Die Kirche in der Welt

Predigt über Römer 13, 1- 7: Das Verhältnis zur staatlichen Gewalt

23. Sonntag nach Trinitatis, 4.11. 2018, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 13, 1- 7

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.
2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.
3 Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.
6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht.
7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 wurde auf der Bekenntnissynode in Barmen eine theologische Erklärung verabschiedet. Sie war von drei namhaften Theologen ausgearbeitet worden und wurde die zentrale theologische Äußerung der Bekennenden Kirche unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie richtete sich gegen die falsche Theologie und das Kirchenregime der sogenannten „Deutschen Christen“. Die hatten damit begonnen, die evangelische Kirche der Diktatur des „Führers“ anzugleichen, und das war schlimm. Deshalb trennt die Barmer Erklärung Staat und Kirche voneinander und macht deutlich, welche Aufgabe der jeweiligen Institution zukommt. In Artikel fünf heißt es: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens […] für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche […] erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 810,5)

Bis heute gilt die Barmer Erklärung als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der deutschsprachigen evangelischen Kirche und ist deshalb in unserem Gesangbuch im Wortlaut abgedruckt.

Und das ist auch gut so, denn was hier formuliert ist, deckt sich mit dem Neuen Testament. Dort ist die Unterscheidung zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt ebenfalls grundlegend. Sowohl Jesus als auch Paulus sahen darin zwei Wirklichkeiten, die voneinander abgegrenzt sind, und daraus haben sie ihre Schlüsse gezogen. Hinter den Aussagen über die Obrigkeit, die Paulus im Römerbrief formuliert hat, steht diese Weltsicht ebenfalls, und es ist ganz wichtig für das Verständnis dieses Textes, dass wir das berücksichtigen.

Denn beim ersten Hören sind wir ja zunächst empört und regen uns auf. Paulus sagt hier, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Deshalb ermahnt er zur Loyalität gegenüber den Staatsorganen. Die Christen sollten sich um Frieden und Liebe gegenüber jedermann bemühen, auch gegenüber den staatlichen Ordnungen und Autortäten. Denen sollten sich die Christen unterordnen, denn sie haben ihre Macht nicht an Gott vorbei, sondern üben sie aus, weil er es angeordnet hat. Wer sich der Staatsmacht widersetzt, lehnt sich also gegen den Willen Gottes auf. Das sagt Paulus hier. Damit will er aus den Christen zu Rom zwar keine kaisertreuen Patrioten machen, aber er mutet ihnen zu, ihren Bürgerpflichten nachzukommen. Besonders wichtig sind ihm die Zoll- und Steuerzahlungen. Sie dienten dazu – wie auch bei uns –, dass der Staat mit Hilfe des eingetriebenen Geldes tat, was allen zu Gute kam. Und daran sollten sich auch die Christen beteiligen. Paulus rät ihnen von Handlungsweisen ab, die als politischer Protest gedeutet werden könnten.

Und das empört uns wie gesagt. Es fällt uns in unseren Tagen nach zwei Weltkriegen und unzähligen blutigen Auseinandersetzungen schwer, diese Gedankengänge des Paulus nachzuvollziehen. Täglich hören wir Meldungen und sehen Bilder von Menschen, die unter Gewalt, Hunger und Vertreibung leiden, weil staatliche Ordnung versagt, der Stärkere sich nimmt, was er will, ohne Strafe zu fürchten. Da wollen diese sieben Verse aus dem Römerbrief nicht einleuchten. Sie scheinen die grausame Realität zu missachten und ihre Opfer zu verspotten. Was sollen wir damit also anfangen?

Sicher würden einige von euch dafür plädieren, sie gar nicht mehr zu lesen, sie zu ignorieren und bei Seite zu schaffen. Aber ist das sinnvoll und steht uns das zu? Können wir einfach so Teile aus der Bibel rausschmeißen, bloß weil sie uns nicht gefallen oder zu schwierig sind? Ich finde das problematisch. Außerdem lohnt es sich fast immer, über das nachzudenken, was uns erst mal nicht passt. Lasst uns das also mit dem Text von Paulus auch tun, und zunächst versuchen, ihn zu verstehen. In einem zweiten Schritt wollen wir dann überlegen, wie wir das auf unser Leben und in unserer Zeit anwenden können.

