Gerechtigkeit allein aus Glauben

 

Predigt über Titus 3, 4- 7: Das Bad der Wiedergeburt

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Titus 3, 4- 7

3 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde.

Als junger Mann wurde Martin Luther Mönch, d.h. er wählte den Weg, den die Kirche empfahl, um vollkommen zu werden, denn das wollte er gerne: Er wollte das Heil erwerben, alle Sünden ablegen, innere Ruhe und Gewissensfrieden finden.

Doch das gelang ihm nicht, im Gegenteil: Sein schlechtes Gewissen quälte ihn Tag und Nacht, seine Angst vor Gott wurde immer größer. Er wurde die Furcht nicht los, dass er nie und nimmer vor Gott werde bestehen können. „Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken.“ (EG 341,3) So beschrieb er später seinen Seelenzustand.

Doch eines Tages fand er den Ausweg aus diesen Anfechtungen. Sein Ordensoberer Johann Staupitz half ihm dabei. Er gab ihm den Rat, nicht weiter darüber nachzudenken, ob Gott ihm gnädig sei, sondern einfach auf die Wunden Christi zu schauen, der für uns gestorben ist. Luther vertraute seinem Seelsorger, und langsam kam es zu einer Wende in seinem Inneren: Er spürte die Barmherzigkeit Christi und wusste plötzlich: Ich bin von Gott angenommen, auch wenn ich sündige, denn Gott ist ein gnädiger Gott. Luther war gerettet und fühlte sich frei und froh.

Dabei waren nicht nur die Ratschläge von Johann Staupitz ausschlaggebend, Luther hat auch in der Bibel Stellen gefunden, die in ihm die Heilsgewissheit gefördert haben. Eine besondere Rolle spielte dabei die Aussage des Apostels Paulus am Anfang des Römerbriefes: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«“ (Römer 1, 16.17)

Für Luther wurde das zum zentralen Gedanken seiner Theologie, und so war es auch schon bei Paulus selber. Wir finden die These von der „Gerechtigkeit allein aus Glauben“ an vielen Stellen in seinen Briefen, auch in dem Abschnitt aus dem Brief an seinen Mitarbeiter Titus, den wir vorhin gehört haben.

Titus war in einer Gemeinde tätig, die Paulus gegründet hatte, und er sollte das Gemeindeleben ordnen und organisieren. In seinem Brief gibt Paulus ihm dafür viele praktische Anweisungen. Dabei war es ihm durchaus wichtig, dass die Christen sich um ihre Heiligung bemühten und ein frommes Leben voller Hoffnung und Liebe führten. Doch die Grundlage dafür war die Gnade Gottes, durch die sie zu seinen Kindern geworden waren, das sollten sie nie vergessen.

Darum geht es in dem Abschnitt, der uns heute vorliegt. Es ist ein altes Loblied, das Paulus zitiert, um die Gemeindeglieder an das zu erinnern, was sie durch Christus empfangen hatten. Die christliche Gemeinde sang es wahrscheinlich immer anlässlich einer Taufe. Am Anfang wird darin das Gotteswunder erwähnt, das mit der Geburt Jesu anbrach: „Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Das sind feierliche Worte für das Kommen Christi, das eine Wende in der Geschichte der Menschheit darstellt. Denn in ihm erschien, wie ein Licht in der Finsternis, die Güte Gottes. Sie hat die Menschen aus dem Verderben gerissen, gerettet und „selig gemacht“, wie Luther übersetzt.

Und dabei ist nun wichtig, dass sie das alles ohne ihr Zutun bekommen, „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Das Lied enthält also den Grundgedanken des Evangeliums, dass wir „allein aus Gnade“ gerettet werden.

Dieser Vorgang wird dann als „Bad der Wiedergeburt“ bezeichnet, und damit ist die Taufe gemeint. Sie macht den Menschen zu einer neuen Kreatur, das war die Vorstellung. Er wird gereinigt, die Sünden werden abgewaschen, und der Mensch ist danach wie ein eben geborener Säugling. Der Täufling wird in die neue Welt eingegliedert, die durch das Erscheinen Christi da ist.

