Werden und Vergehen

Predigt über Jesaja 54, 7- 10:
Verheißung einer neuen Gnadenzeit

4. Sonntag der Passionszeit, 30.3.2014, 9.30 und 11.00 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

 

Liebe Gemeinde.

Schleier von Forsythien-, Kirschen- und Pflaumenblüten verzaubern zur Zeit Gärten und Straßen. Es ist Frühling geworden, das lässt sich nicht mehr übersehen, und das ist schön. Deshalb reden auch alle darüber, wir teilen die Freude und das Staunen gerne miteinander. Denn es ist jedes Jahr eine Zeit, in der auch wir wieder aufblühen. Der Frühling steckt an, und viele finden, dass er die schönste Jahreszeit ist: Narzissen, Tulpen und Hyazinthen, der Gesang der Vögel, die Wärme und die Helligkeit, alles weckt unsere Lebensgeister.

Denn der Winter ist lang und wird gegen Ende zunehmend schwerer zu ertragen. „Winter ade, scheiden tut weh, aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht.“ So heißt deshalb auch ein Kinderlied.

Und obwohl das jedes Jahr dasselbe Schauspiel ist, wird es nicht langweilig. Im Gegenteil, dieser Wechsel der Jahreszeiten gibt unserem Leben Schwung. In ihm ereignet sich Werden und Vergehen, das als Prinzip die ganze Schöpfung durchzieht: Abend und Morgen, Saat und Ernte, Geburt und Tod, überall ereignet sich dieser Rhythmus. Freude und Trauer lösen sich ab, wir werden krank und wieder gesund, atmen ein und aus.

Auch im Glauben spielt dieser immerwährende Wechsel eine Rolle. Das kommt in unserem Predigttext von heute zum Ausdruck. Er steht bei dem Propheten Jesaja im 54. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Jesaja 54, 7- 10

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Das sind Worte, die der Prophet Jesaja im Exil gesprochen und aufgeschrieben hat. Es war also gerade eine dunkle Zeit für das Volk Israel, eine Zeit des Leids und der Klage. Denn die Israeliten befanden sich unter fremder Herrschaft, weit weg von der Heimat. Verlassenheit und Trostlosigkeit beherrschten ihr Lebensgefühl. Es war für sie eine Zeit des Vergehens und nicht des Werdens.

Diese Erfahrung steht hinter den Worten „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, und ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen.“ So fühlten sich die Israeliten: Gott hatte seine Augen vor ihnen verschlossen, sich abgewendet, seine Hilfe verweigert und seine dunkle Seite gezeigt. Er hat geschwiegen, und die Schatten des Todes waren aufgetaucht. Die heile Welt war untergegangen, denn Gott war zornig gewesen. Er war verletzt und wütend, weil auch die Israeliten sich von ihm abgewendet hatten. Das kommt hier zum Ausdruck.

Doch das wird wieder anders, sagt der Prophet. Für ihn war es ganz klar, dass die Dunkelheit vergeht, das Licht zurückkommt und es wieder hell wird. Gott wird alles zum Guten wenden, das ist seine Botschaft. „Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln“ und „mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“ Diese Aussagen schließen sich gleich an die düstere Klage an. Der Prophet will also nicht in erster Linie von der Abwesenheit Gottes reden. Er erwähnt sie nur, um dagegen umso deutlicher sein Erbarmen aufleuchten zu lassen. Er will Freude und Hoffnung verbreiten. Die Menschen sollen begreifen, dass Gott kommt und sie befreit.

Denn so war es auch zur Zeit Noahs. Gott hatte die Sintflut geschickt, aber er hat sie wieder versiegen lassen und dann einen ewigen Friedensbund mit Noah geschlossen. Der gilt, auch wenn es einmal Zeiten gibt, in denen die Menschen ihn nicht erleben.

Der Prophet schließt deshalb, indem er noch einmal den Treuebund Gottes erwähnt. Und er veranschaulicht seine Beständigkeit mit einem Bild aus der Natur: Er nennt die Berge und Hügel, die scheinen, als wären sie für alle Ewigkeit fest gegründet. Aber sie können durchaus weichen. Durch fließende Wasser und stetige Winde können sie langsam und unmerklich abgetragen oder durch das Beben der Erde in ihrem Grund erschüttert werden. Der Treuebund Gottes dagegen wankt und weicht nicht.

