Christus spricht: „Meinen Frieden gebe ich euch“

Predigt über Johannes 14, 15- 19. 23b- 27: Die Verheißung des Heiligen Geistes

Pfingstsonntag, 9.6.2019, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Johannes 14, 15- 19. 23b- 27

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.
16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit:
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.
23b Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Liebe Gemeinde.

Der Theologiestudent Nils Straatmann hatte die trockene Theorie satt. Er wollte die Orte, an denen Jesus gewirkt hat, mit eigenen Augen sehen. Mit einem Schulfreund reiste er deshalb 2016 in den nahen Osten, um der Route des historischen Jesus zu folgen. Die beiden wanderten vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem bis zum Berg Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze. Sie wollten wissen, ob sie Jesus bei dieser Wanderung finden würden, 2000 Jahre später. Sie besuchten Handwerker in Nazareth, fuhren mit dem letzten Fischer auf den See Genezareth und feierten mit Drusen am Lagerfeuer.

Doch es blieb keine Reise in die Vergangenheit, im Gegenteil, das Unternehmen wurde zu einem aufrüttelnden Roadtrip, bei dem sie immer wieder auf Mauern, Panzer und bewaffnete Soldaten stießen. Und obwohl sie bei den Menschen, die sie trafen, ebenso viel Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Weisheit erfahren haben, fanden sie Jesus auf ihrer Wanderung nicht. Das Fazit war vielmehr: „Eine Figur wir er wäre heute nicht mehr möglich!“ Das ist einer der letzten Sätze in dem Buch, das Nils Straatmann über diese Reise geschrieben hat. (Nils Straatmann, Auf Jesu Spuren, eine Reise durch Israel und Palästina, München 2017

Doch das hat ihn nicht entmutigt, er kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass „wir alle gute Menschen sind, solange wir es versuchen. Wer Frieden will, muss friedlich sein.“

Und genau das hätte auch Jesus sagen können, denn das hat er hinterlassen: Er hat uns die Möglichkeit und die Kraft geschenkt, in seinem Geist und im Frieden zu leben. In dem Evangelium von heute, das zugleich der Predigttext ist, heißt es am Ende: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“

Der Abschnitt ist ein Teil der sogenannten Abschiedsreden Jesu. (Johannes 13,1- 17,26) Er spricht hier mit seinen Jüngern und kündigt seinen Weggang an. Sie werden bald allein sein und sich auch als „Waisen“ fühlen. Das sagt er ihnen voraus, denn er weiß, dass das für sie nicht leicht sein wird. Sie hatten mit ihm endlich einmal erlebt, wie es ist, wenn Gott ganz nah ist. Jesus hatte ihnen Liebe und Barmherzigkeit gebracht. Er hat Menschen geheilt und viel Leid abgewendet. Sie hatten geglaubt, dass durch ihn nun endlich eine bessere Zeit anbrechen würde. Doch jetzt wird er sie bald wieder verlassen. Soll also alles bleiben wir vorher? Sollen sie weiter auf eine neue Welt, auf den Messias und den ewigen Frieden warten müssen?

Auf diese Frage geht Jesus hier ein und er sagt ganz eindeutig: Habt keine Angst, es hat sich etwas für euch geändert, selbst wenn ich jetzt weggehe. Denn ich werde euch jemanden schicken, der mich vertritt. Jesus nennt ihn den „Tröster“, man kann auch übersetzen „Fürsprecher“ oder „Beistand“. Er sagt: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“. Er wird diesen „Helfer“ also vom Vater erbeten und er verspricht ihnen, dass der immer bei ihnen bleiben wird. Es ist der „Geist der Wahrheit, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ So lauten die Worte Jesu. Die Jünger werden ihn also nicht vergessen und seine Lehre bewahren. Durch den Heiligen Geist ist sichergestellt, dass die Offenbarung Gottes weitergeht: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ So drückt Jesus das aus. Gott verbirgt sich nicht, sondern seine Kraft und Liebe werden lebendig bleiben, und zwar in denen, die Jesus kennen, ihn lieben und an ihn glauben.