Das Wasser, das Schmutz abwäscht und reinigt, erfrischt und belebt, ist für diesen Vorgang ein schönes Symbol. Es kommt in unserem Text auch noch ein zweites Mal vor. Wasser gibt es ja nicht nur als Element, in das man hineinsteigen kann, es regnet auch auf uns herab oder kann ausgegossen werden. Und das geschieht ebenso bei der Taufe: Da werden wir erneuert „im Heiligen Geist, den Gott über uns reichlich ausgegossen hat.“ Gott „bewässert“ uns mit seiner Kraft und Gegenwart, und er ist dabei verschwenderisch. Vom Wasser, das über etwas geschüttet wird, geht ja meistens einiges daneben, es ist reichlich vorhanden und kann viel bewirken. So ist es mit dem Heiligen Geist, der in der Taufe das Wunder der Neugeburt vollzieht.

Und zum Schluss wird noch das Ziel genannt: Wir werden „Erben des ewigen Lebens nach unsrer Hoffnung.“ Die Taufgnade umfasst eine Verheißung: Wenn der Jüngste Tag anbricht, und Gott zum letzten Gericht erscheint, werden die Getauften freigesprochen und bekommen Anteil am ewigen Leben. Ihre Rettung geschieht für Zeit und Ewigkeit.

Das ist die Botschaft unserer Epistel, und die passt sehr schön zu Weihnachten. Wir feiern das Erscheinen Jesu Christi, und uns wird gesagt: Das war nicht nur ein geschichtliches Ereignis, es hat vielmehr erneuernde Kraft. Wir können hineingenommen werden in dieses Gotteswunder, und das ist wie ein Bad: Wir werden gereinigt und erfrischt, belebt und gestärkt.

Doch was heißt das nun konkret? Und entspricht diese Botschaft dem, was allgemein in unserer Kirche zu Weihnachten gepredigt wird?

In den Medien verbreitet die Evangelische Kirche in Deutschland andere Inhalte. Eine Weihnachtsbotschaft der EKD lautete z.B. so: „Im Geiste von Weihnachten bitten wir Sie, für eine gastfreundliche und inklusive Gemeinschaft in Europa zu arbeiten und zu beten. Wir rufen die Nationen und die Menschen Europas, die politischen Führungspersönlichkeiten und unsere Kirchen auf: Lasst es nicht zu, dass wir für das Leiden anderer gleichgültig werden. Mögen wir vielmehr die Würde der Menschen, die unsere Hilfe brauchen, wertschätzen, und anerkennen, dass die Aufnahme eines fremden Menschen zu unserem christlichen und europäischen Erbe gehört. Seien wir mutig und zuversichtlich im Sohn Gottes, dem Licht der Welt, dessen Geburt wir feiern. Christus wird uns den Weg weisen für ein zukünftiges gemeinsames Leben.“ Und dann werden Einzelheiten dazu genannt, wie viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, und was die Vereinten Nationen dazu sagen. Europa wird für seine sogenannte „Migrationssteuerung“ angeklagt, weil sie zu hohen Verlusten von Menschenleben führt, zu Ausbeutung und Gewalt.

Ich finde das zwar alles richtig, ohne Frage, aber sagen das nicht auch ganz viele säkulare Organisationen, Menschenrechtsgruppen, Hilfswerke, Parteien und Politiker? Es klingt ein bisschen so, als wollte die Kirche auf jeden Fall mithalten, zeitgemäß sein und sich Gehör verschaffen. Deshalb sagt sie am besten das, was etliche andere auch sagen. Ein Alleinstellungsmerkmal der Kirche ist darin nicht erkennbar, etwas, das uns von allen anderen Gruppen unterscheidet. Die Botschaft enthält zwar eine biblische und theologische Begründung, aber die wird eher nachgeliefert und ist eigentlich nicht nötig.

Außerdem wird in so einer Nachricht sehr betont, wie wichtig die guten Werke sind. Wir sollen gerecht handeln, damit wir selber als gerecht da stehen. Es klingt nach einer neuen Version der Werkgerechtigkeit. Und das entsprich nicht unbedingt dem, was für Luther zentral war, und damit auch für uns als lutherische Kirche im Mittelpunkt stehen sollte.

