Predigt über Hiob 42, 1- 6: Hiobs letzte Antwort an den Herrn
1. Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2025, 18.00 Uhr, Lutherkirche Kiel
Der Predigttext für den 1. Sonntag nach Weihnachten steht im Buch Hiob, Kapitel 42 und lautet folgendermaßen:
Hiob 42, 1- 6
1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:
2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.
3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« (Kap.38,2) Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« (Kap. 38,3)
5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.
Liebe Gemeinde.
„So weit das Auge reicht“. Das sagen wir, wenn wir eine unermessliche Weite beschreiben wollen oder eine sehr große Anzahl von Dingen. Sie sind bis zum Horizont sichtbar. Die Redewendung bezieht sich besonders auf die Szenerie in einer Landschaft, wie z.B. die Dünen in der Wüste, Wälder im Gebirge, Wiesen und Felder in einer Ebene. Sie sind überall, in Hülle und Fülle und scheinen grenzenlos zu sein.
Doch das ist natürlich ein Irrtum. Unser Auge reicht immer nur bis zum Horizont. Es gibt eine Grenze des Sichtbaren. Die haben wir durch moderne Technik zwar sehr weit ausgedehnt und können mittlerweile sogar ins All gucken, aber trotzdem hört die Reichweite unseres Blicks irgendwann auf.
Es ist deshalb bemerkenswert, wenn Hiob zu Gott sagt: „Mein Auge hat dich gesehen.“ D.h. er hat hinter das Universum geschaut, auf den, der es geschaffen hat, der den Kosmos lenkt und alles, was darin ist. Hiob wurde ein Blick in den Bereich Gottes vergönnt, der jenseits alles Sichtbaren liegt. Wie ist es dazu gekommen?
Sicher kennt ihr die Geschichte von Hiob. Er war ein wohlhabender, frommer und rechtschaffener Mann mit einer großen Familie und vielen Angestellten. Doch eines Tages kam schreckliches Unglück über ihn: Seine Herden wurden durch Feinde und Feuer zerstört und alle Knechte getötet. Seine Söhne und Töchter starben bei einer Sturmkatastrophe, und zuletzt bekam er Lepra, sodass die Menschen sich von ihm fernhielten, und auch seine Frau sich von ihm abwandte. Innerhalb kürzester Zeit war er einsam, arm und sterbenskrank.
Das ist die Rahmenhandlung des Buches, die in den ersten beiden Kapiteln erzählt wird. Die folgenden 35 Kapitel enthalten lange Erörterungen über die Frage, warum das alles geschehen ist. Sie werden in endlosen Gesprächen mit seinen vier Freunden dargelegt, die gekommen waren, um Hiob zu beklagen und zu trösten. Sie waren fest davon überzeugt, dass Hiob gesündigt haben musste. Wenn er das zugeben, bereuen und sich bessern würde, dann würde Gott ihm gnädig sein und sein Schicksal wieder wenden. In ausgedehnten Redegängen mit jeweiligen Antworten Hiobs wird diese Sichtweise in dem Buch entfaltet.
Doch die Gespräche führen zu keinem Ergebnis, denn Hiob hält sich für unschuldig. Er klammert sich an seine Rechtschaffenheit und Gottesfurcht und bringt sie immer wieder vor. Und nach menschlichem Ermessen war das auch legitim. Hiob hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Die Geschichte setzt sich also mit dem Problem auseinander, warum ein Unschuldiger leiden muss, und übt Kritik an der Weisheit der Freunde. Die entsprach zwar dem damals gängigen Denkschema, aber genau das wir hier in Frage gestellt.
Erst am Ende wendet sich alles, denn zum Schluss spricht Gott selber mit Hiob. Zweimal offenbart er sich und redet zu Hiob „aus dem Sturm“. Das ist der Höhepunkt der Erzählung und die Lösung der Hiobsfrage. Sie geschieht nicht auf gedanklicher Ebene, nicht durch intellektuelle Erkenntnis oder theologische Lehrsätze, sondern durch ein Geschehen, in das Gott Hiob hineinnimmt.
Gott weist auf seine Größe hin, auf die Erschaffung der Welt durch ihn, das Meer, das Licht, die Weiten der Welt, das Wettergeschehen, den Himmel und alle Lebewesen: Gott ist ihr Schöpfer. Das soll Hiob erkennen und sich vor Gott demütigen. Er hatte die Allmacht Gottes mit seinen Worten verdunkelt. Hiob hatte Gott herausgefordert, nun ist es andersherum: Gott fordert von Hiob eine Antwort.
Und damit haben wir es in dem Textabschnitt zu tun. Es ist die letzte Antwort Hiobs, in der er sich selber erkennt und darauf verzichtet, vor Gott etwas zu gelten. Er hält sich nicht mehr an seinem guten Gewissen fest, sondern wird still und lässt Gott handeln. Er gibt seinen Eigenwillen auf und verzichtet auf seine Selbstbehauptung. Er kommt zur Ruhe, weil er sich Gott ganz und allein hingibt. Dadurch wird er in das Geheimnis Gottes eingeweiht, und zwar weil Gott es will. Gott selber bewirkt all das. Er handelt, indem er Hiob niederbeugt und gleichzeitig wieder aufrichtet. Er neigt sich zu ihm herab und würdigt ihn seiner Gegenwart. Er stellt die Verbindung her und gibt ihm am Ende sein Leben zurück. Hiob wird vollständig restauriert. Die Geschichte hat ein Happy End.
Dabei geht es der Erzählung nicht nur um diese eine Person. Wir wissen gar nicht, ob es Hiob wirklich gegeben hat. Er steht für das menschliche Schicksal im Allgemeinen, für unsere Fragen und unser aller Geschichte. Sie ist voller Leid und Widersprüche, voller Gegensätze und ungelöster Probleme.
