Des Lebens Blütensieg

Ostersonntag, 12.4.2020

Ostern verweist uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist.  Wir dürfen uns in diesen Coronazeiten zwar nicht zum Gottesdiesnt versammeln, aber das löscht die Gegenwart des Auferstandenen nicht aus. Feiert euren Ostergottesdiesnt deshalb zu Hause an einem Tisch mit Kerzen und Blumen und einem Osterbild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Ostersonntag zu Hause

Lesepredigt über Jeremia 1, 11f: Der erwachende Zweig

Liebe Gemeinde

Ich bin in diesen Tagen von mehreren Menschen an ein Lied erinnert worden, das der jüdische Dichter und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin gedichtet hat. Der lebte von 1913 bis 1999, d.h. er hat beide Weltkriege miterlebt, und er nannte sein Gedicht „das Zeichen“. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Es beginnt mit der Strophe: „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 606,1) Wenn Ben-Chorin verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Ähnlich werden auch wir es in den kommenden Tagen erleben können: Die Mandel- und Obstbaumblüte wird vielen Menschen Freude und Zuversicht geben, denn sie ist ein wunderbares Hoffnungszeichen, ein „Zeichen für den Sieg des Lebens“.

In der Bibel finden wir dafür ebenfalls Beispiele. Und vermutlich dachte auch Ben-Chorin an die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im ersten Kapitel, wo steht:

Jesaja 1,11

1 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du?
2 Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Diese Vision steht am Anfang des Buches von Jeremia und es ist ein Teil seiner Berufungsgeschichte. Mit ihr beginnt sein Auftreten als Prophet. Er beschreibt darin eine persönliche Begegnung mit Gott, durch die er auf seinen Beruf vorbereitet wurde. Sie bildet den Ausgangspunkt und das Fundament seiner gesamten Prophetie. Entscheidend sind dabei nun allerdings nicht Ideen oder Programme, die er von Gott bekommt, sondern Gott weckt in ihm die Hoffnung und Gewissheit auf ein kommendes Heil für die ganze Welt.

In einer Vision stellt er ihm einen „erwachenden Zweig“ vor Augen, und damit ist ein Mandelzweig gemeint. Der Mandelbaum blüht im Frühjahr nämlich als erster der Fruchtbäume und daher lautet sein hebräischer Name „der Wächter“ oder „der Frühe“, und er klingt wie „wachsam sein“. In der Vision Jeremias gilt er als Zeichen dafür, dass Gott über seine Schöpfung „wacht“. Der Zweig besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Er bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird, als alle Not. Der „erwachende Zweig“ steht als Zeichen gegen Leid, Zerstörung und Tod und sagt Gottes ewiges Friedensreich an.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott immer wieder mit lebendigen Zeichen der Schöpfung und der Natur. So lesen wir von einem „Reis aus der Wurzel Isais“ bei dem Propheten Jesaja. (Jes.11,1f).10  Die Christen haben das später als Ankündigung der Geburt Jesu gedeutet. (Röm.15, 12) Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30) greift dieses Bild auf.

Aber auch Jesus selbst bediente sich gerne dieser Vorgänge in der Natur. So erzählte er das Gleichnis vom Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) und benutzte das Bild vom „Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen“. (Joh.12,24). Damit deutete er seinen eigenen Weg an. Er ist selber gestorben, war tot und wurde beerdigt. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zu Ostern feiern wir vielmehr seine Auferstehung.

Die Evangelien bezeugen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Viele Menschen haben ihn danach gesehen. Zuerst erschien er den Frauen „Maria Magdalena und der anderen Maria“ (Mat.28,9f), dann zeigte er sich auch allen Jüngern (Joh.20,19ff) und wurde „von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen“, wie Paulus im Korintherbrief berichtet. (1. Kor.15,6) Mit diesen Darstellungen legt das Neue Testament viel Wert darauf, die Botschaft von der Auferstehung glaubhaft zu machen, und sie sind auch der Ausgangspunkt des Christentums. Mit Ostern begann der Weg des Glaubens an Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der den Tod überwand.

Doch obwohl dieser Glaube sich im Laufe der Jahrhunderte erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet hat, haben damit heutzutage viele von uns ihre Schwierigkeiten. Wir können und wollen uns das so nicht vorstellen, wir glauben nicht an ein Wunder. Denn unser Denken ist von der Naturwissenschaft und von der Vernunft bestimmt, und da passt der Glaube an die Auferstehung eines Toten nicht hinein.

Das muss er allerdings auch nicht, denn sowohl das Neue Testament als auch der Prophet Jeremia und andere biblische Zeugen wollen gar nicht unsere Vernunft ansprechen. Um die Osterbotschaft aufzunehmen, ist es sogar ungünstig, wenn wir unser normales Denken einschalten. Denn sie ist ein Mysterium, ein Geheimnis, dem wir uns ganz anders nähern müssen, als mit logischen Schlussfolgerungen. Überlegungen zu Ursache und Wirkung, das Nachdenken über Voraussetzungen und Ergebnisse helfen uns bei diesem Thema nicht weiter. Im Gegenteil, sie stehen uns im Weg. Wir müssen ganz andere Mechanismen in unserem Geist und unserem Bewusstsein einschalten, um die Botschaft von der Auferstehung zu begreifen.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal ruhig werden und aufhören zu denken. Wir sollten uns dafür auch Zeit nehmen, denn es dauert eine Weile, bis unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Es gehört dazu, dass wir unser Ich zurücknehmen, innerlich schauen, einfach nur da sind und abwarten, was geschieht. Die Auferstehung ist ein Ereignis, das nicht in die Geschichte und nicht in die Logik passt, aber es ist erfahrbar. Das Evangelium will etwas in uns wecken, und das ist der Glaube an den Sieg des Lebens.

