Der Herr macht lebendig

Predigt über 1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a: Der Lobgesang der Hanna

Ostersonntag, 1.4.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
6 Der HERR tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Gemeinde.

Es gibt in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Paare, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt. Sie wollen eins, doch es klappt nicht, und darunter leiden sie oft erheblich. Die Lebensplanung droht zu scheitern, und der Sinn des Lebens verschwindet ebenso. Dazu kommen Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, wie etwa, dass sie krank oder egoistisch sind. Bei jedem misslungenen Versuch, schwanger zu werden nehmen der Stress, die Enttäuschung und auch die Traurigkeit zu.

Es gibt deshalb viele Hilfen für die Betroffenen. Hier in Kiel ist z.B. das „Kinderwunschzentrum“ der Uniklinik ein Angebot, aus diesem Leiden herauszukommen. Es möchte den Eltern „helfen, ihr Glück zu finden“. Ständig werden die Methoden in Diagnostik und Therapie verbessert. Dazu kommt eine persönliche Betreuung, in der auch emotionale und intime Fragen einer Paarbeziehung besprochen werden. Das Zentrum blickt bereits auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, und es ist nicht das einzige in Deutschland. Auch in anderen Arztpraxen, bei Hebammen, im Internet und vielen weiteren Foren gibt es Hilfsangebote.

Den Frauen in biblischen Zeiten ging es in dieser Beziehung anders. Sie machten meistens Gott dafür verantwortlich, wenn sie kinderlos blieben, bzw. wenn sie dann doch schwanger wurden. Gott hat die Macht, den Mutterleib zu schließen oder zu öffnen, das war der Glaube. Er kann also auch die Unfruchtbare „zu Ehren bringen, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird“, wie es in Psalm 113 heißt. Und es gibt mehrere Geschichten über Frauen, die unerwartet schwanger wurden.

Zu ihnen gehörte auch Hanna, deren Loblied wir vorhin gehört haben. Ihr Mutterschoß galt als „verwelkt“ oder „vertrocknet“. Sie bekam keine Kinder. Darüber war sie sehr traurig, obwohl ihr Mann sie liebte und trotzdem zu ihr hielt. (1. Samuel 1) Nur von seiner zweiten Frau – so etwas war damals erlaubt – wurde sie „gekränkt und gereizt“, den die bekam Kinder. Die Geschichte erzählt nun, wie Hanna eines Tages im Tempel betete und dem Herrn ein Gelübde machte: Sie bat Gott darum, sie anzusehen, an sie zu denken, ihr Elend zu beenden und ihr einen Sohn zu schenken. Sie versprach, dass sie ihn dann „dem HERRN geben würde sein Leben lang“.

Und diese Bitte hat Gott erfüllt. Er hat ihren Schoß zum Leben erweckt und sie fruchtbar gemacht. Hanna wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Samuel und hielt ihr Versprechen: Als er entwöhnt war, brachte sie ihn in den Tempel, „weil er vom HERRN erbeten war“ (1. Samuel 1, 28). Dort wuchs er unter der Obhut des Priesters auf. Er wurde ein heiliger Mann und ein großer Prophet, der später die ersten Könige Saul und David salbte.

Für Hanna war das Geschenk Gottes wie eine Auferstehung von den Toten. Die Unfruchtbare gebar neues Leben und hatte Teil an der Schöpferkraft Gottes. Das kommt in ihrem Lied zum Ausdruck, und deshalb lesen wir es heute, am Tag der Auferstehung Jesu Christi. Der entscheidende Vers lautet: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Hinter dieser Aussage steht eine ganz bestimmte Vorstellung der Israeliten. Sie gehen davon aus, dass es unter der Erde ein Reich der Schatten gibt, einen tiefer gelegenen Ort, an dem alle Tätigkeit aufhört, und wo Gott nicht mehr gepriesen wird. Die Toten kommen dorthin und warten bis zum jüngsten Tag auf ihre Befreiung. Das hebräische Wort für dieses Totenreich lautet „Scheol“. Im Alten Testament ist oft davon die Rede, dass Gott die Menschen dort hinab bringt, sie hinabsteigen lässt, weil sie gesündigt haben.