Doch es gibt eine Botschaft, die uns trösten kann: Gott hat für uns alle ein gutes Ende vorbereitet, er hat in das Weltgeschehen eingegriffen, indem er sich selber zu uns herabgelassen hat. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott hat sich offenbart, und zwar nicht gelegentlich wie z.B. gegenüber Hiob, sondern ein für alle Mal: Wir alle können ihn jederzeit erkennen und „seine Herrlichkeit sehen“. Dieter Trautwein dichtete das in einem Weihnachtslied so: „Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar. Bist du der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht! Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild.“ (EG 56) In einer Liedstrophe lobt auch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf dieses Geschehen. Sie lautet: „Halleluja, welche Höhen, welche Tiefen reicher Gnad, dass wir dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat; dass der Vater aller Geister, der der Wunder Abgrund ist, dass du, unsichtbarer Meister, uns so fühlbar nahe bist.“ (EG 251,4)
Dabei können wir von Hiob sehr schön lernen, wie diese Botschaft uns erreichen und verändern kann. Auch wir sind ja oft voller Fragen, niemand wird vom Leid verschont, von Trauer und Enttäuschung, Angst und Sorge, Wut und Schmerzen. Es kann dafür persönliche oder gesellschaftliche Gründe geben. Überall ist die Not groß: Ungerechtigkeit, Lügen und Gewalt greifen um sich. Wir hadern damit, lehnen uns auf und fragen sicher auch manchmal Gott, warum er nicht eingreift, denn wir wissen selber nicht weiter. Wir verstehen Gott und die Welt nicht mehr und fordern Antworten.
Doch solche Gedanken oder Vorwürfe beruhigen uns nicht, sie führen zu keiner Lösung, im Gegenteil, sie regen uns nur noch mehr auf. Wir können genauso lange diskutieren wir Hiob und seine Freunde, an ein Ende kommen wir dadurch nicht. Denn die Antwort liegt auf einer ganz anderen Ebene: Sie kommt „aus dem Sturm“, d.h. aus dem Jenseits. Erst wenn wir still werden und von uns selber absehen, können wir sie vernehmen. Wir sind eingeladen, uns selber loszulassen und uns trotz allem vor Gott zu verbeugen und auf seine Botschaft zu hören.
Es kann gut sein, dass uns das nicht gefällt. Es gibt Stimmen, die halten das Ende des Hiobsbuches für eine Zumutung: Gott zeigt seine Größe, und Hiob wird ganz klein. Er wird geradezu erdrückt und kommt am Ende gar nicht mehr vor.
Doch das ist ein Missverständnis, und so hört das Buch Hiob auch nicht auf. Gott ist nicht derjenige, der einfach nur seine Macht demonstrieren will, er will uns Menschen vielmehr in seine Wirklichkeit hineinholen, uns Anteil geben an seiner Gegenwart, damit wir ihm „ins Herze sehen“. Bloß damit das geschehen kann, müssen wir zunächst unseren letzten Halt verlieren, uns einsam vor Gott stellen und unseren Blick nicht mehr von unserem eigenen Wollen und unserem Denkschema trüben lassen. Wir sind immer viel zu voreingenommen, teilen die Welt gerne in Gut und Böse, unterscheiden das Nützliche von dem Schädlichen. Mit Weisheit und Vernunft versuchen wir, uns zu orientieren, durch Recht soll Ordnung hergestellt werden usw. Doch dieses Denken hat einen Horizont. Es ist begrenzt und legt uns fest.
Das sollten wir erkennen, so wie auch Hiob es erkannt hat, und davon ablassen. Es ist gut, wenn wir anstatt zu denken und zu urteilen, einmal schweigen und hören, vor Gott treten und ihn loben und anbeten. Denn dann tut sich etwas auf, was hinter dem Horizont liegt, dann werden unsere Grenzen gesprengt, wir sehen eine Wirklichkeit, die nicht mit dem Auge und auch nicht mit der Vernunft zu erfassen ist, wir sehen „die Höhen und Tiefen der Gnade Gottes“. Und das macht uns frei, alles Widersprüchliche wird aufgelöst, die Fragen kommen zur Ruhe.
Ein schönes Beispiel ist dafür der alte Prophet Simeon, von dem wir das heutige Evangelium erzählt. (Lukas 2,25-35) Sein Leben lang wartete er auf „den Trost Israels“, und am Ende traf er ihn wirklich. Er erkannte ihn in dem Kind Jesus, das Maria in den Tempel gebracht hatte, um ihn dem Herrn darzustellen. Simeon nahm es zärtlich auf die Arme und erlebte in diesem Augenblick die Erfüllung seiner Sehnsucht und Hoffnung. Er stimmte daraufhin ein Loblied an. Voll Freude pries er Jesus mit einem Hymnus und segnete seine Eltern. Er begann sein Lied mit dem Satz: „Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“ D.h.er war bereit, zu sterben, denn er wusste, er hatte das Ziel nicht verfehlt. Das Licht, das er erblickte, verhieß ihm auch: Nach dem Tod kommt noch mehr, das Schönste liegt noch vor mir. In dem Kind Jesus leuchtete die Ewigkeit auf, und die warf ihre Strahlen bereits auf seinen Weg. Sie schien von vorne und machte ihm den Abschied leicht.
Und so kann es auch uns ergehen. Durch die Begegnung mit Jesus Christus führt Gott uns an die Grenzen unserer menschlichen Vernunft und Weisheit und lässt uns einen Blick werfen in den Bereich jenseits aller Fragen und Nöte. Leid und Trauer werden gemildert. Der Tod verliert seine Schrecken. „Weil Gott in tiefster nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein.“ (EG 56)
Amen.