Passionsandacht IV in der Lutherkirche Kiel
Donnerstag nach Okuli, 12.3.2026: Johannes 18, 12- 27: Verleugnung des Petrus
Lesung: Johannes 18,12- 18: Verhör vor Hannas uns Kaiphas
12 Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn
13 und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.
14 Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, ein Mensch stürbe für das ganze Volk.b
15 Simon Petrus aber folgte Jesus nach und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Palast des Hohenpriesters.
16 Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da kam der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, heraus und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein.
17 Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sprach: Ich bin’s nicht.
18 Es standen aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt und sie wärmten sich. Aber auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.
MUSIK
Lesung: Johannes 18, 19- 27: und Verleugnung des Petrus
19 Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.
20 Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet.
21 Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe.
22 Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten?
23 Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?
24 Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas.
25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: Bist du nicht einer seiner Jünger? Er leugnete und sprach: Ich bin’s nicht.
26 Spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm?
27 Da leugnete Petrus abermals, und alsbald krähte der Hahn.
Betrachtung
Nach seiner Gefangennahme, von der wir das letzte Mal gehört haben, wird Jesus verhaftet. Das wird von den römischen Soldaten unter ihrem Befehlshaber und den „Dienern der Juden“ vollzogen. Jesus wird gefesselt zum Hohenpriester gebracht. Der hatte bereits früher geweissagt, dass Jesus für das Heil des ganzen Volkes sterben würde. (Johannes 11, 49ff) Daran wird hier erinnert.
Doch im Gegensatz zu diesem Aspekt steht nun die andere Szene, die parallel läuft: Jesus wird von seinem Jünger Petrus verleugnet. Er kommt mit jemandem, der Zugang zum Palast des Hohenpriesters hatte, in den Hof. Der Name dieser zweiten Person, die sowohl mit Petrus als auch mit dem Hohenpriester vertraut war, wird nicht genannt, er bleibt eine rätselhafte Gestalt. Er vermittelt auch lediglich den Einlass des Petrus in den Innenhof, danach verschwindet er. Der Scheinwerfer ist nun sozusagen auf Petrus gerichtet. Er wird von einer Magd gefragt, ob er nicht einer der „Jünger dieses Mannes“ sei, wie sie es ausdrückt. Sie hat ihn wohl schon mit Jesus gesehen, aber Petrus verneint das. Er tritt zu den Soldaten, als wäre er einer von ihnen, um sich an dem Feuer zu wärmen, das sie gemacht hatten. Drinnen wird Jesus verhört, und dann wechselt die Szene zum vierten Mal, wieder zum Innenhof zurück. Noch immer steht Petrus unter den Soldaten am Feuer. Einige fragen ihn erneut, ob er nicht doch zu den Jüngern des Verhafteten gehöre. Er streitet es ab. Und selbst als ihn ein Verwandter des Mannes, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte, definitiv wiedererkennt, auch an seinem galiläischen Dialekt, beharrt er auf dem Nein. Und nach dieser dritten Verleugnung kräht der Hahn. Das hatte Jesus beim letzten Abendmahl vorausgesagt. (Johannes 13,38) Von der Reaktion des Petrus lesen wir hier bei Johannes nichts. Die anderen Passionsberichte waren wohl schon bekannt, und der Evangelist Johannes setzt voraus, dass die Leser und Leserinnen von dem bitteren Weinen und der tiefen Scham des Jüngers wussten. (vgl. Matthäus 26,75) Daran, dass es hier nicht vorkommt, erkennt man, dass es um die unüberwindbare Stärke Jesu geht. Er wurde von allen verlassen, selbst von Simon, dem er bei seiner Berufung den Namen „Felsen“ (Johannes 1,42) gegeben hatte. Von den anderen Jüngern ist im Folgenden dann auch nichts mehr zu sehen oder zu hören. Es ist also kein gutes Bild, das sie abgeben: Einer verrät ihn, einer verleugnet ihn, und die restlichen fliehen.
Doch gerade das ist ein wichtiger Aspekt in der Passionsgeschichte, denn dadurch kommen auch wir in ihr vor. Das Verhalten der Jünger ist sehr menschlich: Sie sind schwach, haben Angst und wollen nicht wahrhaben, was geschieht. Uns wäre es wahrscheinlich ähnlich gegangen. Denn auch wir sind oft ängstlich, uns fehlt der Mut, wir verzagen und uns versagen die Kräfte. Wir versäumen es oft, das Richtige zu tun. Später bereuen wir es dann, aber es ist geschehen und lässt sich nicht rückgängig machen.
Doch genau deshalb wird die Geschichte erzählt. Sie soll nicht einfach nur das Leiden Jesu beschreiben, sondern darauf hinweisen, dass es für uns geschah. Jesus war mit Gott vereint und gleichzeitig ein Mensch wie wir. Er war bis zum Tod am Kreuz gehorsam. Den Tod hätten eigentlich wir verdient, aber er hat ihn für uns auf sich genommen. In ihm offenbart sich die Liebe Gottes. Das ist seine geheimnisvolle Weisheit. Wir können nichts vorweisen, unser Stolz und unser Verdienst wird immer wieder zerschlagen, und trotzdem werden wir zu Freunden Gottes. Zu diesem Glauben sind wir eingeladen, deshalb bedenken wir die Passion.
