Christus tilgt unsere Schuld

Predigt über Kolosser 2, 12- 15: Christus erneuert das Leben

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 8.4.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15:

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemiende.

In Kiel – wie auch in anderen deutschen Städten – gibt es ein sogenanntes Schuldner-und Insolvenzberatungszentrum, kurz SIZ. Das hilft Menschen, die in eine wirtschaftliche und psychosoziale Notlage geraten sind, zu einem Neuanfang. Dort wird gemeinsam mit den Klienten nach einer geeigneten Entschuldungsmaßnahme gesucht. Außerdem werden die Hilfesuchenden bei der Bewältigung der Schritte unterstützt, die sich aus der Beratung ergeben haben. Im Vordergrund steht natürlich die Existenzsicherung, d.h. der Erhalt der Wohnung, der Heizung- und der Stromlieferung. Oft muss zwar eine Privatinsolvenz eingeleitet werden, aber bei diesem Verfahren begleitet das SIZ die Betroffenen dann weiterhin, damit keine erneute Überschuldung eintritt.

Was Schulden sind, weiß fast jeder Bürger und jede Bürgerin. Normalerweise nehmen wir sie allerdings nur auf, wenn wir wissen, dass wir sie im Laufe der Zeit abbezahlen können. Festgehalten wird das, was wir den Gläubigern schulden, in einem sogenannten „Schuldbrief“. Er beinhaltet die „Begründung und Sicherung einer persönlichen Forderung“.

So etwas gibt es seit Menschen Gedenken, offensichtlich auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war“. Paulus denkt dabei an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung, eine Beratung und viel Selbstdisziplin möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Der Gläubiger, in diesem Fall Gott, verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit der Befreiung von wirtschaftlichen Schulden vergleichen. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Was sie sind, sind sie also nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser altes Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen sie nicht mit uns herumschleppen oder verdrängen. Sie muss uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, wir müssen nichts bezahlen, obwohl wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Doch was heißt das nun für unsere Lebensführung? Lasst uns darüber noch einmal nachdenken, denn oft fühlen wir uns als Christen keineswegs so frei. Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sie ganz viel leisten müssen. Gott fordert von uns, dass wir ihn und unsere Nächsten lieben, dass wir sein Wort beachten und gute Christen sind. Das wird von namhaften Vertretern der Kirche oft betont und dann auch in den Medien wiederholt. Sie zählen die Missstände auf, die es in der Gesellschaft und in der Welt gibt, und erinnern uns an unsere Pflicht, dagegen etwas zu tun.

Natürlich haben sie recht, denn als Christen leben wir aus der Liebe, wir haben eine Hoffnung und glauben daran, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und es ist auch gut und notwendig, dass wir darüber reden und das zeigen. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unser Glaube nicht zu einem Programm wird, das wir abarbeiten müssen. Die Kirche ist keine politische Partei, und das Evangelium ist kein „Schuldbrief“, in dem die Forderungen Gottes stehen. Im Gegenteil, damit ist es ja gerade vorbei. Deshalb müssen wir aufpassen, dass unser Christsein unter der Hand nicht zu einem bloßen Tun wird, und wir eine neue Form der Werkgerechtigkeit praktizieren.

Diese Gefahr besteht, und sie hat ihren Grund darin, dass wir alle gerne handeln, das ist schön einfach und liegt uns. Wenn uns gesagt wird, was wir machen sollen, freuen wir uns. Es gibt klare Anweisungen, klare Ziele und wenn uns gelingt, was wir tun sollen oder wollen, haben wir ein Erfolgserlebnis. Es stärkt unser Selbstbewusstsein und macht uns zufrieden. Das Handeln und Anpacken entspricht also unserer Natur. Und das ist einerseits auch gut so. Jede Gesellschaft oder Gemeinschaft braucht Menschen, die sich engagieren. Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen, damit das soziale Gefüge erhalten bleibt. Überhaupt geht im Leben natürlich nichts, ohne dass wir uns einsetzen. Wer faul ist, landet irgendwann im Abseits.

Doch es gibt andererseits auch Probleme dabei, und das sind zum einen die Grenzen, an die wir mit unserem eigenen Tun immer wieder geraten. Es ist z.B. anstrengend. Wir bringen uns zwar gerne ein, aber irgendwann kann es auch zu viel werden, sowohl was ein ehrenamtliches Engagement betrifft, als auch der Einsatz für die Familie oder im Beruf. Wir haben dann das Gefühl, dass alle etwas von uns wollen, aber wir sind in Wirklichkeit längst erschöpft. Dann quälen uns die Forderungen, und der Zusammenbruch droht. Das ist eine Schattenseite unseres Aktivismus.

Einen weiteren Dämpfer bekommt unser guter Wille dadurch, dass die Probleme, um die wir uns am liebsten kümmern würden, oft so groß und unübersehbar sind, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Es scheint von vorne herein aussichtslos zu sein, dass wir uns z.B. um ein Ende der Kriege bemühen, allen Flüchtlingen ein neues zu Hause bieten, sämtliche Obdachlose beherbergen und vieles mehr. Wir sind ratlos und verzagen angesichts der Größe des Leids, das wir gerne bekämpfen und beenden wollen.

