In Christus sein und neu werden

Predigt über 1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung
3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 11 Uhr, 8.5.2022, Jakobikirche Kiel

1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung

1 1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
4 Und Gott sah, dass das Licht gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

2 1So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.
2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.
3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Liebe Gemeinde.

Im Norden des Bundesstaates Kentucky in den USA wurde im Jahr 2007 das sogenannte „Creation Museum“ eröffnet. Es ist die Speerspitze einer Bewegung, die seit langem für die Schöpfungslehre und gegen die Evolutionstheorie kämpft. Es wird von fundamentalistischen Christen geführt, die zeigen wollen, dass die Schöpfungsgeschichte so, wie sie im Alten Testament steht, der Realität entspricht: Gott hat die Erde in sechs Tagen erschaffen. Wenn das nicht buchstäblich so gewesen sein soll, könnte der Rest der Bibel auch nicht wahr sein. Das ist ihre Befürchtung. Ihr ganzes Weltbild würde einstürzen. Daher muss die Schöpfungsgeschichte stimmen, und das versucht dieses Museum zu zeigen. Argumente der Naturwissenschaft werden dort entkräftet, um andere Erklärungen für die Entstehung der Welt zu finden.

Diese Bewegung ist nicht neu. Im Grunde hat es sie immer gegeben. Ihre Theorie wurde nur 1859 durch Charles Darwin in Frage gestellt, als dieser sein Werk „Die Entstehung der Arten“ veröffentlichte und darin die Grundlagen der modernen Evolutionstheorie legte.

In unserer Kirche folgen wir längst dieser Lehre und geben der Naturwissenschaft recht, die sagt: So, wie es in der Bibel steht, ist es nicht gewesen. Die Welt ist vielmehr in Millionen von Jahren entstanden, und ein Lebewesen hat sich aus dem anderen heraus entwickelt.

Doch wozu lesen wir die Schöpfungsgeschichte dann überhaupt? Was kann sie uns sagen? Das müssen wir uns fragen, und dabei kommen wir durchaus auf viele Antworten.

Zunächst müssen wir das Alter der Erzählung berücksichtigen: Vor ungefähr 3000 Jahren wurde sie aufgeschrieben und wahrscheinlich lange vorher bereits mündlich weitergegeben. Was in der Bibel steht, sind uralte Gedanken über Gott und die Welt und wie sie aufeinander bezogen sind. Glaube und Wissen gehörten für die Menschen damals zusammen. Denn wie die Welt entstanden war, lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Und so glaubten sie, dass Gott Himmel und Erde, d.h. schlechterdings alles ins Dasein gerufen hat. Dahinter stehen also sein Wille und seine schöpferische Kraft, und er ist der Herr der Welt. Die Menschen wollten mit diesem Bericht nicht nur etwas über ihre Entstehung sagen, sondern hauptsächlich über Gott, seine Macht und seine Möglichkeiten. Wir haben es demnach beim Schöpfungsbericht in erster Linie mit einem Glaubensbekenntnis zu tun.

Drei Abschnitte haben wir daraus eben gelesen, bzw. drei Schöpfungstage: Die Erschaffung des Lichtes, des Menschen und der Ruhe. Und die zeigen sehr schön, wer Gott ist und was er kann.

An der Erschaffung des Lichtes wird deutlich, dass Gott aus dem Chaos Ordnung herstellt. Vorher war „Tohuwabohu“, das ist das hebräische Wort für „wüst und leer“, das hier steht. Es bedeutet: Nichts hatte eine Gestalt, und Finsternis lag über allem. Doch dahinein hat Gott Licht geschickt, das alles durchflutete und Leben möglich machte. Damit kommt der Glaube zum Ausdruck, dass Gott durch seinen Willen und sein Wort das Chaos besiegt und die Welt vor dem Untergang bewahrt. Und das sind starke Aussagen über Gott und seine Kraft, die wir auch als moderne Menschen ruhig übernehmen können. Glaube und Wissen müssen sich nicht ausschließen und widersprechen. Auch ein Naturwissenschaftler kann an die Macht und den Willen Gottes glauben, der sich in allem zeigt. Beim Anerkennen des Schöpfungshandelns Gottes geht es um ein bestimmtes Bewusstsein, eine Lebenshaltung, die sich hauptsächlich durch Gottesfurcht und Demut auszeichnet: Wir gewinnen einen ehrfürchtigen Blick auf alles, und wir verstehen uns selber auch anders. Darauf zielt der Schöpfungsbericht jedenfalls ab.

