Christus ist der Hüter unserer Seelen

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 26.4.2020

Auch an diesem Sonntag dürfen wir uns noch nicht wieder in unseren Kirchen versammeln. Vielleicht freut der Teufel sich darüber, dass die Kirchen endlich leer sind. Doch da hat er sich zu früh gefreut: Es gibt  plötzlich viel mehr Kirchen, denn die Gottesdienste finden nun in den Wohnungen der Christen statt. Damit das auch an diesem Sonntag wieder geschehen kann, ist hier ein Entwurf für den Ablauf:

2. n. Ostern zu Hause

Lesepredigt über 1. Petrus 2, 21b- 25: Ermahnung zur Christusnachfolge

Liebe Gemeinde.

Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Dieses Bild existiert seit langem und lebt bis heute im Denken und im Sprachgebrauch vieler Menschen fort. Der Vater dieser Theorie ist der französische Philosoph René Descartes, der von 1596 bis 1650 lebte. Er betrachtete Leib und Seele als getrennte Einheiten und prägte unsere Vorstellung über Geist und Körper. Dabei glaubte er bereits an eine Interaktion zwischen Leib und Seele.

In der Medizin wurde diese Ansicht übernommen, etwa wenn Ärzte nach psychischen und physischen Beschwerden untergliedern und den wechselseitigen Einfluss als „psychosomatisch“ bezeichnen. Aber auch geläufigen Redewendungen wohnt dieses Verständnis inne: Wir „reden uns etwas von der Seele“ oder „es lastet uns etwas auf der Seele“, ohne dass es dafür eine körperliche Entsprechung gäbe.

In der Hirnforschung gilt die Zweiteilung von Leib und Seele als überholt, denn ein Interaktionszentrum im Gehirn konnte nie entdeckt werden. Die Theorie ist seit langem durch das Verständnis von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung abgelöst.

Trotzdem hat sie etwas für sich. Sie ist anschaulich und leicht verständlich und liegt auch dem biblischen Menschenbild zu Grunde: Der Mensch ist ein Geist, er hat eine Seele und lebt in einem irdischen Leib. Für diese Vorstellung gibt es viele Belege.

Was dabei unsere Seele betrifft, so wird sie meistens kritisch gesehen, weil sie am liebsten den eigenen menschlichen Weg gehen will. Doch das ist gefährlich, denn wenn wir uns von der Seele leiten lassen, sind wir Schwankungen unterworfen. Unsere Gefühle sind mal hoch und mal tief, und mit unserem Eigenwillen widerstehen wir oft den Plänen Gottes. Deshalb braucht unsere Seele einen göttlichen „Wächter“ und „Leiter“. Sie muss lernen, sich an dem Wort Gottes und seinen Verheißungen zu orientieren. Das kommt an vielen Stellen in der Bibel zum Ausdruck, wie auch in dem Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der heute unser Predigttext ist. Er lautet folgendermaßen:

1. Petrus 2, 21b- 25

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Hier ist von einem „Umherirren“ die Rede, und zwar von „irrenden Schafen“. Das ist ein Bild, bei dem es dem Schreiber hauptsächlich um den Hirten geht, der den Schafen hilft, ihren Weg zu finden: Genauso, wie sie sich ohne den Hirten hoffnungslos verlaufen würden, genauso ginge es uns ohne Christus. Das ist seine Aussage. „Er ist der Hirte und Bischof unserer Seelen“, d.h. der „Beobachter, Beschützer und Bewahrer“. Auf diese Botschaft läuft der Textabschnitt hinaus.

Das Ganze ist so eine Art Christushymnus, mit dem der Verfasser die Zuhörer oder Leser ermahnen und auch ermutigen möchte. Er stellt Christus als Vorbild hin und gleichzeitig als den Erlöser und Retter. Er hat das in dieser Form wahrscheinlich aus der Tradition übernommen, als festes, zusammenhängendes Lehrstück.

Hier ist es ein Teil seiner Ermahnungen an Sklaven, von denen es in der neutestamentlichen Zeit und auch in den christlichen Gemeinden sehr viele gab. Er fordert sie zur Geduld auf. Sie sollen das Übel ertragen und das Unrecht erleiden, das ihnen zugefügt wird, und zwar genauso wie Christus es getan hat. Und damit spricht er natürlich alle an, die Christus nachfolgen. Sie sollen in seinen Spuren wandeln. Er hat als Unschuldiger gelitten und das schweigend auf sich genommen, ohne Gleiches mit Gleichem zurückzugeben. Er hat seine Sache Gott anheimgestellt. Und so sollen auch die Christen das Gericht Gottes nicht in eigener Regie vorwegnehmen, sondern ihre manchmal leidvolle Situation annehmen. Das ist der erste Teil dieses Lehrstücks.

Danach gibt der Verfasser aber noch mehr zu bedenken. Es bleibt nicht einfach nur bei der Ermahnung, sondern es folgt noch eine Motivierung und Begründung für die christliche Leidensnachfolge. Letzten Endes bedeutet sie nämlich Freiheit und Heilung, die Christus uns nicht nur vorgelebt, sondern auch bewirkt hat. „Er hat unsere Sünde selber an das Kreuz hinaufgetragen“, heißt es, und er hat uns damit von der Knechtschaft der Sünde frei und los gemacht. Er hat den üblichen Automatismus von Schmähung und Widerschmähung zerbrochen, und damit hat er das Heil bewirkt. Alle, die an ihn glauben, können deshalb in derselben Freiheit leben wie er. Das ist ihre neue Ausrichtung, ihr Ziel, das das Leben gestalten und prägen soll. Sie können ihre alten Gewohnheiten hinter sich lassen, umdenken und eine ganz andere Geisteshaltung einnehmen. Denn mit Christus hat etwas Neues angefangen, was dann am Ende mit dem Bild von dem „Hirten und Hüter der Seelen“ zusammengefasst wird:

D.h. Christus zeigt den Weg, er gibt Orientierung, nach ihm kann man sich ausrichten, und zwar in jeder Hinsicht. Er ist das Vorbild und gleichzeitig derjenige, der den Weg auskundschaftet, begleitet und überwacht. Von ihm kommt das Heil, das zur Überwindung führt. Denn er hat den Tod auf sich genommen und überwunden. Er hat ihn zwar nicht abgeschafft, aber er hat ihn durchschritten. Er hat die Vergänglichkeit angenommen, war geduldig und gehorsam und hat dabei auf Gott vertraut. Und dadurch hat er etwas erreicht, das viel größer ist als Raum und Zeit, das weit über die Vergänglichkeit hinausweist: Es ist ewiges Leben, das Christus allen schenkt, die ihm folgen. Und damit ist er für die Seele ein fester und zuverlässiger Halt. Er gibt innere Orientierung und Schutz, Heil und Befreiung. Wir müssen nur auf ihn schauen und uns fest mit ihm verbinden.

Und das ist gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, denn wir erleben in der Coronakrise etwas, das wir vorher so in unserem Land nicht kannten: Uns werden unzählige Dinge plötzlich vorgeschrieben, die weit in unser persönliches Leben hineinreichen. Es gibt Verbote von Dingen, die wir für selbstverständlich halten: Familienbesuche, Gottesdienste, sportliche und kulturelle Veranstaltungen, Vereinstreffen und vieles mehr ist nicht mehr erlaubt. Ganz neue Regeln, Pflichten, Vorschriften und Gesetze sind entstanden, die uns alle einschränken. Krankenhäuser ähneln Hochsicherheitsgefängnissen, und selbst Sterbende dürfen nur in Ausnahmefällen besucht werden.

Das ist alles nur schwer zu ertragen, trotzdem machen die Menschen mit, denn die Denkrichtung dahinter teilen die meisten. Sie besteht darin, dass die körperliche Gesundheit und das Vermeiden des Sterbens als das höchste Gut angesehen wird, das es zu bewahren gilt.

Aber ist das eigentlich wirklich eine heilsame Denkweise? Wird sie unserem Leben gerecht, mit allem, was dazu gehört? Je länger dieser Zustand andauert, umso mehr bekomme ich das Gefühl, dass die Anordnungen wie ein „Umherirren“ sind. Unser Wohlbefinden wird auf den Leib reduziert, und dabei wird vergessen, dass wir aus noch viel mehr bestehen. Wir haben auch eine Seele und einen Geist, und die leiden z.Zt. bei den meisten Menschen viel mehr. Therapeuten rechnen jetzt schon damit, dass sie nach der Krise, wenn die Abstandregeln gelockert werden, einen enormen Zulauf haben werden. Denn es entsteht Verunsicherung und Angst. Die Aggressivität nimmt in vielen Familien zu, andere vereinsamen. Auch Traurigkeit, Stress und innere Verarmung sind die Folgen. Es stirbt zwar nicht der Leib, es sterben aber seelische Regungen, wir werden mental und psychisch stark geschwächt.

Und das ist meiner Meinung nach genauso gefährlich wie das Virus, denn natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Leib und Seele, auch wenn im Gehirn dafür kein Interaktionszentrum gefunden wurde. Selbst führende Lungenärzte sagen uns, dass das Immunsystem gestärkt wird, wenn es uns seelisch gut geht. Es ist also dringend notwendig, dass wir darauf achten. Sonst wird diese Krise noch viel katastrophalere Folgen haben, als wir ahnen. Und dabei kann uns der Glaube an Jesus, den „Hirten unsere Seelen“, helfen, und zwar in drei Schritten.

Zunächst ist es wichtig, dass wir das Denken, das uns in den Medien und durch die Politik vorgesetzt wird, nicht einfach so übernehmen. Wir sind ja zum Glück noch frei in unseren Überlegungen. Träumen ist nicht verboten, sich etwas vorzustellen auch nicht, und erst recht nicht glauben, hoffen und lieben. Es gibt zwar Stimmen, die behaupten, dass die Religionsfreiheit gerade eingeschränkt wird, aber das stimmt nicht. Wir dürfen uns bloß nicht in größeren Mengen versammeln und dabei eng aneinander stehen, um unseren Glauben zu praktizieren. Alles andere ist erlaubt. Lasst uns das deshalb nutzen und die einseitige Sicht auf die Dinge, die uns gerade überall vorgesetzt wird, ablegen.

Das gelingt am besten, indem wir zweitens ganz nah bei uns selber bleiben, uns selber gut im Blick behalten und unseren eigenen Weg des Denkens und Fühlens finden. Und dabei dürfen wir barmherzig mit uns selber sein. Oft erlauben wir uns das nicht. Wir verurteilen uns schnell, wenn wir merken, dass uns die eigene Hülle zu eng wird, dass wir wütend oder ungeduldig werden, traurig oder niedergeschlagen. Wir denken, wir machen etwas falsch. Aber das hilft nicht weiter, es ist vielmehr ratsam, dass wir uns selber lieben, so wie wir sind, einfühlsam und anteilnehmend bleiben. Dabei hilft die Frage: Wer bin ich wirklich? Was sind eigentlich meine Prioritäten? Was ist für mich das Wichtigste? Wir müssen unser ureigenstes Lebensgefühl nicht verändern. Die Situation, in der wir uns befinden, ist nur äußerlich einschränkend. Wir müssen das zwar annehmen und die Regeln beachten, aber bestimmen müssen sie unser Bewusstsein nicht. Wir dürfen und müssen wir selber bleiben.

Dann gelingt uns auch der dritte Schritt, der darin besteht, dass wir uns Jesus Christus anvertrauen. Er ist unser guter Hirte, und er hat einen viel besseren Rat, als irgendein Mensch ihn uns je geben könnte. Denn er kennt unsere Seele, er führt uns den Weg zum Leben, zu dem Seele und Geist genauso gehören wie der Leib. Er wacht darüber, und er beschützt uns auch. Er ist ein sicherer Hort, eine Zuflucht, zu der wir immer fliehen können.

Es ist deshalb gut, wenn wir auf Christus schauen wie auf einen Wegweiser und abwarten, bis sein Bild eine Wirkung entfaltet. Wir begeben uns dadurch in sein Kraftfeld. Es geht Heil von ihm aus, die Schwankungen unserer Seele kommen zur Ruhe, Ängste und Unsicherheiten verschwinden, Stress und Aggressivität nehmen ab, Traurigkeit und Einsamkeit lösen sich auf. Wir werden fest und zuversichtlich.

Denn Jesus Christus ist nicht nur eine Phantasie, er lebt und regiert wirklich, und diese Realität ist größer als das irdische Leben, sie öffnet eine ganz neue Dimension. Es ist die lebendige Gegenwart Gottes, auf die sowieso alles hinausläuft. Wir müssen nur daran glauben und uns danach ausrichten. Dann wird unser verkürztes Denken gesprengt, die Seele kann frei atmen und der Leib wird gesund.

Und selbst wenn wir sterben, ist das kein Drama, das es zu vermeiden gilt. Es ist vielmehr gut, denn der Tod trägt uns endgültig und ganz hinüber in die Gegenwart unseres „guten Hirten“. Wir sind dann für immer in den Armen des „Hüters unserer Seelen“ geborgen. Die Verheißungen Gottes werden wahr und können durch nichts mehr ausgelöscht werden.

Amen.

 

Des Lebens Blütensieg

Ostersonntag, 12.4.2020

Ostern verweist uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist.  Wir dürfen uns in diesen Coronazeiten zwar nicht zum Gottesdiesnt versammeln, aber das löscht die Gegenwart des Auferstandenen nicht aus. Feiert euren Ostergottesdiesnt deshalb zu Hause an einem Tisch mit Kerzen und Blumen und einem Osterbild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Ostersonntag zu Hause

Lesepredigt über Jeremia 1, 11f: Der erwachende Zweig

Liebe Gemeinde

Ich bin in diesen Tagen von mehreren Menschen an ein Lied erinnert worden, das der jüdische Dichter und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin gedichtet hat. Der lebte von 1913 bis 1999, d.h. er hat beide Weltkriege miterlebt, und er nannte sein Gedicht „das Zeichen“. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Es beginnt mit der Strophe: „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 606,1) Wenn Ben-Chorin verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Ähnlich werden auch wir es in den kommenden Tagen erleben können: Die Mandel- und Obstbaumblüte wird vielen Menschen Freude und Zuversicht geben, denn sie ist ein wunderbares Hoffnungszeichen, ein „Zeichen für den Sieg des Lebens“.

