Jesus sehen und umarmen

Predigt über Lukas 2, 25- 35: Der Lobgesang des Simeon
1. Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 2, 25- 35

25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.
26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 den du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.
33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.
34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird
35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Liebe Gemeinde.

Weihnachten war dieses Jahr anders als sonst. Materielle Wünsche sind vermutlich in Erfüllung gegangen, wir haben uns beschenkt und leckere Speisen verzehrt. Aber die Gemeinschaft und das Zusammensein, der leibhaftige Kontakt zur Familie und die Gottesdienste, das alles war sehr eingeschränkt. Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe konnte nicht so erfüllt werden, wie wir uns das zu Weihnachten wünschen. Die Einsamkeit, die viele Menschen oft aushalten müssen, wiegt in diesen Tagen auch noch schwerer als sonst, weil wir uns das Fest eigentlich anders vorstellen. Deshalb herrschte in vielen Häusern wahrscheinlich nicht nur Freude, es hat sich dieses Mal ebenso Traurigkeit und Kummer eingeschlichen.

Und das geht möglicherweise noch weiter, denn die Krise ist noch lange nicht vorbei. Wir müssen weiterhin Abstand zueinander halten, Kontakte reduzieren und dürfen uns nur in kleinen Kreisen treffen. Das alles macht uns langsam müde und mürbe.

Wir müssen deshalb darüber nachdenken, wie wir diese neuen Verhaltensregeln am besten aushalten. Und dafür gibt uns der alte Simeon, von dem wir eben gehört haben, einen wunderbaren Hinweis.

Er hatte auch eine Sehnsucht, die sein ganzes Leben bestimmte. Doch die war nun ganz anders, als unsere Wünsche es normalerweise sind. Er wartete nicht auf Menschen, mit denen er sich wohl fühlte, sondern sein Leben lang hoffte er auf „den Trost Israels“, den Retter, den die Propheten verheißen hatten.

Denn er war ein frommer Mann, der daran glaubte, dass Gott den Messias senden und endgültig in das Weltgeschehen eingreifen wird. Und er ging davon aus, dass er das noch erleben würde, weil ihm das in einer Offenbarung Gottes mitgeteilt worden war.

Vom Geist geleitet kam er dann eines Tages in den Tempel von Jerusalem und traf das Kind Jesus mit seinen Eltern. Simeon erkannte in ihm sofort den Messias. Er nahm ihn zärtlich auf die Arme und erlebte in demselben Augenblick die Erfüllung seiner Sehnsucht und Hoffnung. Er stimmte daraufhin das Gotteslob an und sang ein Lied. Voll Freude pries er das Kind mit einem Hymnus, den wir bis heute singen. Er lautet: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Simeon konnte nun „in Frieden fahren“, denn er hatte das Ziel erreicht, das Gott für ihn vorgesehen hatte. Er war bereit zu sterben, im Bewusstsein des Heils. Er hatte sein Leben nicht nutzlos verbracht, denn er hat den „Heiland“ noch mit seinen eigenen Augen „gesehen“. Simeon pries ihn als denjenigen, der für alle Völker und alle Stämme Israels gekommen ist, um für sie ein Licht zu sein. Es wird sie erleuchten und die Dunkelheit vertreiben.

Simeon konnte nun sein Leben getrost in die Hand Gottes zurücklegen. Seine Seele war ruhig geworden, seine Sehnsucht war gestillt. Das Alter war für ihn die Zeit der Erfüllung, er erlebte am Ende das Schönste, das er sich vorstellen konnte. Mit weniger hatte er sich auch nicht zufrieden gegeben. Er hat nicht auf etwas Vergängliches gesetzt, sondern auf das ewige Heil, das ihm verheißen worden war. Und natürlich hatte das sein Leben geprägt. Das göttliche Licht war von vorne auf seinen Weg gefallen und hat ihm die Richtung gezeigt. Alles andere hatte sich dadurch relativiert. Mit dieser Lebenseinstellung war er auch nie allein gewesen, selbst im hohen Alter nicht. Er war verbunden mit allen Propheten und Heiligen vor ihm, und diese Gemeinschaft vollendete sich nun für ihn. Er wurde ganz dahinein genommen.

Und damit ist er für uns wie gesagt ein sehr schönes Vorbild. Drei Dinge können wir von Simeon lernen.

Zunächst einmal zeigt er uns, auf welche Wünsche es ankommt. Wünsche haben ja immer etwas handlungsanleitendes, sie führen uns in eine bestimmte Richtung und prägen unser Denken. Ob es uns gut oder schlecht geht, hängt immer mit unseren Wünschen zusammen. Das Gelingen unseres Lebens beginnt nicht dann, wenn alles in Erfüllung geht, was wir uns vorstellen, sondern viel früher. Es hat seinen Ursprung in dem, wonach wir verlangen. Es ist also sinnvoll, wenn wir uns das zunächst bewusst machen. Wir warten nämlich normalerweise auf etwas anderes als Simeon. Das ewige Heil ist uns gar nicht so wichtig, wir sehnen uns viel mehr nach irdischem Glück, Wohlstand und Gemeinschaft, Gesundheit und Gemütlichkeit.

Das ist zwar naheliegend und berechtigt, aber dadurch sind die Enttäuschungen bereits vorprogrammiert. Denn das bekommen wir nicht immer, im Gegenteil, es ist ständig brüchig und bedroht. Das merken wir in der Krise besonders. Da erfüllt sich nicht alles, wonach wir uns sehnen. Wir sind deshalb gut beraten, wenn wir unser Wollen und Trachten einmal hinterfragen und es relativieren. Die irdischen und menschlichen Wünsche führen uns nur sehr eingeschränkt ins Glück. Sie bergen sogar ein sehr hohes Potential, uns zu enttäuschen und unglücklich zu machen. Das ist der erste Punkt.

Als zweites können wir uns zusammen mit Simeon nach etwas ganz anderem ausstrecken. Wenn es uns schlecht geht, weil die Welt sich verdüstert, dann ist das noch lange nicht der Untergang der Freude. Die äußere Dunkelheit muss uns nicht verschlingen, denn es gibt ein Licht, das sie vertreiben kann Wir müssen nur in dieses Licht hineinschauen. Es strahlt in dem Kind in der Krippe, dem neugeborenen Jesus, der von Gott zu uns gekommen ist. Und es kann auch in uns leuchten. Wenn es um uns herum dunkel ist, muss sich nicht gleichzeitig unsere Seele verdüstern. Sie kann von dem göttlichen Licht angerührt und erfüllt werden. Wir müssen uns nur dafür bereiten.

Simeon hat das Kind auf seine Arme genommen, er hat es umfangen und festgehalten, und das können auch wir im Geiste tun. Paul Gerhard hat das einmal sehr schön zum Ausdruck gebracht: In dem Lied „Fröhlich soll mein Herz springen“ lautet die Strophe zehn: „Süßes Heil, lass dich umfangen, lass mich dir, meine Zier, unverrückt anhangen. Du bist meines Lebens Leben; nun kann ich mich durch dich wohl zufrieden geben.“ (EG 36,10) So können auch wir beten. Wir müssen die Dunkelheit nicht selber vertreiben, aber Jesus kann das für uns tun. Wir müssen ihn nur anschauen und im Geist umarmen.

Dann wird unsere Seele hell und still. Das ist der dritte Schritt, den wir mit Simeon gehen können. Er war bereit, im „Frieden dahin zu fahren“, nachdem er Jesus begegnet war. Er konnte loslassen und Abschied nehmen. Das Ende seines Lebens, von dem er wusste, dass es bald kommen würde, hat ihn nicht erschreckt. Er war nun bereit zu sterben.

Und das kann auch uns so gehen. Wenn wir mit Jesus verbunden sind und ihn im Herzen tragen, ist der Tod nicht mehr das Schlimmste, was es gibt. Das ist er nur, wenn wir keinen Trost haben, wenn wir uns nicht geborgen wissen und voller Angst sind. Jesus kann uns das alles nehmen. Und so sollte unser Leben auch angelegt sein. Es ist gut, wenn wir schon zu Lebzeiten uns darauf vorbereiten und mit Paul Gerhard sagen: „Ich will dich mit Fleiß bewahren; ich will dir leben hier, dir will ich hinfahren; mit dir will ich endlich schweben voller Freud ohne Zeit dort im andern Leben.“ (EG 36,12)

Wenn wir so leben, dreht sich alles um: Das Alter ist nicht mehr die Zeit der Entbehrung, sondern die Zeit der Erfüllung. Traurigkeit verwandelt sich in Freude, und die Dunkelheit wird vom Licht verschlungen. Danach dürfen wir getrost verlangen. Wenn das unser größter Weihnachtswunsch wird, werden wir nicht enttäuscht. Denn wir geben uns keiner Illusion mehr hin, werden nüchtern und fromm, und eine große Freude zieht in uns ein.

Amen.

Habt Geduld!

Predigt über Jakobus 5, 7- 8: Mahnung zur Geduld

2. Advent, 6.12.2020, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde

Ein verarmter Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus, noch nicht Bischof und Erbe eines größeren Vermögens, erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen. Auf dieser Legende über den heiligen Nikolaus basiert der Brauch, in der Nacht vor dem Nikolaustag Schuhe oder Ähnliches mit Geschenken zu füllen.

Auch soll Nikolaus einmal während einer großen Hungersnot angeordnet haben, in Myra, seinem Heimatort, einen Teil des Kornes von einem Schiff auszuladen, das eigentlich für den Kaiser in Byzanz vorgesehen war. Er wollte in der Not helfen. Und als das Schiff in der Hauptstadt ankam, hatte sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert. Das in Myra entnommene Korn aber reichte volle zwei Jahre und darüber hinaus noch für die Aussaat. Das ist eine weitere der vielen Legenden über Nikolaus von Myra.

Historisch belegt sind diese Geschichten nicht. Wir wissen nur, dass der Heilige Nikolaus im 4. Jahrhundert nach Christus lebte und erst Priester und später Bischof in Myra wurde. Das lag in der kleinasiatischen Region Lykien und war damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs. Heute gehört es zur Türkei. Sein ererbtes Vermögen verteilte er unter den Notleidenden. Er war also ein Helfer der Armen und ein Geschenkebringer. Dafür wird er bis heute nicht nur in der Ostkirche, sondern in allen Konfessionen verehrt. Auch bei uns.

Und das geschieht zu Recht, denn damit tat er genau das, was im Neuen Testament an vielen Stellen steht und den christlichen Lebenswandel prägen soll. Jesus hat das betont, und auch in den Briefen der Apostel kommt es oft vor. So auch bei Jakobus, dessen Brief etliche Ermahnungen zum rechten Handeln enthält. Er betont, dass die guten Werke auf jeden Fall zum Glauben dazu gehören. Die Reichen warnt er besonders, nicht nur an sich selber zu denken. Er erinnert sie mehrfach daran, dass Gold und Silber vergeht. Die Armen dagegen sind in seinen Augen die Heiligen und Erwählten. Denn sie sind viel weniger in Gefahr, den materiellen Dingen oder der Gier zu verfallen. Und das ist ihm wichtig, denn was die Christen erfüllt, soll nicht die Welt sein, sondern das „Kommen des Herrn“. So kann die wirtschaftliche Notsituation sogar eine Chance sein, sich auf das kommende Heil zu freuen. Darauf sollen die Christen jedenfalls geduldig warten. So steht es in dem Abschnitt, der heute unser Predigttext ist. Er lautet folgendermaßen:

Jakobus 5, 7- 8

7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Jakobus will mit diesen Worten die Christen trösten und ermahnen. Er erinnert sie deshalb zunächst an das „Erscheinen des Herrn“. Damit meint er die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit, wie sie an vielen Stellen im Neuen Testament angekündigt wird. Er veranschaulicht das mit dem Vergleich vom Bauern, der geduldig während des Regens die Früchte seines Feldes erwartet und dabei die Sorge um den Ernteertrag Gott überlässt. Er kann das Wachsen und Reifen der Früchte nicht beschleunigen, sondern nur mit Geduld erwarten. Gott bestimmt die Zeit und schickt den Regen, den die Felder brauchen. Darauf muss er vertrauen.

Und entsprechendes gilt für die Christen. Auch sie sollen die Geduld nicht verlieren und einen langen Atem behalten. Das Erscheinen Christi ist nahe, er steht praktisch vor der Tür. Es gilt also, langmütig zu sein und zu warten. Sie sollen unter ihrem Schicksal glaubensvoll aushalten, sich in Geduld üben und ihre „Herzen stärken“. Auch in Anfechtung und Zweifeln gilt es festzubleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.