Shalom Ben-Chorin wusste, dass es ein bisschen „meschugge“, d.h. ein „ein bisschen verrückt“ ist, in einem zarten Mandel-Blütenzweig einen Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit zu erkennen. So hat er es später ausgedrückt. Aber zu dieser Verrücktheit sind wir eingeladen. Wir sind eingeladen, an den Sieg des Lebens zu glauben. Ostern ist das Fest, an dem wir uns darauf besinnen, dass aus Ohnmacht Leben wurde. Jesu Weg war nicht der Weg des Scheiterns, sondern in Wahrheit Ausdruck von Gottes Kraft und Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchgesetzt hat. Es gibt das ewige Friedensreich Gottes.

Die Hoffnung darauf verbindet Juden und Christen. Aber als Christen glauben wir noch mehr. Denn wir glauben, dass das Reich Gottes schon begonnen hat. Es ist bereits unsichtbar gegenwärtig und seine Spuren durchziehen diese Welt. Denn wir haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von unserer Hoffnung sprechen. Und das heißt: Durch sein Sterben und Auferstehen ist der Tod nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird in Ewigkeit gerettet. Das ist die Botschaft, die von Ostern ausgeht, und der erste Mandelzweig ist dafür ein wunderbares Zeichen. So können auch wir singen: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!“

Schalom Ben-Chorin dichtete dieses Lied in einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden, um sie an eine unzerstörbare Hoffnung gegen allen Augenschein zu erinnern. Es entstand während der Nazi-Zeit, deren Unrecht er am eigenen Leib erlebt hatte. Ursprünglich lebte er in München, und er wurde dreimal verhaftet. 1935 gelang ihm dann aber zum Glück die Flucht nach Palästina und er ließ sich in Jerusalem nieder. Und obwohl er das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen hatte, gab er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Er dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt. „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“ So lautet die dritte Strophe, und die ist immer noch aktuell, auch und besonders in dieser Zeit, in der wir gerade stehen.

Überall auf der Welt ist die Menschheit von dem Coronavirus bedroht, gegen das wir noch kein Mittel und keinen Impfstoff haben. Wir können uns nur schützen, indem wir zueinander Abstand halten, und dadurch erleben wir gerade etwas, das wir vorher so noch nicht kannten. Das soziale Leben wurde weitgehend eingestellt, damit wir uns nicht zu schnell gegenseitig anstecken. Trotzdem sterben Menschen, die wir lieben. Jede Hoffnung scheint umsonst. Wir erfahren was es heißt, dass „eine Welt vergeht.“

Schalom Ben-Chorin hat das ebenfalls erlebt, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. Es werden jetzt ja oft Vergleiche mit dem zweiten Weltkrieg herangezogen, aber davor sollten wir uns hüten. Was wir erleben, ist nicht annähernd so grausam, wie das, was damals geschah. Wir kennen es bloß nicht, dass wir unsre Freiheiten einschränken müssen, dass es plötzlich Verbote gibt von etwas, was wir für selbstverständlich halten, und dass mehr Menschen sterben als sonst. Es macht uns natürlich Angst. Aber wir wissen, dass Menschen in der Geschichte und in der Gegenwart noch viel größeres Leid erfahren haben. Und an denen können wir uns ein Beispiel nehmen, so wie an Ben-Chorin, der das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten hat. Es ist ein Hoffnungs-Bild. Er dichtete deshalb: „Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Der Mandelbaum, der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter, für den Verzweifelten das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben, und für den Sterbenden die Verheißung des ewigen Lebens. Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn „eine Welt untergeht“, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig ist das Zeichen, dass das Leben siegt. Vertraue Gott! Wenn du das tust, können sich Resignation und Verzweiflung auflösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen. Gott schenkt uns solche Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken!

Auch die Auferstehung Jesu Christi lässt sich gut mit diesem Bild beschreiben. Und doch ist sie noch viel mehr als das. Denn wenn Christus auferstanden ist, dann ist er jetzt gegenwärtig, dann ist er wirksam und lebendig, dann kann er uns ergreifen und mit seinem Geist erfüllen. Der Osterglaube gibt uns nicht nur ein Symbol, sondern er verweist uns auf eine Realität, die größer und wirklicher ist als die Welt, in der wir leben. Wer sich diesem Glauben anschließt, hat nicht nur gute Gefühle und Gedanken, er bekommt vielmehr eine ganz tiefe Ruhe und wird wirklich getragen. Es entsteht eine Zuversicht, die weit über das Sterben hinausweist, und eine Hoffnung, die den Tod überwindet. Das Leben hat gesiegt, lasst uns darauf vertrauen und Gott dafür loben.

Amen.

Dieser Predigt liegt eine Predigt von Pfarrer Volker Sailer aus Stuttgart zu Grunde, die ich im Internet gefunden habe. Ich habe sie teilweise zitiert, das aber nicht an allen Stellen gekennzeichnet. Den ursprünglichen Text findet ihr hier:

https://www.jomjournal.de/fotos-privat-u-a/predigt-und-lied-mandelzweig/

 

2 Gedanken zu “Des Lebens Blütensieg

  1. Christ ist erstanden!
    Liebe Gesa, vielen Dank dafür, dass Du uns an den Kar- und Ostertagen mit Deinen Gedanken begleitet und bereichert hast. Es sind besondere Ostertage dieses Jahr, Ihr Pastores habt Euch viel Mühe gegeben, dass es in unseren Herzen Ostern werden kann. Merci !
    Er ist wirklich erstanden. Halleluja!

  2. Diesem schönen Dankeschön schliesse ich mich voll an. Die Predigt vermittelt innere
    Ruhe und Zuversicht! Liebe Grüße auch von Karola an Dich, liebe Gesa,und Gerd
    Jürgen

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