Freuet euch der schönen Erde

Predigt über EG 510: Freuet euch der schönen Erde

Sommerpredigt I, 11.7.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

  1. Freuet euch der schönen Erde,
    denn sie ist wohl wert der Freud.
    O was hat für Herrlichkeiten
    unser Gott da ausgestreut,
    unser Gott da ausgestreut!
  2. Und doch ist sie seiner Füße
    reich geschmückter Schemel nur,
    ist nur eine schön begabte,
    wunderreiche Kreatur,
    wunderreiche Kreatur
    .
  3. Freuet euch an Mond und Sonne
    und den Sternen allzumal,
    wie sie wandeln, wie sie leuchten
    über unserm Erdental,
    über unserm Erdental.
  4. Und doch sind sie nur Geschöpfe
    von des höchsten Gottes Hand,
    hingesät auf seines Thrones
    weites, glänzendes Gewand,
    weites, glänzendes Gewand.
  5. Wenn am Schemel seiner Füße
    und am Thron schon solcher Schein,
    o was muss an seinem Herzen
    erst für Glanz und Wonne sein,
    erst für Glanz und Wonne sein.


    Text: Philipp Spitta (1827) 1833
    Melodie: Frieda Fronmüller 1928

Liebe Gemeinde.

„Nach seiner Konfirmation wurde er in eine Uhrmacherlehre gegeben. Zwar entwickelte er durchaus handwerkliche Fähigkeiten, doch entsprach dieser Beruf nicht wirklich seinen Begabungen. An den Abenden studierte er heimlich in seinen alten Schulbüchern, lernte Geschichte und Latein oder las die Bibel. Er empfand die Last eines verfehlten Berufes, die ihn schließlich schwermütig werden ließ. Trostvoll waren ihm die arbeitsfreien Stunden, die er in der Natur verbrachte, bei denen er Ruhe und Inspiration für erste kleine Gedichte fand.“

So steht es in einer Lebensbeschreibung Philipp Spittas. (Detlev Klahr, Spitta, C.J.Philipp, in: Wer ist wer im Gesangbuch, Hrg. Wolfgang Herbst, Göttingen 2001, S.308ff) Er wurde 1801 in Hannover geboren und starb 1859 in Burgdorf. Er war das vierte Kind seiner Eltern, und ein Studium konnten sie nur für einen ihrer Söhne finanzieren. Philipp war das nicht. Erst als sein älterer Bruder, der dafür vorgesehen war, trauriger Weise starb, durfte er die Lehre abbrechen und sich auf ein Studium vorbereiten. So wurde er Theologe, anschließend Hauslehrer, später Pastor und sogar Superintendent.

Nebenbei dichtete er sein Leben lang und brachte damit zum Ausdruck, was ihn bewegte, was er fühlte und glaubte. So kam es auf Drängen und unter Mithilfe eines Freundes 1833 zur Herausgabe einer Liedersammlung. Sie erschien unter dem Titel „Psalter und Harfe“ mit dem Untertitel „Eine Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung“. Und darin fand sich auch das Lied „Freuet euch der schönen Erde“. Philipp Spitta hatte es 1827 geschrieben. Es ist ein Lob von Schöpfung und Schöpfer in fünf Strophen.

Der Text erschien zunächst ohne Melodie, doch schon bald gab es verschiedene Versuche, daraus ein Lied zu machen. Die passendste und eingängigste Weise erfand 1928 schließlich Frieda Fronmüller, eine evangelische Kirchenmusikerin und Komponistin. Sie hat sich eine lebhafte Melodie ausgedacht, in der die letzte Zeile jeweils gesteigert wiederholt wird. Von ihren Chören wurde sie mit Freude und Erfolg gesungen und fand Eingang in viele Gesangbücher, so auch 1995 in unser Evangelisches Gesangbuch.  

