Lobet und preiset den Herrn

Predigt über EG 514: Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!

Sommerpredigt IV, 1.8.2021, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Evangelisches Gesangbuch Nr. 514:

  1. Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf! Halleluja,
    Lasst brausen hoch zum Himmel auf: Halleluja!
    Du Sonne hell mit goldnem Strahl, Halleluja,
    Mond leuchtend hoch vom Himmelssaal, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  2. Du Sturm, der durch die Welten zieht, Halleluja,
    du Wolke, die am Himmel flieht, Halleluja.
    Du Sommers junges Morgenrot, Halleluja,
    du Abendschein, der prächtig loht, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  3. Ihr Wasserbäche, klar und rein, Halleluja,
    singt euer Loblied ihm allein, Halleluja.
    Du Feuers Flamme auf dem Herd, Halleluja,
    daran der Mensch sich wärmt und nährt, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  4. Du, Mutter Erde, gut und mild, Halleluja,
    daraus uns lauter Segen quillt, Halleluja.
    Ihr Blumen bunt, ihr Früchte treu, Halleluja,
    die Jahr um Jahr uns reifen neu, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  5. Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, Halleluja,
    die ihr den Feind verzeihend schont, Halleluja.
    Ihr, die ihr traget schweres Leid, Halleluja,
    es Gott zu opfern still bereit, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  6. Du, der empfängt in letzter Not, Halleluja,
    den Odem mein, o Bruder Tod, Halleluja:
    Führ Gottes Kinder himmelan, Halleluja,
    den Weg, den Jesus ging voran, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  7. Ihr Kreaturen, singt im Chor: Halleluja!
    Hebt euer Herz zu Gott empor, Halleluja.
    Vater und Sohn und Heilgem Geist, Halleluja,
    dreieinig, heilig, hochgepreist, Halleluja,
    sei die Ehre, sei die Ehre! Halleluja.

Text: Karl Budde 1929
nach dem englischen »All creatures of our God and King« von William Henry Draper 1926
nach dem Sonnengesang des Franz von Assisi 1225
Melodie: Köln 1623

Liebe Gemeinde.

Der heilige Franz von Assisi hatte ein besonderes Verhältnis zur Kreatur. Er betrachtete die Schöpfung mit geöffneten Augen und nahm alles, was sich um ihn herum bewegte, in sein Herz auf. Berühmt geworden ist die Legende, wie er einmal den Vögeln eine Predigt hielt, als wären sie vernünftige Wesen: Sie hörten ihm aufmerksam zu, und er machte das Zeichen des Kreuzes über sie. Aber auch von seiner Liebe zu Lämmern und Wölfen wird erzählt, und sogar von den Würmlein, die er aufsammelte und in Sicherheit brachte, damit kein Wanderer sie zertrete. „Auf eine wundersame, andern verschlossene Weise fand er den Zugang in das Geheimnis der Dinge“, schrieb ein Augenzeuge.

Am prägnantesten spiegelt wohl der „Sonnengesang“ sein Verhältnis zur Kreatur wider. Es ist ein herrliches Loblied, das der Heilige selbst oft gesungen hat. Er nahm damit die Aufforderung des Psalmisten auf, „den Herrn zu loben“. Gleich im ersten Vers hat er es ausgesprochen, dass „der Preis, der Ruhm und die Ehre Gott allein zukomme, dessen Name kein Mensch würdig ist, auf die Lippen zu nehmen.“

Und im weiteren Verlauf zählt er auf, was Gott alles geschaffen hat: Er beginnt mit der Sonne und verherrlicht sie. Als „Schwester Sonne“ spricht er von ihr und betrachtet sie als ein Sinnbild des Allerhöchsten. Alle anderen Geschöpfe sieht er ebenso als seine Geschwister: den Mond und die Sterne, Wind, Wetter und Luft, Wasser und Feuer, die ganze Erde als Allmutter, samt den Früchten, Blumen und Kräutern. Auch die Menschen vergisst er nicht und lobt besonders die, die um der Liebe willen Verzeihung üben, ihr Leid ertragen und in Frieden verharren. Schließlich erhält sogar der Tod noch den Brudernamen. Und das letzte Wort ist wieder Lob, Preis und Dank „in großer Demut“.

Franziskus pries Gott also hauptsächlich durch die Energien, die diese Welt erfüllen: die Sonne, das Feuer, das Wasser, den Wind und die Erde. Auch die Liebe und die Leidensfähigkeit der Menschen sind Kräfte, die uns am Leben erhalten. Er lobte damit Gott als das Licht und den Ursprung des Lebens, und seinen Geist als die Quelle des Heils. Sogar den Tod konnte er begrüßen, weil er den Menschen und alle Lebewesen zu ihrem Schöpfer zurückführt. Dass er sich dichterisch ausdrückte, lag an seinem beschwingten Wesen. Er nannte sich einen „Spielmann Gottes“, weil die Worte und Melodien ihm eingegeben wurden.