Und das kann etwas bewirken. Wenn wir Jesus nachfolgen, lassen wir uns selber los. Wir können uns ihm anvertrauen und zu seiner Ehre leben. Das geht gut mit einem Gebet aus einem alten Hymnus, das lautet: „Du schenkst uns diese Gnadenzeit, gib auch ein reuevolles Herz und führe auf den Weg zurück, die deine Langmut irren sah.“ (Ev. Tagzeitenbuch, 6. Auflage 2020, Nr. 516) So ähnlich hat Petrus sicher auch gebetet, und das hat sich gelohnt. Nach der Auferstehung Jesu wurde er von ihm zum „Menschenhirten“ gemacht (Johannes 21,15ff), d.h. zum Missionar und Apostel und er hat zur Gründung der Kirche beigetragen. Er starb selber als Märtyrer, d.h. er hat den Hass, der ihm entgegenschlug, nicht mit Hass vergolten. Er hat sich nicht gerächt, sich nicht aufgelehnt, sondern wurde genauso geduldig und leidensbereit wie Jesus.
Und das bedeutet Erlösung. Wir werden frei von den üblichen menschlichen Verhaltensmustern. Uns wird ein Glück geschenkt, das einen ganz anderen Charakter hat, als wenn wir uns durchsetzen oder unsere Haut retten. Das Kreuz Jesu kann uns Ruhe schenken, und wenn unsere Todesstunde kommt, sind wir bei ihm geborgen. Frieden und Freude werden uns zuteil.
So lasst uns darum bitten, dass Jesus selber uns „stärke, sein Leiden zu bedenken“. Christian Fürchtegott Gellert hat dazu ein Lied gedichtet (1757), aus dem wir jetzt singen wollen:
Lied: EG 91,1.5-10:
1 Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.
5. Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden
ein Ärgernis und eine Torheit werden:
so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes,
die Weisheit Gottes.
6. Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,
es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder,
lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde
zu Gottes Freunde.
7. Da du dich selbst für mich dahingegeben,
wie könnt ich noch nach meinem Willen leben?
Und nicht vielmehr, weil ich dir angehöre,
zu deiner Ehre.
8. Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten,
wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten,
du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder,
schaltst auch nicht wieder.
9. Unendlich Glück! Du littest uns zugute.
Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute.
Du hast mein Heil, da du für mich gestorben,
am Kreuz erworben.
10. Wenn endlich, Herr, mich meine Sünden kränken,
so lass dein Kreuz mir wieder Ruhe schenken.
Dein Kreuz, dies sei, wenn ich den Tod einst leide,
mir Fried und Freude.
Schlussgebet: (Gebete zu den Passionsandachten, Okuli, Agende zu Passion und Ostern)
Herr Jesus Christus, du bist der Retter der Welt und wurdest in Ketten gelegt. Du wurdest mit Fäusten geschlagen und bliebst ohne Wut. Schau gnädig auf die, die dich verachten. Lass alle Menschen erkennen, dass du der Erlöser der Welt bist. Dich loben wir. Amen.

Passionsandacht II in der Lutherkirche Kiel
Donnerstag nach Invokavit, 26.2.2026: Johannes 12, 23- 33: Ankündigung der Verherrlichung
Wir lesen weiter die Passionsgeschichte nach Johannes:
Lesung Johannes 12, 23- 33: Ankündigung der Verherrlichung
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.
26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.
27 Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen.
28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen.
29 Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet.
30 Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen.
31 Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden.
32 Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
33 Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.
MUSIK
Lesung: Johannes 13, 1- 17: Fußwaschung
1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schonder Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er bvon Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut.
18 Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.«
19 Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.
20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.
Betrachtung
Unsere Lesung der Passionsgeschichte nach Johannes begann mit den Episoden von der Salbung in Betanien und dem anschließenden triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. Darauf folgt die Rede Jesu, die wir eben gehört haben.
Davon gibt es im Johannesevangelium sehr viele, die so nicht in den anderen Evangelien stehen. Die Erzählung der Passion, die dann im nächsten Kapitel mit der Fußwaschung weitergeht, wird z.B. von drei Kapiteln unterbrochen, die die sogenannten Abschiedsreden enthalten. In ihnen spricht Jesus mit seinen Jüngern über seinen Auftrag und seinen Weggang. Aber auch hier, am Ende von Kapitel 12, lesen wir bereits so etwas wie einen theologischen Kommentar zu dem, was bald geschehen wird.
Der Evangelist hat dafür Sprüche aus der Tradition aufgenommen, wie den vom Weizenkorn, das sterben muss, um Frucht zu bringen, und auch „wer sein Leben liebt, verliert es, wer es hasst, bewahrt es zum ewigen Leben.“ Die Nachfolge in den Tod führt zum Sein bei ihm in Herrlichkeit. Nicht die Rettung vor der Todesstunde, sondern das Hineingehen in diese Stunde entspricht seiner Sendung, und darin geht es um Gottes Verherrlichung.
