Der geistliche Kampf

Predigt über Matthäus 10, 34- 39: Entzweiungen um Jesu willen

21.Sonntag nach Trinitatis, 5.11.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Wussten Sie, dass derzeit die größte Christenverfolgung aller Zeiten herrscht? Nach einer neuen Einschätzung leiden mehr als 200 Millionen Menschen unter einem hohen Maß an Verfolgung, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen. Besonders bedroht sind sie in Ländern und Gebieten, in denen islamistische Extremisten oder Terroristen Macht ausüben. Aber auch in Nordkorea können Christen ihre Religion nur heimlich ausüben, und wenn es bekannt wird, müssen sie mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Diskriminiert werden sie zum Teil ebenso in China. Das ist also kein vergangenes Phänomen aus der alten Kirche, sondern auch eins der Gegenwart.
Bereits seit 1955 gibt es deshalb z.B. die Bewegung „Open Doors“, deren Vision und Berufung der Dienst an den verfolgten Christen weltweit ist. Mit Nachrichten, Gebeten, finanzieller Unterstützung, Veranstaltungen, Schreibaktionen usw. will der Verein bedrängte Christen darin unterstützen und ermutigen, trotz Verfolgung ihr Christsein zu leben und auch in einer feindlich gesinnten Umwelt das Evangelium zu verkünden.
Und damit handeln sie ganz im Sinne Jesu. Er warnte schon zu Lebzeiten seine Jünger davor, dass sie verfolgt werden, und er forderte sie auf, trotzdem bei ihrem Glauben zu bleiben. Davon handelt unser heutiger Predigttext. Er steht im Matthäusevangelium im zehnten Kapitel und lautet folgendermaßen:

Matthäus 10, 34- 39


34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

„Meint nicht“, damit beginnt Jesus hier, d.h. er wendet sich gegen eine vorhandene und naheliegende Auffassung: Die Jünger dürfen keinen allumfassenden Frieden erwarten, wenn sie ihm nachfolgen. Er hatte die Friedensstifter zwar seliggepriesen (Mt. 5,9), aber sie müssen damit rechnen, dass gegen sie das Schwert gezückt wird. Es ist gefährlich, Jünger Jesu zu sein.
Außerdem kann die Familie zerfallen, wenn jemand sich ausdrücklich zu Jesus bekennt. Es gab diese düstere Vision bereits im Alten Testament. Die Familie galt damals als Zelle und Fundament des gesellschaftlichen Lebens und Bestehens. Sie bot Obdach und Schutz für den Einzelnen. Löste sie sich auf, war die Gesellschaft ruiniert und der Einzelne verlor seine Geborgenheit. Der Verfall der Familie bedeutete also höchste endzeitliche Not. Das greift Jesus hier auf, und auch seine Worte haben einen endzeitlichen Charakter. Allerdings schildert er nicht in erster Linie den Zerfall alles Bestehenden, sondern eine erschütternde Erfahrung: Die Stellungnahme zu Jesus kann einen Riss in die Familie bringen.
Er fordert deshalb ausdrücklich dazu auf, im Konfliktfall die Entscheidung für ihn über die Entscheidung für die Hausgenossen zu stellen. Es kann sein, dass sie das Jüngersein unmöglich machen wollen oder schwer behindern. Dann gilt der Gehorsam gegenüber Jesus mehr als der Gehorsam gegenüber den Eltern, Kindern oder Schwiegerkindern. Es geht Jesus also um eine eindeutige Nachfolge.
Das wird im weiteren Verlauf noch deutlicher. Jeder seiner Zuhörer hatte schon Menschen gesehen, die zum Tode verurteilt waren und ihr Kreuz zum Richtplatz trugen. Dieses Bild benutzt er nun, um die Jünger auf eventuelles Leid vorzubereiten. Sie müssen Feindseligkeiten aushalten und dürfen sogar das Martyrium nicht ausschließen.
Am Ende kommt dann der wichtigste Satz, an dem deutlich wird, dass all das nicht ergebnislos bleibt, sondern dem Gewinn des Lebens dient. Jesus bürstet die alltägliche Erfahrung gegen den Strich, indem er sagt: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Natürlich denkt er damit über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus, an die Auferstehung und das Himmelreich. Aber er beschreibt auch ein Prinzip, das sich bereits im jetzigen Leben ereignet: Aus der Preisgabe geht neuer Lebensgewinn hervor, im Loslassen findet der Jünger, was er eigentlich sucht. Er rettet seine Seele und entdeckt ganz neue Wege des Seins.
Wichtig ist bei all dem, dass dieser Textabschnitt ein „Ich-Bin-Wort“ Jesu ist. Er beschreibt seine Sendung und seinen Weg. Wer sich an ihn bindet, muss sich an ihm orientieren. Ein Christ ist nicht der, der Jesus bewundert, sich unter sein Kreuz setzt und von dort über ihn redet. Es ist vielmehr der Mensch, der das Kreuz als sein eigenes Schicksal annimmt. Nur wer mit Jesus geht, wird das Leben gewinnen. Denn in ihm hat Gott eine ganz neue Antwort auf das Leid und den Tod gegeben, eine Antwort, die durch die Krise zum Leben führt.
Und das ist auch für uns eine gute Botschaft. Wir tun uns ja schwer mit diesen Aussagen. Wer will das hören? Und auf wen von uns trifft das zu? Hier in Deutschland werden wir zum Glück nicht wegen unseres Glaubens verfolgt, geschweige denn hingerichtet. Und auch in unseren Familien gibt es kaum Zerwürfnisse wegen Jesus. Es kann sein, dass lange nicht alle Familienangehörigen uns verstehen, vielleicht belächeln sie uns sogar, aber sie lassen uns immerhin unseren Glauben leben. Ein Riss entsteht dadurch nicht.
Außerdem haben wir ein anderes Bild von Jesus. Wir sehen ihn am liebsten als den, der uns liebt und begleitet. Wir glauben an ihn, weil wir uns davon etwas Gutes und Schönes versprechen, mehr Zuversicht und Ruhe, Harmonie und Hoffnung. Auch unsere Erwartung ist irgendwie ein allumfassender Friede.
Und die ist auch nicht abwegig. Bloß so einfach entsteht das alles nicht, das wusste Jesus. Er kannte das Leben und hat es mit all seinen Abgründen, seinem Leid, seiner Vergänglichkeit und Not schonungslos aufgedeckt. Wir dürfen das Evangelium nicht auf die seichten und sanften Töne reduzieren, dann verstehen wir nur die Hälfte und bleiben an der Oberfläche. Um wirklich all das Gute zu gewinnen, das Jesus uns verheißt und wonach wir uns im Glauben sehnen, müssen wir tiefer nachfragen. Und genau dazu lädt Jesus uns ein. Lassen Sie uns deshalb in drei Schritten nachvollziehen, was er hier darlegt.