Und das musste auch der Heilige Nikolaus tun, denn während der Christenverfolgung im Jahr 310 wurde er gefangen genommen und gefoltert. Das wird in den Legenden kaum erwähnt. Es ist aber wichtig, um zu verstehen, was ihn ausmachte. Denn es zeigt, dass seine Gesinnung nicht von den Freuden der Welt geprägt war, sondern von Glauben und Vertrauen. Das gab ihm Kraft. Die Nähe Christi erfüllte sein Denken und Handeln. Er hatte die Geduld der Liebe, hielt sich offen für Christus, war wachsam und bereit zu handeln, wo es nötig war. Er ließ sich von den Notsituationen, von denen er erfuhr, nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil, mit großer Leidenschaft ging er darauf ein, war barmherzig und vermittelte den Menschen die Langmut Gottes. Und damit ist er ein gutes Beispiel dafür, wie unser christliches Leben gedacht ist.

Doch was heißt das nun konkret für uns heute und für unsere Lebensführung? Lasst uns das als erstes fragen. Mit der Geduld haben wir ja häufig so unsere Schwierigkeiten. Wir warten nicht gerne. Wir sind vielmehr oft ungeduldig, wenn etwas nicht so schnell geht, wie wir es gern hätten. Wir machen uns Sorgen und würden vieles gerne beschleunigen. Am liebsten wollen wir, dass das Gute sofort geschieht. Wir verlangen nach Glück, das sich am besten hier und jetzt einfinden möge. Ohne es zu merken, zwingen wir dabei anderen unsere Erwartungen auf und versuchen die Dinge selber zu regeln.

Doch natürlich gelingt das nicht immer. Es gibt eine Menge Schwierigkeiten, die sich nicht so leicht ändern lassen, Schicksalsschläge, Krisen und Krankheiten, die wir nicht abschaffen können. Angesichts vieler Nöte sind wir machtlos, und das verursacht dann Ärger oder Schwermut. Wir bekommen schlechte Laune. Frustration stellt sich ein, Groll und Wut. Wir hadern mit unserem Schicksal, und unser Geist verdüstert sich.

Und genau dagegen richtet sich die Ermahnung zur Geduld. Sie wäre genau das Gegenteil, denn sie beinhaltet, dass wir das, was uns nicht gefällt, aushalten, es ertragen und „Ja“ dazu sagen. Wir sollen ruhig bleiben, still werden und nicht alles selber machen. Es gilt, den Eigenwillen und die Autonomie aufzugeben und uns im Vertrauen zu üben. Gleichmut und Toleranz, Gelassenheit und Ausdauer sind die Verhaltensweisen, die uns hier vorgeschlagen werden.

Aber wollen wir das? Das ist die nächste Frage, die wir haben. Diese Vorgehensweise klingt in unseren Ohren leicht wie Ergebung und Unterwerfung. Schnell stellen wir uns darunter vor, dass alle Leidenschaft zum Erliegen kommt, keine Begeisterung mehr da ist, Träume aufhören, und Resignation sich breit macht. Passivität und Müdigkeit kehren ein, das ist unsere Sorge.

Doch so ist die Aufforderung zur Geduld im Neuen Testament an keiner Stelle gemeint. Im Gegenteil, sie ist etwas Aktives, der „lange Atem der Leidenschaft“, wie Jüngel es einmal formuliert hat. Sie weitet unseren Horizont und hält Durststrecken aus. Sie macht weitsichtig und gelassen. Auch Geduld ist ein Handeln, denn wir entscheiden uns bewusst für einen anderen Umgang mit der Realität, als wie ihn meistens pflegen.

Und dabei geht es nicht nur um eine bestimmte Verhaltensweise oder Tugend. Im Neuen Testament hängt die Ermahnung zur Geduld vielmehr immer mit dem Hinweis auf die Nähe und das Kommen Christi zusammen. So ist es auch in unserem Briefabschnitt. Jakobus begründet seine Aufforderung nicht umsonst mit dem Satz „denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ Dafür sollen wir still werden.

Und das heißt, wir sollen nicht einfach nur geduldig ins Leere blicken oder langsam einschlafen, sondern auf Christus schauen und ihn erwarten. Die göttliche Wirklichkeit ist schon da, und sie relativiert alles andere. Anstatt uns in der Welt zu verlieren und uns zermürben zu lassen, lohnt es sich viel mehr, wenn wir uns nach ihm ausstrecken. Die Probleme und Nöte verblassen dann. Deshalb ist es gut, wenn wir unsere Angelegenheiten einmal ruhen lassen und stattdessen beten, zu Christus rufen und uns seiner Gegenwart aussetzen. Wir können das auch gemeinsam tun, indem wir in der Kirche oder zu Hause zusammenkommen, an ihn denken und mit ihm rechnen.

Dann werden unsere „Herzen gefestigt“. Wir bekommen neue Kraft und werden von innen her heil. Wir wissen uns geborgen und geliebt. Und das ist viel besser, als alle eigene Anstrengung. Denn jedes Gedrängel und Gezerre macht uns kurzatmig, es ist ermüdend und kräfteraubend. Die Geduld und das Warten auf Christus machen uns dagegen langatmig und gesund.

Trotzdem gibt es noch eine dritte Frage, und die lautet, ob so eine Lebensführung letzten Endes nicht egoistisch ist. Es mag uns selber dabei vielleicht gut gehen, aber wo bleiben die anderen? Ist das nicht viel zu innerlich? Dreht sich nicht alles nur noch um unser eigenes Seelenheil?

Diese Vermutung liegt zwar nahe, aber sie trifft nicht zu. Denn wenn wir wirklich auf Christus schauen, werden wir auch von seinem Geist erfüllt. Wir verlieren unser Selbstbezogenheit, werden uns selber im guten Sinne los. Und damit rücken die anderen ganz von alleine ins Blickfeld. Wir werden frei und offen, wachsam und bereit zu handeln. Nicht Gleichgültigkeit ist die Folge, sondern Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ganz von selber wenden wir uns unseren Nächsten zu. Wir werden barmherzig und können den Menschen den langen Atem Gottes offenbaren. Die Geduld, die wir einüben, ist die Geduld der Liebe. So war es bei Jesus und allen Aposteln und Heiligen. Die Legenden über Nikolaus machen das sehr schön deutlich. Es gibt noch weitere, als die, die ich eingangs erwähnte.

So riefen einmal in Seenot geratene Schiffsleute in ihrer gefährlichen Lage den heiligen Nikolaus an. Ihnen erschien ein mit Wunderkräften ausgestatteter Mann und übernahm die Navigation, setzte die Segel richtig und brachte sogar den Sturm zum Abflauen. Daraufhin verschwand der Mann wieder. Als die Seeleute in der Kirche von Myra zum Dank für ihre Rettung beteten, erkannten sie den Heiligen und dankten ihm.

Und eine letzte schöne Geschichte erzählt, wie Nikolaus einmal drei oströmische Feldherren kennen lernte, die er zu sich nach Myra einlud. Sie wurden Zeugen, wie der Bischof drei unschuldig zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrte, indem er dem Scharfrichter das Schwert aus der Hand riss. Zurück in Byzanz wurden die drei Feldherren Opfer einer Intrige und selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker erbaten sie die Hilfe des heiligen Nikolaus, der daraufhin dem Kaiser und dem Intriganten im Traum erschien. Zutiefst erschrocken veranlasste der Kaiser die unverzügliche Freilassung der Feldherren.

Und das alles konnte Nikolaus, weil er von Christus erfüllt war und geduldig auf ihn wartete. Sein „Herz war fest“ geworden, und deshalb wurde er auch für seine Mitmenschen zum Segen.

Amen.

Die Legenden und Daten über Nikolaus vn Myra sind dem Artikel bei Wikipedia entnommen: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Myra

Lasst euch nicht verhärten

Predigt über 1. Timotheus 2, 1- 4: Das Gemeindegebet

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, Volkstrauertag, 15.11.2020
Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“ Das schrieb der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann 1968 seinem Freund Peter Huchel, der in der DDR vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht und isoliert wurde. Biermann hat daraus ein ganzes Gedicht gemacht, das den Titel „Ermutigung“ trägt. Er hat es noch im gleichen Jahr veröffentlicht und eine Melodie dazu komponiert. Diese Liedvertonung wurde sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik populär und gehört zu den bekanntesten Liedern Wolf Biermanns. Der Dichter warnt darin ein Gegenüber, trotz der herrschenden Zustände nicht zu „verhärten“ und zu „verbittern“. Dafür hätte er ebenfalls viele Gründe gehabt, denn er war mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Das war schlimm für einen Künstler, er drohte zu resignieren. Aber das wollte er nicht. Er hat auch sich selber mit diesem Lied ermutigt und seine positive Grundhaltung nicht aufgegeben. Das wird besonders an der letzten Strophe deutlich, in der er mit dem optimistischen Bild eines kommenden Frühlings Trost verheißt. Es ist deshalb kein Wunder, dass das Lied auch Eingang in das Gesangsgut kirchlicher Kreise fand.

Doch wie kann das nun gelingen, dass wir uns nicht „verhärten, verbittern und erschrecken“ lassen, ganz gleich wie „hart“, oder „bitter“ oder „schrecklich“ die Zeiten sind? Eine einfache Ermahnung reicht da doch nicht. Wir brauchen noch konkretere Vorschläge und Strategien. Und die gibt es auch. So enthält unser Predigttext von heute einen guten Entwurf, wie wir zu einem friedlichen und positiven Lebensgefühl kommen können. Er steht im ersten Brief des Paulus an Timotheus und lautet:

1. Timotheus 2, 1- 4

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Paulus schrieb das an seinen Freund und Schüler Timotheus, als er selber in Rom in Gefangenschaft war. Ihm war vorgeworfen worden, dass er gegen das Gesetz und die vorherrschenden religiösen Überzeugungen agiert hatte. Er hatte ja sowohl die jüdische Lehre als auch die römischen Götter hinterfragt und das Volk damit in Unruhe versetzt. Er galt als Aufrührer und saß deshalb in Untersuchungshaft. Und die Einkerkerung war sehr streng: Er lag in Fesseln wie ein Verbrecher. Eine erste Gerichtsverhandlung lag hinter ihm. Sie war zwar günstig verlaufen, aber Paulus war skeptisch, dass der Prozess positiv ausgehen würde. Eine Hinrichtung war durchaus realistisch, darüber war Paulus sich im Klaren. Und genauso ist es dann ja auch gekommen.

Timotheus war nun einer seiner engsten Gefährten und hatte in der jungen Kirche in Kleinasien bereits eine verantwortliche Führerstellung als Vertreter des Apostels inne. So hat er nach dem Martyrium des Paulus dessen Werk auch fortgesetzt. Aus den Quellen kann man schließen, dass er wahrscheinlich zum ersten Bischof von Ephesus wurde.

Mit den Briefen an ihn wollte Paulus ihm wohl sein Lebenswerk als Vermächtnis übergeben. Besonders der erste hat den Charakter eines amtlichen Schreibens. Es beginnt mit einigen grundsätzlichen theologischen Klarstellungen und enthält ab dem zweiten Kapitel eine Gemeindeordnung. Und die beginnt mit der Anweisung von „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung“ im Gottesdienst. Damit beschreibt Paulus das gesamte christliche Gebet, das er als Einheit versteht. Und es soll allen Menschen gelten, ohne Ausnahme, ganz im Sinne der Liebesgesinnung Jesu. So soll es auch für die Kaiser und hohen Beamten erfolgen, also für die heidnische Obrigkeit, die römische Regierung und Verwaltung. Paulus begründet das damit, dass dann das Gemeindeleben gedeihen kann. Er vertraut also darauf, dass Gott die christliche Gemeinde bei der Lenkung der Weltgeschichte berücksichtigen wird, so dass sie Frieden haben und halten kann. Er glaubt daran, dass Gott der Beschützer der gesamten Menschheit ist, und sein Heilsplan alle umfasst. Hinter seiner Missionstätigkeit hatte ja auch die Überzeugung gestanden, dass alle Menschen vom Evangelium erfahren sollten, damit sie gerettet werden. Er wollte sie zur „Anerkennung der Wahrheit“ führen und sie bekehren.

Dafür hat er gelebt und dafür ist er gestorben. Er hat sich also durch nichts „verhärten“ lassen, war unerschrocken, wurde nicht bitter und hat nicht geschwiegen. Möglich wurde ihm das durch seinen Glauben an Gottes Allmacht und die umfassende Wirkung des Gebetes. Das war seine Strategie für ein friedliches und positives Lebensgefühl.  

