Haltet zusammen!

Predigt über Römer 12, 1- 8: Ein Leib, viele Glieder

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichte, die ich einmal in meiner Schulzeit gehört habe, jedenfalls an ihre Pointe, an die „Moral der Geschichte“. Unser Französischlehrer hat sie uns vorgestellt. Wir haben sie auf Französisch gelesen und dann darüber gesprochen. Sie ging ungefähr so:

Ein Vater hatte drei Söhne, und bevor er starb, wollte er ihnen mitgeben, worauf es im Leben ankommt. So versammelte er sie eines Tages um sich und zeigte ihnen ein Bündel von Zweigen. Sie sollten es mit bloßen Armen durchbrechen. Der erste versuchte es und scheiterte. Es war zu dick, um es zu zerstören. Dann probierte es der Zweite, aber auch ihm gelang es nicht, und genauso erging es dem Dritten. Da zeigte der Vater ihnen, was zu tun ist: Er nahm das Bündel auseinander und zerbrach jeden Zweig einzeln. Und dann sagte er: „Seht ihr? Solange die Zweige zusammengebunden waren, konnte man sie nicht zerbrechen, das ging erst, als ich sie getrennt habe. Merkt euch also: Einheit macht stark.“ Ich habe sogar den französischen Satz behalten, obwohl ich sonst von der Sprache nicht mehr viel weiß. Aber er ist ein geflügeltes Wort und lautet: „L’unité fait la force.“

Viele Gruppen haben sich diese Parole zu eigen gemacht, und auch in der Bibel finden wir dazu etliche Beispiele.

So beschreibt Paulus diese Weisheit an zwei Stellen in seinen Briefen mit einem Bild. Eine davon finden wir im Römerbrief, Kapitel 12. Da veranschaulicht er die Einheit von Vielen mit dem Beispiel von den verschiedenen Gliedern an einem Leib. Der Abschnitt – es sind die Verse eins bis acht – ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Römer 12, 1- 8

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,
6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.
7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.
8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“

Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Es ist ihm wichtig, dass der richtige Gottesdienst nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt bleibt, sondern in den Alltag und das Verhalten hineinwirkt. So beschreibt er, wie Christus das Leben prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.

Und er sagt als erstes etwas Grundsätzliches, nämlich dass alle zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Keiner und keine soll sich über die anderen erheben und die eigene Denk- und Lebensweise durchsetzen. Es gilt vielmehr, die Gaben, die wir haben, Jesus Christus und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und sie dem Dienst am Evangelium unterzuordnen. „Niemand halte mehr von sich, als sich’s gebührt zu halten, sondern er halte maßvoll von sich, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“

So formuliert Paulus das, und dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. D.h. niemand soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, die die Gemeinschaft der Glaubenden und den Zusammenhalt sprengen würden. Geboten ist vielmehr die Übung der Besonnenheit und das Maß halten. Denn die einzelnen Gemeindeglieder sind ein Leib, die Vielen sind daran nur die Glieder, und keins kann ohne das andere existieren. 

Und das ist eine gute Botschaft, die auch wir uns zu Herzen nehmen sollten. Denn wir tendieren oft zum gegenteiligen Verhalten. Das ist besonders jetzt die Gefahr, wo wir eindringlich dazu aufgefordert sind, Abstand zueinander zu halten und die Kontakte zu reduzieren. Das kann leicht zur Vereinzelung führen. Wir ziehen uns in unsere Privatsphäre zurück, isolieren uns von anderen, und unser Miteinander droht auseinander zu fallen. Viele hadern sicher auch mit den verordneten Maßnahmen und zweifeln an ihrer Wirksamkeit. Auflehnung oder Angst verdüstern die Stimmung und führen zu negativen Gefühlen. Und wenn das so ist, werden die Gesellschaft und die Einheit geschwächt. Wir werden anfälliger und sind leichter zu zerbrechen.