In der Bibel finden wir dafür ebenfalls Beispiele. Und vermutlich dachte auch Ben-Chorin an die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im ersten Kapitel, wo steht:

Jesaja 1,11

1 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du?
2 Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Diese Vision steht am Anfang des Buches von Jeremia und es ist ein Teil seiner Berufungsgeschichte. Mit ihr beginnt sein Auftreten als Prophet. Er beschreibt darin eine persönliche Begegnung mit Gott, durch die er auf seinen Beruf vorbereitet wurde. Sie bildet den Ausgangspunkt und das Fundament seiner gesamten Prophetie. Entscheidend sind dabei nun allerdings nicht Ideen oder Programme, die er von Gott bekommt, sondern Gott weckt in ihm die Hoffnung und Gewissheit auf ein kommendes Heil für die ganze Welt.

In einer Vision stellt er ihm einen „erwachenden Zweig“ vor Augen, und damit ist ein Mandelzweig gemeint. Der Mandelbaum blüht im Frühjahr nämlich als erster der Fruchtbäume und daher lautet sein hebräischer Name „der Wächter“ oder „der Frühe“, und er klingt wie „wachsam sein“. In der Vision Jeremias gilt er als Zeichen dafür, dass Gott über seine Schöpfung „wacht“. Der Zweig besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Er bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird, als alle Not. Der „erwachende Zweig“ steht als Zeichen gegen Leid, Zerstörung und Tod und sagt Gottes ewiges Friedensreich an.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott immer wieder mit lebendigen Zeichen der Schöpfung und der Natur. So lesen wir von einem „Reis aus der Wurzel Isais“ bei dem Propheten Jesaja. (Jes.11,1f).10  Die Christen haben das später als Ankündigung der Geburt Jesu gedeutet. (Röm.15, 12) Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30) greift dieses Bild auf.

Aber auch Jesus selbst bediente sich gerne dieser Vorgänge in der Natur. So erzählte er das Gleichnis vom Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) und benutzte das Bild vom „Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen“. (Joh.12,24). Damit deutete er seinen eigenen Weg an. Er ist selber gestorben, war tot und wurde beerdigt. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zu Ostern feiern wir vielmehr seine Auferstehung.

Die Evangelien bezeugen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Viele Menschen haben ihn danach gesehen. Zuerst erschien er den Frauen „Maria Magdalena und der anderen Maria“ (Mat.28,9f), dann zeigte er sich auch allen Jüngern (Joh.20,19ff) und wurde „von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen“, wie Paulus im Korintherbrief berichtet. (1. Kor.15,6) Mit diesen Darstellungen legt das Neue Testament viel Wert darauf, die Botschaft von der Auferstehung glaubhaft zu machen, und sie sind auch der Ausgangspunkt des Christentums. Mit Ostern begann der Weg des Glaubens an Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der den Tod überwand.

Doch obwohl dieser Glaube sich im Laufe der Jahrhunderte erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet hat, haben damit heutzutage viele von uns ihre Schwierigkeiten. Wir können und wollen uns das so nicht vorstellen, wir glauben nicht an ein Wunder. Denn unser Denken ist von der Naturwissenschaft und von der Vernunft bestimmt, und da passt der Glaube an die Auferstehung eines Toten nicht hinein.

Das muss er allerdings auch nicht, denn sowohl das Neue Testament als auch der Prophet Jeremia und andere biblische Zeugen wollen gar nicht unsere Vernunft ansprechen. Um die Osterbotschaft aufzunehmen, ist es sogar ungünstig, wenn wir unser normales Denken einschalten. Denn sie ist ein Mysterium, ein Geheimnis, dem wir uns ganz anders nähern müssen, als mit logischen Schlussfolgerungen. Überlegungen zu Ursache und Wirkung, das Nachdenken über Voraussetzungen und Ergebnisse helfen uns bei diesem Thema nicht weiter. Im Gegenteil, sie stehen uns im Weg. Wir müssen ganz andere Mechanismen in unserem Geist und unserem Bewusstsein einschalten, um die Botschaft von der Auferstehung zu begreifen.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal ruhig werden und aufhören zu denken. Wir sollten uns dafür auch Zeit nehmen, denn es dauert eine Weile, bis unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Es gehört dazu, dass wir unser Ich zurücknehmen, innerlich schauen, einfach nur da sind und abwarten, was geschieht. Die Auferstehung ist ein Ereignis, das nicht in die Geschichte und nicht in die Logik passt, aber es ist erfahrbar. Das Evangelium will etwas in uns wecken, und das ist der Glaube an den Sieg des Lebens.

Shalom Ben-Chorin wusste, dass es ein bisschen „meschugge“, d.h. ein „ein bisschen verrückt“ ist, in einem zarten Mandel-Blütenzweig einen Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit zu erkennen. So hat er es später ausgedrückt. Aber zu dieser Verrücktheit sind wir eingeladen. Wir sind eingeladen, an den Sieg des Lebens zu glauben. Ostern ist das Fest, an dem wir uns darauf besinnen, dass aus Ohnmacht Leben wurde. Jesu Weg war nicht der Weg des Scheiterns, sondern in Wahrheit Ausdruck von Gottes Kraft und Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchgesetzt hat. Es gibt das ewige Friedensreich Gottes.

Die Hoffnung darauf verbindet Juden und Christen. Aber als Christen glauben wir noch mehr. Denn wir glauben, dass das Reich Gottes schon begonnen hat. Es ist bereits unsichtbar gegenwärtig und seine Spuren durchziehen diese Welt. Denn wir haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von unserer Hoffnung sprechen. Und das heißt: Durch sein Sterben und Auferstehen ist der Tod nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird in Ewigkeit gerettet. Das ist die Botschaft, die von Ostern ausgeht, und der erste Mandelzweig ist dafür ein wunderbares Zeichen. So können auch wir singen: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!“

Schalom Ben-Chorin dichtete dieses Lied in einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden, um sie an eine unzerstörbare Hoffnung gegen allen Augenschein zu erinnern. Es entstand während der Nazi-Zeit, deren Unrecht er am eigenen Leib erlebt hatte. Ursprünglich lebte er in München, und er wurde dreimal verhaftet. 1935 gelang ihm dann aber zum Glück die Flucht nach Palästina und er ließ sich in Jerusalem nieder. Und obwohl er das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen hatte, gab er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Er dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt. „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“ So lautet die dritte Strophe, und die ist immer noch aktuell, auch und besonders in dieser Zeit, in der wir gerade stehen.

Überall auf der Welt ist die Menschheit von dem Coronavirus bedroht, gegen das wir noch kein Mittel und keinen Impfstoff haben. Wir können uns nur schützen, indem wir zueinander Abstand halten, und dadurch erleben wir gerade etwas, das wir vorher so noch nicht kannten. Das soziale Leben wurde weitgehend eingestellt, damit wir uns nicht zu schnell gegenseitig anstecken. Trotzdem sterben Menschen, die wir lieben. Jede Hoffnung scheint umsonst. Wir erfahren was es heißt, dass „eine Welt vergeht.“

Schalom Ben-Chorin hat das ebenfalls erlebt, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. Es werden jetzt ja oft Vergleiche mit dem zweiten Weltkrieg herangezogen, aber davor sollten wir uns hüten. Was wir erleben, ist nicht annähernd so grausam, wie das, was damals geschah. Wir kennen es bloß nicht, dass wir unsre Freiheiten einschränken müssen, dass es plötzlich Verbote gibt von etwas, was wir für selbstverständlich halten, und dass mehr Menschen sterben als sonst. Es macht uns natürlich Angst. Aber wir wissen, dass Menschen in der Geschichte und in der Gegenwart noch viel größeres Leid erfahren haben. Und an denen können wir uns ein Beispiel nehmen, so wie an Ben-Chorin, der das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten hat. Es ist ein Hoffnungs-Bild. Er dichtete deshalb: „Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Der Mandelbaum, der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter, für den Verzweifelten das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben, und für den Sterbenden die Verheißung des ewigen Lebens. Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn „eine Welt untergeht“, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig ist das Zeichen, dass das Leben siegt. Vertraue Gott! Wenn du das tust, können sich Resignation und Verzweiflung auflösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen. Gott schenkt uns solche Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken!

Auch die Auferstehung Jesu Christi lässt sich gut mit diesem Bild beschreiben. Und doch ist sie noch viel mehr als das. Denn wenn Christus auferstanden ist, dann ist er jetzt gegenwärtig, dann ist er wirksam und lebendig, dann kann er uns ergreifen und mit seinem Geist erfüllen. Der Osterglaube gibt uns nicht nur ein Symbol, sondern er verweist uns auf eine Realität, die größer und wirklicher ist als die Welt, in der wir leben. Wer sich diesem Glauben anschließt, hat nicht nur gute Gefühle und Gedanken, er bekommt vielmehr eine ganz tiefe Ruhe und wird wirklich getragen. Es entsteht eine Zuversicht, die weit über das Sterben hinausweist, und eine Hoffnung, die den Tod überwindet. Das Leben hat gesiegt, lasst uns darauf vertrauen und Gott dafür loben.

Amen.

Dieser Predigt liegt eine Predigt von Pfarrer Volker Sailer aus Stuttgart zu Grunde, die ich im Internet gefunden habe. Ich habe sie teilweise zitiert, das aber nicht an allen Stellen gekennzeichnet. Den ursprünglichen Text findet ihr hier:

https://www.jomjournal.de/fotos-privat-u-a/predigt-und-lied-mandelzweig/

 

Lasst uns unseren Tagen mehr Leben geben

Karfreitag, 10.4.2020

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ostern in diesem Jahr ausfällt. Doch das kann gar nicht geschehen! Das Einzige was ausfällt, sind gemeinsame Gottesdienste in unseren Kirchen, weil wir uns wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht versammeln dürfen.

Aber Karfreitag und Ostern selber bedeuten ja viel mehr als unsre Gottesdienste. Sie verweisen uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist: Jesus ist für uns gestorben und auferstanden und keine Macht der Welt kann daran etwas ändern.

Feiert euren Gottesdienst deshalb im Wohnzimmer an einem Tisch mit einem Kreuz oder einem passenden Bild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Karfreitag zu Hause

Lesepredigt über Johannes 3, 16

Liebe Gemeinde.

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Das waren der Kerngedanke und die Grundhaltung von Lady Cicely Saunders, einer englischen Krankenschwester, die von 1918 bis 2005 lebte. Sie hat die moderne Hospizbewegung gegründet und war Pionierin der Palliativmedizin. D.h. sie sorgte dafür, dass sterbenskranke Menschen, denen im Krankenhaus gesagt wurde „wir können nichts mehr für sie tun“ in Würde und Menschlichkeit ihre letzte Wegstrecke gehen konnten, in einem hellen Gebäude mit freundlichen Räumen und einer farbenfrohen Dekoration. Und dieses Konzept hat sich überall durchgesetzt, auch bei uns gibt es ein Hospiz. Es ist ein Ort, an dem die Angehörigen sich zusammen mit einem Team an der Versorgung des Kranken beteiligen können, und auch ihnen steht das Team zur Seite, wenn sie selbst Hilfe vor oder nach dem Tod des Patienten benötigen. Zentrale Leitideen sind dabei Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zum Schluss.

Vor dem Tod selbst schreckt die Hospizbewegung nicht zurück, im Gegenteil, er wird als Teil des Lebens bejaht und als etwas ganz natürliches gesehen. Die Erkenntnis, dass unser Leben irgendwann zu Ende ist, hat in diesem Fall also viel Kreativität und Engagement freigesetzt.

Und das war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit so. Im Gegenteil, viele philosophische Ansätze beruhen auf der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Frage nach dem Leid, und auch in den Religionen ist das ein zentrales Thema, allen voran im Christentum. In unserem Glauben werden das Sterben und die Vergänglichkeit radikal einbezogen, es dreht sich praktisch alles um diese Realität. Die Antwort, die das Evangelium darauf gibt, ist allerdings keine theoretische Abhandlung, sondern ein Geschehen: Jesus Christus ist gestorben und auferstanden, er hat den Tod besiegt und uns ewiges Leben geschenkt. Das ist die Botschaft, und wir sind aufgefordert, daran zu glauben. Mit einem Satz aus dem Johannesevangelium werden dieses Ereignis und die Einladung, uns Jesus Christus anzuvertrauen, wunderbar zusammengefasst. Wir kennen ihn alle, denn er ist berühmt geworden und lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16) Dieser Satz fasst das ganze Heilsgeschehen, das Gott durch Jesus Christus heraufgeführt hat, in einem Kerngedanken zusammen. Er beinhaltet die Geburt und das Kommen Jesu genauso wie sein Sterben und Auferstehen. Wir lesen ihn deshalb zu Weihnachten, und er ist ebenso das Leitwort für den Karfreitag, dem Tag an dem wir des Kreuzestodes Jesu gedenken.

Ursprünglich stammt er nicht aus der Passionsgeschichte, sondern aus einem Gespräch, das Jesus eines Nachts mit einem Pharisäer namens Nikodemus führte. Er wollte von Jesus wissen, wer er wirklich war, denn er hatte von den Zeichen und Wundern Jesu gehört und selber welche gesehen. Aber war er wirklich von Gott gesandt? Und wenn ja, wie konnte man zu diesem Glauben kommen? Das waren seine Fragen.

