Den Glauben leben

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 11.5.2014, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel
mit Konfirmation von Werner Erich

Liebe Gemeinde, lieber Werner.
Erinnerst du dich noch an den ersten Tag des Konfirmandenunterrichtes? Da haben wir uns über eure Bilder von Gott unterhalten, darüber, was ihr schon glaubt. Irgendetwas ist da ja meistens, sonst würdet ihr euch nicht anmelden und Woche für Woche hierher kommen. Jemand hat euch schon einmal etwas über Gott erzählt, eure Eltern vielleicht, die Großeltern, Lehrer oder Freunde.
In den zwei Jahren, die ihr dann in der Gemeinde verbringt, soll dieser Glaube gestärkt und ergänzt, bewusster und klarer werden. Wir wollen euch helfen, euch selber besser kennen zu lernen und dabei auch zu entdecken, dass Gott da ist, und Jesus Christus mit euch geht. Es soll also etwas geweckt werden, was bereits in euch schlummert, damit es lebendig werden und wachsen kann.
Anders kann man den Glauben auch gar nicht vermitteln. Denn es geht dabei nicht um ein Wissen, das man auswendig lernen muss, auch nicht um Regeln oder Gesetze und noch nicht einmal um die Kirche. Es geht vielmehr um Gott und das Leben. So hat auch der Apostel Paulus das schon verstanden, als er über Jesus Christus predigte.
Das hat er oft getan. Er war der erste große Missionar, der nicht lange nach der Kreuzigung Jesu die Botschaft von seiner Auferstehung verbreitete, zuerst in dem Gebiet der heutigen Türkei, dann in Griechenland und zum Schluss in Rom. In vielen Städten hat er gepredigt und christliche Gemeinden gegründet, auch in Athen. Und an der Rede, die er dort gehalten hat, wird besonders schön deutlich, dass er den Menschen nicht einfach etwas überstülpen wollte, sondern an dem Glauben anknüpfte, den sie bereits hatten. Der Bericht darüber ist heute unser Predigttext. Er steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 17, und lautet folgendermaßen:

Apostelgeschichte 17, 22- 28a

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.
23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,
27 damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.
29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.
33 So ging Paulus von ihnen.
34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Das ist der Bericht über das Wirken des Paulus in Athen, und so richtig erfolgreich klingt das nicht. In anderen Städten gelang es Paulus sehr viel besser, die Menschen zu bekehren. In Athen war das offensichtlich schwierig, denn es gab dort bereits ganz viele Götter, die die Menschen verehrten. Außerdem handelte es sich dabei nicht um einen primitiven Götzendienst, sondern um eine verfeinerte und kluge Frömmigkeit. Die Griechen sahen das Göttliche als geheimnisvolle unsichtbare Macht hinter allen Erscheinungen des Lebens aufleuchten. Die Gesprächspartner des Paulus waren religiöse Philosophen. Deshalb antworteten sie ihm auch nur mit beißendem Spott, als er Jesus den Auferstandenen als Heil der Welt verkündete. Sie regten sich auf und sagten: „Was will der Schwätzer hier.“
Doch Paulus lässt sich nicht einschüchtern, sondern knüpft geschickt an ihre Philosophie an. Er kommt auf die „Altäre für unbekannte Götter“ zu sprechen. Die waren wahrscheinlich aufgestellt worden, um sich gegen den Zorn eines Gottes, der vielleicht vergessen worden war, abzusichern. Und dazu sagt Paulus: Diesen Gott verkündige ich euch. Er ist der Eine, der Gott des Himmel und der Erde, der nicht in Tempeln wohnt noch von Altären abhängig ist, der sich vielmehr in seinen Geschöpfen offenbart und ihnen nahe ist. Dafür zitiert Paulus – etwas frei – einen schönen Satz aus der griechischen Philosophie: „In ihm leben, weben und sind wir“. Und dann geht er zu Christus über und ruft seine Zuhörer klar und unmissverständlich zur Umkehr und zum Glauben an den auferstandenen Jesus Christus auf.
Doch – wie gesagt – besonders erfolgreich war er nicht. Sie brachten deutlich zum Ausdruck, dass er sie nur langweilte. Denn natürlich meinten sie es gar nicht so, als sie sagten: „Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.“ In Wirklichkeit hatten sie keine Lust mehr auf seine Predigt und baten ihn, endlich aufzuhören. Nur einige Menschen schlossen sich ihm an, von denen zwei sogar namentlich genannt werden.
Damit endet der Bericht, und es geht darin hauptsächlich um die Rede des Paulus. Sie wurde aufgeschrieben, weil sie eigentlich gar nicht so schlecht ist. Denn damit klärt Paulus einige sehr gängige Missverständnisse auf, die sich leicht beim Glauben einschleichen. Auch wir müssen uns immer wieder klar machen, dass Gott „nicht in Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind“, dass „er sich nicht von Menschenhänden dienen lässt“, und dass „er nicht durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht ist.“
Lassen Sie uns über diese drei Missverständnisse also noch einmal nachdenken und die Antworten von Paulus beachten.
Zunächst einmal ist es wichtig, dass Gott nicht an bestimmte Orte gebunden ist. Das meinen wir ja oft. Wenn wir an Gott denken, nehmen wir meistens an, dass er in der Kirche wohnt, dass wir deshalb dahin gehen müssen, wenn wir es ernst mit ihm meinen. Doch Gott ist viel größer als die Kirche. Kein Gebäude und keine Institution können ihn fassen oder festhalten. Im Gegenteil: Er hält die Welt und die Menschen in seiner Hand, er hat sie geschaffen, er ist „der Herr des Himmels und der Erde“ und gibt uns allen das Leben und den Atem. Er ist in allen Wesen gegenwärtig, alles zeugt von seiner Kraft und Größe. Das ist das Erste, was Paulus uns hier sagt.
Als zweites betont er, dass wir Gott nicht „dienen“ müssen, so „als ob er etwas braucht“. Und auch das ist für uns wichtig, denn das zweite Missverständnis besteht darin, dass wir oft denken, wir müssten Gebote einhalten, wenn wir glauben, und Regeln beachten. Das gehört natürlich dazu, aber es ist nicht das Entscheidende. Denn wichtiger als unser Handeln und unsere Taten ist unser Sein, dass Gott in uns ist und wir in ihm, dass wir ihm vertrauen und auf ihn hoffen, zuversichtlich und froh bleiben. Wir sollen mit ihm leben, uns auf ihn gründen und seine Kraft empfangen. Er will uns mit seiner Gegenwart erfüllen, unser Herz ergreifen und in unseren Gedanken wohnen. Das ist das Zweite, was Paulus hier zum Ausdruck bringt.
Und das dritte Missverständnis, dem auch wir leicht verfallen, ist die Vorstellung, dass Gott ein Gedanke oder eine Kopfsache ist. Wir halten den Glauben oft für so eine Art Programm mit vielen Ideen, das Menschen sich ausgedacht haben und das wir nur verstehen, wenn wir angestrengt darüber nachdenken. Das mag vielleicht für die Griechen und Philosophen so sein, aber der christliche Glauben hat einen anderen Inhalt. Denn für uns steht keine Idee im Mittelpunkt, sondern ein Mensch, der gestorben und auferstanden ist: Jesus Christus, der Sohn Gottes. An ihn glauben wir. Er begleitet und kennt uns. Und das geschieht nicht im Kopf, sondern im Leben.
Der Glaube ist deshalb auch nie fertig, es gibt keinen Zeitpunkt, an dem wir sagen können, jetzt haben wir endlich alles verstanden und alles verwirklicht. Der Glaube ist vielmehr ein Teil unseres Lebensweges. Er wächst und entfaltet sich immer weiter, genauso wie wir selber im Laufe der Zeit immer reifer und mündiger werden. Wir müssen uns also nur für Jesus Christus öffnen, mit ihm rechnen und uns darüber freuen, dass er bei uns ist. Das ist der dritte Punkt in der Rede des Paulus.
Im Konfirmandenunterricht solltest du, Werner, deshalb hauptsächlich etwas über Jesus erfahren, wie er gelebt, was er getan und gesagt hat. Aber damit ist jetzt nur ein Anfang gesetzt. Mit dem Ende des Unterrichtes ist das Thema Glaube nicht abgeschlossen, sondern eigentlich fängt jetzt etwas an: Dass du deinen eigenen Glaubensweg gehst und immer wieder herausfindest, was das für dich bedeutet. Du hast dich in der Konfirmandenzeit auf den Weg gemacht, hast eine Ausrüstung bekommen, doch nun geht es erst richtig los, und dieser Weg hört nie auf.
Deshalb ist schön, dass du dir als Konfirmationsspruch ein Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium ausgesucht hast. Es lautet: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“  (Matthäus 24, 35) Das sagt Jesus zu seinen Jüngern, um ihnen Mut zu machen. Selbst wenn die Welt untergeht, werden seine Worte und Zusagen bestehen. Seine Gegenwart und sein Geist werden bei ihnen bleiben.
Und das gilt auch für dich und für uns alle: Du verlässt dich mit dem Glauben an Jesus Christus auf den, der nicht vergeht und völlig unabhängig von dir und allem anderen immer dableibt. Ganz gleich, wo du bist, was du gerade tust, wie alt du bist oder wie es dir geht: Das Evangelium gilt überall und immer. Jesus will dich begleiten, dir Leben schenken und dich mit seiner Kraft erfüllen.
Ich wünsche dir und uns allen, dass wir das im Laufe unseres Lebens immer wieder neu erfahren und daraus Freude und Zuversicht schöpfen.
Amen.