Das ist eine weitere Besonderheit im Johannesevangelium: Jesus wird selbst in der Passionsgeschichte nicht als der Leidende dargestellt, sondern als der, der erhöht wird. Die Erhöhung fällt mit der Kreuzigung zusammen. Und es wird hervorgehoben, dass es Gottes Liebe ist, die sich in dieser Hingabe seines Sohnes verwirklicht. Der „Fürst dieser Welt“, d.h. der Teufel, wir damit „hinausgestoßen“ und Jesus wird „alle zu sich ziehen“, die an ihn glauben und ihm folgen. Sie müssen nur bereit sein, denselben Weg zu gehen wie er, dann wird „der Vater sie ehren“.
So hat der Evangelist auch das Gethsemanegebet verändert. Es kommt hier vor, aber Jesus bittet nicht darum, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge. Er fragt sich zwar, ob er so beten soll, aber er tut es nicht, sondern bittet darum, dass der Name des Vaters verherrlicht wird. Das Gebet führt ihn zu einer völligen Übereinstimmung mit dem Vater. Die wird dann auch mit einer Stimme aus dem Himmel bestätigt, ähnlich wie bei seiner Taufe. Es ist die Antwort des Vaters auf das Gebet des Sohnes. Unter diesem Aspekt sollen die Leser und Leserinnen das folgende Passionsgeschehen sehen und verstehen. Es dient zu ihrer Rettung und zum Lobe Gottes.
Es gibt eine „Bibel zum Beten“, die 2023 herausgegeben wurde, darin gibt es zu den Gebeten, die in der Bibel vorkommen, jeweils kurze Kommentare, die zum eigenen Beten anleiten sollen. Zu unserer Stelle hat Lukas Knieß etwas geschrieben. Er ist Gebetshausleiter im Haus des Gebetes in St. Georgen und Teaching Pastor im ICF Schwarzwald-Bodensee – das ist eine überkonfessionelle christliche Freikirche auf biblischer Grundlage. Die Abkürzung ICF steht für „International Christian Fellowship“. Sein Kommentar lautet folgendermaßen (S.1264):
„Dieses prägnante, öffentliche Gebet von Jesus drückt seine tiefste Herzenshaltung aus: Im Zentrum seines Denkens und Handels steht die Verherrlichung Gottes. Dieses Grundmotiv zeigt sich deutlich in allen vier Evangelien, besonders aber bei Johannes.
Diese Stelle ist besonders bedeutsam, denn Jesus spricht von seinem Tod und bezeichnet sich selbst als tieftraurig (V. 27). Er spürt den Drang, das naheliegende Gebet zu beten: »Vater, bewahre mich vor dem, was vor mir liegt.« Doch sein höchstes Verlangen ist es nicht, seine Haut zu retten, sondern den Willen des Vaters zu tun.
Häufig stehen Beter vor dieser Entscheidung: Bete ich um Befreiung aus den Umständen oder bete ich darum, dass Gott inmitten dieser Situation verherrlicht wird – egal, was mit mir passiert? Für beide Gebete gibt es Dutzende Beispiele in der Bibel. Oftmals liegt sogar kein Widerspruch in diesen Anliegen.
Dennoch gibt es eine Freiheit – Ignatius von Loyola nannte sie »Indifferenz« – die selbst die schwierigsten Umstände annimmt und nur darauf fokussiert ist, dass Gott die Ehre bekommt (sichtbar z. B. bei den drei Freunden im Feuerofen, Dan 3,17-18. oder bei Paulus in Phil 1,20). In diesem Sinne war Jesus frei – frei, alles geschehen zu lassen, was der Verherrlichung Gottes dient.
Im Westminster-Katechismus heißt es: »Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.« Das Gebet Jesu in Johannes 12,28 kann ein Startpunkt dafür sein, in allen Dingen die Ehre Gottes zu suchen und damit das höchste Ziel des Lebens zu erreichen.“
Lied 90: Ich grüße dich am Kreuzesstamm
- Ich grüße dich am Kreuzesstamm,
du hochgelobtes Gotteslamm,
mit andachtsvollem Herzen.
Hier hängst du zwar in lauter Not
und bist gehorsam bis zum Tod,
vergehst in tausend Schmerzen;
doch sieht mein Glaube wohl an dir,
dass Gottes Majestät und Zier
in diesem Leibe wohne
und dass du hier so würdig seist,
dass man dich Herr und König heißt,
als auf dem Ehrenthrone.
- Ich folge dir durch Tod und Leid,
o Herzog meiner Seligkeit,
nichts soll mich von dir trennen.
Du gehst den engen Weg voran;
dein Kreuzestod macht offne Bahn
den Seelen, die dich kennen.