Und das kann auch uns helfen. Einfach sind die Zeiten, in denen wir gerade leben, ja ebenfalls nicht. Sie sind zwar noch lange nicht so schlimm, wie während der DDR-Diktatur, geschweige denn unter der Herrschaft der Römer, aber vielen Menschen geht es gerade nicht gut. Sie können dem, was die Regierung jetzt in der Corona-Krise beschließt und verordnet, nur schwer vertrauen. Den einen ist es zu wenig, den anderen geht es zu weit. Es ist alles sehr ungewohnt, schränkt uns ein, macht uns nervös und dünnhäutig. Die einen haben dabei Angst vor der Ansteckung mit dem Virus, die anderen vor der Macht der Regierenden, und wieder andere haben Angst vor der Angst, die sich gerade überall verbreitet. Es liegt nahe, dass wir die Politiker und Politikerinnen deshalb verurteilen, ihnen alles Mögliche unterstellen und spekulieren, was sie vielleicht antreibt, ohne dass wir davon etwas erfahren. In vielen Köpfen sprießen gerade Verschwörungstheorien.

Vielleicht hilft das denjenigen, die daran glauben und ihre Hypothesen in die Welt setzen. Sie verharmlosen damit die Gefährlichkeit des Virus, schaffen sich eine andere Realität und fühlen sich sicher. Das mag eventuell eine Hilfe sein, eine optimistische Grundhaltung verbirgt sich dahinter aber nicht. Im Gegenteil: Es entsteht ein sehr düsteres Weltbild, negative Gedanken und Gefühle drängen sich in den Vordergrund, die Aggressivität wächst, und es wird Unfriede gesät. Und das kann nicht gut gehen. Niemandem ist damit geholfen, dass wir hart werden. Es führt vielmehr irgendwann zum Zusammenbruch, so wie Wolf Biermann es formuliert hat: „Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich.“

Und genau das haben wir als Christen nicht nötig. Im Gegenteil, unser Glaube ist immer friedlich ausgerichtet, er führt zur Versöhnung und zur Liebe, zur Hoffnung und zur Zuversicht. Und um das zu gewinnen, ist es in der Tat gut, für die „Obrigkeit“, d.h. für die Regierenden zu beten, und zwar mit „Bitte und Danksagung“. Gemäß den Anordnungen von Paulus kommt das ja auch fast in jedem Fürbittgebet und damit in jedem Gottesdienst vor.

Die Frage ist allerdings, ob wir überhaupt daran glauben, dass Gott es erhört und dass es etwas bewirkt. Ganz so überzeugt wie Paulus sind wir davon wahrscheinlich nicht. Wir machen zu oft die Erfahrung, dass Gott nicht so handelt, wie wir uns das wünschen. Sonntag für Sonntag oder sogar jeden Tag beten wir für Frieden und Gerechtigkeit, aber sie scheinen sehr fern zu sein, jedenfalls in vielen Teilen der Welt. Hat Gott sich nicht längst verabschiedet und die Menschen sich selbst überlassen, ganz gleich, wieviel wir beten? Diese Gedanken kennen wir sicher alle. Sie liegen angesichts so vieler Konflikte in der Menschheit ja auch nahe und fallen uns in dieser Krise bestimmt wieder ein.

Doch sie sollten uns nicht davon abhalten, trotzdem Fürbitte für alle Menschen zu halten. Das bewirkt nämlich noch an einer ganz anderen Stelle etwas: Es prägt auf jeden Fall unser Bewusstsein und unsere Seele, und zwar in mehrfacher Weise.

Zunächst einmal ändert sich unsere Einstellung zu den Regierenden, denn wir sehen die Politiker und Politikerinnen als unsere Mitmenschen, die genauso viel göttlichen Beistand brauchen wie alle anderen. Was sie beschließen, kann nur menschlich und damit unzulänglich sein. Sie wissen vieles auch nicht besser als wir. Sie haben möglicherweise etwas mehr Macht, aber die ist in der Regel begrenzt. Wir dürfen das Handeln der Regierenden deshalb nicht überbewerten, sondern können es ruhig relativieren.

Denn die letzte Macht hat Gott, daran sollen wir glauben. Er lenkt nach wie vor unsere Geschicke. Er ist der Herr der Welt, und es gilt, auf ihn zu schauen. Mit dem Gebet tun wir das. Wir richten unser Bewusstsein auf den, der größer ist als alle anderen, der die Welt geschaffen hat und auch erhalten will. Wir setzen unser Vertrauen auf seine Gegenwart und Kraft. Denn er ist bei uns, ganz gleich, wie es um uns steht.

Paulus ist für diesen Glauben ein wunderbares Beispiel. Er hat sich nicht erschüttern lassen, die Machthaber haben ihm seinen Glauben nicht austreiben können. Es ist, als ob er befolgt hat, was Wolf Biermann so formuliert: „Du, lass dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das woll‘n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken schon vor dem großen Streit.“ Selbst angesichts des Todes hat Paulus genau das nicht getan, „die Waffen gestreckt“: Er hat seinen Glauben nicht aufgegeben, sondern seine Zuversicht behalten. Und er hat wie Jesus für seine Feinde gebetet. Er war von einem tiefen Frieden und von Ruhe erfüllt.

Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir auf Gott vertrauen und am Gebet festhalten, werden unser Bewusstsein und unsere Seele erhellt, und wir beruhigen uns. Angst und düstere Gedanken weichen, wir werden frei und klar. Der Heilige Geist kann Einzug halten, und Frieden wird möglich. Die finsteren Mächte können uns nichts anhaben, weil wir geschützt sind.

Und das ist in der Zeit, in der wir gerade leben, das wichtigste. Damit kommen wir am besten durch die Krise. Es ist gut, wenn wir der Stimme Wolf Biermanns folgen, der uns zuruft: „Du, lass dich nicht verbrauchen. Gebrauche deine Zeit. Du kannst nicht untertauchen. Du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.“

Und natürlich wird die Krise auch irgendwann zu Ende sein. Alle Pandemien waren irgendwann vorbei, genauso wie alle Kriege in der Geschichte wieder aufgehört haben, und alle Tyrannen eines Tages gestürzt wurden oder starben. Es hat manchmal lange gedauert, aber am Ende haben sich die konstruktiven Kräfte durchgesetzt. Es war, wie Wolf Biermann am Schluss seines Liedes sagt: „Das Grün ist aus den Zweigen gebrochen.“ Und wer weiß, vielleicht lag es genau daran, dass es immer Menschen gab, die für die „Obrigkeit“ gebetet haben.

Amen.

„Ermutigung“

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

Du, lass dich nicht verbittern
In dieser bitt’ren Zeit
Die Herrschenden erzittern
Sitzt du erst hinter Gittern
Doch nicht vor deinem Leid
Auch nicht vor deinem Leid

Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll’n sie doch bezwecken
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Schon vor dem großen Streit

Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Grad deine Heiterkeit

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid.

Text und Melodie: Wolf Biermann 1968

Bekennt euch zu Jesus Christus

Predigt über Matthäus 10, 26- 33: Menschenfurcht und Gottesfurcht

Reformationsfest, 31.10.2020, 18 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ – Das sind die berühmtesten Lutherworte, gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms. Kein Luther-Film kommt ohne sie aus, und meistens sagt Luther sie darin selbstbewusst oder sogar triumphierend. Bis heute sind diese Worte populär.

Sie sind die Antwort Luthers auf die Frage, ob er seine Schriften widerrufen wolle. Und Luther wusste genau, dass es dabei um seinen Kopf ging: würde er es nicht tun, drohte ihm als verurteiltem Ketzer der Feuertod. Trotzdem lehnte er den Widerruf ab, denn seine Predigten seien bibelgemäß und seine Kritik am Papsttum sei ebenfalls durch die Heilige Schrift gedeckt. So lautete seine Begründung.

Ein triumphales „Hier stehe ich …“, und ein selbstbewusstes „Ich kann nicht anders“ sind allerdings Legende. In Wirklichkeit hat Luther seine Rede mit einem schlichten „Gott helfe mir. Amen.“ beendet. Wer für die rhetorische Zuspitzung verantwortlich ist, wissen wir nicht, aber es ist ihm auf jeden Fall ein großer Wurf gelungen, denn die nie gesagten Worte wurden für unsere protestantische Tradition prägend. So stellen wir uns Luther gerne vor: aufrecht stehend, mit stolzgeschwellter Brust vor einem krumm hockenden Kaiser. Das hat Vorbildcharakter, so mutig wären wir ebenfalls gerne.

Und das sollten wir uns auch nicht ausreden lassen, im Gegenteil, es entspricht den Ermahnungen im Evangelium. In der Aussendungsrede sagt Jesus zu seinen Jüngern:

Matthäus 10, 26b- 33

26 Fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.
31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.
33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Das ist der Predigttext für heute, und er hat als Grundthema die Ermunterung der Jünger: „Fürchtet euch nicht.“ Sie begegnet uns in den wenigen Sätzen dreimal. Offensichtlich wusste Jesus, dass die Jünger Mut für das brauchten, was er von ihnen erwartete: Er sandte sie als Missionare aus. Der Abschnitt steht am Ende seiner Rede, mit der er sie damit beauftragte, in seinem Namen zu predigen. Sie sollten verkündigen, dass das „Himmelreich nahe herbeigekommen ist.“ (Mt. 10, 7) Und Jesus verschwieg ihnen nicht, dass sie dabei viele Anfeindungen und Verfolgungen erleben würden, Hass und Entzweiung, Verurteilung und Leid. Deshalb stellt er am Ende klar die Gottesfurcht über die Menschenfurcht und versichert ihnen, dass Gott immer bei ihnen sein wird. Er veranschaulicht das mit dem Gleichnis von den Sperlingen. Das waren damals im Orient die billigsten essbaren Vögel, sie waren wirtschaftlich also sehr unbedeutend. Trotzdem sind sie Gottes Geschöpfe, und seine bewundernswerte Aufmerksamkeit gilt ihnen genauso wie allen anderen. Und da man vom Kleineren auf das Größere schließen kann, darf man davon ausgehen, dass Gott diejenigen, die sich zu ihm bekennen, erst recht beachtet.

Den Höhepunkt der Rede Jesu bildet dann der letzte Satz, das Wort vom Bekennen und Verleugnen. Es enthält die Bitte um einem klares „Ja“ zu Christus. Er fordert ein eindeutiges Bekenntnis und krönt seine Bitte mit dem Versprechen, dass das nicht einseitig bleiben wird. Er wird sich selber an diejenigen binden, die sich ganz zu ihm halten. Die Festlegung ist wechselseitig und hat universale Gültigkeit: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Das ist der Schlusssatz.

Und den hatte Luther offensichtlich verinnerlicht. Er war ja in einer ganz ähnlichen Situation, wie Jesus sie den Jüngern hier prophezeit: Er stand vor einem Gericht und musste sich verantworten. Und er war bereit, das Martyrium auf sich zu nehmen, d.h. für seine Überzeugung zu sterben.

Denn sie bestand nicht einfach in irgendeiner Ideologie oder menschlicher Lehre, er hatte vielmehr am eigenen Leibe die Erlösungstat Christi erlebt. Seine Seele war frei geworden, weil er die tiefe Erkenntnis gewonnen hatte, dass der Glaube ihn vor Gott gerecht macht. Wofür er „stand“, war größer, als alle menschliche Gerichtsbarkeit, es wies weit über Tod und Leben hinaus. Denn es war das ewige Heil, dessen er sich gewiss war, und er spürte: Christus wird sich zu ihm bekennen, wenn er sich zu ihm bekennt, d.h. wenn er sich ganz auf ihn verlässt und ihm vertraut.

Luthers Zeugnis ist die Grundlage für unsere Kirche, und es ist gut, dass wir das heute feiern. Wir verehren damit keinen Heiligen, aber wir denken an einen Menschen, der mit seiner Standhaftigkeit, seinen brennenden Fragen nach Gott und seinem mutigen Einstehen für seinen Glauben die Kirche tief geprägt hat. Der Reformationstag ruft uns ebenfalls zum freien und furchtlosen Bekenntnis auf und erinnert an die Traditionen, auf die sich die evangelischen Christen gründen.

Und das ist heute genauso wichtig wie damals. Denn nicht alles ist gut geblieben in der Kirche. Wir müssen uns immer wieder reformieren, wie Luther selber gesagt hat.

