Teilen tut allen gut

Predigt über Apostelgeschichte 4, 32- 37: Die Urgemeinde
1. Sonntag nach Trinitatis, 7.6.2026, Gethsemanekloster Riechenberg,

Apostelgeschichte 4, 32- 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde.

Zu Pfingsten hatte Petrus in Jerusalem das Evangelium von der Auferstehung Jesu Christi verkündet. Daraufhin war die erste Gemeinde entstanden. Sie wird in der Apostelgeschichte im vierten Kapitel beschrieben. Der Evangelist Lukas, der auch die Apostelgeschichte geschrieben hat, zeichnet dort das Bild der christlichen Frühzeit, und das ist für immer ein Leitbild dessen geblieben, was Kirche sein soll: Es ist das Ideal der Gütergemeinschaft. Die Einigkeit unter den zum Glauben Bekehrten war so stark, dass das private Eigentum keine Grenzen mehr zwischen den Menschen zog. Niemand beanspruchte sein Hab und Gut nur für sich selber, sondern stellte es, wo es nötig war, für die Geschwister zur Verfügung. Es sollte keine Armen und keine Reichen in der Gemeinde geben.

Diese Vorstellung war nicht neu. Der Gedanke an eine Welt ohne die Schranken des Privateigentums, in der allen alles gemeinsam ist, strahlte schon immer eine große Faszination aus. Der Evangelist Lukas kannte diese Idee sicher auch und hat sie hier übernommen.

Allerdings dachte er dabei nicht an eine organisierte oder gesetzlich fixierte Eigentumsgemeinschaft, in der alle Güter vergesellschaftet wurden wie im Kommunismus. Er erzählt uns vielmehr, dass die Begüterten ihren Besitz verkauften und so zum Unterhalt der Bedürftigen beitrugen. Was den Einzelnen gehörte, stellten sie in selbstverständlicher Freiheit der Gemeinschaft zur Verfügung, so wie es gerade gebraucht wurde.

Sicher steht dahinter auch eine geschichtliche Wirklichkeit. So war es am Anfang wohl tatsächlich: Die Gemeindeglieder waren „ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Allerdings ist das Experiment schon bald gescheitert. Bereits in der Apostelgeschichte wird erzählt, wie erste Schatten auf das Bild der Urzeit gefallen sind. Es ergaben sich so einige Schwierigkeiten.

Und das können wir uns gut vorstellen, denn auch wir hätten unsere Bedenken, wenn wir so leben sollten. Es schwebt uns zwar immer noch als das vollkommene Bild einer Gemeinde vor, aber verwirklicht wird es kaum. In unserer Kirche wird das Privateigentum nicht in Frage gestellt, und in der Gesellschaft erst recht nicht. Sicher spenden wir alle regelmäßig für gute Zwecke, wir sind nicht geizig, niemand will reich werden und alles für sich alleine behalten. Wir denken immer auch an diejenigen, die weniger haben als wir und helfen, wenn wir es können. Aber ich denke niemand von uns würde alles hergeben, was er oder sie besitzt, und es mit allen anderen teilen.

Was sollen wir mit dieser Geschichte also anfangen? Ist das Ganze nicht sehr unrealistisch und für eine heutige Umsetzung kaum tauglich? Das fragen wir uns und wir müssen uns Gedanken machen.

Lasst uns das tun und zunächst folgendes feststellen: Lukas vertritt hier nicht einfach nur irgendeine Philosophie. Er erinnert mit der Beschreibung der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde vielmehr an die Kritik des Reichtums, die er bereits in seinem Evangelium betont, und die er von Jesus gelernt hatte. Der verzichtete auf Besitz und warnte vor dem Sorgen um materielle Güter. Sie waren für ihn eine Gefahr, weil sie dem radikalen Anspruch Gottes im Weg standen. Sie verengen den Blick, das eigene Ich steht im Vordergrund, das war seine Warnung, und die hat die Urgemeinde ernst genommen. Sie hat versucht, die Gefahr des Besitzes zu bannen. Mit der Gütergemeinschaft realisierten sie eine Lebensform, in der die materiellen Dinge als gute Gaben Gottes verstanden wurden. Sie trennten die Menschen nicht voneinander, sondern führten sie zusammen. So blieben die Einzelnen offen für Gott und den Nächsten. Der Geist Jesu war unter ihnen lebendig, er stärkte und ermutigte sie. Jesus gesellte sich sozusagen zu ihnen. Seine Gedanken wurden ihre Gedanken, und sie wuchsen in sein Reich hinein. Und das hat ihnen sicher Freude bereitet. Sie erlebten, wie reich es innerlich macht, den anderen zu helfen. Es freut nicht nur den Empfänger oder die Empfängerin, sondern auch den Geber oder die Geberin.

Und das können auch wir erfahren, wenn wir die Dinge, die uns gehören, mit anderen teilen. Wir kennen es aus eigener Erfahrung, wie schön es ist, wenn wir beschenkt werden, wenn ein anderer oder eine andere etwas mit uns teilt, was er oder sie besitzt. Und die Freude, die der oder die Geberin anderen damit bereitet, fällt auch auf sie selber zurück. Wir teilen und lieben, kommen uns näher und werden eins. Gemeinschaft entsteht, und das Evangelium wird Wirklichkeit.

Und das muss sich auch nicht nur auf äußere materielle Dinge beziehen. Genauso wichtig ist es, dass wir Zeit, Kraft und Fähigkeiten, Erfahrungen, Ideen und Gedanken, Zuversicht und Vertrauen miteinander teilen. Wenn jemand sich für uns Zeit nimmt und uns mit dem hilft, was er oder sie kann, dann entsteht Einigkeit und Zusammenhalt. Wir sind dankbar, wenn wir Anteil gewinnen an den Möglichkeiten der anderen. Es animiert uns, selber Gutes zu tun, uns gegenseitig zu bereichern und zu inspirieren.

Es gibt dazu einen Spruch, den ich schon in meiner Kindheit als Kanon kennengelernt haben. Johannes Petzold hat die Melodie geschrieben. Er lautet: „Der hat sein Leben am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht.“ Er sagt uns, wie gut es tut, wenn wir uns einander zuwenden und teilen, was uns trägt und erfüllt, was uns Freude und Kraft gibt. Dann wird das Leben schöner. Wir sind nicht allein, denn wir gehen miteinander und stehen uns bei. Auch das Leid, das uns eventuell bedrückt, wird dadurch leichter, denn jemand anders trägt es mit uns. Dunkle Zeiten werden aufgehellt, wenn Menschen an unserer Seite stehen. Das Sprichwort stimmt: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Das Teilen ist für alle heilsam, ob es nun um unseren Besitz oder unsere Güter geht, unsere Zeit und Kraft, unsere Erfahrungen oder Gedanken.

Denn wir dürfen daran glauben, dass Jesus Christus bei uns ist, wenn wir füreinander da sind. Er ermutigt uns zum Geben und zum Nehmen, wie es gerade nötig ist, und er schenkt uns die Freude und die Dankbarkeit, wenn das Teilen gelingt. Auf diese Weise verwirklicht sich sein Friede, und sein Reich wächst. Es muss gar nicht das Ideal der vollkommenen Gütergemeinschaft sein, es reicht schon, wenn die Liebe Christi hier und da in der Welt vorkommt und Menschen tröstet und ermutigt. Unser Alltag, unser Leben und das Miteinander werden dadurch heller und leichter. 

Amen.

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