Ach Jesu, deine höchste Treu
macht, dass mir nichts unmöglich sei,
da du für mich gestorben;
ich scheue nicht den bittern Tod
und bin gewiss in aller Not:
»Wer glaubt, ist unverdorben.«
Valentin Ernst Löscher 1722
Schlussgebet: Ev. Gottesdienstbuch: Palmsonntag 2, S. 338 unten
Gott, unser Erbarmer, du lässt uns das Leiden und Sterben deines Sohnes zu unserm Heil verkündigen. Gib uns ein offenes Herz, dass wir seine Liebe und seinen Gehorsam erkennen und ihm nachfolgen, unserm Herrn Jesus Christus, deinem Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Passionsandacht I in der Lutherkirche Kiel
Donnerstag nach Aschermittwoch, 19.2.2026: Johannes 12, 1- 19: Salbung in Betanien
Wir lesen in diesem Jahr die Passionsgeschichte nach Johannes:
1. Lesung: Johannes 12, 1- 11: Die Salbung in Betanien
1 Sechs Tage vor dem Passafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus auferweckt hatte von den Toten.
2 Dort machten sie ihm ein Mahl und Marta diente ihm; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tisch saßen.
3 Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.
4 Da sprach einer seiner Jünger, Judas Iskariot, der ihn hernach verriet:
5 Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben?
6 Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war.
7 Da sprach Jesus: Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses.
8 Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.
9 Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte.
10 Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten;
11 denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus.
LIED EG 32: Zu Bethlehem geboren
1 Zu Bethlehem geboren
ist uns ein Kindelein,
das hab ich auserkoren,
sein Eigen will ich sein,
eia, eia, sein Eigen will ich sein.
2 In seine Lieb versenken
will ich mich ganz hinab;
mein Herz will ich ihm schenken
und alles, was ich hab,
eia, eia, und alles, was ich hab.
3 O Kindelein, von Herzen
will ich dich lieben sehr
in Freuden und in Schmerzen,
je länger mehr und mehr,
eia, eia, je länger mehr und mehr.
4 Dazu dein Gnad mir gebe,
bitt ich aus Herzensgrund,
dass dir allein ich lebe,
jetzt und zu aller Stund,
eia, eia, jetzt und zu aller Stund.
Text: Friedrich Spee 1637
Melodie: Paris 1599; geistlich Köln 1638
2. Lesung: Johannes 12, 12- 19: Der Einzug in Jerusalem
12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,
13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!
14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.
17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.
18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.
Betrachtung
Die beiden Begebenheiten, von denen wir eben gehört haben, liegen zeitlich und örtlich beieinander: Jesus war nach Jerusalem gekommen um dort zu bleiben. Sein Quartier hatte er in Betanien, einem Vorort, bei den Schwestern Maria und Martha. Mit ihnen war er befreundet. Die Evangelien berichten das nicht ganz einheitlich, aber so kann man es sich durchaus vorstellen.
Für seine Ankunft hatte Marta ein üppiges Mahl zubereitet. Ihre Gäste saßen also zusammen am Tisch, freuten sich an den Speisen und aneinander, und Jesus war sicherlich der Mittelpunkt.
Auf jeden Fall war er das für Maria, der Schwester von Marta. Sie kommt ihm hier jedenfalls sehr nahe und tut etwas, was man eigentlich nur bei einem Geliebten tun würde: Sie nimmt ein Pfund kostbaren Öls und salbt damit seine Füße. Das ist eine sehr liebevolle Geste, die noch dadurch unterstrichen wird, dass sie ihm dann mit ihrem Haar die Füße trocknet. Üblich war so etwas nicht, schon gar nicht bei einer Mahlzeit, und es war auch hochgradig luxuriös und verschwenderisch. Deshalb wird darüber gleich im Anschluss diskutiert.
Sie tat es aber offensichtlich bewusst vor den Augen von allen anderen. Sie sollten sehen und riechen, wieviel ihr Jesus wert war, denn „das ganze Haus wurde erfüllt vom Duft des Öls“. Es ist also eine sehr sinnliche Geste, für die die Jünger allerdings kein Verständnis hatten. Sie regten sich über die Verschwendung auf. Dieses Öl hätte man doch verkaufen und mit dem Geld den Armen helfen können. Das ist ihr Einwand. Aber Jesus verteidigt Maria, und an seiner Antwort wird deutlich, in welchem Zusammenhang die Geschichte steht. Er spricht jetzt nämlich von seinem Begräbnis. Da wird der Leichnam ja auf jeden Fall gesalbt, und er deutet die Tat der Frau damit als einen Hinweis auf seinen Tod. Sie nimmt diese Salbung sozusagen vorweg und prophezeit damit sein Ende.
Und das müssen die Jünger aushalten, davor sollen sie sich nicht verschließen. Deshalb werden sie hier zurechtgewiesen und Maria wird verteidigt. Denn Maria macht deutlich, dass er der Erlöser der Welt ist, der den Schmerz und das Versagen der Menschheit auf sich genommen hat, der für uns in den Tod gegangen ist.
Das bedenken wir in der Passionszeit. Wir beschäftigen uns mit dem Leiden und Sterben Jesu, damit wir das Heil empfangen, das darin verborgen liegt. Und Maria kann uns zeigen, wie das geschehen kann.