Und so geht es vielen Menschen, die vom Glauben und von Gott erfüllt sind: Sie singen und dichten und rühmen Gott. Sie sind voller Freude und Fröhlichkeit und wollen die Botschaft, die sie erfüllt, in die Welt tragen. Dabei ist der Sonnengesang des Franz von Assisi mehrere Male eine Vorlage gewesen. Der alte italienische Text wurde übersetzt oder in anderen Sprachen nachgedichtet, damit man ihn leichter singen konnte. William Henry Draper war einer von denen, die das taten. Er lebte von 1855 bis 1933 in England und war ein Pfarrer und Liederdichter. 1926 schrieb er das Lied „All Creatures of our God and King“, das in vielen Kirchen in England bis heute gerne gesungen wird. Es ist sein berühmtestes Lied und eine gelungene Übertragung des Sonnengesangs.

Drei Jahre später übersetzte der Theologieprofessor Karl Budde, der in Straßburg und Marburg lehrte, dieses Lied dann ins Deutsche. Sein Hauptfach war zwar das Alte Testament, aber er hatte immer ein großes Interesse am Kirchenlied und am Gesangbuch. In verschiedener Hinsicht wirkte er daran mit. Auch Liedübersetzungen gehörten zu seinem Handwerk, und so entstand der Choral „Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!“. Seit 1995 steht es in unserem evangelischen Gesangbuch. Sowohl in Englisch als auch in Deutsch wird es nach einer Melodie aus dem 17. Jahrhundert gesungen.

Wie schon der Sonnengesang handelt es von der wahren Wirklichkeit der Schöpfung: Sie ist ein Gleichnis für die Größe und Liebe Gottes. Alles bildet ihn ab. Dabei liegt es diesem Lied fern, sich die anderen Lebewesen Untertan zu machen und über sie zu herrschen. Es geht vielmehr um eine Verbrüderung mit allem, was lebt und uns Leben gibt.

Es ist deshalb sinnvoll, den Sonnengesang oder auch dieses Lied mehrmals vor sich hin zu lesen, ihn zu meditieren. Wir spüren dann, dass sich hinter allem Geschaffenen ein himmlisches Wohlwollen verbirgt, in das wir eintauchen können. Wir werden vorsichtiger und zärtlicher gegenüber allen Lebewesen, offener und rücksichtsvoller. Und das ist dringend nötig, damit die Natur erhalten bleibt und nicht alles zerstört wird.

Zum Glück ist das schon vor langem ein wichtiges Thema in der Christenheit geworden. Wir überlassen die „Bewahrung der Schöpfung“ nicht mehr nur Politikern, Naturschützerinnen oder den Jugendlichen von „Fridays für Future“. Auch die Kirchen denken, dass sie hier einen Auftrag haben.

Doch was bedeutet das? Und ist das so einfach? Wenn wir als Christen und Christinnen zum Umweltschutz aufrufen, entstehen doch viele Fragen: Ist das nicht viel zu moralisch und ideologisch gedacht? Und wo führt es uns hin? Vielen Umweltaktivistinnen wird ja vorgeworfen, dass sie ihre Ziele am liebsten mit Macht durchsetzen würden. Sie sind dogmatisch und manchmal sogar militant. Wenn sie konsequent wären, müssten sie unsre Grundrechte genauso einschränken, wie es durch die Pandemie geschehen ist: Alles, was die Umwelt zerstört, müsste verboten werden. Ein christlicher Ansatz ist das aber nicht. Wir versuchen es sanfter und friedlicher. Doch führt uns das wirklich zu dem gewünschten Erfolg? Ist unser Einsatz nicht eher aussichtslos?

Das sind die Fragen, die wir bei diesem Thema haben. Und darauf kann uns der Sonnengesang ein paar wunderbare Antworten geben.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Franziskus hier seine Freude an der Schöpfung zum Ausdruck bringt. Er ist ganz und gar positiv gestimmt, heiter und beschwingt, und dazu lädt er auch uns ein. Der Ausgangspunkt unsres Denkens und Handelns sollte immer diese Freude sein. Es gilt, auf das Schöne zu blicken, und nicht auf die Zerstörung. Nicht wütend, sondern frohgemut zu sein, nicht kämpferisch, sondern begeistert und von Liebe erfüllt.

Doch wie kann das nun gelingen? Das können wir uns ja nicht einfach so vornehmen, es geht nicht auf Befehl und ist keine Sache der Willensentscheidung. Wenn wir traurig sind, können wir nicht plötzlich auf Freude umschwenken, wenn wir uns ärgern, können wir nicht schnell mal eben friedlich werden.

Deshalb ist es wichtig, dass wir zunächst gar nicht an uns selber denken, sondern genauso wie Franziskus Gott an erste Stelle setzen. Nicht umsonst beginnt er seinen Gesang mit dem Lob Gottes. Er sagt am Anfang: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.“ In unserem Lied ist daraus der Refrain geworden: „Halleluja, singt ihm Ehre“.