Es fehlt die Botschaft von dem Geschenk der Gnade Gottes, die weit über die Fragen der Zeit hinaus weist. Genau die wird uns zu Weihnachten aber verkündet. Denn da geht es um ein Gotteswunder, das erneuernde Kraft hat. Wir werden in erster nicht Linie zu einem bestimmten Handeln befähigt, sondern zu einem neuen Sein. Nicht was wir anderen geben, ist entscheidend, sondern was uns geschenkt wurde. Bevor wir versuchen, gute Taten zu tun, tut Gott etwas an uns. Der erste Schritt besteht immer darin, dass wir zu Empfangenden werden. Gott möchte uns in ein Wunder hineinnehmen, er möchte uns zu sich ziehen. Auf die drängenden Fragen der Zeit gibt er uns eine ewige Antwort. Er durchbricht unsere Diesseitigkeit und ergreift selber die Initiative, um die Welt zu retten. Alle Menschen sind eingeladen, daran zu glauben und „Erben des ewigen Lebens zu werden.“

Und wenn dieser Einladung mehr Leute folgen würden, nähme das Elend ganz von selber ab. Die Ungerechtigkeiten in der Welt haben ihre Ursache nicht darin, dass zu wenig Gutes getan wird. Sie haben ihre Ursache vielmehr in der Gottlosigkeit. Es ist also entscheidend, dass wir auf diesem Weg umkehren, uns Gott wieder zuwenden und uns von ihm erneuen lassen.

Das Erscheinen Jesu ist nicht nur eine Lehre oder eine Idee, sondern durch ihn gibt es in dieser Welt eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit, in die wir „eintauchen“ können. Das ist das Bild in unserem Episteltext. Und das ist sehr aussagekräftig, denn das Wasser ist ein anderes Element als die Luft. Wenn wir hineinsteigen, verändert sich unser Körpergefühl, wir werden getragen und sind umgeben von einer Materie, die sich vom Gewohnten unterscheidet. So ist es auch mit der Gegenwart Christi: Sie kann uns umspülen und einhüllen, tragen und verändern.

Wir müssen dabei selber nichts mehr tun oder denken. Wir dürfen schweigen, still halten und so sein, wie wir sind. Christus vergibt uns alle Sünden, die uns belasten, er macht uns gerecht und neu. Wir müssen nur auf seine allesumfassende Gnade vertrauen. Am besten ist es, wenn wir daraus eine tägliche Übung machen. Dann kann „täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“. So sagt Martin Luther es im Kleinen Katechismus. (Das vierte Hauptstück, Das Sakrament der heiligen Taufe, zum Vierten, Was bedeutet denn solch Wassertaufen?) Er beschreibt damit, was er selber erlebt hat. Und das ist eine wunderbare Verheißung. Hinter ihr verbirgt sich eine geistliche Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns im Vertrauen auf Christus üben: Wir spüren seine Liebe und seine Kraft, und die kann uns verwandeln. Wir atmen auf und fühlen uns frei. Es ist wie nach einem Eintauchen ins Wasser: Wir sind erfrischt und neu belebt. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck „sich wie neu geboren fühlen“. Das sagen wir gerne nach einem Bad. Unsere Lebensgeister erwachen dadurch und wir verspüren frischen Tatendrang. Denn der Heilige Geist wird über uns „ausgegossen“ und wir „erben das ewige Leben“. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus. Wir erwerben das Heil, die Sünden werden abgespült und innere Ruhe und Gewissensfrieden kehren in unsere Seele und unseren Geist ein.

Und dann können wir auch in dieser Welt handeln, natürlich gehört das dazu. Ein christliches Leben ohne gute Werke ist kein christliches Leben. Das hat auch Luther betont. Der Glaube muss Früchte bringen, und selbstverständlich gehören dazu die Selbstlosigkeit, Nächstenliebe, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Wenn wir die „Güte und Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist“, gefunden und empfangen haben, dann können und sollen wir sie auch weitergeben.

Lasst uns deshalb so beten, wie Martin Luther es getan hat: „Nimm, Herr Jesu, unsere Geburt von uns und versenke sie in deiner Geburt. Schenke uns die deine, dass wir darin rein und neu werden, als wäre sie unser eigen, dass ein jeder von uns sich deiner Geburt nicht weniger freuen und rühmen möge, als wie wenn er auch wie du leiblich von Maria geboren wäre. Stärke uns den Glauben, dass du ganz unser bist, ein Kind – uns geboren, ein Sohn – uns gegeben.“

Amen.

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