Sei nicht übergerecht

Predigt über Prediger 7, 15- 18: Von der wahren Weisheit

2. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae
17.2.2019, 9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Es ist Karnevalszeit, und in anderen Teilen von Deutschland merkt man das auch. Im Rheinland könnt ihr auf der Straße jetzt bestimmt den einen oder anderen Menschen mit roter Nase oder bunter Perücke treffen. Da feiern die Leute das ja sehr intensiv. Ich hab dort in einem Restaurant auch einmal ein Plakat gesehen, da stand drauf: „Wir heitern den Rest der Nation auf.“ So verstehen sich die Menschen dort. Sie halten sich offensichtlich für besonders lustig und spaßig.

Dabei haben inzwischen mehrere Umfragen ergeben, dass die glücklichsten Deutschen hier in Schleswig-Holstein leben, obwohl man uns Mundfaulheit und Nüchternheit nachsagt. Aber die Menschen hier sind wohl besonders ausgeglichen und zufrieden.

Humor führt also nicht automatisch zum Glück, und hinter Spaß verbirgt sich nicht unbedingt echte Lebensfreude. Die Dinge liegen oft ganz anders als wir denken. So ist es auch mit Gut und Böse. Wir meinen, dem Bösen müsste es schlecht gehen und dem Guten gut. Aber das ist nicht unbedingt so. Es gibt in vielen Fällen kein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip, auch wenn wir das gerne hätten. Das Leben ist komplizierter.

Das hat auch schon der Prediger Salomo erkannt. Aus seinem Buch stammt heute unser Predigttext. Er steht dort im siebten Kapitel und lautet:

Prediger 7, 15- 18

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.
16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.
17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.
18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Das ist ein kurzer Bericht über eine allgemeine Wahrnehmung im menschlichen Leben und eine anschließende Mahnung. Der Prediger hat erfahren, dass eine weit verbreitete Gewissheit so nicht stimmt. Sie lautet: „Der Gerechte besteht, und der Gottlose vergeht.“ Gerade in der Bibel finden wir unzählige Aussagen, die das behaupten, und bis heute verlassen sich viele Menschen auch sehr gerne darauf. Doch so einfach ist es eben nicht. Der Prediger stellt diesen Satz in Frage, weil er ganz andere Vorgänge beobachtet hat, und er zieht daraus seine Schlüsse.

Aber wer ist das eigentlich, der das hier sagt, und warum sagt er es? In was für einer Gedankenwelt lebte dieser Prediger, was erfüllte und bewegte ihn?

Das sollten wir uns fragen, wenn wir uns mit diesem Text beschäftigen, denn das ganze Buch des Predigers Salomo, aus dem der Abschnitt stammt, ist im Alten Testament einzigartig. Ob der Verfasser wirklich der König Salomo war, wissen wir nicht, aber das spielt auch keine Rolle. An seinem Hof hat es auf jeden Fall Weisheitsschulen gegeben, in denen junge Menschen lernten, wie sie mit dem Leben umgehen sollten. Dadurch entstand die sogenannte Weisheitsliteratur, zu der auch die Sprüche Salomos in der Bibel gehören. Sie durchmustern die menschlichen Beziehungen und Werte und handeln davon, wie man zu Reichtum, Kraft, Gesundheit und Ruhm gelangt. Es sind Regelungen für das Vorankommen und Zurückfallen, Mahnungen zu Fleiß, Geduld, Ehrlichkeit usw.

Diese Weisheitsliteratur ist auch für das Buch des Predigers Salomo der Mutterboden. Der Verfasser war wahrscheinlich ein Weisheitslehrer mit großem Ansehen, vielleicht hat er sogar eine eigene Schule gebildet. Denn es fällt auf, dass er die Welt- und Lebensweisheit einer gewissen Durchschnittshaltung ablehnt. Die war ihm zu optimistisch und zu oberflächlich. Er setzt sich damit kritisch auseinander und sagt: So wie ihr euch die Welt erklärt, so ist sie oft nicht! Er stellt viele Fragen, die sehr in die Tiefe gehen, und kann sie häufig selber nicht beantworten. Für ihn gibt es keine Sicherheit in der allgemeinen Erkenntnis, denn er entdeckt die bedrohliche Wirklichkeit, dass alles vergänglich und unsicher ist. Der Prediger stellt deshalb den Wert von Freude, Arbeit, Besitz und Macht in Frage, und bezweifelt ebenso den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Nur eins steht für ihn fest, und das ist Gott als die gültige Wirklichkeit und als der Herrn, der alles in Händen hält. Gott bleibt der Herr aller Zeit und allen Zufalls, er hat sogar alles gut gemacht.

