Der Glaube „versetzt uns in den Himmel“

Predigt über Epheser 2, 4- 10: Das neue Leben als Geschenk der Gnade

11. Sonntag nach Trinitatis, 15.8.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Epheser 2, 4- 10

4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –;
6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Liebe Gemeinde.

Zöllner waren in Israel zurzeit Jesu gefürchtet und gehasst, denn sie arbeiteten mit dem Feind zusammen, der römischen Besatzungsmacht. Von ihr pachteten sie die Zölle, die überall eingerichtet waren, auf Märkten, an Grenzen und Stadttoren. Von ihren Erlösen mussten die Zöllner einen bestimmten Betrag an die Römer abliefern. Was sie darüber hinaus einnahmen, verblieb ihnen als Gewinn. Damit hatten sie gute Möglichkeiten, sich zu bereichern.

Das alles führte dazu, dass sie verachtet und als Sünder angeprangert wurden. Die Frommen wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Sie sonderten sich von ihnen ab und diffamierten sie in der Öffentlichkeit. Und so kam es, dass die Zöllner aus dem gesellschaftlichen Leben zum großen Teil ausgeschlossen waren. Die Mehrheit der Bevölkerung mied den Umgang mit ihnen.

Nur Jesus verhielt sich anders: Er wendete sich ihnen zu, sprach mit ihnen und ließ sich sogar gelegentlich von ihnen einladen. Bei dem Zöllner Zachäus war er z.B. einmal zu Gast und saß mit ihm an einem Tisch. Und dessen Leben änderte sich durch diese Begegnung: Er bekehrte sich zu Gott, gab die Hälfte seines Besitzes für die Armen und folgte Jesus nach. (Lukas 19, 1- 10)

Den anderen Jüngern war es ähnlich ergangen: Auch sie hatten für Jesus alles verlassen und einen neues Leben begonnen. Und als Jesus nicht mehr da war, blieb das natürlich so: Alle, die von den Aposteln angesprochen wurden und zum Glauben an Jesus Christus kamen, änderten ihr Leben und fingen neu an. Denn es gab noch keine christliche Tradition, in die man hinein geboren werden konnte. Alle, die sich Christen nannten, waren vor noch nicht allzu langer Zeit zur Gemeinde gekommen und hatten sich taufen lassen. Sie waren frisch bekehrt.

Der Apostel Paulus hatte daran viel mitgewirkt. Die Briefe, die er schrieb, waren also alle an Menschen gerichtet, die erst seit Kurzem im Glauben standen. So war es auch bei den Ephesern, d.h. den Mitgliedern aus der Gemeinde in der Stadt Ephesus, die Paulus gegründet hatte. Die Epistel von heute ist ein Abschnitt aus dem Brief, den er später an sie schrieb. Das müssen wir uns vorstellen, wenn wir hören: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht.“  

Mit diesen Worten bezieht Paulus sich auf die Bekehrung und die Taufe und er führt aus, was für ein glückliches Ereignis sie im Leben eines Menschen darstellen. Es gibt für ihn nämlich einen deutlichen Unterschied zwischen der Zeit davor und danach. Er gebraucht dafür sogar sehr drastische Ausdrücke: Das Leben vor der Taufe ist für ihn gar kein richtiges Leben, es ist im Gegenteil wie „tot sein“. Wie kommt Paulus zu dieser bedeutungsschweren Beurteilung?

Um das zu verstehen, müssen wir noch weitere Aussagen in dem Briefabschnitt beachten. Und zwar erwähnt Paulus ja die Sünden. „In ihnen waren wir tot“, bevor wir getauft wurden. Das heißt, wir waren ihrer Macht unterstellt und von Gott getrennt. So muss man das Wort „Sünde“ hier verstehen. Paulus meint damit nicht einzelne moralische oder gesetzliche Verfehlungen, sondern die Entfremdung von Gott. Aus ihr werden wir durch Christus herausgeholt. Paulus spricht hier also von zwei Lebensweisen: Die eine führt in den Tod, die andere bedeutet dagegen Heil.

