wird auch ganz frei gewährt, denn Gott ist nicht der Geschäftsführer der Welt, sondern ihr Schöpfer und ihr Besitzer. Gott lässt sich deshalb von unseren menschlichen Vorstellungen und Erwartungen nicht einengen. Er ist nicht kleinlich oder knauserig. Und so haben gerade die Benachteiligten und die Armen, die Sünder und die Schwachen bei Gott immer eine Chance. Gott stellt sich auf ihre Seite.

Doch wollen wir das hören? Weckt das nicht eine gewisse Empörung? Es ist ja nicht ganz gerecht, was der Hausherr tut, und wirkt sehr willkürlich. Es gefällt uns nicht, dass Gott hier als parteilich dargestellt wird. Sollte er nicht lieber neutral bleiben und sich auch zu denen bekennen, die zuerst da waren? Ein nachvollziehbares Lohndenken, Rücksichtnahme und Respekt gegenüber den Belangen aller liegt uns näher, es entspricht eher unserem Gerechtigkeitsempfinden. Auch wir fühlen uns durch das Handeln des Weinbergbesitzers provoziert und müssen uns fragen, wie wir damit umgehen wollen. Und das können wir gut in drei Schritten tun.

Zunächst einmal ist es ratsam, wenn wir erkennen, wo unsere Empörung herkommt. Was steckt dahinter? Ist es wirklich nur ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl? Wenn wir ehrlich sind, ist es noch mehr. Es ist uns nämlich wichtig, Geld zu verdienen und einen gewissen Wohlstand zu erreichen. Wenn wir ihn uns selber erarbeitet haben, sind wir stolz. Es dauert auch lange, bis wir wirklich zufrieden sind und genug haben. Wenn wir sehen, dass es anderen besser geht, beschleicht uns deshalb gerne einmal der Neid. Wir „murren“ gelegentlich und finden, dass es nicht ganz gerecht in unserer Gesellschaft zugeht.

Genau das wird in unserem Gleichnis hinterfragt. Es deckt den heimlichen Neid, die Unzufriedenheit und das materialistische Denken auf. Und es ist gut, wenn wir zugeben, dass wir davon nicht frei sind, sondern ihm immer wieder verfallen. Das ist der erste Schritt.

Als zweites gilt es die Werte zu beachten, die hier im Mittelpunkt stehen. Es sind andere als Geld oder Lohn, und wir werden eingeladen, uns damit anzufreunden. In dem Lied, das wir eben gesungen haben, klang das schon an. Es beginnt mit dem Bekenntnis: „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut.“ (EG 352,1) Um diesen Segen sollten wir uns deshalb kümmern – er ist viel wichtiger als Reichtum oder Wohlstand – und uns von dem Irrtum verabschieden, Geld und Güter seien alles, was wir zum Glück und zur Lebensfreude brauchen. Wir müssen nicht zu den materiell Reichen gehören, denn es gibt wunderbare Dinge, die nicht zu kaufen aber sehr wertvoll sind. Sie werden uns einfach so geschenkt, wir nur müssen sie nur beachten und empfangen. Es gibt dazu ein schönes Gedicht von dem deutschen Schriftsteller Mischa Mleinek. Es trägt den Titel: „Leider unerschwinglich“ und lautet folgendermaßen:

„Sie träumen und glauben und denken,
dass Geld-Haben alles wär.
Sie würden uns gerne den Himmel schenken
und haben ihn selbst nicht mehr.
Sie meinen, sie hätten schon alles,
weil jeder so leicht vergisst:
Da ist manches Wunderbare auf der Erde,
das als Ware leider unerschwinglich ist.
Kauf dir das Lied, das die Nachtigall singt!
Kauf dir, dass einer dich mag!
Kauf dir, dass am Straßenrand ein Vagabund dir winkt –
kauf dir das Lachen vom vergang’nen Tag!
Kauf dir das Raunen des Grases im Wind –
kauf dir ein zärtliches ,Du‘ –
kauf dir, wenn einmal das Leben verrinnt, eine Sekunde dazu! Kauf dir das Lied, das die Nachtigall singt –
Liebe, die treu zu dir hält.
Kauf dir das Glück, das nur Zweisamkeit bringt –
Keiner auf der Welt hat so viel Geld!“

In diesem Gedicht kommt Jesus zwar nicht vor, aber es gibt mit Sicherheit wieder, wie auch er gedacht hat. Es enthält seinen Geist, und der kann auch unser Denken erfüllen. Denn Jesus lädt uns ein, die Liebe an erste Stelle zu setzen, die Mitmenschlichkeit und Genügsamkeit.

Und das ist drittens ein sehr wohltuender und heilsamer Vorgang. Wir profitieren davon viel mehr, als von allem anderen, denn oft sind wir selber „die des Lebens beraubten“, arm und unterdrückt. Auch wenn uns keine Geldsorgen plagen, kann es sein, dass wir bedürftig sind. Denn es gibt unzählige andere Defizite, die das Leben beeinträchtigen. Sie können durch Enttäuschungen oder Verletzungen im zwischenmenschlichen Bereich entstehen, durch Tod oder Missbrauch, Verlust und Trauer. Auch unsere eigenen Fehler und Schwächen machen uns gelegentlich das Leben schwer, zerstören Träume, setzen uns Grenzen und belasten uns. Kein Leben verläuft ohne Niederlagen.

Mit dem Gleichnis will Jesus uns daraus einen Ausweg zeigen. Er weist uns auf die liebende Macht Gottes hin, die uns aus all dem befreit. Denn Gott erwartet nichts von uns, wir können jederzeit kommen und an seiner vollen Gnade teilhaben. Denn der „Gott des Lebens zeigt sich parteilich für die des Lebens beraubten […] Jesus verkündigt das Reich Gottes den Armen, verkündigt das Leben jenen, die es am wenigsten haben.“

Dieser Grundsatz der Befreiungstheologen wird ja gern als zu politisch, zu links und zu weltlich kritisiert. Der Vorwurf lautet: Gott ist größer als die Welt, wir glauben an die Ewigkeit und müssen uns um unser Seelenheil kümmern. All das droht in der Befreiungstheologie verloren zu gehen. Aber das muss nicht sein, denn beides gehört zusammen. Wenn wir in uns erfahren, dass Gott auf unserer Seite steht, ergreifen auch wir Partei. Wir wenden uns ganz von selber den Armen zu, engagieren uns für die Befreiung der Unterdrückten, und das Reich Gottes wird jetzt schon Wirklichkeit.

Amen.

Bekennt euch zu Gott

Predigt über Jeremia 14, 1- 9: Das Gebet des Volkes

2. Sonntag nach Epiphanias, 19.1.2020

Jeremia 14, 1- 9

1 Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre:
2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte sind verschmachtet. Sie sitzen trauernd auf der Erde, und in Jerusalem ist lautes Klagen.
3 Die Großen schicken ihre Leute nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.
4 Die Erde lechzt, weil es nicht regnet auf Erden. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.
5 Ja, auch die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.
6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.
7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.
8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
9 Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Liebe Gemeinde.

Es war in Palästina keine seltene Erscheinung, dass Dürre und Hungersnot das Land beherrschten. Wenn die Frühregen im Spätherbst zu wenig Wasser enthielten, und die Spätregen im Frühjahr ausblieben, waren Land und Volk fürs nächste Jahr großer Trockenheit und schwerer Missernte ausgesetzt. Bald waren die angesammelten Zisternenwasser ausgeschöpft, auch die Quellen vertrockneten allmählich, und die Vorräte an Brot und getrockneten Früchten waren irgendwann verbraucht. Die Menschen verzweifelten.

So eine allgemeine Not infolge eingetretener Dürre schildert der Prophet Jeremia in der alttestamentlichen Lesung für diesen Sonntag. Und das kennen wir auch aus heutiger Zeit. Bei uns ist es zu unseren Lebzeiten zwar noch nie ganz so schlimm gewesen, aber regelmäßig gehen Bilder um die Welt, die aus anderen Gegenden genau dasselbe zeigen. Wir werden dann zum Spenden und Helfen aufgefordert, und diesen Aufrufen folgen zum Glück auch viele Menschen.

Aber wäre es nicht viel besser, wenn es das alles gar nicht mehr gäbe, wenn Dürre und Hungersnot für immer beendet würden? Das Volk Israel wünschte sich das und griff deshalb auf seinen Glauben zurück. Sie riefen zu Gott und beteten.

Das ist der Inhalt des Abschnittes aus dem Buch des Propheten Jeremia, den wir vorhin gehört haben. Er ist heute unser Predigttext

Wir wissen zwar nicht, in welcher Zeit die geschilderte Hungersnot das Land beherrschte, es wird jedoch angenommen, dass wir sie uns in den ersten Jahren der Wirksamkeit des jungen Propheten zu denken haben, also noch vor der Zerstörung Jerusalems und der Eroberung des Landes durch Nebukadnezar, dem König von Babylonien. Es gab das Volk Juda noch, und eigentlich lebten sie ganz gut in ihrem Land.

Doch offensichtlich gab es einmal eine große Dürre, und der Text beginnt mit der dramatischen Schilderung der Folgen, die dadurch eingetreten sind: „Juda wehklagt, in seinen Toren klagt das Volk, sinkt trauernd zur Erde, und das Geschrei Jerusalems steigt empor. Ihre Vornehmen schicken die Diener nach Wasser; sie kommen zu den Zisternen, finden kein Wasser, kehren mit leeren Krügen heim.“ Die Not war also bereits aufs höchste gestiegen. Ganz Jerusalem, hoch und niedrig, war in verzweifelter Aufregung. Aus allen Häusern drang Wehklage, die Kinder verschmachteten vor Durst, die Frauen weinten und jammerten, die Männer versammelten sich zu Beratungen in den Stadttoren, und vor ihren Augen lagen Sterbende. Die Vornehmen sandten Diener zu fernliegenden Zisternen und Quellen, sie kehrten aber mit leeren Krügen zurück. Im ganzen Lande war die Lage ähnlich. Das ist hier das ergreifende Bild.

Und so suchte das Volk durch eine Notbuße Rettung beim Herrn. Das Flehen des Volkes lautete: „Wenn unsere Sünden wider uns zeugen, so greife ein, Jahwe, um deines Namens willen; ja, so oft sind wir treulos gewesen, an dir haben wir gesündigt. Du Hoffnung Israels, du sein Retter in der Not! Warum denn bist du wie ein Fremdling im Lande, dem Wanderer gleich, der nur zur Nachtruhe zeltet? Warum bist du wie ein erschrockener Mann, wie ein Krieger, der nicht zu helfen vermag? Du bist doch, Jahwe, in unserer Mitte und deinen Namen tragen wir. Verlass uns nicht!“

Das hört sich wie ein sehr schönes Glaubensgebet an. Tiefe Erkenntnis der Schuld kommen darin vor, ein klares Bekenntnis zum Herrn und eine innerliche Besinnung auf die göttliche Berufung des Volkes. Die Menschen wissen, dass sie gesündigt haben, und sie wissen auch, dass der Herr Israels Hoffnung und Retter ist. Wie oft hat Gott es aussprechen lassen, dass er inmitten seines Eigentums zelte, Jerusalem die Stätte sei, da er wohne. Die Fragen des Volkes waren daher verständlich.

