Leidensfähig werden

Predigt über Johannes 17, 1- 8: Das Hohepriesterliche Gebet
6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 10.4.2022, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Für die Suche nach dem Glück gibt es kein Rezept, weil die Wege zu einem erfüllten Leben ganz vielfältig sind. Und doch: Wie individuell das Vorgehen auch immer sein mag, es gibt ein gemeinsames Merkmal. Denn bei unserer Suche werden wir von drei Fragen geleitet: „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“

Sie werden in diversen Büchern behandelt, und eins davon trägt genau diesen Titel. Der argentinische Autor, Psycho- und Gestalttherapeut Jorge Bucay hat es 2013 geschrieben. Angeregt durch Ideen aus Psychologie, Pädagogik und Philosophie erläutert er darin den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Für ihn sind die drei Fragen drei Aufgaben: „Die Antwort auf die erste Frage liegt in der aufrichtigen Begegnung mit mir selbst. Die auf die zweite darin, zu entscheiden, welchen Sinn und welche Erfüllung ich in meinem Leben finde. Und die dritte besteht darin, auszuwählen, was mir entspricht, sich dem Prozess der Liebe zu öffnen und meinen Wegbegleiter oder meine Wegbegleiterin zu finden.“ So wird das Buch beschrieben und der Inhalt zusammengefasst.

Einer, der diese drei Fragen mit Sicherheit für sich beantwortet und die Aufgaben erfüllt hat, die damit zusammenhängen, ist Jesus. Das können wir aus vielen seiner Reden und Worte schließen. Im Johannesevangelium wird das besonders deutlich. Ein wunderbares Beispiel ist das sogenannte Hohepriesterliche Gebet, das er – laut Johannes – nach den Abschiedsreden und vor seiner Gefangennahme gesprochen hat. Es steht im 17. Kapitel, und der Anfang daraus ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 17, 1- 8:

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;
2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Dieses Gebet ist im Johannesevangelium wie gesagt das letzte, das Jesus vor seiner Passion gesprochen hat. Es ist die Parallele zu dem Gebet im Garten Gethsemane, von dem in den anderen Evangelien erzählt wird. Jesus thematisiert darin seinen Weggang, der unmittelbar bevorstand.

Er wendet sich als der zurückkehrende Sohn nach oben, zum Vater und verlässt im Geist bereits das irdische Zusammensein mit seinen Jüngern. Das Gebet markiert den himmlischen Anfang des Weges Jesu. Und er sagt darin, dass er zu Gott geht, um das ewige Heil der Seinen zu bewirken.

Am Anfang – den ich vorgelesen habe – betet er für sich selbst, später für die Jünger. Was ihn betrifft, so bittet er um „Verherrlichung“, also darum, dass er wieder in den Himmel kommt. Er wurde gesandt mit dem Auftrag, Gott bekannt zu machen und ewiges Leben zu schenken. Dieses Werk ist nun erfolgreich „vollbracht“. Er hat den Willen Gottes erfüllt und den Menschen das Heil gegeben. Sie empfangen es, wenn sie im Glauben erkennen, dass er der Sohn Gottes ist. Er und der Vater sind eins, und in diese Einheit werden die Glaubenden einbezogen. Damit werden sie aus der Welt gerettet und gehen in das Reich Gottes ein.

Jesus weiß also, „wer er ist, wohin er geht und mit wem“. Das ist das Geheimnis seiner Kraft. Deshalb kann er auch so überlegen das Leiden ertragen. Besonders im Johannesevangelium ist er am Kreuz bereits der Erhöhte, der gelassen und ruhig den Tod auf sich nimmt und damit „verherrlicht“ wird.

Doch was bedeutet das nun für uns? Können wir ihm hierin nachfolgen, ihn zum Vorbild nehmen? Wir beantworten die drei Fragen normalerweise anders. „Wer ich bin“, ergibt sich für uns aus unserer Herkunft: Unsere Eltern und Vorfahren spielen eine Rolle, wie wir erzogen werden, in welchem Land und in welcher Kultur wir aufwachsen usw. „Wohin wir gehen“, wissen wir zwar oft nicht genau, wir setzen uns aber Ziele. Und die sind meistens innerweltlich: Wir wollen Wohlstand und Erfolg, Frieden und Gesundheit. Und dabei soll uns ein Partner oder eine Partnerin begleiten, Freunde und Freundinnen, Menschen, die uns lieben und unterstützen.

Das sind unsere Antworten auf die drei Fragen, und es ist auch wichtig, dass wir sie finden. Dann entwickelt sich unsere Persönlichkeit gut und das Leben kann tatsächlich gelingen.

Doch ganz so einfach ist es leider nicht, denn auch wenn wir das geklärt haben, kann viel dazwischen kommen. Krieg, Krankheit, Katastrophen verursachen Leid und Not. Das sehen wir gerade in der Ukraine, aber es geschieht auch andernorts: Der Tod raubt uns unsre Liebsten, wir erreichen unsre Ziele nicht, wir verlieren unseren Besitz. Und all das löst viel „Schmerz und Gram“ aus, „Betrübnis, Verzagtheit“ (EG 11,6) und Verzweiflung.

