Lasst uns mit Jesus ziehen

Predigt über Jesaja 50, 4- 9: Der Knecht Gottes im Leiden

6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 25.3.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 50, 4- 9

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Liebe Gemeinde.

In Deutschland ist das Demonstrationsrecht im Artikel über die Versammlungsfreiheit im Grundgesetz verankert, und das ist gut. Denn mit einer Demonstration äußern Menschen in der Öffentlichkeit ihre Meinung und bewegen etwas. Die Formen, Anlässe und Themen für die Versammlungen sind dabei sehr unterschiedlich. Es gibt Kundgebungen gegen die Regierungspolitik, Märsche für Frieden, Mahnwachen für gewerkschaftliche Ziele und vieles mehr. In der letzten Zeit wurde hauptsächlich über Kurden berichtet, die hier in Deutschland gegen die türkische Militäroffensive in Syrien demonstrieren.

Zum Glück verlaufen die Proteste meistens friedlich. Es gibt ja leider auch das Gegenteil, dass Demonstrationen in Gewalt ausarten. Doch damit werden sie eigentlich ad absurdum geführt, denn dann haben sie keinerlei positive Wirkung mehr. Im Gegenteil, man hätte sich das alles auch sparen können. Niemand nimmt das Anliegen mehr ernst, die Zerstörungswut siegt und das ist traurig.

Am Passahfest in Jerusalem vor ungefähr 2000 Jahren geschah so etwas Ähnliches. Jesus war in die Stadt gekommen, und sein Einzug glich einer spontanen Demonstration. Die Menschen versammelten sich und begleiteten ihn. Sie „nahmen Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ „Alle Welt lief ihm nach.“, wie die Pharisäer voller Ärger feststellten. (Johannes 12, 12-19) Der Einzug glich einem Friedensmarsch mit einer Kundgebung.

Doch nicht lange danach kippte die Stimmung. Vor dem Statthalter Pilatus entstand ein „Getümmel, das immer größer wurde und das Volk schrie: Lass ihn kreuzigen!“ (Matthäus 27, 22-25) Dazu ist es dann auch gekommen. Der friedliche Einzug war in Gewalt ausgeartet, die am Ende sogar zu einem Todesurteil führte. Ist der Einzug Jesu in Jerusalem deshalb nicht eher ein negatives Beispiel für eine Demonstration? Hat diese Geschichte überhaupt eine Bedeutung, wenn sie kurz danach sozusagen widerlegt wurde?

Das müssen wir uns fragen, und darauf gibt uns der Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir gehört haben, eine Antwort. Denn wir können ihn auf Jesus übertragen. Dann erfahren wir, wofür er demonstriert hat und dass er trotz der offensichtlichen Niederlage doch einen Sieg errungen hat.

Der Text steht bei dem Propheten Jesaja, und es ist das dritte von vier sogenannten „Gottesknechtsliedern“. (Jesaja 42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13-53,12) Sie handeln alle von einem Menschen, den Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt hatte: Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Ihm wurde großes Unrecht angetan, und er geriet in schweres Leid. Allerdings hat er sich dagegen nicht gewehrt. Er nahm die Schmähungen und die Ungerechtigkeit vielmehr auf sich. Er litt und war gehorsam.
Das erfahren wir im dritten Lied, und im vierten steigert sich das noch.

Doch von wem redet der Prophet hier eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles in unserem Text lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn sein Dasein ist vom Hören und Reden bestimmt. Er muss Morgen für Morgen sein „Ohr wecken“, es immer wieder neu von Gott öffnen lassen, um dann den Müden eine Antwort geben zu können. Er ist wie ein „Jünger“, der gehorcht und seinen Auftrag ausführt. Auch die Anfeindungen und Schmähungen passen dazu, denn das erlebten die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten oft Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn.

Doch hier liegt darüber erstaunlicher Weise keine Klage vor. Der Prophet hält trotz allem an Gott fest und bleibt ihm treu. Er nimmt das Leid an und bekennt seine Zuversicht. Er glaubt sogar, dass Gott selber das Leiden und den Gehorsam seines Dieners will. Und seine Hoffnung besteht darin, dass Gott ihm eines Tages helfen wird. Er weiß, dass er von Gott Recht bekommt und niemand ihn verderben kann. Er bekennt: „Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?“ Seine Gegner fühlten sich zwar als die Sieger, aber das störte ihn nicht. Seine Gewissheit ging über das Geschehen hinaus. Sie wies in eine andere Zeit, in die Zukunft und in eine neue Wirklichkeit. In ihr werden die Gegner sterben und vergehen wie „Kleider, die von Motten zerfressen werden“.