Doch sie klingen nicht nur fromm, sondern auch enttäuscht und fast so ein bisschen vorwurfsvoll: Ob er in dieser schweren Heimsuchung nur „ein für eine Nacht eingekehrter Wanderer sei, oder ob er einem Krieger gleiche, dessen Mut und Kraft geschwächt sei und daher nicht mehr helfen könne!“ Mit diesen Vergleichen beschreiben sie ihre Unzufriedenheit und erinnern ihn daran, dass sie doch „nach seinem Namen heißen.“ Er soll sie deshalb „nicht verlassen!“

Damit endet unser Predigttext, und das könnte ein Zeugnis echter Glaubenszuflucht und Gottesnähe sein. Doch das war es mitnichten. Wenn wir weiterlesen, erfahren wir, dass Gott dieses Gebet nicht erhört hat. Denn die geistige Einstellung, die ihm zu Grunde lag, gefiel ihm nicht. Seine Antwort lautete „Sie lieben es, von einem zum andern zu laufen, ihre Füße schonen sie nicht; jedoch Jahwe hat keinen Gefallen an ihnen.“ (V.10) Für Gott war all das nur ein Lippenbekenntnis, das Herz der Menschen war daran nicht beteiligt. Die Not hatte sie gezwungen, die Sprache des Glaubens anzunehmen, Gott überblickte jedoch das Ganze und sah, dass es nur ein augenblickliches Zu-ihm-laufen war. Nach überstandenem Unglück würden sie – wie so oft – wieder fremden Göttern folgen, das ist hier gemeint, und das hatte er bereits erlebt. Er forderte mehr von ihnen und ließ sich nicht einfach so beeinflussen. Er war nicht käuflich. Die Tränen ihrer Notbuße beeindruckten ihn nicht, auch kein Fasten oder Flehen in Sack und Asche. Erst wenn sie sich klar für ihn entscheiden und aufhören würden, „hin- und herzulaufen“, würde sich ihr Schicksal ändern. Das sollte der Prophet Jeremia ihnen sagen.

Und das ist auch für uns hier die entscheidende Botschaft: Indirekt erfahren wir, wie ein echtes Gebet sein muss, wenn es helfen soll. Und das ist gut, denn es geht uns ja oft so, wie den Israeliten: Wir leiden Not, beten zu Gott, und er tut nichts. Auch wir haben das Gefühl, dass er sich gar nicht richtig für uns interessiert, sondern nur „vorübergehend da ist“, wie ein Wanderer, der mal eben für eine Nacht sein Zelt aufgeschlagen hat, aber morgen schon wieder weiterzieht.

Lasst uns also fragen, wie wir beten sollen und was es heißt zu glauben. Was will Gott von uns heute, und was kann er uns schenken? In drei Schritten können wir diese Fragen beantworten.

Der erste ergibt sich, wenn wir uns mit dem auseinandersetzen, was gar nicht mehr in unserem Predigttext steht, sondern ihm unmittelbar folgt, und zwar mit dem Vorwurf Gottes, das Volk „liefe hin und her.“ Das tun wir nämlich auch. Wir haben ebenfalls viele Götter, die wir anbeten. Sie heißen nicht Baal oder Beelzebub, aber unser Streben nach Wohlstand und Bildung, Macht und Erfolg hat religiöse Züge. Sie ersetzen Gott in gewisser Weise, denn wir ordnen dem oft alles andere unter und glauben daran, dass diese Ziele uns glücklich machen. Wir jagen immer irgendwelchen Ideen und Bildern hinterher und setzen sie an oberste Stelle. Das kann bei jedem und jeder von uns etwas anderes sein, aber es ist gut, wenn wir uns einmal fragen: Was ist die Mitte meines Lebens, um die alles kreist? Wofür lebe ich? Was will ich auf jeden Fall verwirklichen oder erreichen?

Wir merken dann, dass es nicht unbedingt der lebendige Gott ist, von dem die Bibel erzählt. Es ist nicht der Allmächtige, der uns geschaffen hat, der Ewige, der unser Leben in der Hand hält. Er interessiert uns zwar, aber nicht am meisten von allem. Er gehört zu dem Vielen dazu, das uns beschäftigt, und oft  ersetzen wir ihn auch durch Vorläufiges und Vergängliches. Das müssen wir zugeben. Es ist der erste Schritt zu einem echten Gebet und einem lebendigen Glauben.

Und daran schließt sich unmittelbar eine Entscheidung an, die Gott von uns fordert. Er möchte nämlich, dass wir uns ganz auf ihn verlassen, ihn wirklich anbeten und verehren. Gott will kein Lückenbüßer sein, sondern das Ziel und der Sinn unseres Lebens. Er möchte, dass wir um seiner selbst willen an ihn glauben und alles andere ihm unterordnen.

Das klingt im ersten Moment fordernd und ungemütlich, aber in Wirklichkeit ist es wohltuend und heilsam. Denn dadurch relativiert sich alles andere, und das tut gut. Unsere übliche Einstellung hat ja auch ihre Schattenseiten. Es ist nicht nur angenehm, nach all den Dingen zu streben, die wir uns ausdenken. Was unser persönliches Leben betrifft, so ist es oft anstrengend und kräftezehrend. Außerdem geht es mit Sorgen einher. Was passiert, wenn wir scheitern? Die Angst lauert ständig um die Ecke, sie macht uns unfrei und kann uns lähmen. Es ist gar kein so guter Lebensentwurf, zwischen dem Vielen ständig „hin- und herzulaufen“. Es kann uns persönlich erschöpfen und auszehren.

Doch selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, und uns alles spielend gelingt, so hat diese Lebenshaltung auf jeden Fall gesellschaftliche und ökologische Folgen, die negativ sind. Wir haben ja nie genug, irgendwie sind wir unersättlich, wollen immer mehr, immer höher und immer weiter. Alles soll immer größer und besser werden. Und wir wissen inzwischen alle, dass wir genau dadurch unsere Welt zerstören. In einem Bericht im Fernsehen über unser umweltschädliches Verhalten fiel kürzlich das Wort „Weltfraß“. Das finde ich sehr drastisch und zutreffend, denn genau das tun wir: Wir fressen unsere Welt selber auf, wir zerstören unsere eigenen Lebensgrundlagen. Dürrekatastrophen und Hungersnöte, wie der Prophet Jeremia sie beschreibt, sind meistens die Folgen unseres eigenen Verhaltens. Wir tragen dafür die Verantwortung.

Deshalb sollten wir auch nicht Gott dafür zur Rechenschaft ziehen und enttäuscht sein, wenn er unsere Gebete nicht zu erhören scheint. Es ist vielmehr besser, wenn wir wirklich zu ihm umkehren und ihn von Herzen suchen. Es gilt, die Tiefe unserer eigenen Schuld zu erkennen und sich klar zu ihm zu bekennen. Auch wir sind von ihm zu einem Leben in seiner Gegenwart berufen, darauf müssen wir uns immer wieder besinnen. Wir haben gesündigt, aber er ist unsere Hoffnung und unser Retter. Denn durch seinen Sohn Jesus Christus ist er wirklich mitten unter uns. Er „zeltet hier nicht nur vorübergehend“, sondern die Welt ist die Stätte seiner Gegenwart. Er „wohnt bei uns“ und will uns helfen. Wir müssen nur an ihn glauben und auf seine Kraft vertrauen. Das ist der zweite Schritt.

Und als drittes erhalten wir dadurch eine Hoffnung, die über die Zeit hinausgeht. Zum Glauben an Jesus Christus gehört, dass wir nicht ausschließlich auf diese Welt fixiert sind. Wir müssen den Tod nicht fürchten und auch nicht den Weltuntergang, denn Gott hat durch Jesus Christus bereits eine neue Welt anbrechen lassen. Das Evangelium von ihm reicht weiter als das, was das Alte Testament uns verkündet. Es übersteigt den Glauben Israels, denn wir hoffen durch Jesus Christus auf die Auferstehung von den Toten und haben einen Zugang zur Ewigkeit. Wenn Gott die Welt richten will, dann soll er es tun. Wie können sie loslassen und unbesorgt sein. Denn er wird uns gnädig sein und uns in eine neue Welt hineinführen. Das ist der Geist, mit dem er uns ausrüstet. Er hilft uns, die Welt und uns selber zu überwinden.

Das sind die drei Schritte, mit denen wir unseren Glaubensweg gehen und zu ihm beten können: Selbsterkenntnis, Umkehr zu Gott und die Hoffnung auf sein ewiges Reich. Wenn wir das beachten, werden wir merken, dass Gott bei uns ist und uns hört.

Und wer weiß: Vielleicht ist es auch noch nicht zu spät, um diese Erde vor dem Untergang und der Zerstörung zu bewahren. Der Glaube an Jesus Christus kann dazu durchaus etwas beitragen, denn unser Bewusstsein ändert sich dadurch und damit auch unser Verhalten. Wir können alle etwas dazu tun, dass Dürren und Hungersnöte uns nicht beherrschen, dass der Regen überall in ausreichender Menge fällt, und keine Missernten einsetzen. Wenn wir uns auf Jesus Christus verlassen, verschwindet der Zwang, unsere Ressourcen bis aufs letzte auszuschöpfen. Unsere Lebensquellen vertrocknen nicht. Wir wissen: Es ist für alle genug da, keiner und keine muss verzweifeln.

Wir müssen nur aufmerksam und wachsam sein, uns Gott immer wieder von Herzen nähern und uns seiner Macht unterordnen.

Amen.

Der Predigt basiert auf dem Kommentar von Jakob Kroeker: Jeremia, Der Prophet tiefster Innerlichkeit und schwerster Seelenkonflikte, Das lebendige Wort, Band 8, Gießen und Basel, 1937, S. 139ff

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart

Predigt über Hebräer 13, 8- 9b: Jesus Christus bleibt immer derselbe

Altjahrsabend, 31.12.2019

Hebräer 13, 8- 9b

8Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. 9Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Liebe Gemeinde.

„Schon wieder ist ein Jahr vergangen“, das stellen wir mit Staunen und einem leichten Entsetzen fest. Dieses Mal ist es sogar ein ganzes Jahrzehnt, das wir rückblickend betrachten, denn dazu bietet die runde Jahreszahl sich an, die wir ab morgen schreiben. Wo bleibt bloß die Zeit? Das fragen wir uns.

Es kommt uns oft so vor, als ob sie rast. Und das macht uns Angst, denn wir wissen, was vergangen ist, kommt nie wieder, die Zeit lässt sich nicht aufhalten, unerbittlich geht sie weiter. An einer Sanduhr können wir das besonders gut erkennen: Der Sand rinnt durch die kleine Öffnung zwischen den beiden Behältern und zeigt uns an, wie die Minuten und Stunden verstreichen. Und genauso verrinnt auch unser Leben. Irgendwann ist es ganz zu Ende.

Deshalb empfinden wir das Dahinschwinden der Zeit wohl auch umso intensiver, je älter wir werden. Der Zeitraum, der noch bleibt, wird immer kürzer und überschaubarer. Und das versetzt uns in Unruhe. Wir fühlen uns auch hilflos gegenüber dieser Tatsache, denn wir können nichts dagegen machen.

Deshalb tut so ein Satz gut, wie der, den wir eben gehört haben: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Das ist eine liturgische Formel aus der Ostertradition, die der Schreiber am Ende seines Briefes in die Ermahnungen einfügt. Es ist ein Bekenntnis, das auf die Unveränderlichkeit Jesu hinweist, denn er ist Gott gleich. Und das klingt sehr beruhigend: Es gibt Einen, der nicht der Zeit unterworfen ist. In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist er derselbe, bis in alle Ewigkeit. Er steht also über der Zeit, und wir können uns an ihm festhalten. Es gibt noch eine andere, viel größere als die zeitliche Dimension, das ist hier die Botschaft. Es ist die göttliche Wirklichkeit, die Jesus für uns geöffnet hat. Und es ist gut und wohltuend, sich darauf zu besinnen. „Unser Herz wird fest“, wie es in unserem Predigttext weiter heißt. Und dazu werden wir hier ausdrücklich eingeladen oder sogar ermahnt.