Es wäre deshalb gut, wenn wir uns wie Jesus noch tiefer verankern und unseren Ursprung, unsre Ziele und unsere Hilfe nicht nur in der Welt suchen. Viele Menschen haben das getan und sind durch ihren Glauben berühmt geworden. Sie wussten um ihre ewige Herkunft und waren auf den Himmel ausgerichtet. Martin Luther gehört dazu. Er war ein starker Kämpfer, hat vieles auf sich genommen und blieb dabei zuversichtlich. Und das hatte etwas damit zu tun, dass er sich nicht als ein Produkt des Zufalls verstand und nur deshalb lebte, weil seine Eltern ein Kind haben wollten. In seiner Erklärung zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses formuliert er vielmehr:  

„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit aller Notdurft und Nahrung des Leibes und Lebens mich reichlich und täglich versorget, wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahret; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Luther hat fest darauf vertraut, dass er von Gott herkam und in dessen Wollen seinen Anfang hatte. Gott war bei ihm, er hat ihn erhalten und begleitet, und dadurch fühlte Luther sich sicher und geborgen. Auch von anderen Christen und Christinnen, die Schweres erlitten haben, wissen wir das. So z.B. von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer oder der katholischen Nonne und Philosophin Edith Stein. Beide wurden von den Nazis verfolgt und hingerichtet. Der eine, weil er im Widerstand aktiv gewesen war, die andere, weil sie jüdische Wurzeln hatte. Von beiden wird erzählt, dass sie – als sie bereits gefangen waren, und ihr Schicksal feststand – eine große Ruhe ausgestrahlt haben, mit der sie andere trösten konnten. Sie haben ihr Leid souverän ertragen, weil sie wussten, woher sie kamen, wohin sie gingen und wer bei ihnen war: Es war die Nähe Jesu und die Gegenwart Gottes, durch die sie ihren Weg gehen konnten. Es ist nicht nur eine Redewendung, wenn wir vom „Heimgehen zum Vater“ sprechen. Wir dürfen wie viele andere vor uns und mit uns glauben, dass wir nach dem Tod in Ewigkeit bei Gott sein werden.

Und das hat eine große Bedeutung für unser gegenwärtiges Leiden, weil angesichts der Ewigkeit alles, was wir erdulden müssen, weniger schwer wiegt. Zu dieser Erfahrung können wir kommen. Durch die Freude über die kommende Verherrlichung können wir zu unserer gegenwärtigen Not Distanz gewinnen. Unsere Leidensbereitschaft wächst. Wir erwerben die Fähigkeit, uns mit Christus erniedrigen zu lassen. Krankheit, Scheitern, Einsamkeit – die vielen „Plagen und Lasten“ (EG 11,5) – sind kein Lebensverlust. Wir können vielmehr im Kreuz schon die Erhöhung sehen, Leben auch im Leiden. Denn Christus ist nicht nur unser Vorbild, er geht auch mit uns. Wir müssen nur eine Lebensgemeinschaft mit ihm eingehen, ein liebevolles intensives Zusammensein.

Von den vielen Zielen, die wir uns setzen können, sollte das an erster Stelle stehen. Unser Glück hängt nicht davon ab, ob wir eine gute Herkunft haben, gebildet, erfolgreich und beliebt sind, sondern dass wir Gott in Jesus Christus „erkennen“. Erst wenn wir in die „Einheit des Sohnes mit dem Vater“ aufgenommen werden, gewinnen wir das Heil, nach dem wir uns sehnen, Glück und Erfüllung. Das ist die Botschaft des Evangeliums: Das Werk Christi, seine Erlösungstat und seine Liebe machen uns froh und frei. Und das ist wunderbar!

Doch möglicherweise stellen wir uns die Frage, ob das ausreicht. Steckt darin nicht eine gewisse Leidensideologie? Ergeben wir uns einfach nur unsrem Schicksal, und alles bleibt, wie es ist? Müssen wir als Christen nicht auch gegen das Böse angehen, Ungerechtigkeit bekämpfen, dem Krieg wehren, Krankheiten heilen, Angst mildern usw? Natürlich gehört auch das zu unsrem Auftrag. Wir müssen all das Schlimme in der Welt durchaus benennen und so gut es geht, etwas dagegen tun. Aber zugleich gilt es zu erkennen, dass Glück und Heil nicht festzumachen sind an Frieden, Wohlstand und Gesundheit. Nur wer bei Gott ist im Leben und im Sterben, hat das Leben in seiner ganzen Fülle. Nur wenn wir gewiss sind, dass wir von Gott kommen, das ewige Leben empfangen und von Jesus Christus begleitet werden, finden wir, was wir zutiefst suchen. Dann atmet unser Leben etwas von der Gewissheit, mit der auch Jesus und die vielen anderen ausgerüstet waren, die glaubten, dass sie Gottes Eigentum und für seine Herrlichkeit bestimmt waren.

Lasst uns die Lebensgemeinschaft mit Jesus erneuern. Die Menschen, die ihn empfingen, als er in Jerusalem einzog, taten das mit Palmenzweigen. Wir können ihm unser Herz schenken, damit es „grünt in stetem Lob und Preis.“ So hat Paul Gerhard es in dem Lied formuliert „Wie soll ich dich empfangen.“ (EG 11,1.2) Er bekennt darin, dass Jesus nichts „unterlassen hat zu seinem Trost und Freud“ (EG 11,3) . Auch Paul Gerhard hat großes Leid erlebt, „das Reich war ihm genommen, da Fried und Freude lacht“, aber da ist „sein Heil gekommen und hat ihn froh gemacht.“ (EG 11,4)

Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Wolfgang Günther zu Grunde, in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigtreihe V,1, Advent bis Kantate, Göttingen 1994, S.120ff

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