Heilung an Leib und Seele

Predigt über Markus 1, 32- 39: Jesu Wirken in Kafarnaum und Galiläa

Sonntag nach Trinitatis, 22.10.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 1, 32- 39

32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren,
und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Liebe Gemeinde.
Überall wo Leben und Bewegung ist, gibt es ein Streben nach „Gleichgewicht“. Es ist nötig, damit etwas Bestand und eine Zukunft hat. Das können wir in der Natur beobachten, und genauso in Wirtschaft und Politik. Auch in der Psychologie und der Medizin spielt es eine Rolle.
So beschreibt das Gleichgewicht in der Biologie z.B. den stabilen Zustand eines Ökosystems, in der Wirtschaft einen ausgeglichenen Handel und in der Politik die Machtverhältnisse zwischen Staaten und Bündnissen. In der Psychologie und bei Lebewesen ist mit Gleichgewicht so etwas wie Gelassenheit und Gemütsruhe gemeint. Medizinisch gesehen führt es Gesundheit und Wohlergehen mit sich.
Und das ist, wie in allen Bereichen der Welt und der Natur, ein erstrebenswerter Zustand. Wir wären sicher alle gerne ausgeglichene und gesunde Menschen. Denn damit geht die Fähigkeit einher, vor allem in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Wer innerlich im Gleichgewicht ist, regt sich nicht auf und wird nicht nervös, er ist frei von Stress, gesund und stabil. Und das wünschen wir uns.
Doch wie kommen wir dahin? Auf diese Frage kann uns das Evangelium von heute paar Hinweise geben.
Es ist ein Abschnitt, der am Anfang des Markusevangeliums steht. Dabei handelt es sich um einen Sammelbericht über die Tätigkeit Jesu. Er zeigt, wie Jesu Handeln die Menschen erfasst. Besonders erwähnt werden die Kranken und Besessenen: Jesus kann ihnen helfen, er hat rettende Macht. Seine Kraft kommt von Gott, dessen Herrschaft sich durch sein Handeln erweist. Es bringt ganz konkrete Erlösung, körperlich und seelisch.
Dieses Bild von Jesus durchzieht das ganze Evangelium. Es wird immer wieder mit vielen Wundergeschichten ausgeschmückt und belegt. Vor unserem Abschnitt wird z.B. erzählt, wie Jesus einen Besessenen heilt und danach die Schwiegermutter des Petrus von ihrem Fieber befreit. Gott offenbart sich in ihm, das will der Evangelist zeigen.
Doch er stellt ihn nicht einfach nur als Wundermann dar, dem alle hinterherrannten. Es gibt an dem Tun Jesu etwas Besonderes, das soll ebenfalls deutlich werden. Deshalb folgt auf den Bericht über die Heilungen die Feststellung: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“
Noch in der Nacht verließ Jesus also das Haus, in dem er mit seinen Jüngern untergekommen war, um für sich allein zu sein und zu beten. Und dieser Weggang ist interessant. Was verbirgt sich dahinter? Wollte Jesus fliehen? Wurde es ihm alles zu viel? Das könnte man vermuten, doch das wäre ein Irrtum. Es ist auch nicht einfach nur die Sitte des Morgengebetes, die Jesus hier pflegte, denn alle anderen schliefen ja noch. Es geht vielmehr um ein Gleichgewicht, um einen Ausgleich der Kräfte. Das Handeln Jesu und seine Verkündigung waren nur dadurch wirksam, dass er sich immer wieder zurückzog und mit Gott redete. An vielen Stellen in den Evangelien wird das erwähnt. So schreibt Matthäus nach dem Bericht über die Speisung der Fünftausend z.B.: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ (Mt. 14,23) Und Lukas erwähnt nach der Geschichte über die Heilung eines Aussätzigen: „Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten. Er aber zog sich zurück in die Wüste und betete.“ (Lk.5,15f) Jesus nahm sich also immer wieder Zeit für den, in dessen Auftrag er handelte, für Gott, seinen Vater im Himmel. Er sprach mit ihm und ließ sich mit der Kraft ausrüsten, die er brauchte.
Die Jünger verstanden dieses Verhalten nicht. In dem heutigen Abschnitt aus dem Markusevangelium heißt es weiter: „Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.“ Das klingt fast vorwurfsvoll: Wie kannst du dich nur verstecken!? Das war ihre Kritik. Sie erwarteten, dass er weiter tätig war. Doch darauf ging Jesus nicht ein. Das Anliegen der Jünger war in seinen Augen selbstsüchtig und oberflächlich.