Wir wissen nicht genau, wer den Hebräerbrief geschrieben hat, der Autor hat seinen Namen nicht genannt. Aber es ist klar, was er beabsichtigt: Sein Brief ist wie eine Predigt, und er wurde sicher im Gottesdienst vorgelesen. Die meisten Adressaten hörten seine Botschaft also. Und er hat wahrscheinlich eine Gemeinde vor sich, die irgendwie frustriert war. Die erste Begeisterung für Jesus war verflogen, sie wussten gar nicht mehr so genau, was der christliche Glaube überhaupt bedeutete. Sie waren desorientiert und auch etwas gleichgültig geworden. Der Brief enthält deshalb das leidenschaftliche Zeugnis für den erhöhten Herrn. Es wird theologisch sehr gründlich dargelegt. Die Hörer bzw. Leser sollten die Christustat Gottes wirklich verstehen, damit sie neu glauben und hoffen konnten. Die Gemeinde sollte zu neuer Gewissheit und Ausdauer geführt werden, damit ihre Mitglieder sich wieder entschieden und klar zu Christus bekennen konnten.

Deshalb werden sie vor anderen „schillernden und fremdartigen Lehren“ gewarnt. Die gab es wahrscheinlich in der Gemeinde und in ihrer Umgebung. Es war z.B. die jüdische Gesetzeslehre, griechische Philosophie, heidnische Zauberei und vieles mehr. Obendrein war es sowieso gefährlich, Christ zu sein, weil man mit Verfolgung von Seiten der staatlichen Behörden rechnen musste. Die fremden Lehrmeinungen waren also verlockend. Das wusste der Verfasser des Hebräerbriefes und deshalb ermahnte er seine Gemeinde, ihnen gerade nicht zu folgen. Seine Leser oder Hörer sollten vielmehr einen festen Standpunkt beziehen und Christus treu bleiben.

Und es ist gut, wenn auch wir uns diese Ermahnung zu Herzen nehmen. Unsere Situation und unsere Lebenswelt sind heutzutage zwar anders, aber ein „festes Herz“ zu haben, kann auf keinen Fall schaden. Es ist so etwas wie ein Gegengewicht zu dem Gefühl der verrinnenden Zeit. Es ist ein Herz ohne Angst und Unruhe, ohne Verwirrung und Unsicherheit. Lasst uns also fragen, wie wir es erlangen können.

Und dazu ist es gut, wenn wir uns klar machen, welchen „verlockenden“ Lehren wir so folgen. Das sind natürlich nicht mehr die Gesetzeslehrer oder Sophistiker, aber unser Lebensgefühl ist trotzdem nicht unbedingt von dem bestimmt, „der gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist.“ Dieses Bekenntnis zu Christus spielt in unserem Denken keine so große Rolle, denn wir sind nicht in der Ewigkeit verankert, sondern in der Zeit. Wenn wir uns einmal fragen, was uns ausfüllt, dann ist es doch immer entweder die Vergangenheit oder die Zukunft. Das hängt wahrscheinlich von unserem Lebensalter ab. Als junger Mensch denkt man mehr an das, was vor einem liegt, im Alter spielt die Vergangenheit eine größere Rolle.

Ich habe gerade im Familienkreis einen Jungen getroffen, von dem ich nicht genau wusste, wie alt er ist, und so fragte ich ihn danach. Er ist zehn, und ich kommentierte die Antwort mit einem anerkennenden Glückwunsch, dann hätte er ja nun seinen ersten runden Geburtstag gefeiert. Er guckte mich etwas verständnislos an, und ich erklärte ihm, was runde Geburtstage sind, und dass sie das Leben in große Abschnitte einteilen. Je älter man wird, umso mehr fürchtet man sie. Er selber war davon natürlich weit entfernt, denn als Kind erlebt man das nicht, da möchte man gern älter werden. Als Jugendlicher will man dann bestimmte Ziele erreichen, hat familiäre und persönliche Pläne. Wir sind in dieser Lebensphase mit unseren Gedanken meistens schon einen Schritt weiter als das, was jetzt gerade passiert.

Wenn wir älter werden, ändert sich das wie gesagt. Dann denken wir mehr und mehr an das, was bereits war, was wir erreicht oder auch verloren haben. was uns geprägt hat, was schön und was schrecklich war. In jedem Fall aber ist unser Lebensgefühl von der Zeit bestimmt.

Gewinnen wir dadurch allerdings ein „festes Herz“? Wir müssen doch zugeben, dass weder das Denken an die Zukunft noch an die Vergangenheit uns glücklich oder zufrieden macht. Im Gegenteil, die Vergangenheit versetzt uns oft in Wehmut oder sogar Traurigkeit. Die Erinnerungen zerren manchmal an uns. Wir sehnen uns zurück, früher war alles besser, denken wir.

Und genauso ist es mit der Zukunft, die ist zieht ebenfalls an unseren Gefühlen. Wir malen sie uns aus, wir denken daran, wir wünschen und wollen bestimmte Dinge, und das ist manchmal anstrengend und geht mit Sorgen einher. Denn wir wissen nicht, ob unsere Wünsche wahr werden. Wir gehen zwar davon aus, dass das meiste machbar ist, aber das ist nicht sicher, und das wissen wir im Grunde genommen auch.

Wenn wir wirklich glücklich und ruhig und innerlich fest werden wollen, müssen wir also einen anderen Weg beschreiten, und genau der wird uns in unserem Textabschnitt vorgeschlagen. Mit der Einladung, an den zu glauben, der „heute, gestern und in Ewigkeit derselbe“ ist, werden wir aufgefordert, uns einmal auf die Gegenwart zu konzentrieren. Denn das Bekenntnis besagt, dass Christus jetzt da ist, in diesem und in jedem Augenblick. Es gilt also, den einmal zu fassen zu bekommen. Ein Jahreswechsel bietet sich gut für diese Übung an, denn da denken wir besonders an Zurückliegendes und Zukünftiges. Dazwischen aber, heute Abend z.B. können wir die Zeit in unserem Geist einmal anhalten, eine Pause einlegen, still werden und schweigen.

In unserem Alltag geht das auch, immer dann, wenn es uns gerade einfällt, zwischendurch, auf der Straße, bei der Hausarbeit oder beim Spazieren gehen. Es gibt unzählige Momente, die wir einfach einmal als Momente auch erleben können. Wir müssen das nur tun, aufmerksam sein, inne halten und uns besinnen. Das wäre ein erster Schritt, der zu einem „festen Herzen“ führt.

Aber es gehört noch mehr dazu. Zu dem Anhalten muss ein „Ja“ kommen. Das hat ebenfalls Seltenheitswert in unseren Gedanken. Irgendetwas sollte doch am liebsten immer anders sein. Wir wünschen uns mehr Geld, mehr Gesundheit, weniger Stress, nettere Mitmenschen, mehr Aufmerksamkeit usw. Wir sind nur selten zufrieden, weil unser Leben immer so vieles zu wünschen übrig lässt. Doch anstatt daran etwas ändern zu wollen, traurig darüber zu sein und sich zu beklagen, wäre es gut, wenn wir es annehmen und bejahen. Wir müssen und können nicht alles selber machen, das gilt es einzusehen. Dazu gehören Geduld und Leidensfähigkeit, und es ist heilsam, wenn wir uns darin üben. Denn das macht uns offen und empfangsbereit, und unversehens kann etwas Neues beginnen.

Ich habe dazu ein schönes Gedicht von der Dichterin und Schriftstellerin Eva Strittmatter gefunden. Es lautet:

„Mein Leben setzt sich zusammen: ein Tag wie dieser. Ein anderer Tag. Glut und Asche und Flammen. Nichts gibt es, was ich beklag.

Früher habe ich so gefühlt: irgendetwas Großes wird sein. Inzwischen bin ich abgekühlt: Es geht auch klein bei klein.

Was soll schon Großes kommen? Man steht auf, man legt sich hin. Auseinandergenommen, verlieren die Dinge den Sinn.

Doch manchmal sind solche Stunden von Freiheit vermischt mit Wind. Da bin ich ungebunden und möglich wie als Kind.

Und alles ist noch innen in mir und unverletzt. Und ich fühle: gleich wird es beginnen. Das Wunder kommt hier und jetzt.

Was es sein soll? Ich kann es nicht sagen. Und ich weiß auch: das gibt es gar nicht. Aber plötzlich ist hinter den Tagen noch Zukunft ohne Pflicht.

Und frei von Furcht und Hoffen, und also frei von Zeit. Und alle Wege sind offen. Und alle Wege gehen weit.

Und alles kann ich noch werden, was ich nicht geworden bin. Und zwischen Himmel und Erde ist wieder Anbeginn.“

(in : Eva Strittmatter, Sämtliche Gedichte, Berlin 2006)

Damit so ein „Anbeginn“ allerdings gelingt, ist noch ein dritter Schritt hilfreich und wichtig: Und zwar ist es gut, wenn wir uns dem anvertrauen, der in allem Wandel derselbe bleibt, der „groß“ ist und uns „Sinn“ schenkt, der „Wunder“ bewirken kann und uns „frei“ macht. Er „öffnet alle Wege vor uns“ und schenkt uns „Weite“: Es ist Jesus Christus, der „hier und jetzt“ da ist, wir können also jederzeit zu ihm aufblicken und zu ihm beten. Denn er geht mit uns, auch wenn wir ihn nicht sehen. Oft ist unser Blick nur verhangen. Wir können ihn aber immer um seinen Segen bitten und unser Leben in seine Hand legen. Und die Momente, in denen wir das tun, können mehr werden, sie können sich aneinander reihen und unser Lebensgefühl verändern. Die Gnade ergreift unser Herz und erfüllt uns irgendwann ganz. Wir werden ruhig und froh, und die Vergänglichkeit stört uns nicht mehr.

Es gibt dazu noch viele weitere Zeugnisse in unserer geistlichen Tradition. Wenn wir unser Gesangbuch danach durchsuchen, so finden wir z.B. auch dort eine ganze Reihe von Dichterinnen. Dabei fällt auf, dass keine von ihnen ein einfaches Leben hatte, im Gegenteil, alle hatten sogar enge Erfahrungen mit dem Tod gemacht. So war es auch bei Marie Schmalenbach.

Sie lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen, war die Tochter eines Pfarrers und hatte insgesamt zehn Geschwister. Sieben davon starben allerdings sehr früh. Sie hat also schon in ihrer Kindheit erfahren, wie vergänglich das Leben ist. Als Ehefrau und Mutter erlebte sie das dann wieder, denn auch sie verlor eins ihrer fünf Kinder durch den Tod. Und obwohl das vor 150 Jahren keine Ausnahme war – die Kindersterblichkeit war ja viel höher als heutzutage – hat sie das sicher traurig gemacht. Sie musste das verarbeiten, und dabei half ihr der Glaube an die Ewigkeit. Das bezeugt ihr Lied: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud, unsrer Seele Freud.“ (EG, Ausgabe für Niedersachsen und Bremen, 643)

Amen.

 

Gerechtigkeit allein aus Glauben

 

Predigt über Titus 3, 4- 7: Das Bad der Wiedergeburt

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Titus 3, 4- 7

3 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde.

Als junger Mann wurde Martin Luther Mönch, d.h. er wählte den Weg, den die Kirche empfahl, um vollkommen zu werden, denn das wollte er gerne: Er wollte das Heil erwerben, alle Sünden ablegen, innere Ruhe und Gewissensfrieden finden.

