Geduld – Bewährung – Hoffnung

Predigt über Römer 5, 1- 6: Friede mit Gott

2.Sonntag der Passionszeit, Reminszere, 8.3.2020, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Römer 5, 1- 6

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

Liebe Gemeinde.

„Selbstoptimierung“ – dieses Wort lungert heutzutage an allen Ecken und Enden. So findet ihr z.B. Ratgeber, wie ihr für ein gutes Familienleben sorgen könnt. Du lernst, wie du am besten Ordnung hältst, und natürlich gibt es unzählige Ernährungs- und Bewegungstipps, die zu einem gesunden und guten Körpergefühl führen. Jede Buchhandlung hat einen Tisch, der mit Büchern über Achtsamkeit, Minimalismus oder ähnliches geradezu überläuft, und auch im Fernsehen gibt es unzählige Sendungen zu diesen Themen.

Alle flüstern dir ein: Du kannst besser werden, lebenslustiger, gesünder und liebevoller. Und die Bücher werden gekauft. Denn danach sehnen wir uns: Kaum jemand ist glücklich und zufrieden, die meisten jammern und maulen und sind verdrießlich. Der Leidensdruck ist bei vielen groß, und das sehen die Optimierer. Deshalb vermehren sich die Beiträge über Produktivität, Entspannung, positives Denken usw.

Sie versprechen uns, dass es so etwas wie ein Ziel gibt, einen Zustand, in den man sich selbst versetzen, hineinarbeiten oder wünschen kann. Wir müssen nur den richtigen Weg einschlagen, bei dem ein Schritt aus dem anderen folgt, anfangen und die fachgemäße Reihenfolge einhalten.

Auch das, was Paulus uns in der Epistel von heute beschreibt, klingt beim ersten Hören nach solchen Ratschlägen. Jedenfalls präsentiert er uns eine Schlussfolgerung, die sich auf den Leidensdruck bezieht und einen Weg andeutet, wie wir ihn überwinden können. „Geduld, Bewährung, Hoffnung, Liebe“, das ist bei ihm die geeignete Reihenfolge. Und das klingt durchaus nach einem Rezept, mit dem wir im Leben klar kommen können.

Die Frage ist allerdings, ob Paulus das so gemeint hat. Und um die zu beantworten, ist es gut, wenn wir das, was er sagt, etwas genauer lesen.

Dabei müssen wir als erstes den Anfang des Textes und den Zusammenhang beachten, in dem die erwähnte Schrittfolge auftaucht. Er beginnt mit dem theologischen Ausdruck „gerechtfertigt aus Glauben“. Den kennen wir von Paulus und wissen, dass es für ihn ein ganz wichtiges Thema war. Überall in seinen Briefen ruft er den Lesern und Leserinnen die Rettungstat Gottes in Christus in Erinnerung. Er verkündet: Wir haben durch Christus „Frieden mit Gott“. Das hebräische Wort dafür lautet „Shalom“ und das hat viele Bedeutungen. Es heißt nicht nur „Frieden“, sondern auch Heil und Unversehrtheit, Wohlbefinden und Glück. Es entsteht, weil wir mit Gott Gemeinschaft haben.

Wir erhalten „Zugang zur Gnade“, wie Paulus es weiter ausdrückt, d.h. wir sind befreit von Sünde und werden von der Liebe Gottes geschützt und umgeben. Das ist seine Botschaft, und die eröffnet eine große Hoffnung: Wer ihr folgt, wird ein Kind Gottes. Die Verheißungen Gottes erfüllen sich an ihm und er bekommt ein neues Sein.

Die Stichworte „Rechtfertigung, Gnade und Herrlichkeit Gottes“ bilden also den Zusammenhang, in dem die erwähnte Reihenfolge von „Geduld, Bewährung, Hoffnung und Liebe“ steht. Und daran merken wir schon, dass es hier um etwas ganz anderes geht, als in den erwähnen Ratgebern.