Philipp Spitta besingt mit dem Lied die Wunder und die Schönheit der Natur, ihre „Herrlichkeiten“ und ihren „Schein“. In der christlichen Spiritualität war die Welt lange Zeit nur als Exil und Jammertal in den Blick gekommen. So empfand Philipp Spitta das nicht. Er hatte die Schöpfung ja auch ganz anders erlebt: Feld und Wald hatten ihn beruhigt und getröstet, als es ihm schlecht ging. Er hatte die heilende Kraft der Natur erfahren. Deshalb war sie für ihn „wert der Freud“.

Anstatt jedoch eine Wiedervergöttlichung der Schöpfung zu unternehmen, beschreibt er sie mit biblischen Bildern „nur“ als Gleichnis und Vorgeschmack der Herrlichkeit Gottes. Dieses „nur“ fällt in seinem Lied auf. Es kommt dreimal vor, denn er sieht im Geist noch mehr, als das, was ihn umgibt: Er stellt sich den „Thorn Gottes“ vor.

Der wird ja an vielen Stellen in der Bibel erwähnt. Er ist „hoch und erhaben“, Gott sitzt darauf als der Allmächtige, und „der Saum seines Gewandes füllt den Tempel“. (Jes. 6, 1) So schaut es der Prophet Jesaja in einer Vision. Auch die Auffassung, dass wir dort hinkommen, wenn wir sterben, wird überall in der Bibel vertreten, besonders im Buch der Offenbarung. Und wie bei allen Propheten ist da ebenfalls die Rede davon, dass Gott einst „alles neu machen“ wird (Offenbarung 21,5), dass er kommen wird, um eine neue Welt heraufzuführen, in der niemand mehr weint oder klagt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21,4) Das ist das Ziel, auf das alles zuläuft.

Jesus hat das ebenfalls verkündet. Er sprach immer wieder vom Reich Gottes, und er meinte damit die himmlische Welt. Für ihn war sie sogar bereits angebrochen. Mit seinem Kommen war das Reich Gottes schon mitten in der alten Welt gegenwärtig. (Lukas 17, 20f)

Daran dachte Philipp Spitta, und er hat in seinem Lied diesen Glauben in sehr schöner Weise mit der Liebe zur Natur verbunden. Er verherrlicht die Schöpfung nicht, er lehnt sie aber auch nicht ab. Er durchstreift sie vielmehr betend und stellt bei seinen Spaziergängen einen Bezug zur Ewigkeit her. Alles was er sieht und erlebt, ist für ihn der „Schemel seiner Füße“, also das, was sich unten am Thron Gottes abspielt. Spitta ist sich der Vergänglichkeit allen Lebens bewusst, erkennt aber gerade dadurch seinen Wert und kann sich an dem erfreuen, was ihn umgibt. Er sieht dahinter die „Hand“ des Schöpfers und den „Glanz“ seiner Gegenwart.

Und das ist eine gute Strategie, um mit leidvollen Situationen fertig zu werden. Die kennen wir ja auch. Bei Philipp Spitta war es die falsche Berufswahl, das kann uns heute noch genauso treffen. Wir können lange nicht alles verwirklichen, was wir uns wünschen. Aber auch Konflikte oder Krankheiten führen dazu, Verluste und Enttäuschungen. Sie verursachen Traurigkeit, Sinnlosigkeitsgefühle, Schwermut usw. Das sind Erfahrungen, die wir alle irgendwann einmal machen. Das Leben ist nicht immer leicht, es bereitet uns viele Probleme, und es entstehen Schmerzen, Wut oder Angst, Einsamkeit und Unglück.