Den Glauben, dass Gott die Toten dort vor dem jüngsten Tag auch wieder herausholt, den finden wir im Alten Testament jedoch nur selten. Hanna singt das, denn das war ihre Erfahrung: Gott lässt die Toten auch wieder aufsteigen, er führt sie aus dem Scheol herauf. So hat Hanna ihr Schicksal erlebt, und auch anderen ergeht es ihrer Meinung nach ähnlich. Sie nennt noch zwei weitere Beispiele: Gott macht arm und wieder reich, er erniedrigt und erhöht. „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“, singt sie. Denn so hat sie sich gefühlt. Diese wunderbare Wende hat Gott ihr geschenkt.

Deshalb ist sie überglücklich, damit fängt ihr Lied ja an: In der Seele und im Geist ist sie erfüllt mit Freude und Jubel. Sie kann wieder aufrecht gehen und ihr Gesicht zeigen. Sie kann ohne Furcht von Gott erzählen. Alle sollen ihre Worte vernehmen. Denn sie ist davon überzeugt, dass sie ihr Glück Gott zu verdanken hat. Er ist der Mächtigste im Himmel und auf Erden, in der Tiefe und in der Höhe. Das ist das Lied der Hanna, und es bezeugt sehr schön den Glauben an die Auferstehung.

Und das ist gut, denn wir fragen uns heutzutage, worin der bestehen kann. Wir sind zwar Christen, und eigentlich ist Ostern unser zentrales Fest, aber inzwischen können viele damit nichts mehr anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was da am Ostermorgen wirklich geschah. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt worden? Dagegen gibt es viele Einwände: Das kann doch nicht sein und wirkt fast so ein bisschen gruselig. Und was soll diese Botschaft überhaupt? Sie passt nicht in unser neuzeitliches, aufgeklärtes Denken. Selbst Umschreibungen, wie etwa die, dass „das Leben gesiegt hat“, helfen uns nicht, denn davon merken wir nichts.

Es gibt den Tod und viel Elend. Das Leben setzt sich lange nicht überall durch, auch dann nicht, wenn wir an an Jesus Christus glauben. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dafür nur ein Beispiel. Dazu gibt es noch viele andere Ereignisse, die uns an der Macht Christi zweifeln lassen, weil sie unsere Lebensplanung durchkreuzen, uns ins Leiden stürzen und uns unglücklich machen. Ehen gehen auseinander, Konflikte machen uns zu schaffen, Angehörige sterben usw. Da hilft es auch nicht, wenn uns verkündet wird, dass Jesus auferstanden ist und den Tod überwunden hat. Es klingt wie ein Märchen aus fernen Zeiten, das mit unserem Leben nichts zu tun hat.

Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen der Botschaft von der Auferstehung und unserem Leben heute. Sie hat nach wie vor Gültigkeit und ist wahr, wir müssen nur anders da heran gehen, als mit unserem Verstand oder unseren Erfahrungen.

Und zwar ist es gut, wenn wir zunächst in unser Leben schauen und uns klar machen, worin die tiefste Ursache für all unsere Wünsche liegt. Letzten Endes sehnen wir uns ja immer nach irgendetwas. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt meistens schon der nächste. Ganz ruhig und zufrieden sind nie. Ist das lang ersehnte Kind z.B. da, ist meistens noch lange nicht alles gut, sondern dann kommen neue, ganz andere Probleme. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert, denn ein Säugling verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie müssen Opfer bringen. Und wenn die Kinder dann älter werden, läuft es nur selten nach dem Wunsch von Mutter und Vater. Spätestens in der Pubertät kommen Schwierigkeiten, denn die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Eltern müssen sie loslassen. Und leider bleibt so mancher Konflikt, der dabei entsteht, ein Leben lang da und überschattet das Verhältnis dauerhaft.

Der Wunsch nach Glück und Ruhe, nach Zufriedenheit und Geborgenheit, menschlicher Nähe und Liebe ist also keinesfalls weg, wenn wir versuchen, all das selber herzustellen. Er wird nie ganz erfüllt, ganz gleich, was wir machen. Und das müssen wir ernst nehmen. Uns werden zwar viele Angebote gemacht, wie wir heutzutage unsere Fragen beantworten und unsere Probleme lösen können, aber sie gehen meiner Meinung nach nicht an die Wurzeln. Natürlich helfen die Ratgeber, Bücher, Internetseiten, Therapeuten und Philosophen, denn sie alle denken darüber nach, wie unsere Sehnsucht nach Glück gestillt werden kann. Viele Antworten, die wir dort finden, sind durchaus brauchbar. Trotzdem sollten wir tiefer bohren und den Wunsch nach Ruhe und Glück einmal an sich – als solchen – betrachten.