Und Jesus offenbart sich ihm in diesem Gespräch. Er spricht von der Wiedergeburt, die nötig ist, um in ihm den Sohn Gottes zu erkennen, und vom Empfang des Heiligen Geistes. Die alles entscheidende Tat aber, die den Menschen rettet, kommt von Gott selbst: Er hat der Welt seinen Sohn geschenkt und ihn für sie am Kreuz hingegeben. Jeder, der zu ihm aufblickt, wird ewiges Leben haben, er wird aus der Verlorenheit und der Vergänglichkeit gerettet und an der Auferstehung der Toten teilhaben. Das ist seine Botschaft, nicht nur für Nikodemus, sondern für alle, die das Evangelium lesen. Sie zeichnet den Weg Jesu vor, benennt seinen Ursprung, seinen Auftrag und sein Ziel.

Und damit gibt das Evangelium auf den Tod eine ultimative Antwort. Jesus hat nicht darüber philosophiert, er hat ihn besiegt. Sein Ziel war es nicht, „dem Leben mehr irdische Tage zu geben“, sondern den wenigen Tagen, die ihm auf dieser Erde zur Verfügung standen, so viel Leben wie möglich. Und etwas Weitreichenderes und Lebendigeres, als er bewirkt hat, kann es gar nicht geben. Denn er hat mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung eine Zeitenwende heraufgeführt. Der Himmel steht offen, und das Leben hat ein für alle Mal gesiegt! Lasst uns deshalb zu denen gehören, „die an ihn glauben“.

Das ist gerade in diesen Tagen besonders nötig, denn der Tod und das Sterben sind überall. Das Coronavirus hat unser Leben verändert, hoffentlich nur vorübergehend, aber z.Zt. ist alles, was geschieht, ausgesprochen gruselig. Wir müssen nicht nur die Nachrichten über die Toten verkraften, die jetzt überall zu beklagen sind, auch das Leben der Gesunden droht zu verkümmern. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, ihre Seele zu verlieren, denn vieles von dem, was es lebenswert und menschlich macht, ist verboten.

Eine der vielen traurigen Tatsachen ist jetzt die, dass viele Menschen umgeben von Maschinen und Gestalten in Schutzkleidung sterben. Sie sehen am Ende ihres Lebens kein Lächeln mehr, keine Farben und keine vertraute Person. Wegen der Ansteckungsgefahr werden sie zur Einsamkeit verurteilt. Weil alle wissen, wie unerträglich das ist, wird in Einzelfällen zum Glück dann doch die Palliativmedizin einbezogen. Die Kranken werden isoliert, und Angehörige dürfen unter strengen Sicherheitsvorschriften Abschied nehmen. Ihnen wird die Möglichketi gegeben, „Lebe wohl“ zu sagen, um so ein letztes Stück Würde und Menschlichkeit aufrecht zu erhalten.

Ansonsten wird alles dem Gemeinwohl, der Solidarität und der Rücksichtnahme untergeordnet. Denn der Medizin liegt die Devise zu Grunde: „Wir wollen dem Leben so viele Tage geben wie möglich“. Jeder Arzt ist verpflichtet, Leben zu retten, und es wurden dafür inzwischen großartige Möglichkeiten entwickelt: Es gibt Beatmungsgeräte, das künstliche Koma und die Intensivpflege. Meistens ist das alles segensreich und für viele Menschen wirklich lebensrettend. Doch in diesen Tagen zeigt sich, dass der medizinische Fortschritt, wie wir ihn gern nennen, auch ganz erhebliche Schattenseiten hat. Damit jeder, der es nötig hat, diese Therapie bekommen kann, müssen alle anderen unglaublich hohe Opfer bringen. Sozial, juristisch, wirtschaftlich und ethisch sind wir an eine Grenze gekommen, die uns den Weg zu einer für alle Menschen segensreichen Lösung versperrt. Das sollten wir zugeben. Es reicht nicht, wenn wir nur noch an die gesellschaftlichen Maßnahmen und die Medizin glauben und so tun, als hätten wir aus dieser Situation einen plausiblen Ausweg, als könnten wir das alles ohne Schaden bewältigen. Wir dürfen uns nichts vormachen und müssen das Dilemma anerkennen, in dem wir stecken. Wir sollten nicht daran glauben, dass wir als Menschen alles in den Griff bekommen können. Den Tod können wir schon gar nicht besiegen, es wird ihn immer geben. Es ist also ratsam, wenn wir innerlich immer mal wieder aus dem Denken aussteigen, das gerade die Welt beherrscht und uns täglich in den Medien präsentiert wird.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus Christus helfen. Er starb für uns am Kreuz, und das ist eine der grausamsten Todesarten, die es gibt. Es geschah ohne Selbstbestimmung, mit unsäglichen Schmerzen, allein und qualvoll, verachtet und verlassen. Jesus ist an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens gegangen.

Er war nicht der erste und einzige, der einen solchen Tod starb. Die Kreuzigung war damals bei den Römern die übliche Hinrichtungsmethode, und die Folter, die damit einherging, war ein Teil der Strafe. Aber Jesus war der erste und einzige Sohn Gottes. In ihm offenbarte Gott seine Liebe zu der Welt, und das heißt: Am Kreuz Jesu hat Gott selber den Tod auf sich genommen. Und damit hat er die Grenze geöffnet, vor der wir stehen, wenn wir sterben, die Grenze vor der wir uns als Gesellschaft auch jetzt in diesen Zeiten befinden.

Wir müssen nur an ihn glauben, und „bei ihm stehen, wenn ihm sein Herze bricht“. So hat Paul Gerhard diesen Schritt der Hingabe an Jesus beschrieben. (EG 84, 6). D.h., wir müssen ihn im Geist umarmen, „in unseren Arm und Schoß fassen“. Dann sieht er auch uns und steht uns zur Seite.

Das ist eine geistliche Übung, mit der wir das eigene Sterben in gewisser Weise vorwegnehmen. Wir lassen das Leben los und richten unseren Blick auf das Kreuz. Wir bejahen den Tod. In dieser Zeit haben wir dazu unzählige Möglichkeiten, denn die angeordneten Kontakteinschränkungen bedeuten ein Sterben auf vielen verschiedenen Ebenen: Existenzen sind bedroht, Träume platzen, Menschen werden arbeitslos, viele Möglichkeiten der liebevollen Zuwendung, der zärtlichen Berührung und des Trostes werden unmöglich gemacht, um von Geselligkeit, Feiern und Unterhaltung einmal ganz zu schweigen. Unser Leben ist gerade sehr arm. Aber anstatt das zu beklagen, können wir dieses Sterben auf uns nehmen. Dann gehen wir nicht bloß mit hilfreichen Gedanken oder einer bestimmten Strategie durch diese Krise, sondern wir kommen wirklich dem Tod näher. Und das ist gut, denn er ist sowieso ein Teil des Lebens. Vielleicht lernen wir jetzt, ihn in das Leben einzubeziehen und zu bejahen. Und damit „geben wir unseren Tagen mehr Leben“, als wenn wir ihn verdrängen oder abschaffen wollten. Wir leben bewusster und wesentlicher, wacher, gesünder und klarer. Es geschieht etwas mit uns: Eine Kraft zieht in unsere Seele ein, die uns ausgeglichener und ruhiger macht. Wir werden gelassen und angstfrei. Und wir gewinnen etwas, das viel größer ist, als dieses Leben: Wir gewinnen die Ewigkeit, denn Jesus zieht uns zu sich „an sein Herz“.

Auch in der Hospizbewegung sollte der Glaube an die Überwindung des Todes vorkommen, sonst ist selbst dieser Weg nur ein verkürztes Angebot. Für viele Menschen ist es sicher ausreichend, aber nicht für alle.

Meinem Vater war es z.B. nicht genug. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Auch für ihn kam der Tag, wo der Arzt im Krankenhaus sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Er schlug das Hospiz vor, und dort ist mein Vater dann eingezogen. Nach drei Tagen wurde er allerdings unruhig und hat rebelliert. Er vertrug die Freundlichkeit der Menschen um ihn herum nicht, das war ihm alles zu seicht, zu weltlich und zu menschlich. Er empfand es als Theater. Denn seit seinem 20. Lebensjahr lebte er im Glauben an die Ewigkeit. In der Gefangenschaft in Russland während des zweiten Weltkrieges, wo er von Schrecken umgeben war und täglich das Massensterben miterlebte, hatte er sich bekehrt, und war seitdem durchdrungen von dem Bewusstsein, dass es noch mehr gibt, als diese Welt, eine Überwindung, die größer ist als alles. Darauf wollte er sich in seinen letzten Tagen konzentrieren, und er hat alle, die ihm weniger als das anboten, höflich weggeschickt. Er kam wieder nach Hause zu meiner Mutter, und die Pflege konnte gut organisiert werden. Ein Freund, von dem er wusste, dass der genauso dachte und lebte wie er selber, hat ihm regelmäßig das Abendmahl gereicht mit einer Liturgie, die ihm vertraut war. Das fand er gut. Und damit hat er seinen letzten „Tagen mehr Leben gegeben“ als irgendeine andere Maßnahme es möglich machen konnte. Er hat sich mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden, ganz leiblich, ganz nah und ganz real.

Und das können wir alle tun, nicht nur für uns selber, sondern auch für die Angehörigen, die wir jetzt allein lassen müssen. Wir können für sie beten und sie im Geist vor das Kreuz Christi legen. Dann zieht auch in diesen dunklen und beklemmenden Zeiten die überwindende Kraft des Kreuzes in uns und in die Welt ein, und sie wird uns durch alles hindurch tragen, was wir jetzt erleben. Lasst uns auf diese Kraft vertrauen. Sie kommt von der Gegenwart Jesu Christi, der sich für uns „dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Amen.

 

 

 

Sieben Wochen ohne Pessimismus

Geistlicher Impuls zur fünften Fastenwoche

Psalm 62, 2- 8: „Mein Zuversicht ist bei Gott“
März 2020

1. Einleitung

Die Fastenzeit steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Als dieses Thema ausgesucht wurde, ahnte noch kein Mensch, wie aktuell es werden würde: Plötzlich brauchen wir die Zuversicht mehr als alles andere. Ein Virus bedroht unsre Gesundheit, unsere Wirtschaft, unser soziales Leben und unsere Psyche, wie es noch nie dagewesen ist, und das auf der ganzen Welt, in allen Ländern. Die Menschheit ist empfindlich getroffen worden.

Natürlich setzen wir unsere Zuversicht auf die Medizin und die Politik, auf unsere eigene Disziplin, unser Durchhaltevermögen und unseren Zusammenhalt. Trotzdem liegt die Versuchung, dem Pessimismus zu erliegen, ständig auf der Lauer und will uns ergreifen. Sie kommt in der Gestalt der Mutlosigkeit, Traurigkeit, Wut, einem ganzen Gemisch aus negativen Gedanken und Gefühlen. Gelegentlich übermannt sie uns auch.

Es wäre aber fatal, wenn wir dieser Versuchung zu sehr nachgeben und ihr am Ende erliegen, denn dann wird alles nur noch schlimmer. Es ist wichtig, ihr zu widerstehen. Texte aus der Bibel können uns dabei helfen. Für die fünfte Fastenwoche ist ein Abschnitt aus Psalm 62 vorgeschlagen, in dem das Thema lautet: „Meine Zuversicht ist bei Gott.“

2. Psalm 62, 2- 8

2 Meine Seele ist stille
zu Gott, der mir hilft.
3 Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,
dass ich gewiss nicht fallen werde.
4 Wie lange stellt ihr alle einem nach,
wollt alle ihn morden,
als wäre er eine hangende Wand
und eine rissige Mauer?
5 Sie denken nur, wie sie ihn stürzen,
haben Gefallen am Lügen;
mit dem Munde segnen sie,
aber im Herzen fluchen sie. SELA.
6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /
der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.

3. Auslegung

Der Dichter dieses Psalms ist in bedrängter Lage. Von seinen ehemaligen Freunden verlassen und verfolgt, kommt er sich vor wie eine „sinkende Wand, wie eine Mauer, die vom Einsturz bedroht ist“. Die Angriffe seiner Gegner haben ihn zermürbt, und er droht, unter dem seelischen Druck zusammenzubrechen. Ein innerer Kampf spielt sich in seiner Seele ab. Er ringt zwischen Verzweiflung und Gottvertrauen.

Am Ende siegt das Vertrauen, deshalb beginnt sein Psalm mit dem Bekenntnis, dass er „bei Gott Hilfe“ gefunden hat. Er hat seinen Blick ganz auf Gott konzentriert, sich betend für Gott geöffnet und das Suchen nach menschlicher Hilfe aufgegeben. Er hat sich restlos Gott anvertraut und sieht nur noch den Einen, der ihm „Hilfe, Fels und Burg“ ist.

Dadurch sind die unruhevollen Gedanken, die ihn quälten, einer großen Stille gewichen. Er wurde aus seinen menschlichen Sorgen und Bedrängnissen herausgehoben. Seine Seele ist ruhig geworden. Das Hin und Her der Ängste ist vorbei. Er ist innerlich Herr geworden über seine Not.

Er hat Abstand gewonnen zu dem, was ihm widerfährt, und dadurch kann er es ganz anders einordnen. Er hat den richtigen Maßstab und ein sicheres Urteil erworben. Gott hat sich ihm offenbart und ihm Klarheit geschenkt. Dabei ist ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Situation durchaus bewusst, er macht sich nichts vor und gibt sich keiner Illusion hin. Aber er bleibt innerlich der Überlegene, er zerbricht daran nicht und lässt sich nicht besiegen. Denn er hat eine Position eingenommen, die ihn über alle Not hinweghebt: Es ist der Blick des Glaubens, von dem her er nun Hoffnung und Zuversicht erhält.