Wir veranstalten ja gerne alles Mögliche in diesen Wochen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Fasten, auf dem Verzicht von etwas, das uns schadet. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Süßigkeiten oder Alkohol, sondern auch um Verhaltensweisen, um unsere Angst oder unsere Härte, um Wut oder Eile usw. Wir werden eingeladen, das alles abzulegen, an uns selber zu arbeiten und wenigstens sieben Wochen lang zu versuchen, bessere Menschen zu werden. Das ist zwar ganz gut so, aber es birgt auch eine Gefahr: Wir tendieren dahin, die Fastenzeit zur Selbstoptimierung zu nutzen: Wir nehmen endlich ab, werden freundlicher und friedlicher, das Leben wird ruhiger und besser.
Doch das ist nicht der Sinn der Passionszeit. Die Geschichte zeigt uns vielmehr, dass es um Jesus geht, um sein Leiden und Sterben. Wir denken daran, dass er sich für uns hingegeben hat, und dass wir mit allem, was uns ängstigt und belastet, zu ihm kommen können. Wir verbergen ja gerne die dunklen Seiten unseres Lebens, doch das müssen wir nicht. Wir können sie gerade einmal zulassen. Denn Jesus ist bei uns, er kennt uns, er kennt das Leid und die Dunkelheit, Angst und Schmerzen und er will bei uns sein. Er will unsere Lasten leichter machen, unsere Nöte lindern.
Maria bezeugt mit ihrer Tat genau das, und dafür will sie ihm danken. Sie vergisst sich selber, schämt sich nicht und diskutiert auch nicht darüber. Sie liebt einfach, und sie wird dafür nicht abgewiesen, sondern sogar gelobt. Sie tut genau das Richtige.
Und dazu sind auch wir eingeladen: Einfach nur dazu sein für Jesus, ihm zu danken, uns ihm hinzugeben und uns selber ihm zu schenken. Er möchte nicht unsere guten Taten, sondern unser Leben. Er möchte unser Herz und unsere Liebe. In dem Weihnachtslied, das wir vorhin gesungen haben, wird das mit sehr schönen und einfachen Worten zum Ausdruck gebracht: Der Dichter, Friedrich Spee, möchte „sein Eigen sein“, sich „ganz hinab in seine Liebe versenken“ ihm sein „Herz und alles, was er hat, schenken.“ Er will ihn „in Freuden und in Schmerzen“ „lieben“ und „ihm allein leben“. Möge Jesus dazu auch uns seine Gnade geben.
Lied EG 384, 1- 2: Lasset uns mit Jesus ziehen
1. Lasset uns mit Jesus ziehen,
seinem Vorbild folgen nach,
in der Welt der Welt entfliehen
auf der Bahn, die er uns brach,
immerfort zum Himmel reisen,
irdisch noch schon himmlisch sein,
glauben recht und leben rein,
in der Lieb den Glauben weisen.
Treuer Jesu, bleib bei mir,
gehe vor, ich folge dir.
2. Lasset uns mit Jesus leiden,
seinem Vorbild werden gleich;
nach dem Leide folgen Freuden,
Armut hier macht dorten reich,
Tränensaat, die erntet Lachen;
Hoffnung tröste die Geduld:
Es kann leichtlich Gottes Huld
aus dem Regen Sonne machen.
Jesu, hier leid ich mit dir,
dort teil deine Freud mit mir!
Sigmund von Birken, 1653
Schlussgebet: Ev. Gottesdienstbuch: Estomihi 2 (S.315)
Barmherziger Gott, im Leiden und Sterben deines Sohnes hast du der Welt deine Liebe gezeigt. Öffne unsere Augen, dass wir das Geheimnis seiner Hingabe erkennen und ihm auf dem Weg des Gehorsams und der Liebe folgen, unserem Herrn Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.

Abendsegen in der Lutherkirche Kiel
Donnerstag, 5.2.2026, Thema: Eltern und Kinder in der Bibel: Die Tochter des Jaïrus
Wir lesen und bedenken gerade Geschichten in der Bibel über Eltern und ihre Kinder. Dazu gehört eine Reihe von Erzählungen, in denen Väter oder Mütter für ihre Kinder zu Jesus gehen, damit er ihnen hilft. In einer davon liegt das Kind bereits im Sterben, es ist die Tochter des Jaïrus, einem Vorsteher der Synagoge in Kapernaum.
Markus 5, 21- 24a. 35- 43
21 Und als Jesus wieder herübergefahren war im Boot, versammelte sich eine große Menge bei ihm, und er war am See.
22 Da kam einer von den Vorstehern der Synagoge, mit Namen Jaïrus. Und als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
23 und bat ihn sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm doch und lege deine Hände auf sie, damit sie gesund werde und lebe.
24 Und er ging hin mit ihm.
Und es folgte ihm eine große Menge und sie umdrängten ihn.
35 Als er noch so redete, kamen einige aus dem Hause des Vorstehers der Synagoge und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?
36 Jesus aber hörte mit an, was gesagt wurde, und sprach zu dem Vorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur!