Zunächst einmal müssen wir klar sehen, dass es das Böse in der Welt gibt. Die Christenverfolgungen sind dafür ein trauriger Beweis. Menschen entfernen sich vom Menschsein und lassen das Böse in sich selber und in ihrer Umgebung siegen. Sie entscheiden sich für die Vernichtung, lassen grausame Kräfte walten, die in den Tod führen. Das Morden ist dafür die Endstufe. Und dass es sie gibt, wissen wir nicht nur aus den Nachrichten, wir erleben es auch dadurch, dass Menschen, die davon betroffen sind, hierher fliehen. Denn bei uns gibt es das so zum Glück nicht, hier sind alle einigermaßen sicher.
Trotzdem ist auch unser Leben nicht frei vom Bösen. Es gibt Vorstufen des ganz Schlimmen, die wir alle in unserem persönlichen Umfeld erfahren. Ich kenne kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Form unter einer anderen Person leidet. Denn es gibt überall Menschen, die sich von Egoismus, Gier oder Macht hinreißen lassen. Es kommt zu Ungerechtigkeiten, Diffamierungen, Intrigen, Streit und Spannungen. Es kann von der Vorgesetzten ausgehen, von der Schwiegermutter, dem Kollegen, einem Patienten, einer Schülerin usw. Viele Menschen machen anderen das Leben schwer, bewusst oder unbewusst.
Wie gehen wir damit um? Das ist die nächste Frage, die wir uns stellen müssen, der zweite Punkt unseres Gedankenganges. Welchen Weg wählen wir in einer Krise, im Konfliktfall? Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.
Die schlechteste Methode ist mit Sicherheit das Zurückschlagen. Wenn wir dieselben Mittel wählen wie unsere Gegner, kommen wir nicht weit. Der Konflikt verschärft sich nur, es wird noch mehr zerstört.
Wenn es geht, ist es deshalb sinnvoller, die Flucht zu ergreifen. Viele Menschen tun das ja auch zu Recht. Sie retten ihr Leben, indem sie fliehen. Trotzdem ist das ebenfalls keine befriedigende Antwort, denn es ist gefährlich und der Ausgang ist ungewiss. Außerdem möchte eigentlich niemand seine Heimat verlassen und in einer fremden Kultur ganz von vorne anfangen.
Eine wirkliche Lösung ergibt sich erst dann, wenn die Konfliktparteien aufeinander zugehen, miteinander reden und sich vertragen. Das wünschen wir uns deshalb auch alle. Doch leider geht das oft nicht, weil nur eine der beiden Seiten das möchte. Die anderen bleiben verhärtet und ziehen den Streit vor.
Aber es gibt noch einen vierten Weg, und zu dem fordert Jesus uns hier auf. Er lädt zu einem uneingeschränkten „Ja“ ein, zur Leidensbereitschaft und zum Gehorsam. Gegebenenfalls gehört sogar das Annehmen des Todes dazu. In der Psychologie gibt es dafür den Ausdruck „radikale Akzeptanz“, und den finde ich sehr treffend. Denn er macht deutlich, dass es dabei keineswegs um etwas Schlaffes oder Feiges geht. Im Gegenteil: Was Jesus uns vorschlägt, fordert ganz viel innere Aktivität, all unseren Mut und eine große Standhaftigkeit. Es geht um die Preisgabe des Lebens, um Loslassen und um ein Opfer. Jesus erwartet, dass wir unseren eigenen Egoismus, unsere Gier und unsere Angst bekämpfen und besiegen.
Den meisten von uns ist das möglicherweise zu radikal und zu steil. Wir scheuen davor zurück, denn es kommt einer mentalen und seelischen Höchstleistung gleich. Wir fühlen uns restlos überfordert. Aber so ist der Aufruf Jesu auch nicht gemeint. Wir sollen keine Übermenschen werden, sondern ihm nachfolgen. Ohne ihn wäre seine Handlungsweise in der Tat unmöglich, in der Jüngerschaft erweist sie sich dagegen als heilbringend.
Und das ist der letzte Punkt, den wir uns klar machen können: Jesu Weg führt in die Überwindung. Wir gewinnen durch die Nachfolge viel mehr, als wir ahnen. Im Glauben an ihn werden uns Dinge möglich, die weit über das übliche Muster hinausgehen und damit auch weit über unsere irdische Wirklichkeit. Denn in Jesus begegnet uns der Sohn Gottes. Er öffnet uns das Himmelreich und verspricht uns nichts Geringeres als ewiges Leben. Er sprengt die Strukturen der Vergänglichkeit.
Im Konfliktfall und in einer Krise heißt das, dass wir mit ihm zusammen innerlich aussteigen und unseren Halt auf einer ganz anderen Ebene finden. Die Lösung liegt nicht in der Aggression, nicht in der Flucht und auch nicht immer im Miteinander-Reden. Sie liegt vielmehr bei Jesus Christus, der uns neues Leben und eine uneingeschränkte Freiheit ermöglicht. Wenn wir radikal auf ihn vertrauen, ist plötzlich ist alles da, wonach wir uns sehnen: Ruhe und Frieden, Heil und Erlösung. Denn Christus rettet uns vor den andern und schützt uns vor uns selbst. Ganz gleich, wie es um uns steht und wie feindlich gesinnt unsere Umwelt ist, wir gewinnen einen großen Mut und eine tiefe Zuversicht. Es ist überall und immer möglich, unser Christsein zu leben und das Evangelium zu verkünden.
Lassen Sie uns deshalb nicht krampfhaft am Leben festhalten, wir werden es sowieso irgendwann „verlieren“. Die Verheißung liegt vielmehr darauf, getrost „das Leben zu verlieren um Christi willen“, denn dann werden wir es auf wunderbare Weise neu „finden“.

Amen.

 

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