Tragt Gottes Liebe in die Welt

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1- 7: Die Wahl der sieben Diakone

13. Sonntag nach Trinitatis, 6.9. 2020, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Nun leben wir bereits ein halbes Jahr mit der Corona-Pandemie, und das Ende der Krise ist nicht in Sicht. Das macht viele Menschen mürbe und ungeduldig, traurig und seelisch krank.

Doch das ist nur die eine Seite. Wie jede Notlage, so birgt auch diese Krise Chancen. Das hat sich bereits vielfach gezeigt: Im Kulturbereich, in Geschäften und auch in der Kirche ist ganz viel Kreativität und Flexibilität freigesetzt worden. So hat das Schleswig-Holstein-Musik-Festival phantasievolle Wege ausprobiert, und es war wunderbar, was dabei herausgekommen ist. In der Gastronomie wurden neue Modelle der Bewirtung von Menschen mit leckeren Speisen erfunden. Und auch bei den Gottesdiensten in unseren Gemeinden ist viel in Bewegung gekommen, das Geist und Seele anregt und unseren Glauben erfrischt. Wir alle reagieren damit auf die Notlage und nutzen die Krise als Chance.

Und das mussten Menschen schon immer. Bereits den Aposteln in der Urgemeinde erging das so. Wir können das in der Apostelgeschichte lesen. Dort steht in Kapitel sechs:

Apostelgeschichte 6, 1- 7

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Das ist unser Predigttext von heute, und in dem ist gleich am Anfang von einer Krise die Rede. Sie war zwar vergleichsweise klein, aber es gab einen Konflikt: Und zwar war nicht lange nach der Entstehung in der Jerusalemer Gemeinde ein Missstand eingetreten. Es ging um die „tägliche Versorgung“. Davon ist hier die Rede. Wir können daraus schließen, dass jeden Tag in der Gemeinde Nahrungsmittel an alle verteilt wurden. Es heißt ja auch in Kapitel zwei: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg.2,44-46) Es wurde also jeden Tag gleichmäßig verteilt, was die Menschen für ihren Lebensunterhalt brauchten. Keiner sollte hungern oder Mangel leiden. Die Armen wurden von den anderen mit bedacht, und alle hatten genug.

Doch nun gab es eine besonders bedürftige Gruppe von Menschen, die nicht in diese Versorgung einbezogen war. Das waren die Witwen der griechischen Juden, also Frauen, die ihre Männer verloren hatten und in Jerusalem fremd waren. Sie hatten keine Verwandten vor Ort und damit keine Großfamilie um sich, und sie wurden übersehen. Das war hier der Missstand, und darüber beschwerten sich ihre Landsleute bei den Aposteln, den Leitern der Gemeinde.

Und die reagierten daraufhin ganz kreativ und praktisch. Zunächst riefen sie eine Gemeindeversammlung ein und trugen das Problem vor. Es war offensichtlich organisatorischer Art. Denn die Apostel selbst hatten keine Zeit, auch noch diese Aufgabe zu übernehmen. Sie versahen bereits den „Dienst am Wort“, und der sollte auch nicht zu kurz kommen. Die Gemeinde war ja noch jung, und es war ihnen wichtig, dass das Wort Gottes weiter gepredigt wurde. Der Glaube musste gefestigt werden. Außerdem kamen immer noch mehr Menschen hinzu. Die Gemeinde wuchs und wurde größer, und das sollte auch so bleiben.

Doch der „Tischdienst“, wie es wörtlich heißt, war ihnen ebenfalls wichtig. Sie hielten das Anliegen, dass alle Armen versorgt wurden, für vollkommen berechtigt, und deshalb brauchten sie Helfer, Männer, die bereit waren, sich um die diakonischen Aufgaben zu kümmern. Die sollten auf dieser Versammlung nun gewählt werden. So wurden sieben kluge Männer mit einem guten Ruf bestimmt, die vom Geist Christi erfüllt waren. Unter Handauflegung und Gebet wurden sie für ihren Dienst eingesetzt.

Das ist die Geschichte, die wir heute bedenken, und sie macht einiges deutlich, was für unseren Glauben, in der Gemeinde und in der Kirche wichtig ist.

Zunächst einmal sehen wir, dass das Evangelium keine bloße Ideologie ist. Es war den Aposteln zwar wichtig, dass das die Lehre Jesu gepredigt wurde, aber es blieb nicht einfach nur beim Wort. Das Reden und Zuhören war lange nicht alles, was das Gemeindeleben ausmachte.

Und das müssen auch wir uns zu Herzen nehmen, denn leider tendiert unser Glaube oft dahin, eine bloße Kopfsache zu sein. Er besteht aus guten Gedanken, die wir aufschreiben und über die wir uns unterhalten. Es gibt Lehrsätze, Geschichten und Bekenntnisse. Das ist zwar alles schön und gut und bildet auch die Grundlage, aber unsere Dogmen können uns auch starr und unbeweglich machen. Sie lassen uns rückwärtsgewandt sein oder verleiten uns zu Zukunftsvisionen. Und all das ist gefährlich, denn entscheidend ist das, was jetzt in unserem Leben und in der Gesellschaft geschieht. Der Glaube ist etwas Lebendiges und Gegenwärtiges, er reagiert auf die jeweilige Situation. Er macht offen und handlungsfähig, beweglich und kreativ. Im Glauben nehmen wir jeden Tag aus Gottes Hand und sehen, was er uns schenkt.

