Alle sind zum Glauben an Gott eingeladen

Predigt über 1. Korinther 14,1-3.20-25: Zungenrede und prophetische Rede

2. Sonntag nach Trinitatis, 10.6.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Korinther 14,1-3.20-25

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde.

Für den Reformator Martin Luther war klar: Niemand ist unter Christen und Christinnen besser oder heiliger als der oder die andere. Er war der Meinung: Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen und verstehen und den Glauben weitergeben. Einer seiner kraftvollen programmatischen Sätze lautet: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, […].“ So schreibt der Reformator 1520 in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation […]“. Und er erklärt kurz und bündig, dass „wir alle gleichmäßig Priester sind“. Mit der Zeit wurde daraus der Ausdruck „Priestertum aller Gläubigen“, weil es sich auf alle Christinnen und Christen bezieht.

Es gibt also in der Gemeinde grundsätzlich keine Personen, die nicht zum Predigen berufen sind. Jedem und jeder wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, alle sollen in den gottesdienstlichen Versammlungen Christi Gegenwart und Zuwendung erfahren und weitersagen können.

Das war auch schon Paulus wichtig. Die Gottesdienste der Gemeinde sollten für alle Menschen offen und verständlich sein. Besonders in seinem ersten Brief an die Korinther bietet er einen Einblick in seine Meinung zu diesem Thema. Da behandelt er verschiedene Fragen des Abendmahls und der Liturgie, und in diesem Zusammenhang stehen auch seine Ausführungen über zwei Formen von geistgewirkter Rede. Wir haben daraus vorhin einen Teil gehört.

Dabei ist euch sicher aufgefallen, dass Paulus sich mit einem Phänomen auseinandersetzen musste, das wir heutzutage in unseren Gottesdiensten nicht kennen, der sogenannten „Zungenrede“. Das ist ein Reden oder Beten in der Verzückung, der Ekstase. Sie galt in den ersten Christgengemeinden als eine Gabe des Geistes. Menschen wurden dabei von einer überrationalen seelischen Bewegung erschüttert und sprachen oder sangen dann in fremden Lauten. Das klang sicherlich ganz schön, war aber ohne Übersetzung bzw. Auslegung für andere nicht verständlich. Sie „reden im Geist von Geheimnissen“, wie Paulus es ausdrückt, und er hatte damit ein Problem. Denn in der Gemeinde von Korinth wurde diese Gabe als ein besonders wertvoller Erweis des Geistes angesehen und von einem Teil der Gemeindeglieder sehr hoch bewertet. Sie fanden sich heiliger und Gott näher, als die anderen, herausgerufen und auserwählt. Und offensichtlich führte das zu Konflikten und zu Unordnung in der Gemeinde. Denn diejenigen, die diese Gabe nicht hatten, fühlten sich dadurch minderwertig und nicht richtig dazugehörig. Außerdem war es so, dass der ekstatisch Redende allein mit Gott verbunden war, andere konnten daran nicht teilhaben. Er war isoliert und störte das gemeinschaftliche Element des Gottesdienstes.

Paulus sieht sich deshalb genötigt, einzugreifen, und er stellt klar: Sinnvoll ist nur eine Sprache, die von denjenigen, die sie hören, auch verstanden wird. Das ist schon im Allgemeinen so, aber in Glaubensfragen erst recht. Was hat ein Gottesdienstbesucher oder eine Gottesdienstbesucherin davon, wenn sie die Zungenrede zwar hört, aber nicht versteht? Gar nichts! Zur Erbauung aller dient nur das „prophetische Reden“, so nennt Paulus das Sprechen, das alle verstehen und das „zur Ermahnung und zur Tröstung“ führt. Es bewirkt, dass ein Ungläubiger erkennt, was tief „in seinem Herzen verborgen ist“. Er spürt seine Gottesferne und seine Verlorenheit, weiß sich aber gleichzeitig von Gott angesprochen, geliebt und gewollt. „Und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“ wie Paulus sagt. Und darum soll es in den Gottesdiensten gehen: Dass Menschen zum Glauben an Gott und an Jesus Christus finden. Sie sollen den Ruf Gottes vernehmen und mit Ja beantworten. Paulus möchte, dass die Gemeinde ein Ort ist, an dem die Menschen aufatmen können, wo ihnen die Angst genommen wird, wo sie vom Tod wieder ins Leben finden. Der Gottesdienst möge seinen einladenden Charakter bewahren, das ist ihm wichtig. Die sich plagen und die schwer zu tragen haben, sollen sich angesprochen wissen. Und daran beteiligen sich alle, die bereits dazu gehören. „Strebt nach der Liebe!“ Mit diesem Satz leitet Paulus seine Ausführungen ein und das ist zugleich die Zusammenfassung und das Ziel.

Und das ist auch für uns eine wichtige Ermahnung: Die Liebe möge über allem stehen. Mit ihr gilt es, einander zu begegnen und Fremde einzuladen. Sie ist das große Geschenk, das Gott uns in Jesus Christus gemacht hat, und das soll durch nichts verdunkelt werden. Die Liebe fließt von Jesus Christus in die Herzen der Gläubigen und von ihnen zu allen anderen Menschen. Das ist das Evangelium, dem ja auch wir folgen.

