Christus schenkt uns Einheit

Predigt über Johannes 6, 30- 35: Jesus ist das Brot des Lebens

7. Sonntag nach Trinitatis
4.8.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Einige Bauern in Schleswig-Holstein haben den Weizen bereits geerntet, denn sie wollten es noch vor dem nächsten Regen schaffen, der ja jetzt auch gekommen ist. Sie haben Glück gehabt und alles richtig gemacht. Die Ernte ist eingefahren und kann verkauft werden. Und wir wissen, wie es nun weitergeht: Das Korn wird zu Mehl gemahlen, und aus dem wird dann Brot gebacken. Diesen Vorgang kennen wir alle. Aus vielen Ähren wird ein Brot, und es ist ein langer Prozess, der dazu gehört. Er führt über das Ernten, das Dreschen und Mahlen bis zum Backen des Brotes, das wir dann verzehren, und das uns ernährt.

Ein solcher Vorgang steht oft hinter dem, was wir zu uns nehmen oder herstellen, es gibt etliche Beispiele: So wird aus vielen Trauben ein Wein, aus vielen Steinen ein Haus, aus vielen Wörtern eine Rede usw.

Auch im sozialen Bereich ereignet sich etwas Entsprechendes: Aus vielen Menschen wird eine Gemeinschaft, aus vielen Gläubigen eine Kirche. Das wünschen wir uns zumindest.

Doch gerade hier ist es nicht so einfach machbar. Wir scheitern immer wieder daran und bekommen die Einheit nicht hin. Dabei gehört sie zum Leben wie die Nahrung, wir brauchen einander und wir brauchen den Frieden, um zu überleben.

Das wusste auch Jesus, und er ist gekommen, um uns zu helfen: Er kann den Hunger genauso stillen wie die Sehnsucht nach Liebe und Einheit. In dem Evangelium von heute (Johannes 6, 1- 15) und in der anschließenden Rede Jesu wird das sehr schön dargestellt.

Zunächst wird uns hier von einer wunderbaren Brotvermehrung erzählt, die Jesus einmal möglich gemacht hat. Er war von vielen Menschen umlagert worden, hatte zu ihnen gesprochen und sie am Abend alle gespeist. Das bisschen Essen, das da war, hatte er von einem Kind genommen und auf wunderbare Weise vermehrt. Aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen wurde genug, um 5000 Menschen satt zu machen. Sie konnten essen, so viel sie wollten. Es war sogar noch mehr als nötig da. Zum Schluss blieben zwölf Körbe mit Brocken von Brot übrig.

Leider zogen die Beteiligten aus diesem Wunder dann allerdings die falschen Schlüsse. Sie wollten Jesus daraufhin zum König machen, weil sie davon ausgingen, dass er immer alle Menschen mit genug Nahrung versorgen konnte. Doch das war ein Irrtum. Brot, das die Menschen satt macht, war für ihn nicht das wichtigste. Deshalb hielt er am nächsten Tag eine lange Rede, in der er vom Brot im übertragenen Sinn sprach. Es ist seine Rede über das wahre „Brot des Lebens“. Und daraus ist ein Abschnitt heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 6, 30- 35

30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Jesus sagt hier also, dass er in Wirklichkeit nicht den irdischen, leiblichen Hunger stillen will, sondern den Hunger nach Leben überhaupt. Dieser Aussage war ein Gespräch vorweg gegangen. Er hatte die Menschen zum Glauben an sich selber aufgefordert und von einer „Speise, die da bleibt zum ewigen Leben“ (Joh. 6, 27) gesprochen. Ansatzweise hatten sie das auch verstanden.

Doch dann wollten sie ein Zeichen haben, dass er wirklich von Gott gesandt war, und verlangten von ihm eine Wiederholung des Mannawunders in der Wüste. Das war für sie „Brot vom Himmel“. Damit meinten auch sie durchaus mehr, als normales Brot. Hinter ihrer Forderung steht die uralte tiefe Sehnsucht nach einer himmlischen Nahrung, die göttliche Kraft spendet. Die Menschen baten Jesus also um ein Wunderbrot, ohne zu wissen, wie es aussehen und beschaffen sein mochte. Und auf diese Bitte hin antwortete Jesus ihnen: „Ich bin das Bot des Lebens.“ Wonach sie fragten, war da: Es ist er selber. Das heißt, er schenkt den Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle.

