Nachfolge bedeutet Entscheidung, Ganzheit und Zukunft

Predigt über Lukas 9, 57- 62: Vom Ernst der Nachfolge
Donnerstag, 12.3.2026, zum 3. Sonntag in der Passionszeit, Okuli, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Lukas 9, 57- 62

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde.

In der obenstehenden Begebenheit kommen drei Männer zu Jesus, die ihm nachfolgen wollen. Wir finden hier deshalb drei „Nachfolgesprüche“: Der erste handelt davon, dass jeder, der Jesus nachfolgt, obdachlos sein wird. Dem zweiten Mann erlaubt Jesus nicht, vorher noch seinen Vater zu beerdigen, und der Dritte darf sich nicht von seiner Familie zu Hause verabschieden. Kein Obdach, keine Beerdigung, keine Abschiedsszene, sondern radikale Umkehr, sturer Blick nach vorne und Leidensbereitschaft – das sind die Forderungen Jesu.

Doch wie sollen wir das verstehen? Das klingt ja sehr radikal. Ist das nicht eine totale Überforderung und unmöglich für uns umzusetzen? Das fragen wir uns und müssen deshalb darüber nachdenken.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst den Zusammenhang beachten, in dem Jesus das hier sagt. Er war auf dem Weg nach Jerusalem, ins Leiden und Sterben, aber dann auch in die Auferstehung und zur Verherrlichung. Jesus selber hatte längst von zu Hause Abschied genommen, hatte keinen festen Wohnsitz mehr und wusste, dass sein Leben ein tragisches Ende nehmen würde. Und einem Jünger oder einer Jüngerin ergeht es nicht anders. Jesus will die Fragenden ernüchtern und auf das einstellen, was auf sie zukommt. 

Seine erste Antwort beinhaltet die tägliche Unsicherheit des Lebens. Jesus war ohne Obdach und dem Geschehen um ihn herum ausgeliefert. Er war unterwegs und lebte von einem Tag zum anderen. Der Jünger und die Jüngerin müssen bereit sein, das ebenfalls auf sich zu nehmen.

Seine zweite Aussage bezieht sich auf die Beerdigung des Vaters, die jemand zur Bedingung macht, und die Antwort Jesu lautet etwas merkwürdig. Er sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Was soll das heißen? Wie soll ein Toter einen Toten begraben? Jesus meint damit wohl diejenigen, die sich um Gott nicht kümmern. Sie sind geistlich tot. Nur wer von Jesus „geweckt“ wurden, ist wirklich lebendig und muss sich um die Toten nicht mehr kümmern. Das kann er den anderen überlassen. Die alten Pietätsforderungen werden außer Kraft gesetzt.

Und das dritte Wort wird ebenfalls verständlich, wenn man es ganz von der Botschaft Jesu her versteht. Da will sich einer von seinem Haus verabschieden. Es ist also vermutlich ein Hausvater. Zu ihm sagt Jesus, dass er sich von der Familie ganz loslösen muss. Nachfolge bedeutet, sich auf Gottes Zukunft einzustellen und dabei die Nöte, die das Leben in dieser Welt mit sich bringt, hinzunehmen. Man darf sich nicht am Vergangenen orientieren, sondern muss ganz nach vorne schauen. Ein Rückblick gefährdet den Neuanfang.

Denn darum geht es bei der Nachfolge: Es beginnt etwas total Neues. Man kann es nur leben, wenn man sich nicht an die Familie rückkoppelt. Nachfolge geht nur ganz und ohne Bedingungen, man kann nicht beides haben: Noch so ein bisschen das Alte, und das Neue dann nur halb. So hat Jesus nicht gelebt, und so können seine Jünger und Jüngerinnen auch nicht leben.

Das ist hier die Botschaft, und die ist ja sehr radikal. Wahrscheinlich ärgert uns das, was Jesus hier sagt. Doch sie kann auch befreien, wir müssen nur ehrlich sein und uns darauf einlassen. Uns werden hier nämlich Antworten darauf gegeben, wie der Glaube in unserem Leben wirken kann: Erstens müssen wir uns entscheiden, zweitens geht das nur ganz, und drittens müssen wir uns nach vorne hin ausrichten. Entscheidung, Ganzheit und Zukunft, das sind die Stichworte, um die es geht. Und damit können wir durchaus etwas anfangen. Sie bedeuten zwar eine Herausforderung, aber keine Überforderung.