Und eine dritte Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns beim Handeln in Schuld verstricken können, Fehler begehen und damit Unheil anrichten. Manchmal merken wir es wahrscheinlich gar nicht gleich, dass Menschen unter unserem Verhalten leiden. Es wird uns erst später bewusst, und dann schämen wir uns und haben ein ungutes Gefühl. Wenn es absichtlich geschieht, entsteht ein schlechtes Gewissen. Das können wir zwar verdrängen, aber das hilft nicht wirklich. Die Schuld bleibt da und wir können sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf unserem „Schuldbrief“.

Und all das dürfen wir nicht verharmlosen. Hinter der Überforderung, dem Verzagen oder der Schuld verbergen sich dunkle Kräfte und Mächte, die nach uns greifen und das Leben schwer machen. Sie bedrohen uns und können uns sogar zerstören.

Und genau da setzt das Evangelium an. Es fordert nicht in erster Linie ein soziales Verhalten, sondern zunächst will es uns befreien und stärken. Nicht wir müssen etwas für Christus tun, sondern er hat etwas für uns getan: Die Macht des Bösen hat er besiegt, indem er alle unsere Schulden getilgt hat. Es gibt keinen „Schuldbrief“ mehr, auf dem steht, was wir zu tun oder was wir falsch gemacht haben. Deshalb kann auch niemand etwas von uns fordern oder uns in die Enge treiben. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir das als erstes glauben und uns darüber freuen. Wir sollen kein Programm abarbeiten, sondern etwas empfangen und etwas sein. Und zwar sollen wir Kinder Gottes sein, befreite Menschen, die keine Schulden mit sich herumtragen müssen und vor dem Untergang bewahrt werden.

Und das beginnt mit der Taufe und setzt sich im Glauben fort, oder auch umgekehrt. Ob wir als kleine Kinder, die noch nicht glauben, oder als Erwachsene getauft werden, die sich dafür entschieden haben, ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Denn der Glaube und die Taufe gehören immer zusammen, ganz gleich, was zuerst da war.

Durch diese beiden Ereignisse gibt es etwas in unserem Leben, das uns auf verborgene Weise vor der Erschöpfung, dem Untergang und einer Verurteilung bewahren kann. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen sind. Was uns überfordert und ängstigt ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen uns nur auf ihn gründen und bei ihm unser Heil suchen. Dafür ist es gut, wenn wir uns einfach nur vor Augen halten, was er für uns getan hat, und darauf vertrauen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christen. Es gibt einen, der uns in unserer Schwachheit beisteht, der uns annimmt, wie wir sind und uns all unserer Fehler vergibt. Durch seine Kraft sind wir immer wieder frei, wir können auftauchen, durchatmen und neu anfangen. Erst wenn das geschehen ist und wir aus der Vergebung heraus leben, ist unser Tun gesegnet und wir können anderen helfen. Es kann nur von innen heraus und mit der Kraft Christi gelingen.

Dieses Bewusstsein muss uns bestimmen, und zwar am besten jeden Morgen neu. Immer dann, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, können wir auf Christus blicken und ihm vertrauen. Es ist eine gute Zeit, um sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen, loszulassen und Buße zu tun, wenn es nötig ist. Dann empfangen wir für jeden Tag, die Kraft, die wir brauchen.

Das meint Luther mit dem „Ersäufen des alten Adam“. Und Luther hat sich dafür auch immer wieder an seine Taufe erinnert. Wenn er Anfechtungen erlitt, hat er laut zu sich selber gesagt: „Baptistus sum, ich bin getauft“, und schon war das Böse gebannt, er wurde ruhig.

Der bekannte evangelische Theologe und Schriftsteller Jörg Zink hat das ebenfalls einmal sehr schön formuliert. Er sagt:

„Ich bin getauft. Damit sage ich: Ich habe einen Vater Im Himmel. Ich darf jederzeit zu Ihm kommen. Das gilt, auch wenn Ich versagt habe. Das gilt, auch wenn Ich durch lange Zeit nichts von Ihm habe wissen wollen.
Ich habe Geschwister auf dieser Erde. Das sind alle getauften Menschen, die in der Gemeinde zusammenkommen, auch wenn sie genauso oder schlimmer als ich versagen. Ich gehöre zur Familie der Kinder Gottes.
Das Böse hat keine endgültige Macht über mich, denn Jesus Christus hat es für mich überwunden. Keine Schuld hat mehr so viel Macht, dass sie mir die Heimkehr zu Gott versperren könnte.
Der Tod wird mich nicht festhalten. Christus ist aus dem Tod auferstanden, und so wird er auch mich durch den Tod hindurch geleiten und zu einem neuen Leben führen.“

Amen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s