 

Der Glaube bewahrt vor Burnout

Predigt über Jesaja 40, 26- 31:
Israels unvergleichlicher Gott

1. Sonntag nach Ostern, 27.4.2014, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Der Legende nach war der erste Marathonläufer ein Bote, der 490 v. Chr. nach dem Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon loslief und knapp 40 Kilometer bis Athen rannte. Dort überbrachte er die Nachricht: „Wir haben gesiegt“ und brach anschließend tot zusammen. Das war tragisch.
Trotzdem lebte dieser legendäre Lauf im Rahmen der Olympischen Spiele von Athen 1896 als Wettkampf wieder auf und ist seitdem eine olympische Disziplin.
In den 70er Jahren etablierte er sich sogar als Breitensport. Heutzutage wird in unzähligen Städten in der Welt jährlich ein Marathonlauf organisiert, an dem jeder und jede teilnehmen kann, der oder die sich dazu in der Lage fühlt. Und auch wenn die Läufer und Läuferinnen am Ende zum Glück nicht sterben, es sieht oft ähnlich aus, wenn sie über die Ziellinie kommen: Viele brechen völlig erschöpft zusammen und lassen sich sofort fallen. Wir kennen diese Bilder aus dem Fernsehen, und vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen das ja auch schon selber erlebt, und zwar nicht nur beim Marathonlauf.
Das gibt es im Leben ja immer wieder mal: Wir verausgaben uns und rennen und rennen mit nur einem Ziel vor Augen. Lange Zeit geht das gut, aber am Ende sind wir völlig „müde und matt“, wir „straucheln und fallen“.
Dem Propheten Jesaja war diese Erfahrung jedenfalls nicht fremd. Er erwähnt sie in einem Abschnitt, der heute unser Predigttext ist. Es heißt bei Jesaja im vierzigsten Kapitel:

Jesaja 40, 26- 31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Der Prophet sagt das zu den Deportierten, deren seelische Spannkraft im Exil nachgelassen hatte. Sie waren müde und verzagt, von Gott enttäuscht und verbittert. Zu lange hatten sie schon darauf gewartet, dass er sie befreien würde. Nun waren ihre Kräfte verbraucht. Die Anstrengungen waren zu groß gewesen, sie lagen am Boden.
Deshalb klagten sie. Vorwurfsvolle Fragen wurden laut, mit denen der Prophet sich hier auseinandersetzt. Die Menschen quälten sich damit, dass Gott sich anscheinend nicht mehr um sie kümmerte. Sie sahen ihren Weg, ihr Geschick, im Weglosen verlaufen, weil Gott nicht mehr auf sie achtete. Er hatte sie offensichtlich vergessen und rührte sich nicht. Nun waren sie ermattet und fühlten sich zerschlagen.
Damit setzt der Prophet sich hier auseinander, und das will er gerne ändern. „Fort mit der Klage“ könnte man den Text überschreiben. Er ist ein Hymnus gegen Verzagtheit, der mit dem Glauben an Gott als den Schöpfer beginnt. Dazu lenkt Jesaja den Blick seiner Hörer gen Himmel und weist auf die Sterne: Gott hat sie geschaffen und leitet sie wie ein Feldherr ein großes Heer. Wenn sie aufgehen sollen, mustert er sie der Reihe nach und ruft sie alle mit Namen, und keiner wagt, wegzubleiben. Denn er ist der Ewige, der alle Zeiten umspannt und den ganzen Raum, die Enden der Erde umfasst. Seine Kraft ist unerschöpflich und seine Einsicht unerforschlich. Dabei thront er nicht selbstgenügsam in erhabener Einsamkeit, sondern besitzt diese ganze Fülle, um sie denen zu geben, die sie brauchen. Er lebt in Beziehung zu den Menschen und ist für sie da. Und natürlich kann er ihnen helfen, sie müssen nur ausharren, zu ihm aufschauen und auf ihn hoffen. Er wird seine Verheißungen verwirklichen, dieser Ausblick bleibt, sie müssen nur hinsehen. Dann werden sie neue Kraft empfangen, so dass sie dem Adler vergleichbar sind, der mit seinen Schwingen anscheinend mühelos und ausdauernd in den Lüften schwebt.
So ermahnt der Prophet die Gemeinde, die über das Ausbleiben der Rettung klagt, zum Glauben und zur Geduld. Er ermutigt sie, für das künftige Heil offen zu sein und sich der Führung Gottes anzuvertrauen, auch wenn sie sie gerade nicht begreifen. Er will sie aufbauen, damit sie wieder Kraft schöpfen.
Der Text wird für den heutigen Sonntag vorgeschlagen, weil darin auch etwas über den Auferstehungsglauben gesagt wird. Genauso hat Gott an Jesus gehandelt. Er hat ihn sogar von den Toten auferweckt, und jeder, der an ihn glaubt, bekommt seine Kraft: Er wird neu geboren, empfängt neues Leben und neuen Mut.
Und das ist eine schöne Botschaft, denn genau danach sehnen wir uns und das brauchen wir auch. Wir sind zwar nicht aus unsrer Heimat deportiert worden, aber Erschöpfung kennen wir alle. Das ist in unserer Gesellschaft sogar ein weit verbreitetes Phänomen. Wir nennen es heutzutage „Burnout“, auf Deutsch: „Ausgebrannt“.
Damit wird ein Zustand großer emotionaler Erschöpfung bezeichnet, der die Leistungsfähigkeit erheblich reduziert. So steht es im Lexikon. Der Grund ist eine berufliche oder anderweitige Überlastung, die sich weiterentwickelt. Es ist eine verhängnisvolle Linie: Am Anfang steht meistens eine idealistische Begeisterung. Doch dann setzen frustrierende Erlebnisse und Desillusionierung ein. Stress kommt auf, der nicht mehr bewältigt werden kann. Die beruflichen oder familiären Aufgaben werden nur noch als belastend empfunden, und am Ende steht die Apathie, d.h. die völlige Teilnahmslosigkeit. Oft kommen dann psychosomatische Erkrankungen dazu, Depression oder Aggressivität, und es besteht auch eine erhöhte Suchtgefahr. Auf jeden Fall wird ein Mensch mit einem Burnout arbeitsunfähig. Er muss aufhören, sich aus allen Zusammenhängen herausbegeben und sein Leben neu ordnen.
Zum Glück geht es nicht allen Menschen in unserer Gesellschaft so. Doch auch wenn die Erschöpfung nicht gleich im Burnout endet, die Vorstufen davon kennen wir alle. Unser Leben ist manchmal wie ein Marathonlauf, bei dem wir am Ende völlig verbraucht sind. Und die Gründe dafür sind dieselben wie beim Burnout, Stress und Überlastung und auch das Gefühl der Einsamkeit. Wir meinen ja oft, alles allein hinkriegen zu müssen. Außerdem definieren wir uns über das, was wir leisten, wir finden dadurch unsre Identität, uns selber. Deshalb geraten unsre Grundlagen ins Wanken, wenn wir merken, dass wir nicht mehr alles schaffen, was von uns erwartet wird. Wir sind von uns selbst enttäuscht, das Leben ist gegen uns, wir fühlen uns verloren. Auch Zweifel kommen eventuell dazu, an uns selber, an anderen, am Leben und möglicherweise sogar an Gott. Sinnlosigkeitsgefühle, Hoffnungslosigkeit und Scham quälen uns. „Wir sind müde und matt, straucheln und fallen.“ So etwas kennen wir, wie gesagt, alle.
Und dagegen setzt der Prophet seine Botschaft, davon will er uns heilen, aus diesem Zustand will er uns befreien. Dabei haben seine Aussagen etwas sehr Provozierendes, denn er behauptet, dass die Erschöpfung ein Zeichen von Gottlosigkeit ist. Sie entspringt einem heidnischen Lebensgefühl. Wenn der Glaube lebendig ist, und der Mensch Gottes Gegenwart und Gnade spürt, dann gibt es keine Kraftlosigkeit. Denn Gott ist da und seine Möglichkeiten und Schaffenskraft weisen weit über diese Welt hinaus. Sie sind unendlich groß und währen bis in alle Ewigkeit. Es gibt deshalb kein totales Ende, selbst der Tod stellt keine endgültige Grenze mehr da.
Dazu kommt, dass Gott das Heil des Menschen will. Er rechtfertigt den Sünder, nimmt jeden und jede an und schenkt uns seine Liebe. Niemand kann deshalb tiefer fallen als in die Hand Gottes. Das sollen die Menschen glauben und darin ihre Identität finden. Dann empfangen sie immer wieder neue Kraft.
Das ist hier die Botschaft, die Jesus mit seiner Auferstehung ein für alle Mal besiegelt hat. Wir müssen uns dafür nur öffnen und darauf vertrauen. Und wir sind tatsächlich vor der totalen Erschöpfung geschützt, wenn wir das tun. Der Glaube wirkt sich auf unsere seelische Befindlichkeit und damit auf unseren Gesamtzustand aus.
Denn wir wissen uns eingebettet in eine größere Wirklichkeit und fühlen uns geborgen, egal, was passiert. Wir haben eine Hoffnung, die sich durch Leid nicht trüben lässt. Denn da ist immer ein lebendiges und liebendes Gegenüber, selbst wenn die Menschen uns verlassen und enttäuschen. Wir ziehen unseren Wert nicht mehr aus dem, was wir leisten, und müssen uns nicht total in unseren Aufgaben verlieren. Wir spüren einen inneren Halt, Sinn und Trost. Wir können loslassen und müssen nicht auf Biegen und Brechen funktionieren. Wir dürfen stattdessen leben und einfach da sein.
All das wird uns hier verheißen. Jesaja beschreibt es mit dem schönen Bild vom Adler. Der erhebt sich in die Lüfte, wird schwerelos und ausdauernd. Es lohnt sich also, den Glauben zu ergreifen und den „Blick nach oben zu lenken.“
Konkret heißt das, dass wir anders mit dem Leben umgehen. Der Glaube hat Folgen für die Lebensführung, denn es führt zu einer Frömmigkeitspraxis. Sie ist sozusagen die Vorbeugung gegen Erschöpfung und Burnout. Denn um so zu leben, müssen wir uns Zeiten schaffen, in denen wir „die Augen tatsächlich in die Höhe erheben und sehen, was Gott kann.“ Das persönliche Gebet ist dafür eine gute Möglichkeit. Am besten bauen wir es fest in unseren Tagesrhythmus ein und verabreden uns sozusagen mit Gott. Wir können auch in der Bibel lesen und dabei aufmerksam und neugierig fragen, was sie uns wohl sagen möchte. Auf jeden Fall sollten wir für Gelegenheiten sorgen, die zweckfrei sind und der Muße dienen, Zeiten der Stille und Einkehr, der Meditation und des Schweigens. Wir müssen immer mal wieder passiv werden, und anstatt etwas zu tun, das Leben geschehen lassen. Denn nur dann kommen wir in die tieferen Schichten unserer Seele, wo Gott uns anrühren kann. Die Dichterin Hilde Domin hat einmal formuliert: „Wir müssen dem Wunder die Hand hinhalten.“
Und auch die geistliche Gemeinschaft mit anderen ist wichtig, die Gemeinde, der Gottesdienst und eventuell die Seelsorge. Es ist gut, wenn wir jemanden haben, mit dem wir regelmäßig über den Glauben sprechen, der uns begleitet und an die Hand nimmt.
Und selbst wenn wir meinen, zu all dem keine Zeit zu haben, dann bietet auch der Alltag uns viele Gelegenheiten, uns im Glauben und Hoffen zu üben und der Erschöpfung vorzubeugen. In Situationen z.B., die uns nervös machen, weil nicht das geschieht, was wir wollen, können wir uns in Geduld üben und das Warten lernen. Wir bemühen uns, sanft gegenüber den anderen und uns selber zu werden und Milde walten zu lassen. Es hilft, manchmal auch einfach gar nichts zu tun.
Dann bekommen wir tatsächlich neue Kraft. In unserem Leben geschieht Auferstehung. „Wir können laufen und werden nicht matt, wir wandeln und werden nicht müde.“ Diese Erfahrung können alle machen, die sich auf Gott und Jesus Christus einlassen. Die Botschaft des Propheten ist wahr, und der Glaube daran ist wirksam.
Das klingt nun fast wie ein ultimatives Rezept gegen jede Art der Erschöpfung oder Krankheit. Doch das ist es natürlich nicht. Es gibt Einschränkungen. Nicht alle Menschen werden dadurch gesund. Man kann z.B. unter einem „chronischen Müdigkeitssyndrom“ leiden. Das ist inzwischen ein Fachbegriff für eine bestimmte Krankheit. Die Situation der Betroffenen ist leider sehr viel schwieriger und komplizierter. Ihr Leben spielt sich „in engen Grenzen“ ab, sie brauchen Medikamente und ärztliche Hilfe.
Doch völlig irrelevant sind die Aussagen des Propheten und der Glaube an die Auferstehung auch für diese Menschen nicht. Denn selbst wenn sie nicht gesund werden, sie müssen nicht verzweifeln. Gott ist immer da, auch wenn sie müde bleiben. Sie müssen ihre Zuversicht nicht aufgeben, denn auch ihr Leben liegt in Gottes Hand.
Den Glauben daran sollten wir nicht verlieren, ganz gleich, wie es uns geht. Er hilft uns, von jeder Krankheit wegzublicken, „die Augen in die Höhe zu erheben und auf den zu sehen“, der ewig lebt, der Raum und Zeit öffnet und uns einen Weg zeigt, der aus allem hinausführt. Selbst wenn der Körper darniederliegt, die Seele kann trotzdem „auffahren wie ein Adler“. Vielleicht liegt darin sogar der verborgene Sinn einer unheilbaren Krankheit: Es muss Menschen geben, die mit ihrem Leben darauf hinweisen, dass man auch im Leid getrost bleiben kann, Menschen, die der Tod nicht mehr erschreckt, weil ihr Glaube sie weit über diese Welt hinaushebt.
Möge der Auferstandene uns allen diesen Glauben schenken und uns innerlich ihm entgegen schweben lassen.
Amen.