Jesus sagt bewusst, dass „die Welt ihn nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“ Er bleibt der Welt also fremd. Nur die Jünger bekommen ihn geschenkt. „Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ Das ist seine Verheißung.

Jesus wird also an keinen Ort und an kein Land mehr gebunden sein und auch nicht an die Zeit, sondern an die, die an ihn glauben und auf sein Wort hören. Bei ihnen wird man ihn finden. Die Abläufe in der Welt verändern sich durch ihn nicht. Er sucht vielmehr den einzelnen Menschen. Und der muss sich persönlich an seinem Reich beteiligen. Er muss in den Dienst des Geistes treten, ihn suchen und erbitten und ihn auch in sich hinein lassen. Jesus sagt das mit den Worten: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.“ Und wo das geschieht, ist Jesus da, in dem Menschen, der sich zu im bekennt. Denn er und sein Vater „werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Das ist die Pfingstbotschaft, die auch an uns gerichtet ist, und das ist gut. Denn wir fragen uns sicher oft, wo Jesus denn heutzutage ist. Dabei ist der Theologiestudent Nils Straatmann nicht der Einzige, der ausprobiert hat, ob er ihn eventuell in seinem historischen Heimatland findet. Viele Christen pilgern dorthin, um die Stätten zu besuchen, an denen Jesus gelebt und gewirkt hat. Es herrscht dort deshalb auch ein reger Tourismus, der natürlich von den Einheimischen gefördert wird. Es gibt überall Souvenirs, die an Jesus erinnern, und an einer Stelle im Jordan kann man sich sogar noch einmal taufen lassen. Viele Pilger geraten dabei in Verzückung und sind zu Tränen gerührt. Angeblich erleben sie die Nähe Jesu.

Aber hat das wirklich etwas mit seinem Geist zu tun? Es wirkt eher wie eine spirituelle Dienstleistung, mit der Geld gemacht wird. Jesus hätte das möglicherweise sogar abgelehnt. Denn es ging ihm um etwas ganz anderes: Um die Liebe und um sein Wort. Und das hat sich nach seinem Abschied zum Glück über Landesgrenzen hinweg ausgebreitet und ist heute auf der ganzen Welt zu hören. Die Macht Jesu und seine Liebe sind universal, sie umspannen den ganzen Erdkreis. Wir können ihn also überall und zu jeder Zeit finden. Es gibt dazu das sehr schöne Lied in unserem Gesangbuch, das mit der Zeile beginnt „der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“. (EG 266) Es steht unter der Rubrik „Ökumene“. Dieses Wort bezeichnet ursprünglich die ganze „bewohnte Erde“, wird aber insbesondere für die „Gesamtheit der Christen“ gebraucht. (Duden) Alle Kirchen und Konfessionen gehören dazu. Das Christentum ist zu einer Weltreligion geworden. Und dadurch gibt es immer irgendeinen Menschen, der sich an Jesus erinnert und seinen Geist in sich trägt. In dem Lied heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: Und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht.“ (EG 266, 3.4) Das ist der erste Gedanke, der sich aus dem ergib, was Jesus seinen Jüngern verheißt, und was wir zu Pfingsten feiern.