Doch das gelang ihm nicht, im Gegenteil: Sein schlechtes Gewissen quälte ihn Tag und Nacht, seine Angst vor Gott wurde immer größer. Er wurde die Furcht nicht los, dass er nie und nimmer vor Gott werde bestehen können. „Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken.“ (EG 341,3) So beschrieb er später seinen Seelenzustand.

Doch eines Tages fand er den Ausweg aus diesen Anfechtungen. Sein Ordensoberer Johann Staupitz half ihm dabei. Er gab ihm den Rat, nicht weiter darüber nachzudenken, ob Gott ihm gnädig sei, sondern einfach auf die Wunden Christi zu schauen, der für uns gestorben ist. Luther vertraute seinem Seelsorger, und langsam kam es zu einer Wende in seinem Inneren: Er spürte die Barmherzigkeit Christi und wusste plötzlich: Ich bin von Gott angenommen, auch wenn ich sündige, denn Gott ist ein gnädiger Gott. Luther war gerettet und fühlte sich frei und froh.

Dabei waren nicht nur die Ratschläge von Johann Staupitz ausschlaggebend, Luther hat auch in der Bibel Stellen gefunden, die in ihm die Heilsgewissheit gefördert haben. Eine besondere Rolle spielte dabei die Aussage des Apostels Paulus am Anfang des Römerbriefes: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«“ (Römer 1, 16.17)

Für Luther wurde das zum zentralen Gedanken seiner Theologie, und so war es auch schon bei Paulus selber. Wir finden die These von der „Gerechtigkeit allein aus Glauben“ an vielen Stellen in seinen Briefen, auch in dem Abschnitt aus dem Brief an seinen Mitarbeiter Titus, den wir vorhin gehört haben.

Titus war in einer Gemeinde tätig, die Paulus gegründet hatte, und er sollte das Gemeindeleben ordnen und organisieren. In seinem Brief gibt Paulus ihm dafür viele praktische Anweisungen. Dabei war es ihm durchaus wichtig, dass die Christen sich um ihre Heiligung bemühten und ein frommes Leben voller Hoffnung und Liebe führten. Doch die Grundlage dafür war die Gnade Gottes, durch die sie zu seinen Kindern geworden waren, das sollten sie nie vergessen.

Darum geht es in dem Abschnitt, der uns heute vorliegt. Es ist ein altes Loblied, das Paulus zitiert, um die Gemeindeglieder an das zu erinnern, was sie durch Christus empfangen hatten. Die christliche Gemeinde sang es wahrscheinlich immer anlässlich einer Taufe. Am Anfang wird darin das Gotteswunder erwähnt, das mit der Geburt Jesu anbrach: „Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Das sind feierliche Worte für das Kommen Christi, das eine Wende in der Geschichte der Menschheit darstellt. Denn in ihm erschien, wie ein Licht in der Finsternis, die Güte Gottes. Sie hat die Menschen aus dem Verderben gerissen, gerettet und „selig gemacht“, wie Luther übersetzt.

Und dabei ist nun wichtig, dass sie das alles ohne ihr Zutun bekommen, „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Das Lied enthält also den Grundgedanken des Evangeliums, dass wir „allein aus Gnade“ gerettet werden.

Dieser Vorgang wird dann als „Bad der Wiedergeburt“ bezeichnet, und damit ist die Taufe gemeint. Sie macht den Menschen zu einer neuen Kreatur, das war die Vorstellung. Er wird gereinigt, die Sünden werden abgewaschen, und der Mensch ist danach wie ein eben geborener Säugling. Der Täufling wird in die neue Welt eingegliedert, die durch das Erscheinen Christi da ist.

Das Wasser, das Schmutz abwäscht und reinigt, erfrischt und belebt, ist für diesen Vorgang ein schönes Symbol. Es kommt in unserem Text auch noch ein zweites Mal vor. Wasser gibt es ja nicht nur als Element, in das man hineinsteigen kann, es regnet auch auf uns herab oder kann ausgegossen werden. Und das geschieht ebenso bei der Taufe: Da werden wir erneuert „im Heiligen Geist, den Gott über uns reichlich ausgegossen hat.“ Gott „bewässert“ uns mit seiner Kraft und Gegenwart, und er ist dabei verschwenderisch. Vom Wasser, das über etwas geschüttet wird, geht ja meistens einiges daneben, es ist reichlich vorhanden und kann viel bewirken. So ist es mit dem Heiligen Geist, der in der Taufe das Wunder der Neugeburt vollzieht.

Und zum Schluss wird noch das Ziel genannt: Wir werden „Erben des ewigen Lebens nach unsrer Hoffnung.“ Die Taufgnade umfasst eine Verheißung: Wenn der Jüngste Tag anbricht, und Gott zum letzten Gericht erscheint, werden die Getauften freigesprochen und bekommen Anteil am ewigen Leben. Ihre Rettung geschieht für Zeit und Ewigkeit.

Das ist die Botschaft unserer Epistel, und die passt sehr schön zu Weihnachten. Wir feiern das Erscheinen Jesu Christi, und uns wird gesagt: Das war nicht nur ein geschichtliches Ereignis, es hat vielmehr erneuernde Kraft. Wir können hineingenommen werden in dieses Gotteswunder, und das ist wie ein Bad: Wir werden gereinigt und erfrischt, belebt und gestärkt.

Doch was heißt das nun konkret? Und entspricht diese Botschaft dem, was allgemein in unserer Kirche zu Weihnachten gepredigt wird?

In den Medien verbreitet die Evangelische Kirche in Deutschland andere Inhalte. Eine Weihnachtsbotschaft der EKD lautete z.B. so: „Im Geiste von Weihnachten bitten wir Sie, für eine gastfreundliche und inklusive Gemeinschaft in Europa zu arbeiten und zu beten. Wir rufen die Nationen und die Menschen Europas, die politischen Führungspersönlichkeiten und unsere Kirchen auf: Lasst es nicht zu, dass wir für das Leiden anderer gleichgültig werden. Mögen wir vielmehr die Würde der Menschen, die unsere Hilfe brauchen, wertschätzen, und anerkennen, dass die Aufnahme eines fremden Menschen zu unserem christlichen und europäischen Erbe gehört. Seien wir mutig und zuversichtlich im Sohn Gottes, dem Licht der Welt, dessen Geburt wir feiern. Christus wird uns den Weg weisen für ein zukünftiges gemeinsames Leben.“ Und dann werden Einzelheiten dazu genannt, wie viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, und was die Vereinten Nationen dazu sagen. Europa wird für seine sogenannte „Migrationssteuerung“ angeklagt, weil sie zu hohen Verlusten von Menschenleben führt, zu Ausbeutung und Gewalt.

Ich finde das zwar alles richtig, ohne Frage, aber sagen das nicht auch ganz viele säkulare Organisationen, Menschenrechtsgruppen, Hilfswerke, Parteien und Politiker? Es klingt ein bisschen so, als wollte die Kirche auf jeden Fall mithalten, zeitgemäß sein und sich Gehör verschaffen. Deshalb sagt sie am besten das, was etliche andere auch sagen. Ein Alleinstellungsmerkmal der Kirche ist darin nicht erkennbar, etwas, das uns von allen anderen Gruppen unterscheidet. Die Botschaft enthält zwar eine biblische und theologische Begründung, aber die wird eher nachgeliefert und ist eigentlich nicht nötig.

Außerdem wird in so einer Nachricht sehr betont, wie wichtig die guten Werke sind. Wir sollen gerecht handeln, damit wir selber als gerecht da stehen. Es klingt nach einer neuen Version der Werkgerechtigkeit. Und das entsprich nicht unbedingt dem, was für Luther zentral war, und damit auch für uns als lutherische Kirche im Mittelpunkt stehen sollte.

Es fehlt die Botschaft von dem Geschenk der Gnade Gottes, die weit über die Fragen der Zeit hinaus weist. Genau die wird uns zu Weihnachten aber verkündet. Denn da geht es um ein Gotteswunder, das erneuernde Kraft hat. Wir werden in erster nicht Linie zu einem bestimmten Handeln befähigt, sondern zu einem neuen Sein. Nicht was wir anderen geben, ist entscheidend, sondern was uns geschenkt wurde. Bevor wir versuchen, gute Taten zu tun, tut Gott etwas an uns. Der erste Schritt besteht immer darin, dass wir zu Empfangenden werden. Gott möchte uns in ein Wunder hineinnehmen, er möchte uns zu sich ziehen. Auf die drängenden Fragen der Zeit gibt er uns eine ewige Antwort. Er durchbricht unsere Diesseitigkeit und ergreift selber die Initiative, um die Welt zu retten. Alle Menschen sind eingeladen, daran zu glauben und „Erben des ewigen Lebens zu werden.“

Und wenn dieser Einladung mehr Leute folgen würden, nähme das Elend ganz von selber ab. Die Ungerechtigkeiten in der Welt haben ihre Ursache nicht darin, dass zu wenig Gutes getan wird. Sie haben ihre Ursache vielmehr in der Gottlosigkeit. Es ist also entscheidend, dass wir auf diesem Weg umkehren, uns Gott wieder zuwenden und uns von ihm erneuen lassen.

Das Erscheinen Jesu ist nicht nur eine Lehre oder eine Idee, sondern durch ihn gibt es in dieser Welt eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit, in die wir „eintauchen“ können. Das ist das Bild in unserem Episteltext. Und das ist sehr aussagekräftig, denn das Wasser ist ein anderes Element als die Luft. Wenn wir hineinsteigen, verändert sich unser Körpergefühl, wir werden getragen und sind umgeben von einer Materie, die sich vom Gewohnten unterscheidet. So ist es auch mit der Gegenwart Christi: Sie kann uns umspülen und einhüllen, tragen und verändern.

Wir müssen dabei selber nichts mehr tun oder denken. Wir dürfen schweigen, still halten und so sein, wie wir sind. Christus vergibt uns alle Sünden, die uns belasten, er macht uns gerecht und neu. Wir müssen nur auf seine allesumfassende Gnade vertrauen. Am besten ist es, wenn wir daraus eine tägliche Übung machen. Dann kann „täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“. So sagt Martin Luther es im Kleinen Katechismus. (Das vierte Hauptstück, Das Sakrament der heiligen Taufe, zum Vierten, Was bedeutet denn solch Wassertaufen?) Er beschreibt damit, was er selber erlebt hat. Und das ist eine wunderbare Verheißung. Hinter ihr verbirgt sich eine geistliche Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns im Vertrauen auf Christus üben: Wir spüren seine Liebe und seine Kraft, und die kann uns verwandeln. Wir atmen auf und fühlen uns frei. Es ist wie nach einem Eintauchen ins Wasser: Wir sind erfrischt und neu belebt. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck „sich wie neu geboren fühlen“. Das sagen wir gerne nach einem Bad. Unsere Lebensgeister erwachen dadurch und wir verspüren frischen Tatendrang. Denn der Heilige Geist wird über uns „ausgegossen“ und wir „erben das ewige Leben“. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus. Wir erwerben das Heil, die Sünden werden abgespült und innere Ruhe und Gewissensfrieden kehren in unsere Seele und unseren Geist ein.

Und dann können wir auch in dieser Welt handeln, natürlich gehört das dazu. Ein christliches Leben ohne gute Werke ist kein christliches Leben. Das hat auch Luther betont. Der Glaube muss Früchte bringen, und selbstverständlich gehören dazu die Selbstlosigkeit, Nächstenliebe, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Wenn wir die „Güte und Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist“, gefunden und empfangen haben, dann können und sollen wir sie auch weitergeben.