Der Tod ist nicht das Ende

Predigt über 1. Korinther 15, 19- 28:
Christus ist auferstanden

Ostersonntag, 20.4.2014, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Jeder rennt um sein Leben, wenn er gejagt wird. Die Todesangst treibt uns an und lässt uns fliehen. Sie ist also ein wichtiger Lebenserhaltungstrieb, vielleicht sogar der stärkste. Man kann deshalb auch gut mit dem Tod drohen, wenn man jemanden unterwerfen will. Denn normalerweise will keiner sterben. Der Tod wird vielmehr als die schlimmste Katastrophe empfunden, die es geben kann, als Gipfel des Unglücks.
Leider kommt er trotzdem irgendwann zu jedem von uns, da hilft keine Angst und keine Flucht, der Tod ist unausweichlich. Er ist also ein großes Problem für uns und somit auch die Wurzel aller Philosophien und Religionen. Die großen Menschheitsfragen haben hier ihren Ursprung: Welchen Sinn hat das Leben, wenn es doch vergeht? Was ist das Ziel und was kommt nach dem Tod?
Auch das Christentum will darauf eine Antwort geben. Es bietet sogar eine Lösung für die Todesfrage an. Das ist der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi und die Verheißung, dass jeder, der ihm vertraut, ebenfalls auferstehen wird. Im Neuen Testament ist diese Botschaft das zentrale Thema. Paulus findet sogar, dass alles andre unnütz wäre, wenn wir das nicht glauben würden.
Er formuliert das in seinem großen Kapitel über die Auferstehung im ersten Brief an die Korinther. Es ist das Kapitel 15. Ab Vers 19 sagt er dort:

1. Korinther 15, 19- 28
19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1). 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.
Lassen Sie uns diesen Textabschnitt zunächst verstehen, denn er klingt beim ersten Hören wahrscheinlich etwas fremd und unübersichtlich. Und das ist auch kein Wunder, denn Paulus schildert hier eine Zukunftsvision, die von dem Ablauf der Endgeschichte handelt, von der Vollendung der Welt. Sie hat bereits begonnen, sagt er hier, und zwar mit der Auferstehung Jesu Christi. Davon handelt das ganze Kapitel 15.
Paulus hat es geschrieben, weil es in Korinth Leugner der Auferstehung gab. Sie vertraten die Ansicht, dass Christus zwar auferstanden ist, aber danach kam für sie nichts Großartiges mehr. Sie hielten sich schon für erlöst, auch ohne Christus, denn sie meinten, dass sie im Geist bereits die entscheidende Verwandlung zu göttlichen Menschen erfahren hatten. Sie versetzten sich durch bestimmte religiöse Praktiken in eine andere Sphäre und fühlten sich verklärt und vollkommen.
Mit solchen Menschen hatte Paulus es also zu tun, und er hält ihnen entgegen, dass sie ohne Christus gar nichts sind. Sie leben in einer Selbsttäuschung. Ihre religiösen Gefühle haben keinerlei reale Grundlage.
Denn die ist nur durch die Auferstehung Christi gegeben. Darauf basiert alles Weitere, sie ist der Anfang einer neuen Wirklichkeit, der Beginn einer großartigen Zeitenwende. „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ Das sind seine Worte, und dabei liegt die Betonung auf Erstling. Mit Christus hat etwas begonnen, und auch nur mit ihm.
Er stellt es in den Gegensatz zu Adam und vergleicht Christus mit ihm. Denn das war nach der biblischen Überlieferung auch ein Erstling, eben der erste Mensch. Durch ihn waren der Tod und die Sünde gekommen. Aber nun ist etwas Neues geschehen, denn „durch einen Menschen kam die Auferstehung der Toten“…und … „so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“ Christus und Adam sind Universalpersönlichkeiten. Sie schließen jeweils eine Gesamtheit von Menschen mit ein, deren Geschick durch sie beherrscht wird. Adam verkörpert den Tod, Christus dagegen das ewige Leben.
Mit ihm ist das Endgeschehen eingeleitet, und es geht in drei Abschnitten vor sich: Zuerst wird Christus auferweckt. Danach werden die gerettet, die Christus angehören. Und dann kommt das Ende der Welt. Paulus meint damit die völlige Aufhebung der alten Welt mit ihren dämonischen Gewalten.
Die Auferstehung ist demnach ein gewaltiges Geschehen, das immer mächtiger anschwillt. Schließlich endet es in dem Siegeszug Christi, der alle Feinde Gottes niederwirft, alle Reiche der Welt für ihn erobert und als Triumphator zu Gott zurückkehrt. Dabei übergibt er alles dem Vater und schließt seinen Auftrag ab. Das Endgeschehen strebt rastlos seinem letzten Ziel zu: „Damit Gott sei alles in allem.“
Das ist die Vision des Paulus, und damit gibt er eine gewaltige Antwort auf die Frage des Todes: Er ist Teil der alten Welt, in der wir zwar leben, die aber längst von einer neuen Wirklichkeit abgelöst wurde. Der Tod hat seine Macht verloren, er hat nicht mehr das letzte Wort, sondern das hat Christus, der alle Menschen in die neue Welt führen wird.
Das ist hier die Botschaft, und die klingt ja ganz gut. Aber was hat das mit uns zu tun? Können wir damit etwas anfangen? Solche Aussagen sind uns ja etwas fremd, denn das Ende der Welt gehört nicht zu unsrem Denken, und mit dem Tod gehen wir auch anders um, als Paulus es hier vorschlägt. Wir verdrängen ihn am liebsten. So lange es gut geht, leben wir so, als gäbe es ihn nicht. Wir konzentrieren uns auf das Diesseits, leben für unsere Aufgaben und Familien, für Beruf und Wohlstand. Wir haben innerweltliche Ziele, und lange Zeit reicht das auch.
Schwierig wird es erst, wenn der Tod plötzlich näher rückt und sich nicht mehr einfach verdrängen lässt. Es passiert, wenn ein geliebter Mensch stirbt, oder wenn der Tod nach uns selber greift. Im Alter geschieht das oder bei einer schweren Krankheit. Dann bekommen wir Angst, wir werden unsicher und wissen nicht weiter. Ein großes Unglück bricht über uns herein. Der Tod verbreitet Schrecken und stürzt uns in eine Krise. Und dann sind wir in der Tat „die elendesten unter allen Menschen.“
Es reicht also nicht, wenn wir nur „in diesem Leben auf Christus hoffen.“ Wir brauchen noch mehr, und davon redet Paulus hier. „Jesus lebt“, das ist die Antwort des Evangeliums, das er verkündet. Er lädt uns zum Glauben an die Auferstehung ein, und das heißt, zum Glauben an eine Macht, die stärker ist als der Tod und größer als diese Welt.
Und natürlich ist das ein Glaube. Mit diesseitigen Methoden, innerweltlichem Denken oder der menschlichen Vernunft können wir die Botschaft von der Auferstehung nicht erfassen. Geist und Seele müssen andere Wege gehen, wenn wir die Macht Christi erleben wollen. Und die bieten sich gerade dann an, wenn wir in einer Krise sind und nicht weiter wissen. Dann können wir drei Schritte tun, mit denen wir die Auferstehung und damit neues Leben empfangen können.
Der erste Schritt besteht darin, dass wir loslassen und in das Sterben einwilligen. Wir müssen die Dunkelheit zunächst annehmen, ja dazu sagen und uns nicht mehr dagegen auflehnen. Es gilt, geduldig zu sein und arm im Geist zu werden. Dazu gehört es, dass wir der Angst oder der Trauer nicht mehr so viel Bedeutung geben, sie nicht beachten und uns davon nicht aus der Fassung bringen lassen.
Das ist natürlich nicht ganz einfach, und es geht auch nicht aus eigenem Antrieb. Wir brauchen vielmehr etwas, worauf wir stattdessen unseren inneren Blick und die Kräfte unserer Seele lenken können. Und das kann der auferstandene Herr sein. Wir stellen uns im nächsten Schritt also vor, dass Jesus lebt, malen uns aus, dass er über die Mächte der Finsternis triumphiert. Wir können das, was Paulus schildert, zwar nicht mit der Vernunft nachvollziehen, aber wir können es auf uns wirken lassen und uns diesen Bildern anvertrauen. Dann entfalten sie ganz von selber ihre Kraft. Wir spüren die Macht Christi, wenn wir uns dafür öffnen. Er bahnt sich seinen Weg in unserer Seele.
Und das ist das Dritte: Langsam aber sicher werden wir von etwas Neuem durchdrungen, werden in die Macht und Wirklichkeit der Auferstehung hineingezogen. Und das verändert uns. Die Dunkelheit weicht, und die Angst verschwindet.
Es gibt dazu eine schöne Geschichte von Basilius dem Großen. Im 4. Jahrhundert war er Bischof von Cäsarea in Kappadozien. Walter Nigg, ein neuzeitlicher Schriftsteller, der sein Schaffen den großen religiösen Persönlichkeiten gewidmet hat, beschreibt ihn in seinem Buch über das „Geheimnis der Mönche“. Er schildert gleich zu Anfang folgende Begebenheit:
„Mit eindrucksvoller Gebärde machte Basilius seine Glaubensüberzeugung geltend. Er scheute sich nicht, in seinem Kampf gegen den Arianismus auch dem Kaiser Valens entgegenzutreten. Als der byzantinische Herrscher durch Modestus ihm Gütereinziehung, Verbannung, Marter und Tod androhte, ließ sich Basilius nicht einschüchtern und gab dem kaiserlichen Präfekten die mutige Antwort: ,Sonst nichts? Von all diesem trifft mich nicht eines. Wer nichts besitzt, dessen Güter können nicht eingezogen werden; du erhieltest nur meine zerlumpten und abgetragenen Kleider und meine wenigen Bücher, worin mein ganzer Reichtum besteht. Verbannung kenne ich nicht, denn ich bin überall auf Gottes weiter Erde zu Hause. Marter kann mir nichts antun, da mein Leib ohnehin hinfällig ist. Der Tod aber ist mir willkommen, denn er bringt mich schneller zu Gott. Auch bin ich größtenteils schon gestorben und eile seit langem zum Grabe.‘ Die christliche Unerschrockenheit, mit der Basilius keinen Schritt zurückwich, machte auf Modestus sichtbaren Eindruck, der betroffen vor sich hinmurmelte: ,Noch niemand hat es gewagt, mit mir in solchem Freimut zu sprechen.‘ Auf diese Bemerkung schloss Basilius die Auseinandersetzung mit den Worten ab: ,Dann hast du wohl noch nie einen Bischof gesehen!'“ (Walter Nigg, Vom Geheimnis der Mönche, Zürich und Stuttgart 1953, S.87f)
So gehörte es sich also seiner Meinung nach, wenn man es mit dem Glauben an Christus ernst nahm: Der Christ muss sich vor nichts fürchten, weil er die Güter der Welt losgelassen hat und von etwas anderem durchdrungen ist. Er ist erfüllt von Christus, von der Ewigkeit und der Auferstehung, und das gibt seinem Leben eine neue, kraftvolle Qualität. Das hat Basilius verkörpert, und er war nicht der Einzige. Es gibt viele Menschen, die bereit waren, ihr Leben für Christus zu lassen. Unzählige Märtyrer sind denselben Weg gegangen.
Sollen die nun unser Vorbild sein? Damit sind viele von Ihnen wahrscheinlich nicht ganz einverstanden, denn das hat ja etwas sehr Radikales und auch Unheimliches an sich. Hat das nicht auch etwas mit Selbstmord zu tun? Das fragen wir uns. Wer freiwillig in den Tod geht, ist vermutlich lebensmüde, dieser Gedanke drängt sich sofort auf. Noch schauriger sind die Selbstmordattentäter. Die sprengen sich freiwillig in die Luft, um vor allen Dingen andere umzubringen. Auch bei ihnen ist die Angst außer Kraft gesetzt. Und sie sind so mutig und unerschrocken, weil sie ebenfalls an das Paradies glauben. Es kann also gefährlich sein, in diese Richtung zu denken.
Doch selbst wenn es äußerlich eine Ähnlichkeit zwischen Selbstmördern und Märtyrern gibt, der innere Unterschied ist gewaltig. Denn Selbstmörder werden von negativen Kräften gesteuert, Verzweiflung oder Wahnsinn, Hass und Fanatismus. Düstere Mächte haben ihr Bewusstsein ergriffen und sie in Besitz genommen.
Wer dagegen unerschrocken dem Tod ins Auge sieht, weil er an Christus glaubt, der ist von Licht durchdrungen. So war es bei Basilius. Freude und Leichtigkeit regierten in seiner Seele. Natürlich wollte er das Leben, er warf es nicht einfach so weg. Aber er war befreit von der Angst, dass es ihm genommen werden konnte. Er ging seinen Weg erfüllt mit Hoffnung und Zuversicht und mit der Gewissheit, dass es noch mehr gibt, als diese Welt.
Und wer so glaubt, lebt wirklich, denn das Leben bekommt dadurch Sinn und Ziel. Die Frage nach dem Tod findet eine Antwort, weil das Diesseits nicht mehr alles ist, was wir kennen und worin wir aufgehen. Es ist vielmehr eingebettet in die ewige Macht und Gegenwart Christi.
Und diese Erfahrung ist ebenfalls ein Lebenserhaltungstrieb, der sogar noch stärker sein kann als die Todesangst, denn er macht uns frei. Das Dasein wird dadurch reich und schön. Lassen Sie uns deshalb darauf vertrauen, dass Jesus lebt.
Amen.