Und was das bedeutet, können wir uns gut bewusst machen, wenn wir einmal fragen, was denn die Kirche in der jetzigen Krise einbringen kann. Wir haben es ja nicht ganz leicht. Denn auf der einen Seite ist es geboten, dass wir die Schwachen schützen und auf diejenigen Rücksicht nehmen, die am stärksten gefährdet sind. Als Christen sind wir der Nächstenliebe verpflichtet. Insofern ist es gut, wenn die Kirche all die Maßnahmen der Politik, die dazu dienen, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen, gutheißt und beachtet.

Doch das darf nicht dazu führen, dass wir verschweigen, was unseren Glauben genauso ausmacht, und das ist die Gewissheit, dass uns weder Tod noch Leben von Gott trennen kann. Unser Glaube weist weit über dieses Leben hinaus und gibt uns eine Hoffnung und einen Mut, der sich durch nichts erschüttern lässt. Das müssen wir ebenfalls verkünden und leben.

Denn viele Menschen verlieren gerade ihre Zuversicht und ihre Seelenruhe. Sie werden krank, weil sie keine Perspektive mehr sehen, weil sie vereinsamen und an Leib und Seele verarmen. Deshalb ist das Bekenntnis zu einem Gott, der all unsere Not kennt und sie längst für uns überwunden hat, in der jetzigen Zeit genauso wichtig wie die Nächstenliebe. Es sollte klar und auffällig sein. Wir dürfen uns als Christen mit dieser Botschaft nicht verstecken, denn sie ist überlebensnotwendig.

Das schreiben auch unsre Bischöfe. So steht in einem Brief von Gothart Magaard an alle Kirchengemeinden ausdrücklich: „Gottesdienste und Kasualien werden in den kommenden Wochen besonders wichtig sein und können weiterhin gefeiert werden. Wir brauchen Orte und Zeiten, wo Sorgen und Ängste formuliert werden können und Menschen Kraft und Hoffnung schöpfen. Auch im Blick auf Seelsorge sollten wir Menschen im Rahmen der Möglichkeiten so gut es geht begleiten.“ (29.10.2020) Und Bischöfin Fehrs sagte in einer Sendung im NDR: „Hoffnung, Zuversicht, Optimismus, Lebenswillen – das sind die Kräfte, die wir jetzt in dieser Pandemie-Zeit mit all ihren Unwägbarkeiten brauchen. Wenn die Corina-Nachrichten niederdrücken, Existenzangst auslösen oder vielleicht einfach nur nerven, ist hartnäckige Zukunftskraft gefragt.“ Und sogar die Hälfte der gesamten Ärzteschaft hat erkannt, wie wichtig es ist, dass die Menschen die Hoffnung nicht verlieren. „Wir müssen die Menschen mitnehmen, ihnen Mut machen, Angst, Panik und Verbote helfen niemandem. Es ist wichtig, Alternativen aufzuzeigen, denn Hoffnung ist ein besserer Partner als Verzagtheit.“ So steht es in einem Papier, das am Mittwoch vorgestellt wurde.

Und das alles kann uns durch die deutliche Stimme des Evangeliums zukommen. Wir sollten uns als Christen deshalb mutig zu unserem Glauben bekennen. Wir müssen die bewährten Hygiene- und Schutzkonzepte dabei ja nicht missachten. Natürlich ist es wichtig, dass wir weiterhin vorsichtig mit unseren Kontakten umgehen. Aber die Angst sollte uns trotzdem nicht beherrschen.

Im Gegenteil, wir sind aufgefordert, gerade jetzt öffentlich von dem zu reden, was wir glauben, und nicht einfach nur zu schweigen. Das ist in vieler Hinsicht sehr wirkungsvoll und wohltuend. Zunächst einmal bedeutet es ja, dass wir uns nicht von dem beeindrucken lassen, was um uns herum geschieht, sondern von dem, worauf wir vertrauen. Wir konzentrieren uns nicht auf die Nachrichten, nicht auf die Maßnahmen und schon gar nicht auf unsere Sorgen. Wir schieben das alles vielmehr beiseite und machen in unserem Bewusstsein Platz für das Bekenntnis des Glaubens.

Dann füllen andere Gedanken unseren Geist und unsre Seele, als sie uns gerade überall in unsrer Umgebung begegnen. Angst und Verzagtheit weichen der Zuversicht. Hoffnung und Liebe werden lebendig, und unsere Seele weitet sich. Wir fühlen uns frei und atmen auf.

Denn was uns erfüllt und wovon wir überzeugt sind, ist nicht einfach nur eine Idee. Wir haben vielmehr jemanden auf unserer Seite, der stärker ist als alle anderen, den lebendigen Gott, der uns durch Jesus Christus erlöst hat. Wenn wir uns zu ihm bekennen, bekennt er sich zu uns. Er ist dann bei uns, seine Gegenwart wird lebendig und spürbar. Oft denken wir ja, glauben heißt, etwas für Gott zu tun. Doch das ist ein Irrtum. In erster Linie geht es darum, dass Gott etwas für uns tut. Wir müssen einfach nur darauf vertrauen, dass er da ist und dass sein Reich kommt. Dann merken wir, dass er sich an unsere Seite stellt, uns rettet und erlöst.

Und diese Botschaft sind wir der Welt schuldig. Es ist deshalb gut, wenn wir genauso furchtlos wie Luther aufstehen und uns zu „Gott, dem Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ bekennen, und zu „Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn“. Er ist Mensch geworden wie wir, hat gelitten und ist gestorben und wurde begraben. Er stieg bis in das Totenreich hinab. Aber dort ist er nicht geblieben, sondern „am dritten Tage ist er auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel und sitzt nun zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“

Möge der Heilige Geist uns zu diesem Bekenntnis befähigen und uns damit zur „heiligen christlichen Kirche“ machen. Dann haben wir „Gemeinschaft mit allen Heiligen, empfangen die Vergebung unserer Sünden und werden selber auferstehen von den Toten und das ewige Leben ererben.“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis)

Amen.

Gebt Christus Raum im Miteinander

Predigt über Epheser 4, 22- 32: Der neue Mensch

19. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2020, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

In der Beschwerdeordnung der Bundeswehr ist genau geregelt, welche Frist und Form bei einer Beschwerde einzuhalten ist. Es heißt dort in § 6, Absatz 1: „Die Beschwerde darf frühestens nach Ablauf einer Nacht und muss innerhalb eines Monats eingelegt werden, nachdem der Beschwerdeführer von dem Beschwerdeanlass Kenntnis erhalten hat.“ Mit der Nacht ist die allgemeine Ruhezeit gemeint, die von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens dauert. Wenn sich einer also bei dem nächst höheren Vorgesetzten beschweren möchte, muss er erst mal eine Nacht geschlafen haben. Das lernen die Rekruten schon in der Grundausbildung. Es kann dabei um Konflikte zwischen Kameraden gehen oder um Probleme zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, und es betrifft sämtliche Bereiche, persönliche und sachliche.

Und das ist eine uralte Regel, die wir ja auch im zivilen Leben kennen: Wenn ich mich über irgendetwas ärgere oder aufrege, ist es gut, zunächst einmal ruhig zu werden, eine Nacht darüber zu schlafen und erst am nächsten Tag zu reagieren. Denn auf jeden Fall hat sich bis dahin meine Gefühlslage verändert: Eventueller Zorn ist verraucht, und ich sehe die Dinge klarer.

Auch Paulus schlägt in seinen Briefen an vielen Stellen vor, dass wir nicht wütend und aufgebracht, sondern ruhig und besonnen miteinander umgehen sollen. So z.B. am Ende des Epheserbriefes. Er schreibt in Kapitel vier Vers 22- 32:

Epheser 4, 22- 32
22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen
27 und gebt nicht Raum dem Teufel.
28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Das ist heute unser Predigttext. Es ist ein Teil der Ermahnungen zu einem christlichen Lebenswandel, die die zweite Hälfte des Epheserbriefes bilden. Paulus gibt dort Ermutigungen und Anregungen, wie die Christen leben sollen, damit sie die wahre Gemeinde des Herrn werden. Das Leben verändert sich durch die Taufe und die Zugehörigkeit zu Christus. Der Mensch legt „seinen früheren Wandel“ ab und „erneuert sich in seinem Geist und Sinn, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

Davon ist Paulus überzeugt, und so gibt er klare und konkrete Anweisungen für die Lebensführung. Er lehnt alle „trügerischen Begierden“ ab, „Lüge, Diebstahl, faules Geschwätz, Bosheit, Bitterkeit und Grimm, Zorn, Geschrei und Lästerung.“ Davon sollen wir uns lossagen, d.h. es beseitigen und abschaffen. Dagegen setzt er Wahrheit, Rechtschaffenheit, gute Rede und den Dienst am Nächsten. Er sagt zum Schluss unseres Abschnittes: „Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass all das wichtig und notwendig ist. Er macht nicht nur Vorschläge, sondern er belehrt und ermahnt die Leser und Leserinnen. Denn Paulus sieht eine Gefahr: Wenn wir das nicht tun und in der Sünde verharren, „richten wir uns selber zu Grunde“. Wir geben „Raum dem Teufel“, d.h. wir lassen böse Kräfte zu, die uns beherrschen und vernichten können. Es ist also nicht beliebig, ob wir uns in dieser Weise in Gottesfurcht üben oder nicht. Wir können einander zum Fluch oder zum Segen werden, und natürlich möchte Paulus, dass der Segen sich durchsetzt. Das ist sein Anliegen: Die Gemeinde soll von Freude gekennzeichnet sein, von Dankbarkeit und Gnade.

Dabei ist das, was er hier sagt, nicht neu. Es entspricht sowohl jüdischem als auch griechischem Denken. Da finden wir ebenfalls Weisungen für ein gedeihliches Miteinander. Es gibt Tugend- und Lasterkataloge, die aufzählen, was zu unserem Heil bzw. zum Untergang führt. Und es ist bis heute aktuell. Menschen brauchen solche Regeln, wenn ihr Zusammenleben gelingen soll. Nicht nur die Bundeswehr hat das erkannt, es gilt genauso in der Familie, im Kollegenkreis, in der Nachbarschaft, in der Gesellschaft usw.

Denn es gibt immer und überall Konflikte, Streit und Ungerechtigkeit. Ich kann mich übergangen fühlen, missachtet oder betrogen. Jemand anders verletzt oder enttäuscht mich, ich werde bevormundet, klein gemacht, beleidigt oder was auch immer. Und dadurch entstehen dann all die negativen Gefühle und Regungen, die Paulus aufzählt: „Bitterkeit, Wut und Zorn“. Und die führen zu „Geschrei, Lästerreden und Boshaftigkeit“. Meistens ist es dann so, dass der oder die Lautere gewinnt. Zu einer Klärung kommt es dabei nicht, geschweige denn zu einer Beilegung des Konfliktes. Das gelingt nur, wenn wir „freundlich miteinander umgehen, Erbarmen zeigen und bereit sind zu vergeben“. Und dafür brauchen wir einen gewissen Abstand zu dem Vorgefallenen, wir müssen uns erst einmal beruhigen, die Gefühle in den Griff bekommen und wieder klar denken. Erst dann ist es möglich, aufeinander zuzugehen und Konflikte ins Reine zu bringen.

Das sind wie gesagt Erkenntnisse, die wir überall finden. Trotzdem sind sie natürlich nicht ganz einfach umzusetzen. Oft brauchen wir dazu die Hilfe von jemand Außenstehenden, und die gibt es zum Glück. Es ist sogar eine klar definierte Aufgabe oder sogar ein Beruf. Bei der Bundeswehr übernehmen das die sogenannten „Vermittler“, in der Politik oder in der Rechtsprechung können es „Schlichter“ sein, und im therapeutischen Bereich die „Berater“. Sie helfen uns, unsere Probleme zu bewältigen und zu Lösungen zu kommen.

Aber ist das nun alles, was Paulus uns hier vorschlägt. Geht es ihm einfach nur darum, dass unser zwischenmenschliches Leben glatt läuft und gut funktioniert? Dann wäre das, was er hier sagt, ja so etwas wie ein Übungsprogramm, eine bestimmte Moral und Ethik, und wir fragen uns: Wollen wir das überhaupt hören? Wer kann das denn hinkriegen? Ist das nicht ein viel zu hoher Anspruch? Für die Bundeswehr kann es ja sein, dass die Abläufe so streng geordnet werden, aber soll es überall so militärisch zugehen? Sollen wir uns immer zusammenreißen und versuchen, uns so gut und anständig wie möglich zu verhalten? Das kann doch nicht die Botschaft von Paulus sein!

