Pax et Bonum

Predigt über Philipper 4, 4- 9: Mahnung zur Freude im Herrn und zum Frieden

Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
18.11. 2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Philipper 4, 4- 9

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!
9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Liebe Gemeinde.

In Assisi gibt es als Souvenir  kleine Teller oder Kacheln mit der Aufschrift „pax et bonum“ – auf Deutsch heißt das: „Frieden und Gutes“, denn das war ein Gruß bzw. ein Segenswort, das Franz von Assisi immer gebrauchte. Er wünschte das jedem Menschen, den er traf, und er sagte damit: „Mögest du in Frieden leben, versöhnt mit dir selbst, mit den deinen und der Welt. Mögest du heil sein oder werden, nicht verwundet noch verletzt, angstfrei und geborgen.“ Dieser Gruß ist also ein Segenswunsch, und er ist in der franziskanischen Familie zur Tradition geworden. (s. https://www.st-marienwoerth.de/pax/01/files/assets/downloads/page0011.pdf)

Die Gewohnheit des Friedensgrußes ist aber auch noch weiter verbreitet. Wir machen z.B. das gelegentlich in der Abendmahlsliturgie. Dann reichen wir einander die Hand und sagen „Der Friede des Herrn sei mit dir“.

Außerdem kennen wir den Friedenswunsch als „Kanzelsegen“. Das ist schon seit dem 4. Jahrhundert in unseren Gottesdiensten Tradition und soll deutlich machen, dass letzten Endes nur Gottes Friede das Heil bewirkt. Der Prediger oder die Predigerin sagt damit: „Ich habe euch das Evangelium verkündet, aber Gottes Friede ist größer, als ich ihn auszudrücken vermag.“ Und das geht wunderbar mit dem Vers, den wir vorhin in der Epistellesung gehört haben „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Er steht zusammen mit anderen Wünschen und Ermahnungen am Ende des Briefes von Paulus an die Philipper. Dort ist es ein Zuspruch, der die Empfänger stärken und erfrischen sollte.

Die Gemeinde in Philippi war sozusagen die Lieblingsgemeinde von Paulus, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hatte. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ (Phil.1,11) Paulus war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden.“ So schreibt er es am Anfang des Briefes. (1,6) Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.

So sind auch seine Wünsche und Ermahnungen am Ende des Briefes gemeint, und es ist wichtig, dass wir das beachten, denn sonst fühlen wir uns von seinen Worten eventuell erdrückt oder überfordert. Es ist ja nicht wenig, was Paulus hier zu verlangen scheint. Er zählt eine ganze Liste von Eigenschaften auf, die die Philipper sich aneignen sollen: Er wünscht sich, dass „sie achtenswert, gerecht, lauter, wohlgefällig, angesehen, tauglich und lobenswert“ leben. Außerdem sollen sie „sich freuen, sich keine Sorgen machen, beten und danken und den Frieden Gottes im Herzen bewahren“. Kurz gesagt: Sie sollen gute Menschen sein, fromm und gottesfürchtig. Es klingt sogar fast so, als sollten sie heilig leben. Dabei stellt Paulus sich ihnen als Vorbild hin. Er sagt: Lebt so, wie ihr es von mir „gelernt, empfangen, gehört und gesehen“ habt. Das ist noch eine Liste von Wörtern, die hier vorkommt. Und das klingt wie gesagt anstrengend.

Wir hören das ja nicht neutral, sondern beziehen es gleich auf uns, und so ist es auch gemeint. Natürlich werden auch wir damit ermahnt. Doch wie soll das gehen? Ist da nicht alles etwas zu viel verlangt und ist es nicht auch gesetzlich? Es klingt so, als sollten wir plötzlich doch wieder durch gute Werke glänzen. Wo bleiben da die Gnade und die Vergebung? Gott nimmt uns doch auch als Sünder an, wenn wir das alles gerade nicht schaffen! Das hat Paulus immer wieder betont. Auch im Philipperbrief ist davon die Rede, dass Jesus Christus für uns gestorben ist und alle Sünde auf sich nimmt. Paulus lehnt im dritten Kapitel die „Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt“ ab und verkündet die Gerechtigkeit, „die durch den Glauben an Christus kommt“. (3,9) Und er betont, dass er „ihn erkennen möchte und die Kraft seiner Auferstehung.“ (3,10)  Was sollen also diese strengen Ermahnungen am Ende des Briefes? Sie scheinen dazu im Widerspruch zu stehen.