Das wird an den Sätzen deutlich, mit denen er das neue Leben beschreibt. Zunächst einmal ist es nicht von Menschen gemacht, sondern Gott hat es heraufgeführt. Denn er hat seinen Sohn Jesus Christus gesandt, damit er uns rette. Durch ihn ist eine neue Wirklichkeit da, die Gott geschaffen hat, weil er „reich ist an Barmherzigkeit“. Gott meinte es gut mit den Menschen, er wollte sie erlösen und heilen.

Das geschieht nun, wenn der Mensch sich zu Christus bekehrt und sich taufen lässt. Er wird dann sozusagen „in den Himmel versetzt“. Und das ist nicht sein eigenes Verdienst. Die Rettung aus der Sünde ist ein reiner Gnadenakt Gottes. Daran erinnert Paulus die Epheser hier, obwohl sie ganz frisch bekehrt und getauft waren. Das hätten sie also eigentlich noch wissen müssen. Doch sie waren in der Gefahr, wieder in das alte Dasein zurückzufallen.

Und das kann auch uns so gehen, zumal es bei den meisten von uns lange her ist, dass wir zum Glauben gekommen sind und getauft wurden. Es besteht die Gefahr, dass unser Leben von etwas ganz anderem bestimmt wird, und das hat schwerwiegende Folgen.

So ist z.B. niemand von uns frei von Schuld, selbst wenn uns das nicht bewusst ist. Wir machen im Leben nicht alles richtig, sondern verschließen ganz oft die Augen vor dem, was eigentlich das Beste für uns und die anderen wäre. Wir erahnen es zwar häufig, sind dann aber zu bequem, es umzusetzen. Wir sehen etwas und tun es nicht. Wir spüren etwas und verdrängen es wieder. Wir ahnen die Wahrheit, aber wir sehen nicht hin. Und so wird in uns etwas gespalten. Wir fühlen uns in zwei Teile zerrissen: In den Teil, der erkennt und erahnt, was unserem Wesen entspricht; und in den Teil, der verdrängt, abgespalten, ja letztlich abgetötet wird.

So muss es den Zöllnern gegangen sein. Natürlich haben sie auch selber zu ihrer Situation beigetragen und sich durch ihr Verhalten von den anderen getrennt: Weil sie ihre Schuld vor sich selbst verbargen, mussten sie sie auch vor den Menschen verbergen. Es entstand eine Mauer zwischen ihnen und den andern, die sie selbst nicht zu übersteigen vermochten. Und was noch schlimmer ist: Durch dieses Verhalten entsteht auch eine Mauer zwischen Gott und uns. In der Schuld unterdrücken wir unsere Beziehung zu Gott, da müssen wir unsere Gottesahnung tot trampeln, um gegen unser tiefstes Gespür zu handeln. Und so laufen wir in der Schuld vor Gott davon. Am Ende erleben wir ihn nicht mehr als den barmherzigen Vater, sondern als den Richter, vor dem wir unsere Wahrheit offenbaren müssten. Doch das können wir nicht, weil wir sie vor uns selbst nicht zugeben wollen.

Und als letztes trennt uns die Schuld von uns selbst. Wir verlieren die Beziehung zu unserem innersten Kern, zu unserer eigentlichen Wahrheit, zu unserem Gewissen. Um überleben zu können, müssen wir unser Gewissen abtöten. Aber gerade so werden wir letztlich vom Leben selber abgeschnitten, wir sind wie tot. Und aus diesem Totsein können wir uns selbst nicht mehr befreien, wir sind so sehr gefangen in den Mechanismen von Verdrängung und Unterdrückung, dass wir aus eigener Kraft keinen Weg daraus finden. Das hat Paulus gemeint.

Und so ist es eine sehr gute Botschaft, wenn er weiter schreibt: „Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht.“ Das verkündet Paulus hier: Gott hat uns mit Christus auferweckt. Bei der Bekehrung und durch die Taufe wurden wir aus dem Grab unserer Schuld und Angst herausgeführt, weil wir Anteil bekommen haben an der Auferstehung Christi. Die Schuld, aus der wir uns selbst nicht befreien konnten, haben wir hinter uns gelassen, indem Christus selbst uns an der Hand nahm und aus dem Grab zum Leben führte.

