Betet!

Predigt über Lukas 11, 5- 13: Zuversicht beim Beten

5. Sonntag nach Ostern, Rogate, 21.5.2017
Jakobikirche Kiel

Lukas 11, 5- 13

5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,  und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;  ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 0 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet,  eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde.

Die ersten wichtigen Dinge im Leben lernen wir dadurch, dass wir sie einfach tun. Wenn ein Kleinkind sich entwickelt, kann es nach ein paar Wochen die Welt um sich herum erkennen und beobachten. Bald entdeckt es seine Händchen und greift zu. Später richtet es sich auf, lernt sitzen, krabbeln und laufen. In absehbarer Zeit kommt die Sprache dazu. Auch die lernt ein Kind von allein, dadurch dass es hört, nachahmt und Wörter ausprobiert.
Im weiteren Verlauf des Lebens werden uns dann bestimmte Dinge beigebracht, wir lernen sie von anderen, die uns gezielt zeigen, wie etwas geht. Es bleibt aber dabei, dass wir uns das was wir wirklich können wollen, selber aneignen müssen. Zu allen Fähigkeiten gehört es, dass wir uns darin üben und sie praktizieren. Ob es das Spielen eines Musikinstrumentes ist, eine Sportart, eine Sprache, Fachwissen oder Lebensweisheit: Wir lernen, indem wir uns belehren lassen und dann unsere Aufgaben machen.
Mit dem Beten ist es nicht anders. Auch da gibt es Dinge zu beachten, die andere uns beibringen können, die wir dann aber selber umsetzen müssen, wenn wir es wirklich lernen wollen.
Die älteste Gebetsschule für die Christen finden wir bereits im Neuen Testament. Wir haben den Abschnitt eben gehört. Er enthält die sogenannte Gebetslehre Jesu, die er seinen Jüngern gibt. Sie beginnt mit dem Vater unser, das unserem Textabschnitt voran geht. Danach ermuntert und ermutigt Jesus seine Jünger zum Gebet, indem er ihnen sagt, warum es sich lohnt.
Er beginnt dafür mit einem Gleichnis, das von einem gewöhnlichen Menschen handelt. Er gerät allerdings in eine ungewöhnliche Situation, denn er hat einen Freund, der mitten in der Nacht bei ihm anklopft, um Brot zu leihen. Ein anderer Freund war gerade zu ihm gekommen, und er will ihm etwas zu essen geben. Der Hörer soll sich vorstellen, dass auf der Reise wohl etwas passiert ist, was den Betreffenden so spät eintreffen lässt und ihn umso hungriger und bedürftiger macht, denn Mitternacht war auch damals keine normale Besuchszeit. Doch ganz gleich, wann ein Gast eintraf, es gehörte sich, dass man ihn empfing und bewirtete. In diesem Fall ist bloß leider kein Brot im Haus, und so geht der Betreffende zu seinem Nachbarn, weckt ihn auf und bittet darum. Dadurch wird zwar essen ganze Familie gestört, aber trotzdem öffnet der Mann die Tür, lässt den Bittenden hinein und erfüllt seinen Wunsch.
Das ist das Gleichnis, und damit will Jesus sagen, dass Gott genauso handelt: Er scheut keine Mühe, um unsere Bitten zu erfüllen. Wir können immer kommen, auch zur Unzeit. Er gibt uns, was wir brauchen. Damit ermutigt Jesus uns zum Gebet und sagt zusammenfassend: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“
Anschließend begründet er, warum sich das lohnt, und zwar wiederum mit zwei Beispielen aus der Alltagswelt, die als Gleichnis dienen: Wenn ein Kind seinen Vater um einen Fisch bittet, wird er ihm keine Schlange geben. Die sieht zwar so ähnlich aus, ist aber giftig und gefährlich. Genauso ist es mit einem Ei. Das ist ein reichhaltiges Nahrungsmittel, und wenn das Kind seinen Vater darum bittet, wird er ihm keinen Skorpion stattdessen geben. Im zusammengezogenen Zustand ähnelt der eventuell einem Ei, aber auch das würde das Kind in höchste Gefahr bringen. So handelt kein Vater, und Gott erst recht nicht.