Und in der Tat geht es Paulus letzten Endes um noch etwas ganz anderes. Was das ist, erfahren wir am Ende unsers Textes, denn da bezieht er sich auf Christus. Mit ihm begründet er seine Ermahnungen, und Christus ist auch der, durch den das alles überhaupt möglich wird. Der letzte Halbsatz lautet nicht umsonst: „wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Damit erinnert Paulus daran, dass wir als Christen eine ganz wichtige Voraussetzung haben. Wir verlassen und gründen uns in allem auf Christus. Er hat auf jeden Fall so gelebt und gehandelt, wie Paulus es hier beschreibt. D.h. er ist immer freundlich zu uns, er vergibt uns und hat Erbarmen. Jesus hat einen heiligen Lebenswandel geführt und verkündet, und um ihn geht es Paulus, um seine Gegenwart und Kraft. Paulus lädt uns ein, auf Jesus Christus zu schauen und seinen Geist zu empfangen. Nur dann kann es gelingen, dass wir „neu werden“.

Und jetzt komme ich auf den Anfang zurück: Dazu kann die Nacht dienen, die wir zwischen einen Vorfall und unsere Reaktion einschieben. Nachts sind wir nicht mehr abgelenkt und können uns alle negativen Regungen, die in uns sind, anschauen: unseren Unwillen, eine seelische Hitze oder ungute Leidenschaft. Und wir haben dann viel Zeit, in der sich das alles legen kann.  

Das scheint beim ersten Hören nicht ganz zu dem zu passen, was Paulus in unserem Text an einer Stelle erwähnt. Da steht nämlich, dass wir „die Sonne nicht über unserem Zorn untergehen lassen sollen“. Darunter stellen wir uns vor, dass wir noch vor dem Abend alles klären sollten, was uns von anderen trennt. Und das klingt etwas anders als die allgemeine Weisheit, erst einmal eine Nacht zu schlafen, bevor es weitergeht. Aber so stark unterscheiden sich die beiden Anweisungen gar nicht voneinander, sie liegen sogar ziemlich dicht zusammen. Denn auch Paulus sagt damit, dass wir uns beruhigen sollen, und er weiß, dass das ein paar Stunden dauern kann. Ob es nun vor oder nach dem Sonnenuntergang geschieht, ist gar nicht so entscheidend. Wichtig ist einfach nur, dass wir unseren „Zorn“ ablegen. Und das kann gut gelingen, wenn uns nichts anderes mehr stört.

Wir können dann auch am besten die Hilfe in Anspruch nehmen, die da ist. Sie kommt von Christus. Er ist gegenwärtig und mit ihm seine unendliche Liebe und Barmherzigkeit. Die erleben wir, wenn wir uns einfach nur vor ihn stellen und ihn um Hilfe bitten. Wir lösen uns damit ganz von selber von dem, was uns gefangen hält, und legen es ab. Das Erbarmen Christi zieht in uns ein und verwandelt uns. Wir müssen den Zorn nicht mit in den Schlaf nehmen, sondern gehen mit guten Gedanken und Empfindungen in die Nacht. Am nächsten Morgen fühlen wir uns dann neu und befreit. Und wenn das geschieht, ist es gar nicht mehr schwer, dass wir uns auch liebevoll und barmherzig verhalten. Die Freundlichkeit kann siegen, ganz gleich, wie jemand anders mich behandelt hat.

Und das Schönste daran ist: Christus wird lebendig in unserem Miteinander, er kommt wirklich vor und wirkt in unsere Beziehungen hinein. Paulus sagt das Ganze ja, um deutlich zu machen, wie die christliche Gemeinde beschaffen ist und wodurch sie sie sich auszeichnet: Sie ist der „Leib Christi“, sein Geist ist darin lebendig, seine Gegenwart wird wirklich und wahr. Und das geschieht, wenn alle Gemeindeglieder versuchen, ihm Raum zu geben. Dann hat der „Teufel“ keinen Platz, und der „Tag der Erlösung“ kann kommen.

Amen.

Tragt Gottes Liebe in die Welt

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1- 7: Die Wahl der sieben Diakone

13. Sonntag nach Trinitatis, 6.9. 2020, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Nun leben wir bereits ein halbes Jahr mit der Corona-Pandemie, und das Ende der Krise ist nicht in Sicht. Das macht viele Menschen mürbe und ungeduldig, traurig und seelisch krank.

Doch das ist nur die eine Seite. Wie jede Notlage, so birgt auch diese Krise Chancen. Das hat sich bereits vielfach gezeigt: Im Kulturbereich, in Geschäften und auch in der Kirche ist ganz viel Kreativität und Flexibilität freigesetzt worden. So hat das Schleswig-Holstein-Musik-Festival phantasievolle Wege ausprobiert, und es war wunderbar, was dabei herausgekommen ist. In der Gastronomie wurden neue Modelle der Bewirtung von Menschen mit leckeren Speisen erfunden. Und auch bei den Gottesdiensten in unseren Gemeinden ist viel in Bewegung gekommen, das Geist und Seele anregt und unseren Glauben erfrischt. Wir alle reagieren damit auf die Notlage und nutzen die Krise als Chance.

Und das mussten Menschen schon immer. Bereits den Aposteln in der Urgemeinde erging das so. Wir können das in der Apostelgeschichte lesen. Dort steht in Kapitel sechs:

Apostelgeschichte 6, 1- 7

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Das ist unser Predigttext von heute, und in dem ist gleich am Anfang von einer Krise die Rede. Sie war zwar vergleichsweise klein, aber es gab einen Konflikt: Und zwar war nicht lange nach der Entstehung in der Jerusalemer Gemeinde ein Missstand eingetreten. Es ging um die „tägliche Versorgung“. Davon ist hier die Rede. Wir können daraus schließen, dass jeden Tag in der Gemeinde Nahrungsmittel an alle verteilt wurden. Es heißt ja auch in Kapitel zwei: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg.2,44-46) Es wurde also jeden Tag gleichmäßig verteilt, was die Menschen für ihren Lebensunterhalt brauchten. Keiner sollte hungern oder Mangel leiden. Die Armen wurden von den anderen mit bedacht, und alle hatten genug.

Doch nun gab es eine besonders bedürftige Gruppe von Menschen, die nicht in diese Versorgung einbezogen war. Das waren die Witwen der griechischen Juden, also Frauen, die ihre Männer verloren hatten und in Jerusalem fremd waren. Sie hatten keine Verwandten vor Ort und damit keine Großfamilie um sich, und sie wurden übersehen. Das war hier der Missstand, und darüber beschwerten sich ihre Landsleute bei den Aposteln, den Leitern der Gemeinde.

Und die reagierten daraufhin ganz kreativ und praktisch. Zunächst riefen sie eine Gemeindeversammlung ein und trugen das Problem vor. Es war offensichtlich organisatorischer Art. Denn die Apostel selbst hatten keine Zeit, auch noch diese Aufgabe zu übernehmen. Sie versahen bereits den „Dienst am Wort“, und der sollte auch nicht zu kurz kommen. Die Gemeinde war ja noch jung, und es war ihnen wichtig, dass das Wort Gottes weiter gepredigt wurde. Der Glaube musste gefestigt werden. Außerdem kamen immer noch mehr Menschen hinzu. Die Gemeinde wuchs und wurde größer, und das sollte auch so bleiben.

Doch der „Tischdienst“, wie es wörtlich heißt, war ihnen ebenfalls wichtig. Sie hielten das Anliegen, dass alle Armen versorgt wurden, für vollkommen berechtigt, und deshalb brauchten sie Helfer, Männer, die bereit waren, sich um die diakonischen Aufgaben zu kümmern. Die sollten auf dieser Versammlung nun gewählt werden. So wurden sieben kluge Männer mit einem guten Ruf bestimmt, die vom Geist Christi erfüllt waren. Unter Handauflegung und Gebet wurden sie für ihren Dienst eingesetzt.

Das ist die Geschichte, die wir heute bedenken, und sie macht einiges deutlich, was für unseren Glauben, in der Gemeinde und in der Kirche wichtig ist.

Zunächst einmal sehen wir, dass das Evangelium keine bloße Ideologie ist. Es war den Aposteln zwar wichtig, dass das die Lehre Jesu gepredigt wurde, aber es blieb nicht einfach nur beim Wort. Das Reden und Zuhören war lange nicht alles, was das Gemeindeleben ausmachte.

Und das müssen auch wir uns zu Herzen nehmen, denn leider tendiert unser Glaube oft dahin, eine bloße Kopfsache zu sein. Er besteht aus guten Gedanken, die wir aufschreiben und über die wir uns unterhalten. Es gibt Lehrsätze, Geschichten und Bekenntnisse. Das ist zwar alles schön und gut und bildet auch die Grundlage, aber unsere Dogmen können uns auch starr und unbeweglich machen. Sie lassen uns rückwärtsgewandt sein oder verleiten uns zu Zukunftsvisionen. Und all das ist gefährlich, denn entscheidend ist das, was jetzt in unserem Leben und in der Gesellschaft geschieht. Der Glaube ist etwas Lebendiges und Gegenwärtiges, er reagiert auf die jeweilige Situation. Er macht offen und handlungsfähig, beweglich und kreativ. Im Glauben nehmen wir jeden Tag aus Gottes Hand und sehen, was er uns schenkt.

Es gibt um uns herum und auch in unserem eigenen Leben viele Nöte: Armut und Einsamkeit, Traurigkeit und Verlassenheit, Hunger und Krankheit. Wer an Jesus Christus glaubt, sieht das alles, lindert es und schafft Abhilfe. Das ist der erste Punkt, der an unserer Geschichte deutlich wird.

Als zweites sehen wir, dass christlicher Glaube immer etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Keiner und keine kann ganz für sich alleine das Evangelium leben. Es führt uns zusammen und lässt uns füreinander da sein. Christen unterstützen sich gegenseitig, sie teilen und helfen, nehmen Rücksicht und dienen einander. Dabei wird hier sehr schön deutlich, dass nicht alle alles machen müssen. Es gibt verschiedene Begabungen und Veranlagungen. Die einen sind mehr zum Predigen geeignet, die anderen mehr für die Armenpflege. Außerdem ist klar, dass es keine Unterschiede gibt. Das Evangelium und die Nächstenliebe gelten allen gleichermaßen. Es werden keine Grenzen gezogen, niemand wird ausgeschlossen. Alle sind füreinander da. Das ist der zweite Punkt.

Und damit könnte alles gesagt sein, doch es gibt noch etwas Drittes, das wichtig ist, und das ist der Grund für unser Handeln. Es geht hier nämlich nicht nur um Mitgefühl und Kontaktfreudigkeit. Tatkraft und Hilfsbereitschaft haben ja auch viele Menschen, die gar nicht an Jesus Christus glauben. Das macht die christliche Gemeinde also noch nicht aus. Sie ist nicht bloß eine Einrichtung, die sich um soziale Belange und die Hilfsbedürftigen kümmert.

Wir leben vielmehr in der Nachfolge Jesu Christi und bezeugen, dass er durch seine Liebe unser Leben erneuert hat. Die Gegenwart Jesu Christi motiviert uns, mit unserem ganzen Leben seinem Vorbild zu folgen. Die Grundlage bleibt das Evangelium. Deshalb war es den Aposteln auch so wichtig, dass sie weiterhin genug Zeit hatten, es zu verkündigen. Sie wollten, dass das Wort Gottes den Lebensstil prägt und das Miteinander immer wieder korrigiert. Der Blick sollte frei bleiben für das, was Jesus Christus schenkt.

Und das ist deshalb wichtig, weil die Hilfe, die wir anbieten, dadurch eine Qualität erhält, die es woanders so nicht gibt. Denn wir bringen den Menschen die Liebe Christi, sie kommen durch uns in Berührung mit Gott. Und das ist deshalb gut, weil ihnen das letzten Endes am meisten fehlt, auch wenn sie es gar nicht wissen. Jeder und jede sehnt sich nach einer Liebe, die über Zeit und Raum hinaus weist, die noch mehr beinhaltet, als bloße Mitmenschlichkeit, die eine andere Tiefe und Weite hat. Sie suchen eine ewige Hoffnung und eine Zuversicht, die in jeder Notlage, ja selbst im Sterben noch trägt. Und die gewinnen sie nur durch Jesus Christus.

Es ist also gut, wenn wir uns immer wieder fragen: Ist das Evangelium wirklich die Grundlage meines Lebens? Hat Jesus Christus meinen Geis erneuert? Frage ich täglich nach seinem Willen und stehe ich ihm zur Verfügung? Wenn wir uns so prüfen, kommt alles vor, was Jesus Christus gewollt hat. Dann bleiben wir wach und offen, sehend, kreativ und praktisch. Wir werden fähig zur helfenden Tat, die von echter Liebe erfüllt ist und sich aus Gottes Liebe speist. Sie bringt den Menschen die Ewigkeit. Und das ist das, was wir in der jetzigen Krise als Kirche einbringen können. Wir haben die Chance, mit unserem ganzen Leben zu bezeugen, dass Jesus Christus lebt und alle Menschen liebt.