Das ist hier die Botschaft und die gilt auch für uns: Jesus gibt uns Leben und Glück, er sättigt uns ganz und stillt alle unsere Sehnsüchte. Wenn er bei uns ist, haben wir genug.

Doch was heißt das nun konkret? Wie wird er zum Brot des Lebens? Und steckt in dem Bild auch die Vorstellung, dass wir ihn essen sollen?

Über diese Fragen lasst uns noch einmal nachdenken und uns zunächst klar machen, was wir alles zum Leben brauchen. Das ist nämlich in der Tat mehr, als nur Nahrung und Kleidung. Das wissen wir auch. Der Apostel Paulus hat einmal sehr schön gesagt, was wir noch nötig haben, mit dem berühmten Vers: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.“ (1. Korinther 13, 13) Um dieser Tugenden oder Kräfte willen ist Jesus gekommen. Er kann unser Verlangen danach stillen, wir müssen nur auf ihn hören und uns auf ihn einlassen.

Damit sind wir bereits bei dem ersten, das in dem Vers angesprochen wird, dem Glauben. Es ist das Vertrauen auf Jesus Christus, mit dem wir uns für ihn öffnen. Oft steht als Symbol für den Glauben das Kreuz. Es erinnert uns an den Tod und an das Leid, das Jesus auf sich genommen hat, und das heißt, er ist auch dann noch gegenwärtig, wenn wir leiden und sterben. Er ist uns ganz nahe gekommen und für uns da. Wir müssen nur in Beziehung zu ihm treten, uns auf ihn gründen und mit seiner Kraft rechnen.

Daraus entsteht dann ganz von selber das Zweite, nämlich die Hoffnung. Sie lässt uns nach vorne schauen, sie verschafft uns immer einen Ausblick und gibt uns Halt. Deshalb ist ihr Symbol der Anker. Mit der Hoffnung werfen wir ihn praktisch aus und machen uns an der Zuversicht fest. Wir bleiben optimistisch und gewinnen Mut.

Und das Dritte ist die Liebe. Sie wird uns ebenfalls durch Jesus Christus geschenkt und entsteht da, wo wir an ihn glauben und auf ihn hoffen. Seine Aussage „Ich bin das Brot des Lebens“ ist dafür ein sehr schönes Bild. Es besagt, dass er sich uns schenkt und mit seiner Liebe in uns einziehen möchte. Zudem ist die Tatsache, dass das Brot aus vielen Ähren zusammengesetzt, ein wunderbares Symbol für Einheit und Gemeinschaft.

Und daran können wir uns besonders beim Abendmahl erinnern. Ich bin vor etlichen Jahren regelmäßig in einer kleinen christlichen Communität zum Gottesdienst gegangen. Es war die „Cella“ des sogenannten „Ordo Pacis“, einer evangelischen Schwesternschaft, die für den Frieden lebt und betet. Im Vorbereitungsgebet für das Abendmahl wurde immer gesagt: „Wie aus den vielen Ähren ein Brot geworden ist, so führe auch uns zusammen. Sammle deine Kirche aus den Enden der Erde und mach sie eins in dir.“ So in etwa lautete das Gebet, und ich fand das immer sehr schön und anschaulich. Das Brot, das wir beim Abendmahl essen, kann uns wirklich zeigen, wie aus Vielem Eins geworden ist, und uns an die Liebe und den Frieden erinnern. Es ist „Brot des Lebens“, Christus selber, der uns neu mit Glaube, Hoffnung und Liebe ausrüsten und uns einen möchte.

Doch verstehen wir das Abendmahl eigentlich alle so? Trauriger weise ist gerade die Frage nach dem Abendmahlsverständnis die Hauptursache für die Spaltungen in der Christenheit: So sagen die Katholiken, das Brot ist der Leib Christi, und der Wein ist das Blut Christi. Er ist darin real präsent, und nach dem Empfang bleibt er es auch. Die Lutheraner sagen zwar auch, dass Brot und Wein Leib und Blut Christi sind, aber nur in dem Augenblick, in dem der Gläubige es empfängt. Danach sind die Elemente wieder „schlicht“ Brot und Wein. Und die Reformierten streiten die sogenannte „Realpräsenz“ ganz ab. Sie verstehen das Abendmahl als ein Zeichen und eine Erinnerung an Christus und betonen die Gemeinschaft, die wir dabei untereinander haben. Luther und Zwingli haben sich darüber am Ende sogar entzweit.