Lasst uns deshalb so beten, wie Martin Luther es getan hat: „Nimm, Herr Jesu, unsere Geburt von uns und versenke sie in deiner Geburt. Schenke uns die deine, dass wir darin rein und neu werden, als wäre sie unser eigen, dass ein jeder von uns sich deiner Geburt nicht weniger freuen und rühmen möge, als wie wenn er auch wie du leiblich von Maria geboren wäre. Stärke uns den Glauben, dass du ganz unser bist, ein Kind – uns geboren, ein Sohn – uns gegeben.“

Amen.

Gott ist Mensch geworden

Predigt über Hesekiel 37, 24- 28: Der neue Hirte und der Bund des Friedens

Heiligabend, 24.12.2019, 17.00 Uhr, Lutherkirche Kiel

Hesekiel 37, 24- 28

24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.
25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.
26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
27 Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein,
28 damit auch die Heiden erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Liebe Gemeinde.

Es gibt Weihnachtsverweigerer, die sich am Heiligabend bewusst in ihre eigenen vier Wände verziehen, um vor der ganzen Gefühlsduselei sicher zu sein. Nichts erinnert so jemanden an Heiligabend, alles ist wie immer, und er verbringt ein paar ungestörte und produktive Stunden, vielleicht mit einem edlen Glas Rotwein und klassischer Musik, denn das fördert die Ausgeglichenheit. Er ist freiwillig allein und genießt das. Vielleicht arbeitet er liegengebliebene Akten auf und freut sich, dass ihm das gut von der Hand geht.

Ein anderer ist auch allein, aber es geschieht unfreiwillig, weil niemand ihn haben will, und weil er keine Wohnung hat. So jemand macht es sich am Heiligabend dann vielleicht auf einem Schiffsanleger gemütlich, mit einem Klapptisch, auf dem ein Tannenzweig liegt, eine Kerzen brennt, und ein Pappbecher mit Wein steht. Die Musik für sein Weihnachtsfest spielt er selbst auf einer Flöte. Er vermisst das Zusammensein mit einer Familie und ist wahrscheinlich traurig beim Anblick der Lichter in den Häusern, dem Duft von leckerem Essen oder dem Ertönen von Weihnachtsmusik.

Denn das ist das Normale, dass am Heiligabend die Familien zusammenkommen um zu feiern. Wir stellen dazu einen Weihnachtsbaum auf, an dem Kerzen brennen, geben einander Geschenke, genießen gutes Essen und hören Geschichten oder Musik. Wir lassen es uns gut gehen und machen es uns gemütlich. Denn Weihnachten ist das Fest der Liebe, wir erfüllen uns unsere Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit, Ruhe und Harmonie.

Aber gelingt uns das eigentlich? So ganz einfach ist das ja nicht, denn die Schwierigkeiten und Probleme, die wir mit uns herumtragen, verschwinden dadurch nicht einfach so. Wir versuchen zwar, sie bei Seite zu drängen und einmal nicht daran zu denken, aber sie sind da, und es gibt sie in jeder Familie. Es können Spannungen und Konflikte sein, immer wieder erlebte Enttäuschungen und Verletzungen. Sogar in der Zeitung gab es dazu am Wochenende einen langen Artikel mit Tipps von einer „Expertin für gewaltfreie Kommunikation für ein besinnliches Fest“. Denn „Weihnachten zusammenzusitzen ist eine unheimlich schwierige Aufgabe“, heißt es dort. Auch eine Krankheit kann das Fest trüben, oder noch schlimmer, ein Todesfall. Vielleicht ist der in einigen Familien noch gar nicht so lange her, und dadurch ist jetzt alles anders, als wir es erwartet haben. Es geht uns schlecht, und das Zusammensein mit den anderen hilft uns nicht. Wir fühlen uns auch in der Gemeinschaft einsam und allein. Das Kerzenlicht, die Geschenke und das Essen reichen nicht, um ruhig zu werden. Die tieferen Schichten in unserer Seele werden dadurch nicht angerührt.

Dafür brauchen wir noch mehr, und genau das wird uns heute verheißen. Denn in Wirklichkeit feiern wir nicht nur so ein bisschen menschliche Liebe und Wärme, sondern etwas viel Größeres: Gott ist zu uns gekommen und Mensch geworden, und das hat noch eine ganz andere Bedeutung.

Der Prophet Hesekiel hat das sehr schön beschrieben. Wir haben seine Verheißung vorhin gehört: Er kündigt einen König an, der alles neu macht, und er bezeichnet ihn als „Hirte und Fürst“. Hesekiel prophezeite ihn, als er mit dem Volk Israel im Exil lebte. Sie saßen als Gefangene in Babylon und auch ihnen ging es schlecht. Sie träumten von ihrem Heimatland, das der König von Babel erobert und zerstört hatte. Sie litten unter dieser Situation und waren traurig.

Aber all das wird ein Ende haben, sagt der Prophet Hesekiel. Es wird ein „Knecht“ kommen, von Gott selber gesandt, der wie ein „Hirte“ sein wird. Er wird sie heimführen und ihr Leid beenden. Und in ihrem eigenen Land wird er dann einen dauerhaften Frieden herstellen. Er wird immer bei ihnen bleiben und „unter ihnen wohnen.“ Alle Menschen werden ihn erkennen, weil seine Gegenwart sichtbar und erlebbar wird. D.h. er wird sich um sein Volk kümmern, sie beschützen und bewahren und ihnen den rechten Weg zeigen. Es wird ihnen äußerlich und innerlich wieder gut gehen. Denn er wird bewirken, dass sie das Böse meiden, die Gebote halten und friedlich miteinander umgehen.

Das ist die Verheißung des Propheten Hesekiel an sein Volk, und die ist wunderbar. Sie lässt alle Träume wahr werden.

Die Christen beziehen sie deshalb auf Jesus Christus, wie alle Ankündigungen dieser Art im Alten Testament. Sie glauben, dass er der verheißene „Hirte und Fürst“ ist, der „sein Volk weiden“ kann. Er ist dieser „Knecht“, der Gesandte von Gott, durch den das Heil in die Welt gekommen ist. Gott ist unter uns und wird in Ewigkeit bei uns bleiben. Er schafft Frieden und Gerechtigkeit, Liebe und Hoffnung, das ist die Weihnachtsbotschaft.

Aber können wir das glauben? Was hat Jesus denn bis heute getan? Wo ist er nun, und was hat sich durch ihn verändert? Es gibt nach wie vor viel Elend, Krieg, Ungerechtigkeit und Einsamkeit. Auch Krankheiten hat er nicht abgeschafft und den Tod schon gar nicht. Es fällt uns deshalb oft schwer, wirklich an sein Erscheinen zu glauben. Wir zweifeln an seiner Macht.

Die ist allerdings auch ganz anderer Art, als wir uns das zunächst vorstellen oder wünschen. Jesus ist kein Held, der mit großartigen Taten die Welt verändert. Und mit Gewalt setzt er sich schon gar nicht durch. Sein Weg und seine Mittel sind ganz anders: Er hat das Leiden und die Liebe gewählt, um den Menschen zu helfen. Mit seiner Geburt hat er sich selber so klein gemacht, wie auch wir uns oft fühlen. Und am Ende hat er gelitten und den Tod auf sich genommen. Er war geduldig und ist gestorben. Denn er wusste: Der Tod wird nicht das letzte Wort haben. Gott war bei ihm, ja in ihm, und so ist er durch den Tod hindurch gegangen und wieder lebendig geworden. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Er ist also ganz nah bei allen, die leiden und sterben, er lässt sie nicht allein. Er geht vielmehr mit ihnen, mit den Schwachen und Traurigen, mit denen, die allein und verbittert sind, die es schwer haben und sich quälen. Und er ist voller Liebe und Zuwendung zu ihnen.

Doch um das zu erfahren, müssen wir denselben Weg gehen, und das heißt: Wir müssen unser Leid annehmen und unsere Einsamkeit bejahen. Wir müssen aufhören, alles Glück von dieser Welt oder den anderen Menschen zu erhoffen. Sie können es uns nie vollständig geben. Die Weihnachtsverweigerer haben gar nicht nur Unrecht. Sie sind wenigstens nüchtern und machen sich nichts vor. Und das tut auch uns gut, dass wir unser Leben akzeptieren, wie es ist, nichts mehr zudecken, nichts verdrängen und auch nicht zu viel von unseren Mitmenschen erwarten. Es ist viel befreiender, wenn wir all das Unvollkommene so lassen, wie es ist, und unser Herz für die Gegenwart Gottes aufschließen.

Genau das ist die Herausforderung, die er uns zumutet: Wenn wir ihn erkennen wollen, dann müssen wir an ihn glauben. Wenn wir seine Macht erleben wollen, müssen wir mit unserer Sehnsucht zu ihm gehen und ihm unsere ungelösten Probleme zeigen. Wenn wir seine Kraft spüren wollen, müssen wir ihm vertrauen – mit unserer Traurigkeit und unserer Einsamkeit. Ohne unsere eigene Bereitschaft, uns an ihn zu wenden und uns auf ihn einzulassen, bleibt die Botschaft von seinem Kommen und seiner Liebe für uns leer und im Dunkeln. Erst wenn wir uns dafür öffnen, kann sie uns erreichen und etwas in uns verändern.

Doch das kann dann wirklich geschehen. Unsere Wünsche nach Geborgenheit können erfüllt werden, denn durch den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes sind wir nie mehr allein. Unsere Sorgen fallen von uns ab und unsere Traurigkeit wird gemindert. Auch der Druck verschwindet, dass alles möglichst schön sein soll. Wir werden gelassen und frei von Erwartungen. Wir werden wirklich erlöst und getröstet. Jesus wärmt uns von innen her und macht uns froh. Er ist der „König“ und „Hirte“, der uns das Heil bringt.

Wir brauchen weder die selbstgewählte Einsamkeit noch die oberflächliche Geselligkeit. Was wir brauchen, ist dagegen die Liebe Gottes, und die wird uns heute durch Jesus Christus geschenkt. Erst durch sie wird auch unser Herz mit Liebe angefüllt, und unser Zusammenleben wird so, wie wir uns das vorstellen. Und dadurch entsteht dann die wahre und tiefe Gemeinschaft, nach der wir uns sehnen. Ruhe und Harmonie kehren ein.

Und wenn das geschieht, dann ist der Höhepunkt des Festes da, dann ist wirklich Weihnachten. Der Friede, den er in unser Herz legt, zieht in unsere Familien und Häuser ein, in unsere Stadt und unser Land.

Stellen Sie sich vor, dass plötzlich auch derjenige, der heute angeblich lieber allein ist, davon eine Ahnung bekommt. Möglicherweise stellt sich doch keine rechte Zufriedenheit ein, irgendetwas stört ihn. Vielleicht sind es die Geräusche aus den Nachbarwohnungen, eine innere Unruhe, ein Bewegungsdrang. So geht er doch noch einmal hinaus und macht einen Abendspaziergang. Und dabei hört er mit einem Mal eine zarte, zaghafte Flötenmelodie. Es scheint irgendein Weihnachtslied zu sein. Er lauscht und geht den Tönen nach. Und dann bietet sich ihm eine ungewohnte Szene: Er sieht den älteren Herrn in altmodischen Kleidern auf dem Schiffsanleger, vor ihm ein Klapptisch mit einem Tannenzweig und einer Kerze. Der einsame Spieler schaut auf, entdeckt ihn und lädt ihn höflich ein, sich doch zu ihm zu setzen und einen Becher Wein mit ihm zu trinken. Er hat ein unrasiertes aber freundliches Gesicht, und es herrscht eine eigenartige Stimmung. Die beiden sitzen nun zusammen, und alle Unruhe fällt von ihnen ab. Schweigend blicken sie auf die Wasserfläche vor sich, und der Einsiedler sagt: „Eigentlich bräuchte es gar kein Alleinsein zu geben. Man muss nur den Mut haben, aufeinander zuzugehen.“ „Aber wenn man doch seine Ruhe haben will?“ sagt der andere daraufhin. Der Mann neben ihm nickt bedächtig mit dem Kopf und antwortet: „Sicher, seine Ruhe, die braucht man wohl. Aber die Unruhe in uns, die macht uns hart und bitter. Die wird uns erst genommen, wenn wir wieder zueinander finden.“ Und der Besucher denkt: „Oder vielleicht zu Gott!“ Denn das hat er plötzlich verstanden.