Es gibt eine Heilige, die auch evangelische Christen als Sinnbild für die tätige Nächstenliebe verehren. Das ist Elisabeth von Thüringen. Sie lebte im 13. Jahrhundert, und von ihr gibt es folgende Legende:
„Als Elisabeth eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch, und im Korb liegen Rosen statt des Brotes für die Armen.“

An diese Geschichte erinnert der katholische Theologe Claus-Peter März mit dem folgenden Lied:

1. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht,
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe die alles umfängt,
in der Liebe die alles umfängt.

2. Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

3. Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

4. Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt
und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

5. Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

 (1985)

Amen.

 

Jesus reinigt unsre Seele

Im Gottesdienst wurde ein vierjähriger Junge getauft.

Predigt über Johannes 13, 1- 15: Die Fußwaschung

Sommerpredigt Wasser IV: Wasser reinigt
16.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Johannes 13, 1- 15

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wusste, dass ihm ader Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Liebe Gemeinde.

Zu Weihnachten und am Geburtstag bekommen wir Geschenke, manchmal auch noch zu Ostern. Du, Leander, hast auch noch ganz schön viel von deinem alten Kindergarten geschenkt bekommen, als du da verabschiedest wurdest. Mit dem Jahrestag der Taufe ist das anders, da schenken wir uns normalerweise nichts. Wir feiern ihn ja auch nicht, und viele von euch wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, wann ihrer überhaupt ist.

Dabei ist er eigentlich auch ein Feier- und Geschenketag, denn bei der Taufe geschieht etwas sehr schönes und großes, das für unser ganzes Leben wichtig ist: Jesus schenkt uns bei der Taufe nämlich seine Liebe und Hilfe, den Glauben und das Vertrauen, Vergebung und Kraft. Er tut für uns das, was er auch für seine Jünger getan hat, als er sich von ihnen verabschiedete. Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie erzählt uns, wie er ihnen die Füße wusch.

Er tat das, bevor er das letzte Mal mit ihnen zusammen Abendbrot aß. Er wusste da bereits, dass er in der kommenden Nacht gefangen genommen und hingerichtet werden würde. „Er war zu der Gewissheit gelangt, dass seine Stunde gekommen war und er die Welt verlassen und zum Vater gehen sollte“, wie es heißt. (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christine Nord, Frankfur a.M., 2003, S. 343f)  Und er hat die Fußwaschung ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt gemacht. Er wollte seinen Jüngern noch einmal zeigen, dass er sie liebte, und er wollte ihnen damit auch ein Vorbild für ihren Dienst aneinander geben. Das erklärte er ihnen am Ende.

Aber vorher „erhob er sich vom Mahl, zog sein Gewand aus und legte sich ein Tuch um die Lenden wie ein Sklave. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Lendentuch abzutrocknen.“ (s.o.) So wird es hier beschrieben. Die Fußwaschung selbst war dabei nichts besonderes, das geschah damals immer, wenn man ein Haus betrat und sich zum Essen versammelte. Die Füße waren ja meistens staubig von der Reise, man ging normalerweise zu Fuß und trug nur Sandalen. Ein Sklave wusch den Gästen deshalb den Staub von den Füßen. Das war wie gesagt normal. Aber dass Jesus das jetzt tat, das war ungeheuerlich. Gerade im Johannesevangelium wird überall betont, dass er der Gottessohn ist, dem alles zu Füßen liegt. Und der verrichtete hier einen Sklavendienst!

Deshalb protestierte Petrus auch. Er konnte das nicht ertragen. Zweimal wehrte er sich dagegen, und zweimal musste Jesus ihm erklären, warum er das machte. Seine zweite Antwort war sogar eher eine Warnung: „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, dann bekommst du nichts ab von dem, was ich bin“, sagte er. (s.o.) Er machte also deutlich, dass es nicht nur irgendein Liebesdienst war, den er hier ausübte, sondern die Fußwaschung war ein Gleichnis für das, was er den Menschen sowieso schenken wollte. Und das war in Wirklichkeit noch viel mehr. Denn es waren die Ewigkeit und die Liebe Gottes, und damit die Hoffnung und die Zuversicht. Wenn Petrus sich das also nicht gefallen gelassen hätte, wäre er nicht zu Gott und in den Himmel gekommen. Das hatte Jesus ihnen immer beigebracht, das war die ganze Zeit sein Thema gewesen, und die Jünger waren ihm deshalb auch nachgefolgt. Sie wollten dieses Geschenk von ihm haben. Mit der Fußwaschung zeigte Jesus ihnen nun, dass er ihnen das wirklich gab. Er hat nicht nur darüber gepredigt, sondern er machte es auch wahr. Am Ende verstand Petrus das dann schließlich und ließ es deshalb zu, dass Jesus ihm die Füße wusch.

Aber die Geschichte ist damit nicht zu Ende, es folgt noch eine zweite Erklärung von Jesus. Er sagte: „Als Herr und Lehrer habe ich euch die Füße gewaschen, und nun müsst ihr euch auch gegenseitig die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr genauso handelt wie ich.“ (s.o.) Er verpflichtete seine Jünger also zu Hilfsbereitschaft und zu selbstloser Liebe.

Und damit sind auch wir angesprochen. Wir sollten uns die beiden Erklärungen ebenfalls zu Herzen nehmen. Dabei finde ich es allerdings wichtig, dass wir sie hintereinander beachten. Möglicherweise liegt uns die zweite Deutung nämlich näher: Dass wir als Christen hilfsbereit und liebevoll sein sollen, das wissen wir und das finden wir auch wichtig. Es ist ja auch relativ einfach, weil es eine klare Handlungsanweisung ist. Wir werden zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert. Uns wird gesagt, was wir tun sollen. Und über so etwas sind wir meistens froh. Es ist praktisch und verständlich. Außerdem ist es schön, anderen zu helfen, denn wir werden dadurch zu guten Menschen und finden viel Anerkennung. Wir sind mit uns selber zufrieden und haben ein gutes Gewissen. Wir können mit dem Beispiel Jesu also etwas anfangen.

Aber ganz so einfach ist das alles leider nicht, denn wir bekommen es gar nicht immer hin, wirklich gut und liebevoll zu sein. Wir schaffen es überhaupt nicht, immer alles richtig zu machen. Und das ist auch nicht der Sinn unseres Glaubens. Das zeigt uns diese Geschichte sehr schön. Jesus sagt uns hier, dass das erste, was im Glauben zählt, nicht unsre Taten sind. Es beginnt vielmehr damit, dass er etwas für uns tut. Unserem Dienst an den anderen geht der Dienst Jesu an uns vorweg. Den müssen wir uns erst einmal gefallen lassen und den dürfen wir auch nicht überspringen. Sonst wird unsere Nächstenliebe zur Werkgerechtigkeit, und die hat Jesus ganz bestimmt nicht gemeint. Wir sollen nicht einfach nur gute Werke tun, sondern erst einmal ein Geschenk von ihm empfangen, und zwar das Geschenk seiner Liebe und Barmherzigkeit.

Und das ist deshalb nicht ganz einfach, weil es Demut und Selbstüberwindung erfordert. Wir müssen dafür nämlich zugeben, dass wir im Leben Fehler machen, dass wir nicht immer optimal miteinander umgehen, nicht perfekt sind und manchmal versagen. Darin besteht hier die Schwierigkeit, denn das geht uns gegen den Strich. Unser Stolz will diesen nüchternen Blick auf unser Leben am liebsten verhindern. Wir müssen sozusagen auf den Boden kommen. Und das tut manchmal weh. Wir täuschen uns und die anderen ganz gerne über unsere Fehler und Schwächen hinweg. Wir überspringen diesen Punkt lieber. Denn so angenehm ist das nicht. Wir akzeptieren unsere schlechten Seiten eben nicht richtig.

Aber genau damit hat Jesus ein Ende gemacht. Er will nicht, dass wir erst einmal zu guten Menschen werden, sondern er liebt uns so, wie wir sind. Wir müssen uns vor ihm nicht schämen oder verstecken. Denn er nimmt uns auch mit unseren Fehlern an und wäscht den Dreck ab, den wir in unserer Seele haben. Das müssen wir uns einfach nur klar machen und uns gefallen lassen. Dann passiert das, was hier in der Geschichte vorkommt: Wir werden innerlich gereinigt, an Seele und Geist. Es beginnt damit, dass wir uns entspannen können. Die Anstrengung fällt von uns ab. Der Leistungsdruck verschwindet, und das tut gut. Wir werden ruhig und nüchtern. Wir werden plötzlich mit einer ganz anderen Kraft erfüllt, als unserer eigenen.

Die Taufe ist dafür ein sehr schönes Ritual. Es ist das Ereignis, bei dem Jesus uns seine Liebe schenkt, für unser ganzes Leben. Wir müssen sie nur empfangen. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir bei der Taufe passiv sein und uns etwas gefallen lassen. So wie die Jünger es auch waren, als Jesus ihnen die Füße wusch. Das Wasser der Taufe erinnert uns daran. Es ist ein Symbol für die Reinigung. Jesus „wäscht damit unsere Seele“, er vergibt uns alle Schuld und nimmt uns die Sünden ab.

Und daraus folgt dann das Zweite, nämlich dass wir so auch miteinander umgehen sollen. Die Nächstenliebe ist eine Wirkung der Liebe Jesu. Die Kraft und die Liebe, die wir durch Jesus empfangen, die können und sollen wir natürlich weitergeben. Sie prägt unser Miteinander. Es wäre ja auch widersinnig, wenn das nicht geschehen würde. Aber wir sollten die richtige Reihenfolge beachten, denn nur dann wird unsere Nächstenliebe so, wie Jesus es gemeint hat. Sie ist dann nicht das angestrengte Werk, das mich gerecht macht, sondern ein Ausdruck des Geschenkes, das ich bekommen habe. Sie kommt nicht aus dem Kopf oder dem Willen, sondern vom Herzen. Sie entspringt in unserem Inneren und fließt aus uns heraus.

Dieser Zusammenhang kommt auch sehr schön in dem Taufspruch von Leander zum Ausdruck. Er lautet: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk. 9,23) Das hat Jesus einmal zu einem Mann gesagt, dessen Sohn krank war. Er wollte, dass er wieder gesund wurde, und er glaubte, dass Jesus das tun konnte. Und so geschah es dann auch, der Junge wurde geheilt.

Und das heißt für uns: Wer sich an Jesus wendet, bekommt immer eine Antwort. Er muss nie aufgeben und kann jederzeit neu anfangen. Er bekommt Kraft für alle seine Vorhaben, er wird gesund und stark, zuversichtlich und ruhig. Und er wird mit Liebe für seine Mitmenschen erfüllt, das Leben kann gelingen.

Das alles wird dir, Leander, heute geschenkt. Und das ist etwas ganz Großes. Wir alle haben bei unsrer Taufe dieses Geschenk bekommen. Es lohnt sich also, dass wir uns taufen lassen, und dann jedes Jahr an diesen Tag denken und ihn feiern.

Amen.

 

Jesus gibt uns „mehr als alles“

Im heutigen Gottesdienst wurde eine Jugendliche getauft, nächsten Sonntag feiern wir die Taufe eines kleinen Jungen. Das hat mich auf eine Predigtreihe über Wassergeschichten aus der Bibel gebracht, denn Wasser spielt bei der Taufe ja eine Rolle. Es erinnert an vieles, auch daran, dass Jesus einmal gesagt hat: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ Das sagt er in einem Gespräch mit einer Samariterin, die er einmal an einem Brunen traf. Die Geschichte steht im Johannesevangelium, und der Anfang daraus war heute der Predigttext.

Predigt über Johannes 4, 1- 14: Jesus und die Samariterin

Sommerpredigt Wasser III: Jesu ist das lebendige Wasser
9.8.2020, 9.30 Uhr Lutherkirche

Johannes 4, 1- 14

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes
2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –,
3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.
4 Er musste aber durch Samarien reisen.
5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.
6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.
7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.
9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?
12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;
14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Liebe Gemeinde.