Doch das muss nicht eintreten, und es ist auch wichtig, dass wir die negativen Gedanken vertreiben. Das haben unsere Politikerinnen auch erkannt, und sie betonen deshalb, dass alles, was sie verordnen, genau dem Gegenteil dienen soll, dass es letztlich um ein Zusammenhalten geht: Nur durch die gemeinsame Anstrengung kann es uns gelingen, das Virus, das unser Leben bedroht, zu besiegen. Das hören wir immer wieder, fast gebetsmühlenartig. Aber es ist auch wahr, denn wir stehen vor einer ganz besonderen Herausforderung, einer heimtückischen Gefahr. Sie führt uns in den verzwickten Widerspruch, durch das Meiden von Kontakten und den körperlichen Abstand zueinander gemeinsam stark zu werden und zur Einheit zu kommen.

Das ist – zugegeben – eine mentale Kurve, ein ungewohnter Gedankengang, den wir so noch nicht kennen. Und das Verhalten, das daraus folgt, bleibt widersprüchlich. Aber es lohnt sich, wenn wir mitmachen, auch wenn wir uns dabei etwas verbiegen müssen. Es ist nicht ganz einfach, diese Kurve in unserem Denken kriegen. Aber wir sollten es versuchen, denn das verhilft uns dazu, dass wir die Dinge nicht nur negativ sehen und die Maßnahmen nicht ablehnen.

Äußerlich tun wir dabei zwar weniger als sonst, treffen uns nicht so oft, gehen nicht mehr aus, kaufen nur noch das Nötigste usw., aber innerlich tun wir gleichzeitig viel mehr. Das merken wir daran, dass es anstrengend ist, wir brauchen eine Menge an emotionaler Energie. Und daran wird deutlich, dass es um einen gemeinsamen Kraftakt geht, dass wir alle an einer Sache arbeiten. Wir ordnen uns unter, „denken mit“ und versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Wir tun genau das, was Paulus uns vorschlägt. Lasst es uns jedenfalls so sehen, denn dann gelingt es uns besser, wirklich mitzumachen.

Ein weiterer hilfreicher Gedanke ist der, dass die Krise die ganze Menschheit betrifft. Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben: Aus allen Ländern der Welt sieht man die gleichen Bilder, hört identische Nachrichten, erfährt von denselben Problemen. Es ist also eine globale Anstrengung, und wenn sie zum Erfolg führt, kann die Menschheit stolz sein. Dann werden wir etwas gelernt haben, nämlich dass „Einheit stark macht“: Wenn wir uns „zusammenbinden“, kann uns tatsächlich niemand mehr zerbrechen.

Und als Christen hilft uns schließlich noch etwas, diese Herausforderung anzunehmen. Denn dazu, miteinander übereinzustimmen, sind wir als Gemeindeglieder sowieso aufgerufen und befähigt. Paulus erinnert seine Leser und Leserinnen bewusst an „die Barmherzigkeit Gottes“ und verweist uns auf Jesus Christus. Entscheidend ist der Satz: „So sind wir viele ein Leib in Christus.“ Und das heißt, wir werden durch ihn und um seinetwillen befähigt, zusammenzuhalten. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unsere Auflehnung, als auch unsere Angst überwinden.

Unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht, und das macht uns in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sehen nicht mehr alles nur negativ, sondern von Christus her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv: Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinschaft werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das müssen wir uns bewusst machen, dann hören das Hadern und Zweifeln auf. Uns wird klar: Jeder und jede trägt zum Ganzen etwas bei. Wir alle werden zu „Strahlen, die aus einem Licht hervorbrechen. Unser Licht heißt Jesus Christus, und wir sind eins durch ihn.“ (EG 268,1)

Amen.

Ein Gedanke zu “Haltet zusammen!

  1. Was für eine kraftvolle Predigt, die uns zeigt, wie wichtig der Blick auf Jesus ist, um „nüchtern und realistisch“ in diesen Zeiten zusammen zu halten. Ohne das wir uns dafür anstrengen müssen, sondern wir werden befähigt. Das hat mir sehr gut getan!!Danke!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s