Amen.

nach der Erzählung von Hinrich C.G. Westphal, „Flötenspiel über der Alster – Einen ungestörten, produktiven Abend verleben“, in: Wie schön leuchtet der Morgenstern, Erzählungen zwischen Advent und Neujahr, Hamburg, 1991, S. 8ff

Keine Gewalt!

Predigt über Lukas 3, 3-14.18: Die Predigt Johannes des Täufers

3. Sonntag im Advent, 15.12.2019

Lukas 3, 3- 14. 18

3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben!

5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.
6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«
7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.
9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun?
11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.
12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun?
13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!
14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
18 Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihm das Heil.

Liebe Gemeinde.

Bewaffnete Menschen flößen uns normalerweise einen gewissen Respekt ein, wenn nicht sogar Angst. Bei uns sind das Polizisten und Soldaten. Aber auch Sicherheitskräfte, Jäger und Schützen dürfen Waffen tragen. Sie benötigen dafür zum Glück eine Erlaubnis, der zivile Waffenbesitz wird in Deutschland streng kontrolliert. Seit 1970 ist es das Bestreben der Politik, „möglichst allen Bürgern in allen Regionen zu verwehren, sich zu bewehren.“ So formulierte es der damalige Hamburger Regierungsdirektor Siegfried Schiller, denn „schon der bloße Waffenbesitz könne ganz ohne Hintergedanken zu einer Gefahr für die Allgemeinheit werden.“ Er hielt eine rigorose Reglementierung für vertretbar, und so kam es dann auch. Heutzutage beruft Deutschland sich darauf, eines der strengsten Waffengesetze weltweit zu haben. Es wurde in den letzten Tagen sogar noch verschärft und regelt den Erwerb, die Lagerung, den Handel, den Besitz und die Instandsetzung von Waffen, insbesondere von Klingen- und Schusswaffen sowie Munition. Auch definiert es verbotene Waffen und verbietet deren Besitz und Inverkehrbringen. Denn eine bewaffnete Person ist derjenigen, die waffenlos ist, überlegen, sie kann gefährlich werden und großes Unheil anrichten.

Und das war schon immer so, auch zurzeit Jesu. Um die Herrschaft der Römer im Alltag zu sichern, waren z.B. die römischen Soldaten bewaffnet. Außerdem gab es jüdische Soldaten, die zur Verteidigung der Festungen am unteren Jordan zahlreich waren. Und die nutzten ihre Überlegenheit tatsächlich aus. Nicht selten schikanierten und misshandelten sie das Volk, erpressten Schutzgelder oder Geschenke und sorgten für Verunsicherung. Sie waren offensichtlich kaltherzig und gierig, übten Macht aus und nahmen keine Rücksicht auf das Wohlergehen ihrer Mitmenschen.

Doch erstaunlicher Weise waren auch sie mit vielen anderen Menschen zu Johannes dem Täufer gekommen. Der hatte lange Zeit zurückgezogen in der Wüste gelebt hatte, abseits des weltlichen Geschehens, ganz auf Gott ausgerichtet. Eines Tages trat er dann aber auf und predigte im Stil der alten Propheten. Er rief zu Buße und Umkehr auf und kündigte das Kommen des Gottesreiches an. Er stand am Ufer des Jordans gegenüber von Jericho, und unzählige Menschen gingen zu ihm, um ihn zu hören. Wer seiner Botschaft folgte und seine Sünden bekannte, ließ sich von ihm taufen. Johannes vollzog die Taufe durch Eintauchen ins fließende Wasser, und sie bedeutete eine symbolische Reinigung. Wie die großen Propheten des Alten Testamentes erregte er also die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, und die Volksscharen setzten sich in Bewegung. Auch die Soldaten folgten wie gesagt seinem Ruf.

Dabei war seine Predigt keineswegs angenehm. Er verstand sich als Wegbereiter des kommenden Messias, für den alles beseitigt werden musste, was „uneben“ und gottlos war. Er beschimpfte viele seine Hörer sogar und entlarvte jede unehrliche Gesinnung und Falschheit. Er nannte sie „Schlangenbrut“, und damit meinte er alle, die Böses oder Tödliches um sich verbreiteten. Sie sollten ihre Gesinnung ändern und mit ihren Taten beweisen, dass sie Gottes Wille verstanden hatten. Sonst würden sie beim Gericht Gottes, das nach der Meinung des Täufers nahe bevor stand, wie ein unfruchtbarer Baum „abgehauen“.

Und auf diese Drohung reagierten die Hörer. Sie fragten betroffen, was zu tun sei. Johannes beantwortete ihre Fragen und konnte sie so auf den rechten Weg bringen. Für jeden und jede hatte er einen Rat. Drei Beispiele werden hier genannt: Die Reichen sollten ihre Habe teilen. Die Zöllner – das waren Abgabenpächter, die für die Römer arbeiteten – sollten die Anweisung der Obrigkeit nicht zu ihren Gunsten übertreten. Sie sollten sich vielmehr soldarisch mit ihren Mitmenschen zeigen. Und die Soldaten sollten ihre Macht nicht missbrauchen, um sich zu bereichern, sondern sich mit ihrem Sold zufrieden geben. Diese drei Gruppen werden hier genannt, aber Johannes hatte sicher auch für alle anderen konkrete Vorschläge, wie sie Gottes Willen beherzigen konnten. Es wird zusammengefasst mit dem Satz: „Mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihm das Heil.“

Seine Botschaft lautete: Widersteht der Versuchung, einander zu unterdrücken oder auszunutzen, achtet einander, tut Buße, kehrt um und schafft Frieden. Auch uns gilt dieser Aufruf, und es ist gut, dass wir ihn immer wieder hören. Denn obwohl wir hier in Deutschland strenge Waffengesetzte haben und so schnell niemand auf der Straße durch eine Schusswaffe umkommt, tun wir einander oft nichts Gutes und üben viel Gewalt aus. Bertold Brecht hat das einmal so gesagt: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur wenige davon sind in unserem Staate verboten.“

Wir sollten uns also alle angesprochen fühlen und uns fragen, wann und wo wir unsere Macht missbrauchen und anderen Menschen Angst machen. Es passiert öfter als wir ahnen, und zwar immer dann, wenn wir die Schwächen unserer Mitmenschen ausnutzen. Das kann durch körperliche Überlegenheit geschehen, dadurch, dass wir ein Geheimnis über jemanden wissen, das niemand erfahren soll. Wir können den Ruf von jemand anderem ruinieren, ihn ausgrenzen und missachten. Man spricht auch von „den Waffen der Frau“, d.h. wir können andere Menschen täuschen und verführen. Verboten ist das alles nicht.

Aber es ist auch nicht das, was Gott will. Johannes der Täufer legt uns hier eine ganz eindeutige Ethik vor, und es gut, wenn wir die beachten: Er ruft uns zu einer kritischen Auseinandersetzung mit unserem eigenen Verhalten und Denken auf, und das Ziel ist ein Sinneswandel. Wir sollen unsere Sünden bekennen, Buße tun, umdenken und neu anfangen.

Die Frage ist allerdings, wie wir das hinbekommen. Natürlich bemühen wir uns immer wieder darum gut zu sein, aber viele scheinbar harmlose „Unebenheiten“ sind nicht so einfach zu begradigen. In Ehen und Familien haben sich z.B. oft bestimmte Verhaltensmuster eingeschlichen, die ein soziales Gefälle bedeuten. Es ist klar, wer der Stärkere und wer der Schwächere ist, aber wir gewöhnen uns daran, auch an das Leid, das damit einhergeht. Viele tragen es schweigend und wehren sich nicht mehr. Im Kollegen- oder Freundeskreis kann es das auch geben, und selbst wenn wir es ändern wollten, so ist das nicht so einfach. Es klingt ja auch sehr nach einem erhobenen Zeigefinger, so als ob wir durch eigene Anstrengung besser werden sollen.

Doch so ist das, was Johannes der Täufer predigte, nicht gemeint. Um es richtig zu verstehen, müssen wir noch einmal darüber nachdenken, was es mit der „Wegbereitung“ auf sich hat. Das ist ja sein Anliegen, d.h. Johannes will, dass wir das Kommen Jesus vorbereiten, das wir zu Weihnachten feiern. Und das bedeutet nicht, dass wir nun aus eigener Kraft in unserem Leben aufräumen und unser Miteinander neu ordnen. Wir sollen uns vielmehr auf Jesus ausrichten, und das heißt, unsere Blickrichtung ändern. Dabei lassen wir ganz von selber von vielem ab, das uns gefangen hält. Wir steigen aus unseren Gewohnheiten aus und lassen uns von dem Ziel, auf das wir zugehen, bereits anrühren. Wir öffnen eine Tür in unserem Geist, und dadurch empfangen wir Jesus bereits. Wir spüren seine Nähe und die kann wirken. Von der Krippe geht jetzt schon eine Kraft aus, die uns verändern kann. Johannes der Täufer fordert uns nicht dazu auf, durch unsere Werke gerecht zu werden. Er warnt uns nur vor Tatenlosigkeit. Wir können unser Heil verspielen, wenn wir nicht aufpassen. Es geht ihm nicht um das Tun, sondern um ein neues Sein. Und um das zu verwirklichen, dürfen wir jetzt schon auf die Hilfe Christi vertrauen.