Er gibt uns vielmehr das Gute, und das ist vor allen Dingen der Heilige Geist. Mit der Verheißung dieser Gabe endet Jesus seine Gebetslehre, und das ist sehr aufschlussreich. Wir dürfen nicht nur um die Dinge bitten, die wir zum Erhalt unseres natürlichen Lebens brauchen. Gott möchte uns darüber hinaus innerlich ausrüsten, uns seinen Geist schenken. Durch ihn zieht er selber in uns ein. Er macht uns vertrauensvoll und zuversichtlich.
Darum lohnt es sich zu beten: Gott meint es gut mit uns, er geht mit uns um, wie ein Freund oder Vater. Er lässt sich bedrängen und betrügt uns nicht. Er bringt uns nicht in Gefahr, sondern gibt uns, was wir zum Leben brauchen, äußerlich und innerlich. Wir können deshalb jederzeit zu ihm kommen und ihn um alles bitten, was wir nötig haben. Wir sollen das sogar, es ist unser Beruf als Christen: Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und an seine Möglichkeiten glauben. Wir müssen nicht alleine mit dem Leben fertig werden, sondern dürfen vor ihn treten und alles von ihm erwarten.
So lehrt Jesus hier, und das klingt ganz schön. Aber deckt es sich auch mit unseren Erfahrungen? Es gibt doch unzählige unerhörte Gebete, unsere Fürbitten z.B., die wir hier Sonntag für Sonntag vor Gott bringen. Werden die  erhört? Wir erflehen darin Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, Hilfe für alle Notleidenden, Heilung für die Kranken, Trost für die Traurigen usw. Doch hat sich dadurch etwas in der Welt geändert?
Auch persönlich schicken wir viele Gebete zu Gott, auf die er nicht eingeht: Wenn wir ihn z.B. bitten, uns gesund, glücklich und wohlhabend zu machen, dann scheint ihm das häufig ganz egal zu sein. Es fällt uns deshalb oft schwer, daran zu glauben, dass „Gott gibt, wenn wir ihn bitten, dass wir finden, wenn wir suchen, und er uns auftut, wenn wir anklopfen“.
Außerdem kennt Gott unsere Nöte doch viel besser als wir und weiß längst, was wir brauchen. Das ist ein weiterer Einwand gegen das Gebet. Sorgt Gott nicht sowieso für alles Gute? Er hat die Welt erschaffen, Sonne und Regen kommen von ihm, Leib und Leben will er erhalten. Das glauben wir. Warum sollen wir ihn also noch darum bitten?
Das sind Fragen an die Gebetslehre Jesu, mit denen wir uns beschäftigen müssen, und ich möchte das gerne mit drei Gedankengängen tun.
Zunächst einmal können wir feststellen, dass es nicht nur unerhörte Gebete gibt. Das Gegenteil ist ebenso oft der Fall. Viele Menschen können bezeugen, dass Gott ihnen geholfen hat, weil sie ihn darum gebeten haben. So wie in den Gleichnissen, die Jesus erzählt, hat er ihnen genau das gegeben, was sie brauchten. Auf wunderbare Weise hat sich in ihrem Leben eine Tür aufgetan, sie haben gefunden, was sie gesucht haben, und etwas hat sich zum Guten verändert. Gott hat sie gehört und keine Mühe gescheut.
Wir wissen ja auch gar nicht, wie es in dieser Welt wäre, wenn es die Betenden nicht gäbe. Vielleicht sorgen gerade sie dafür, dass es auf dieser Erde immer noch Leben gibt und alles in geheimnisvoller Weise zusammen gehalten wird. „Gott weiß die Beter überall.“ sagt Jochen Klepper in einem Lied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 457,3) und das ist eine beruhigende Vorstellung. John F. Ellerton drückt das auch aus. In dem Lied „Der Tag, mein Gott ist nun vergangen“ (EG 266) heißt es in Strophe drei: „Denn unermüdlich wie ein Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.“ Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke: Die Welt ist von Betenden umschlossen und wird dadurch von einer unsichtbaren Kraft erhalten. Das ist die erste Antwort auf unsere Anfragen.
