Das himmlische Erbe

Predigt über 1. Petrus 1, 3- 9: Lebendige Hoffnung

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti
28.4.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In dem Gotttesdienst wurde eine Jugendliche getauft.

1. Petrus 1, 3- 9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde.

Die meisten Menschen erben etwas, wenn ihre Eltern oder nahe Angehörige verstorben sind. Oft rechnen sie sogar damit, weil schon vorher darüber gesprochen wurde. Viele Eltern wollen ihren Kindern auch gerne etwas hinterlassen, das für diese dann einen Wert hat. Das kann ein Haus sein, Geld oder Gold oder anderes Vermögen. Es freut die Erben normalerweise, denn sie können damit in der Regel etwas Sinnvolles anfangen.

Ein Erbe kann allerdings auch Nachteile haben. Wenn ein Mensch nur Schulden hinterlässt, ist es z.B. ratsam, es nicht anzutreten. Eine weitere traurige Begleiterscheinung eines Erbes ist nicht selten Streit in der Familie. Irgendeiner aus der Erbengemeinschaft fühlt sich ungerecht behandelt, und es kommt zu bitteren Zerwürfnissen. Und schließlich müssen wir noch berücksichtigen, dass ein Erbe – wie alle materiellen Güter – der Vergänglichkeit unterworfen ist. Geld zerrinnt, wenn wir es ausgeben, und Häuser verfallen, wenn wir sie nicht pflegen. Wir begrüßen es zwar, wenn wir etwas Schönes oder viel erben, aber für ewig glücklich macht es uns nicht.

Daran dachte der Verfasser des ersten Petrusbriefes, als er schrieb, dass die Christen ein ganz anderes Erbe antreten, als andere Menschen, nämlich „ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel.“ Wenn wir an Christus glauben, treten wir also ein Erbe an, das unzerstörbar und vollkommen ist. Wir bekommen etwas, das uns keiner mehr wegnehmen kann und ewig halten wird. Es liegt für uns im Himmel, d.h. es ist unsichtbar, aber es hat einen Wert, der alles andere weit übersteigt. Jesus Christus hat es für uns hinterlassen, und zwar mit seiner Auferstehung. Er hat den Tod überwunden, er lebt und regiert in Ewigkeit, und daran bekommen wir alle Anteil. Wir erben durch ihn das ewige Leben. Wir müssen nur daran glauben und auf ihn vertrauen, das wird in dem Briefabschnitt weiterhin deutlich.

Es ist der Anfang des ersten Petrusbriefes, eine Art Loblied, in dem Gott für seine „große Barmherzigkeit“ gepriesen wird. Es war in neutestamentlicher Zeit üblich, Briefe mit so einem Dank zu beginnen. Der Schreiber, der sich Petrus nennt, wahrte also die Form. Doch das war nicht der einzige Grund für diesen Briefanfang. Er wollte mit dem, was er hier sagt, außerdem den Glauben derjenigen stärken, an die er schrieb.

Es waren Christen der sogenannten zweiten Generation, d.h. sie waren Jesus Christus nicht persönlich begegnet, sondern durch die Predigt der Apostel zum Glauben an ihn gekommen. Sie hatten „ihn lieb und glaubten an ihn, obwohl sie ihn nicht gesehen haben“, wie es heißt. Sie hatten sich also für Christus entschieden, und das war am Anfang mit viel Freude verbunden. Wir wissen aber, dass das Glücksgefühl dieser Menschen nicht lange dauerte, denn sie gerieten bald in Bedrängnis. Von vielen Außenstehenden wurden sie verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt, und so waren sie „traurig in mancherlei Anfechtungen“.

Das hat der Schreiber des Petrusbriefes vor Augen, und er will den Christen Mut machen. Sie sollen sich von ihrem neuen Bekenntnis nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden. Dazu erinnert er sie an Gottes Handeln in Jesus Christus. Es war gut, dass sie sich darauf eingelassen hatten, denn sie haben dadurch einen neuen Daseinsgrund. Das wesentliche Merkmal ihrer Existenz ist nicht mehr die Angst vor dem Tod, sondern „der Seelen Seligkeit“, wie er es formuliert.