Und das ist ein wunderbares Zeugnis echter Gebetshaltung. Der Beter hat es aufgeschrieben, weil er andere zu demselben Vorgehen einladen möchte. Und es tut gut, wenn wir dieser Einladung folgen.

4. Anwendung

Dafür gibt es ein ganz konkretes Mittel. Es ist die häusliche Andacht und Zeiten der Stille. Wir sind eingeladen, sie in unseren Alltag einzubauen. Gerade jetzt haben wir dazu wunderbare Möglichkeiten. Die Ausgangsbeschränkungen binden uns alle mehr an das Haus, wir haben viel Zeit und dürfen uns noch nicht einmal zum Gottesdienst versammeln. Aber das muss uns nicht daran hindern, ihn einzeln, zu Zweit oder mit der Familie bei uns zu Hause zu feiern. In vielen Gemeinden wird dazu jetzt eingeladen, und das ist sehr schön. Wir können diese Form der Frömmigkeit wieder beleben.

Viele Christen und Christinnen haben das leider verlernt und führen genauso ein lautes und aktives Leben, wie alle anderen. Es ist voll von Begegnungen, Sinneseindrücken, Ablenkungen und Zerstreuungen, und den meisten bleibt kaum Zeit, um „zu Gott still zu werden“, zu schweigen und zu beten. Und das ist schade, denn eigentlich gehört das zu einem lebendigen Glauben dazu. Wir können es jetzt wieder einführen und uns am besten einmal am Tag hinsetzen, ein Kreuz oder ein biblisches Bild aufstellen, eine Kerze anzünden und Andacht halten. Es gibt dafür viele Anregungen, Bibellesepläne, Impulse zum Kirchenjahr, die Losungen, das Gesangbuch usw. Lasst uns das jetzt verstärkt nutzen.

Die Fastenzeit lädt uns dazu sowieso ein. Es ist die Zeit, in der wir „mit Jesus ziehen“, ihn auf seinem Leidensweg begleiten und an seinem Sterben teilhaben. Und dazu gehört es, dass wir vorübergehend „der Welt entfliehen“, uns aus allem zurückziehen, unser Bewusstsein in eine andere Richtung lenken und eine neue Dimension erfahren. Der Barockdichter Sigmund von Birken (1626-1681) hat diesen Weg sehr schön mit einem Lied beschrieben. Es beginnt mit der Strophe:
„Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach, immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch sein, glauben recht und leben rein, in der Lieb den Glauben weisen. Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.“ (EG 384,1) Es macht deutlich, dass das Leiden und Sterben Jesu zwar ein schwerer Weg war, der in die tiefste Tiefe führte, aber er endete dort nicht. Auch wenn die Jünger es vor seinem Tod noch nicht glauben konnten, danach haben sie bezeugt: „Der Herr ist auferstanden!“ Lasst uns diese Botschaft annehmen, dann werden wir auch „mit ihm leben“. (EG 384,4) So können gerade der Verzicht und das Fasten uns ganz neue Zuversicht geben. Sie entsteht nicht aus unseren menschlichen Gedanken, sondern aus der Gegenwart Gottes und der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu.

5. Auswirkung

Und das hat eine Wirkung, die weit über unsere eigene Frömmigkeit hinausweist. Wir werden nicht nur in der Seele ruhig, sondern es entsteht ein unsichtbares Kraftfeld des Gebetes, das uns miteinander verbindet und diese Welt umgibt. „Gott weiß die Beter überall“. So hat Jochen Klepper es 1938 in seinem Mittagslied ausgedrückt (EG 457,3). Und in einem Kirchenlied aus England von 1870 heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. So sei es, Herr: Die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“ (EG 266,3.5)

Das ist eine sehr schöne Verheißung, und wir können alle daran mitwirken, dass sie wahr wird. Gerade in diesen ungewöhnlichen Zeiten können wir dafür sorgen, dass das Gebet und das „Stillschweigen zu Gott“ nicht aufhören, dass immer irgendwo jemand auf Gott vertraut, dem Pessimismus widersteht und sich in Zuversicht übt. Wir können das Heil von Gott erwarten, es ruht längst bei ihm, der uns immer eine Zuflucht bietet, auf dem unser Dasein gegründet ist wie auf einen Felsengrund. Nicht bange Sorge, menschliche Ängstlichkeit und Wut sind die Gefühle, die unser Leben beherrschen sollten, sondern Zuversicht und Hoffnung, Geborgenheit und Vertrauen, Sicherheit und Kraft.

Amen.

6. Gebet des Klosters am Rand der Stadt

Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens immer
jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre kommst du in die Welt
und durch mein Herz zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben sind wir da,
draußen, am Rand der Stadt.
Herr, und jemand muss dich aushalten, dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst: Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.
Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern unten am Fluss wartet die Stadt auf dich.
Amen.
(Silja Walter)

Gott tröstet uns

Lesepredigt über Jesaja 66, 10- 14

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 22.3.2020

Liebe Gemeinde.

Jeder Mensch, braucht die Nähe von anderen Menschen, und normaler Weise suchen wir sie auch. Natürlich gibt es Einzelgänger, die am liebsten für sich alleine bleiben, aber das ist die Ausnahme. Von unserer Grundstruktur her sind wir soziale Wesen und brauchen zum Überleben unser Miteinander. Und dazu gehören nicht nur der Austausch, die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben, sondern auch Berührung und Körperkontakt sind wichtig.

Das ist ja auch das erste, was wir erfahren, wenn wir auf die Welt kommen: Wir werden in den Arm unserer Mutter gelegt und es entsteht sofort eine Verbindung zu ihr. Vor der Geburt war sie sogar noch inniger, denn da waren wir neun Monate lang in ihrem Leib. Und wenn keine Störungen vorliegen, werden wir die ganze Kindheit über weiter von unseren Eltern hoch gehoben, getragen, in den Arm genommen, gestreichelt.

Als Erwachsene suchen wir dieses Erleben dann bei einem Partner oder einer Partnerin: Wir kuscheln, umarmen und küssen uns. Auch das Bedürfnis zum Geschlechtsverkehr ist nicht nur ein Trieb, sondern hat darin ebenso seine Wurzeln.

Die liebevolle Berührung schafft Geborgenheit, sie stärkt und beruhigt uns, sie kann uns trösten und uns neu beleben.

Der Prophet Jesaja wusste das auch, und er benutzt es als ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Er schreibt in Kapitel 66:

Jesaja 66, 10- 14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Das ist ein Abschnitt von dem sogenannten „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem hatte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. erobert. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Das Heil wird kommen, das ist gewiss, denn Gott lässt nichts unvollendet. Es wird wieder Glück und Freude geben, überall kehrt Wohlstand ein, und Jerusalem wird wieder aufgebaut.

Damit beginnt unser Abschnitt: Alle Bewohner der Stadt werden reichlich und in Fülle haben. Sie werden umsorgt wie Säuglinge. Mit diesem Bild beschreibt der Prophet den glückseligen Zustand. Babys dürfen trinken, bis sie satt sind, die Brüste der Mutter versiegen nicht. So wird es mit der göttlichen Fürsorge auch sein. Dazu kommt sein Trost, auch der wird sein wie der Trost einer Mutter für ihr kleines Kind: Gott wird sie aller Sorge und Angst entreißen, und dann wird nur noch Freude herrschen. Neue Lebenskraft wird entstehen, wie das sprießende Grün nach einem belebenden Regen.

Das ist natürlich ein Bild für die Endzeit, und Visionen dieser Art gibt es viele in der Bibel. Sie beinhalten den Glauben an die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft. Gott wird sie heraufführen, das ist die Verheißung. Und die hat die Menschen damals wahrscheinlich wirklich getröstet. Denn die Vorstellung von der Wiederherstellung des Paradieses, die eines Tages eintrifft, war sowieso ein Teil ihres Denkens und ihres Lebensgefühls. Der Prophet musste sie nur daran erinnern.

Doch wie geht es uns damit? Nützen uns solche Worte heutzutage noch etwas?

Schlecht geht es uns zurzeit auch. Die weltweite Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, ist für uns alle völlig neu. So etwas haben wir noch nie erlebt, und es macht uns Angst. Dabei beunruhigt uns nicht nur die Krankheit, die wir bekommen können, wenn wir nicht aufpassen. Uns verunsichern auch die Maßnahmen, die jetzt überall verordnet werden. Plötzlich dürfen wir ganz vieles von dem, was wir gewohnt sind und für selbstverständlich halten, nicht mehr tun. Die oberste Devise lautet: Soziale Kontakte so gut es geht vermeiden! Und das geht diametral gegen alles, was uns als Menschen ausmacht. Das Geheimnis unseres Erfolges innerhalb der Evolution liegt gerade darin, dass wir mehr als jedes andere Lebenswesen zusammen etwas machen. Und wir werden auch nur so überleben. Wenn es verboten wird, stürzt alles ein, und das ist bedrohlich. Wo führt das hin? Und sind die Entscheidungen alle richtig? Niemand kann das mit Fug und Recht behaupten. Es hat sich lediglich eine bestimmte Art des Denkens und Handelns durchgesetzt. Alle Länder der Welt handeln im Moment nach demselben Muster.

Es hat seinen Grund darin, dass die Gesundheit über alles gestellt wird und auf jeden Fall so viele Leben gerettet und so wenig Leid verursacht werden soll wie möglich. Darin sind wir uns einig, da müssen wir nicht lange drüber nachdenken.

Das Dilemma ist bloß, dass das im Moment gar nicht möglich ist. Ganz gleich, welche Entscheidungen getroffen werden, es entsteht immer irgendwo großes Leid: Existenzen von vielen, die selbständig arbeiten und auf Kunden angewiesen sind, sind bedroht. Familienmitglieder müssen ihre Lieben in den Altersheimen und Krankenhäusern allein lassen, weil sie sie nicht besuchen dürfen. Die Landwirtschaft steht vor großen Problemen, weil niemand mehr reisen darf, um dabei zu helfen. Eltern sind im Stress, weil sie ihre Kinder betreuen und gleichzeitig Geld verdienen müssen. Und in Quarantäne oder Ausgangssperre besteht die Gefahr der psychischen und körperlichen Instabilität. Lagerkoller, Depression, oder Verlotterung können eintreten. Es gibt in der jetzigen Situation also keine optimale Lösung, kein richtig oder falsch, und die Probleme, die gerade entstehen, sind gigantisch.

Natürlich hoffen wir, dass das alles bald wieder aufhört, und dass genug Geld da sein wird, um anschließend allen zu helfen, die es nötig haben werden. Wir müssen den Politikern vertrauen und uns auch gegenseitig so gut es geht Mut machen. Humor ist ebenfalls ein gutes Mittel gegen die Angst, selbst wenn es nur Galgenhumor ist.

Aber reicht das? Gibt es nicht vielleicht noch etwas anderes, das uns jetzt trösten kann? Unser Prophetenwort möchte uns so ein Angebot machen, und es tut gut, darauf zu hören. Denn es enthält auch für uns eine Botschaft, die uns weiterführt. Wir können sie uns in drei Schritten klar machen.

Den ersten Schritt hat Ernesto Cardenal, ein spanischer Mystiker und Befreiungstheologe in seinem „Buch von der Liebe“ einmal so ausgedrückt: „Gott hüllt uns von allen Seiten ein wie die Atmosphäre. Und wie die Atmosphäre voller Licht- und Schallwellen ist, die wir weder sehen noch hören können, wenn wir nicht die dafür bestimmten Kanäle einschalten, so können wir auch die Wellenlänge Gottes nicht hören, es sein denn, wie schalten den entsprechenden Kanal ein. Wer nur in der Welt der fühlbaren Sender lebt, kann den Sender Gottes nicht abhören.“ (Das Buch von der Liebe, 61978, S.25)

Das ist ein wunderbares Bild, das uns ganz konkret dazu einlädt, nicht den ganzen Tag Radio zu hören oder fern zu sehen, Zeitung zu lesen oder im Internet nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Es reicht völlig aus, das ein oder zweimal am Tag zu tun. Denn es gibt noch mehr, als das, was uns da erzählt wird, eine ganz andere Dimension, eine ganz andere Hülle, die uns umgibt. Es ist die Gegenwart Gottes. Er hält uns längst in den Armen, wie eine Mutter das mit ihrem Kind tut. Wir müssen uns diese Umarmung nur bewusst machen und sie genießen. Uns werden zurzeit zwar viele Bewegungsfreiheiten genommen, aber uns wird nicht verboten, wohin wir mit unseren Gedanken gehen. Wir können sie getrost auf Gott lenken und „seinen Sender einschalten“. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt besteht darin, dass wir in der gegenwärtigen Lage die ganz große Chance haben, einmal unseren Lebenswandel zu überdenken. Ist das wirklich alles nötig, was wir immer so wollen und veranstalten? Wir sollen Abstand zueinander halten, und das ist unnatürlich. Aber gelegentlich tun solche unnatürlichen Maßnahmen auch gut. Viele Menschen ziehen sich freiwillig ein oder mehrere Male im Jahr zurück, gehen in ein Kloster oder ähnliches, um innerlich frei zu werden, zur Ruhe zu kommen und sich neu auszurichten. Plötzlich ist es für uns alle so, und das ist nicht nur schlecht. Wir können uns in diesen Zeiten fragen: Ist unsere Lebensweise eigentlich gottgemäß? Will er es, dass wir ständig hin- und herreisen, uns vergnügen und ablenken, Lärm machen, Geld verdienen, Wohlstand anhäufen? Gibt es nicht noch ganz andere Werte? Das Miteinander ist zwar lebensnotwendig, aber das Zusammensein mit Gott brauchen wir ebenso. Und dafür ist es gut, sich vorübergehend von anderen Menschen zurückzuziehen, zu schweigen und in sich zu gehen. Oft vermeiden wir durch unsere oberflächliche und gesellige Lebensweise den Kontakt zu ihm. Und das ist schädlich. Denn im tiefsten kann nur seine Berührung uns wirklich zufrieden machen. Es wird nie wieder so sein, wie im Säuglingsalter, dass die Umarmung der Mutter oder des Vaters uns vollständig beruhigen. Sind wir erst einmal erwachsen, schlummert in uns allen ein Bedürfnis nach Zuwendung, das nur der Ewige stillen kann. Vielleicht will er uns das ja gerade einmal zeigen. Es wäre also ratsam, die Chance zu ergreifen.

