Lasst uns frei hinzutreten zum Thron Gottes

Predigt über Hebräer 4, 14- 16: Der Gnadenthron

1. Sonntag der Passionszeit, Invokavit, 10.3.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Hebräer 4, 14- 16

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unsrer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde.

Ein Thron war schon in der Antike das Symbol der Könige und Götter. Es ist ein Stuhl, oder besser gesagt ein Sessel, der meistens aufwendig gestaltet ist. Auf ihm nimmt der Herrscher oder die Herrscherin zu besonderen Anlässen Platz, z.B. bei Krönungszeremonien, bei der Rechtsprechung oder der Verkündigung von Gesetzen und Erlässen. Dem Thron wird deshalb immer eine unmittelbare Verbundenheit mit der königlichen Macht zugesprochen, er ist das symbolische Zentrum des Herrschaftsbereiches. Man kann sich ihm in der Regel nur mit einer besonderen Erlaubnis nähern, und wenn es geschieht, dann sind Ehrfurcht und Gehorsam geboten.

In Deutschland gibt es keinen König oder keine Kaiserin mehr, und damit auch keinen klassischen Thron, aber aus anderen Ländern kennen wir das durchaus. Außerdem ist uns das Bild aus der Geschichte oder der Kunst vor Augen.

In der Bibel gibt es den Thron ebenfalls. Der König Salomo baute z.B. einen, von dem es heißt, dass „dergleichen vorher nie gemacht worden war.“ Er bestand aus Elfenbein, das mit Gold überzogen war, und sechs Stufen führten zu ihm hinauf. So steht es im ersten Buch der Könige. (1. Könige 10,18-20)

Doch das ist nicht der einzige Thron, der in der Bibel erwähnt wird. Im Tempel von Jerusalem lag ganz hinten ein besonderer Raum, das Allerheiligste, das durch dichte Vorhänge vom übrigen Tempel abgetrennt war. Früher befand sich da die Bundeslade mit den Gesetzestafeln, später stellte man sich vor, dass dort der Thron Gottes stand. Der Raum durfte nur vom Hohenpriester betreten werden, wenn er am großen Versöhnungstag die Sühnehandlung für ganz Israel zu vollziehen hatte. Er empfing dort stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes. Natürlich wussten die Menschen, dass ein kleiner Raum wie das Allerheiligste im Tempel Gott nicht fassen kann, aber es war ein Sinnbild. Es versicherte den Menschen: Gott ist bei uns. Nur nähern durfte man sich ihm nicht. Nichts Unheiliges oder Unreines sollte Gott beleidigen. Gottes Herrlichkeit war zu furchtbar, zu groß, zu verzehrend, als dass ein normal Sterblicher sie aushalten würde. Das war der Glaube. Deshalb war das Allerheiligste von den normalen Menschen abgeschirmt, und nur der Hohepriester vertrat die Menschen dort vor Gott.

Das alles wusste der Schreiber des Hebräerbriefes und er war mit der Tempelpraxis offensichtlich vertraut. Denn er benutzt dieses Geschehen in seinem Brief an einigen Stellen als ein Bild. In dem Abschnitt, der heute unsere Epistellesung und auch unser Predigttext ist, stellt er sich vor, wie der Hohepriester durch die Vorhöfe und Hallen des Tempels in das Allerheiligste geht, und er sagt: So schreitet Jesus durch die Himmel und tritt für uns vor den Thron Gottes. Und daran schließt er die unglaubliche, ja fast skandalöse Botschaft an, dass jeder und jede, die sich Christus anschließt, ebenfalls in das Allerheiligste hineingehen darf. Der Verfasser stellt also die außerordentliche Behauptung auf, dass der Zutritt zu Gott durch Jesus Christus und sein Heilswerk für jeden Menschen frei ist. Man kann Gott ohne Angst und Schrecken begegnen.

Und er begründet das damit, dass Jesus Christus der „große Hohenpriester“ ist. So nennt er ihn, weil er ein für alle Mal Versöhnung zwischen Gott und Mensch bewirkt hat. In ihm ist Gott selber Mensch geworden. Dabei wird hier sehr schön beschrieben, was das heißt: „Jesus leidet mit unserer Schwachheit mit und wurde versucht wie wir.“ D.h. er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, er fühlte und kannte Angst und Not, wie sie jeder und jede in dieser Welt schmerzlich erfahren muss. Persönliche innere Kämpfe sind ihm nicht erspart geblieben, er musste wie alle Menschen den vielfältigen Versuchungen widerstehen.