Außerdem ist sein Auftrag noch viel größer, als das, was sie jetzt gerade erleben. Jesus bringt mehr, als sie ahnen. Das wird an seiner Aufforderung zum Weitergehen deutlich, die er ihnen als Antwort gibt: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Er erfasst mit seiner Tätigkeit ganz Galiläa, und von da aus geht es weiter, wie in konzentrischen Kreisen. Das wird hier angedeutet. Jesu Auftreten ist letzten Endes für die ganze Welt von Bedeutung.
Nach seinem Wirken setzten die Jünger das ja auch um und haben missioniert. Das Evangelium hat sich in der ganzen Welt und durch alle Jahrhunderte verbreitet. Auch wir sind dadurch – Gott sei Dank – mit der Botschaft von Jesus Christus in Berührung gekommen. Wir sind hier, weil wir glauben, dass Jesus lebt und himmlische Macht hat. Er kann immer noch helfen und heilen.
Und unsere Geschichte will uns das auch verkündigen: Wir dürfen von Jesus erwarten, dass er uns rettet und erlöst. Er kann uns zur inneren Ruhe führen, zur Ausgeglichenheit und zur Gelassenheit. Auf zwei Ebenen gibt unser Text uns dazu Hinweise. Einmal stellt er uns Jesus als den vor Augen, der göttliche Kraft besitzt. Wir können uns ihm anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erhoffen. Das ist die eine Ebene.
Gleichzeitig ist Jesu Verhalten beispielhaft. Wir werden eingeladen, genauso wie er uns immer wieder zurückzuziehen und uns Zeit mit ihm zu nehmen. Er zeigt uns, wie auch wir konkret unseren Glauben leben können.
Lassen Sie uns über diese beiden Aspekte deshalb noch einmal etwas ausführlicher nachdenken.
Zunächst wird uns verkündet, dass Jesus da ist, und wir sind eingeladen, seine Macht zuzulassen. Das ist eine Zusage, aber zugleich eine Herausforderung. Ohne dass wir mitmachen und etwas investieren, kann das Heil nicht wirken, das Jesus uns gibt. Es kostet unsere Bereitschaft, uns darauf einzulassen. Und das heißt, wir müssen unser eigenes Machtstreben aufgeben, unseren Eigenwillen ablegen und unser Leistungsdenken beenden.
Davon sind wir leider alle durchdrungen. Es wird uns mit in die Wiege gelegt, dass wir am liebsten alles alleine hinbekommen und uns selbst erlösen wollen. In gewisser Hinsicht ist das auch nicht schlecht, denn dadurch geschieht etwas in unserem Leben und in der Gesellschaft, wir kommen weiter, erreichen unsere Ziele und verändern die Gegebenheiten. Aber ganz oft ist dieses Verhalten auch ungesund und zerstört das vorhandene Gleichgewicht. Gesellschaftlich und persönlich gerät durch unseren Eigenwillen immer wieder etwas aus den Fugen. Konflikte entstehen, Unfriede und Streit brechen aus, Stress und Krankheiten plagen uns. Wo der Mensch nicht eingreift, entsteht in der Natur fast immer von selber ein Gleichgewicht. Unser Handeln und unser Wille zerstört es dagegen immer wieder.
Es gibt ein Gedicht von Werner Bergengruen, in dem das sehr deutlich formuliert ist. Das war ein deutsch-baltischer aus Riga, der von 1892 bis 1964 lebte, zuletzt in Baden-Baden. Er hatte immer einen kritischen Blick auf seine Zeit und die Gesellschaft und war – als es akut wurde – ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Das Gedicht, das ich meine, beginnt folgendermaßen:
„Wir sind so sehr verraten, von jedem Trost entblößt, in all den wirren Taten ist nichts, das uns erlöst.“ Weiter klagt er das „Fingerzeigen“ und die „plumpen Worte“ an und sagt, dass er „sie satt hat“. Das sind drastische Formulierungen für die zerstörerischen Vorgänge, die wir oft heraufbeschwören, für Trostlosigkeit und Unerlöstsein.
Um sie zu stoppen, müssen wir uns selber und unseren Eigenwillen also relativieren, unser Machtstreben und unsere Gier aufgeben und uns einschränken. Und dafür ist es gut, wenn wir auf Jesus blicken. In ihm ist Gott gegenwärtig, vor ihm verliert unser eigenes Streben seine Alleingültigkeit, er besitzt die Kraft, uns zu bremsen. Das Wirrwarr lichtet sich, wir werden einfacher und klarer. Er trieb Dämonen aus, d.h. er konnte den zerstörerischen Kräften, die in einem Menschen wohnten, Einhalt gebieten. Er stellte das Gelichgewicht wieder her und heilte Krankheiten.