Es gibt um uns herum und auch in unserem eigenen Leben viele Nöte: Armut und Einsamkeit, Traurigkeit und Verlassenheit, Hunger und Krankheit. Wer an Jesus Christus glaubt, sieht das alles, lindert es und schafft Abhilfe. Das ist der erste Punkt, der an unserer Geschichte deutlich wird.

Als zweites sehen wir, dass christlicher Glaube immer etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Keiner und keine kann ganz für sich alleine das Evangelium leben. Es führt uns zusammen und lässt uns füreinander da sein. Christen unterstützen sich gegenseitig, sie teilen und helfen, nehmen Rücksicht und dienen einander. Dabei wird hier sehr schön deutlich, dass nicht alle alles machen müssen. Es gibt verschiedene Begabungen und Veranlagungen. Die einen sind mehr zum Predigen geeignet, die anderen mehr für die Armenpflege. Außerdem ist klar, dass es keine Unterschiede gibt. Das Evangelium und die Nächstenliebe gelten allen gleichermaßen. Es werden keine Grenzen gezogen, niemand wird ausgeschlossen. Alle sind füreinander da. Das ist der zweite Punkt.

Und damit könnte alles gesagt sein, doch es gibt noch etwas Drittes, das wichtig ist, und das ist der Grund für unser Handeln. Es geht hier nämlich nicht nur um Mitgefühl und Kontaktfreudigkeit. Tatkraft und Hilfsbereitschaft haben ja auch viele Menschen, die gar nicht an Jesus Christus glauben. Das macht die christliche Gemeinde also noch nicht aus. Sie ist nicht bloß eine Einrichtung, die sich um soziale Belange und die Hilfsbedürftigen kümmert.

Wir leben vielmehr in der Nachfolge Jesu Christi und bezeugen, dass er durch seine Liebe unser Leben erneuert hat. Die Gegenwart Jesu Christi motiviert uns, mit unserem ganzen Leben seinem Vorbild zu folgen. Die Grundlage bleibt das Evangelium. Deshalb war es den Aposteln auch so wichtig, dass sie weiterhin genug Zeit hatten, es zu verkündigen. Sie wollten, dass das Wort Gottes den Lebensstil prägt und das Miteinander immer wieder korrigiert. Der Blick sollte frei bleiben für das, was Jesus Christus schenkt.

Und das ist deshalb wichtig, weil die Hilfe, die wir anbieten, dadurch eine Qualität erhält, die es woanders so nicht gibt. Denn wir bringen den Menschen die Liebe Christi, sie kommen durch uns in Berührung mit Gott. Und das ist deshalb gut, weil ihnen das letzten Endes am meisten fehlt, auch wenn sie es gar nicht wissen. Jeder und jede sehnt sich nach einer Liebe, die über Zeit und Raum hinaus weist, die noch mehr beinhaltet, als bloße Mitmenschlichkeit, die eine andere Tiefe und Weite hat. Sie suchen eine ewige Hoffnung und eine Zuversicht, die in jeder Notlage, ja selbst im Sterben noch trägt. Und die gewinnen sie nur durch Jesus Christus.

Es ist also gut, wenn wir uns immer wieder fragen: Ist das Evangelium wirklich die Grundlage meines Lebens? Hat Jesus Christus meinen Geis erneuert? Frage ich täglich nach seinem Willen und stehe ich ihm zur Verfügung? Wenn wir uns so prüfen, kommt alles vor, was Jesus Christus gewollt hat. Dann bleiben wir wach und offen, sehend, kreativ und praktisch. Wir werden fähig zur helfenden Tat, die von echter Liebe erfüllt ist und sich aus Gottes Liebe speist. Sie bringt den Menschen die Ewigkeit. Und das ist das, was wir in der jetzigen Krise als Kirche einbringen können. Wir haben die Chance, mit unserem ganzen Leben zu bezeugen, dass Jesus Christus lebt und alle Menschen liebt.

Es gibt eine Heilige, die auch evangelische Christen als Sinnbild für die tätige Nächstenliebe verehren. Das ist Elisabeth von Thüringen. Sie lebte im 13. Jahrhundert, und von ihr gibt es folgende Legende:
„Als Elisabeth eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch, und im Korb liegen Rosen statt des Brotes für die Armen.“

An diese Geschichte erinnert der katholische Theologe Claus-Peter März mit dem folgenden Lied:

1. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht,
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe die alles umfängt,
in der Liebe die alles umfängt.

2. Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

3. Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

4. Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt
und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

5. Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

 (1985)

Amen.

 

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