Doch so ist es nicht. Der Glaube an Jesus Christus hat für Paulus auf jeden Fall Vorrang vor allem anderen. Christen sind erlöst und frei vor Gott. Allerdings hat das auch Folgen. Das Leben verändert sich durch den Glauben. Es bleibt nicht alles beim Alten, sondern wird neu. Und wie diese Veränderung und Erneuerung aussieht, beschreibt Paulus am Ende des Briefes. Seine Ermahnungen und Wünsche sind also kein neues Gesetz und auch keine menschliche Leistung.

Nicht umsonst spricht er in unserem Abschnitt von einem „Frieden, der höher ist als alle Vernunft.“ Der wurde den Christen geschenkt, und er kann sich um ihr Herz und ihre Gedanken legen wie eine beschützende und bewahrende Macht. Das ist der Ausgangspunkt. D.h. Paulus verlangt keine Moral. Es ist auch kein Programm, das er den Philippern auftischt. Was er ihnen wünscht, ist vielmehr die Kraft und die Nähe Gottes, die ihnen hilft, ihr altes Wesen abzulegen. Der „Friede Gottes“ liegt jenseits von Philosophie, Politik oder Psychologie, er ist vielmehr durch Jesus Christus Wirklichkeit im Leben der Christen.

Das müssen wir als erstes berücksichtigen, wenn wir diese Ermahnungen hören. Gott ist der Ursprung des Friedens. Daran erinnert Paulus hier, und er möchte, dass wir Gott den Weg bereiten, seinem Frieden sozusagen die Tür öffnen, ihm eine Chance geben. Dazu gehört es, dass wir unser Leben ordnen. So wie wir ein Zimmer aufräumen müssen, wenn wir friedlich darin leben und uns wohlfühlen wollen, so müssen wir auch in unserer Seele und in unserem Geist Klarheit einziehen lassen. Der Friede und das Gute fängt nicht an, wo wir äußerlich alles mögliche Gute tun, sondern in uns. Er geht von innen nach außen, von den Einzelnen zu den Vielen.

Trotzdem ist der Frieden natürlich immer etwas Gemeinschaftliches. Das ist als zweites wichtig. Er ereignet sich, wenn wir mit anderen zusammen sind, und d.h. wir können ihn nur gemeinsam verwirklichen, und zwar, indem wir uns damit gegenseitig sozusagen anstecken. Wir können ihn uns auch zusprechen.

Ich erwähnte ja bereits, dass Franz von Assisi das immer getan hat. Zu der Tradition des „pax et bonum“ gibt es auch eine Geschichte aus seinem Leben, die ich euch gerne einmal erzählen möchte:

„Als sich die ersten jungen Männer um Franziskus scharten und mit ihm sein Leben teilen wollten, da erfuhren sie in ihrer Heimat viel Ablehnung, Spott und Hohn. So kam es, dass sie aufbrachen in eine andere Gegend, wo man sie, da sie fremd waren, freundlich aufnahm. Hier überkamen Franziskus allerdings große Zweifel, ob er die Botschaft des Evangeliums recht verstanden habe, ob er, mit all seinen Begrenzungen und Unzulänglichkeiten Jesu Fußspuren überhaupt nachfolgen könne. In seiner Not betete er. Und in der Nacht, als er schlief, schenkte Gott ihm einen Traum, in dem Gott ihm all das vergab, was Franziskus belastete und zwischen sie beide zu stehen kam. Friede kam zwischen Gott und ihn, und Franziskus wurde beauftragt und ermächtigt, überall wo er hinkam, diesen Frieden und Zuspruch zu verkünden. Eine große Freude erfüllte ihn da. Er erfuhr an sich selbst das unendliche und reiche Erbarmen Gottes. Er war angenommen, trotz seiner Schwachheit, ja sogar zum Mitarbeiter Gottes erwählt, um etwas von dieser Erfahrung den Menschen zu bringen. So versammelte er bereits am nächsten Morgen seine Brüder und sandte sie zu zweit aus, um wie die Jünger Jesu Friede und Gnade den Menschen zuzusprechen. Seine Mitbrüder sollten Gutes über die Schwellen der Häuser tragen, in die sie kamen – ,pax et bonum‘.“ (s.o.)

