Fürchtet euch nicht

Predigt über Mt. 14, 22- 33: Jesus und der sinkende Petrus auf dem See

31.7.2016, Sommerpredigt II: Petrus
9.30 und 11Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Unter der Überschrift „Wird es uns zu bunt in der Kirche?“ stehen in diesem Sommer fünf Gottesdienste bei uns in der Luther- und Jakobikirche. Halten wir die Vielfalt in unseren Gemeinden aus? Beim Blick in das Neue Testament sehen wir, dass Jesus dazu durchaus in der Lage war. Er kam mit ganz verschiedenen Menschen zusammen und hat sich ihnen allen zugewandt. Von einigen kennen wir die Namen, und sie ergriffen eine Initiative, um etwas mit Jesus zu erleben.
So auch der Jünger Petrus, um den es heute ging.

Matthäus 14, 22- 33

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde.
„100%ge Sicherheit gibt es nicht“, diesen Satz hören wir zurzeit relativ häufig. Politiker, Reporter, Journalisten, Psychologen usw. sagen das auf dem Hintergrund der jüngsten Terroranschläge in Deutschland und in Frankreich. Denn danach fragen die Menschen, nach Sicherheit. Es könnte jeden treffen, ob im Zug, in einer Kirche oder bei einem Fest, wie wir leider erfahren mussten, ob in der Provinz oder einer Großstadt. Der Mensch, der neben einem steht, kann Gutes oder Böses im Sinn haben, das lässt sich nicht vorhersagen. Deshalb wird von den Verantwortlichen gleichzeitig beteuert, dass alles dafür getan wird, damit die Bürger geschützt sind. So sollen viele Maßnahmen verschärft werden, wie Kontrollen und Polizeiaufgebote bei Großveranstaltungen z.B. Aber die Angst ist trotzdem da, dass etwas passiert und man getroffen wird. Man muss nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.
Auf dem Weltjugendtag der Katholiken, der gerade in Krakau stattfindet, lassen sich die Menschen allerdings bewusst nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagen: „Wir sind hier, um unseren Glauben zu feiern, und Gott wird uns beschützen. Uns kann nichts passieren.“ Das sind starke Aussagen, die beeindrucken.
Sie decken sich auch mit dem, was in der Bibel steht. Dort wird Gott tatsächlich überall als derjenige gepriesen und bekannt, der helfen und bewahren, retten und befreien kann. Der Mensch wird zum Glauben daran eingeladen, zum Vertrauen und zur Gelassenheit, die daraus folgt. Die Geschichte vom „sinkenden Petrus“ ist dafür ein wunderbares Beispiel.
Lassen Sie uns also bedenken, was darin geschieht. Es hat ja ein bisschen was Phantastisches und auch Unheimliches. Das fängt schon damit an, dass das Ereignis nachts auf einem vom Wind bewegten Wasser spielt: Die Jünger saßen in einem Boot, um über den See Genezareth zu fahren. Sie hatten gerade einen sehr schönen Tag hinter sich. Unmittelbar vorher wird nämlich die Geschichte von der Speisung der 5000 erzählt. Die Jünger hatten also mit Jesus Fülle und Freude erlebt. Jetzt war das mit einem Mal ganz anders. Sie saßen ohne ihn im Boot, weil er sie einmal los sein wollte. Sie sollten vorfahren, während er „allein auf einen Berg stieg, um zu beten“, wie es heißt. Und als das Boot schon weit vom Ufer entfernt war, kam es plötzlich „in Not durch die Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen“. Es wurde also ungemütlich und auch wirklich gefährlich. Der See Genezareth ist bekannt für plötzlich aufkommende Fallwinde. Die Jünger mussten dementsprechend ziemlich kämpfen, um über Wasser zu bleiben, und sie hatten Angst.