Aber ist das nun so neu? Und können uns die Ausführungen über die Zungenrede irgendetwas dazu verdeutlichen? Brauchen wir die überhaupt noch? Dieses Phänomen gibt es bei uns wie gesagt nicht. Ist es deshalb nicht überflüssig, dass wir uns mit diesem Kapitel im ersten Korintherbrief beschäftigen? Das fragen wir uns, und dazu gibt es folgendes zu sagen:

Ganz unnötig sind die Gedanken von Paulus für uns nicht, denn hinter seiner Kritik verbirgt sich eine Beobachtung, die auch auf uns zutrifft. Und zwar betrifft sie die Haltung, die sich leicht einschleicht, wenn jemand eine besondere geistliche Gabe empfängt. Sie mag von Gott sein, aber sie hat etwas Verführerisches an sich. Denn ganz schnell bildet der Empfänger oder die Empfängerin sich darauf etwas ein. Die Eitelkeit wird also gefördert, denn man fühlt sich als etwas Besonderes. Selbstruhm, Egoismus und Geltungssucht ergreifen das Gemüt, und das alles sind Laster, die nicht mehr dem Wirken des Heiligen Geistes entsprechen. Zudem fühlt es sich sicher gut an, in eine entsprechende Ektase zu verfallen. Man bekommt daran Spaß, und so spielt plötzlich auch das Lustprinzip eine Rolle. Ganz abgesehen davon, dass kein Außenstehender und keine Außenstehende verstehen kann, was mit der betreffenden Person geschieht. Sie erbaut ausschließlich sich selbst und löst sich aus der Gemeinschaft.

Und vor diesen Lastern sind auch wir nicht geschützt. Wir beschäftigen uns ebenfalls ganz gerne mit uns selbst ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Wir pflegen unsere Religiosität und fühlen uns herausgerufen. Allenfalls vergleichen wir uns mit anderen und messen den Grad unserer Christlichkeit. Natürlich wollen wir am liebsten gut und vielleicht sogar heilig sein. Doch das führt auch bei uns dazu, dass die Gemeinschaft leidet. Die anderen geraten in Vergessenheit oder sind in unseren Augen minderwertig.

Und zu dieser Gruppe können wir ganz schnell auch selber gehören. Das ist die andere Seite dieses Erfolgsdenkens. Wenn wir uns miteinander vergleichen, können wir uns auch schlechter fühlen als die anderen, das Selbstvertrauen schwindet, Unsicherheit und Zaghaftigkeit beschleichen uns. Wir halten uns für bedeutungslos. Und das führt zu genau den gleichen Folgen, wie die Selbstüberschätzung: Wir drehen uns um uns selbst und verlieren den Kontakt zu den anderen. Das gegenseitige Verständnis leidet, und Außenstehende fühlen sich ausgegrenzt.

All das sind übrigens Phänomene, die sich nicht nur in der Gemeinde abspielen. Unser Miteinander ist davon oft geprägt, dass wir uns gegenseitig übertreffen wollen, gerade in einer Leistungsgesellschaft ist das so: Auch im Beruf oder in der Familie wollen wir am liebsten gut sein und anerkannt werden. Die einen schaffen das, die anderen bleiben auf der Strecke. Und dabei gehen die Liebe und die Offenheit füreinander verloren, Unfriede und Unordnung kehren ein.

Davor will Paulus die Korinther bewahren, und darauf müssen auch wir achten. Es ist wichtig, dass wir nüchtern bleiben und immer wieder unsre eigenen Schwächen erkennen. Wir sind nicht besser oder schlechter als andere und genauso erlösungsbedürftig. Der Gottesdienst ist kein Ort von besonders Auserwählten, sondern ein Ort, an dem Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Dieser Einladung dürfen wir folgen und uns beleben und aufrichten lassen. Christus möchte uns stärken und erfrischen. Das ist das Evangelium, das wir immer wieder feiern, wenn wir zusammenkommen. Wir sind geladene Gäste, die es nötig haben, dass ihnen vergeben wird. Wir werden durch die Barmherzigkeit Christi angenommen, wie wir sind. Daran werden wir heute erinnert. Das Gleichnis von dem großen Abendmahl aus dem Lukasevangelium (Lukas 14, 15-24) betont genau diesen Sachverhalt, und es tut gut, wenn wir das beachten.

Dann werden wir nicht nur selber getröstet, sondern wirken auch auf andere einladend. Sie kommen am ehesten hinzu, wenn sie Menschen treffen, die erfüllt sind von der Liebe Christi und das mit klaren Worten bekennen. Nicht der Grad der Heiligkeit oder der theologischen Bildung ist entscheidend, um ein guter Prediger oder eine gute Predigerin des Evangeliums zu sein, sondern der Glaube an Jesus Christus, dem wir alles verdanken. Ihn sollen wir weitergeben, in Liebe und Zuwendung zu den Menschen.

Das ist das Anliegen von Paulus, und das ist auch für uns noch wichtig. Zusammenfassend kann man sagen, dass er mit seinen Ausführungen auf die drei Ebenen eingeht, die bei der Weitergabe des Evangeliums eine Rolle spielen: Das sind Gott, die anderen und ich selbst. Alles drei muss zusammenspielen.

Was mich selbst betrifft, so gilt es, immer wieder ehrlich zu sein und mir nicht einzubilden, ich sei besser als andere. Nur wenn das eigene Ich kleiner wird, und ich den Selbstruhm ablege, kann Gott größer werden. Und um ihn geht es, um seine Liebe und Gegenwart. Sie sind in Jesus Christus da, dem wir vertrauen dürfen. Dann sehen wir die anderen ganz von selber klarer. Wir können uns in sie hineinversetzen, hören ihre Fragen und erkennen ihre Not. Und wir lernen automatisch, in welcher Sprache wir am besten mit ihnen reden. Sie verstehen uns und wir sie.

Und wenn das geschieht, ist die Kirche und jede Gemeinschaft lebendig und kann wachsen. Der Geist Gottes kann wirken und offenbart den Anwesenden, wie groß die Liebe Gottes ist. Alle, die sich darauf einlassen, erfahren in den Versammlungen seine Gegenwart und Zuwendung und werden zu Priestern und Priesterinnen, Bischöfen und Bischöfinnen seiner Gemeinde.

Amen.

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