Auch das Thema „Leidensdruck“ wird hier anders behandelt. Paulus spricht ihn an, weil die Christen ihn kennen. Es geht ihnen nicht nur gut, sondern wie bereits die Frommen im Alten Testament, erwarten sie vielerlei Leiden. Paulus nimmt damit auf, was z.B. in den Psalmen zum Ausdruck kommt, aber auch bei den Propheten und anderen großen Gestalten. Hiob und Jeremia sind Beispiele für Gerechte, die trotzdem viel zu leiden hatten. Sie haben sich dadurch bewährt, wurden geläutert und mussten keine Angst mehr vor dem Endgericht haben.

Paulus hat das auch erlebt, denn er ist oft in Bedrängnis geraten. Er wurde mehrfach gefangen und schikaniert, hatte Angst und war bedrückt. Aber er hat sich davon nicht unterkriegen lassen, sondern blieb standhaft und hielt an seinem Glauben fest. Er hatte „Geduld“ und Ausdauer. Die Leidenszeiten haben ihn also nicht zerstört, sondern dienten sogar zum Guten: Seine inneren Kräfte wurden gestärkt, sein Vertrauen wuchs und damit auch die Zuversicht und die „Hoffnung“. Er hat sich „bewährt“ und die Prüfungen bestanden. Deshalb blieb er guter Dinge. Er wurde nicht enttäuscht oder „beschämt“, sondern vom heiligen Geist erfüllt. Durch ihn war „die Liebe Gottes in sein Herz gegossen“. Er konnte sie erwidern und dem Willen Gottes entsprechen. Das alles will Paulus mit dem Satz sagen: „Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Und so kann es allen Christen gehen: In dieser vom Geist getragenen Liebe füllen sie den Stand der Gnade aus, in den sie durch Christus versetzt sind. Zum Schluss erläutert Paulus noch, worin die Liebe Gottes zu den Sündern aus Juden und Heiden besteht, und zwar mit der Formel: „Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.“ Der Tod Christi ist die Heilstat Gottes, die dem Glauben vorangeht und ihm seinen Grund in der Geschichte gibt.

Und damit wird klar, dass hier tatsächlich etwas ganz anderes zur Sprache kommt, als wir es von den medizinischen, psychologischen oder esoterischen Ratgebern, den sogenannten Optimierern hören. Sie laden uns ja alle zu so etwas wie Selbsterlösung ein. Das Glück ist machbar. Wir können uns das Heil erarbeiten, das versprechen sie uns. Das Ziel, das es zu erreichen gilt, liegt zwar in der Zukunft, aber wir können es uns ausmalen, daran glauben und darauf hinarbeiten. Wir müssen uns nur selber motivieren, dann werden wir den optimalen Zustand irgendwann erreichen.

Das verheißen sie uns, und natürlich ist da etwas dran. Wenn es uns schlecht geht, sollten wir durchaus die körperlichen, seelischen und sozialen Gesetzmäßigkeiten beachten, die zu einer Besserung führen. Bestimmte Probleme lassen sich natürlich lösen, wenn wir vernünftig sind und auf das achten, was nötig ist. Aber können wir wirklich irgendwann die bestmögliche Situation erreichen? Bleibt das nicht eine Illusion? Diese perfekte Verfassung gibt es doch gar nicht, wir kommen nie da hin.

Ganz gleich, was wir tun, viele Probleme bleiben ungelöst. Sie können durch Trauer entstehen, eine unheilbare Krankheit, Armut oder Vertreibung. Es gibt unzählige Nöte, in die wir geraten können, und da hilft dann auch kein noch so gut gemeinter Ratgeber. Wir leiden wirklich, wissen nicht weiter und verzweifeln. Es ist ein Irrglaube, dass das Glück herstellbar ist. Wir sollten uns davon befreien.