37 Und er ließ niemanden mit sich gehen als Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
38 Und sie kamen in das Haus des Vorstehers, und er sah das Getümmel und wie sehr sie weinten und heulten.
39 Und er ging hinein und sprach zu ihnen: Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.
40 Und sie verlachten ihn. Er aber trieb sie alle hinaus und nahm mit sich den Vater des Kindes und die Mutter und die bei ihm waren und ging hinein, wo das Kind lag,
41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talita kum! – das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
42 Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war aber zwölf Jahre alt. Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen.
43 Und er gebot ihnen streng, dass es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben.
Die Erzählung spielt am See Genezareth, den Jesus gerade mit seinen Jüngern überquert hat, und am Ufer wird er sofort von einer großen Volksmenge empfangen. Ein Mensch löst sich dann heraus, geht direkt auf Jesus zu und fleht ihn um Hilfe an, denn er ist verzweifelt: Seine zwölfjährige Tochter liegt im Sterben. Jesus geht auf die Bitte auch ein und geht mit und seine Jünger folgen ihm. Doch diesem Zug kommt nun ein anderer entgegen, der ihn stoppen will. Es sind Boten aus dem Haus des Synagogenvorstehers, die die traurige Nachricht bringen, dass es zu spät ist. Das Mädchen ist gestorben, als ihr Vater bei Jesus war. Er soll den Meister also nicht weiter bemühen. Der muss nicht mehr kommen, das wäre nur Zeitverschwendung.
Jesus hört das Gespräch und lässt sich erstaunlicherweise nicht stoppen. Es interessiert ihn gar nicht, was diese Leute zu sagen haben. Im Gegenteil, er beruhigt den Vater, setzt seinen Weg fort und kommt zu dem Haus, in dem das Mädchen wohnt. Dort ist bereits die Totenklage angestimmt worden. Aber auch das interessiert Jesus nicht. Es ärgert ihn sogar und er scheucht die Leute weg. Nur die Eltern und seine Jünger sollen bei ihm bleiben. Mit ihnen geht er in das Zimmer, in dem das Mädchen liegt. Dort wendet er sich ihm zu und tut das, was man eigentlich nur bei einem Lebenden tut: Er reicht ihr die Hand, so als ob er ihr beim Aufstehen helfen will, und spricht zu ihr. Und zwar befiehlt er ihr, sich zu erheben. Da kommt sie tatsächlich hoch. Sie steht von ihrem Totenbett auf und geht umher.
Von den Eltern und den anderen Menschen im Haus wird dann nur gesagt, dass sie sich „über die Maßen entsetzten“. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Sie sollen es auch nicht weitersagen, denn die Zeit, in der endgültig offenbar wird, wer er ist, ist noch nicht gekommen. Es gilt noch das sogenannte „Messiasgeheimnis“, das im Markusevangelium oft auftaucht. Nur etwas zu essen geben sollen sie dem Mädchen, als Zeichen dafür, dass sie wirklich lebt.
Soweit die Geschichte, die von einem Wunder handelt. Es besteht darin, dass Jesus schon zu Lebzeiten Macht über den Tod hatte. Er ist von einer anderen Wirklichkeit bestimmt, als die Menschen um ihn herum, ist klar und zielgerichtet, bringt Ruhe in das Geschehen und kann helfen.
Und darin liegt die Botschaft auch für uns. Wir erleben zwar keine Totenauferweckung wie hier, aber wir dürfen trotzdem an eine Hilfe glauben, die unsere menschliche Erfahrung übersteigt, so wie Jaïrus es tut. Auch Jesus erkennt die Realität des Todes und der Trauer nicht an. Für ihn schläft das Mädchen nur. Und damit will die Geschichte uns zu einem Glauben einladen, der nicht unserer natürlichen Wahrnehmung entspringt, sondern sich ganz auf Jesus gründet, der selbst mit dem scheinbar Unmöglichen rechnet. Wir werden hier aufgefordert, die Hoffnung auf Leben niemals aufzugeben.
Wir sind ja oft in Situationen, in denen uns das schwer fällt. Es gibt immer wieder Zeiten und Ereignisse, die kommen uns ausweglos vor. Wir denken, es geht nicht weiter, es gibt keine Lösung, es ist alles nur schrecklich oder traurig. Aber das meinen wir eben nur solange, wie wir auf das Problem starren. Wir lassen uns davon bestimmen und beeindrucken und machen es gerade dadurch schlimmer. Oft tragen wir selber dazu bei, dass nichts mehr läuft, weil wir jammern und klagen. Wir lassen das Leben nicht zu.
Das kann durchaus auch auf die Situation des Trauerns zutreffen. Natürlich hat es seine Zeit und muss sein. Wenn ein Mensch, mit dem wir eng verbunden waren, gestorben ist, dann ist das ein Verlust, und den Schmerz darüber müssen wir zulassen. Aber wir sollen auch dann schon wissen und uns sagen lassen, dass er nicht das letzte ist, was bleibt. Er kann wieder vergehen, denn es gibt noch mehr als dieses Leben und damit auch noch mehr, als den Tod. Es ist gut, offen zu sein für eine Energie, durch die wir neues Leben finden. Und dazu möchte Jesus uns verhelfen. Das ist hier die Botschaft. Es ist die Einladung zu einem Glauben an seine lebensschaffende Kraft.