Der Verfasser stellt den Christen also die Ewigkeit vor Augen. Er lässt das himmlische Erbe in ihrem Geist lebendig werden, und damit will er sie zum Durchhalten motivieren. Die Anfechtungen sind eine Prüfung, durch die ihr „Glaube als echt und viel kostbarer befunden wird als das vergängliche Gold.“ Das Leid ist kein Grund, vom Glauben wieder abzufallen. Es ist vielmehr eine Bewährungsprobe, mit der seine Echtheit festgestellt wird. Es dauert auch nur „eine kleine Zeit“ im Vergleich zur Ewigkeit, die auf sie wartet. Gott wird sie durch seine „Macht bewahren“ und „dann werden sie sich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“. Sie werden dabei sein, wenn „Jesus Christus offenbart wird“. Und das alles ist wie „eine neue Geburt“, die eine lebendige Hoffnung begründet.

Die Botschaft lautet hier also: Durch die Auferstehung Jesu Christi haben alle, die an ihn glauben, eine ewige Zukunft. Ihnen wird ein neues Dasein geschenkt, das im Tod nicht aufhört, es geht weiter. Die Freude des Heils ist zeitlos und weist über alles Irdische hinaus. Diese schöne Verheißung gilt bis heute allen Gläubigen, sie ist also auch an uns gerichtet: Wir werden mit Christus auferstehen, weil wir durch die Barmherzigkeit Gottes zu einem neuen Leben wiedergeboren werden.

Die Frage ist allerdings, was das für unsere Lebensführung bedeutet. Freuen wir uns darüber wirklich? Wie können wir diese Hoffnung denn gewinnen und behalten? Vieles in der Welt und in der Menschheit ist so schlimm und bedrückend, dass wir sie manchmal verlieren. Wir können die Probleme, die es in unserer Zeit gibt, auch nicht einfach durch den Glauben herunterspielen. Sie behalten ihre Macht und stellen solche Verheißungen, wie wir sie hier hören, in den Schatten.

Wir finden es oft am besten, selber etwas zu tun. Das zeigt ihr Jugendlichen uns gerade mit euren Demonstrationen „Fridays für Future“. Du, Clara, machst da auch mit. Ihr wollt, dass etwas geschieht, damit – in diesem Fall – der Klimawandel gestoppt wird.

Und das ist auch richtig. Natürlich müssen wir alles tun, was wir können, damit die Welt und die Menschen gerettet werden. Jeder und jede muss ihre Gaben und Fähigkeiten einbringen, Zeit und Geld investieren, Ideen entwickeln und sich engagieren, damit das Leiden weniger wird.

Aber das allein reicht nicht, denn unser Handeln wird immer unvollkommen bleiben, und das wissen wir auch. Alles, was wir erreichen und aufbauen, kann aufhören, es ist vergänglich und brüchig. Wir werden oft enttäuscht, verlassen, betrogen oder hintergangen. Unsere Leistungsfähigkeit lässt im Laufe des Lebens nach. Und so sind wir über weite Strecken des Lebens gar nicht zuversichtlich und hoffnungsvoll, sondern traurig, ärgerlich oder erschöpft. Auch Angst und Sorge sind ständige Begleiter. Und am Ende macht uns das Sterben zu schaffen. So lange es geht, verdrängen wir es, aber es kommt, und es ist unausweichlich. Dann erleben wir, wie unsere Kräfte schwinden und der Körper zerfällt. Und das ist eine Not, auf die es keine Antwort gibt. Das kann kein Mensch durch Demonstrationen ändern.

Es ist deshalb wichtig, dass wir nicht ausschließlich diesseitig denken, dass unsere Lebensinhalte nicht nur weltlich und irdisch sind und damit ein Verfallsdatum haben. Das ist der erste Schritt, der uns zum Glauben und zu einer ewigen Hoffnung führen kann: Wir müssen ehrlich und realistisch sein und unsere Grenzen erkennen.