Doch genau das ist ihm gelungen wie keinem anderen. Er blieb in all dem „ohne Sünde“ und ist Gott bis zum Tod am Kreuz gehorsam gewesen. Selbst in dieser radikalen Grenzsituation hat er dem Willen Gottes entsprochen. Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihn selber auf den „Thron der Gnade“ gesetzt.

An dieses „Bekenntnis“ sollen wir uns „halten“. Wir dürfen uns ihm „mit Freudigkeit nähern“, und werden „Erbarmen empfangen und Gnade finden“, so dass uns „zur passenden Zeit Beistand und Schutz“ zu Teil wird. Das ist hier die Botschaft. Es ist eine Einladung, die lautet: „Komm herein, die Tür steht offen. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Gott erwartet dich vielmehr und sieht dich freundlich an.“ Ein wunderbares Angebot ist das, und es tut uns gut, wenn wir es annehmen.

Doch was heißt das nun? Wie geht das, und was gehört dazu? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft es, wenn wir die einzelnen Schritte, die hier aufgezählt werden, einmal entfalten und uns klar machen, was sie für unseren Lebenswandel bedeuten. Fünf Maßnahmen werden hier genannt, die alle sehr viel beinhalten:

Erstens sollen wir „am Bekenntnis festhalten“; dann dürfen wir „hinzutreten“; drittens „erlangen wir Barmherzigkeit“; viertens „finden wir Gnade“; und als letztes „wird uns geholfen“. Damit wird ein innerer Weg beschrieben, auf dem sich so einiges ereignet. Wir müssen uns das nur ausmalen, dann wird klar, was in der Seele und im Geist geschieht, wenn wir von dem Hohenpriester Jesus mit Gott versöhnt werden.

Zuerst ist da das „Bekenntnis“, an dem wir „festhalten“ sollen. Damit ist die anerkannte Behauptung gemeint, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Die Christen sind darin übereingekommen, das zu glauben, und es gilt, diesen Glauben selber zu ergreifen. Unserem Leben als Christen liegt kein Wissen zu Grunde und auch kein Gesetz, sondern das Vertrauen auf die Botschaft des Evangeliums. Wir kennen die Zeugnisse über Jesus Christus aus der Bibel und auch aus der Verkündigung, die bis heute ergeht. Darauf gilt es zu hören, das Evangelium ernst zu nehmen und sich darauf einzulassen. Wir dürfen es für uns in Besitz nehmen und behalten. Das ist der erste Schritt.

Die nächste Handlung ist das „Hinzutreten“, d.h. wir müssen uns in Bewegung setzen, herbeikommen und uns Jesus „nähern“. Man kann es auch mit „besuchen“ übersetzen, oder sich „an ihn wenden“, und zwar mit „Zuversicht“, wie es in der Lutherübersetzung heißt. Das griechische Wort, das dort steht, bedeutet auch „Offenheit“, „Freudigkeit“ und „Freimütigkeit“, und das beinhaltet mehr, als beim ersten Hören deutlich wird. Denn es ist die Einladung zur Ehrlichkeit. Wir dürfen so kommen, wie wir sind, frei und unverstellt. Und das klingt zwar ganz schön, ist aber in Wirklichkeit gar nicht so einfach. Denn dazu gehört, dass wir nicht nur unsere positiven Eigenschaften einbringen, sondern auch alle unsere Schwächen und Fehler zugeben.

Das ist hier sowieso der Hintergrund. Natürlich geht der Schreiber des Hebräerbriefes wie alle neutestamentlichen Verfasser davon aus, dass wir die Erlösung brauchen. Wir sind Menschen, die immer wieder versucht werden und den Versuchungen auch erliegen. Keiner und keine von uns ist ohne Laster. Es gibt in jedem Leben Schuld und Vergehen. Worin das im Einzelnen besteht, ist genauso vielfältig wie wir Menschen sind.

Drei Beispiele haben wir in der Versuchungsgeschichte von Jesus gehört (Matthäus 4, 1- 11). Da ist die erste Hürde die Aufforderung, Steine in Brot zu verwandeln, und damit ist der Materialismus gemeint. Dem erliegen wir alle zu einem bestimmten Grad, denn wir lieben die Dinge dieser Welt und binden uns gerne daran. Als zweites soll Jesus von der Zinne des Tempels springen und sich von den Engeln auffangen lassen. Damit ist ein Glaube angedeutet, der am liebsten Beweise haben will, und das gehört ebenfalls zu unseren Untugenden. Und schließlich bietet der Teufel Jesus uneingeschränkte Macht an, wenn er ihn anbetet. Viele Menschen erliegen dieser Versuchung tatsächlich. Aber das sind wie gesagt nur drei Beispiele für das, was unser Leben gefährdet. Es gibt noch viel mehr. Jede Sucht gehört dazu, Begierde und Abhängigkeit. Manchmal rutschen wir unversehens dahinein und merken erst später, dass wir Irrwege gehen, nämlich dann, wenn wir anfangen zu leiden. Dazu können innere Leere und Sinnlosigkeitsgefühle gehören, fehlende Zuversicht und Freude, Rücksichtslosigkeit oder Ungerechtigkeit und vieles mehr. Die Laster können das Leben auf jeden Fall zerstören.