Das ist die Weisheit des Predigers, und die kommt nun auch sehr schön in unserem Textabschnitt zum Ausdruck. Hier geht es wie gesagt um den Lehrsatz der „gerechten Vergeltung“, nach dem aus der bösen Tat auch ein böses Schicksal folgt. So gerade laufen die Dinge nicht, es kann sich alles verkrümmen und ganz anders zugehen, sagt der Prediger. Die Zusammenhänge und Ordnungen sind viel weniger fest, als wir meinen. Deshalb warnt er vor „Übergerechtigkeit“, d.h. vor einer Haltung, mit der man meint, das eigene Wohlergehen in der Hand zu haben. Wer auf seine Weisheit baut, kann erleben, dass er trotzdem zugrunde geht. Deshalb fordert der Prediger erschreckender Weise, dass man sowohl an der Weisheit als auch an der Torheit festhalten soll. „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ sagt er. Das klingt schlau und berechnend, als wollte er alle Möglichkeiten offen lassen. Doch so ist es nicht gemeint. An dem abschließenden Satz wird deutlich, welchen Weg er vorschlägt: Es ist die „Furcht Gottes“, an der es festzuhalten gilt, „denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Und damit meint der Prediger einerseits die Absage an alles Heldentum, andererseits aber das Vertrauen auf Gott und seine Kraft. Man sollte zwar nicht versuchen, sich mit Gott zu behaupten, es ist aber sehr wohl sinnvoll, ihn zu erkennen und zu ehren. Auch an anderen Stellen in seinem Buch ermahnt der Prediger zur Gottesfurcht und erinnert daran, dass Gott uns beschenkt. Das dürfen wir entgegennehmen. Es ist gut, wenn der Mensch mit dem ihm zugemessenen Teil lebt, wann, wo und solange ihm dieser gehört, und dabei seines Schöpfers gedenkt.

Die Wahrheit über das Leben und das Glück liegt also viel tiefer, als wir oft meinen. Nicht unsere Frömmigkeit zählt, sondern das Wirken Gottes. Er ist hinter allem. Viele Fragen im Leben bleiben offen, aber Gott ist trotzdem da und beantwortet sie mit seiner Nähe und Liebe. Als Christen glauben wir, dass diese Liebe und Gegenwart Gottes in Jesus Christus besiegelt wurde. Auf ihn dürfen wir uns immer verlassen, im Leben und im Sterben.

Das ist hier die Botschaft, und es tut uns gut, wenn wir sie ernst nehmen. Wir sollten uns die Kritik des Predigers ruhig einmal zu Herzen nehmen, denn nicht selten verfallen auch wir einer Haltung, die viel zu oberflächlich ist. Vor allem denken wir genauso wie etliche andere Menschen, dass wir unser Leben selber lenken können. Auch halten wir es für schlüssig, dass der Glaube uns dabei hilft, im Leben voran zu kommen. Schließich steht Gott uns bei, wenn wir auf ihn vertrauen, er gibt uns Kraft und Erfolg und Glück, das ist die landläufige Meinung.

Doch so einfach ist es eben tatsächlich nicht, das erfahren wir immer wieder. Den gläubigen Menschen geht es in vielen Fällen keineswegs besser, als den Ungläubigen. Gott bewahrt uns nicht automatisch vor Unheil und Leid. Und das macht uns dann durchaus zu schaffen. Worin liegt eigentlich der Sinn, sich an Gott zu halten? Das fragen wir uns manchmal.

Und da hilft uns der Prediger, denn er lädt uns zu einer ganz anderen Denkweise ein. Er verweist uns auf tiefere Schichten der Wirklichkeit und des Bewusstseins und sagt: Gott ist nicht fern, wenn es dir schlecht geht. Stell nicht den Glauben an ihn in Frage, sondern überprüf deine Einstellung. Du bist zu willensgesteuert und zielgerichtet und verwechselst die Frömmigkeit mit einer Leistung.