Franziskus wusste immer, dass er selber nur ein Geschöpf ist. In den Strophen fünf und sechs seines Liedes kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. Da spricht er nämlich Dinge an, die für unser Empfinden gar nicht so gut in ein Lob auf die Schöpfung passen. Denn es geht darin um Liebe und Geduld und sogar um das Sterben. Karl Budde hat sie folgendermaßen übersetzt: „Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, die ihr den Feind verzeihend schont, ihr, die ihr traget schweres Leid, es Gott zu opfern still bereit, singt ihm Ehre!“ Und weiter heißt es:  „Du, der empfängt in letzter Not, den Odem mein, o Bruder Tod: Führ Gottes Kinder himmelan, den Weg, den Jesus ging voran.“ Hier wird deutlich, dass es Franziskus nicht um Schwärmerei für die Natur ging und auch nicht um ein Programm, sie zu bewahren. Er lädt vielmehr zur Leidensfähigkeit und zur Demut ein. Das war sein Weg, und er folgte damit Jesus Christus nach. In unserem Lied wird das aufgenommen, und Karl Budde richtet sich damit nach der englischen Vorlage. Franziskus hat Christus im Sonnengesang nicht erwähnt, aber natürlich dachte er an ihn. Er war ihm selber auch schon längst ähnlich geworden, hatte sich ganz hingegeben und in „seinen heiligsten Willen gefügt“. So drückt er es aus.

Und das ist der letzte Schritt, der uns helfen kann, den richtigen Weg zu gehen. Die meisten Probleme, die wir mit der Umwelt haben, gründen ja darin, dass wir uns nicht einfügen, nicht „geduldig“, „leidensfähig“ und „demütig“ sind. Stattdessen wollen wir immer irgendetwas. Wir beuten die Natur aus, weil es uns um unseren Wohlstand und unser Vergnügen geht, um Mobilität und Bequemlichkeit. Wir verdrängen den Tod und wollen alles aus dem Leben herauspressen, was es uns bieten kann. Und obwohl wir längst wissen, wie schädlich dieses Verhalten ist, kommen wir da nur schwer heraus.

Doch es gibt einen Weg, den wir einschlagen können: Wir müssen uns nur Jesus Christus anvertrauen. Er kann uns helfen, das zu ändern, indem er uns seine Kraft und Liebe schenkt. Er öffnet uns eine andere, ewige Wirklichkeit. Und wenn die uns erfüllt, werden wir ganz von alleine genügsam, friedlich und ruhig. Im Glauben an Jesus Christus und in der Nachfolge verliert die Vergänglichkeit ihre Schrecken und der Tod hat keine Macht mehr über uns. Wir müssen ihm nicht ausweichen, sondern können ihm gelassen entgegengehen. Und dadurch verschwinden Angst und Wut, genauso wie das Gefühl der Aussichtslosigkeit und Resignation. Die Rücksicht gegenüber allen Lebewesen kommt ganz von selber. Sie entsteht nicht im Kopf, sondern in unseren Herzen. Der Verzicht auf das eine oder andere, das der Umwelt schaden würde, fällt nicht schwer, weil wir von etwas anderem erfüllt sind, als dem Wunsch nach einer schnellen Befriedigung. Unsere Bedürfnisse nach Luxus und Abwechslung verschwinden, es muss nicht alles immer besser und weiter und interessanter werden. Wir wissen: Wir sind selber Geschöpfe in Gottes Hand. Und das führt uns in die Ruhe des Geistes. Aus ihr heraus handeln und leben wir, bleiben heiter und fröhlich. Christus schenkt uns diesen inneren Frieden. Er ist die Frucht eines starken Glaubens und Vertrauens.

Franziskus hat das in einer Weise und Intensität gelebt, wie vielleicht kein Christ und keine Christin vor oder nach ihm. Er erriet die Geheimnisse der Schöpfung, und er dachte an eine Heiligung aller Lebewesen. Er stellte sich eine Wiederkehr des Paradieses vor und verhielt sich entsprechend. Aus der Einfalt des Glaubens an Christus heraus verbrüderte er sich auf eine einzigartige Weise mit der Umwelt. Er lebte schon halb im Himmel, und hat ihn deshalb allen, die er traf, geschenkt.

So lasst auch uns danach streben, „Gott allein die Ehre geben“ und zärtlich und rücksichtsvoll gegenüber allem sein, was um uns herum lebt und sich bewegt.

Amen.

verwendete Literatur:
– Der Mann aus Assisi, Franziskus und seine Welt, Text Walter Nigg, Bilder Toni Schneider, Freiburg, Basel, Wien 1975, S. 28ff

Wolfgang Herbst (Hrg.), Wer ist wer im Gesangbuch, Göttingen 2001, S. 56 und 77

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