„Es muss im Leben mehr als alles geben“. So lautet der Titel eins Kinderbuches von dem amerikanischen Autor Maurice Sendak. 1962 hat er es geschrieben, und es enthält eine wunderbare Geschichte, in der wir uns alle wiederfinden können. Sie handelt von dem Hund namens Jennie, der buchstäblich „die Schnauze voll hat“. Eigentlich hatte Jennie alles, was ein Hund sich wünschen kann. Sie schlief auf einem runden Kissen im oberen und auf einem viereckigen im unteren Stockwerk. Sie hatte zwei Fenster, um nach draußen zu schauen, zwei Schüsseln für ihr Futter und vieles mehr. Auch hatte sie einen Herrn, der sie liebte. Doch das kümmerte Jennie wenig. Eines Nachts packte sie alles, was sie besaß, und blickte zum letzten Mal zum Fenster hinaus. Selbst die Topfpflanze konnte sie nicht daran hindern, fortzulaufen. „Du hast doch alles, was ein Hund sich wünscht. Warum läufst du dann fort?“ fragt sie. „Weil ich unzufrieden bin. Ich wünsche mir etwas, was ich nicht habe. Es muss im Leben noch mehr als alles geben.“ Antwortete Jennie und lief davon. (https://kulturbeschau.blogger.de/stories/1431724/)

Die Geschichte handelt also von der Unruhe des Herzens, und das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann einmal macht: Wir könnten zufrieden sein mit dem, was wir haben, was wir uns leisten können, besonders wenn wir uns mit den Menschen dieser Erde vergleichen, die am Rande des Existenzminimums leben. Aber wir sind es nicht. Wir haben einen unstillbaren Durst nach etwas, das „mehr als alles“ ist.

Und das wusste auch Jesus. Ihm war klar, dass wir noch viel mehr zum Leben brauchen, als wir oft meinen. Das normale Wasser reicht nicht, um unseren Durst zu löschen. Mit diesem Bild erklärte er das einmal einer Frau, die er an einem Brunnen traf. Er unterhielt sich mit ihr über das „wahre Wasser des Lebens.“ Das Gespräch steht im Johannesevangelium, und wir haben den Anfang davon eben gehört.

Jesus kam in der Mittagshitze erschöpft bei diesem Brunnen an und setzte sich zum Ausruhen auf den Rand. Dann kam die Frau, um dort wie gewohnt Wasser zu schöpfen, und Jesus sprach sie an. Das war ungewöhnlich, und brachte die Frau in Verlegenheit. Denn die beiden waren allein dort, und diese Situation war aus zwei Gründen für beide schwierig: Erstens sprach – nach damaliger Sitte – ein jüdischer Mann nicht eine Frau an, und zweitens herrschte zwischen Juden und Samaritern Feindseligkeit. Jeglicher Kontakt war verboten.

Darauf wies die Frau Jesus zunächst hin, doch er ignorierte das. Er wollte mit ihr sprechen und eröffnete den Dialog mit der Bitte um Wasser. Dabei ging es ihm von Anfang an um das, was er ihr – und damit allen Menschen – geben kann. Er nannte es geheimnisvoll „lebendiges Wasser“. Die Bitte war also nur ein Vorwand, um dieses Symbol einzuführen.

Das merkte die Frau allerdings nicht, sie wunderte sich nur über diesen Fremden und missverstand ihn. Natürlich dachte sie daran, dass er das frische Quellwasser meinte. Warum war er dann aber ohne Schöpfgerät gekommen? Sie redeten aneinander vorbei, denn Jesus verstand unter „lebendigem Wasser“ etwas anderes, das einen tieferen Sinn hat. Er sagte: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Um diese Botschaft ging es ihm, und sie bedeutet: „Ich kann dir etwas schenken, das ewig bleibt. Du wirst keinen Durst mehr haben, wenn du das empfängst.“ Jesus sprach von einem Wasser, das im Inneren des Menschen zu einer Quelle wird, die zum ewigen Leben sprudelt.

Und das dürfen wir auch auf uns beziehen: Wenn wir an ihn glauben, wird unser Lebensdurst und unsere Sehnsucht nach der Ewigkeit gestillt. Wir müssen nicht auf noch mehr oder etwas Besseres warten. Es gilt vielmehr, in vollen Zügen das aufzunehmen, was Jesus uns gibt. Er kann uns ganz erfüllen, und dadurch können wir selber zu einer Quelle lebendigen Wassers werden.

Doch was bedeutet das nun? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst bewusst machen, wie wir meistens leben, und wovon unser Verhalten geprägt ist. Es ist oft so ähnlich wie bei dem kleinen Hund Jennie, der zwar alles hatte, aber noch mehr wollte. So geht es uns auch. Obwohl wir viel haben, begehren wir fast immer noch mehr. Wir haben Bedürfnisse, die wir befriedigen möchten, und das versuchen wir dann. Wir meinen, dass wir etwas unbedingt haben müssen, wenn wir glücklich sein wollen. Deshalb konsumieren und reisen wir, verdienen Geld, treffen Menschen, feiern Partys, lesen Bücher usw. Wir denken, „unser Durst wird gelöscht“, wenn wir das alles machen.

Das ist der Punkt, an den Jesus mit seinem Vergleich anknüpft. Er sagt, dass wir von dem natürlichen Wasser immer wieder trinken müssen, und damit stellt er das normale Begehren in Frage. Er macht auf die Nachteile aufmerksam, die alles Materielle und Menschliche, alles Weltliche und Irdische hat. Und darüber lohnt es sich einmal nachzudenken. Es stimmt nämlich, dass wir nie ganz zufrieden sind, wenn wir nur das suchen und haben wollen. Wir brauchen davon immer mehr, das Begehren hört nie auf.

Ein zweites Problem besteht darin, dass alles Irdische irgendwann vergeht. Was wir in unserem Leben erreichen oder aufbauen, kann wieder zerbrechen, nichts hält ewig. Und dazu gehören nicht nur Dinge, sondern auch Beziehungen, Freundschaften und Ehen. Ebenso Fähigkeiten, Ideen und Pläne, Gedanken und Vorstellungen. Alles, was wir aus uns selber heraus schaffen, kann kaputt gehen. Das ist das zweite Problem.

Und die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass das Trachten nach den Dingen anstrengend ist, es kostet Kraft und Geld und laugt uns aus. Irgendwann sind wir davon erschöpft und müde.

Es lohnt sich also, das Wasser zu trinken, das Jesus uns gibt, denn es stillt unseren Durst wirklich, es vergeht nicht und schenkt uns Kraft. Doch wie geht das nun? Welche Folgen hat das für unsere Lebensführung und für unser Handeln? Das müssen wir uns als letztes fragen.

Und dazu ist es gar nicht schlecht, wenn wir uns noch einmal den kleinen Hund in Erinnerung rufen. Er hat sich auf den Weg gemacht und alles hinter sich gelassen, was ihn bis dahin gebunden hat. Er hat Abschied genommen und sein bequemes zu Hause verlassen. Und das können wir bildlich verstehen: Auch wir müssen uns aufmachen.

Wenn wir Jesus wirklich in uns aufnehmen wollen, ist es wichtig, dass wir all die anderen Quellen einmal verlassen. Wir wollen ja etwas Größeres und Bleibendes gewinnen, und dazu müssen wir das Kleinere und Vergängliche gelegentlich bei Seite lassen, es ignorieren und daran sozusagen vorbeigehen.

Es gibt eine große Heilige aus dem 16. Jahrhundert, Teresa von Avila, die in vielen Schriften sehr schön dargestellt hat, wie wir Jesus in uns aufnehmen können. Sie hat dafür auch oft das Bild vom Wasser benutzt. An einer Stelle sagt sie: „Alle Ratschläge, die ich euch in diesem Buch gegeben habe, zielen auf einen einzigen Punkt: dass wir uns von allem gelöst ganz dem Schöpfer schenken und unseren Willen in den seinen fügen. Dann wird der Weg kurz, auf dem wir zum Quell lebendigen Wassers gelangen. Aber nur der wird daraus trinken, der seinen Willen so ganz dem Herrn übergibt, dass dieser ihn gänzlich mit dem seinen in Übereinstimmung bringen kann.“ (Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib – und obendrein kein Gutes“, ein Portrait der Heiligen in ihren Texten, ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Erika Lorenz, Freiburg i. Br. 1989, S. 79)

Es geht also darum, dass wir uns Gott hingeben. Wir müssen aufhören, uns selber glücklich machen zu wollen. Und dazu gehört es, dass wir all das, was uns fehlt, zunächst einmal akzeptieren, unseren inneren Durst aushalten, ohne ihn gleich mit etwas Vergänglichem zu stillen. Es gehört zu unserem Leben, dass wir nie genug haben, dass wir oft nicht richtig klar kommen, dass vieles zerbricht, und dass wir leiden. Wir wollen das immer so schnell wie möglich beenden, aber das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen die Brüchigkeit des Lebens aushalten, ja dazu sagen und auf uns nehmen, was das Leben uns schickt.

Nur dann sind wir offen für das, was Jesus uns gibt. Denn dann können wir innerlich zu ihm gehen, zu ihm rufen und um seine Hilfe bitten. Sie ist sofort da, wir müssen uns um nichts mehr bemühen. Es ist nichts weiter nötig, als dass wir ihn anrufen und uns von ihm lieben lassen.

Wenn Leiden über uns kommen, können wir sagen: „Gib mir Kraft, sie zu tragen.“ Sind es Krankheiten, Enttäuschungen oder Verletzungen, können wir beten: „Hier bin ich, Jesus, ich halte das jetzt aus und versuche nicht, es abzustellen. Denn du hast dich für uns alle, also auch für mich, Gott hingegeben.“ Wir müssen dann nicht darauf warten, dass er uns erfüllt. In demselben Moment, in dem wir uns ihm anvertrauen, wird „unser Durst ganz gelöscht“. Dann brauchen wir wirklich nicht mehr, kein anderes Ding, keinen Menschen und keine Idee. Jesus erfüllt unser Inneres mit seiner Liebe, so dass sie in uns sprudelt.

Die tiefen Schichten in unserer Seele werden angerührt, wir bekommen Leben und Kraft. Wir werden gelassen und mit Geduld und Freude erfüllt. Wir sind ganz von selber zufrieden und glücklich, auch im Leid, auch dann, wenn wir das eine oder andere, was die Welt so bietet, vielleicht nicht haben, und sich nicht alle unser Wünsche erfüllen. Denn Jesus stillt unseren Durst ganz.

Das Wichtigste und Größte, das „mehr als alles“ ist, können wir uns nicht verdienen und auch nicht selber herstellen. Wir können es uns nur von Jesus schenken lassen und dankbar annehmen.

Amen.

 

Der Herr wird für euch streiten

Predigt über 2. Mose 14: Das Wunder am Schilfmeer

Sommerpredigt Wasser II, 2.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In vier Gottesdiensten in diesem Sommer geht es um Geschichten aus der Bibel, in denen Wasser vorkommt. Das letzte Mal haben wir eine gelesen, in der es positiv besetzt war: Es rettet Leben und gibt uns Kraft.  (2. Mose 14, 1- 7) Viele andere Erzählungen in der Bibel handeln aber von genau dem Gegenteil. Sie beschreiben, dass man im Wasser auch untergehen kann. Eine der Bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl die vom Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer. Sie waren aus Ägypten aufgebrochen, und eigentlich hatte der Pharao sie auch ziehen lassen. Aber dann überlegte er es sich anders und verfolgte sie mit seinen Soldaten. Am Schilfmeer holte er sie ein, und da geschah dann das Wunder und die Katastrophe: Gott spaltete das Meer in zwei Hälften, sodass die Israeliten hindurch ziehen konnten, aber über den Ägyptern schloss sich das Meer wieder, und das ganze Heer ertrank. Für uns klingt das zwar furchtbar, aber in der Geschichte Israels und in seinem Glauben war das das zentrale Ereignis der Rettung durch Gott.

2. Mose 14 in Auszügen

13,20 Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
14,5b Als das dem König von Ägypten angesagt wurde, sprach er: Warum haben wir die Israeliten ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?
7 Und er nahm sechshundert auserlesene Wagen mit Kämpfern auf jedem Wagen.
9a Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern.
10 Und die Israeliten fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN.
13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.
14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
19b Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie
20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.
21a Und der Herr ließ das Meer zurückweichen.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.
25b Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.
27 und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.
30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.
31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle das Wort „Gospel“. Es „ist Englisch und heißt auf Deutsch: ,Die gute Nachricht‘. Es setzt sich zusammen aus dem altenglischen Wort gōd, das heißt gut, und spel, auf Deutsch: Erzählung.“ (wikipedia) Dabei steht dieses Wort nicht nur für das geschriebene Evangelium, sondern auch für eine ganz bestimmte Musik. Sie ist in den afroamerikanischen Gemeinden während der Sklavenzeit entstanden und enthält Jazz- und Blueseinflüsse. Die Texte in den Liedern, die wir auch „Spirituals“ nennen, handeln vom Loben, Danken und von der Hoffnung, die aus dem Glauben an Gott entspringt. Der allgemeine Klang der Gospelmusik ist also positiv, optimistisch und fröhlich. Doch diese Fröhlichkeit ist nicht oberflächlich, sondern sie entstammt den tiefen Leiderfahrungen aus der Sklavenzeit.