Und das sollten wir uns sagen lassen. Es ist gut, wenn wir in uns hineinschauen und dabei ehrlich sind. Es kann durchaus sein, dass auch wir „übergerecht“ sind. Ohne dass wir es merken, schleicht sich dabei ein gewisser Stolz ein. Wir halten uns dann für besser als andere und rühmen uns innerlich damit, dass wir so gläubig sind. Wir werden selbstherrlich. Umso tiefer fallen wir, wenn etwas im Leben anders läuft, als wir es erwartet haben. Dann verdunkelt sich alles, wir verstehen die Welt nicht mehr, hadern mit Gott und der Glaube schwächt sich ab.

Und davor warnt uns der Prediger, dazu muss es nicht kommen. Wir müssen den Glauben nur von vorne herein ganz anders verstehen. Wenn wir uns an Gott halten, dann sollten wir es um seinetwillen tun und nicht um unseretwillen. Es geht um ein echtes tiefes Vertrauen, um Hingabe und Liebe. Wenn wir uns an Gott halten, dann müssen wir das ergebnisoffen tun. Vor Augen sollten uns nicht irgendwelche Ziele stehen, sondern Gott selber und seine Wirklichkeit. Er ist da, und wir dürfen auch einfach nur da sein. Wir müssen nichts erreichen.

Für die Lebensführung heißt das, dass wir das rechte Maß für alles finden müssen und in ein inneres und äußeres Gleichgewicht kommen. Es gehört beides zum Leben, das Leichte und das Schwere, das Schöne und das Hässliche, der Spaß und der Ernst. Das sagt uns der Prediger gleich am Anfang seines Buches. Die Worte sind berühmt geworden, mit denen er beschreibt, dass „alles seine Zeit hat“: „geboren werden und sterben, schweigen und reden, suchen und verlieren, lieben und hassen.“ (Prediger 3, 1-8) Das sollen wir erkennen, und das heißt, auch das Negative darf sein. Wir haben das Recht, uns „an das eine zu halten und auch jenes nicht aus der Hand zu lassen“. Das Unglück und sogar die Torheit sind erlaubt. Wir müssen nicht ständig erfolgreich und glücklich sein und dafür krampfhaft den Ernst und die Trauer aus dem Leben verbannen. Letzen Endes gewinnen wir dadurch nichts. Im Gegenteil, das Gute kommt erst, wenn wir das Schlechte annehmen und auch dazu ja sagen. Es verliert dann seine Macht. Die wahre Freude liegt auf einer ganz anderen Ebene, als in den wechselvollen Alltäglichkeiten. Sie liegt viel tiefer oder auch höher, als alles andere.

Wenn wir diese Botschaft ernst nehmen, stellt sich eine positive Grundhaltung dem Leben gegenüber ein. Wir können es annehmen, wie es ist, wir werden von dem Druck befreit, um jeden Preis immer gut drauf sein zu wollen. Und das tut gut.

Möglicher Weise geht es in Schleswig-Holstein besonders gut, diesen ausgewogenen Weg zu gehen. Er hat ja auch etwas mit Nüchternheit zu tun. Vielleicht ist es gerade förderlich, dass hier nicht so viel los ist. Die Oberflächlichkeit hat weniger Möglichkeiten, sich auszubreiten. Und natürlich hat auch die Natur ihren Einfluss auf das Gemüt. „Zwischen den Meeren“ wird der Geist weiter und die Seele atmet auf.

Trotzdem ist es natürlich auch hier nicht ganz leicht, die wahre Freude wirklich zu finden. Der Prediger fordert uns heraus und formuliert durchaus einen hohen Anspruch. Ob ihm diese Haltung gelungen ist, wissen wir nicht, aber es ist gut, dass er sie formuliert hat. Und als Christen haben wir auf jeden Fall eine wunderbare Hilfe, denn Jesus Christus ist genau diesen Weg gegangen und er nimmt uns an die Hand. Durch ihn finden wir das „Ja“ zu allem, was uns widerfährt, er schafft den Ausgleich und befreit uns von unseren Zwängen.

Amen.

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