Jesus Christus – die Mitte der Welt

Predigt über Offenbarung 5: Das Buch mit den sieben Siegeln

1. Sonntag im Advent, 3.12.2017, Luther- und Jakobikirche Kiel

Offenbarung 5

1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.
4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.
7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.
8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen,
9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen
10 und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.
11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend;
12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.
13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!
14 Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Liebe Gemeinde.

Wer einen Kreis zeichnen möchte, braucht dafür normalerweise einen Zirkel, d.h. eine Mitte, von der her sich der Kreis definiert, und einen Radius. Ohne das – besonders ohne einen Mittelpunkt – ist es sehr schwierig.
In der Physik spielt diese Tatsache ebenfalls eine Rolle, d.h. wenn Bewegung in den Kreis kommt und er sich dreht. Dann entsteht die sogenannte „Zentrifugalkraft“. Ein Bespiel dafür ist der Schleuderball, den man an einer Schlaufe festhält und dreht. Dadurch wird er beschleunigt, und wenn man ihn loslässt, fliegt weg. Und das heißt: Solange die Elemente auf der Kreislinie mit der Mitte verbunden sind, bleiben sie da, wenn sie losgelassen werden, fliehen sie.
Und das ist ein schönes Bild für unser Leben insgesamt: Wenn wir eine Mitte haben, an die wir uns binden, sind wir gehalten. Trennen wir uns davon, werden wir in die Weite geschleudert und gehen verloren.
Wir brauchen diese Mitte also, und sie muss die Kraft haben, gegen die „Fliehkräfte“ des Lebens zu wirken, uns festzuhalten. In der Physik heißt diese Kraft die „Ziehkraft“ oder einfach „Zentralkraft“.
Und genau davon ist in unserer Epistel von heute, der Vision aus der Offenbarung des Johannes, die Rede: Die kraftvolle Mitte, die hier beschreiben und verkündet wird, ist ein Lamm, das vor dem Thron Gottes steht und von „vieltausendmal tausend Engeln“ umringt wird.
Lassen Sie uns das, was dort erzählt wird, einmal ausmalen und die einzelnen Elemente deuten.
Die Vision beginnt bereits im vorhergehenden Kapitel: Da wird beschrieben, wie sich im Geist für den Seher Johannes eine Tür im Himmel öffnet und er zum Eintritt gerufen wird. In einem Saal voller Licht, Weite und Schönheit sieht er in der Mitte Gottes Thron, umgeben von vier Gestalten. Drei davon gleichen Tieren, es waren ein Löwe, ein Stier und ein Adler. Die vierte Gestalt hatte „ein Antlitz wie ein Mensch“. (Offb. 4,6f) Die Kirche sieht darin die Symbolbilder der vier Evangelisten. Sie singen unaufhörlich das „Heilig, heilig, heilig“, das in der Tradition des Judentums und der alten Kirche ein wichtiger Teil der Liturgie ist. Um diesen Thron und die vier Gestalten herum stehen „vierundzwanzig Älteste“.  (Offb. 4, 4.8) Sie repräsentieren eine gottesdienstliche Versammlung und stehen für die endzeitlich-himmlische Kirche.
Unser Kapitel beginnt nun mit einer Buchrolle, die zur Rechten des Thrones liegt und die siebenfach versiegelt ist. Es ist eine Urkunde, und sie enthält den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes. Mit der Lösung der sieben Siegel werden die Geschicke der letzten Zeit entbunden, alle Schicksale und Schrecken, die noch über die Welt hereinbrechen sollen. Wer die Siegel öffnen kann, setzt also den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes in Gang. Auch die Erwartung einer endgültigen Rettung wird damit erfüllt. Der Siegelöffner ist gleichzeitig der Überwinder, der die Weltgeschichte an ihr Ziel bringt. Er stillt die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung.
Es gibt nur einen, der das kann, und dieses Wesen erscheint nun vor den Augen des Sehers im himmlischen Thronsaal: Es ist ein Lamm, das die Schnittwunden seiner Schächtung an seinem Hals hat und zugleich sieben Hörner trägt. Mit diesem Bild ist Christus gemeint. Es kommt an vielen Stellen in der Offenbarung vor. Die sieben Hörner sind ein Zeichen seiner herrschaftlichen Würde. Gleichzeitig ist er das Opferlamm, das die Schuld der Welt stellvertretend gesühnt hat. Der Titel „Lamm“ weist also auf den Opfertod Christi hin und gleichzeitig auf die Herrschaft, die dem erhöhten Herrn übertragen ist. Es ist die der hingebenden Liebe. Und als der, der zugleich liebt und regiert, empfängt er das Buch des Lebens aus der Hand Gottes und löst die Siegel des Schreckens.
In diesem Augenblick fallen alle Umstehenden vor ihm nieder. Sie spielen himmlische Musik und entzünden in goldenen Schalen Räucherwerk, das wohlriechend den Himmel durchströmt. Das sind die Gebete der Christen, die aus den irdischen Gottesdiensten in den himmlischen Gottesdienst gelangen. Zum Schluss vereinen sich die Chöre aller Geschöpfe und Engel, die um den Thron stehen, und sie singen das „neue Lied“, den Lobpreis der Vollendung der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!“
