Gott tröstet uns

Lesepredigt über Jesaja 66, 10- 14

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 22.3.2020

Liebe Gemeinde.

Jeder Mensch, braucht die Nähe von anderen Menschen, und normaler Weise suchen wir sie auch. Natürlich gibt es Einzelgänger, die am liebsten für sich alleine bleiben, aber das ist die Ausnahme. Von unserer Grundstruktur her sind wir soziale Wesen und brauchen zum Überleben unser Miteinander. Und dazu gehören nicht nur der Austausch, die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben, sondern auch Berührung und Körperkontakt sind wichtig.

Das ist ja auch das erste, was wir erfahren, wenn wir auf die Welt kommen: Wir werden in den Arm unserer Mutter gelegt und es entsteht sofort eine Verbindung zu ihr. Vor der Geburt war sie sogar noch inniger, denn da waren wir neun Monate lang in ihrem Leib. Und wenn keine Störungen vorliegen, werden wir die ganze Kindheit über weiter von unseren Eltern hoch gehoben, getragen, in den Arm genommen, gestreichelt.

Als Erwachsene suchen wir dieses Erleben dann bei einem Partner oder einer Partnerin: Wir kuscheln, umarmen und küssen uns. Auch das Bedürfnis zum Geschlechtsverkehr ist nicht nur ein Trieb, sondern hat darin ebenso seine Wurzeln.

Die liebevolle Berührung schafft Geborgenheit, sie stärkt und beruhigt uns, sie kann uns trösten und uns neu beleben.

Der Prophet Jesaja wusste das auch, und er benutzt es als ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Er schreibt in Kapitel 66:

Jesaja 66, 10- 14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Das ist ein Abschnitt von dem sogenannten „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem hatte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. erobert. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Das Heil wird kommen, das ist gewiss, denn Gott lässt nichts unvollendet. Es wird wieder Glück und Freude geben, überall kehrt Wohlstand ein, und Jerusalem wird wieder aufgebaut.

Damit beginnt unser Abschnitt: Alle Bewohner der Stadt werden reichlich und in Fülle haben. Sie werden umsorgt wie Säuglinge. Mit diesem Bild beschreibt der Prophet den glückseligen Zustand. Babys dürfen trinken, bis sie satt sind, die Brüste der Mutter versiegen nicht. So wird es mit der göttlichen Fürsorge auch sein. Dazu kommt sein Trost, auch der wird sein wie der Trost einer Mutter für ihr kleines Kind: Gott wird sie aller Sorge und Angst entreißen, und dann wird nur noch Freude herrschen. Neue Lebenskraft wird entstehen, wie das sprießende Grün nach einem belebenden Regen.

Das ist natürlich ein Bild für die Endzeit, und Visionen dieser Art gibt es viele in der Bibel. Sie beinhalten den Glauben an die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft. Gott wird sie heraufführen, das ist die Verheißung. Und die hat die Menschen damals wahrscheinlich wirklich getröstet. Denn die Vorstellung von der Wiederherstellung des Paradieses, die eines Tages eintrifft, war sowieso ein Teil ihres Denkens und ihres Lebensgefühls. Der Prophet musste sie nur daran erinnern.

Doch wie geht es uns damit? Nützen uns solche Worte heutzutage noch etwas?

Schlecht geht es uns zurzeit auch. Die weltweite Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, ist für uns alle völlig neu. So etwas haben wir noch nie erlebt, und es macht uns Angst. Dabei beunruhigt uns nicht nur die Krankheit, die wir bekommen können, wenn wir nicht aufpassen. Uns verunsichern auch die Maßnahmen, die jetzt überall verordnet werden. Plötzlich dürfen wir ganz vieles von dem, was wir gewohnt sind und für selbstverständlich halten, nicht mehr tun. Die oberste Devise lautet: Soziale Kontakte so gut es geht vermeiden! Und das geht diametral gegen alles, was uns als Menschen ausmacht. Das Geheimnis unseres Erfolges innerhalb der Evolution liegt gerade darin, dass wir mehr als jedes andere Lebenswesen zusammen etwas machen. Und wir werden auch nur so überleben. Wenn es verboten wird, stürzt alles ein, und das ist bedrohlich. Wo führt das hin? Und sind die Entscheidungen alle richtig? Niemand kann das mit Fug und Recht behaupten. Es hat sich lediglich eine bestimmte Art des Denkens und Handelns durchgesetzt. Alle Länder der Welt handeln im Moment nach demselben Muster.

Es hat seinen Grund darin, dass die Gesundheit über alles gestellt wird und auf jeden Fall so viele Leben gerettet und so wenig Leid verursacht werden soll wie möglich. Darin sind wir uns einig, da müssen wir nicht lange drüber nachdenken.