Was Paulus betrifft, so ist es wie gesagt in seinem ganzen Denken grundlegend, dass er zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt unterscheidet. Dabei ist Gott für ihn auf jeden Fall der Mächtigere, der Schöpfer und Ordner, von dem alles kommt und zu dem alles geht. Was dabei die Menschen betrifft, so hat er sie befähigt, ihr Zusammenleben zu organisieren und soziales Chaos zu verhindern.

Wir hören unseren Text leicht so, als seien Gott und die Ordnungen der Welt identisch, als stünde da mathematisch gesehen ein „ist gleich“ (=). Doch das ist nicht so, es steht ein „ist größer“ (>) dort. Gott ist nicht die Obrigkeit, er hat sie vielmehr eingesetzt, d.h. auch sie ist ihm untergeordnet. Alles muss ihm gehorchen, und dadurch relativiert sich auch alles, was in der Welt geschieht, sowohl das Gute als auch das Schlechte. Wer an Gottes Macht glaubt und sich an ihn bindet, für den ist die Welt zweitrangig. Davon waren das Lebensgefühl und das Denken von Paulus bestimmt. Das müssen wir als erstes beachten.

Dazu kam bei Paulus die Überzeugung, dass es mit dieser Welt sowieso bald zu Ende gehen würde. Paulus lebte in der sogenannten Naherwartung, und das hieß für die christlichen Hausgemeinden, dass sie Christus angehörten, dem endzeitlichen Herrn der Welt, und sie gingen als seine Zeugen auf den nahe bevorstehenden Gerichtstag Gottes zu. Es lohnte sich für sie also gar nicht, in dieser Welt noch etwas zu ändern. So sah Paulus das. Sie sollten deshalb die bestehende Regierungsmacht und deren Geldansprüche respektieren und sich ruhig verhalten.

Und schließlich müssen wir berücksichtigen, dass der römische Staat zu den Lebzeiten von Paulus noch funktionierte. Die Christenverfolgungen und Gräueltaten setzten erst später ein. Paulus hat erlebt, dass die weltlichen Ordnungen die Bürger schützten. Es gab für ihn keinen Grund zur Klage. Er sah es vielmehr so, dass Gott mittels der staatlichen Autoritäten zugunsten aller Menschen und auch der Gemeinden das Gute befördert und das Böse in Grenzen hält. Auf die Frage, wie die Christen sich in einem Unrechtsstaat verhalten sollten, geht Paulus hier also gar nicht ein.

Wenn wir das alles beherzigen, verstehen wir den Abschnitt besser und können zur zweiten Frage übergehen, die lautet: Wie wenden wir das nun auf unser Leben an? Um das zu beantworten, möchte ich gerne wieder mit der Vorstellung und der Lehre beginnen, dass es zwei Reiche gibt, das Reich Gottes und das Reich der Welt.

Als Christen gehören wir zum ersten, denn dafür hat Jesus Christus gesorgt. Er hat durch sein Sterben und Auferstehen das Reich Gottes für alle geöffnet, die an ihn glauben. Wenn wir das tun, wissen wir also um mehr als diese Welt. Wir erkennen hinter allem, was geschieht, noch eine andere Macht als nur die menschliche. Wir sind auf Gott bezogen und schöpfen unsere Zuversicht aus seiner Gegenwart. Wir sind bereits erlöst und freuen uns auf die Ewigkeit. Auch im Leiden und Sterben sind wir noch geborgen. Wir können demnach getrost in dieser Welt leben und ihre Ordnungen anerkennen. Wir können uns unauffällig verhalten und dabei hoffnungsfroh und ruhig bleiben.

Das besagt die Zwei-Reiche-Lehre, und es tut gut, sie anzunehmen. Es ist heilsam und befreiend, das Reich Gottes von dem Reich der Welt zu unterscheiden. Wenn alle Menschen das täten, gäbe es auch kein Unrecht mehr. Fast alle Gräueltaten haben darin ihren Ursprung, dass Menschen sich plötzlich zu Göttern erheben, dass sie Gottes Macht nicht mehr anerkennen und sich selber an oberste Stelle setzen.