Das ist der Trost, den der Prophet dem Volk zuspricht. Darauf sollen sie sich verlassen und vertrauen. Sie dürfen mit der Hoffnung leben, dass sie in der Dunkelheit der Schuld und des Todes nicht vergehen werden. Im Vergleich zur ewigen Gnade Gottes ist sie so kurz wie ein Augenblick, flüchtig und vorübergehend. Das Erbarmen und die Treue Gottes dagegen bleiben in Ewigkeit. Das bevorstehende Heil ist für den Propheten völlig gewiss. Und von dieser Gewissheit aus setzt er sich über alle Nöte und Sorgen hinweg. Die nahe Zeit ewiger Verbundenheit lässt alles andere als gering erscheinen.

Das ist hier die Botschaft, und als Christen erkennen wir darin schon einen Teil des Evangeliums. Denn wir glauben, dass Gott diesen neuen Bund durch Jesus Christus aufgerichtet hat. Und zwar hat er es getan, indem er Jesus genau denselben Weg gehen ließ, den alles Leben geht: Auch er war dem Tod unterworfen, er musste sterben und hat die Gottesferne am eigenen Leib erfahren. Doch das dauerte nur einen kurzer Augenblick im Vergleich zu dem, was dann kam: Er ist auferstanden und lebt in Ewigkeit. Nun sitzt er zur Rechten Gottes und schenkt jedem, der an ihn glaubt, immerwährendes Erbarmen und Gnade. Die Verheißung des Propheten hat sich in ihm erfüllt. Es gibt das Heil, und wir finden es im Glauben an Jesus Christus. Das ist die frohe Botschaft, die in solchen Vorhersagen wie die des Propheten bereits ihre Wurzeln hat.

Aber gefällt es uns eigentlich, wie Jesaja hier von Gott redet? Und akzeptieren wir den Weg, den Jesus gehen musste? Auch wenn es alles am Ende gut ausgegangen ist, ein Schatten bleibt, und ein Widerspruch scheint auch da zu sein: Wie kann Gott gleichzeitig derjenige sein, der uns seine ewige Treue verspricht, uns dann aber doch gelegentlich verlässt? Was soll die Botschaft von der großen Barmherzigkeit, wenn Gott sich immer mal wieder abwendet? Wird seine Zusage dadurch nicht unglaubwürdig? Und wie konnte er seinen eigenen Sohn in den Tod schicken? Wollen wir an so einen Gott wirklich glauben?

Das passt nicht zu unseren Vorstellungen von einem guten und gnädigen Gott. Wir sehnen uns nach etwas ganz anderem. Wir wünschen uns, dass das Leid endlich einmal ganz aufhört, dass Ruhe einkehrt, dass es hell und warm bleibt, Heil und Freude nie wieder enden. Dafür soll Gott sorgen, und zwar ununterbrochen, ohne sich gelegentlich zu verbergen. Die Aussagen des Propheten haben deshalb etwas Ärgerliches und auch Widersprüchliches. So einfach wollen wir das nicht akzeptieren.

Doch bevor wir den Text deshalb ablehnen, sollten wir fragen, was vielleicht dahinter steckt. Denn eigentlich bleibt der Prophet nur realistisch und nüchtern. Er geht davon aus, dass Gott den Rhythmus der Natur und des Lebens nicht aufhebt. Gott handelt vielmehr innerhalb des Prinzips von Werden und Vergehen, von Leid und Freude. Und er erwartet, dass wir das annehmen und uns darauf einstellen. Gott will, dass wir Geburt und Tod bejahen, mit dem Wechsel von Licht und Dunkelheit leben. Denn so hat er es eingerichtet, und so wird es bleiben, solange wir auf der Erde sind. Es entspricht seinem Willen. Das ist das Eine, was uns hier gesagt wird.

Als Zweites wird uns durchaus ein Widerspruch zugemutet, denn obwohl seine Gnade ewig ist, gibt es Zeiten, in denen wir sie nicht erleben. Das ist eine menschliche Erfahrung, die wir immer wieder machen, und Gott verschont uns davor nicht. Trotzdem zieht er seine Gnade nicht zurück. Beides bleibt nebeneinander bestehen. Wenn Gott sein „Angesicht für eine Weile verbirgt“, ist er ja immer noch da. Wir erfahren das bloß vorübergehend nicht. In solchen Zeiten gilt es dann umso mehr, weiter an ihn zu glauben, trotz der Dunkelheit zu hoffen und zu beten.

Denn als drittes gilt, dass Gott unverfügbar bleibt. Wir können ihm nicht vorschreiben, wie er handeln soll, und wir kommen auch nie ganz dahinter, wer er ist. Er behält ein Geheimnis, und der Sinn seines Handelns bleibt uns manchmal verborgen. Wir können uns ihm nicht mit unserem Verstand nähern und ihn schon gar nicht unserem Denken unterwerfen. Wir müssen uns vielmehr seiner Macht unterstellen und manchmal gegen unsre Vernunft auf ihn vertrauen.