Als zweites ist es gut, dass wir durch das Gebet überhaupt mit Gott in Kontakt treten. Gebet ist gelebtes Vertrauen, Glaubenspraxis. Durch das Gebet leben wir mit Gott und beziehen ihn in unseren Alltag und alles, was uns beschäftigt ein. Entscheidend ist dabei unsere Blickrichtung: Wir starren beim Beten nicht mehr nur auf die Probleme und lassen sie auf uns einwirken, sondern wir schauen auf Gott. Wir lassen uns nicht von dem Elend und von der Zerstörung bestimmen, sondern von Zuversicht und Hoffnung. Dazu gehört es, dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen abgeben, unsere Anliegen bei Gott ablegen und sie ihm überlassen. Gerade beim Gebet für andere ist das entscheidend: Wir stellen sie in die Obhut Gottes und wissen sie da geborgen.
Manchmal weiß Gott auch viel besser, was wirklich gut für uns oder die anderen ist. Es kann heilsam sein, wenn er nicht alles erfüllt, was wir wollen. Möglicherweise ist etwas, das wir für eine Schlange halten, in Wirklichkeit ein Fisch, und das, was wie ein Skorpion aussieht, ist ein Ei. Das stellt sich oft erst später heraus, vielleicht sogar erst nach Jahren. Aber wir erkennen dann eines Tages, dass Gott es die ganze Zeit, in der es uns schlecht ging, gut mit uns gemeint hat. Das ist der zweite Gedanke. Und daraus ergibt sich schon von alleine der dritte Punkt:
Es geht beim Beten letzten Endes um Gott selber, darum dass wir ihm näher kommen. Alle großen Beter und Beterinnen sagen das. So antwortet Luther auf die Frage, ob Gott nicht schon alles weiß, folgendes: „Darum fordert Gott das Beten nicht, dass wir ihn damit lehren sollten, was er geben soll, sondern darum, dass wir‘s erkennen und bekennen, was er uns für Güter gibt und noch viel mehr geben will und kann, so dass wir durch unser Gebet mehr uns selbst unterrichten als ihn. Denn damit werde ich umgewandelt, dass ich nicht hingehe wie die Gottlosen, die solches nicht erkennen noch dafür danken, und so wird mein Herz zu ihm gekehrt und erweckt, dass ich ihn lobe, danke und in Nöten bei ihm Zuflucht habe und Hilfe von ihm erwarte. Das dient alles dazu, dass ich, je länger je mehr erkennen lerne, was er für ein Gott ist, und weil ich bei ihm suche und anklopfe, so hat er auch Lust, desto mehr und reichlicher zu geben.“ ( Schlag nach bei Luther, Hg. Margot Käßmann, Frankfurt am Main 2012, S. 27f)
Es geht beim Beten also darum, dass wir Gott selber erkennen. Letzten Endes ist er die Antwort auf alle unsere Anliegen und Wünsche. Er stillt unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit mit seiner Gegenwart. „Der Vater im Himmel wird uns den Heiligen Geist geben.“ So sagt Jesus das.
Und das ist etwas, das wir im Laufe unsres Lebens immer mehr lernen. Andere bringen es uns bei, und wir müssen es einfach ausprobieren. Die Mystikerin Teresa von Avila ist z.B. eine solche Lehrerin des Gebetes. Sie hat aufgeschrieben, wie wir es lernen können, und dafür das Bild von der „inneren Burg“ entwickelt. Es steht für die Seele, die „sieben Wohnungen“ hat. Durch die gehen wir, wenn wir uns für ein Leben mit Gott entschieden haben. D.h. die Seele dringt immer weiter in ihr Innerstes vor, sie wird langsam freier und gelassener und erkennt schrittweise, dass sie allein in Gott zur Ruhe kommen kann. (Teresa von Avila, Seelen-Burg oder – Die sieben inneren Wohnungen der Seele, erschienen in der Kleinen Bibliothek spritueller Weisheit, Hg. Abt Emmanuel Jungclausen OSB in Zusammenarbeit mit Christian Felmann, Freiburg 1999)
Auf diesem Weg nach innen werden unsere Worte langsam weniger. Irgendwann müssen wir gar nicht mehr alle Einzelheiten vor Gott ausbreiten, sondern genießen einfach seine Nähe. Vielleicht reicht am Ende ein Satz wie Jesus ihn in Gethsemane gebetet hat: „Mein Vater nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matthäus 26, 39) Möglicher Weise verstummt aber auch der irgendwann, und unser Gebet wird wortlos. Wir sind nur noch still und ruhig in den Armen Gottes, wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter oder seines Vaters.
Und das lernen wir am ehesten dadurch, dass wir es einfach tun.
Amen.

 

 

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