Das wird an dem zweiten Teil deutlich, den wir vorhin gehört haben, dem sechsten Schöpfungstag. Da erschuf Gott den Menschen, und das war sein wichtigstes Werk. Denn er schuf ihn als „Gottes Ebenbild“. D.h. wir entsprechen ihm und sind ihm ähnlich. Er hat uns als ein Gegenüber geschaffen und zu seinen Artgenossen gemacht, mit denen er reden und Gemeinschaft haben wollte. Außerdem hat er uns eine Aufgabe gegeben: Wir sind auf die Erde gestellt, um seinen Herrschaftsanspruch zu wahren und durchzusetzen. Sie soll uns zwar nützen, d.h. wir leben von den Pflanzen und mit den Tieren, aber wir sollen sie gleichzeitig hegen und pflegen.

Und es ist nach wie vor gut und heilsam, wenn wir uns dieses Menschenbild zu eigen machen. Es stellt unsere Selbstherrlichkeit und Autonomie in Frage. Wenn wir uns so verstehen, kommt Harmonie sowohl in unser eigenes Lebensgefühl als auch in unseren Umgang mit der Natur. Denn dadurch weist uns unsere Herkunft, unser Wesen und unsere Bestimmung auf Gott hin. Wir sind auf ihn bezogen und verstehen uns von ihm her.

Und das gelingt am besten, wenn wir das Ende der Schöpfungsgeschichte beachten, den siebten Schöpfungstag, den wir vorhin ebenfalls vorgelesen haben. Da „ruhte“ Gott, und diese Ruhe bildet den Abschluss des Ganzen. Wir sollen sie wahrnehmen und werden dahinein eingeladen. Sie wird auch uns geschenkt, und sie ist der beste Ausdruck für die Nähe zu Gott. Wenn wir bei ihm und mit ihm sind, kehrt Ruhe ein, und umgekehrt: Nur wenn wir ruhig werden, können wir seine Gegenwart und Kraft auch spüren.

Das alles können wir dem Schöpfungsbericht entnehmen: Gott hat Macht über das Chaos, und wir sollen ihn ehren und loben. Als Menschen sind wir in der Verantwortung vor ihm und für die Schöpfung. Und in der Ruhe erleben wir seine Gegenwart und Nähe.

Und es ist gut, wenn wir das beachten, denn leider sind wir davon oft weit entfernt. Der Schöpfungsbericht ist wie eine Ermahnung und wird nicht umsonst mit der Geschichte vom Sündenfall fortgesetzt. Sie erzählt, wie der Mensch sich aus der Einheit mit Gott löste und sich gegen ihn stellte. Der Mensch entspricht Gott nicht mehr, seine Ebenbildlichkeit ist verzerrt und liegt tief verschüttet in seinem Unterbewusstsein. D.h. schon mit unserer Geburt kommen wir in eine sündige Welt hinein und können ihr kaum entfliehen. Wir geraten in Verstrickungen des Eigenwillens, sind zahllosen negativen Einflüssen ausgesetzt und machen im Leben viele Fehler. Das ist unser Schicksal, und wir können ihm aus eigener Kraft auch nicht entkommen. Wir schaffen es nicht, so zu leben, wie es am Anfang gedacht war. Das wird im Alten Testament durchaus erkannt und es ist fast überall Thema. Trotzdem finden wir dort keine befriedigenden Lösungen für dieses Problem, keine Antworten, die uns beruhigen können.