Und als drittes sagt uns der Prophet: Es gibt noch eine andere Welt, die Gott heraufführen wird. Jetzt gehören Leid und Tod dazu, aber eines Tages wird sich das ändern. Und das heißt: Wir dürfen nicht erwarten, dass wir mit menschlichen Mitteln den Tod abschaffen können. Er wird uns alle irgendwann treffen, ob durch das Coronavirus oder etwas anderes. Die Sterblichkeitsrate beträgt letzten Endes immer und überall 100%, daraus gibt es kein Entkommen. Deshalb ist es auch in normalen Zeiten gut, daran zu glauben, dass wir mit dieser Tatsache nicht allein gelassen sind. In Krankheit und Armut sind wir bei Gott geborgen, wenn wir einsam sind, sterben oder nichts mehr geht. Seine Liebe hört nie auf. Und nur durch ihn gewinnen wir das ewige Leben.

Das hat er uns durch seinen Sohn Jesus Christus gezeigt und geschenkt. Er ist selber den Weg des Leidens und Sterbens gegangen, damit wir nicht allein sind, wenn es uns trifft. Er will uns tragen und in den Arm nehmen, streicheln und liebkosen. Wir müssen nur daran glauben, darauf vertrauen und uns das gefallen lassen. Dann erleben wir auch in diesen Zeiten eine tiefe Geborgenheit, die uns stärkt und beruhigt, uns tröstet und neu belebt, ganz gleich, was geschieht.

Amen.

Geduld – Bewährung – Hoffnung

Predigt über Römer 5, 1- 6: Friede mit Gott

2.Sonntag der Passionszeit, Reminszere, 8.3.2020, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Römer 5, 1- 6

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

Liebe Gemeinde.

„Selbstoptimierung“ – dieses Wort lungert heutzutage an allen Ecken und Enden. So findet ihr z.B. Ratgeber, wie ihr für ein gutes Familienleben sorgen könnt. Du lernst, wie du am besten Ordnung hältst, und natürlich gibt es unzählige Ernährungs- und Bewegungstipps, die zu einem gesunden und guten Körpergefühl führen. Jede Buchhandlung hat einen Tisch, der mit Büchern über Achtsamkeit, Minimalismus oder ähnliches geradezu überläuft, und auch im Fernsehen gibt es unzählige Sendungen zu diesen Themen.

Alle flüstern dir ein: Du kannst besser werden, lebenslustiger, gesünder und liebevoller. Und die Bücher werden gekauft. Denn danach sehnen wir uns: Kaum jemand ist glücklich und zufrieden, die meisten jammern und maulen und sind verdrießlich. Der Leidensdruck ist bei vielen groß, und das sehen die Optimierer. Deshalb vermehren sich die Beiträge über Produktivität, Entspannung, positives Denken usw.

Sie versprechen uns, dass es so etwas wie ein Ziel gibt, einen Zustand, in den man sich selbst versetzen, hineinarbeiten oder wünschen kann. Wir müssen nur den richtigen Weg einschlagen, bei dem ein Schritt aus dem anderen folgt, anfangen und die fachgemäße Reihenfolge einhalten.

Auch das, was Paulus uns in der Epistel von heute beschreibt, klingt beim ersten Hören nach solchen Ratschlägen. Jedenfalls präsentiert er uns eine Schlussfolgerung, die sich auf den Leidensdruck bezieht und einen Weg andeutet, wie wir ihn überwinden können. „Geduld, Bewährung, Hoffnung, Liebe“, das ist bei ihm die geeignete Reihenfolge. Und das klingt durchaus nach einem Rezept, mit dem wir im Leben klar kommen können.

Die Frage ist allerdings, ob Paulus das so gemeint hat. Und um die zu beantworten, ist es gut, wenn wir das, was er sagt, etwas genauer lesen.

Dabei müssen wir als erstes den Anfang des Textes und den Zusammenhang beachten, in dem die erwähnte Schrittfolge auftaucht. Er beginnt mit dem theologischen Ausdruck „gerechtfertigt aus Glauben“. Den kennen wir von Paulus und wissen, dass es für ihn ein ganz wichtiges Thema war. Überall in seinen Briefen ruft er den Lesern und Leserinnen die Rettungstat Gottes in Christus in Erinnerung. Er verkündet: Wir haben durch Christus „Frieden mit Gott“. Das hebräische Wort dafür lautet „Shalom“ und das hat viele Bedeutungen. Es heißt nicht nur „Frieden“, sondern auch Heil und Unversehrtheit, Wohlbefinden und Glück. Es entsteht, weil wir mit Gott Gemeinschaft haben.

Wir erhalten „Zugang zur Gnade“, wie Paulus es weiter ausdrückt, d.h. wir sind befreit von Sünde und werden von der Liebe Gottes geschützt und umgeben. Das ist seine Botschaft, und die eröffnet eine große Hoffnung: Wer ihr folgt, wird ein Kind Gottes. Die Verheißungen Gottes erfüllen sich an ihm und er bekommt ein neues Sein.

Die Stichworte „Rechtfertigung, Gnade und Herrlichkeit Gottes“ bilden also den Zusammenhang, in dem die erwähnte Reihenfolge von „Geduld, Bewährung, Hoffnung und Liebe“ steht. Und daran merken wir schon, dass es hier um etwas ganz anderes geht, als in den erwähnen Ratgebern.

Auch das Thema „Leidensdruck“ wird hier anders behandelt. Paulus spricht ihn an, weil die Christen ihn kennen. Es geht ihnen nicht nur gut, sondern wie bereits die Frommen im Alten Testament, erwarten sie vielerlei Leiden. Paulus nimmt damit auf, was z.B. in den Psalmen zum Ausdruck kommt, aber auch bei den Propheten und anderen großen Gestalten. Hiob und Jeremia sind Beispiele für Gerechte, die trotzdem viel zu leiden hatten. Sie haben sich dadurch bewährt, wurden geläutert und mussten keine Angst mehr vor dem Endgericht haben.

Paulus hat das auch erlebt, denn er ist oft in Bedrängnis geraten. Er wurde mehrfach gefangen und schikaniert, hatte Angst und war bedrückt. Aber er hat sich davon nicht unterkriegen lassen, sondern blieb standhaft und hielt an seinem Glauben fest. Er hatte „Geduld“ und Ausdauer. Die Leidenszeiten haben ihn also nicht zerstört, sondern dienten sogar zum Guten: Seine inneren Kräfte wurden gestärkt, sein Vertrauen wuchs und damit auch die Zuversicht und die „Hoffnung“. Er hat sich „bewährt“ und die Prüfungen bestanden. Deshalb blieb er guter Dinge. Er wurde nicht enttäuscht oder „beschämt“, sondern vom heiligen Geist erfüllt. Durch ihn war „die Liebe Gottes in sein Herz gegossen“. Er konnte sie erwidern und dem Willen Gottes entsprechen. Das alles will Paulus mit dem Satz sagen: „Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Und so kann es allen Christen gehen: In dieser vom Geist getragenen Liebe füllen sie den Stand der Gnade aus, in den sie durch Christus versetzt sind. Zum Schluss erläutert Paulus noch, worin die Liebe Gottes zu den Sündern aus Juden und Heiden besteht, und zwar mit der Formel: „Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.“ Der Tod Christi ist die Heilstat Gottes, die dem Glauben vorangeht und ihm seinen Grund in der Geschichte gibt.

Und damit wird klar, dass hier tatsächlich etwas ganz anderes zur Sprache kommt, als wir es von den medizinischen, psychologischen oder esoterischen Ratgebern, den sogenannten Optimierern hören. Sie laden uns ja alle zu so etwas wie Selbsterlösung ein. Das Glück ist machbar. Wir können uns das Heil erarbeiten, das versprechen sie uns. Das Ziel, das es zu erreichen gilt, liegt zwar in der Zukunft, aber wir können es uns ausmalen, daran glauben und darauf hinarbeiten. Wir müssen uns nur selber motivieren, dann werden wir den optimalen Zustand irgendwann erreichen.

Das verheißen sie uns, und natürlich ist da etwas dran. Wenn es uns schlecht geht, sollten wir durchaus die körperlichen, seelischen und sozialen Gesetzmäßigkeiten beachten, die zu einer Besserung führen. Bestimmte Probleme lassen sich natürlich lösen, wenn wir vernünftig sind und auf das achten, was nötig ist. Aber können wir wirklich irgendwann die bestmögliche Situation erreichen? Bleibt das nicht eine Illusion? Diese perfekte Verfassung gibt es doch gar nicht, wir kommen nie da hin.

Ganz gleich, was wir tun, viele Probleme bleiben ungelöst. Sie können durch Trauer entstehen, eine unheilbare Krankheit, Armut oder Vertreibung. Es gibt unzählige Nöte, in die wir geraten können, und da hilft dann auch kein noch so gut gemeinter Ratgeber. Wir leiden wirklich, wissen nicht weiter und verzweifeln. Es ist ein Irrglaube, dass das Glück herstellbar ist. Wir sollten uns davon befreien.

Und dabei kann Paulus uns helfen. Denn für ihn ist das Leid nicht etwas, das wir abschaffen können. Es gehört zum Leben, und er versucht nicht, dagegen anzukämpfen. Er hält sich an keine Illusionen. Was für ihn wirklich zählt, ist etwas ganz anderes, und es ist längst da. Die Erlösung ist vollbracht, daran sollen wir glauben und uns festhalten. Die Rettung ist nicht nur eine Phantasie, sondern Realität. Für Paulus gilt nicht das, was irgendwann eventuell eintritt, sondern das, was jetzt ist. Wir können es demnach am besten in der Gegenwart erkennen, im Augenblick. Auf den müssen wir uns also konzentrieren. Und das können wir gut mit dem, was Paulus als erstes erwähnt: mit der Geduld. Mit ihr harren wir aus, bleiben im Hier und Jetzt und akzeptieren das, was ist, auch wenn es schwer ist. Wenn wir uns darin üben, merken wir ganz schnell, dass wir einen „Zugang zu Gott“ haben, dass es noch mehr gibt, als uns selbst und unsere eigenen Kräfte. Wir können bekennen: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.“ (EG 398,1) Das ist der erste Unterschied zu den Vorschlägen zur Selbstoptimierung.

Der zweite Punkt ist der, dass uns alles, was wir von Gott empfangen, geschenkt wird. Es kostet nichts, sondern ist umsonst. Die Ratgeber wollen ja alle irgendwann unser Geld. Die Bücher kosten etwas, ebenso jeder Besuch bei einem Arzt oder Psychologen. Und wenn der erfolgt ist, müssen wir uns anstrengen: Unser Wille ist gefordert, Übung und Disziplin, denn uns wird ein bestimmtes Verhalten empfohlen. Es kostet also auch noch unsere Kraft. Eine Weile kriegen wir vielleicht hin, was uns geraten wird, dann gehen wir ins Fitnessstudio, essen weniger, räumen auf, sind eine Zeit lang netter und aufmerksamer usw. Aber hält das alles an? Oft geben wir vieles davon doch irgendwann wieder auf. Wir scheitern an dem Vorhaben, besser, gesünder und entspannter zu werden, und die Niederlage tut dann besonders weh. Sie hat keinen Platz in all diesen Konzepten.

Im Glauben an Christus ist sie dagegen erlaubt, sie gehört sogar dazu. Denn wir müssen uns nicht in Selbstdisziplin üben, sondern im Vertrauen und in der Hingabe. Wir müssen vor Gott nicht perfekt sein und auch nichts bezahlen, sondern dürfen uns loslassen und fallen lassen, so wie wir sind. Und das kostet nichts. Wir sollen uns nur „bewähren“, und das heißt: Wir lassen uns auf einen Prozess ein. Natürlich fühlt der sich zwischendurch dann auch mal optimal an, aber entscheidend ist das Weitergehen, bei dem es hoch und runter geht. Es gibt Höhen und Niederlagen, und die dürfen alle sein. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes wird uns im Glauben etwas Großes verheißen: er weist über den Tod hinaus, und das tut kaum ein weltlicher Ratgeber. Wenn wir ihnen folgen, bleiben wir im Diesseits, ja schlimmer noch: wir bleiben bei uns selbst stehen. Alle Optimierungsversuche sind letzten Endes egozentrisch. Das Ich steht im Mittelpunkt, man kreist um sich selbst und hat nur das eigene Leben im Blick.

Im Glauben an Jesus Christus geschieht genau das Gegenteil: Wir werden von uns selbst befreit und blicken weit über unser Leben und diese Welt hinaus. Wir bekommen himmlische Gaben.“ Wir haben teil an der Verheißung der „Herrlichkeit Gottes“, und dadurch wird die „Liebe in unser Herz gegossen.“ Und das heißt: Wir werden auch für andere zum Segen. Ganz gleich, wie es uns geht, wir tragen etwas in die Welt, was ihr fehlt. Wir öffnen uns für unsere Mitmenschen und bringen ihnen den Frieden. Und das ist etwas ganz Großes.

Christus kann uns in den Zustand versetzen, der für uns und allen anderen am heilsamsten ist. Dafür hat er gelitten und ist gestorben, wir müssen nur seinem Weg folgen und uns in Geduld üben. Dann bewähren wir uns, bekommen neue Hoffnung und erfahren die grenzenlose Liebe Gottes.

Amen.