Das sind die Worte Jesajas und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage des Lebens Jesu sahen. Genauso ist es ihm ergangen: Er war von Gott gesandt und hat ihm bedingungslos gehorcht. Sein Ohr war offen für alles, was Gott ihm sagte. Die Müden hat er aufgerichtet und allen hat er das Wort Gottes verkündet. Trotzdem wurde er von seinen Gegnern überwältigt und geriet in schweres Leid. Doch das war nicht das Ende. Durch seinen Gehorsam ist er vielmehr stark geworden, er hat eine Hilfe erfahren, die über alles Menschliche hinausgeht. Denn Gott war bei ihm, ja in ihm, und er hat ihm einen Sieg geschenkt, der sogar den Tod einschließt.

Die Gewalt hat also nicht das letzte Wort behalten. Jesus hat sie durch seinen Gehorsam und seine Hingabe außer Kraft gesetzt. Er blieb auch im Tod der Friedenskönig als den die Menschen ihn bei seinem Einzug feierten. Es lohnt sich deshalb immer noch, ihm nachzufolgen, sich zu ihm zu bekennen und ihn vor aller Welt zu loben und zu preisen.

Doch was heißt das nun? Sollen wir unseren Glauben öffentlich demonstrieren, so wie das in dieser Begebenheit spontan geschah? Das hieße dann, dass wir uns als Christen zeigen, uns zu Fragen des gesellschaftlichen Geschehens äußern und Stellung beziehen. Sollen wir sozusagen mit Jesus protestieren? Viele Christen tun das. Sie versuchen, etwas in der Welt zu verändern, dem Unrecht zu wehren und den Frieden voran zu bringen. Jesus hat es uns schließlich vorgelebt.

Doch das sind nicht alle. Vermutlich genauso viele Christen denken: Wir können nichts ausrichten, es ist zwecklos, der Gewalt, die vieler Orts geschieht, Einhalt gebieten zu wollen. Demonstrationen richten ja schon nicht besonders viel aus, wie sollten wir als Christen dann in der Lage sein, etwas zu verändern? Gottesdienste, Gebete, Lieder und Psalmen sind doch noch viel machtloser. Was bleibt uns also als wirksames Mittel?

Diese Frage stellen wir uns immer wieder, und viele Christen beantworten sie tatsächlich mit Resignation. Sie ziehen sich ins Private zurück und kümmern sich nicht mehr um das Unrecht, die Kriege, Konflikte und das Leiden der vielen Menschen, die davon betroffen sind. Sie lassen die Dinge laufen. Sie argumentieren, dass Jesus das doch auch getan hat. Er hat sich schließlich nicht gewehrt.

Doch so einfach ist es nicht. Wenn Jesus gescheitert und nur gestorben wäre, gäbe es den christlichen Glauben heute bestimmt nicht mehr. Es lag noch viel mehr in seinem Verhalten, das wir uns klar machen müssen. Denn er hat dem Unrecht standgehalten: Er bot seinen „Rücken dar denen, die ihn schlugen, und seine Wangen denen, die ihn rauften. Er verbarg sein Angesicht nicht vor Schmach und Speichel.“ Und das ist eine Form des öffentlichen Widerstandes. Jesus war geduldig und verlor nie seine Hoffnung. Er glaubte fest, dass „Gott der HERR ihm hilft“, und dass er „nicht zuschanden“ wird. Sein „Angesicht war hart wie ein Kieselstein.“ Und das hat er auch gezeigt. Er demonstrierte mit seinem Einzug in Jerusalem und mit seinem ganzen Leben, dass es den Frieden gibt. Er spürte, dass Gott ihm immer „nahe“ war und ihn „gerecht sprach“. Er blieb deshalb mutig und unbeugsam und wusste: Alle, die ihm Unrecht taten, würden eines Tages vergehen „wie Kleider, die die Motten fressen.“

Und das ist eine Einstellung, die auch wir uns aneignen können. Wir können Jesus nachfolgen und dabei seinen Geist empfangen, den Geist der Geduld und der Hoffnung, des Widerstandes und des Friedens. Und das hat durchaus eine gesellschaftliche Relevanz. Wenn wir diese Haltung einnehmen, bleibt unsere Überzeugung keine Privatsache. Denn das gilt immer für die ganze Welt.