Davon handelt eine kleine Geschichte von Max Bolliger, einem Kinderbuchautoren der Schweiz. Er ist 1929 geboren und trat erstmals zu Beginn der 1950er Jahre mit Gedichten und Erzählungen für Erwachsene in Erscheinung. Er wechselte dann aber zum Kinder- und Jugendbuch. Die folgende Geschichte ist allerdings für Kinder und Erwachsene gleichermaßen schön und aussagekräftig. Sie heißt:

„König, Bauer und Knecht“, (In heiliger Nacht, Weihnachtliche Worte und Weisen, Freiburg, Bassel, Wien, 2008,  S. 99f)

In der Nähe Betlehems lebten vor zweitausend Jahren ein König, ein Bauer und ein Knecht.
Wenn der König auf seinem Pferd durch die Straßen ritt, fiel der Bauer vor ihm auf die Knie und küsste den Saum seines Gewandes. Wenn der Bauer auf seinem Esel über die Felder ritt, verneigte sich der Knecht und nahm seinen Hut vom Kopf. Wenn aber der Knecht jemandem begegnete, wurde er von niemand gegrüßt. Nur ein kleiner herrenloser Hund… wollte nicht mehr von ihm weichen.
Wenn der König schlechter Laune war, ließ er den Bauern für einen Tag ins Gefängnis werfen. Wenn der Bauer zu viel getrunken hatte, rief er den Knecht und ließ ihn am Feiertag Holz hacken. Wenn der Knecht unglücklich war, pfiff er dem kleinen herrenlosen Hund und schlug ihn mit dem Stock.
So fürchtete sich der Bauer vor dem König, der Knecht vor dem Bauern und der Hund vor dem Knecht.
Aber auch der König fürchtete sich. Er fürchtete sich vor dem Tod.
Der König verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Bauern zu spielen. Der Bauer verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Knechtes zu spielen. Der Knecht verbot seinen Kindern, mit dem kleinen herrenlosen Hund zu spielen.
So fürchteten sich die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes nicht vor dem Tod, nicht vor einem König, nicht vor einem Bauern und nicht vor einem Knecht. Sie fürchteten sich vor der Strafe. Die Kinder waren traurig, denn sie vermochten zwischen dem Kind eines Königs, dem Kind eines Bauern und dem Kind eines Knechtes keinen Unterschied zu erkennen.
Eines Tages aber stand über Betlehem ein leuchtender Stern. In einem Stall mitten auf dem Feld war Christus geboren …
Ohne dass einer vom andern wusste, machten sich der König, der Bauer und der Knecht auf, das Kind zu suchen.
Als sie einander vor dem Stall mitten auf dem Feld trafen, waren sie verlegen.
Aber Maria, die das Kind geboren hatte, lächelte ihnen zu und bat sie näher zu treten.
Und als sie das Kind in der Krippe erblickten, erfüllte sie plötzlich eine große Freude…
Sie knieten nieder und beteten es an.
„Nimm mir die Angst vor dem Tod“, bat der König.
„Nimm mir die Angst vor dem König“, bat der Bauer.
„Nimm mir die Angst vor dem Bauern“, bat der Knecht.
Da fing das Kind an zu weinen, weil es ahnte, dass es für den König, den Bauern und den Knecht einst am Kreuze sterben würde.
Am frühen Morgen kehrten die drei Männer gemeinsam nach Hause zurück, der König in sein Schloss, der Bauer auf seinen Hof und der Knecht in seine Hütte.
Nun wusste einer um des andern Angst, doch der Glaube an das Kind schenkte ihnen die Kraft, sie zu überwinden.
Am folgenden Tag aber spielten die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes zusammen mit dem kleinen herrenlosen Hund. Auch er brauchte sich nicht mehr zu fürchten.

Amen.

 

Wachet und seid bereit!

Predigt über Mattthäus 25, 1-. 13: Von den klugen und törichten Jungfrauen

Ewigkeitssonntag, 24.11.2019, Lutherkirche Kiel

Matthäus 25, 1- 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.
2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.
4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.
5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.
9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.
10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf!
12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: aIch kenne euch nicht.
13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Liebe Gemeinde.

Wir müssen uns im Leben ständig entscheiden. Manchmal haben wir dafür viel Zeit, manchmal weniger. Gelegentlich muss es sogar in Sekundschnelle erfolgen, wie z.B. bei einem Fußballspiel. Meistens haben die Spieler nur einen Augenblick, um zu entscheiden, was sie mit dem Ball machen, der zu ihnen kommt. Sie müssen ständig wachsam sein.

Wenn es darum geht, mit wem wir leben oder welchen Beruf wir wählen, haben wir mehr Bedenkzeit. Und das ist auch gut so, denn das sind schwerwiegende Entscheidungen. Aus ihnen folgt, wie unser Leben in den nächsten Jahren weitergeht, und was aus uns wird.

Natürlich gibt es auch im Alltag ständig Entscheidungssituationen: Wofür gebe ich mein Geld aus? Was mache ich in meiner Freizeit? Was esse ich, was ziehe ich an? Vieles davon ist nicht besonders folgenschwer, aber es muss trotzdem beschlossen werden.

Und dann gibt es unzählige Situationen und Erlebnisse, in denen müssen wir entscheiden, wie wir uns dazu verhalten wollen, ob wir uns z.B. ärgern oder ruhig bleiben, glauben oder zweifeln, traurig sind oder uns freuen. Unsere Einstellung zum Leben, unser Bewusstsein und unser Denken unterliegen ebenfalls unserem eigenen Wollen.

Darauf bezieht sich das Gleichnis, das wir eben gehört haben, und es weist von vorne herein in eine Richtung: Es will uns zur Freude einladen, zum Glauben und Hoffen, und fragt uns, ob wir dazu bereit sind.

Es gehört zu der sogenannten Endzeitrede Jesu, zu seinen letzten Worten (Matthäus 24+ 25) . Er will seinen Jüngern mit dieser Rede sagen, welche Ereignisse am Ende der Zeit über sie hereinbrechen werden. Dazu gehören schlimme Katastrophen und die Auflösung der gesamten Weltordnung. Das Ziel ist allerdings nicht die Zerstörung, sondern die Ankunft des „Menschensohnes“ – wie Jesus sich selber nennt – d.h. sein Wiederkommen als von Gott gesandter Weltenherrscher. (Mt. 24, 29f) Jesus ging davon aus, dass all das zu Lebzeiten der Jünger noch geschehen würde. Deshalb gab er ihnen Anweisungen, wie sie sich dann verhalten sollen. Diese Absicht steht also auch hinter dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen.

Jesus vergleicht darin sein Erscheinen mit einer Hochzeitsfeier. Zehn Mädchen warten darin zusammen mit der Braut auf den Bräutigam, um ihn mit brennenden Lichtern zu empfangen. Ihre Aufgabe ist es, das Paar mit den hellen Lampen in das Haus des Bräutigams zu begleiten, wo dann die Hochzeit gefeiert wird. Für ihre Lampen brauchen sie Öl, und das reicht natürlich nur für eine begrenzte Zeit. Da nun nicht klar ist, wann genau der Bräutigam kommen wird, ist es „klug“, nicht nur die Lampen, sondern auch einen Ölvorrat dabei zu haben. Fünf von ihnen sorgen dafür, die anderen fünf versäumen es. Und das ist „töricht“, denn der Bräutigam lässt so lange auf sich warten, dass sie alle einschlafen und ihre Lampen vor seiner Ankunft verlöschen. Die Klugen können sie dank ihres mitgebrachten Öls wieder entzünden, die Törichten dagegen müssen schnell noch etwas kaufen. Aber dadurch verpassen sie die Ankunft des Bräutigams. Sie nehmen nicht an dem Hochzeitszug teil und kommen zu spät zu dem Fest. Sie stehen vor verschlossener Tür und werden auch nicht mehr hineingelassen. Der Bräutigam verleugnet sie sogar und sagt sich von ihnen los. Sie werden von ihm brutal abgewiesen mit den Worten: „Ich kenne euch nicht.“

Das Gleichnis endet also recht düster, wenn nicht sogar tragisch, denn natürlich ist damit eine Gerichtssituation gemeint. Wenn wir die Geschichte auf die Ankunft Jesu beziehen, heißt das, dass nicht alle gerettet werden, es gibt ein Zuspät. Jesus warnt uns davor, dass es Verlierer und Gewinner geben wird, Teilnehmende und Ausgeschlossene.

Und das klingt hart, wir hören es nicht gern. Es scheint auch der Botschaft der Nächstenliebe zu widersprechen: Hat Jesus nicht an anderen Stellen gesagt, dass alle zu ihm kommen können und gerettet werden? Warum macht er hier diese Unterscheidung? Das müssen wir uns fragen.

Und dabei hilft uns der Gedanke, dass es gar nicht erst Jesus ist, der uns zu einer Entscheidung auffordert, sondern das führt das Leben bereits mit sich. Es geht hier nicht in erster Linie um die Abweisung der törichten Jungfrauen, sondern um den letzten Satz, der lautet: „Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ Es lohnt sich, wenn wir den befolgen, denn er ist eine Einladung zur Freude. Dafür ist das Hochzeitsfest ein Symbol, und die Frage an uns lautet: Können und wollen wir uns freuen, ganz gleich, was geschieht?

Das ist natürlich eine Provokation, besonders heute, am Ewigkeitssonntag. Denn wir hören nicht nur die Verheißung Gottes, wir denken auch an die Lieben, die wir durch den Tod verloren haben. Das macht uns traurig, wir leiden und sind schwermütig. Genauso geht es uns, wenn wir an die eigene Todesstunde denken. Können wir uns darauf freuen? Und sind wir darauf vorbereitet? Der Tod kommt uns meistens doch eher wie ein dunkles Loch vor, in dem man versinkt. Freude kommt bei dieser Vorstellung kaum auf. Im Gegenteil, wir sind niedergedrückt und haben Angst.

Doch genau das kann sich ändern, denn wie wir uns gegenüber einem traurigen Ereignis verhalten wollen, können wir selber entscheiden. Oft ist unser Glaube in seiner Leuchtkraft verblasst. Wir sind eingeschlafen, wie die Mädchen in unserem Gleichnis. Wir haben zwar irgendwo im Hinterkopf noch die Ahnung, dass es vielleicht etwas gibt, worauf wir hoffen könnten, aber von einem lebendigen Schwung der Freude ist unser Glaube oft nicht getragen. Er schläft.

Es gilt also, dass wir aufwachen und uns bereiten. Und das kann durchaus in einer Stunde oder Zeit geschehen, die wie eine Krise ist. Gerade dann kann sich alles verändern, die verborgene Hoffnung kann zum Leuchten kommen und uns neu beleben.

Dazu – sagt dies Gleichnis – ist Öl in den Gefäßen der Freude nötig: die Glaubenskraft, die uns erfüllt, in der wir nicht nach uns fragen, sondern nach dem, der auferstanden ist und in Ewigkeit lebt. Wir müssen uns nur für ihn entscheiden. Und natürlich tun das nicht alle. Die Schar der Zehn zerfällt hier in zwei Gruppen. Es ist ein Bild dafür, dass es zwei verschiedene Weisen gibt, wie wir uns gegenüber Jesus einstellen. Die Klugen sind die, die für ihn offen sind, den Törichten sind andere Dinge wichtiger. Vielleicht ist der praktische Lebensvollzug, die Geschäftigkeit oder die Ablenkung. Es gibt vieles, wodurch der Glaube ins Hintertreffen gerät.

Und wenn das so ist, kann es am Ende tatsächlich ein Zuspät geben. Und dabei müssen wir gar nicht nur an das Ende der Welt denken, denn das hat sich ja ganz offensichtlich verzögert. Kaum jemand denkt daran und ändert deshalb sein Leben. Im Gegenteil, wir fühlen uns sicher und verhalten uns so, als würde alles immer weiter gehen.

Doch das ist auch ohne Endzeitgefühle ein Irrtum, denn unsere ganz persönliche Todesstunde kommt bestimmt. Auch Krisen und Verluste bleiben nicht aus. Und darauf gilt es, zu reagieren. Wie wollen wir das tun? Das Gleichnis lädt uns zum Glauben ein, und dazu haben wir immer eine Chance, ganz gleich, wo wir im Leben gerade stehen. Ein Zuspät gibt es erst in der allerletzten Sekunde, vorher nicht. Es ist nur wichtig, dass wir die Entscheidungsstunde, die alles ändert, als solche erkennen. Sie kann jederzeit kommen, am Anfang unseres Lebens, in der Mitte und auch noch gegen Ende. Vielleicht ereignet sie sich, weil wir von außen angerührt werden. Es kann aber auch von innen her kommen. Plötzlich und überraschend werden wir von der Sinnfrage unseres Lebens überfallen, erfahren ihre Lösung und eine tiefe Geborgenheit. Es ist ein Augenblick, in dem wir unser Leben nicht nur in unseren menschlichen Beziehungen und weltlichen Gegebenheiten sehen, sondern wir spüren, dass es noch viel mehr gibt. Zu der Horizontalen kommt die Vertikale, von der wir angerührt werden und die uns ruft. Wir werden von der Gegenwart des kommenden Herrn überwältigt und merken: Unser Leben ist in seinen Händen. Und dann sind wir aufgefordert, zu antworten. Wir werden geweckt und sollen unsere „Lampen anzünden“.