Und wenn es uns so geht, dass uns alles zu viel wird, dann ist es gut, genauso wie Philipp Spitta in die Natur zu gehen. Auch Ärzte und Therapeutinnn empfehlen das. Und gerade jetzt im Sommer ist es eine sehr wirkungsvolle Medizin, denn überall um uns herum blüht und grünt es. Selbst wenn eine Krankheit oder eine Behinderung uns vielleicht daran hindert, weite Wanderungen zu unternehmen, der nächste Garten, Strauch oder Busch ist nie weit weg. Das Auge findet immer etwas, das beruhigt und guttut, denn es ist überall bunt, die Felder sind voller Korn, die Gärten voller Blumen, die Wälder voller Laub. Vögel singen, Insekten summen, Tiere haben ihren Winterschlaf beendet. Es ist hell und warm. Wind, Sonne und Regen beleben alles, was da ist. Wir sind umgeben von den „Herrlichkeiten, die unser Gott für uns ausgestreut hat“, und es ist gut, wenn wir sie genießen. Sie haben heilende Kräfte, unsre Seele kann sich entspannen, wenn wir uns ihnen aussetzen, wir atmen auf und fühlen uns frei.

Doch das allein reicht nicht. Wir sind ebenso dazu aufgefordert, an Gott zu denken, der das alles geschaffen hat. Es gibt noch mehr als diese Welt, einen, der größer als alles ist, den Ewigen und Erhabenen. Ohne ihn bleibt unser Leben doch nur ein „Erdental“, wie Philipp Spitta es nennt. Denn den Tod können wir nicht auslöschen. Und das sehen wir auch, wenn wir in der Natur sind. Ihre Vergänglichkeit begegnet uns auf Schritt und Tritt. Jede verwelkte Blüte, jedes tote Tier, jeder abgestorbene Baum erinnert uns daran, ganz zu schweigen von all den Folgen der Umweltzerstörung, wie vertrocknete Landschaften, Brände, Überschwemmungen usw. Ganz unbefangen können wir die Natur nicht auf uns wirken lassen. Im Gegenteil, unsre Stimmung kann auch umkippen und schlecht werden, wenn wir uns bewusst machen, wie gefährdet alles ist. Wir müssen betend und meditierend spazieren gehen, unseren Geist gleichzeitig zu dem erheben, der über uns leuchtet wie die Sonne und der Mond. Seine Hand hält uns am Leben, das ausgestreckt ist zwischen Himmel und Erde, zwischen Geburt und Tod, Werden und Vergehen. Wir können diese Spannung nicht auflösen, sie ist immer da. Das gilt es zu bejahen, es anzunehmen und auszuhalten.

Erst am Ende der Welt wird sie aufgehoben, da wird sich alles in eine Richtung verwandeln, denn dann „macht Gott alles neu“. „Das Schönste liegt also noch vor uns“, dieser Gedanke gilt zu jeder Zeit, in der Jugend und im Alter, in Freud oder Leid. Das dürfen wir nicht vergessen, und darauf dürfen wir uns sogar freuen. Die Gläubigen werden es auch alle erleben, denn mit dem Tod wird die ewige Vollendung für jeden und jede einzelne bereits wahr.

Philipp Spitta gebraucht dafür die Vorstellung, dass wir am „Herzen Gottes“ sein werden. Die gibt es in der Bibel nicht. Dort ist nur an ganz wenigen Stellen überhaupt davon die Rede, dass Gott ein Herz hat. Aber es ist ein schönes Bild. Wer „am Herzen“ von jemand anderem ruht, ist ihm ganz nahe. Es entsteht eine enge Verbindung. Wir können uns darunter eine Liebesbeziehung vorstellen, zu der eine innige Umarmung gehört. Das beinhaltet auch die Aussage, dass dort alles voller „Glanz und Wonne“ sein wird. 

„All Kreatur soll werden ganz herrlich, schön und klar“. So wird dieser Zustand in einem alten Lied aus dem 16. Jahrhundert beschrieben, das von der Ewigkeit handelt. (EG 148) „Da werden wir mit Freuden den Heiland schauen an, der durch sein Blut und Leiden den Himmel aufgetan.“ „Da wird man hören klingen die rechten Saitenspiel.“ Und „mit Gott wir werden halten das ewig Abendmahl.“

Amen.

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