Ich denke nämlich, dass sich darin letzten Endes die Sehnsucht nach Gott verbirgt. Unser tiefstes Verlangen bleibt oft ungestillt, weil wir auf noch viel mehr angelegt sind, als nur auf das irdische Dasein. Wir stecken in dem Dilemma, dass wir hier auf der Erde leben und eines Tages sterben werden. Alles vergeht, und deshalb kann es uns nicht genügen. Denn in Wirklichkeit sind wir für die Ewigkeit geschaffen. „Gott hat uns zu sich hin geschaffen“, wie Augustin gesagt hat, „und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in ihm.“ Wir sollten deshalb die letzte Erfüllung von vorne herein bei Gott suchen. Nur er kann uns eine Antwort auf die tiefsten Fragen geben, die wir haben, weil sie immer über dieses Leben hinaus gehen. Alles andere verfliegt irgendwann, nichts lässt sich festhalten, und auch das Leid wird deshalb nicht aufhören.

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Botschaft von der Auferstehung ihre Bedeutung. Denn damit hat Gott uns eine Antwort gegeben, die alles einschließt, auch das Sterben und den Tod, das Leid und die Sehnsucht. Wir müssen uns nur darauf einlassen.

Es ist deshalb gut, wenn wir mit allem, was uns bewegt und was wir uns wünschen, zunächst zu Gott gehen, so wie Hanna das gemacht hat. Sie hat ihr Herz vor ihm ausgeschüttet, und ihr Glück bestand nicht nur darin, dass sie schwanger wurde. Sie preist Gott hauptsächlich dafür, dass er sie überhaupt gehört hat. Sie hat in der Beziehung zu Gott ihr Glück gefunden. Deshalb hat sie ihr Kind auch ihm geschenkt. Sie hat es nicht als ihr Eigentum betrachtet, sondern es in die Obhut des Priesters gegeben, als es entwöhnt war. Sie zeigt uns also, dass sie im Glauben und im Gebet ihre wahre Ruhe gefunden hat.

Und das kann auch uns so gehen, denn Gottes Macht ist grenzenlos, das wird uns zu Ostern verkündet. Die Auferstehung Jesu ist kein historisches Ereignis, sie geschieht vielmehr immer wieder und zwar da, wo Menschen sich darauf verlassen, dass Jesus lebt. In seiner Gegenwart können wir ruhig werden. Er schenkt uns eine Erfüllung und Hoffnung, die weiter geht, als alles andere. Wir können Ostern nicht mit dem Verstand begreifen, aber wir können von Ostern her leben. „Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ So fordert uns Joachim Neander mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Evangelischesw Gesangbuch Nr. 317) zum Glauben auf. Wenn wir tun, was er sagt, merken wir, dass die Botschaft von der Auferstehung wahr ist.

Denn es geschieht etwas in uns und in unserem Leben. Alles, was nicht Gott ist, wird nämlich zweitrangig. Wir erkennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und können sie annehmen, und wunderbarer Weise ergibt sich durch dieses Bewusstsein vieles von allein. Wir erfahren, dass uns plötzlich auch bei irdischen Problemen geholfen wird, ohne dass wir viel dafür tun. Es kann z.B. sein, dass Eltern, die sich immer ein Kind wünschten, es erst dann bekamen, nachdem sie diesen Wunsch losgelassen hatten. Im Nachhinein merken sie, dass sie sich selber im Weg gestanden hatten. Die Fixierung auf dieses eine Problem hatte alles verhindert. Sie waren verspannt und unbeweglich geworden. Erst nachdem sie diese Haltung aufgegeben hatten, konnte das neue Leben entstehen. Und so ist es in vielen anderen Situationen auch. Wenn wir unsere Wünsche loslassen und uns entspannen, werden wir plötzlich geführt. Und das geht am besten im Vertrauen auf Gott und seine lebensschaffende Kraft, wenn wir uns ihm hingeben und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann kommen seine Möglichkeiten zum Zuge, und er kann an uns handeln: Er „erhält uns, verleiht uns Gesundheit und geht freundlich mit uns um“. Wir können die Erfahrung machen, dass „der gnädige Gott seine Flügel über uns ausbreitet“. Das bezeugen alle Menschen, die auf Gott und die Auferstehung Jesu Christi vertraut haben. Nicht umsonst ist das Lied, aus dem auch dieser Satz stammt, eins der bekanntesten Kirchenlieder geworden und es ist schön, wenn wir Gott damit immer wieder für seine Allmacht und Schöpferkraft loben.

Amen.

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