Dieses alles schauen wir uns nur ungern an, aber genau das ist notwendig, wenn wir zum „Thron der Gnade hinzutreten.“ Es bedeutet, dass wir offen und ehrlich sind und unsere üblichen Wege verlassen, umkehren und uns an Jesus wenden. Das ist der zweite Schritt.

Und daraus folgen die nächsten drei, die alle darin bestehen, dass Gott selber handelt. Wenn wir so zu ihm kommen, dann hat er Mitleid mit uns. Er verurteilt uns nicht und weist uns auch nicht ab. Er wendet sich uns vielmehr zu und verschont uns. Wir werden angenommen und „empfangen Barmherzigkeit“, d.h. auch ohne liebenswert zu sein, werden wir geliebt.

Außerdem finden wir „Gnade“, d.h. Freundlichkeit und Wohlwollen. Wir werden freigesprochen. Ein Thron kann ja auch ein Richterstuhl sein, von dem aus Urteile ergehen, und die können durchaus Strafen beinhalten. Von einem „Gnadenthron“ aus geschieht genau das Gegenteil: Uns wird ein Liebesdienst erwiesen, mit altertümlichen Worten ausgedrückt, wird uns „Huld und Gunst erzeigt.“

Und das bedeutet als letztes und fünftes, dass wir die angemessene Hilfe bekommen. Es ändert sich also etwas in unserem Leben. Wir bekommen Unterstützung und Beistand. Wir sind nicht mehr auf uns allein gestellt. Es gibt eine feste Grundlage, einen Schutz, unter dem wir unser Leben führen. Wir bekommen neue Kraft und das Leben wird schön. Wir werden erlöst und sind frei. Die Versuchungen können uns viel weniger anhaben, denn wir können die Dinge der Welt plötzlich lassen, wir hören auf, zu viel davon zu erwarten. Wir sind in der Lage, zu vertrauen, und auch von der Macht können wir uns verabschieden. Ein neues Leben beginnt.

Das alles steckt in den drei Versen aus dem Hebräerbrief, über die wir heute nachdenken. So ist es, wenn wir der Einladung folgen, die hier an uns ergeht.

Und dafür, wie das ganz konkret geschehen kann, gibt es in unserer Kirche und im Gottesdienst zwei schöne Möglichkeiten, die beide heute da sind. Das erste ist die Fastenzeit, die ja am Mittwoch begonnen hat, d.h. heute ist darin der erste Sonntag. Oft denken wir, diese Zeit dient der Selbstüberwindung und dem Verzicht. Wir müssen es endlich einmal hinbekommen, diese Welt und unser Leben besser zu machen. Doch das ist gar nicht der Schwerpunkt. Viel entscheidender ist, dass es eine Zeit „des Hinzutretens zum Thron der Gnade“ wird, d.h. eine Zeit der besonderen Nähe zu Jesus. Wir sind eingeladen, verstärkt die Gemeinschaft mit ihm zu suchen. Gerade in dieser Zeit geht es um seine menschlichste Seite, um sein Versucht-werden, sein Leiden und Sterben. Es geschah bei ihm „ohne Sünde“, und damit hat er uns das Heil geschenkt. Das bedenken wir in der Passionszeit, und deshalb ist sie eine besondere Heilszeit, eine Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, der Hilfe und der Freude. Sie dient der Erneuerung und Veränderung, dem Frieden und der Gerechtigkeit. Wir müssen sie nur auch so nutzen.

Und das andere Angebot, das uns gemacht wird, ist das Abendmahl. Bei diesem Sakrament „treten“ wir buchstäblich „herzu“ und nähern uns Gott. Der Altar erinnert uns an den „Gnadenthron“, zu dem wir gehen, um mit Gott Gemeinschaft zu haben. Wir brauchen dafür keine besondere Erlaubnis und wir müssen uns auch nicht unterwerfen. Uns wird beim Abendmahl vielmehr „Barmherzigkeit und Gnade“ geschenkt.

Amen.

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