Und das tut er immer wieder: Er zieht uns empor, damit wir am Licht und an der Herrlichkeit des Auferstandenen teilhaben. Wir werden frei, indem wir uns von Christus an der Hand nehmen und Gott an uns handeln lassen. Wir erhalten dann durch Christus eine himmlische Würde und werden „in den Himmel versetzt“, wie Paulus es ausdrückt.

Doch ganz ohne unser Mitwirken geschieht das natürlich nicht, und es ist auch nicht ein für alle Mal erledigt. Es muss vielmehr immer wieder geschehen. Gottes Erbarmen wirken zu lassen ist ein lebenslanger Prozess, denn es gibt ständig neue Begegnungen, neue Einflüsse und Erfahrungen. Schicksalsschläge oder auch Erfolgserlebnisse können uns irritieren und vom Weg mit Gott abbringen, Reichtum und Armut, Glück oder Pech.

Es ist deshalb wichtig, dass wir uns immer wieder Zeit für Gott nehmen. Am besten ist es, wenn wir das regelmäßig machen, d.h. uns eine Regel geben, und auch einen besonderen Ort dafür wählen. Es kann eine Kirche sein, ein Platz in der Natur, eine Ecke in der Wohnung. Wir setzen uns hin und bringen unseren Verstand zum Schweigen, verarbeiten unsere Erlebnisse und lassen die Barmherzigkeit Christi in unser Herz fallen. Dann kann uns aufgehen: In mir ist etwas, das die Welt übersteigt.

Und wenn ich das „koste und schmecke“, kann ich mir auch meine Schuld eingestehen, und sie wird mir vergeben. Ich werde lebendig und erfahre mitten in der Unvollkommenheit meines Lebens eine tiefe innere Ruhe. Dann ist mein Herz angekommen bei Gott. Alles andere kann schweigen. Und in diesem Schweigen berühre ich die eigentliche Wirklichkeit, Gott selbst als den, der mich aus dem Grab ins Leben holt.

Doch das ist noch nicht alles, was die Bekehrung bewirkt. Denn diese Rettung und Erlösung geschieht nicht allein um unsres Heiles willen, sondern für die ganze Welt. Gott wollte den Reichtum seiner Gnade „den kommenden Zeiten“ zeigen, er wollte in der Öffentlichkeit der Weltgeschichte offenbaren, was er in Christus an den Menschen tut, die das Angebot seiner Liebe annehmen. Die von Gott „in Christus Auferweckten“ und „in den Himmel versetzten“ Menschen bilden die Kirche, die für die Welt und ihre Geschichte ein Zeichen von Gottes Gnadenhandeln ist. Im Miteinander der Christen, in ihrem Sein und in ihrem Handeln soll Gottes Gegenwart in dieser Welt sichtbar werden, da soll etwas offenbar werden von Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit.

Und das heißt: Unser neues Sein in Christus muss sich in guten Werken zeigen. Das sagt Paulus am Ende des Abschnittes. Da heißt es: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ Das ist eine sehr schöne Formulierung, denn sie macht deutlich: Wir werden nicht durch unsere guten Werke gerettet. Wir werden vielmehr selber zu einem „guten Werk“ Gottes. Er schafft uns neu, und wir werden frei, um an dieser Welt gut zu handeln, den Menschen Gutes zu tun, gut und gütig mit ihnen zu sein.

So war es bei Zachäus und auch allen anderen Menschen, die sich zu Jesus bekehrt hatten: Sie konnten dadurch von sich selber absehen. Sie mussten nicht mehr alles für sich und den eigenen Gewinn tun, weil Gott alles an ihnen getan hatte. Sie mussten ihr Glück nicht mehr im Reichtum finden, weil Gott sie in Christus gefunden hatte, und weil sie in Christus schon „in den Himmel versetzt waren“, in das Paradies, das alle ihre Sehnsucht nach Glück erfüllte.

Amen.

Die Predigt ist in großen Teilen die Wiedergabe einer Meditation zu dem Textabschnitt aus dem Epheserbrief von Anselm Grün. Sie findet sich in:
Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttextreihe II,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag,

Hrg. Gerhard Ruhbach, Anselm Grün und Ulrich Wilckens, Göttingen, 1992, S. 251ff

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