Die hat Gott erst später gegeben. Zum Glück geht seine Geschichte mit uns Menschen im Neuen Testament weiter: Gott hat unsere Unfähigkeit zum Guten erkannt und etwas zu unsrer Rettung getan. Er hat die Erschaffung des Menschen zu seinem Ebenbild noch einmal wiederholt: In Jesus Christus ist die vollkommene Gestalt des Menschen erneut sichtbar geworden: Er hat die Liebe Gottes ungetrübt in sich getragen, er war ganz von Gott erfüllt, hat seinen Frieden gelebt, sein Heil verkörpert und am Ende den Tod überwunden. Die Schöpfung ist in Jesus Christus neu geworden, das ist unser Glaube. Im Evangelium wird uns verkündet, dass wir durch ihn wieder Zugang zu unserem ursprünglichen Zustand gewinnen können. Mit seiner Hilfe finden wir den Weg zurück.

Er beginnt mit der Taufe, denn durch sie werden wir mit Christus verbunden. Er reicht uns seine Hand, wird unser Freund und begleitet uns unser Leben lang. Wir werden in die „neue Schöpfung“ hineingenommen, in die unsichtbare Wirklichkeit der Gegenwart und Liebe Gottes, und bekommen Anteil an der Ewigkeit. Wir werden ins Licht Gottes geholt, das uns immer wieder vor dem Chaos und dem Abgrund bewahren kann.

Wir müssen uns das nur so oft wie möglich bewusst machen, d.h. Jesus vor Augen haben, ihm nachfolgen und ihm vertrauen. Oft glauben wir ja an ganz andere Kräfte, an uns selber, unsere natürliche Lebensenergie, unser Denken und Wissen. Das geht zwar eine Zeit lang gut, aber irgendwann stehen wir an einer Grenze: Da tut sich das Unheil vor uns auf, Leid und Sinnlosigkeit drohen uns zu verschlingen. Dann ist es gut, auf jemanden zu vertrauen, der größer ist als diese Welt, der uns mit Gott verbindet und uns bewahren und retten kann, auf Jesus Christus. Er stellt die lebendige Beziehung zu Gott wieder her. Durch ihn werden wir wieder zu Ebenbildern Gottes, haben Gott als Gegenüber, und unser Denken, Fühlen und Handeln werden von ihm erfüllt. Wir müssen Jesus dafür nur in unser Herz hineinlassen, auf ihn hören und mit ihm gehen.

Und das gelingt am besten, wenn wir immer wieder die Ruhe suchen, das Gebet und den Gottesdienst, und uns bewusst im Glauben üben. Wir werden dann selber ruhig, verändern uns und gehen ganz anders mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit den anderen Lebewesen um. Es eröffnen sich neue Wege, auf denen wir die Schöpfung nicht mehr ausnutzen, uns nicht gegenseitig bekriegen, sondern das Leben bewahren und Liebe in die Welt bringen.

Die Bibel und auch der Schöpfungsbericht enthalten also viele Wahrheiten, die die Naturwissenschaft nicht kennt. Durch sie gewinnen wir zwar viele Einblicke in die biologischen, chemischen und physikalischen Zusammenhänge und Abläufe der Welt und des Lebens, aber wie wir als Menschen am besten leben sollen, kann sie uns nicht sagen. Wie wir Schuld, Leid und Tod überwinden, wohin wir uns mit unserer Sehnsucht nach Frieden und Liebe wenden sollen, und worin der verborgene Sinn des Lebens liegt, diese Fragen bleiben unbeantwortet. Der Schöpfungsbericht bezieht all das mit ein und will darauf antworten.

Deshalb ist er kein Widerspruch, sondern eine gute Ergänzung zu unseren Forschungsergebnissen, und gerade für uns moderne Menschen unverzichtbar. Denn nur wenn wir die Macht Gottes und unsre Ebenbildlichkeit mit ihm erkennen, verlieren wir die Angst vor dem Chaos, finden Vergebung und Geborgenheit und werden ruhig und froh. Das uralte Wissen über Gott und die Welt eröffnet Möglichkeiten, mit der Welt und uns selber heilend und befreiend umzugehen. Jesus Christus hat uns das gezeigt und geschenkt.

Lasst uns deshalb mit ihm gehen. Er kann uns innerlich neu erschaffen und uns zu Menschen machen, die friedlich und liebevoll auf dieser Welt und miteinander leben.

Amen.

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