Das Dilemma ist bloß, dass das im Moment gar nicht möglich ist. Ganz gleich, welche Entscheidungen getroffen werden, es entsteht immer irgendwo großes Leid: Existenzen von vielen, die selbständig arbeiten und auf Kunden angewiesen sind, sind bedroht. Familienmitglieder müssen ihre Lieben in den Altersheimen und Krankenhäusern allein lassen, weil sie sie nicht besuchen dürfen. Die Landwirtschaft steht vor großen Problemen, weil niemand mehr reisen darf, um dabei zu helfen. Eltern sind im Stress, weil sie ihre Kinder betreuen und gleichzeitig Geld verdienen müssen. Und in Quarantäne oder Ausgangssperre besteht die Gefahr der psychischen und körperlichen Instabilität. Lagerkoller, Depression, oder Verlotterung können eintreten. Es gibt in der jetzigen Situation also keine optimale Lösung, kein richtig oder falsch, und die Probleme, die gerade entstehen, sind gigantisch.

Natürlich hoffen wir, dass das alles bald wieder aufhört, und dass genug Geld da sein wird, um anschließend allen zu helfen, die es nötig haben werden. Wir müssen den Politikern vertrauen und uns auch gegenseitig so gut es geht Mut machen. Humor ist ebenfalls ein gutes Mittel gegen die Angst, selbst wenn es nur Galgenhumor ist.

Aber reicht das? Gibt es nicht vielleicht noch etwas anderes, das uns jetzt trösten kann? Unser Prophetenwort möchte uns so ein Angebot machen, und es tut gut, darauf zu hören. Denn es enthält auch für uns eine Botschaft, die uns weiterführt. Wir können sie uns in drei Schritten klar machen.

Den ersten Schritt hat Ernesto Cardenal, ein spanischer Mystiker und Befreiungstheologe in seinem „Buch von der Liebe“ einmal so ausgedrückt: „Gott hüllt uns von allen Seiten ein wie die Atmosphäre. Und wie die Atmosphäre voller Licht- und Schallwellen ist, die wir weder sehen noch hören können, wenn wir nicht die dafür bestimmten Kanäle einschalten, so können wir auch die Wellenlänge Gottes nicht hören, es sein denn, wie schalten den entsprechenden Kanal ein. Wer nur in der Welt der fühlbaren Sender lebt, kann den Sender Gottes nicht abhören.“ (Das Buch von der Liebe, 61978, S.25)

Das ist ein wunderbares Bild, das uns ganz konkret dazu einlädt, nicht den ganzen Tag Radio zu hören oder fern zu sehen, Zeitung zu lesen oder im Internet nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Es reicht völlig aus, das ein oder zweimal am Tag zu tun. Denn es gibt noch mehr, als das, was uns da erzählt wird, eine ganz andere Dimension, eine ganz andere Hülle, die uns umgibt. Es ist die Gegenwart Gottes. Er hält uns längst in den Armen, wie eine Mutter das mit ihrem Kind tut. Wir müssen uns diese Umarmung nur bewusst machen und sie genießen. Uns werden zurzeit zwar viele Bewegungsfreiheiten genommen, aber uns wird nicht verboten, wohin wir mit unseren Gedanken gehen. Wir können sie getrost auf Gott lenken und „seinen Sender einschalten“. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt besteht darin, dass wir in der gegenwärtigen Lage die ganz große Chance haben, einmal unseren Lebenswandel zu überdenken. Ist das wirklich alles nötig, was wir immer so wollen und veranstalten? Wir sollen Abstand zueinander halten, und das ist unnatürlich. Aber gelegentlich tun solche unnatürlichen Maßnahmen auch gut. Viele Menschen ziehen sich freiwillig ein oder mehrere Male im Jahr zurück, gehen in ein Kloster oder ähnliches, um innerlich frei zu werden, zur Ruhe zu kommen und sich neu auszurichten. Plötzlich ist es für uns alle so, und das ist nicht nur schlecht. Wir können uns in diesen Zeiten fragen: Ist unsere Lebensweise eigentlich gottgemäß? Will er es, dass wir ständig hin- und herreisen, uns vergnügen und ablenken, Lärm machen, Geld verdienen, Wohlstand anhäufen? Gibt es nicht noch ganz andere Werte? Das Miteinander ist zwar lebensnotwendig, aber das Zusammensein mit Gott brauchen wir ebenso. Und dafür ist es gut, sich vorübergehend von anderen Menschen zurückzuziehen, zu schweigen und in sich zu gehen. Oft vermeiden wir durch unsere oberflächliche und gesellige Lebensweise den Kontakt zu ihm. Und das ist schädlich. Denn im tiefsten kann nur seine Berührung uns wirklich zufrieden machen. Es wird nie wieder so sein, wie im Säuglingsalter, dass die Umarmung der Mutter oder des Vaters uns vollständig beruhigen. Sind wir erst einmal erwachsen, schlummert in uns allen ein Bedürfnis nach Zuwendung, das nur der Ewige stillen kann. Vielleicht will er uns das ja gerade einmal zeigen. Es wäre also ratsam, die Chance zu ergreifen.