 

Werden und Vergehen

Predigt über Jesaja 54, 7- 10:
Verheißung einer neuen Gnadenzeit

4. Sonntag der Passionszeit, 30.3.2014, 9.30 und 11.00 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

 

Liebe Gemeinde.

Schleier von Forsythien-, Kirschen- und Pflaumenblüten verzaubern zur Zeit Gärten und Straßen. Es ist Frühling geworden, das lässt sich nicht mehr übersehen, und das ist schön. Deshalb reden auch alle darüber, wir teilen die Freude und das Staunen gerne miteinander. Denn es ist jedes Jahr eine Zeit, in der auch wir wieder aufblühen. Der Frühling steckt an, und viele finden, dass er die schönste Jahreszeit ist: Narzissen, Tulpen und Hyazinthen, der Gesang der Vögel, die Wärme und die Helligkeit, alles weckt unsere Lebensgeister.

Denn der Winter ist lang und wird gegen Ende zunehmend schwerer zu ertragen. „Winter ade, scheiden tut weh, aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht.“ So heißt deshalb auch ein Kinderlied.

Und obwohl das jedes Jahr dasselbe Schauspiel ist, wird es nicht langweilig. Im Gegenteil, dieser Wechsel der Jahreszeiten gibt unserem Leben Schwung. In ihm ereignet sich Werden und Vergehen, das als Prinzip die ganze Schöpfung durchzieht: Abend und Morgen, Saat und Ernte, Geburt und Tod, überall ereignet sich dieser Rhythmus. Freude und Trauer lösen sich ab, wir werden krank und wieder gesund, atmen ein und aus.

Auch im Glauben spielt dieser immerwährende Wechsel eine Rolle. Das kommt in unserem Predigttext von heute zum Ausdruck. Er steht bei dem Propheten Jesaja im 54. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Jesaja 54, 7- 10

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Das sind Worte, die der Prophet Jesaja im Exil gesprochen und aufgeschrieben hat. Es war also gerade eine dunkle Zeit für das Volk Israel, eine Zeit des Leids und der Klage. Denn die Israeliten befanden sich unter fremder Herrschaft, weit weg von der Heimat. Verlassenheit und Trostlosigkeit beherrschten ihr Lebensgefühl. Es war für sie eine Zeit des Vergehens und nicht des Werdens.

Diese Erfahrung steht hinter den Worten „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, und ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen.“ So fühlten sich die Israeliten: Gott hatte seine Augen vor ihnen verschlossen, sich abgewendet, seine Hilfe verweigert und seine dunkle Seite gezeigt. Er hat geschwiegen, und die Schatten des Todes waren aufgetaucht. Die heile Welt war untergegangen, denn Gott war zornig gewesen. Er war verletzt und wütend, weil auch die Israeliten sich von ihm abgewendet hatten. Das kommt hier zum Ausdruck.

Doch das wird wieder anders, sagt der Prophet. Für ihn war es ganz klar, dass die Dunkelheit vergeht, das Licht zurückkommt und es wieder hell wird. Gott wird alles zum Guten wenden, das ist seine Botschaft. „Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln“ und „mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“ Diese Aussagen schließen sich gleich an die düstere Klage an. Der Prophet will also nicht in erster Linie von der Abwesenheit Gottes reden. Er erwähnt sie nur, um dagegen umso deutlicher sein Erbarmen aufleuchten zu lassen. Er will Freude und Hoffnung verbreiten. Die Menschen sollen begreifen, dass Gott kommt und sie befreit.