Und genau das macht diese Musik so inspirierend und attraktiv. Die Gospels haben sich seit ihrer Entstehung weit verbreitet und werden bis heute gesungen. Es gibt überall Gospelchöre, und auch in unserem Gesangbuch finden wir das eine oder andere Lied aus dieser Richtung. Teilweise wurden sie sogar ins Deutsche übersetzt, wie z.B. „Komm, sag es allen weiter.“ (EG 225)

Und sicher kennen viele von euch auch das Lied: „When Israel was in Egypt’s land“. Es beschreibt die Sehnsucht der Israeliten nach Freiheit und die zähe Auseinandersetzung zwischen Mose und dem Pharao, die dem Auszug voranging. Die Sklaven haben sich darin wiedegefunden, weil sie in derselben Situation waren, wie die Israeliten in Ägypten, und weil sie sich ebenfalls leidenschaftlich die Befreiung wünschten. Außerdem glaubten auch sie an einen starken Gott. Die gefangenen Afrikaner klagten ihm ihr Leid und trauten ihm dasselbe Handeln zu wie damals. Das war ihre Hoffnung, und die haben sie besungen und bezeugt.

Wir haben die Geschichte von dem Auszug der Israeliten aus Ägypten eben gehört. Es war allerdings nicht der ganze Text aus der Bibel, der davon berichtet, der ist in Wirklichkeit doppelt so lang. Aber es gibt darin so viele Wiederholungen und auch einige Ungereimtheiten, dass es ein bisschen ermüdend ist, wenn man es alles hört. Man kann auch davon ausgehen, dass hier verschiedene Erzählungen zu einer zusammengefügt wurden. So ist das ganz oft im Alten Testament. In einer Geschichte melden sich oft mehrere Stimmen zu Wort. Wir haben jetzt z.B. nicht gelesen, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtete“. (Vers 4) Seine Motivation, die Israeliten zu verfolgen, war einfach nur der Ärger darüber, dass er sie hatte ziehen lassen, und dass sie ihm nicht mehr dienten. Er dachte, die hole ich leicht ein.

Und das Wunder selbst wird auch auf verschiedene Weise beschrieben. In der oben stehenden Version, wird nur gesagt, dass „der Herr das Meer zurückweichen ließ“. Andere Erzähler berichten, dass Mose seinen Stab hob und das Meer teilte. (Vers 16) Es ist aber auch noch von einem Ostwind die Rede (Vers 21), der das Meer zur Seite schob. Das sind wahrscheinlich andere Überlieferungen. Und genauso wird das Untergehen der Ägypter verschieden begründet. Wir haben gehört, dass sie erschrocken und verwirrt waren und ins Meer hineinliefen. An anderer Stelle wird gesagt, dass ihre Räder ins Stocken gerieten, und sie so den Wasserfluten nicht mehr entkommen konnten. (Vers 25)

Es ist also ziemlich eindeutig, dass mehrere Überlieferungen zu Grunde liegen, und man sieht daran, dass die Geschichte immer wieder erzählt wurde. Ich sagte ja auch schon, dass die Rettung am Schilfmeer ein ganz entscheidendes Ereignis für die Israeliten war. Ihr Urbekenntnis, das überall im Alten Testament auftaucht, lautet: „Jahwe hat Israel aus Ägypten herausgeführt.“ Das ist wie eine Formel, die bei ganz vielen Gelegenheiten wiederholt wurde. Wir finden sie in den Psalmen, bei den Propheten und in der Geschichtsschreibung. Und der Kern dieses Themas ist das Wunder am Schilfmeer. Wahrscheinlich sind die Erzählungen darüber sogar jünger, als die Urformel. Sie sind erst im Nachhinein entstanden. Man wollte damit das kurze Bekenntnis theologisch entfalten und deutlich machen, was wirklich geschehen ist. Man erinnerte sich an eine entscheidende Kriegstat Jahwes, und das galt als so eine Art Garantie: Es war eine unverbrüchliche Bürgschaft dafür, dass Gott sein Heil für Israel durchsetzen würde. Das war sein Wille, und das war der Glaube Israels.

Es fällt nämlich auf, dass in allen Erzähltraditionen Gott der allein Handelnde ist. Israel steht tatenlos daneben und lässt seine Macht zu. Und die setzt sich ohne Lärm oder Getöse durch. Gott handelt wortlos und Israel lässt es schweigend und vertrauensvoll geschehen. Der Satz, mit dem das zum Ausdruck kommt, lautet: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ Gott verherrlicht sich hier also selbst ohne Mitwirken des Menschen. Nur der Glaube Israels wird betont, denn um den ging es. Der sollte begründet werden. Deshalb endet die Erzählung mit dem Satz: „Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht.“

Aber wie geht es uns damit? Wir kennen die Geschichte sicher alle, aber führt sie auch uns zum Glauben an Gottes Macht und an sein Heil? Wir sind ja schließlich keine Israeliten und haben die Ägypter genauso im Blick. Die sind nicht gerettet worden, sondern grausam ertrunken. Dieser Gott, von dem hier die Rede ist, ist gar nicht nur gut, sondern er hat auch ei­ne sehr brutale Seite. Und deshalb entstehen für uns erst ein­mal Fragen, wenn wir die Geschichte hören: Was ist das für ein Gott? Wie kann er so etwas tun? Und wollen wir daran überhaupt glauben? Das ist das, was uns beschäftigt.

Und so geht es uns mit dem gesamten Alten Testament. Überall und immer sollen die Feinde sterben und tun es auch. Das wird erzählt, das wünschen sich die Psalmbeter und das verheißen die Propheten. Gott wirkt in der Geschichte, er rettet die Einen und vernichtet die Anderen.

Und das machen wir so nicht mehr mit. Wir haben ein ganz anderes Weltbild. Toleranz steht für uns ganz oben. Wir wün­schen unseren Feinden nicht den Untergang, sondern wollen Frieden für alle. Daran glauben wir, das soll Gott bewirken. Und das ist auch gut so. Zum Glück haben sich unsere Vorstellungen von einem gerechten Gott verändert.

Bloß eine Sache übersehen wir dabei leicht: Es ist noch nicht so weit, dass Gottes gute Macht sich ganz durchgesetzt hat. Den Kampf gegen das Böse gibt es nach wie vor. Unsere Welt ist nicht friedlich. Es gibt die Ungerechtigkeit, den Terror und den Krieg, Rassismus und Diskriminierung. Das Heil Gottes hat noch nicht die ganze Welt erfasst. Diese Tatsache dürfen wir nicht übersehen. Wir stehen nach wie vor in einem Kampf. Das müssen wir erkennen. Wir verharmlosen mit unserer Toleranz auch manchmal die Schärfe der Auseinandersetzungen. Wollen wir gegen Rechtsextreme tolerant sein? Gegen fanatische Fundamentalisten? Gegen grausame Diktatoren und totalitäre Regierungen? Es gibt sie ja leider in vielen Ländern, und das das ist beunruhigend. Wir dürfen das nicht verharmlosen.

Wir müssen vielmehr sehen: Es gibt auch heute noch das Gegeneinander von Gut und Böse, und wir müssen uns entscheiden, wo wir stehen wollen. Die Bibel lädt uns ein, uns klar auf die Seite des Guten zu stellen und daran zu glauben. Und sie will uns dazu nicht nur auffordern, sondern verkündet uns gleichzeitig, woher wir dafür unsere Zuversicht nehmen können, was wir dem Bösen entgegensetzen können. Auch unsere Geschichte enthält diese Botschaft. Sie erzählt uns, woher wir die Hoffnung nehmen können, dass das Böse einmal besiegt werden wird. Sie enthält ein starkes Bekenntnis, denn es kommt ein mächtiger Gott darin vor. Die Schilderung von dem Wunder am Schilfmeer bezeugt: Gott ist letzten Endes stärker als das Böse und er wird eines Tages siegen.

Als Christen dürfen wir das erst recht glauben. Denn in Chris­tus hat Gott seine Macht ein für alle Mal erwiesen. Er hat ihn von den Toten auferweckt, und das ist ein stärkeres Ereignis als alles, was vorher dagewesen ist. Die früheren Taten Gottes weisen aber darauf hin und können verdeutlichen, wie Gott handelt. So kann auch das Wunder am Schilfmeer dafür ein Symbol sein. Das Meer steht dann für den Tod, aus dem die Israeliten auf wunderbare Weise gerettet wurden. Und das kann Gott wirklich tun. Seine Macht ist stärker als der Tod, und es ist gut, daran zu glauben. Denn nur dieser Glaube kann unsere Hoffnung unerschütterlich machen. Nur wenn wir uns daran festhalten, können wir in den Schrecken, die uns umgeben, zuversichtlich bleiben. Das schützt und trägt uns. Und dazu will uns die Geschichte einladen.

Oft halten wir uns ja lieber an anderen Dingen fest. An einer Idee vielleicht, an der Phantasie von einer besseren Welt. Und oft glauben wir auch lieber an unsere eigenen Möglichkeiten. Wir kämpfen für das Gute. Aber dieser Kampf ist oft vergeb­lich, wenn er nicht noch viel tiefer gegründet ist. Unsere Ideen zerbrechen nicht selten an der Wirklichkeit, sie halten nicht. Und dann zerplatzen unsere Träume. Wir werden nüchtern und geben auf.

Vielleicht müssen wir auch erst an diesen Punkt kommen, um uns wirklich an Gott zu halten. Erst wenn wir merken, dass wir nichts mehr tun können, erwacht in uns der Glaube an Gottes Möglichkeiten. Es ist das „Stille werden“, von dem in der Geschichte die Rede ist. Damit fängt der Glaube an. Und dass daraus wirklich eine feste Zuversicht entstehen kann, dafür gibt es viele Beispiele.

Die Schwarzen in Amerika konnten nicht umsonst viel mehr mit dem Alten Testament anfangen, als wir. Sie haben sich in den Geschichten über Israel wiedergefunden und daraus Lieder gemacht. Für die Sklaven war der Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer eine mutmachende Geschichte. Genauso würde Gott auch sie einst befreien. Sie lebten in Gefangenschaft, aber sie glaubten an einen Gott, der sie da herausführen würde. Und so ist es dann ja auch geschehen. Zu Ende ist dieser Kampf um Freiheit noch nicht, das haben wir gerade in den letzten Wochen wieder erlebt. Der Rassismus ist leider überall präsent. Aber es ist gut, dass es eine starke Gegenbewegung gibt, und der Slogan: „Black lives matter“ in vielen Ländern laut bezeugt und gelebt wird.

Denn die Hoffnung auf eine bessere Welt hat einen berechtigten Grund. Wir dürfen daran glauben, dass Gott so, wie er Israel aus Ägypten herausgeführt hat, eines Tages das Heil in der Welt durchsetzen wird. Das ist sein Wille, und der ist stark und mächtig und wird zuletzt auch geschehen.

Das Lied „When Israel was in Egypt‘s land“ bezeugt das. Es steht übrigens auch im Evangelischen Gesangbuch, und zwar im Anhang der Ausgabe für die Landeskirche in Württemberg. (Nr. 603) Da findet sich zusätzlich eine deutsche Übersetzung. Der Schriftsteller und Afrika-Forscher Janheinz Jahn hat sie 1962 geschrieben, und sie lautet folgendermaßen:

1. Als Israel in Ägypten war, –
– lass mein Volk doch ziehn!
das Joch nicht zu ertragen war –
– lass mein Volk doch ziehn!
Kehrvers
Geh hin, Moses, geh ins Ägypterland,

sag König Pharao:
Lass mein Volk doch ziehn!
2. »Gott will’s«, sprach Moses vor dem Thron,
– lass mein Volk doch ziehn!
»sonst töt ich deinen ersten Sohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
3. »Genug der Knechtschaft, Last und Fron«,
– lass mein Volk doch ziehn!
»lass ziehn es mit Ägyptens Lohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
4. Und Gott wies Mose Weg und Zeit,
– lass mein Volk doch ziehn!
dass er sein Volk zur Freiheit leit’
– lass mein Volk doch ziehn.

Amen.