 

Lasset uns mit Jesus ziehen

Predigt über Lukas 18, 31- 34: Die dritte Leidensankündigung

Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 23.2.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 18, 31- 34

31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,
33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
34 Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

Liebe Gemeinde.

Die schwerste Botschaft, die es zu überbringen gibt, ist die Todesnachricht. Bei einem Gewaltverbrechen oder einem Unfall mit Todesfolge ist das die Aufgabe der Polizei. Es gehört natürlich zu ihrer Ausbildung, dafür das nötige Feingefühl zu entwickeln, trotzdem werden wir als Notfallseelsorger und Seelsorgerinnen oft gebeten, mitzukommen. Denn die Information ist für die Angehörigen ein Schock, niemand weiß, wie sie reagieren werden. Sie brauchen oft menschlichen Beistand oder psychologische Betreuung.

Ähnlich schwer ist es, wenn Ärzte in so einer Situation sind. Das geschieht sicher noch viel häufiger. Dabei müssen sie nicht nur Todesnachrichten überbringen, sondern oft schon vorher ankündigen, dass eine Krankheit nicht mehr heilbar ist, und der oder die Betroffene nur noch kurze Zeit zu leben hat. Auch das erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.

Einem Kranken selbst sagt man es manchmal lieber gar nicht. Das ist dann natürlich unehrlich, aber es gibt Menschen, für die es besser ist, wenn sie nicht erfahren, dass sie bald sterben werden. Möglicherweise würden sie es sowieso nicht verstehen oder glauben.

So ging es jedenfalls den Jüngern Jesu. Sie waren zwar in der Rolle der Angehörigen, und Jesus war der, der bald sterben würde, aber das Unverständnis lag bei ihnen. Er wusste um die Realität und sah ihr ins Auge. Seine Jünger sollten es auch verstehen, und er hat dreimal versucht, sie in sein bevorstehendes Schicksal einzuweihen. So überliefern es die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Die dritte Vorhersage aus dem Lukasevangelium haben wir eben gehört.

Man kann sie unter die Überschrift stellen: „Jesu Weg zum Ziel“, denn so war es für ihn: Er war gefasst und hatte das Ende seines Weges auf der Erde klar im Blick. Er wusste, dass seine Feinde ihn umbringen wollten, und er eines gewaltsamen Todes sterben würde. Doch das erschreckte ihn nicht, weil er an die göttliche Bestimmung glaubte, die dahinter stand. Er ging davon aus, dass sich damit der Heilsplan Gottes erfüllte. Denn so hatten es bereits die Propheten vorhergesagt, und nun wurde diese Weissagung Wirklichkeit.

Darüber wollte er seine Jünger belehren und aufklären. Sie sollten hören, was ihm und damit auch ihnen bevorstand. Er weihte sie in sein Wissen ein.

Doch es gelang ihm nicht, sich verständlich zu machen. Sie begriffen nicht, wovon er redete und was er meinte. Sie wehrten sich gegen die furchtbare Nachricht und nahmen sie nicht auf, denn das konnten sie nicht verkraften. Sie sollten erkennen, dass seine Hinrichtung bevorstand, sie ihn also auf grausame Weise verlieren würden und dabei selber in Gefahr gerieten. Das lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens, sie wollten es einfach nicht erfassen.

Denn es war zu schlimm für sie. Drei Jahre lang waren sie mit ihm gegangen, hatten dafür alles aufgegeben, hatten ihm vertraut und geglaubt, dass er der Messias war, der alles ändern würde. Natürlich liebten sie ihn auch und hingen an ihm. Sie wollten ihn auf keinen Fall verlieren. Es ist völlig nachvollziehbar, dass sie die Todesnachricht ablehnten.

Wie es Jesus selber mit diesem Wissen ging, wird hier zwar nicht erwähnt, aber er schien nüchtern und innerlich gefestigt gewesen zu sein. Er beschreibt ja sehr genau, was ihn erwartete: Zuerst kommen seelische Qualen, Verspottung, Misshandlung und Verhöhnung. Dann folgen körperliche Grausamkeiten, wie die Geißelung und die Hinrichtung.

Davor hätte er eigentlich Angst bekommen und so schnell wie möglich weglaufen und sich verstecken müssen. Doch er tat genau das Gegenteil: Er begab sich in die Hände seiner Feinde und ging ihnen entgegen, nach Jerusalem, wo sie bereits auf ihn warteten. Fast scheint es so, als hatte er eine Todessehnsucht, doch das war nicht der Fall. Er beschwor seinen gewaltsamen Tod zwar herauf, aber er wusste, dass das nicht das Ende seines Auftrags sein würde. Deshalb konnte er so ruhig damit umgehen. Er sah weiter, über sich und seine Zeit auf Erden hinaus. Er glaubte an die Macht Gottes, die auch noch jenseits des Todes bleibt und wirkt. Gerade durch seinen Tod würde sie sich als wahr erweisen, und den Menschen den Weg in die Ewigkeit öffnen. Das waren sein Glaube und seine Einsicht, davon war er erfüllt und durchdrungen.

Die Jünger dagegen konnten das nicht verstehen, seine Rede blieb für sie rätselhaft. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“ So steht es am Ende des Textabschnittes.

Und damit sind sie uns sehr nah. Das können wir uns gut vorstellen. Möglicherweise geht es uns sogar ganz ähnlich. Wir wissen zwar, dass Jesus gekreuzigt wurde, aber leicht fällt uns dieses Wissen nicht. Es ist unbehaglich und anstößig. Und das war schon immer so. Von Anfang an war das Kreuz ein Ärgernis, über das auch die Christen nachdenken mussten. Bis heute versucht die Theologie, es einzuordnen, und es gibt viele verschiedene Ansätze dafür.

Der geläufigste ist, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist. Der Apostel Paulus hat diese Theorie als erster formuliert. In den Evangelien liegt der Schwerpunkt anders. Da machen die Leidensankündigungen – von denen uns heute eine vorliegt – deutlich, was der Tod Jesu bedeutet, und zwar werden wir mit ihnen in die Nachfolge gerufen. D.h. wir sollen Jesus in sein Leiden und in den Tod folgen, um dann auch mit ihm aufzuerstehen und zu neuem Leben zu erwachen. Der Christ und die Christin werden eingeladen, sich auf den Weg zu machen und mit ihm zu gehen. Dann können auch sie erfahren, dass die Macht Gottes weit über den Tod hinausgeht. Wir werden zur Leidensbereitschaft herausgefordert, um an der Auferstehung teil zu haben.

Aber wollen wir das? Ist das für uns nicht genauso hart? Wir wollen den Tod und das Leiden nicht, es schreckt uns ab und verstört uns. Es geht uns nicht anders als den Jüngern. Gewaltsame Vorfälle sind dabei besonders entsetzlich. Wir hören ja fast täglich davon. Meistens geschehen sie in anderen Ländern, doch jetzt ist es auch bei uns passiert: Neun Menschen mussten in Hanau sterben, weil ein Einzelner es so wollte. Wie können wir da ruhig und fest bleiben? Es löst Angst und Schrecken aus.

Deshalb wird der Vorfall in den Medien und in der Politik ausführlich behandelt. Es gibt inzwischen sehr viele gute und hilfreiche Äußerungen und Aktionen dazu. Ich möchte all die Bekundungen jetzt nicht wiederholen, und hinzuzufügen gibt es dem auch kaum noch etwas.

Die Frage, die sich in unserem Zusammenhang stellt, ist auch hauptsächlich die: Wie geht es jetzt den Angehörigen der Opfer? Sie sind ja am meisten betroffen und sind in schweres Leid geraten. Deshalb gibt es auch eine Opferbeauftragte, die ihnen mit ihrem Team hilft, die vielen Gefühle und Gedanken zu verarbeiten, Trauer und Wut, Angst und Entsetzen. Der Gedanke, so ein Schicksal einfach hinzunehmen oder es möglicherweise sogar freiwillig zu wählen, kommt uns auf diesem Hintergrund völlig abwegig, ja sogar zynisch vor. Das kann doch nicht die Antwort auf Terror und Krieg, Gewalt und Morden sein!

Doch so dürfen wir den Weg Jesu und seinen Ruf in die Nachfolge auch nicht verstehen. Er will nicht, dass wir taten- oder gedankenlos zusehen, wenn etwas Schlimmes passiert. Der Schreck und die Verstörung gehören dazu. Wir sollen nur realistisch sein und uns nichts vormachen. Es gilt zu erkennen, dass das Leben oft genau so grausam ist. Auch wenn uns keine Terroranschläge treffen, geht es uns nicht immer gut. Wir müssen vieles erleiden und ertragen, und am Ende steht auf jeden Fall der Tod, da führt kein Weg auf der Welt drum herum. Jesus möchte von uns Nüchternheit und Ehrlichkeit gegenüber diesen Tatsachen. Wir verdrängen das ja lieber, verschließen unsere Augen und beschäftigen uns nicht damit. Doch damit werden wir dem Leben nicht gerecht. Wir versuchen, etwas auszuklammern, das sich nicht ausklammern lässt. Und das ist nicht ratsam. Denn irgendwann holt es uns ein, und dann haben wir keine Möglichkeit, damit umzugehen. Angst überfällt uns, Unruhe und möglicherweise Verzweiflung. Wir wissen nicht weiter, sind ratlos und aufgeschmissen. Deshalb ist es so schwer, eine Todesnachricht zu empfangen. Sie tut sehr weh.

Doch es gibt einen Weg, wie sich dieser Schmerz abschwächen kann. Und zwar ist es wichtig, dass wir uns selber spüren und uns klar machen, was alles in uns vorgeht, wenn wir mit dem Tod in Berührung kommen. Es ist nämlich gar nicht nur die schlimme Erfahrung, die uns quält, sondern auch das, was dadurch in unserer Seele geschieht: Wir hadern und lehnen uns auf, und das zermürbt uns. Es gibt negative Kräfte, die uns von innen verzehren und zerstören wollen. Das müssen wir erkennen und uns dagegen wehren. Es ist nicht zwingend, dass wir uns diesen Kräften ausliefern, wir können ihnen etwas entgegensetzen.

Es beginnt damit, dass wir still werden und gar nichts mehr tun oder denken, allerdings ohne unsere Augen zu verschließen. Wir wenden uns nicht von der Realität ab, sondern wenden uns Gott zu. Er ist die größere Realität, und wir sagen und geben ihm, was uns beschwert. Er kann von uns nehmen, was uns nieder drückt, daran gilt es, zu glauben. Das ist zwar wie ein Sterben, aber es tut gut. Wir nehmen unseren eigenen Tod damit ein Stück weit vorweg, jedoch mit einem „Ja“, und dadurch lässt der Schmerz nach.

Wir haben vorhin das Lied gesungen: „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165). Es beginnt in den ersten beiden Strophen mit der Vorstellung von Gottes Thron und der Aufforderung zur Anbetung. Das ist schön, und wir singen es gerne. Die dritte Strophe ist dagegen sehr unbeliebt und wird oft weggelassen. Sie beginnt mit dem Satz: „Wir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden.“ Das ist uns fremd und passt nicht in unser Lebensgefühl. Aber es ist eine sehr sinnvolle Vorgehensweise, die auch in der Leidensankündigung Jesu zum Ausdruck kommt: Es ist gut, wenn wir die Oberflächlichkeit bei Seite legen und annehmen, dass das Leben nicht nur lustvoll und unterhaltsam ist.

Stattdessen sind wir eingeladen, unseren „Willen, Seele, Leib und Leben Gott zum Eigentum zu geben.“ So geht die Strophe aus dem genannten Lied weiter. Und das ist wichtig. Denn daran wird deutlich, dass wir weder zu einem heldenhaften Verzicht noch zum Stumpfsinn oder zur Gelichgültigkeit aufgefordert werden. Wir dürfen vielmehr wissen und glauben, dass wir nicht allein sind. Wir können und sollen auf Jesus blicken und uns seinen Weg und sein Leiden vorstellen. Er geht dann mit uns und steht uns bei. Jesus führt uns durch die Dunkelheit. Und das gilt in allen Situationen, die dunkel und schwer sind, die wir nicht verstehen und die uns aufwühlen. Wir sind auf jeden Fall bei ihm geborgen. Er umgibt uns mit seiner Liebe und lässt uns teilhaben an seiner Überwindung.

Natürlich geschieht das nicht in einem Augenblick. Es ist manchmal ein langer Weg, den wir gehen müssen, bevor es nach einer schlimmen Erfahrung wieder hell in uns und um uns herum wird. Aber es gibt diesen Weg, und es geht darum, dass wir ihn einschlagen. Dann behalten wir auf jeden Fall eine Hoffnung. Mit der Zeit weicht die Verzweiflung, und das Herz wird ruhig, auch angesichts von Tod und Schrecken. Jesus hat das Reich Gottes gebracht und die Ewigkeit für uns geöffnet. Leiden und sterben, Gewalt und Terror haben nicht das letzte Wort. Es gibt vielmehr eine Wirklichkeit jenseits des irdischen Lebens. Gottes Macht ist größer als alles, der Tod kann sie nicht auslöschen. Das hat Jesus verkündigt, dafür hat er gelebt, dafür ist er gestorben und auferstanden. Er führt uns den Weg zu Gott, den Weg durch die Zeit in die Ewigkeit.

Seine Botschaft war die schönste, die es gibt, denn sie ist eine Antwort auf alle unsere Fragen und Nöte. Sie löst keinen Schock aus, sondern bringt Ruhe und Freude. Er selber ist der Beistand, den wir brauchen. Er heilt unsere Seele und verheißt uns Leben. Es tut deshalb gut, wenn wir ihn empfangen, an ihn glauben und darauf vertrauen, dass sein Weg auch für uns der beste ist.

Lasst uns deshalb singen:

„Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand und unser Herr geht mit.“ (EG 394)

Amen.