Aber dann kam noch etwas viel Unheimlicheres dazu. Am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sechs Uhr, sahen sie nämlich, wie eine Gestalt sich ihnen auf dem Wasser näherte. Und das versetzte sie erst recht in Panik. „Sie schrien vor Furcht“, weil sie dachten, es wäre ein Gespenst. Aber es war Jesus, das wird fast wie etwas Selbstverständliches erwähnt. Er kam zu ihnen auf dem Wasser, um ihnen zu helfen. Er gab sich auch sofort zu erkennen, als er ihre Furcht sah, und zwar indem er ihnen gut zuredete. „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht“, sagte er. Sie sollten keine Angst mehr haben. Und wahrscheinlich verflog die auch sofort. Bei Petrus schlug sie sogar genau ins Gegenteil um, er wurde nicht nur mutig, sondern sogar übermütig. Aus lauter Freude über das Erscheinen Jesu, wollte er auch auf dem Wasser gehen und bat Jesus sozusagen um Erlaubnis. Und der sagte nicht, „bleib mal schön im Boot“, sondern er ließ ihn wirklich zu sich kommen.
Allen Wellen und aller Vernunft zum Trotz steigt Petrus also aus dem Boot und geht auf dem Wasser und kommt auf Jesus zu. Eine Zeitlang merkt er gar nicht, dass er da etwas Widernatürliches tut, aber plötzlich wird es ihm bewusst. Er schaut nicht mehr auf Jesus, sondern auf den Wind und die Wellen und beginnt im selben Moment zu sinken. Es sieht also so aus, als ob seine Angst berechtigt gewesen wäre. Aber zum Glück war Jesus da schon ganz in seiner Nähe. Er „streckte sogleich seine Hand aus und ergriff ihn“ und zog ihn aus dem Wasser, heißt es. Und dann sagt er keineswegs, „warum warst du auch so dumm und wolltest zu mir kommen?“, sondern er schilt ihn wegen seines kleinen Glaubens. Der Schritt aus dem Boot heraus war völlig in Ordnung gewesen, der Fehler war vielmehr der plötzliche Zweifel und Kleinglaube.
Und das ist das Thema der Geschichte. Sie will zum Glauben und Vertrauen aufrufen und zum Gebet in der Not. Jesus ist stärker als die Naturgewalten, das sollten die Jünger erkennen und erfahren. Zum Schluss bekennen sie das ja auch. Aber dazu gehörte dieses Erlebnis, bei dem Jesus seine Macht offenbart hat. Er zeigte sich ihnen als der Herr Welt, dem kein Sturm und kein Wind etwas anhaben kann. Selbst die Erdanziehungskraft spielt für ihn keine Rolle. Und in der Episode mit Petrus geht es um den Glauben daran. Den muss man manchmal wagen. Er ist auch nicht immer vernünftig. Aber er ist wie ein Schutz vor der Bedrohung und der Finsternis. Wer sich darin übt, wird von dem gehalten und gerettet, an den er glaubt.
Die Geschichte enthält also trotz ihres phantastischen Charakters viele Einzelheiten, über die es sich lohnt, nachzudenken. Dabei ist der Kern der Erzählung dieser Moment, in dem Petrus versinkt. So etwas kennen wir im übertragenen Sinne sicher alle. Wir wissen, wie es ist, Angst zu haben. Dabei gibt es nicht nur die Angst vor dem Terror und vor anderen Menschen, sondern auch allgemeine Zukunftsangst, Höhenangst, Angst vor der Dunkelheit, vorm Autofahren, vor einer Krankheit, vor dem Tod usw. Es ist kein schönes Gefühl, wir wollen es so schnell wie möglich wieder los werden. Insofern versprechen uns die Politiker genau das, was wir wollen, wenn sie sagen, sie werden die Bevölkerung schützen.
Aber reicht das auch? Werden wir unsere Angst los, wenn die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden? Das allein reicht erfahrungsgemäß doch nicht aus. Erstens gibt es wie gesagt keine 100%ge Sicherheit, und zweitens ist Angst nicht nur etwas, das von außen ausgelöst wird, sie sitzt auch in uns, dort entsteht sie ja, und dort muss sie ebenfalls bekämpft werden, wenn wir sie wirklich los werden wollen. Viele Menschen haben das erkannt und weigern sich bewusst, sich jetzt mehr zu fürchten, als vorher. Sie leben weiter wie bisher und lassen sich nicht einschüchtern. Und das ist auch gut so, das beweisen schon die Statistiken. In den Nachrichten wurde kürzlich ein Angstforscher interviewt, der sagte, dass es hier in Deutschland viel wahrscheinlicher ist, z.B. vom Blitz getroffen zu werden oder einen Schlaganfall zu bekommen, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen.