Denn so war es auch zur Zeit Noahs. Gott hatte die Sintflut geschickt, aber er hat sie wieder versiegen lassen und dann einen ewigen Friedensbund mit Noah geschlossen. Der gilt, auch wenn es einmal Zeiten gibt, in denen die Menschen ihn nicht erleben.

Der Prophet schließt deshalb, indem er noch einmal den Treuebund Gottes erwähnt. Und er veranschaulicht seine Beständigkeit mit einem Bild aus der Natur: Er nennt die Berge und Hügel, die scheinen, als wären sie für alle Ewigkeit fest gegründet. Aber sie können durchaus weichen. Durch fließende Wasser und stetige Winde können sie langsam und unmerklich abgetragen oder durch das Beben der Erde in ihrem Grund erschüttert werden. Der Treuebund Gottes dagegen wankt und weicht nicht.

Das ist der Trost, den der Prophet dem Volk zuspricht. Darauf sollen sie sich verlassen und vertrauen. Sie dürfen mit der Hoffnung leben, dass sie in der Dunkelheit der Schuld und des Todes nicht vergehen werden. Im Vergleich zur ewigen Gnade Gottes ist sie so kurz wie ein Augenblick, flüchtig und vorübergehend. Das Erbarmen und die Treue Gottes dagegen bleiben in Ewigkeit. Das bevorstehende Heil ist für den Propheten völlig gewiss. Und von dieser Gewissheit aus setzt er sich über alle Nöte und Sorgen hinweg. Die nahe Zeit ewiger Verbundenheit lässt alles andere als gering erscheinen.

Das ist hier die Botschaft, und als Christen erkennen wir darin schon einen Teil des Evangeliums. Denn wir glauben, dass Gott diesen neuen Bund durch Jesus Christus aufgerichtet hat. Und zwar hat er es getan, indem er Jesus genau denselben Weg gehen ließ, den alles Leben geht: Auch er war dem Tod unterworfen, er musste sterben und hat die Gottesferne am eigenen Leib erfahren. Doch das dauerte nur einen kurzer Augenblick im Vergleich zu dem, was dann kam: Er ist auferstanden und lebt in Ewigkeit. Nun sitzt er zur Rechten Gottes und schenkt jedem, der an ihn glaubt, immerwährendes Erbarmen und Gnade. Die Verheißung des Propheten hat sich in ihm erfüllt. Es gibt das Heil, und wir finden es im Glauben an Jesus Christus. Das ist die frohe Botschaft, die in solchen Vorhersagen wie die des Propheten bereits ihre Wurzeln hat.

Aber gefällt es uns eigentlich, wie Jesaja hier von Gott redet? Und akzeptieren wir den Weg, den Jesus gehen musste? Auch wenn es alles am Ende gut ausgegangen ist, ein Schatten bleibt, und ein Widerspruch scheint auch da zu sein: Wie kann Gott gleichzeitig derjenige sein, der uns seine ewige Treue verspricht, uns dann aber doch gelegentlich verlässt? Was soll die Botschaft von der großen Barmherzigkeit, wenn Gott sich immer mal wieder abwendet? Wird seine Zusage dadurch nicht unglaubwürdig? Und wie konnte er seinen eigenen Sohn in den Tod schicken? Wollen wir an so einen Gott wirklich glauben?

Das passt nicht zu unseren Vorstellungen von einem guten und gnädigen Gott. Wir sehnen uns nach etwas ganz anderem. Wir wünschen uns, dass das Leid endlich einmal ganz aufhört, dass Ruhe einkehrt, dass es hell und warm bleibt, Heil und Freude nie wieder enden. Dafür soll Gott sorgen, und zwar ununterbrochen, ohne sich gelegentlich zu verbergen. Die Aussagen des Propheten haben deshalb etwas Ärgerliches und auch Widersprüchliches. So einfach wollen wir das nicht akzeptieren.

Doch bevor wir den Text deshalb ablehnen, sollten wir fragen, was vielleicht dahinter steckt. Denn eigentlich bleibt der Prophet nur realistisch und nüchtern. Er geht davon aus, dass Gott den Rhythmus der Natur und des Lebens nicht aufhebt. Gott handelt vielmehr innerhalb des Prinzips von Werden und Vergehen, von Leid und Freude. Und er erwartet, dass wir das annehmen und uns darauf einstellen. Gott will, dass wir Geburt und Tod bejahen, mit dem Wechsel von Licht und Dunkelheit leben. Denn so hat er es eingerichtet, und so wird es bleiben, solange wir auf der Erde sind. Es entspricht seinem Willen. Das ist das Eine, was uns hier gesagt wird.

Als Zweites wird uns durchaus ein Widerspruch zugemutet, denn obwohl seine Gnade ewig ist, gibt es Zeiten, in denen wir sie nicht erleben. Das ist eine menschliche Erfahrung, die wir immer wieder machen, und Gott verschont uns davor nicht. Trotzdem zieht er seine Gnade nicht zurück. Beides bleibt nebeneinander bestehen. Wenn Gott sein „Angesicht für eine Weile verbirgt“, ist er ja immer noch da. Wir erfahren das bloß vorübergehend nicht. In solchen Zeiten gilt es dann umso mehr, weiter an ihn zu glauben, trotz der Dunkelheit zu hoffen und zu beten.

Denn als drittes gilt, dass Gott unverfügbar bleibt. Wir können ihm nicht vorschreiben, wie er handeln soll, und wir kommen auch nie ganz dahinter, wer er ist. Er behält ein Geheimnis, und der Sinn seines Handelns bleibt uns manchmal verborgen. Wir können uns ihm nicht mit unserem Verstand nähern und ihn schon gar nicht unserem Denken unterwerfen. Wir müssen uns vielmehr seiner Macht unterstellen und manchmal gegen unsre Vernunft auf ihn vertrauen.

Jesus hat das auch getan, und zwar im Garten Gethsemane. Einen Tag vor seiner Hinrichtung hat er dort gebetet und mit seinem Schicksal gerungen. Er fühlte sich von Gott verlassen und wollte, dass „der Kelch‘“, den er austrinken sollte, an ihm vorübergehe. Trotzdem war er gehorsam, denn er wusste, dass Gott ihn nicht verschonen würde. Jesus hat sich gebeugt und in den Willen Gottes eingewilligt. Er hat in der Dunkelheit darauf vertraut, dass Gott ihn irgendwie retten würde. Und damit hat er seine Auferstehung im Geist bereits vollzogen. In Gethsemane ereignete sich schon die Überwindung, die dann nach seinem Tod Wirklichkeit wurde.

Wenn wir selber die ewige Gnade Gottes und die Kraft der Auferstehung erleben wollen, ist es deshalb gut, wenn wir Jesus im Geist nach Gethsemane begleiten und uns mit ihm auf das Sterben und Auferstehen einlassen.

Dazu gehört es, dass wir uns den Rhythmus in der Natur bewusst machen und ihn in unserem eigenen Leben wahrnehmen. Am nächsten ereignet er sich in unserem Atem. Auch Einatmen und Ausatmen spiegeln das Prinzip des Lebens wieder. Wir können uns deshalb einmal darauf konzentrieren. Nicht umsonst spielt das in so vielen Entspannungstechniken, im Yoga und in der Meditation eine Rolle. Wir schwingen damit in den Rhythmus des Lebens ein. Wir ignorieren ihn nicht und wehren uns auch nicht dagegen. Wir erleben ihn vielmehr und sagen ja dazu.