Zunächst einmal werden wir in die Entscheidung gerufen. Es geht beim Glauben also nicht nur um ein paar fromme Gedanken, sondern um mein Leben. Was ist wirklich mein Halt? Was trägt und erfüllt mich? Diese Fragen müssen wir uns stellen. Dabei entdecken wir sicher vieles, das nicht unbedingt Gott ist: Ideen, Menschen, Erfahrungen, Erfolge, Wissen und Geld, was auch immer. In der Nachfolge wird all das in Frage gestellt und wir werden zu der Entscheidung aufgefordert, es loszulassen. Zunächst einmal auch ohne Ersatz. Es geht darum, uns auf eine geistige Obdachlosigkeit einzustellen, jedenfalls im ersten Moment. Da kann sich die Nachfolge Jesu so anfühlen, als würde uns unsere Sicherheit genommen. Denn wir sollen uns an nichts mehr binden und unsere Heimat nicht in dieser Welt suchen. Nur dann finden wir den wahren und tiefen Halt, den Gott uns gewähren kann. Das ist das Erste.

Das zweite ist die Ganzheit. In der Nachfolge gibt es keine Teilung, dann ist sie keine Nachfolge mehr. Halbherzigkeit ist so viel wie gar nicht nachzufolgen. Denn Jesus will nicht nur einen Teil meiner Zeit oder ein paar gute Taten, er will vielmehr mein ganzes Leben. Er will mich mit etwas Neuem erfüllen, und dazu braucht er meine ganze Hingabe. Ich muss mich ganz für ihn und für seine Kraft öffnen, denn nur dann kann er mein Leben wirklich formen und verändern. Das ist das Zweite.

Und das Dritte ist die Ausrichtung nach vorne. Es hat keinen Zweck, zu lange zurück zu blicken, denn vor mir liegt das Entscheidende. Und da liegt auch nicht irgendetwas, was nur so mäßig attraktiv ist, sondern das Schönste, was es gibt, Gott selbst mit seiner ganzen Liebe und Barmherzigkeit wartet auf mich. Vor mir liegt ein Leben in Frieden und Ruhe. Es wird zwar nicht frei von Leid sein, aber kein Leid kann die tiefe Gewissheit auslöschen, dass Gott da ist und dass er mich durch alles hindurchführt, was mich bedrückt. Diese Verheißung ist das Dritte, das uns hier gesagt wird.

Und wenn wir das alles beachten, dann merken wir, dass die Worte Jesu eine frohe Botschaft enthalten. Wenn wir sie beherzigen, können wir glücklich und frei werden.

Dabei ist es ist auch gar nicht nur Jesus, der uns hier herausfordert, das geschieht im Leben sowieso. Es gibt immer wieder Situationen, mit denen wir eigentlich nicht fertig werden, die uns tief erschüttern und uns unsere Ruhe und unseren Frieden rauben. Das Leben selber ist oft radikal und kompromisslos, es kennt oft kein Erbarmen und keine Milde. Das kann z.B. der Fall sein, wenn wir einen lieben Menschen verlieren oder wenn uns eine schwere Krankheit trifft. Auch das Älterwerden ist eine Riesenherausforderung, aus der es kein Entrinnen gibt.  

Und in solchen Situationen hilft das, was Jesus hier sagt, besser als alles andere. Denn er beschönigt das nicht. Er kommt hier nicht mit irgendwelchen sanften Streicheleinheiten. Er sagt von vorne herein, dass das Leben oft Obdachlosigkeit mit sich führt, dass wir uns heimatlos und einsam fühlen und dass es ungemütlich wird. Aber er setzt dieser Härte des Lebens eine kraftvolle Botschaft entgegen. Denn er hat eine Verheißung, die weit über dieses Leben hinausweist. Er kennt einen Trost und eine Hoffnung, die sich durch nichts erschüttern lässt, weil sie von Gott kommt, vom Ewigen, der alles Leid dieser Welt kennt und selber auf sich genommen hat. Wir müssen uns dafür nur entscheiden und nach vorne schauen. Wir gehen dann zwar genauso wie alle anderen immer wieder durch dunkle Täler, aber am Ende gibt es ein Licht. Denn selbst dem Tod ist seine Macht genommen. Zu diesem Glauben werden wir hier eingeladen, zu einem Leben, das von der Liebe Gottes und seiner Zukunft bestimmt ist.

Amen.

Hinterlasse einen Kommentar