Und das können auch wir erleben, wir müssen uns nur Zeit für ihn nehmen. Damit sind wir bei dem zweiten Thema, das in unserem Evangelium vorkommt: Wir müssen uns immer mal wieder zurückziehen und beten. Werner Bergengruen formuliert: „Wir woll’n den Klang des Schweigens, das uns erschaffen hat.“ Das sind schöne und einladende Worte, die wir beherzigen sollten: Es ist gut, wenn wir regelmäßig schweigen und die Hände in den Schoß legen, ruhig werden und uns in Muße üben.
Zum einen setzen wir damit äußerlich dem Lärm und der Hektik etwas entgegen. Auf Zeiten der Aktivität folgt eine Phase der Passivität, das Handeln wird durch Nichtstun ausgeglichen, und das ist gut. Eine Dauerbeschallung macht uns letzten Endes krank, und permanente Aktivität auch. Irgendwann sind wir erschöpft und ausgelaugt, die Kräfte sind verbraucht, der Akku ist leer. Wir brauchen Ruhe.
Wahrscheinlich wissen wir das auch alle. Trotzdem vermeiden wir die Stille gern, denn es ist nicht ganz einfach, sie auszuhalten. Wenn es lautlos um uns ist, sind wir plötzlich allein mit uns selber. Es geschieht nichts mehr, wir werden durch nichts abgelenkt und müssen unseren Zustand ertragen. Und der kann unangenehm sein. Wenn wir innerlich unruhig sind und voller Gedanken, dann fühlt es sich zunächst nicht besonders gut an, still zu sein. Wir kommen in Berührung mit unserer Armseligkeit, unserer Schuld oder unserem Versagen. Schwäche, Not und Schmerzen werden viel spürbarer, weil wir sie nicht mehr verdrängen.
Aber genau darin liegt die Chance, die die Stille uns bietet. Sie ist nicht nur äußerlich wichtig, sondern vor allem innerlich. Wir kommen uns endlich einmal nahe und spüren uns selber. Wir werden aufmerksam für seelische Vorgänge.
Und dabei dürfen wir mit Jesus in Beziehung treten. Es geht nicht um Selbsterlösung durch Meditation, sondern als Christen sind wir eingeladen, in der Stille auf Jesus zu vertrauen und uns auf ihn zu verlassen. Wir dürfen viel von ihm erwarten, zu ihm beten, ihn um Hilfe anrufen. So wie er selber mit Gott geredet hat, wenn er sich zurückzog, so können wir mit ihm sprechen und um sein Erbarmen bitten. Wir lassen uns los, entspannen uns und lassen seine Liebe wirken.
Dann werden wir ruhiger, wir spüren nach einer Weile seine Gegenwart, seine Macht und Hilfe, seine heilenden Kräfte, sein Erbarmen und seine Liebe. Sie werden wirksam und führen uns zu einem inneren Gleichgewicht.
Erfahrungsgemäß geschieht das ungefähr nach einer dreiviertel Stunde Stillsitzen, Schweigen und Beten. Es wäre also gut, wenn wir so viel Zeit von vorne herein investieren. Aber natürlich gibt es auch andere Methoden. Auf einem Spaziergang z.B. kann dasselbe geschehen, wenn wir Jesus dabei innerlich mit uns gehen lassen. Oder wir richten immer wieder Ruhepausen im Alltag ein, „Oasen der Stille“, die uns den Aufblick ermöglichen. Auch Zeiten des Wartens können wir so nutzen, oder Nächte, in denen wir keinen Schlaf finden.
Auf jeden Fall braucht unser Glaube eine konkrete Praxis, nur dann wird er wirksam und kann uns verändern. Das hat Jesus uns vorgelebt.
Aber das lohnt sich auch. Kräfte des Gleichgewichts wirken und heilen und beruhigen uns. Neues Leben wird möglich, Stabilität und Friede, Wachstum und Gedeihen. „Gewalt und Gier und Wille der Lärmenden zerschellt.“ So formuliert Werner Bergengruen in seinem Gedicht die Auswirkung des Schweigens. Und er schließt mit der Bitte: „O komm, Gewalt der Stille, und wandle du die Welt.“
Amen.

Gewalt der Stille

Wir sind so sehr verraten,
von jedem Trost entblößt,
in all den wirren Taten
ist nichts, das uns erlöst.

Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt,
wir woll’n den Klang des Schweigens,
das uns erschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt.
O komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.

Werner Bergengruen

 

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