Amen
LIED 324, 1- 2. 12- 18: Ich singe dir mit Herz und Mund
1. Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.
2. Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.
12. Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.
13. Wohlauf, mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.
14. Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,
dein Glanz und Freudenlicht,
dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.
15. Was kränkst du dich in deinem Sinn
und grämst dich Tag und Nacht?
Nimm deine Sorg und wirf sie hin
auf den, der dich gemacht.
16. Hat er dich nicht von Jugend auf
versorget und ernährt?
Wie manches schweren Unglücks Lauf
hat er zurückgekehrt!
17. Er hat noch niemals was versehn
in seinem Regiment,
nein, was er tut und lässt geschehn,
das nimmt ein gutes End.
18. Ei nun, so lass ihn ferner tun
und red ihm nicht darein,
so wirst du hier im Frieden ruhn
und ewig fröhlich sein.
Text: Paul Gerhardt 1653
Melodie: Johann Crüger 1653
Schlussgebet:
Herr, unser Gott, durch die Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus hast du den Tod besiegt. Schenk uns den Glauben an deine lebendig machende Kraft und erwecke uns immer wieder zu neuer Hoffnung und Zuversicht. Nimm von uns, was uns gefangen hält, damit wir vollkommene Freiheit finden und zum ewigen Leben gelangen. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.

Abendsegen in der Lutherkirche Kiel
Donnerstag, 15.1.2026, Thema: Eltern und Kinder: Hanna und Samuel
Im Anschluss an Weihnachten lesen und betrachten wir in unserer Vesper gerade Geschichten aus der Bibel, die von Eltern und ihren Kindern handeln. Dabei finden wir noch weitere Erzählungen, die von einer besonderen Geburt berichten, von einem Auserwähltsein von Mutterleib an und einem göttlichen Auftrag, den das Kind erhält. Samuel war so ein Mensch, ein großer Prophet nach dem zwei Bücher im Alten Testament benannt sind. Er hat den ersten König eingesetzt und gesalbt und war damit der letzte charismatische Anführer des Volkes Israel, bevor die Staatsform ein Königtum wurde. Ich lese die Geschichte seiner Geburt in Auszügen:
1. Samuel 1 in Auszügen
1a Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, der hieß Elkana,
2 Und er hatte zwei Frauen; die eine hieß Hanna, die andere Peninna. Peninna aber hatte Kinder und Hanna hatte keine Kinder.
10 Und Hanna war von Herzen betrübt und betete zum HERRN und weinte sehr
11 und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang, und es soll kein Schermesser auf sein Haupt kommen.
19b Und Elkana erkannte Hanna, seine Frau, und der HERR gedachte an sie.
20 Und Hanna ward schwanger; und als die Tage um waren, gebar sie einen Sohn und nannte ihn Samuel; denn, so sprach sie, ich hab ihn von dem HERRN erbeten.
21 Und als der Mann Elkana hinaufzog mit seinem ganzen Hause, um das jährliche Opfer dem HERRN zu opfern und sein Gelübde zu erfüllen,
22 zog Hanna nicht mit hinauf, sondern sprach zu ihrem Mann: Wenn der Knabe entwöhnt ist, will ich ihn bringen, dass er vor dem HERRN erscheine und dort für immer bleibe.
23 Ihr Mann Elkana sprach zu ihr: So tu, wie dir’s gefällt! Bleib, bis du ihn entwöhnt hast; der HERR aber bestätige, was er geredet hat. So blieb die Frau und stillte ihren Sohn, bis sie ihn entwöhnt hatte.
24a Nachdem sie ihn entwöhnt hatte, nahm sie ihn mit sich hinauf nach Silo,
25b und brachten den Knaben zu Eli [dem Priester des Herrn].
26 Und sie sprach: Ach, mein Herr, so wahr du lebst, mein Herr: Ich bin die Frau, die hier bei dir stand, um zum HERRN zu beten.
27 Um diesen Knaben bat ich. Nun hat der HERR mir die Bitte erfüllt, die ich an ihn gerichtet hatte.
28 Darum gebe ich ihn dem HERRN wieder sein Leben lang, weil er vom HERRN erbeten ist. Und sie beteten dort den HERRN an.
