Der Mensch denkt, Gott lenkt

PREDIGT über Sprüche 16, 9

Neujahrstag, 1.1.2022, 18 Uhr Lutherkirche Kiel                          

Liebe Gemeinde.

„Mal sehen, ob daraus was wird.“ Diesen Satz benutzen wir gerade sehr oft. Ob es um eine geplante Reise geht, eine Veranstaltung, die wir besuchen wollen, eine Familienfeier, eine Tagung – es kann sein, dass wir das alles zwar vorbereitet haben, dass es aber kurzfristig doch ausfällt oder abgesagt werden muss. Seit zwei Jahren ist das nun schon so, und das ist nervig und anstrengend. Denn es gehört eigentlich zu unserem Lebensstil und -gefühl, dass wir uns Dinge vornehmen und uns darauf dann auch freuen. Gerade am Jahresanfang blicken wir gern nach vorne und halten Ausschau. Das ist unsere Gewohnheit.

Doch in der Pandemie geht das nicht richtig. Alle Vorhaben sind mit vielen Unsicherheiten und Sorgen verbunden, Ängsten und Unwägbarkeiten. Was wird kommen? Wie geht unser gesellschaftliches und persönliches Leben weiter? Wir wissen es nicht.

Bei Lichte betrachtet, ist das allerdings gar nicht so ungewöhnlich. Im Gegenteil, wenn wir nüchtern und realistisch sind, müssen wir zugeben, dass unser Leben immer unsicher ist. Es gibt nicht erst seit der Pandemie Gefahren und Bedrohungen, die alles verändern können, das war von jeher der Fall und deshalb auch schon immer ein Thema für die Menschen.

So steht bereits in den Sprüchen Salomos ein Satz, der sich genau darauf bezieht. Er lautet: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ Das ist heute unser Predigttext, und es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Die Sprüche Salomos handeln davon, wie das Leben gelingen kann. Dabei heißt diese Sammlung nicht deshalb so, weil die Einzelsprüche alle von Salomo stammen, sondern weil sie in seiner Zeit und an seinem Hof entstanden sind. Da gab es sogenannte Weisheitsschulen, in denen junge Menschen in Lebenskunde unterrichtet wurden. Mit Beobachtungen und Ermahnungen gibt ein älterer Mensch seine Lebenserfahrung und seine Einsichten an einen Schüler weiter. Er ist davon überzeugt, dass im ganzen Dasein eine bestimmte Ordnung herrscht, die man beachten muss. Wenn man sie erkennt und danach handelt, wird man mit Glück und Wohlergehen belohnt. Eine große Rolle spielt dabei der Glaube an Gott, denn Gott gilt als der Lenker von allem. Es ist deshalb gut, wenn man seinen Willen erkennt und tut.

Das kommt auch in unserem Spruch und in den Versen, die davor stehen, zum Ausdruck, denn hier wird etwas über Gott und den Menschen und ihre Beziehung zueinander gesagt:

Gott ist derjenige, der hinter dem steht, was wir erleben und was in der Welt geschieht. Sein Walten durchzieht die ganze Schöpfung, und alles was passiert dient einem geheimen Zweck, den er bestimmt. Er hat einen Plan und Gedanken, nach denen er die Geschicke beeinflusst. Sein Wille bestimmt das All. Dabei ist er frei und unabhängig. Er existiert auch ohne uns und war vor allem da.

Über den Menschen wird nun gesagt, dass er sich selber zunächst einmal genauso versteht. Er fühlt sich ebenfalls frei und unabhängig. Er macht Pläne und nimmt sich etwas vor. Er will immer irgendetwas. Er hat Wünsche und Erwartungen und ist dabei ehrgeizig und zielstrebig. Er nimmt sein Leben in die eigene Hand und hält sich für den Lenker seines Schicksals.

Doch genau davor warnt der Weisheitslehrer hier. Er ermahnt seine Schüler, sich in Beziehung zu Gott zu setzen, und sein Leben nicht ohne ihn zu führen. Es ist besser, wenn er sich Gott anbefiehlt, ihn fürchtet und auf ihn vertraut. Er sollte nach seinem Willen fragen und ihm zum Wohlgefallen handeln. Es ist auch gut, wenn er versucht, den geheimen Sinn hinter allem zu erkennen. Es ist klüger, wenn er seine eigenen Pläne immer wieder relativiert und sich in den größeren Zusammenhang stellt, den Gott ihm vorgibt. Denn Gott ist bei denen, die ihn fürchten und auf ihn vertrauen, und lässt ihre Vorhaben gelingen. Dieser Gedanke steht hinter dem Spruch und seinem Kontext, und das ist auch für uns ein hilfreicher Hinweis.