Jesus hat das auch getan, und zwar im Garten Gethsemane. Einen Tag vor seiner Hinrichtung hat er dort gebetet und mit seinem Schicksal gerungen. Er fühlte sich von Gott verlassen und wollte, dass „der Kelch‘“, den er austrinken sollte, an ihm vorübergehe. Trotzdem war er gehorsam, denn er wusste, dass Gott ihn nicht verschonen würde. Jesus hat sich gebeugt und in den Willen Gottes eingewilligt. Er hat in der Dunkelheit darauf vertraut, dass Gott ihn irgendwie retten würde. Und damit hat er seine Auferstehung im Geist bereits vollzogen. In Gethsemane ereignete sich schon die Überwindung, die dann nach seinem Tod Wirklichkeit wurde.

Wenn wir selber die ewige Gnade Gottes und die Kraft der Auferstehung erleben wollen, ist es deshalb gut, wenn wir Jesus im Geist nach Gethsemane begleiten und uns mit ihm auf das Sterben und Auferstehen einlassen.

Dazu gehört es, dass wir uns den Rhythmus in der Natur bewusst machen und ihn in unserem eigenen Leben wahrnehmen. Am nächsten ereignet er sich in unserem Atem. Auch Einatmen und Ausatmen spiegeln das Prinzip des Lebens wieder. Wir können uns deshalb einmal darauf konzentrieren. Nicht umsonst spielt das in so vielen Entspannungstechniken, im Yoga und in der Meditation eine Rolle. Wir schwingen damit in den Rhythmus des Lebens ein. Wir ignorieren ihn nicht und wehren uns auch nicht dagegen. Wir erleben ihn vielmehr und sagen ja dazu.

Auch in der christlichen Tradition gibt es dazu eine Praxis. Es ist das sogenannte Herzensgebet, das in der Ostkirche, in griechischen und russischen Klöstern entstanden ist. Dabei wird ein Gebetssatz mit dem Atem verbunden und immer wiederholt. Traditionell ist es der Satz: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Beim Einatmen wird der Name Jesu angerufen, beim Ausatmen erfolgt die Bitte um Erbarmen. Und das geschieht, bevor die Erfahrung der Nähe Gottes da ist, ganz unabhängig davon, ob „er sein Angesicht dem Beter zuwendet“ oder nicht. Das Gebet wird von dem Glauben getragen, dass Gott trotzdem da ist. Seine Gegenwart liegt jenseits von Licht und Dunkel, sie durchdringt das Auf und Ab, denn sie ist die verborgene Wirklichkeit hinter allem Wechsel. Wir können sie erleben, wenn wir einfach darauf vertrauen, Ein- und Ausatmen bejahen, Leid und Freude nicht verdrängen, Saat und Ernte gleicherweise anerkennen. Irgendwann merken wir dann, dass es die ewige Gnade Gottes doch gibt. Wir spüren sein Erbarmen und seine Liebe. Und wenn das geschieht, werden wir ruhig und gelassen. Wir fühlen uns getragen und geborgen.

Und diese Ruhe wird auch durch den Tod nicht aufgehoben. Wir halten ihn ja normalerweise für das Schlimmste, was geschehen kann, für die ultimative Katastrophe, die es auf jeden Fall zu vermeiden gilt. Dabei wissen wir genau, dass das nicht geht, dass er zu jedem und jeder von uns irgendwann kommt. Wir verdrängen das bloß am liebsten und haben auch Angst davor.

Doch diese Angst kann uns genommen werden. Selbst der Tod muss uns nicht mehr schrecken. Er dauert vielmehr nur „einen kleinen Augenblick“ im Vergleich zu der ewigen Herrlichkeit, die uns geschenkt wird. Zum Werden und Vergehen gehören auch Geburt und Tod, und als Christen sind wir eingeladen, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Erst danach kehrt ewige Freude ein, denn wir werden für immer eingehüllt in das Erbarmen Christi und haben Anteil an seiner Auferstehung.

Daran werden wir heute, am vierten Sonntag der Passionszeit bereits erinnert. „Wegen des freudigen Charakters dieses Tages kann das Violett deshalb zum Rosa aufgehellt werden.“ So lautet die Anweisung im Festtagskalender für die liturgische Farbe dieses Sonntags. Eigentlich ist sieben Wochen lang das dunkle Lila vorgesehen. Wir sehen es am Altar, an der Kanzel und am Lesepult. Ich kenne auch keine Gemeinde, die ein rosa Parament hat. Aber wir können uns die hellere Farbe ja vorstellen. Sie macht deutlich, dass nach jedem Winter ein Frühling folgt, Freude und Leid sich ablösen, und dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Amen.

 

 

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