Gott ist parteilich

Predigt über Matthäus 20, 1- 16: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae, 9.2.2020,
Lutherkirche Kiel

Matthäus 20, 1-16

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Liebe Gemeinde.

„Damit das Reich Gottes verwirklicht werden kann, müssen jene an diesem Reich teilhaben, die ganz weltlich des Lebens in seinen verschiedenen Formen beraubt worden sind: die Armen und Unterdrückten. Daher ist die Verkündigung Jesu parteilich, und der Gott des Lebens zeigt sich parteilich für die des Lebens beraubten […] Jesus verkündigt das Reich Gottes den Armen, verkündigt das Leben jenen, die es am wenigsten haben.“ (Bruno Kern, Theologie der Befreiung, Tübingen und Basel, 2013, S. 39)

So formuliert Jon Sobrino, ein spanischer Jesuit, der zu den sogenannten Befreiungstheologen gehört. Er lebt in El Salvador und ist Professor der Theologie. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er erforscht und herausgearbeitet hat, wie das Leben und die Verkündigung Jesu Christi die Gesellschaft prägen können. Nachfolge bedeutet für ihn ganz praktisch das Engagement für die Befreiung der Unterdrückten.

Und damit ist er nicht allein. Für alle Befreiungstheologen ist die Person Jesu Christi der Prüfstein für ihre Denkwege, und sie haben herausgestellt, dass Jesus und die Botschaft vom Reich Gottes unauflöslich zusammengehören. (s.o. S. 128)

Was das Reich Gottes dabei bedeutet, kann man an seinem Handeln und auch an seinen Gleichnissen erkennen. Eins davon haben wir vorhin gehört. Es ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Jesus wählt für seine Geschichte wie immer eine Situation aus dem Alltagsleben der Menschen und erzählt von einem Weinbergbesitzer: Der brauchte Arbeiter, möglicherweise für die Ernte, und so ging er früh am Morgen aus, um sie zu suchen. Sie standen auf dem Marktplatz in der nächsten Ortschaft und warteten ihrerseits auf eine Anstellung. Es war damals üblich, dass Menschen für einen Tag bei jemandem arbeiteten und am Morgen für eine Anstellung zur Verfügung standen. Die Arbeitszeit dauerte normaler Weise von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Was den Lohn betraf, so verabredete man morgens die Höhe, und am Abend wurde man ausbezahlt.

Bis dahin ist hier also alles ganz normal. Der Weinbergbesitzer schlägt auch den damals üblichen Tageslohn vor, einen Silbergroschen nämlich. Das war zwar nicht viel, aber wenn man sonst kein Einkommen hatte, lohnte es sich durchaus, dafür einen Tag lang zu schuften. So fand der Gutsbesitzer also welche, die auf seinem Weinberg für den verabredeten Lohn arbeiten wollten.

Doch dann tat er etwas Ungewöhnliches. Drei Stunden später ging er nämlich noch einmal los, um Arbeiter einzustellen. Offensichtlich reichten die Kräfte nicht aus, um das, was getan werden musste, zu bewältigen. Interessanter Weise wird aber beim zweiten Mal die Höhe des Lohnes nicht erwähnt. Der Herr will ihnen „geben, was recht ist“, heißt es nur. Das weckt natürlich die Erwartung, dass sie entsprechend ihrer kürzeren Arbeitszeit auch weniger Geld bekommen, aber das wird bewusst so nicht gesagt. Es soll in der Schwebe bleiben, denn genau darum geht es am Ende bei der Pointe der Geschichte.

Vorher wiederholt sich der Vorgang allerdings noch dreimal im Dreistundentakt. Sogar kurz vor Sonnenuntergang werden abermals Arbeiter eingestellt.

Dann ist es Abend und es kommt zur Auszahlung. Und nun wird es spannend und interessant. Was hat der Weinbergbesitzer vor? Wie wird er die Arbeiter belohnen? Das fragt sich jeder, der die Geschichte bis dahin gehört hat. Und so ist sie auch aufgebaut. Dabei sind gerade die letzten Arbeiter, die nur eine Stunde gearbeitet haben, erzählerisch wichtig, denn um die geht es, und um die ersten. Diese beiden Gruppen kommen deshalb nun ins Blickfeld. Und zwar fängt der Hausherr mit der Lohnauszahlung bewusst bei den Letzten an. Die Ersten sollen nämlich mitkriegen, was er tut. Sie sollen zu Zeugen der Belohnung werden. Denn nun geschieht das Auffällige, die Arbeiter erhalten alle gleich viel, und zwar den vollen Tageslohn. Der Weinbergbesitzer kümmert sich nicht darum, wie lange die Einzelnen gearbeitet haben, er gibt jedem einen Silbergroschen. Und das ist natürlich eine Provokation, denn er ergreift eindeutig Partei für die Letzten. Prompt ruft dieses Verhalten den Missmut der Ersten hervor. Sie finden das ungerecht und beschweren sich. „Sie murrten gegen den Hausherrn“, wie es heißt. Sie hatten den ganzen Tag in der Hitze geschuftet, und nun sollen sie genauso bezahlt werden, wie die, die erst am Abend angefangen haben? Das ist ihr verständlicher Vorwurf.

Und darauf bekommen sie auch eine Antwort. Der Hausherr erklärt ihnen sein Handeln, und zwar mit zwei Argumenten. Er beruft sich einmal auf das Recht, das er ja nicht verletzt hat. Niemand bekommt weniger als vereinbart, kein Vertrag wurde gebrochen, keiner wurde ausgenutzt oder betrogen. Das ist das eine Argument. Es bezieht sich auf die Ersten. Und das andere ist seine Güte und Großzügigkeit, die er gegenüber den Letzten geltend macht. Er unterbricht also den reinen Lohngedanken, er geht nicht nur nach der Leistung, sondern er sieht die Menschen und ihre Bedürftigkeit. Menschlichkeit leitet diesen Herrn, und er bittet die Murrenden um Verständnis. Die Ersten sollen sich doch lieber mit den Letzten freuen, anstatt sich zu beschweren, denn auch sie haben bekommen, was sie zum Überleben brauchen.

Das ist das Gleichnis, und damit sagt Jesus etwas über sein eigenes Denken und Handeln und über sein Gottesbild. Mit dem Hausherrn ist nämlich Gott gemeint, und die Arbeiter sind diejenigen, die sich zu ihm bekennen, ihm dienen und an ihn glauben. Es geht dabei um die Frage, wer „am Reich Gottes teilhat“.

Zu diesem Thema sagt Jesus, dass bei Gott etwas anderes zählt, als Leistung und Lohn. Er ist gütig und großzügig. Er rechnet nicht nach, wieviel einer für ihn tut, sondern er behandelt jeden gleich. Denn Gott kalkuliert nicht, sondern er liebt. Und diese Liebe kennt keine Grenzen, sie wird nicht aufgeteilt oder portioniert, sondern sie gilt jedem ganz und gar. Sie wird auch ganz frei gewährt, denn Gott ist nicht der Geschäftsführer der Welt, sondern ihr Schöpfer und ihr Besitzer. Gott lässt sich deshalb von unseren menschlichen Vorstellungen und Erwartungen nicht einengen. Er ist nicht kleinlich oder knauserig. Und so haben gerade die Benachteiligten und die Armen, die Sünder und die Schwachen bei Gott immer eine Chance. Gott stellt sich auf ihre Seite.

Doch wollen wir das hören? Weckt das nicht eine gewisse Empörung? Es ist ja nicht ganz gerecht, was der Hausherr tut, und wirkt sehr willkürlich. Es gefällt uns nicht, dass Gott hier als parteilich dargestellt wird. Sollte er nicht lieber neutral bleiben und sich auch zu denen bekennen, die zuerst da waren? Ein nachvollziehbares Lohndenken, Rücksichtnahme und Respekt gegenüber den Belangen aller liegt uns näher, es entspricht eher unserem Gerechtigkeitsempfinden. Auch wir fühlen uns durch das Handeln des Weinbergbesitzers provoziert und müssen uns fragen, wie wir damit umgehen wollen. Und das können wir gut in drei Schritten tun.

Zunächst einmal ist es ratsam, wenn wir erkennen, wo unsere Empörung herkommt. Was steckt dahinter? Ist es wirklich nur ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl? Wenn wir ehrlich sind, ist es noch mehr. Es ist uns nämlich wichtig, Geld zu verdienen und einen gewissen Wohlstand zu erreichen. Wenn wir ihn uns selber erarbeitet haben, sind wir stolz. Es dauert auch lange, bis wir wirklich zufrieden sind und genug haben. Wenn wir sehen, dass es anderen besser geht, beschleicht uns deshalb gerne einmal der Neid. Wir „murren“ gelegentlich und finden, dass es nicht ganz gerecht in unserer Gesellschaft zugeht.

Genau das wird in unserem Gleichnis hinterfragt. Es deckt den heimlichen Neid, die Unzufriedenheit und das materialistische Denken auf. Und es ist gut, wenn wir zugeben, dass wir davon nicht frei sind, sondern ihm immer wieder verfallen. Das ist der erste Schritt.

Als zweites gilt es die Werte zu beachten, die hier im Mittelpunkt stehen. Es sind andere als Geld oder Lohn, und wir werden eingeladen, uns damit anzufreunden. In dem Lied, das wir eben gesungen haben, klang das schon an. Es beginnt mit dem Bekenntnis: „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut.“ (EG 352,1) Um diesen Segen sollten wir uns deshalb kümmern – er ist viel wichtiger als Reichtum oder Wohlstand – und uns von dem Irrtum verabschieden, Geld und Güter seien alles, was wir zum Glück und zur Lebensfreude brauchen. Wir müssen nicht zu den materiell Reichen gehören, denn es gibt wunderbare Dinge, die nicht zu kaufen aber sehr wertvoll sind. Sie werden uns einfach so geschenkt, wir nur müssen sie nur beachten und empfangen. Es gibt dazu ein schönes Gedicht von dem deutschen Schriftsteller Mischa Mleinek. Es trägt den Titel: „Leider unerschwinglich“ und lautet folgendermaßen:

„Sie träumen und glauben und denken,
dass Geld-Haben alles wär.
Sie würden uns gerne den Himmel schenken
und haben ihn selbst nicht mehr.
Sie meinen, sie hätten schon alles,
weil jeder so leicht vergisst:
Da ist manches Wunderbare auf der Erde,
das als Ware leider unerschwinglich ist.
Kauf dir das Lied, das die Nachtigall singt!
Kauf dir, dass einer dich mag!
Kauf dir, dass am Straßenrand ein Vagabund dir winkt –
kauf dir das Lachen vom vergang’nen Tag!
Kauf dir das Raunen des Grases im Wind –
kauf dir ein zärtliches ,Du‘ –
kauf dir, wenn einmal das Leben verrinnt, eine Sekunde dazu! Kauf dir das Lied, das die Nachtigall singt –
Liebe, die treu zu dir hält.
Kauf dir das Glück, das nur Zweisamkeit bringt –
Keiner auf der Welt hat so viel Geld!“

In diesem Gedicht kommt Jesus zwar nicht vor, aber es gibt mit Sicherheit wieder, wie auch er gedacht hat. Es enthält seinen Geist, und der kann auch unser Denken erfüllen. Denn Jesus lädt uns ein, die Liebe an erste Stelle zu setzen, die Mitmenschlichkeit und Genügsamkeit.

Und das ist drittens ein sehr wohltuender und heilsamer Vorgang. Wir profitieren davon viel mehr, als von allem anderen, denn oft sind wir selber „die des Lebens beraubten“, arm und unterdrückt. Auch wenn uns keine Geldsorgen plagen, kann es sein, dass wir bedürftig sind. Denn es gibt unzählige andere Defizite, die das Leben beeinträchtigen. Sie können durch Enttäuschungen oder Verletzungen im zwischenmenschlichen Bereich entstehen, durch Tod oder Missbrauch, Verlust und Trauer. Auch unsere eigenen Fehler und Schwächen machen uns gelegentlich das Leben schwer, zerstören Träume, setzen uns Grenzen und belasten uns. Kein Leben verläuft ohne Niederlagen.

Mit dem Gleichnis will Jesus uns daraus einen Ausweg zeigen. Er weist uns auf die liebende Macht Gottes hin, die uns aus all dem befreit. Denn Gott erwartet nichts von uns, wir können jederzeit kommen und an seiner vollen Gnade teilhaben. Denn der „Gott des Lebens zeigt sich parteilich für die des Lebens beraubten […] Jesus verkündigt das Reich Gottes den Armen, verkündigt das Leben jenen, die es am wenigsten haben.“

Dieser Grundsatz der Befreiungstheologen wird ja gern als zu politisch, zu links und zu weltlich kritisiert. Der Vorwurf lautet: Gott ist größer als die Welt, wir glauben an die Ewigkeit und müssen uns um unser Seelenheil kümmern. All das droht in der Befreiungstheologie verloren zu gehen. Aber das muss nicht sein, denn beides gehört zusammen. Wenn wir in uns erfahren, dass Gott auf unserer Seite steht, ergreifen auch wir Partei. Wir wenden uns ganz von selber den Armen zu, engagieren uns für die Befreiung der Unterdrückten, und das Reich Gottes wird jetzt schon Wirklichkeit.

Amen.

Bekennt euch zu Gott

Predigt über Jeremia 14, 1- 9: Das Gebet des Volkes

2. Sonntag nach Epiphanias, 19.1.2020

Jeremia 14, 1- 9

1 Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre:
2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte sind verschmachtet. Sie sitzen trauernd auf der Erde, und in Jerusalem ist lautes Klagen.
3 Die Großen schicken ihre Leute nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.
4 Die Erde lechzt, weil es nicht regnet auf Erden. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.
5 Ja, auch die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.
6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.
7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.
8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
9 Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Liebe Gemeinde.