Genau dagegen wendet sich auch die Erklärung von Barmen. Es heißt in dem Artikel fünf weiter: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ (EG 810,5)

Die Barmer Theologen kritisierten zum einen die Anmaßungen Hitlers und zum anderen die Verirrung der „Deutschen Christen“. Und Paulus hätte das sicherlich unterschrieben. Auch er war gegen eine Verwechslung von staatlicher Obrigkeit und dem Anspruch des Evangeliums. Aus der Nachfolge Christi folgt weder eine Diktatur noch die Anarchie. Sie befähigt vielmehr, in dieser Welt, die noch „nicht erlöst“ ist, friedlich als Christ zu leben. So ist seine Ermahnung, „der Obrigkeit zu gehorchen“, gemeint.

Doch was sollen nun die Menschen tun, denen die Regierenden Unrecht zufügen? Die staatliche Macht kann ja dämonische Züge annehmen. Gilt das, was Paulus hier sagt, dann weiterhin? Sollen wir wirklich alles erleiden und nie aufbegehren? Diese Frage geht wie gesagt über unseren Text hinaus, aber natürlich müssen wir uns in diesem Zusammenhang damit beschäftigen. Wenn wir Paulus das fragen, würde er sicher zunächst sagen: „Es lohnt sich mehr, wenn du so viel wie möglich erträgst. Du kannst damit Christus ähnlich werden und an seinem Sterben und Auferstehen Anteil bekommen. Ein Christ oder eine Christin ist zum Leiden und Sterben befähigt. Auch durch Unrecht kannst du zu Gott finden. Du kannst sogar gerade im Sterben ihm nahe kommen, es ist wie die Tür zu seinem Reich.“ Paulus hat so gelebt und ist so gestorben. Er war durchdrungen von der Gewissheit, dass er an der Auferstehung teilhat. Und diese Erfahrung können wir alle machen. Unsere Seele und unser Geist sind viel elastischer, als wir denken. Wir können sie sehr weit dehnen und uns damit nach Gott ausstrecken.

Trotzdem ist natürlich irgendwann die Dehngrenze erreicht. Wenn wir ein Gummiband immer weiter auseinanderziehen, reißt es irgendwann. Und so ist auch mit der Seele. Was wir ertragen müssen oder wollen, kann an einem bestimmten Punkt zerstörerisch sein, dann halten wir es nicht mehr aus, und es führt uns auch nicht zu Gott. Wir zerbrechen vielmehr daran. Wann das so ist, lässt sich nicht pauschal festlegen, darüber kann man keine allgemein gültigen Aussagen machen. So wie wir, die wir hier sitzen, körperlich alle unterschiedlich beweglich sind, so ist es auch mit der Seele und dem Geist. Wir halten verschieden viel aus, und jeder und jede muss selber erkennen, wann für sie Schluss ist. Dann gilt nicht mehr der Satz „Es ist notwendig, sich unterzuordnen“, sondern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das hat Petrus in der Apostelgeschichte gesagt. (Apg. 5,29) Er begründete damit gegenüber dem Hohen Rat, dass er nicht aufhören wird, das Evangelium zu predigen, selbst wenn der Staat es verbietet. Das war seine Entscheidung, und so müssen auch wir letzten Endes selber entscheiden, ob wir etwas ertragen oder verändern wollen.

Im Blickfeld des Neuen Testamentes lag es noch nicht, dass die Christen auf eine humane Staatsform dringen sollen, die den Ansprüchen des Evangeliums entgegenkommt, aber natürlich können wir das heutzutage versuchen. Wir haben ja auch ganz andere Möglichkeiten als z.B. Paulus. Gerade in Deutschland haben wir eine Verfassung und ein Grundgesetz, die die Freiheit der Einzelnen schützen. Wir können mitbestimmen, mitreden und für das Gute kämpfen. Keiner verbietet uns das oder hindert uns daran, und dafür dürfen wir dankbar sein. Wir sind auch eingeladen, für die Regierenden immer wieder zu beten und Gott darum zu bitten, dass sie seinen Willen tun.

Bloß verwechseln sollten wir die beiden nicht. Gott ist nicht der Staat und die Regierung hat nicht dieselbe Macht wie er. Letzten Endes sind wir als Christen an ihn und an seinen Sohn Jesus Christus gebunden, so wie es am Anfang der Barmer Erklärung heißt: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (EG Nr. 810,1)

Amen.

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