Diesen Abschnitt aus der Bibel lesen wir heute, am ersten Advent, und das wirkt zunächst befremdlich. Denn in den Wochen, die vor uns liegen, erwarten wir die irdische Geburt des Gottessohnes, das ist alter liturgischer Brauch. Es gehört allerdings genauso zu unserer Tradition, dabei gleichzeitig an das zweite Kommen Christi zum Anbruch der Endzeit zu denken. Das vergessen wir heutzutage gern. Doch in den Adventswochen verbinden wir diese beiden Inhalte, und das ist gut, denn es erinnert uns daran, worum es in dieser Zeit letzten Endes geht: Um den Anbruch einer neuen Welt, um die Berührung des Himmels mit der Erde und das Erscheinen Gottes. Wir werden eingeladen, uns neu auf die geheime Mitte des Universums auszurichten, auf den liebenden und erhöhten Christus, der auch uns halten und retten kann.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht und was dazu gehört. Und dafür hilft es, wenn wir uns zunächst klar machen, wie unser Leben normaler Weise aussieht. Wir können das gut mit dem Bild von den „Fliehkräften“ tun, die sind nämlich vielfältig und stark. Sie entstehen, weil unser Leben ständig in Bewegung ist und sich dreht. Wir werden von Vielerlei umkreist und machen diese Bewegung deshalb selber mit.
Das können z.B. andere Menschen sein, die etwas von uns wollen. Wir sollen ihren Erwartungen gerecht werden, etwa im Beruf oder in der Familie. Es geht auch meistens gar nicht anders, als dass wir darauf eingehen, denn natürlich braucht ein Kind seine Eltern, der Ehemann die Ehefrau, die Vorgesetzte ihre Angestellten usw. Die Aufgaben, die damit zusammenhängen, bringen Bewegung ins Leben, und vieles davon macht uns auch Freude. Doch gelegentlich kann es zu viel werden, dann geraten wir unter Druck und entfernen uns von unserer eigenen Mitte. Wir geraten ins Schleudern, und es fühlt sich so an, als würde eine starke, fremde Kraft uns aus der Bahn werfen.
Konsum- und Vergnügungsangebote können dieselbe Wirkung haben. Gerade jetzt in der Adventszeit locken sie in vielfältiger Weise. Wir reden nicht umsonst von der „Glitzerwelt“ der Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte: Überall werden wir geblendet und verführt. Unsere Lust wird stimuliert. Das macht bis zu einem bestimmten Grad Spaß, aber unsere Bedürfnisse und Triebe können uns auch ins Rotieren bringen. Dann verlieren wir uns und fühlen uns irgendwann unwohl.
Und diese Liste, der „Fliehkräfte“ des Lebens ließe sich beliebig verlängern: Von allen Seiten werden wir umkreist und fangen an, uns zu drehen. Und dabei entsteht die Gefahr, dass wir uns selber aus den Augen verlieren. Bildlich gesprochen, werden wir in die Weite geschleudert. Wir verlieren die Orientierung und den festen Standpunkt, wissen nicht mehr, wo wir hingehören, und fühlen uns schlecht. Innere Leere und Sinnlosigkeitsgefühle beschleichen uns. Auch Einsamkeit und Angst kommen auf, und irgendwann geht nichts mehr. Wir sind erschöpft und ausgelaugt und wissen nicht weiter.
Es ist deshalb wichtig, dass wir immer mit der Mitte in Verbindung bleiben und die „Zentralkraft“ wirken lassen. Wir brauchen ein Zentrum, das uns hält und von dem her wir leben.
Und dazu regt die Adventszeit uns an. Uns wird der verkündet, der in der Mitte der Welt vor dem Thron Gottes steht und uns retten kann: Jesus Christus, der liebende und erhöhte Herr. Er ist da und lädt uns zu sich ein. Wenn wir auf ihn blicken und uns ihm anvertrauen, dann kann seine Kraft uns halten. Es ist die Kraft der liebenden Hingabe, die uns bindet und erlöst.
Die Adventszeit ist dazu da, dass wir uns ihr aussetzen, uns immer wieder innerlich sammeln und die Gegenwart Christi genießen. Anstatt uns auf die Peripherie des Lebens auszurichten, gilt es, die Mitte zu suchen. Die Erlösung liegt nicht in auf der Kreislinie, sondern im Zentrum. Es ist deshalb gut, wenn wir unser Bewusstsein regelmäßig umlenken und uns darauf „konzentrieren“. Dann werden wir fest und ruhig, wir finden zu unserer eigenen Mitte und zu Gott.
In einem Himmelfahrtslied von Philipp Friedrich Hiller aus dem Jahr 1757 kommt all das sehr schön zum Ausdruck. Es lautet: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß.“ (Evangelisches Gesangbuch 123) Dieses Bild hat der Dichter der Offenbarung entnommen und er malt es in den folgenden Versen sehr schön aus, bis es in Strophe fünf heißt: „Nur in ihm, o Wundergaben, können wir Erlösung haben, die Erlösung durch sein Blut.“ Der Dichter erinnert damit an das „Opferlamm“, das wir durch den Glauben in unser Leben aufnehmen dürfen. Deshalb folgt in Strophe sieben der Aufruf: „Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, sagt, ihr Armen, ihm die Not. Wunden müssen Wunden heilen, Heilsöl weiß er auszuteilen, Reichtum schenkt er nach dem Tod.“ Es geht darum, dass wir uns Christus anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erwarten. Dann „zieht er uns zu sich empor“ und „der Himmel steht uns offen“.
Deshalb ist es gut, wenn wir uns in die Scharen der Engel und Wesen um den Thron Gottes einreihen. Selbst wenn wir auf der „tiefsten Stufe“ stehen, oder – um in unserem Bild zu bleiben – auf einer der äußeren Kreislinien, können wir auf die Mitte schauen und mit allen anderen „glauben, reden und rufen: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig; ehret, liebet, lobet ihn!“
Amen.

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