Auf dem Weg zur Ewigkeit

Predigt über Josua 1, 1- 9:  Vorbereitung für den Einzug in das verheißene Land

Neujahr, 1.1.2018, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Josua 1, 1- 9

1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:
2 Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe.
3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.
4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.
5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.
7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.
8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten.
9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Liebe Gemeinde.
Am Jahresanfang schauen wir gern nach vorn, denn ein neues Jahr liegt nun vor uns. Wir richten unser Bewusstsein auf das, was kommen wird. Wir wissen zwar nicht, was es sein mag, aber wir haben eine Vorstellung davon. In der Phantasie malen wir es uns aus, denn wir haben Pläne und Wünsche. Auch unsere Erfahrungen spielen eine Rolle. Sie prägen das Bild von der Zukunft, das wir uns machen.
Es ist so ähnlich wie am Anfang einer Wanderung. Auf der Karte oder in einem Buch wird uns gesagt, wo der Weg lang geht und wie er beschaffen ist. Wir können das also ungefähr abschätzen.
Trotzdem bleibt natürlich eine Unsicherheit da, denn was wirklich kommen wird, wissen wir nicht. Es gibt viele Gefahren und Unwägbarkeiten. Ereignisse, die wir nicht vorhersehen, können eintreten: Wir werden vielleicht krank; die Menschen, mit denen wir zusammen leben oder arbeiten, verhalten sich anders, als wir es uns vorstellen usw. Deshalb mischt sich in den Jahresanfang auch immer eine gewisse Sorge, vielleicht sogar Angst.
So ist es gut, dass wir aus der Bibel heute den Zuspruch Gottes hören:
„Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“
Das sagte Gott zu Josua, den er zum Nachfolger von Mose auserwählt hatte. Die Worte stehen in dem Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir vorhin gehört haben, und das ist Josuas Beauftragung und Zurüstung. Er hatte die große Aufgabe, das Volk Israel in das gelobte Land zu führen und dieses einzunehmen. Er kannte es nicht, es war Neuland für ihn. Sein Fuß hatte es noch nicht betreten, und natürlich gab es dort Feinde und Hindernisse. Wie sollte er damit fertig werden? Die Verantwortung war groß, und wahrscheinlich hatte er Angst davor. Gott traute ihm zwar etwas zu, aber wie sollte er das schaffen? Das fragte er sich, und Gott wusste das. Er sprach ihm deshalb Mut zu und versicherte ihm seinen Beistand. „Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein.“ Das waren weitere Versprechen. D.h. Gott wird ihn nie verlassen, immer bei ihm sein, nicht von seiner Seite weichen und ihm bei allem helfen, was er tun muss.
Gott erinnerte Josua außerdem daran, dass es schon lange sein Plan und Vorhaben war, den Israeliten dieses Land zu geben. Deshalb sollte er sich nur an Gott halten, an seine Gebote und Gesetze, und ihm treu bleiben. „Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten.“ Das ist die Verheißung.
Und die können wir auch auf uns beziehen. Ein neues Jahr ist wie gesagt so etwas Ähnliches wie Neuland, ein Zeitraum, den Gott uns gibt, und den wir zu betreten haben. Wir kennen ihn noch nicht, und so ist es gut, dass Gott uns verspricht, bei uns zu sein.
Die Frage ist allerdings, ob wir das auch glauben. Spricht unsere Erfahrung nicht dagegen? Wir sind doch gar nicht immer geschützt. Wir haben oft das Gefühl, dass Gott uns allein lässt und gar nichts tut. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, wie dieser Zuspruch gemeint ist, und wie er seine Kraft entfalten kann. Wie können wir das, was die Bibel uns hier sagt, selber erleben?
Auf diese Frage suchen wir eine Antwort, und die gibt es auch. In drei Schritten können wir uns klar machen, wie wir den Zuspruch Gottes in unserem Leben erfahren können.
Zunächst einmal müssen wir begreifen, dass Gottes Schutz nicht darin besteht, dass uns gar nichts Schweres oder Schlimmes mehr widerfährt. Denn nicht nur das neue Jahr ist wie eine Wanderung, unser ganzes Leben ist ein Weg, auf dem wir ständig weitergehen. Und weitergehen bedeutet zwangsläufig, dass wir immer wieder Abschied nehmen müssen und leiden. Wir können nirgends bleiben, müssen Entscheidungen treffen und vieles loslassen: Menschen, die wir lieb haben, werden älter oder sterben. An den Orten, in denen wir wohnen, regt sich Widerstand, und wir müssen sie verlassen. Aufgaben, die uns erfüllt haben, sind erledigt, Krankheiten oder Alterserscheinungen machen uns selber das Leben schwer. Es ist oft nicht leicht, das alles anzunehmen. Es schmerzt und macht uns traurig. Manchmal fühlt es sich sogar wie ein Sterben an. Aber so ist das Leben, es ist ein Weg, und der ist oft rau. Wie bei einer Wanderung kann es ungemütlich werden, Wind und Wetter machen uns zu schaffen, der Boden ist manchmal steinig. Da kann und wird auch Gott nichts dran ändern, sondern das mutet er uns zu. In dieses Leben hat er uns hineingestellt, in diese Zeit, und damit in die Vergänglichkeit und den ständigen Wandel.