Deshalb ist es auch wichtig, dass wir sie zeigen. Das ist das Thema der diesjährigen Fastenaktion, der wir uns in unseren Gemeinden angeschlossen haben. Sie steht unter der Überschrift „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen.“ (7 Wochen ohne, die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018, edition chrismon) Denn das gehört sich für Christen nicht. In dem Kalender, der dazu herausgegeben wurde, steht dazu ein sehr schöner Text von dem Theologen Fulbert Steffensky, über den es sich lohnt, nachzudenken. Er lautet: „Die Klarheit der Lebenswünsche und Lebensabsichten hängt auch davon ab, ob man ihnen eine Form und einen Gestus geben kann. Überall da, wo Menschen etwas leidenschaftlich wollen, werden die inneren Wünsche zur äußeren Figur, wird die Seele zu einer nach außen gesetzten Landschaft, in der sie sich wiedererkennt und gestärkt wird. Die richtigen Inhalte sind nicht genug. Man braucht die ständige Aufführung und Gestaltung dieser Inhalte. Sie werden gestärkt, indem man sie spielt und äußert.“ (Fulbert Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, S. 98; im Fastenkalender am 17.3.)

Und das gilt auch für Christen. Es ist von großer Bedeutung, dass wir Jesus immer wieder öffentlich bekennen, „mit ihm ziehen“ (EG 384,1) und demonstrieren, wofür wir stehen. Sonst verkümmert unser Glaube. Er wird irgendwann kraftlos und die Hoffnung verschwindet mitsamt der Geduld.

Wir können das durchaus mit unseren Gottesdiensten tun, denn sie sind immer öffentlich. Auch Gespräche über den Glauben und Gebete sind eine gute Form des Bekenntnisses. Sie machen uns Mut und helfen, dass wir uns nicht beirren lassen. Wir bleiben aufrecht und zeigen Widerstand gegen zerstörerische Strömungen. Wir halten an der eigenen Überzeugung fest. Wir leben von innen heraus und setzen den negativen Kräften, die uns von außen bedrängen, etwas entgegen. Und dadurch wächst unser Glaube und bleibt lebendig. Dabei dürfen wir wissen, dass wir das Recht immer auf unserer Seite haben. Und wir haben Anteil an einem Sieg, der über diese Welt hinaus weist. Gott hilft uns und Christus selber ist dann bei uns. Unser Leben und Handeln sind ein Hinweis auf seine Gegenwart.

Natürlich ist es wichtig, dass wir realistisch bleiben und nicht gleich die ganze Welt retten wollen. Das schaffen wir in der Tat nicht. Aber vor Ort gibt es mit Sicherheit immer wieder Dinge, die wir benennen und auf die wir aufmerksam machen können. Wir müssen sortieren und auswählen, wo es sich am meisten lohnt. Doch wenn wir das tun, ist unserem Handeln und Reden, unserem Demonstrieren und unserem Widerstand auch Erfolg beschieden.

Wir müssen dafür gar nicht nur die Bibel lesen, es gibt genauso viele Beispiele in der Geschichte. Sie beweist, dass eine friedliche Demonstration durchaus etwas bringen kann. So hat etwa der Menschenrechtler Gandhi in Indien großes bewegt. Die Wende in Deutschland verlief friedlich, und alle Kriege der Menschheit waren irgendwann auch wieder zu Ende. Es kommt immer darauf an, wo wir hinschauen und wie wir die Welt sehen wollen.

Und das gilt auch für das Leben Jesu und seinen Einzug in Jerusalem. Es sah zwar so aus, als ob er am Ende verloren hat, aber das war ein Trugschluss. In Wirklichkeit hat er „gesiegt“ und er kann uns „Kraft und Mut“ geben. Er offenbart immer wieder „sein Recht und seine Herrlichkeit.“ So formulierte es 1798 der Pastor und Dichter Matthias Jorissen. (EG 286) Er konnte deshalb voll Zuversicht bleiben, denn er glaubte: „Bald schaut der ganze Kreis der Erde, wie unsers Gottes Huld erfreut.“ Und er ruft dazu auf: „rühm, Erde, Gottes Herrlichkeit!“ Lasst uns dieser Einladung folgen und immer wieder „frohlocken und jauchzen und unsern König anbeten.“

Amen.

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