Und als drittes sagt uns der Prophet: Es gibt noch eine andere Welt, die Gott heraufführen wird. Jetzt gehören Leid und Tod dazu, aber eines Tages wird sich das ändern. Und das heißt: Wir dürfen nicht erwarten, dass wir mit menschlichen Mitteln den Tod abschaffen können. Er wird uns alle irgendwann treffen, ob durch das Coronavirus oder etwas anderes. Die Sterblichkeitsrate beträgt letzten Endes immer und überall 100%, daraus gibt es kein Entkommen. Deshalb ist es auch in normalen Zeiten gut, daran zu glauben, dass wir mit dieser Tatsache nicht allein gelassen sind. In Krankheit und Armut sind wir bei Gott geborgen, wenn wir einsam sind, sterben oder nichts mehr geht. Seine Liebe hört nie auf. Und nur durch ihn gewinnen wir das ewige Leben.

Das hat er uns durch seinen Sohn Jesus Christus gezeigt und geschenkt. Er ist selber den Weg des Leidens und Sterbens gegangen, damit wir nicht allein sind, wenn es uns trifft. Er will uns tragen und in den Arm nehmen, streicheln und liebkosen. Wir müssen nur daran glauben, darauf vertrauen und uns das gefallen lassen. Dann erleben wir auch in diesen Zeiten eine tiefe Geborgenheit, die uns stärkt und beruhigt, uns tröstet und neu belebt, ganz gleich, was geschieht.

Amen.

11 Gedanken zu “Gott tröstet uns

  1. Liebe Gesa, vielen Dank! Ich habe Deinen Gottesdienst für zu Hause gleich an meine 91-jährige Schwiegermutter weiter geleitet!
    Bleib gesund!

    • Danke, liebe Gesa, für Hilfe auf dem Weg der Suche nach dem angemessenen Umgang mit dieser so schwierigen Situation. Danke für Wegweisung hin zum Essentiellen unseres Lebens.
      Bleib gesund
      herzliche Grüße
      Ulrike

  2. Vielen Dank, liebe Gesa, für Deine – wie gewohnt – großartige Predigt. Wie immer gibst Du uns viele Impulse zum Nachdenken. Auch ich werde die Predigt an meine Mutter weitergeben, sie hat schon danach gefragt.
    Liebe Grüße, Matthias

  3. Liebe Gesa, vielen Dank für deine wunderbare Predigt, die uns anleitet, was in dieser Krise wirklich wichtig ist. Sie ist eine Einladung zu einem Leben in Verbindung mit Gott, einem Leben in seiner Liebe und aus geschenkter Kraft.

  4. Meyke Blaas hat mir geschrieben:
    „Danke für Deine Predigt, und Danke, dass Ihr Wege findet, für die Menschen da zu sein.
    Zur Besinnung kommen durch die ungewöhnlichen Umstände, sein Leben überprüfen – über diesen Gedanken gibt es im Moment Predigten aus verschiedenen Richtungen. Irgendwie „eint“ die Situation etwas im Leib Christi.
    Manchmal merke ich, wie sehr mir durch die Einschränkungen mein gewohntes Fundament weggezogen wird, und ich bin ungewöhnlich emotional.
    Ich nehme das als Herzensveränderung von Gott entgegen. „Zu Hause ist der Ort, wo du auf Erweckung warten sollst.“ So hatte ich Gott letztes Jahr verstanden, und nun bewahrheitet sich das auf eine so ungeplante Weise.
    Freitag bekamen wir Order von der Ärztekammer, alles zu verschieben, was nicht dringlich ist. Ich gehe nun auf Telefonkontakt mit den Patienten, die das wünschen, und es gibt Verhandlungen, dass uns das auch vergütet werden soll.“

    Vielen Dank, Meyke!

    Meyke Blaas ist Ärztin und Psychotherapeutin. Sie bietet ihre Hilfe an, wenn jemand in seelischer Not ist. Hier sind ihre Kontaktmöglichkeiten:
    Email: meykebl@yahoo.de
    Telefonsprechzeit in der Praxis:
    Mittwochs 10:10 bis 11:30 unter 0431-2108894.

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