Auslegung
Die Geschichte beginnt mit der Nennung von Elkana, einem Mann mit vornehmer Herkunft. Er hatte zwei Frauen, das wird hier auch nicht diskutiert, die Mehrehe war offensichtlich üblich. Die eine, Penina, war gebärfreudig, die andere, Hanna, bekam keine Kinder. Sie litt darunter sehr. Ihr Mann hielt zwar zu ihr und versuchte sie zu trösten, aber Trost fand sie wo anders, nämlich im Gebet. Bei einer ihrer jährlichen Wallfahrten wandte sie sich an Gott und erbat von ihm einen Sohn. Ihr Gebet kreiste ganz und gar um ihre persönliche Not und war mit einem Gelübde verbunden: Sie versprach, das Kind dem Heiligtum zu weihen. Das sollte Gott bewegen, ihre Bitte zu erfüllen. Und so kam es dann auch. Sie wurde endlich schwanger. Hanna hat nicht umsonst Gott angerufen. Sie nannte ihren Sohn deshalb Samuel, das ist vermutlich eine Zusammensetzung aus den beiden Wörtern „Schem“ für Name und „El“ für Gott. Es heißt also so viel wie: „Der, über dem der Name Gottes genannt ist.“ Gottes Eingriff hat ihn ins Dasein gerufen. Und Hanna erfüllte ihr Gelübde, mit dem sich offensichtlich auch ihr Mann identifizierte. Er beteiligte sich jedenfalls an dem Entschluss seiner Frau. Begreiflicher Weise zog sie die Zeit bis zur Hergabe des Kindes aber noch hinaus und zwar so lange, bis sie ihn nicht mehr stillte. Das war damals im Orient durchaus mehrere Jahre üblich. Sie hatte also einen allgemein verständlichen Grund, warum sie ihn erst nach drei Jahren dem Priester Eli übergab. Die persönlichen Gefühle, die sich aus dem Abschied der Mutter und dem Kind ergaben, bleiben dann aber unerwähnt, obwohl die mit Sicherheit heftig waren.
Man kann sich gut vorstellen, dass es bei dem kleinen Samuel Tränen und Widerstand gab, und für Hanna war es möglicherweise noch schwerer: Wer gibt schon ein dreijähriges Kind her? Das wirkt heldenhaft und übermenschlich.
Doch so ist die Geschichte nicht gemeint. Im Mittelpunkt der Erzählung steht vielmehr von Anfang etwas anderes: Es geht um die Führung Gottes, sein Eingreifen, seinen Willen und die Hingabe an ihn. Hanna hatte eine lebendige Beziehung zu Gott. Sie war fromm und glaubte an ihn. Sie wusste sich selber bei ihm geborgen und dann auch ihr Kind. Und sie hat es ja auch nicht ins Ungewisse weggeschickt, sondern in die Hände Gottes gegeben. Sie glaubte daran, dass Gott es bewahren und führen würde. Deshalb konnte sie es loslassen.
Und das ist ein Hinweis darauf, wie auch wir in unseren engsten familiären Beziehungen miteinander segensreich umgehen können. Es gibt Situationen, da müssen auch wir Menschen, die uns lieb sind, Gott überlassen, sie ihm anvertrauen. Wir haben keinen Einfluss mehr auf sie, sie gehen ihre eigenen Wege und haben eigene Gedanken. Wir merken: Sie gehören uns nicht, wir können sie nicht festhalten. Das fällt uns manchmal schwer, es führt zu Schmerzen und Konflikten. Doch wir dürfen daran glauben, dass Gott sich um sie kümmert und uns alle segnet. Oft können wir deshalb gerade durch unsere menschlichen Beziehungen im Glauben wachsen und näher zu Gott kommen. Wir lassen unsere Lieben im Gebet los und geben sie und uns selber Gott hin.
So war es bei Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der im 18. Jahrhundert die sogenannte Herrnhuter Brüdergemeine gegründet hat, eine Gemeinschaft, die sich um den Herrn versammelte. Das Familienleben spielte dabei eine große Rolle. Die Familienmitglieder wurden alle in den Glauben hineingenommen, auch die Kinder wurden schon darin unterrichtet, denn Zinzendorf ging davon aus, dass sie ein persönliches Verhältnis zu Gott entwickeln können. Es gibt ein Lied, an dem sehr schön deutlich wird, wie er sich den inneren Weg von der menschlichen Gemeinschaft hin zu Gott und die Bedeutung der Gegenwart Gottes für die Gemeinschaft vorstellte. Es lautet:
LIED : Herz und Herz vereint zusammen
1 Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh. Lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder, er das Licht und wir der Schein, er der Meister, wir die Brüder, er ist unser, wir sind sein.
2. Kommt, ach kommt, ihr Gnadenkinder, und erneuert euren Bund, schwöret unserm Überwinder Lieb und Treu aus Herzensgrund; und wenn eurer Liebeskette Festigkeit und Stärke fehlt, o so flehet um die Wette, bis sie Jesus wieder stählt.
3. Legt es unter euch, ihr Glieder, auf so treues Lieben an, dass ein jeder für die Brüder auch das Leben lassen kann. So hat uns der Freund geliebet, so vergoss er dort sein Blut; denkt doch, wie es ihn betrübet,
wenn ihr euch selbst Eintrag tut.
4. Halleluja, welche Höhen, welche Tiefen reicher Gnad, dass wir dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat; dass der Vater aller Geister, der der Wunder Abgrund ist dass du, unsichtbarer Meister, uns so fühlbar nahe bist.
EG 251, 1- 4
Text: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1723) 1725,
bearbeitet von Christian Gregor 1778 und Albert Knapp 1837
Schlussgebet:
Herr unser Gott, dir gehört unser Leben. Du gibst es uns und holst uns am Ende wieder zu dir. Auch die Menschen, die wir liebhaben, sind ein Geschenk von dir. Wir danken dir dafür und vertrauen sie dir an. Sei du unsere Mitte und lass uns bei dir Ruhe finden. Der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.