Wenn wir wissen wollen, wo Jesus ist, dann müssen wir also eine ganz andere Reise unternehmen als nach Israel, und zwar die Reise nach innen. Und das heißt, wir müssen in uns hineinschauen und überprüfen, was da los ist. Welcher Geist erfüllt uns? Welche Gedanken bestimmen uns? Woran erinnern wir uns am liebsten? Oft sind wir ein Teil dieser Welt und halten uns an das, was wir in ihr finden. Das sind all die Dinge, die wir sehen und hören, was sich unseren Sinnen darbietet. Aber auch das, was wir planen und tun, gehört dazu, unsere Aktivitäten und Beziehungen. Mit all dem sind wir oft so beschäftigt, dass wir nicht mehr merken, dass es auch noch etwas ganz anderes gibt, nämlich die Gegenwart Christi und seinen Geist. Seine Verheißung fordert uns deshalb auf, uns immer wieder zu entscheiden, was uns erfüllen soll. Wir müssen selber Schritte tun, aufbrechen und gelegentlich die Blickrichtung ändern, weg von dem vielen, das uns umgibt und hin zu dem einen, der uns regiert und in uns wohnen möchte. Er hat uns seine Liebe und sein Wort gegeben, und es ist gut, wenn wir uns darauf einlassen. Oft bedeutet das, dass wir innerlich umkehren, aber es ist sehr verheißungsvoll. Denn wir werden zu etwas sehr Schönem eingeladen. Jesus spricht ja nicht umsonst vom „Tröster“, von einem „Beistand“ und „Fürsprecher“. Wir können ihn empfangen, und das tut gut, denn er erfüllt uns mit neuer Kraft und Zuversicht. Und die ist unabhängig von der Welt. Sie wird uns von Gott geschenkt, der nicht abwesend ist, sondern eigentlich immer darauf wartet, dass wir uns auf diese Weise für ihn öffnen. Das ist der zweite Gedanke.

Und als drittes kann sich dadurch etwas in der Welt verändern. Frieden wird möglich, denn den hat Jesus uns versprochen. Sein Geist ist vor allen Dingen ein Geist der Liebe und des Friedens. Wenn er in uns einzieht, werden wir fähig, von uns selber Abstand zu nehmen, loszulassen und aufeinander zuzugehen. Konflikte und Kriege entstehen ja immer dadurch, dass Menschen für das kämpfen, was sie für das Gute und Richtige halten. Sie wollen ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche durchsetzen, zur Not mit Gewalt. In dem Buch von Nils Straatmann wird das eigentlich am deutlichsten, denn diese Situation ist im Nahen Osten allgegenwärtig. Der Student hat bei seiner Reise sowohl Palästinenser als auch Juden getroffen, und alle haben ihm immer ihre Sicht der Dinge dargestellt. Jeder und jede fühlte sich im Recht und sah in den anderen das Problem. Keiner kam auf die Idee, die eigenen Gedanken einmal zu relativieren und sich in die Gegenseite hineinzuversetzen. Lieber leidet und wartet man auf bessere Zeiten, oder man kämpft und sichert sich ab.

Und so ist es fast immer zwischen Menschen, die in einem Konflikt miteinander leben. Das gibt es ja überall, auch in viel kleineren sozialen Zusammenhängen, wie in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft usw. Wir streiten uns oft, denn es ist schwer, von den eigenen Vorstellungen einmal abzulassen und die Dinge anders zu sehen, als wir es gewohnt sind. Das geht nicht so einfach, denn wir hängen viel zu sehr an unseren Ideen und Wünschen. Aus eigener Kraft schaffen wir das kaum.

Aber genau deshalb hat Jesus uns seinen Geist hinterlassen. Wenn wir ihn in uns hineinlassen, können wir von uns selber absehen, und umgekehrt: Um den Geist Jesu zu empfangen, müssen wir loslassen. Beides gehört zusammen. Und auch wenn das im ersten Moment wie ein Verzicht wirkt, so liegt darin eine ganz große Befreiung: Wir werden befreit zum Lieben und zum wahren Leben. Menschen finden zueinander, die sich vorher feind waren, Konflikte werden beigelegt, Streit wird beendet und Kriege hören auf.

Es lohnt sich deshalb, wenn wir  den Geist Jesu in uns wohnen lassen und friedlich werden. Und es ist gut, wenn wir ihn selber darum bitten, so wie das auch Georg Werner 1638 in seinem Pfingstlied „Freut euch, ihr Christen alle“ tut. (EG 129) Er sagt in der dritten Strophe:

„Verleih, dass wir dich lieben, o Gott von großer Huld, durch Sünd dich nicht betrüben, vergib uns unsre Schuld, führ uns auf ebner Bahn, hilf, dass wir dein Wort hören und tun nach deinen Lehren: das ist recht wohlgetan.“

Amen.

 

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