Und diese Zerwürfnisse sind immer noch nicht aufgehoben. Bis heute verbietet die katholische Kirche ihren Mitgliedern, an einer Abendmahlsfeier bei den Protestanten teilzunehmen, und wir dürfen es bei ihnen eigentlich auch nicht. Zwischen den Lutheranern und den Reformierten ist es zwar nicht ganz so schlimm, sie haben durchaus Abendmahlsgemeinschaft, aber zu Diskussionen führt diese Frage immer noch, und oft regen sich die einen über die anderen auf. Dabei sind gerade das Essen des Brotes und das Trinken des Weines im Namen Christi als Zeichen der Einheit untereinander gemeint. Wir tun es zum „Gedächtnis an Christus“, wie es in den Einsetzungsworten heißt, und das heißt in seiner Gegenwart und mit seiner Liebe. Leider scheint es sehr schwer zu sein, das auch umzusetzen.

Aber ist es das eigentlich wirklich? Können wir uns nicht bewusst auf einen Prozess einlassen, der zu Einheit führt? Es ist doch gar nicht so entscheidend, was wir denken, wenn wir zum Tisch des Herrn gehen. Ich schließe mich mit meinem Verständnis des Abendmahls zwar Luther an, aber über andere Auffassungen rege ich mich nicht mehr auf. Wir können doch einfach zusammenkommen und erleben, was dabei geschieht. Das ist ohnehin genauso unterschiedlich, wie wir alle sowieso sind. Und das Schöne an der gemeinsamen Feier ist es ja gerade, dass wir keine Theologie betreiben, uns nicht unterhalten und nicht streiten, sondern zusammenkommen und gemeinsam etwas erfahren.

In einem Abendmahlsgebet in unserer heutigen Agende heißt es dazu wunderbar: „Christus nimmt das Brot, er dankt und teilt es. Es ist so einfach und lässt doch das Geheimnis seines Wesens aufleuchten. Weil er aus der Fülle Gottes lebt, hält er nicht fest. Er gibt das Brot denen, die Hunger leiden, er schenkt sich selber darin, er spart sein Leben nicht auf. Ihn selbst empfangen wir, wenn wir an seinem Tisch […] das Brot des Lebens teilen, und in seiner Nähe hoffen wir auf eine verwandelte Welt, in der wir miteinander leben als Schwestern und Brüder. […] Christus ist das Brot des Lebens. Seine Güte reicht für alle!“ (Passion und Ostern, Agende für evangelisch-lutherische Kirchen  und Gemeinden, Band II, Teilband 1, Hrg. Kirchenleitung der VELKD, Hannover, 2011, S. 64)

An diesem Gebet wird sehr schön deutlich, dass das Abendmahl keine Streitfrage, sondern ein Geschehen ist. Es geht dabei weder um die Kirche noch um ein Dogma, sondern um Jesus Christus und seine Liebe. Er ist auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig, darin sind wir uns alle einig. Wie wir uns diese Gegenwart im Einzelnen vorstellen, kann in den Hintergrund treten. Denn er bewirkt das, was wir uns wünschen: Er schenkt sich selber und zieht in uns ein, mit seiner Liebe und seiner Kraft. Wir empfangen ihn, wir sind mit ihm zusammen und dürfen ihm etwas zutrauen. Dann macht er aus den Vielen eine Einheit und es entsteht, was wir zum Leben brauchen: Frieden und Gemeinschaft.

Es ist deshalb gut, wenn wir immer wieder so zusammenkommen. Lasst uns dabei „nie vergessen“, dass wir „Schwestern und Brüder“ Jesu sind und als solche „von einem Brot essen, und aus einem Kelch trinken.“ Lasst uns „in Frieden beieinander wohnen, Gebeugte stärken und die Schwachen schonen, und so „den letzten heiligen Willen des Herrn erfüllen.“ Ja, „dazu müsse seine Lieb uns dringen.“ Möge er selber „dieses große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.“ (EG 221)

Amen.

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