Als zweites ist es dann wichtig, dass wir die Beziehung zu Gott, von der die Bibel redet, auch leben und seine Barmherzigkeit annehmen. Es liegt an uns, ob wir das Erbe antreten, das er für uns bereit hält. Wir müssen uns für den neuen Daseinsgrund entscheiden, den wir durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gewinnen können, und uns darauf verlassen, dass es etwas gibt, das ewigen Bestand hat, das nicht von dieser Welt und damit auch nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist. Und das heißt, wir sind eingeladen, unsere Sichtweise und unser Bewusstsein zu ändern. Die irdischen Nöte können uns den Blick versperren und die himmlische Verheißung in den Schatten stellen, aber es kann auch genau anders herum verlaufen: Wir vertrauen auf die großartige Perspektive, die das Evangelium uns schenkt, und dadurch wird alles andere zweitrangig und verliert seine Schrecken.

Unser Lebensgefühl wandelt sich, wenn wir diesen Richtungswechsel vollziehen, es ist dann bestimmt von der neuen Wirklichkeit, die Jesus Christus heraufgeführt hat. Das ist der dritte Schritt, und der erfolgt bereits bei der Taufe. Da werden wir mit dem Auferstandenen verbunden und von Gott her „neu geboren.“ Unser Leben besteht dadurch aus noch viel mehr als aus unseren Taten und Erfolgen. Auch unser Geld oder Gold muss uns nicht bestimmen, denn wir erben die himmlische Zukunft und lassen uns davon prägen. Das Heil Gottes wird bei der Taufe in unser Inneres eingesenkt. Unser Leben ist in Jesus Christus begründet, in seiner Auferstehung und in der Ewigkeit.

Nicht umsonst sind die Taufkleider traditionsgemäß weiß. Das ist deshalb passend, weil die Farbe Weiß im Zusammenhang mit Freude steht. Sie symbolisiert außerdem Unschuld und Reinheit, ebenso Unsterblichkeit und Unendlichkeit, all das, was über das Erbe im Himmel in unserem Briefabschnitt ausgesagt wird. Und das passt zur Taufe, weil sie wie eine neue Geburt ist, nach der der Mensch unschuldig und rein ist. Auch das ewige Leben wird ihm in der Taufe geschenkt. So heißt es in einem Lied über die Taufe: „Du hast zu deinem Kind und Erben, mein lieber Vater mich erklärt.“ (EG 200, 2)

Es ist deshalb ganz schön, dass du, Clara, dich heute taufen lassen willst. Du bist bereits alt genug, um all das zu beherzigen, was dir damit geschenkt wird. Du kannst dich in dem Bewusstsein üben, dass Gott bei dir ist. Dann empfängst du jeden Tag aufs Neue Zuversicht und Trost. Eine gute Praxis ist dafür das regelmäßige Wiederholen des christlichen Bekenntnisses. Es ist gut, Gott immer wieder zu loben und ihm für „seine große Barmherzigkeit“ zu danken. Dann wird die Hoffnung lebendig, und die „Auferstehung Jesu Christi“ bleibt aktuell. Sie verleiht dir die Kraft zum Handeln, lässt dich durchhalten, auch wenn es einmal leidvoll wird. Freude und Jubel bleiben dir erhalten.

Es ist deshalb eine alte und sehr sinnvolle Tradition, dass der Taufsegen die Zusage des ewigen Lebens enthält. Die klassische Formulierung lautet: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Auch Säuglingen wird dieser Segen gegeben, d.h. sie werden bereits bei der Taufe in die Wirklichkeit hineingenommen, die auch nach dem Tod noch da ist. Durch ihre Taufe legen wir den neuen, ewigen Daseinsgrund, und der trägt bis zum Ende. Deshalb gilt auch das Umgekehrte: Bei der Grablegung erinnern wir an die Taufe mit folgenden Worten: „Gott vollende an dir, was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Anteil an seiner Herrlichkeit“. So kommt zum Ausdruck, dass das ganze Leben von der Taufe bis zum Tod wie ein großer Bogen ist, der sich unter der Barmherzigkeit Gottes auspannt.

Lasst uns deshalb dankbar dafür sein, dass wir getauft sind, und unsere Freude darüber mit dem Lied zum Ausdruck bringen, aus dem ich eben schon einen Satz zitiert habe:

„Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist.“ (EG 200)

Amen.

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