Auch in der christlichen Tradition gibt es dazu eine Praxis. Es ist das sogenannte Herzensgebet, das in der Ostkirche, in griechischen und russischen Klöstern entstanden ist. Dabei wird ein Gebetssatz mit dem Atem verbunden und immer wiederholt. Traditionell ist es der Satz: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Beim Einatmen wird der Name Jesu angerufen, beim Ausatmen erfolgt die Bitte um Erbarmen. Und das geschieht, bevor die Erfahrung der Nähe Gottes da ist, ganz unabhängig davon, ob „er sein Angesicht dem Beter zuwendet“ oder nicht. Das Gebet wird von dem Glauben getragen, dass Gott trotzdem da ist. Seine Gegenwart liegt jenseits von Licht und Dunkel, sie durchdringt das Auf und Ab, denn sie ist die verborgene Wirklichkeit hinter allem Wechsel. Wir können sie erleben, wenn wir einfach darauf vertrauen, Ein- und Ausatmen bejahen, Leid und Freude nicht verdrängen, Saat und Ernte gleicherweise anerkennen. Irgendwann merken wir dann, dass es die ewige Gnade Gottes doch gibt. Wir spüren sein Erbarmen und seine Liebe. Und wenn das geschieht, werden wir ruhig und gelassen. Wir fühlen uns getragen und geborgen.

Und diese Ruhe wird auch durch den Tod nicht aufgehoben. Wir halten ihn ja normalerweise für das Schlimmste, was geschehen kann, für die ultimative Katastrophe, die es auf jeden Fall zu vermeiden gilt. Dabei wissen wir genau, dass das nicht geht, dass er zu jedem und jeder von uns irgendwann kommt. Wir verdrängen das bloß am liebsten und haben auch Angst davor.

Doch diese Angst kann uns genommen werden. Selbst der Tod muss uns nicht mehr schrecken. Er dauert vielmehr nur „einen kleinen Augenblick“ im Vergleich zu der ewigen Herrlichkeit, die uns geschenkt wird. Zum Werden und Vergehen gehören auch Geburt und Tod, und als Christen sind wir eingeladen, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Erst danach kehrt ewige Freude ein, denn wir werden für immer eingehüllt in das Erbarmen Christi und haben Anteil an seiner Auferstehung.

Daran werden wir heute, am vierten Sonntag der Passionszeit bereits erinnert. „Wegen des freudigen Charakters dieses Tages kann das Violett deshalb zum Rosa aufgehellt werden.“ So lautet die Anweisung im Festtagskalender für die liturgische Farbe dieses Sonntags. Eigentlich ist sieben Wochen lang das dunkle Lila vorgesehen. Wir sehen es am Altar, an der Kanzel und am Lesepult. Ich kenne auch keine Gemeinde, die ein rosa Parament hat. Aber wir können uns die hellere Farbe ja vorstellen. Sie macht deutlich, dass nach jedem Winter ein Frühling folgt, Freude und Leid sich ablösen, und dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Amen.

 

 

Eine Richtschnur für das Leben

Predigt über Jakobus 1, 12- 18:
Sinn und Ursprung der Versuchung

1. Sonntag der Passionszeit, Invokavit, 9.3.2014, 11.00 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Ein Schiffbrüchiger treibt in einem kleinen Boot auf dem Meer umher. Das ist ein spannendes Thema für das Kino. Der neueste Film mit diesem Inhalt trägt den Titel „All is lost“. Der Hauptdarsteller ist Robert Redford. Er spielt einen Mann, dessen Schiff gesunken ist, und der nun auf seinem kleinen Ret-tungsboot unermüdlich mit den Elementen kämpft – um sein Überleben. Geredet wird in dem Film nicht, es ist ein stummer Kampf, denn Selbstgespräche führt der Schiffbrüchige nicht. Er gibt auch nicht auf, obwohl die Situation manchmal danach ist, denn er ist dem Meer, dem Wind, dem Wetter und der Hilflosigkeit schutzlos ausgeliefert. Der Film wühlt die Emotionen auf, denn so etwas macht Angst. Die Verlorenheit des Schiffbrüchigen nimmt einen mit. Es wird auch deutlich, wie nichtig unser Dasein ist, und wie schnell alles seinen Sinn verliert, was wir sonst so tun.
Und diese starken Gefühle entstehen wahrscheinlich deshalb, weil wir all das erfahren können, auch ohne echten Schiffbruch zu erleiden. Das Leben ist manchmal so: Wir treiben umher, uns fehlt die Orientierung, alles und jeder scheint gegen uns gerichtet zu sein, wir kämpfen nur noch ums Überleben und haben Angst.
Was gibt uns in solchen Zeiten Sinn und Ziel? Wer weist uns die Richtung? Woher bekommen wir unseren Willen und die nötige Kraft? Was ist richtig und was falsch?
Diese Fragen stehen hinter unserem Predigttext von heute. Es ist ein Abschnitt aus dem Brief des Jakobus. Insgesamt geht es in diesem Brief um das richtige Handeln. Er beschreibt die Verantwortung des Christen, das Ziel des Glaubens und den Weg dorthin. Jakobus will uns helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, durchzuhalten und uns nicht einfach nur treiben zu lassen.
Unser Text steht im ersten Kapitel und lautet folgendermaßen:

Jakobus 1, 12- 18
12 Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott ver-sucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bö-sen, und er selbst versucht niemand.
14 Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eige-nen Begierden gereizt und gelockt.
15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
16 Irrt euch nicht, meine lieben Brüder.
17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Verän-derung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.
18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.
Wenn wir das hören, müssen wir zunächst wissen, an wen der Brief sich wendet. Es ist nämlich nicht mehr die erste Generation von Christen. Die Gemeinden, an die er geschrieben wurde, gehören vielmehr in die sogenannte nachapostolische Zeit. Sie hatten sich bereits in dieser Welt eingerichtet. Die anfängliche Aufbruchsstimmung, die die Apostel noch erlebt und ausgelöst hatten, war dem Alltag gewichen mit seinen kleinen und großen Belastungen.
Außerdem waren die Christen nicht besonders gut von der Außenwelt geachtet. Sie wurden vielerorts und oft angefeindet und bedrängt.
Es gab deshalb die Versuchung, sich der Welt anzupassen, die Lehre der Apostel zu vernachlässigen und die Radikalität der christlichen Forderungen abzumildern. Man nahm es mit der Konsequenz eines Handelns und Lebens nach dem Evangelium nicht mehr so genau. Es fehlte manchmal der Ernst bei der Sache. Und dagegen wendet sich der Brief. Er will die Leser aufrütteln, sie korrigieren und zum Gehorsam auffordern.
Das wird gleich an dem ersten Vers deutlich, der zu unserem Text gehört: Es ist eine Seligpreisung, die daran erinnert, dass der Christ einen inneren Kampf zu führen hat: Wer Gott aufrichtig liebt, der hält ihm auch in der Anfechtung die Treue. Dabei hatten diejenigen, die das nicht mehr taten, sich offensichtlich eine Ausrede zurechtgelegt: Sie behaupteten, dass die Versuchung ja von Gott kommt. Er steckt dahinter, wenn sie angefeindet werden und es unbequem wird, an ihn zu glauben. Was sollen sie also tun? „Dagegen kommt man doch nicht an.“ Das waren wohl ihre Ausflüchte.
Denn solche Gedanken widerlegt Jakobus. Für ihn ist ganz klar, dass hinter dem Bösen niemals Gott steckt. Der Mensch kann sich also nicht entschuldigen. Sünde ist Schuld, nicht Schicksal oder Tragik.
Und dann legt er in einer Argumentationskette dar, wie wichtig es ist, bereits den Anfängen der Sünde zu widerstehen. Der Ursprung liegt nämlich nicht außerhalb des Menschen, sondern in ihm: Es ist die Begierde. Wenn der Mensch der nachgibt, öffnet er sozusagen dem Bösen und der Sünde eine Tür. Sie kommt in ihn hinein und ergreift von ihm Besitz. Und das hat den sicheren Tod zur Folge. Die Sünde vernichtet das Leben, Rettung und Heil sind vertan.
Und dann erinnert Jakobus seine Leser an etwas, was sie bereits wissen: Das von Gott nur Gutes kommt, und zwar „von oben herab“. Denn er ist der „Vater des Lichts“, wörtlich „der Lichter“, d.h. der Sterne, und damit unwandelbar. Während die Gestirne ihr Licht wechseln und sich durch ihre unterschiedliche Stellung verfinstern können, ist der Vater solchen Veränderungen nicht unterworfen. Seine Güte ist konstant und beständig. Er will das Heil, und er hat es durch Jesus Christus gesandt.
Unser Text endet dann mit der Vorstellung, dass durch Jesus Christus Gottes schöpferisches Handeln noch einmal wirksam wird: Aus alten Menschen werden neue „geboren“. Wer an Jesus Christus glaubt, ist deshalb ein „Erstling seiner Geschöpfe“, d.h. er ist ein göttliches Zeichen der neuen Schöpfung, die alles umgreift.
Und das sollen die Christen nicht verwirken, dem gemäß sollen sie leben und ihrer Bestimmung gerecht werden.
Wir werden hier also in die Verantwortung gerufen: Als Christen sind wir zwar gerettet und frei, aber wir können uns von dieser Bestimmung auch entfernen. Wir müssen uns immer wieder entscheiden, welchen Einflüssen wir uns öffnen, welchen Impulsen wir folgen. Jeder und jede trägt nach wie vor Begierden und dunkle Triebe in sich, die uns zur Sünde verleiten können. Deshalb ist es wichtig, dass wir unser Leben aktiv gestalten, das Gute tun und nicht einfach dem Lustprinzip folgen und der Bequemlichkeit nachgeben.
Doch worin besteht das Gute nun? In unserem Text wird ja nichts Konkretes genannt. Wir müssen uns also Gedanken darüber machen.
Und da liegt es nahe, zunächst einmal an die zehn Gebote zu erinnern. Sie geben vor, wie wir leben sollen, sie sind eine gute Richtschnur. An ihnen orientiert sich auch unser Gesetz, das wir natürlich einhalten müssen. Dazu kommen Anstand und Höflichkeit, Rücksicht und Nächstenliebe. Außerdem will Gott nicht, dass wir Leben zerstören, weder unser eigenes noch das der anderen. Er will das Heil und die Freude, Glück und Frieden. Gott will „das Gute“.
Aber reichen diese Maßgaben? Ist das Leben manchmal nicht doch etwas komplizierter? Wenn wir z.B. genauer bei den zehn Geboten nachfragen, ergeben sich viel ethische Probleme. „Ehre Vater und Mutter“ heißt es im vierten Gebot. Aber was soll ein Kind tun, das von seinen Eltern Gewalt erlebt oder sogar missbraucht wird? Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten“. Bezieht sich das auch auf den Krieg, oder wenn ein Mensch unheilbar krank ist, nur noch leidet und selber gerne sterben möchte? „Du sollst nicht Ehe brechen“. Gilt das auch, wenn die Ehe, in der ich lebe, bereits so gut wie tot ist und die Partner sich völlig auseinander gelebt haben? Und so kann man weiter fragen.
Auch die Sache mit dem Heil ist keine eindeutige Richtschnur, denn es gibt oft Situationen, in denen ich meine, es zu finden. Im Nachhinein stellt sich dann aber heraus, dass ich verführt wurde, entweder durch meine eigenen Begierden oder durch andere Menschen. Im Nationalsozialismus war das z.B. der Fall. Ich kannte einen alten Mann, der war in seiner Familie der jüngste Sohn. Er hat mir erzählt, dass er deshalb während des zweiten Weltkrieges vom Militärdienst befreit wurde. Sein Vater hatte darum gebeten, denn die beiden älteren Söhne waren bereits im Krieg, und er wollte den Jüngsten nicht auch noch verlieren. Diesem Wunsch wurde von der entscheidenden Stelle entsprochen. Aber der Betroffene selber wollte nicht als feige dastehen und sah es als eine Pflicht an, an die Front zu gehen. Er hatte anständige Motive und dachte, er würde richtig handeln. Erst viel später hat er erkannt, dass diese Entscheidung falsch war, und er hat sie bitter bereut.
Diese Reihe ließe sich unendlich lange fortsetzen. Es ist nie eindeutig und sicher, worin wirklich das Gute liegt. Das merkt man auch an der Vielzahl der Möglichkeiten, jetzt in der Fastenzeit auf etwas zu verzichten. Wir machen uns darüber Gedanken, was wir eventuell in unserem Leben ändern müssen, und da kommt bei jedem und jeder von uns etwas anderes heraus.
Es gibt also keine klare Richtschnur für unser Leben. Wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, geraten wir ins schwimmen, und es kann das Gefühl entstehen, wie Schiffbrüchige auf dem weiten Meer umherzutreiben. Und das geschieht auch immer mal wieder in unserem Leben. Wir treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen. Wir kämpfen an der falschen Stelle, setzen uns für trügerische Ziele ein und gehen in die Irre. Und davor kann uns auch niemand bewahren.
Was sollen wir also tun? Gibt es darauf eine Antwort und eine Lösung für unser Problem? Ich denke ja, und sie kommt auch in unserem Text vor. Es ist der der schöne Satz:
„Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.“
Hier wird eine ganz andere Ebene der Wirklichkeit benannt, und zwar mit den unscheinbaren Worten „von oben herab“. Es gibt etwas, das kommt auf uns herunter, aus einer vertikalen Richtung. Und das ist entscheidend. Darauf achten wir normaler Weise nämlich nicht, weil unser Leben sich hauptsächlich in der Horizontalen abspielt: Wir suchen die Antworten auf unsere Fragen in dieser Welt. Der Maßstab für unser Handeln ergibt sich durch Abwägen und Vergleichen. Wir berechnen die Folgen und fragen nach persönlichen Vorteilen. Wir schauen um uns herum. Das ist zwar nötig und auch nicht verkehrt, aber trotzdem ist genau das der Grund für unsere Unsicherheit. Denn oft sehen wir nicht klar. Uns fehlt der Durchblick, es gibt keine gültigen Wegweiser und keinen hinreichenden Kompass.
Den finden wir nur, wenn wir in eine ganz andere Richtung schauen, und zwar nach oben, zu Gott. Er sendet Licht in un-ser Leben, denn er ist nicht von dieser Welt. Er allein ist unwandelbar und ewig. Bei ihm gibt es keine Veränderung, Licht und Finsternis wechseln sich nicht ab, er ist immer da und schenkt uns das Gute.
In Zeiten der Unsicherheit müssen wir deshalb aufhören, uns zu fragen, was denn nun richtig ist, und stattdessen erst einmal still werden und zu Gott aufschauen. Dann geschieht etwas, was uns rettet: Wir empfangen von ihm die „gute und vollkommene Gabe“.
Sie ist uns in Jesus Christus erschienen. In ihm liegt das Heil, von dem Jakobus spricht. Denn er liebt uns und nimmt unser Leben in seine Hand. Es geht also darum, dass wir ihm vertrauen und uns an ihn halten. Bevor wir selber handeln, ist es notwendig, dass wir uns ihm hingeben. Wenn wir das Gute tun wollen, müssen wir uns selber loslassen und seine Liebe geschehen lassen. Wir müssen darauf vertrauen, dass er uns lenkt und uns den richtigen Weg zeigt.
Das ist der Kampf, den wir hauptsächlich zu führen haben. Es ist durchaus ein Kampf gegen unsere Begierden, denn wir folgen nicht unseren Trieben, sondern dem Evangelium. Wir lassen uns nicht verführen oder verwirren, weder von uns selber noch von anderen Menschen, sondern halten unseren Blick fest auf Jesus Christus gerichtet.
Und das rettet uns, denn wenn wir das tun, ergibt sich alles andere wie von selber. Wir erleben einen tiefen Sinn in unserem Leben und haben immer ein Ziel vor Augen. Wir kennen die Richtung und bekommen die nötige Kraft. Auch mit dem Willen, das Gute zu tun, werden wir ausgerüstet. Und für das, was richtig und falsch ist, entwickeln wir ein Gespür, denn wir lernen an der Hand Jesu und in seinem Licht, die Geister zu unterscheiden. Wir werden frei von Illusionen und kommen immer wieder auf den Boden der Realität.
Wenn wir an Jesus Christus glauben und ihm gehören, lenkt er unser Lebensschiff sicher durch das „Meer der Zeit“. Der Blick auf ihn ist wie ein Blick in den Sternenhimmel bei der Schifffahrt. Wir treiben nicht mehr umher und haben auch keine Angst vor dem Untergang. Denn die Orientierung ist da und alles, was geschieht, kann uns zum Besten dienen.
Amen.