Und dabei kann Paulus uns helfen. Denn für ihn ist das Leid nicht etwas, das wir abschaffen können. Es gehört zum Leben, und er versucht nicht, dagegen anzukämpfen. Er hält sich an keine Illusionen. Was für ihn wirklich zählt, ist etwas ganz anderes, und es ist längst da. Die Erlösung ist vollbracht, daran sollen wir glauben und uns festhalten. Die Rettung ist nicht nur eine Phantasie, sondern Realität. Für Paulus gilt nicht das, was irgendwann eventuell eintritt, sondern das, was jetzt ist. Wir können es demnach am besten in der Gegenwart erkennen, im Augenblick. Auf den müssen wir uns also konzentrieren. Und das können wir gut mit dem, was Paulus als erstes erwähnt: mit der Geduld. Mit ihr harren wir aus, bleiben im Hier und Jetzt und akzeptieren das, was ist, auch wenn es schwer ist. Wenn wir uns darin üben, merken wir ganz schnell, dass wir einen „Zugang zu Gott“ haben, dass es noch mehr gibt, als uns selbst und unsere eigenen Kräfte. Wir können bekennen: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.“ (EG 398,1) Das ist der erste Unterschied zu den Vorschlägen zur Selbstoptimierung.

Der zweite Punkt ist der, dass uns alles, was wir von Gott empfangen, geschenkt wird. Es kostet nichts, sondern ist umsonst. Die Ratgeber wollen ja alle irgendwann unser Geld. Die Bücher kosten etwas, ebenso jeder Besuch bei einem Arzt oder Psychologen. Und wenn der erfolgt ist, müssen wir uns anstrengen: Unser Wille ist gefordert, Übung und Disziplin, denn uns wird ein bestimmtes Verhalten empfohlen. Es kostet also auch noch unsere Kraft. Eine Weile kriegen wir vielleicht hin, was uns geraten wird, dann gehen wir ins Fitnessstudio, essen weniger, räumen auf, sind eine Zeit lang netter und aufmerksamer usw. Aber hält das alles an? Oft geben wir vieles davon doch irgendwann wieder auf. Wir scheitern an dem Vorhaben, besser, gesünder und entspannter zu werden, und die Niederlage tut dann besonders weh. Sie hat keinen Platz in all diesen Konzepten.

Im Glauben an Christus ist sie dagegen erlaubt, sie gehört sogar dazu. Denn wir müssen uns nicht in Selbstdisziplin üben, sondern im Vertrauen und in der Hingabe. Wir müssen vor Gott nicht perfekt sein und auch nichts bezahlen, sondern dürfen uns loslassen und fallen lassen, so wie wir sind. Und das kostet nichts. Wir sollen uns nur „bewähren“, und das heißt: Wir lassen uns auf einen Prozess ein. Natürlich fühlt der sich zwischendurch dann auch mal optimal an, aber entscheidend ist das Weitergehen, bei dem es hoch und runter geht. Es gibt Höhen und Niederlagen, und die dürfen alle sein. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes wird uns im Glauben etwas Großes verheißen: er weist über den Tod hinaus, und das tut kaum ein weltlicher Ratgeber. Wenn wir ihnen folgen, bleiben wir im Diesseits, ja schlimmer noch: wir bleiben bei uns selbst stehen. Alle Optimierungsversuche sind letzten Endes egozentrisch. Das Ich steht im Mittelpunkt, man kreist um sich selbst und hat nur das eigene Leben im Blick.

Im Glauben an Jesus Christus geschieht genau das Gegenteil: Wir werden von uns selbst befreit und blicken weit über unser Leben und diese Welt hinaus. Wir bekommen himmlische Gaben.“ Wir haben teil an der Verheißung der „Herrlichkeit Gottes“, und dadurch wird die „Liebe in unser Herz gegossen.“ Und das heißt: Wir werden auch für andere zum Segen. Ganz gleich, wie es uns geht, wir tragen etwas in die Welt, was ihr fehlt. Wir öffnen uns für unsere Mitmenschen und bringen ihnen den Frieden. Und das ist etwas ganz Großes.

Christus kann uns in den Zustand versetzen, der für uns und allen anderen am heilsamsten ist. Dafür hat er gelitten und ist gestorben, wir müssen nur seinem Weg folgen und uns in Geduld üben. Dann bewähren wir uns, bekommen neue Hoffnung und erfahren die grenzenlose Liebe Gottes.

Amen.

 

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