In der Frömmigkeit des 18. und 19. Jahrhunderts spielte dieses Thema eine große Rolle. In vielen Liedern, Briefen und Predigten aus dieser Zeit ist davon die Rede, dass das irdische Leben von vorne herein wie ein Pilgern ist, dass wir Wanderer zur Ewigkeit sind und in der Welt nur Gäste und Fremdlinge. Und das ist gar keine schlechte Vorstellung, denn dadurch relativiert sich alles, was wir in der Zeitspanne, die uns gegeben wird, erleben, sowohl das Schöne als auch das Leidvolle. Wir bewerten es anders. Die Dinge, die uns zu schaffen machen, wiegen nicht mehr so schwer, wir können eher loslassen.
Gerhard Tersteegen, ein Dichter und Mystiker aus dem 18. Jahrhundert hat das in seinen Liedern oft zum Ausdruck gebracht. Eins davon ist ein regelrechtes Pilgerlied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 393). Wir haben vorhin ein paar Strophen daraus gesungen. Es beginnt mit der Aufforderung: „Kommt, Kinder, lasst uns gehen.“ Und in Strophe vier sagt er, dass es sogar besser ist, das Gepäck von vorne herein leichter zu machen. Es heißt dort: „Viel sammeln halten handeln macht unsern Gang nur schwer. Wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden.“ Das gilt es zu beherzigen. Es ist der erste Schritt, der dazu führt, dass wir geschützt sind. Denn durch dieses Bewusstsein halten wir von vorne herein weniger fest und bleiben nicht stehen. Wir können Verluste und Veränderungen viel besser annehmen. Wir erwarten gar nicht mehr, dass es gemütlich ist.
Der zweite Schritt ist dann das Hören auf Gottes Wort, bzw. der Aufblick auf Jesus. Das kommt auch in unserem Text vor, denn dazu wird Josua ausdrücklich aufgefordert. Gott sagt zu ihm: „Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht.“ Josua wird also zum Studium des Wortes Gottes aufgefordert und zum Gehorsam gegenüber Gott. Wenn er die Weisungen, die darin enthalten sind, beachtet, wird er Erfolg haben. Dann wird er Mut und Vertrauen gewinnen.
Und das gilt auch für uns. Es gibt in allem Wandel einen, der bleibt, wie er ist, und das ist Gott. Er ist nicht der Zeit unterworfen, sein Wort trägt den Charakter der Ewigkeit, und es ist in Jesus Christus Mensch geworden. Das glauben wir, und damit haben wir es sogar noch besser als Josua: Jesus Christus ist bei uns, er geht mit uns und führt uns durch alles Raue hindurch. Wir müssen nur auf ihn schauen und ihm vertrauen.
Das kommt in den Liedern, die ich erwähnte, ebenfalls zum Ausdruck. Da wird Jesus als der besungen, der uns den Weg zeigt, uns einen festen Grund gibt und uns mit allem versorgt, was wir brauchen. Und dieser Glaube wird gern mit Bildern aus der Pilgerschaft ausgemalt.
So dichtete Cornelius Krummacher 1857: „Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh, Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh, Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh, Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.“ (EG 407,1) Der Dichter besingt damit die Gegenwart Jesu, seine Fürsorge und Hilfe, die durch nichts aufgehoben wird. Von ihm kommen deshalb immer wieder die Kraft und der Mut, die wir für unseren Weg brauchen.
Durch die Nähe Jesu bewahrheitet sich also die Zusage Gottes, uns „nicht zu verlassen“. Er verschont uns zwar nicht vor allem Leid, aber er ist da, und das ist ein großer Trost. Er trägt unsere Lasten mit und sorgt dafür, dass wir in allem Schweren unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsre Liebe behalten. Und auf die kommt es an. Wir brauchen auf unserer Pilgerfahrt durch das Leben vor allem diese inneren Güter.
Dann erreichen wir auch das Ziel, und das ist der dritte und letzte Schritt. In den Liedern, die wir heute singen, wird es wunderbar beschrieben. Von Gerhard Tersteegen ist z.B. auch die schöne Strophe:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“ (EG 481,5) Wir wandern nicht nur durch die Zeit, nein, wir kommen auch an ein Ziel, das weit über dieses Zeit hinausweist.
Keiner und keine weiß, wie es dort ist, aber wir können hier schon einen Vorgeschmack bekommen, und zwar wenn wir uns ganz auf den Augenblick konzentrieren, auf das Hier und Jetzt. Und das ist im Glauben möglich. Denn das Aufblicken auf Jesus und das Hören auf das Wort Gottes sollen wir uns nicht vornehmen. Wir sollen das nicht morgen oder nächste Woche tun, sondern jetzt, in diesem Moment, und dann mit jedem Atemzug aufs Neue. So ist das gemeint. Der Glaube umfängt immer die Gegenwart und lässt uns darin genug haben.
Und wenn das geschieht, dann sind wir plötzlich ganz frei und unbeschwert. Wir vergessen, was hinter uns liegt und haben keine Angst mehr vor der Zukunft. Und so stell ich mir die Ewigkeit vor: Da gibt es kein Gestern und kein Morgen, sondern die Zeit ist aufgehoben, und wir sind nur noch da.
Wenn wir die Zusage Gottes an Josua und an uns so hören und umsetzen, dann werden wir wirklich „getrost und unverzagt. Wir lassen uns nicht grauen und entsetzen uns nicht.“ Alle Beklemmungen weichen; jede Unruhe und Sorge wird von uns genommen; unsere Gehemmtheit wird geheilt; die Angst verschwindet; Verspannungen und Verkrampfungen lösen sich. Dann kann das neue Jahr ruhig kommen, wir gehen voller Vertrauen da hinein.
Es ist deshalb gut, wenn wir gerade am Anfang eines neuen Jahres mit Otto Riethmüller beten:
„Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen, durch dich gestärkt, zum Dienst bereit.“ (aus: „Nun gib uns Pilgern aus der Quelle“, EG, Ausgabe Württemberg, Nr. 579, Str.4)
Amen.

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