Und das ist mit Sicherheit geschehen, denn bei dem Zuspruch des Segens überträgt sich etwas von dem Frieden, den wir meinen. Er breitet sich in dem Moment aus, wo wir ihn äußern, geht von einem zum anderen und entfaltet sich.

So hat Paulus das auch gesehen. Er stellt sich selber ja als Vorbild hin, d.h. er möchte, dass die Philipper von ihm lernen, sich etwas bei ihm abgucken. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas überheblich, so als würde er alles richtig machen. Aber so hat Paulus sich sicher nicht gefühlt. Er will einfach nur deutlich machen, dass es den Frieden Gottes gibt. Auch andere Menschen leben ihn, und darauf gilt es zu achten. Sie verwirklichen etwas von dem, was Gott will. Was wir an ihnen sehen, können wir uns zu Herzen nehmen und selber danach leben. Dann hat der Friede eine Möglichkeit, um sich zu greifen. Das ist der zweite Punkt

Und als drittes müssen wir berücksichtigen, dass der Friede nie vollkommen sein wird. Es ist zwar wichtig, dass wir auf ihn achten, aber er wird immer nur punktuell bleiben, sowohl räumlich wie auch zeitlich. Denn leider wird er immer wieder vertrieben, durch Streit und Eifersucht, Hass und Zorn. Er ist flüchtig und vergänglich. Deshalb braucht er ja auch unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen ihn pflegen und bewahren. Am ehesten können wir das in unserem nächsten Umfeld verwirklichen, in der Familie, im Freundeskries, in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Da gibt es ja immer mal wieder Konflikte. Die können wir entschärfen, indem wir nicht aggressiv, sondern freundlich und liebevoll miteinander umgehen, ruhig bleiben, miteinander reden, Fehler zugeben und uns entschuldigen, wenn es nötig ist.

Und um das hinzubekommen, ist es ein besonders gutes Mittel, wenn wir auch unseren Gegnern den Frieden wünschen, denjenigen, die uns kritisieren, uns zu Unrecht verletzen oder enttäuschen. Eigentlich ärgern sie uns ja und machen uns wütend. Am liebsten würden wir ihnen genauso begegnen wie sie uns, mit Kritik und Vorwürfen. Aber das hilft nicht, es macht den Konflikt meistens nur noch schlimmer. Viel besser ist es, wenn wir sie segnen. Wir können damit in Gedanken beginnen, indem wir für sie beten und ihnen im Geist Gutes zusprechen. Dann entschärft sich der Konflikt. Wir werden selber innerlich friedlich, bekommen Abstand und sehen, dass diejenigen, die uns bedrängen und ärgern, einfach nur anders sind als wir. Ihre Lebenssituation unterscheidet sich von der unsrigen, sie haben andere Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt und setzen andere Prioritäten. Wenn wir das einsehen, dann finden wir meistens auch die richtigen Worte, und Frieden wird möglich.

Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch entstehen „Inseln des Friedens“ oder auch „Oasen“, an denen wir neue Kraft schöpfen. Davon kann es nie genug geben, und mit der Hilfe Gottes können wir sie bilden. Die Gemeinde in Philippi war so eine Insel, denn sie war diesbezüglich auf einem guten Weg. Dort leuchtete beispielhaft auf, was Gott will.

Und das kann heutzutage auch bei uns geschehen, die Gemeinde ist dafür ein guter Ort. Dann fällt von Gott her ein Lichtstrahl in die Zeit. Die Kirche setzt Zeichen des Friedens in dieser Welt, und Gerechtigkeit bricht an. Es geschieht dann, wenn Menschen durchlässig werden für den Frieden Christi, und dort, wo sie aufeinander zugehen, sich die Hand reichen und den Frieden weitergeben, der sie erfüllt.

Wir wollen das deshalb jetzt tun. Ich lade euch ein, eurem Nachbarn oder eurer Nachbarin neben oder vor oder hinter euch in der Bank die Hand zu geben mit den Worten „Friede sei mit dir“. Ihr könnt auch aufstehen, in der Kirche umhergehen und diesen Gruß noch anderen Menschen geben.

Amen.

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