Es war in Palästina keine seltene Erscheinung, dass Dürre und Hungersnot das Land beherrschten. Wenn die Frühregen im Spätherbst zu wenig Wasser enthielten, und die Spätregen im Frühjahr ausblieben, waren Land und Volk fürs nächste Jahr großer Trockenheit und schwerer Missernte ausgesetzt. Bald waren die angesammelten Zisternenwasser ausgeschöpft, auch die Quellen vertrockneten allmählich, und die Vorräte an Brot und getrockneten Früchten waren irgendwann verbraucht. Die Menschen verzweifelten.

So eine allgemeine Not infolge eingetretener Dürre schildert der Prophet Jeremia in der alttestamentlichen Lesung für diesen Sonntag. Und das kennen wir auch aus heutiger Zeit. Bei uns ist es zu unseren Lebzeiten zwar noch nie ganz so schlimm gewesen, aber regelmäßig gehen Bilder um die Welt, die aus anderen Gegenden genau dasselbe zeigen. Wir werden dann zum Spenden und Helfen aufgefordert, und diesen Aufrufen folgen zum Glück auch viele Menschen.

Aber wäre es nicht viel besser, wenn es das alles gar nicht mehr gäbe, wenn Dürre und Hungersnot für immer beendet würden? Das Volk Israel wünschte sich das und griff deshalb auf seinen Glauben zurück. Sie riefen zu Gott und beteten.

Das ist der Inhalt des Abschnittes aus dem Buch des Propheten Jeremia, den wir vorhin gehört haben. Er ist heute unser Predigttext

Wir wissen zwar nicht, in welcher Zeit die geschilderte Hungersnot das Land beherrschte, es wird jedoch angenommen, dass wir sie uns in den ersten Jahren der Wirksamkeit des jungen Propheten zu denken haben, also noch vor der Zerstörung Jerusalems und der Eroberung des Landes durch Nebukadnezar, dem König von Babylonien. Es gab das Volk Juda noch, und eigentlich lebten sie ganz gut in ihrem Land.

Doch offensichtlich gab es einmal eine große Dürre, und der Text beginnt mit der dramatischen Schilderung der Folgen, die dadurch eingetreten sind: „Juda wehklagt, in seinen Toren klagt das Volk, sinkt trauernd zur Erde, und das Geschrei Jerusalems steigt empor. Ihre Vornehmen schicken die Diener nach Wasser; sie kommen zu den Zisternen, finden kein Wasser, kehren mit leeren Krügen heim.“ Die Not war also bereits aufs höchste gestiegen. Ganz Jerusalem, hoch und niedrig, war in verzweifelter Aufregung. Aus allen Häusern drang Wehklage, die Kinder verschmachteten vor Durst, die Frauen weinten und jammerten, die Männer versammelten sich zu Beratungen in den Stadttoren, und vor ihren Augen lagen Sterbende. Die Vornehmen sandten Diener zu fernliegenden Zisternen und Quellen, sie kehrten aber mit leeren Krügen zurück. Im ganzen Lande war die Lage ähnlich. Das ist hier das ergreifende Bild.

Und so suchte das Volk durch eine Notbuße Rettung beim Herrn. Das Flehen des Volkes lautete: „Wenn unsere Sünden wider uns zeugen, so greife ein, Jahwe, um deines Namens willen; ja, so oft sind wir treulos gewesen, an dir haben wir gesündigt. Du Hoffnung Israels, du sein Retter in der Not! Warum denn bist du wie ein Fremdling im Lande, dem Wanderer gleich, der nur zur Nachtruhe zeltet? Warum bist du wie ein erschrockener Mann, wie ein Krieger, der nicht zu helfen vermag? Du bist doch, Jahwe, in unserer Mitte und deinen Namen tragen wir. Verlass uns nicht!“

Das hört sich wie ein sehr schönes Glaubensgebet an. Tiefe Erkenntnis der Schuld kommen darin vor, ein klares Bekenntnis zum Herrn und eine innerliche Besinnung auf die göttliche Berufung des Volkes. Die Menschen wissen, dass sie gesündigt haben, und sie wissen auch, dass der Herr Israels Hoffnung und Retter ist. Wie oft hat Gott es aussprechen lassen, dass er inmitten seines Eigentums zelte, Jerusalem die Stätte sei, da er wohne. Die Fragen des Volkes waren daher verständlich.

Doch sie klingen nicht nur fromm, sondern auch enttäuscht und fast so ein bisschen vorwurfsvoll: Ob er in dieser schweren Heimsuchung nur „ein für eine Nacht eingekehrter Wanderer sei, oder ob er einem Krieger gleiche, dessen Mut und Kraft geschwächt sei und daher nicht mehr helfen könne!“ Mit diesen Vergleichen beschreiben sie ihre Unzufriedenheit und erinnern ihn daran, dass sie doch „nach seinem Namen heißen.“ Er soll sie deshalb „nicht verlassen!“

Damit endet unser Predigttext, und das könnte ein Zeugnis echter Glaubenszuflucht und Gottesnähe sein. Doch das war es mitnichten. Wenn wir weiterlesen, erfahren wir, dass Gott dieses Gebet nicht erhört hat. Denn die geistige Einstellung, die ihm zu Grunde lag, gefiel ihm nicht. Seine Antwort lautete „Sie lieben es, von einem zum andern zu laufen, ihre Füße schonen sie nicht; jedoch Jahwe hat keinen Gefallen an ihnen.“ (V.10) Für Gott war all das nur ein Lippenbekenntnis, das Herz der Menschen war daran nicht beteiligt. Die Not hatte sie gezwungen, die Sprache des Glaubens anzunehmen, Gott überblickte jedoch das Ganze und sah, dass es nur ein augenblickliches Zu-ihm-laufen war. Nach überstandenem Unglück würden sie – wie so oft – wieder fremden Göttern folgen, das ist hier gemeint, und das hatte er bereits erlebt. Er forderte mehr von ihnen und ließ sich nicht einfach so beeinflussen. Er war nicht käuflich. Die Tränen ihrer Notbuße beeindruckten ihn nicht, auch kein Fasten oder Flehen in Sack und Asche. Erst wenn sie sich klar für ihn entscheiden und aufhören würden, „hin- und herzulaufen“, würde sich ihr Schicksal ändern. Das sollte der Prophet Jeremia ihnen sagen.

Und das ist auch für uns hier die entscheidende Botschaft: Indirekt erfahren wir, wie ein echtes Gebet sein muss, wenn es helfen soll. Und das ist gut, denn es geht uns ja oft so, wie den Israeliten: Wir leiden Not, beten zu Gott, und er tut nichts. Auch wir haben das Gefühl, dass er sich gar nicht richtig für uns interessiert, sondern nur „vorübergehend da ist“, wie ein Wanderer, der mal eben für eine Nacht sein Zelt aufgeschlagen hat, aber morgen schon wieder weiterzieht.

Lasst uns also fragen, wie wir beten sollen und was es heißt zu glauben. Was will Gott von uns heute, und was kann er uns schenken? In drei Schritten können wir diese Fragen beantworten.

Der erste ergibt sich, wenn wir uns mit dem auseinandersetzen, was gar nicht mehr in unserem Predigttext steht, sondern ihm unmittelbar folgt, und zwar mit dem Vorwurf Gottes, das Volk „liefe hin und her.“ Das tun wir nämlich auch. Wir haben ebenfalls viele Götter, die wir anbeten. Sie heißen nicht Baal oder Beelzebub, aber unser Streben nach Wohlstand und Bildung, Macht und Erfolg hat religiöse Züge. Sie ersetzen Gott in gewisser Weise, denn wir ordnen dem oft alles andere unter und glauben daran, dass diese Ziele uns glücklich machen. Wir jagen immer irgendwelchen Ideen und Bildern hinterher und setzen sie an oberste Stelle. Das kann bei jedem und jeder von uns etwas anderes sein, aber es ist gut, wenn wir uns einmal fragen: Was ist die Mitte meines Lebens, um die alles kreist? Wofür lebe ich? Was will ich auf jeden Fall verwirklichen oder erreichen?

Wir merken dann, dass es nicht unbedingt der lebendige Gott ist, von dem die Bibel erzählt. Es ist nicht der Allmächtige, der uns geschaffen hat, der Ewige, der unser Leben in der Hand hält. Er interessiert uns zwar, aber nicht am meisten von allem. Er gehört zu dem Vielen dazu, das uns beschäftigt, und oft  ersetzen wir ihn auch durch Vorläufiges und Vergängliches. Das müssen wir zugeben. Es ist der erste Schritt zu einem echten Gebet und einem lebendigen Glauben.

Und daran schließt sich unmittelbar eine Entscheidung an, die Gott von uns fordert. Er möchte nämlich, dass wir uns ganz auf ihn verlassen, ihn wirklich anbeten und verehren. Gott will kein Lückenbüßer sein, sondern das Ziel und der Sinn unseres Lebens. Er möchte, dass wir um seiner selbst willen an ihn glauben und alles andere ihm unterordnen.

Das klingt im ersten Moment fordernd und ungemütlich, aber in Wirklichkeit ist es wohltuend und heilsam. Denn dadurch relativiert sich alles andere, und das tut gut. Unsere übliche Einstellung hat ja auch ihre Schattenseiten. Es ist nicht nur angenehm, nach all den Dingen zu streben, die wir uns ausdenken. Was unser persönliches Leben betrifft, so ist es oft anstrengend und kräftezehrend. Außerdem geht es mit Sorgen einher. Was passiert, wenn wir scheitern? Die Angst lauert ständig um die Ecke, sie macht uns unfrei und kann uns lähmen. Es ist gar kein so guter Lebensentwurf, zwischen dem Vielen ständig „hin- und herzulaufen“. Es kann uns persönlich erschöpfen und auszehren.

Doch selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, und uns alles spielend gelingt, so hat diese Lebenshaltung auf jeden Fall gesellschaftliche und ökologische Folgen, die negativ sind. Wir haben ja nie genug, irgendwie sind wir unersättlich, wollen immer mehr, immer höher und immer weiter. Alles soll immer größer und besser werden. Und wir wissen inzwischen alle, dass wir genau dadurch unsere Welt zerstören. In einem Bericht im Fernsehen über unser umweltschädliches Verhalten fiel kürzlich das Wort „Weltfraß“. Das finde ich sehr drastisch und zutreffend, denn genau das tun wir: Wir fressen unsere Welt selber auf, wir zerstören unsere eigenen Lebensgrundlagen. Dürrekatastrophen und Hungersnöte, wie der Prophet Jeremia sie beschreibt, sind meistens die Folgen unseres eigenen Verhaltens. Wir tragen dafür die Verantwortung.

Deshalb sollten wir auch nicht Gott dafür zur Rechenschaft ziehen und enttäuscht sein, wenn er unsere Gebete nicht zu erhören scheint. Es ist vielmehr besser, wenn wir wirklich zu ihm umkehren und ihn von Herzen suchen. Es gilt, die Tiefe unserer eigenen Schuld zu erkennen und sich klar zu ihm zu bekennen. Auch wir sind von ihm zu einem Leben in seiner Gegenwart berufen, darauf müssen wir uns immer wieder besinnen. Wir haben gesündigt, aber er ist unsere Hoffnung und unser Retter. Denn durch seinen Sohn Jesus Christus ist er wirklich mitten unter uns. Er „zeltet hier nicht nur vorübergehend“, sondern die Welt ist die Stätte seiner Gegenwart. Er „wohnt bei uns“ und will uns helfen. Wir müssen nur an ihn glauben und auf seine Kraft vertrauen. Das ist der zweite Schritt.

Und als drittes erhalten wir dadurch eine Hoffnung, die über die Zeit hinausgeht. Zum Glauben an Jesus Christus gehört, dass wir nicht ausschließlich auf diese Welt fixiert sind. Wir müssen den Tod nicht fürchten und auch nicht den Weltuntergang, denn Gott hat durch Jesus Christus bereits eine neue Welt anbrechen lassen. Das Evangelium von ihm reicht weiter als das, was das Alte Testament uns verkündet. Es übersteigt den Glauben Israels, denn wir hoffen durch Jesus Christus auf die Auferstehung von den Toten und haben einen Zugang zur Ewigkeit. Wenn Gott die Welt richten will, dann soll er es tun. Wie können sie loslassen und unbesorgt sein. Denn er wird uns gnädig sein und uns in eine neue Welt hineinführen. Das ist der Geist, mit dem er uns ausrüstet. Er hilft uns, die Welt und uns selber zu überwinden.

Das sind die drei Schritte, mit denen wir unseren Glaubensweg gehen und zu ihm beten können: Selbsterkenntnis, Umkehr zu Gott und die Hoffnung auf sein ewiges Reich. Wenn wir das beachten, werden wir merken, dass Gott bei uns ist und uns hört.

Und wer weiß: Vielleicht ist es auch noch nicht zu spät, um diese Erde vor dem Untergang und der Zerstörung zu bewahren. Der Glaube an Jesus Christus kann dazu durchaus etwas beitragen, denn unser Bewusstsein ändert sich dadurch und damit auch unser Verhalten. Wir können alle etwas dazu tun, dass Dürren und Hungersnöte uns nicht beherrschen, dass der Regen überall in ausreichender Menge fällt, und keine Missernten einsetzen. Wenn wir uns auf Jesus Christus verlassen, verschwindet der Zwang, unsere Ressourcen bis aufs letzte auszuschöpfen. Unsere Lebensquellen vertrocknen nicht. Wir wissen: Es ist für alle genug da, keiner und keine muss verzweifeln.

Wir müssen nur aufmerksam und wachsam sein, uns Gott immer wieder von Herzen nähern und uns seiner Macht unterordnen.

Amen.

Der Predigt basiert auf dem Kommentar von Jakob Kroeker: Jeremia, Der Prophet tiefster Innerlichkeit und schwerster Seelenkonflikte, Das lebendige Wort, Band 8, Gießen und Basel, 1937, S. 139ff