Natürlich ist dadurch nicht sofort die Freude da, es ist nicht von heute auf morgen plötzlich alles gut. Nach dem Tod eines Angehörigen gibt es eine Zeit der Trauer, und die muss auch sein. Wir können und sollen das nicht verdrängen. Ebenso normal ist es, dass das Wissen um unsere Vergänglichkeit uns bedrückt. Die Frage ist bloß, in welche Richtung bewegen wir uns? Wo soll es hingehen? Wollen wir in der Trauer oder der Angst verharren? Das ist die Entscheidung, die es zu fällen gilt, und wir sind eingeladen, Jesus in unserem Leben zu empfangen. Dann wird ein Prozess in Gang gesetzt, der uns langsam ins Licht führt. Er selber hilft uns dabei, denn wir begleiten ihn zu seinem Freudenfest.

Nun kann es sein, dass wir Menschen an unserer Seite finden, die den Glauben wie selbstverständlich bei sich haben. Dann scheint es nahe zu liegen, sie an das Gebot christlicher Nächstenliebe zu erinnern und sie zu bitten: „Gebt uns von eurem Glauben etwas ab.“ Doch das ist nicht möglich. Andere können zwar für uns beten und vor Gott für uns einstehen, aber jede und jeder muss sich letzten Endes selber entscheiden. Und es ist gut, wenn wir das nicht zu spät tun und am Ende zu den Törichten gehören. Es wäre vielmehr schön, wenn wir in unserer Todesstunde den Eingang in die Ewigkeitsfreude gewinnen, und unser Leben auch vorher schon davon durchdrungen ist.

Es gibt dazu eine schöne Erzählung von Werner Bergengruen: Ein Ritter war in eine Kapelle geraten, wo er eine Stimme hört, die sagt: „Nach sechs.“ Tief erschreckt erkennt er darin eine Ankündigung seines Todes und denkt, dass „nach sechs Tagen“ gemeint war. Er hält das für die Frist, die ihm gelassen ist, und benutzt sie, um sein Leben zu ordnen. Er versöhnt sich mit seinen Widersachern, hilft mit seinen Mitteln und Möglichkeiten Bedürftigen und lebt in innerer Sammlung vor Gott. Als aber nach sechs Tagen sein Leben nicht zu Ende gekommen ist, denkt er: Es waren wohl sechs Monate gemeint. Der Ritter hat also noch mehr Zeit, und was macht er nun? Natürlich behält er die neu gewonnene Lebensführung bei. Selbst als er später „nach sechs Jahren“ hört, bleibt er dem Glauben treu. Die Warnung war ihm Herausforderung zu seiner Lebensumwandlung geworden.

So ist das „Wachet“, auf das unser Gleichnis hinausläuft, gemeint. Es fordert uns auf, in der Nachfolge Jesu zu leben und der Trägheit zu widerstehen. Wir sind jederzeit gerufen, uns klar für Gott zu entscheiden, denn wir können nie mit Gewissheit sagen, wann unsere Todesstunde kommt. Und dabei müssen wir keine Angst haben, denn wir sind gleichzeitig zur Freude eingeladen. Gott hält seine Herrlichkeit für uns bereit. Wir müssen uns nur mit Christus verbinden, dann wird sich unsere Freude vollenden. Zu ihr will Christus uns führen. Anstatt über das drohende Zuspät zu erschrecken, dürfen wir hoffen und wissen, dass wir mit ihm leben werden und in Ewigkeit geborgen sind.

Amen.

„Ermuntert euch ihr Frommen, zeigt eurer Lampen Schein! Der Abend ist gekommen, die finstre Nacht bricht ein. Es hat sich aufgemachet der Bräutigam mit Pracht. Auf, betet, kämpft und wachet! Bald ist es Mitternacht.“ (EG 151, 1)

Der Predigt liegt eine Meditation von Heinz-Günther Klatt zu Grunde, die ich teilweise auch zitiert  habe. Sie ist zu finden in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe I,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag, Göttingen, 1991, S. 333ff.

Bewahrt, was Gott euch anvertraut hat

Predigt über 1. Mose 8, 18- 22: Die Zusage Gottes an Noah

20. Sonntag nach Trinitatis, 3.11.2019, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 8, 18- 22

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Liebe Gemeinde.

Spätestens seit der Bewegung „Fridays for future“ ist das Wissen über die Klimaproblematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fast alle reden darüber, dass die Erderwärmung unseren Planeten und unser Leben bedroht, und dass sich etwas ändern muss. Die Meeresspiegel steigen, und ganze Landstriche sind von Trockenheit oder Überschwemmung bedroht. Die Warnungen der Wissenschaftler, die das alles voraussagen, kann niemand mehr überhören. Und es ist auch klar, dass das kommende Unheil von uns Menschen gemacht ist. Es ist keine Naturgewalt, sondern ist die Folge unserer Lebensweise. Wir tragen die Verantwortung dafür, ob die Umwelt zerstört wird oder erhalten bleibt.

Diese Einsicht ist allerdings nicht neu, wir finden sie bereits in der Bibel. Die Geschichte von der Arche Noah ist dafür ein sehr eindrückliches Beispiel. Sie handelt davon, wie vor Urzeiten einmal eine Sintflut über die Erde kam und fast alles Leben zerstörte. Wissenschaftler sind sich heutzutage sicher, dass es diese Flut wirklich gab. Das Schwarze Meer nahm dadurch seine jetzige Form an. Die Ursache war ein gewaltiger Wassereinstrom aus dem Mittelmeer, der sich ungefähr 6300 Jahre vor Christus ereignete. Funde von Muscheln und Schnecken haben zu dieser Erkenntnis beigetragen. Die große Flut vertrieb einige Zehntausend Menschen, es war eine fruchtbare Katastrophe. So ist es naheliegend, dass die Menschen damals darin ein Strafgericht Gottes sahen. Das konnte nur von ihm kommen, so erzählt es nicht nur die Bibel, auch aus Babylonien gibt es eine ähnliche Überlieferung.

Die biblische Sintflutgeschichte beginnt damit, dass Gott die Bosheit der Menschen satt hatte und mit der Schöpfung noch einmal von vorne anfangen wollte. Er brauchte dafür nur eine kleine Gruppe von Menschen und Tieren, und er wählte Noah und seine Familie. Wen er in seine Arche aufnahm, wurde gerettet, und aus diesem Rest entstand die neue Weltzeit, in der wir heute leben. Am Ende bekundet Gott seinen Willen, ihren Erhalt zu garantieren. Er wird in Zukunft Gnade und Nachsicht walten lassen. Sein Zorn ist verraucht, er offenbart seinen Heilswillen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das ist seine Zusage.

Und damit wird deutlich, dass es nicht an Gott liegt, wenn die Erde noch einmal untergeht, auf ihn Verlass. Der Mensch ist dafür verantwortlich, dass das Chaos nicht wieder alles verschlingt. Es gilt der ursprüngliche Auftrag aus der Schöpfungsgeschichte: „Macht euch die Erde untertan“, (1. Mose 1,28) d.h. nutzt sie, aber übernehmt Verantwortung. Bewahrt, was ich euch anvertraue, und sorgt dafür, dass es erhalten bleibt. Noah gehorchte diesem Auftrag. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, baute er einen Altar und dankte Gott. Er fürchtete ihn und lebte so, wie Gott es von ihm erwartete.

Und dazu sind auch wir aufgefordert. Die Geschichte will uns an unsere Verantwortung für die Schöpfung erinnern, daran, das Leben zu schützen, friedlich, demütig und gottesfürchtig zu sein.

Doch genau das scheint uns nicht zu gelingen. Der Mensch ist damit offensichtlich überfordert. Es sieht so aus, als ob es zu schwer ist, die Umwelt zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. Woran liegt das? Das müssen wir uns fragen. Denn wenn wir nicht umdenken und umkehren, bekommen wir die Probleme nicht mehr in den Griff. Lasst uns als darüber nachdenken, welche Schritte helfen können, damit wir die gute Ordnung Gottes nicht länger durcheinander bringen.

Und dazu gehört es als erstes, dass wir uns auf ihn verlassen, uns ihm anvertrauen und an seine Zusage glauben. Oft denken wir nicht an Gott. Unsere Lebensweise ist säkular und weltlich, wir sind selbstherrlich und hochmütig geworden. Uns treibt ein unstillbarer Hunger nach immer mehr, die Gier, möglichst alles zu bekommen, was wir uns wünschen. Und das macht uns dumm und kurzsichtig. Wir kümmern uns nicht mehr um die Folgen unseres Handelns.

Wenn wir uns dagegen Gott anvertrauen und seine Macht anerkennen, ändert sich das. Wir sind dann eingebettet in seine Ordnung, werden demütig und bescheiden. Wir brauchen nicht mehr alles, sondern können getrost den einen oder anderen Wunsch loslassen. Und dadurch wird auch unser Blick klarer. Wir gewinnen Einsicht und werden klug. Das ist der erste Schritt.

Als zweites entsteht aus dieser Veränderung unseres Bewusstseins ein neues Handeln. Es ist gar nicht mehr so schwer, Verantwortung zu übernehmen und an dem mitzuwirken, was dem Erhalt der Schöpfung dient. Dazu hat jeder und jede die Möglichkeit. Es kann in unserem Alltag beginnen, in unserer nächsten Umwelt. Was und wieviel wir verbrauchen, können wir selber entscheiden. Und je mehr Menschen so bewusst handeln, umso effektiver wird es. Natürlich können wir als Einzelne nur wenig verändern, aber viele einzelne Menschen ergeben eine große Menge mit einer starken Wirkung. Es gilt der schöne Spruch von Stephan Zweig: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Das ist der zweit Punkt, den wir beherzigen sollten.

Und als drittes ist noch wichtig, dass Gott uns nicht allein gelassen hat. Er hat uns zwar in die Verantwortung entlassen, aber er weiß um unsere Schwäche und Fehlbarkeit. Deshalb hat er uns einen Beistand geschickt, seinen Sohn Jesus Christus. Und der hat bereits etwas von der neuen Welt Gottes, die eines Tages kommt, heraufgeführt. Die ist nach wie vor das Ziel des Handelns Gottes. An vielen Stellen in der Bibel ist davon die Rede, sowohl im Alten wie im Neuen Testament: Gott wird in einer unbestimmten Zukunft diese Welt zu Ende gehen und sein Reich anbrechen lassen. Den Kosmos, wie wir ihn kennen, ist nicht alles, was es gibt. Wir dürfen vielmehr davon ausgehen, dass es noch eine unsichtbare Welt gibt, eine Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit. Jesus Christus ist ihr Bote, er hat sie uns eröffnet, denn er hat die engen Grenzen unseres Daseins gesprengt, er ist von den Toten auferstanden. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Bei ihm finden wir ein Leben, das niemals aufhört, in dem der Tod nicht mehr herrscht. Wir müssen nur daran glauben und auf ihn vertrauen.

Und das brauchen wir genauso wie Demut und sittliche Kraft: Wir brauchen die Zuversicht, dass uns letzten Endes nichts zerstören kann, dass die Mächte der Finsternis besiegt sind und wir an der Ewigkeit Anteil haben.

Lasst uns deshalb auf die Zusage Gottes vertrauen, unsere Verantwortung für die Welt wahrnehmen und auf Jesus Christus blicken, der uns zu all dem befähigt.

Amen.