Drei Dinge werden uns damit gesagt:

Zunächst sind wir eingeladen, nüchtern zu sein und zu erkennen, wie das Leben wirklich ist. Wenn wir uns sicher fühlen, machen wir uns im Grunde genommen etwas vor. Denn wir können unser Schicksal nicht vollkommen selber bestimmen. Es geschehen immer Dinge, die wir nicht geplant haben. Jetzt ist es gerade ein Virus und die damit verbundene Politik, die alles durcheinander bringen. Aber so ist das Leben oft. Es gibt unzählig viele Gefahren und Ereignisse, die imstande sind, unsere Vorhaben über den Haufen zu werfen: So können wir z.B. im Straßenverkehr verunglücken, Umweltzerstörungen zum Opfer fallen, in einem Krieg aufgerieben, verletzt, vertrieben oder umgebracht werden, durch eine Krankheit darniederliegen oder sogar sterben usw. Und das gilt es, anzunehmen und zu bejahen. Es ist zwecklos, sich dagegen aufzulehnen, in Panik zu verfallen oder alles zu leugnen. Besser ist es, wenn wir alle unsere Vorhaben von vorne herein relativieren. Das ist das erste, wozu der Weisheitslehrer uns einlädt.

Als zweites folgt daraus, dass es etwas anderes geben muss, das unser Bewusstsein prägen und an erste Stelle in unserem Denken stehen sollte. Und das ist das Vertrauen auf Gott. Es ist genau das Gegenteil von der eigenen Anstrengung, von Plänen und Vorhaben, Leistung und Erfolgen. Das alles soll der Mensch einmal abstreifen. Er soll sich selber loslassen und sein Leben ganz in die Fürsorge Gottes legen. Wir dürfen uns bei Gott ausruhen und ihn tun lassen, uns im Glauben und Vertrauen üben. Damit rüsten wir uns am besten für die unvorhergesehenen Eventualitäten.

Denn dadurch gewinnen wir einen Grund im Leben, der sich nicht so schnell erschüttern lässt. Wir bekommen einen Halt, werden begleitet und getragen. Auch unser Bewusstsein weitet sich, wir werden klug und sehen, dass es noch viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als nur das, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, mit unserer Arbeit verwirklichen und gestalten oder mit unsren Worten bewegen. Wir erkennen die ganze Wirklichkeit, wachen auf und sind geschützt. Denn wir fallen nie tiefer als in Gottes Hand, wo wir eigentlich auch hingehören. Das ist das zweite.

Und das dritte ist ein neues Zeit- und Lebensgefühl. Meistens denken wir an das, was kommt, oder an das, was war. Auch Gott bauen wir da gerne ein, indem wir ihn entweder darum bitten, uns bei dem zu helfen, was werden soll, oder ihm für etwas danken, das geschehen ist. Doch Gott ist viel größer als Zukunft und Vergangenheit, er untersteht nicht dieser Zeit. Wir werden ihm nicht gerecht, wenn wir ihn nur in unseren Erfahrungen suchen oder für unsere Vorhaben um Hilfe bitten. Denn er hat nicht gestern gehandelt und wird es auch nicht erst morgen oder übermorgen tun, sondern er ist jetzt da, in diesem Augenblick.

Die Zukunft gibt es nur in unserer Vorstellungswelt. Unsere Gedanken daran sind nichts als Phantasie. Sie bleibt ein Gebäude von Bildern und Ideen. Und die Vergangenheit ist ebenfalls nicht mehr real, sie existiert in unserer Erinnerung und unserem Gedächtnis. Gott dagegen lebt und regiert jetzt. Wir müssen in der Gegenwart mit ihm rechnen, ohne an das Morgen oder an das Gestern zu denken, und zwar mit jedem Augenblick aufs Neue.

Und das ist am Anfang eines Neuen Jahres besser, als alles andere. Wir sollten unsere Phantasie nicht allzu sehr spazieren gehen lassen, weil doch niemand weiß, was kommen wird. Besser ist es, wenn wir uns jetzt Gott anvertrauen und unser Leben jetzt in seine Hand legen.

Als Christen haben wir dafür einen großen und starken Helfer, der das alles vorgelebt hat und uns diesen Weg ebnet. Es ist unser Herr und Heiland Jesus Christus. Lasst uns ihn deshalb darum bitten, dass das neue Jahre in dieser Weise gelingen möge. Wir können das sehr schön mit vier Strophen aus dem Lied tun: „Hilf, Herr Jesu, lass gelingen.“ (EG 61,1.2.4.5)

Amen.

Ein Gedanke zu “Der Mensch denkt, Gott lenkt

  1. Eine ganz wunderbare Predigt zum Start in das neue Jahr! Da können wir getrost im „Jetzt“ starten und voller Vertrauen und dem anvertrauen der immer schon da ist! Vielen Dank für diesen Startschuss!!

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