Wenn wir die Vernunft walten ließen, wäre uns also schon geholfen. Doch leider hat sie oft keine durchschlagende Kraft. Auf Grund der Nachrichten in den letzen Wochen spielt sich in vielen Köpfen etwas anderes ab. Wir konzentrieren uns auf die Sache, vor der wir Angst haben, und sind darauf fixiert. Auch bei anderen Gefahren tun wir das, und ganz verkehrt ist das natürlich nicht. Die Angst schützt uns und lässt uns oft das Richtige tun, im Straßenverkehr, in der Dunkelheit oder bei einer Krankheit z.B. Angst ist häufig ein guter Ratgeber und sichert das Überleben.
Doch diese Wirkung der Angst hat Grenzen, sie ist nicht unumschränkt hilfreich. Es gibt viele Situationen, die werden durch unsere Angst schlimmer, und zwar immer dann, wenn wir uns ihr zu sehr überlassen und darin versinken. Das gibt es ja, dass wir davon nicht loskommen, ganz gleich, was geschieht. Wir geraten dann immer tiefer in dieses Gefühl hinein, dass nichts mehr geht. Es schnürt uns die Kehle zu, es macht uns schwächer und schwächer, wir werden hilflos und verzweifeln.
Und auf solche Erfahrungen können wir unsere Geschichte anwenden, dahinein will sie uns etwas Hilfreiches und Befreiendes sagen, und zwar indem sie uns fragt, in welcher Realität wir leben wollen. Was soll uns bestimmen? Es liegt an uns, was wir beachten. Wir haben das in der Hand. Wir können uns entscheiden.
Dabei werden wir eingeladen, unsere Blickrichtung einmal zu ändern. Wir sollen aufhören, in das Unheil zu starren. Das tun wir wie gesagt gerne. Dann denken wir an gar nichts anderes mehr als an das Böse, wir kreisen ständig um dieses eine Problem und lassen es mächtig werden. Und dazu sagt diese Geschichte: Lass das! Schau nicht ständig auf das, was dich ängstigt. Die Wirklichkeit besteht aus noch viel mehr, als aus dem, was du jetzt gerade hörst oder siehst. Ändere deine Einstellung!
Und dazu gehört in der gegenwärtigen Situation dreierlei. Es kann ganz profan beginnen, und zwar damit, dass wir kritisch hinterfragen, was die Medien mit uns machen. Es ist ja immer nur eine Auswahl an Nachrichten, die uns präsentiert wird. Sie decken lange nicht die ganze Wirklichkeit ab. Warum wird nicht einmal erzählt, wie viele Kinder jeden Morgen sicher zur Schule kommen, wie viel Autos in keinen Unfall verwickelt werden, wieviel gesunde Menschen es in unserem Land gibt? Das scheint uns wahrscheinlich zu banal, es ist keiner Nachricht wert, doch wir sollten das ruhig mit bedenken, wenn wir die Sicherheitslage in unserem Land betrachten. All das Gute gehört genauso zur Realität, wie das Schreckliche. Das zu beachten, wäre der erste Schritt.
Aber natürlich geht unsere Geschichte darüber noch hinaus. Sie erzählt gleichzeitig von einer Wirklichkeit, die größer ist als die Natur, von der Macht Jesu, dem Sturm und Wellen nichts anhaben, und der der Erdanziehungskraft trotzt. An seine Macht sollen wir glauben, sie soll uns prägen und bestimmen, von daher sollen wir leben, dann werden wir fest und frei. Denn wenn wir uns seiner Macht anvertrauen, gewinnt er die Oberhand. Dann merken wir, wie seine Gegenwart uns umgibt und beschützt. Die Ängste fallen von uns ab, sie umklammern uns nicht mehr, und wir fühlen uns stattdessen gehalten und geborgen. Es ist wirklich so, als würden wir auf dem Wasser gehen. Eine unsichtbare Kraft erfüllt uns, die stärker ist, als der Sog nach unten. Das ist das Zweite.
Und als drittes müssen wir einsehen, dass unser ganzes Leben im Grunde genommen wie ein Gang über das Wasser ist. Es ist unvernünftig und gefährlich, denn wir sind ständig bedroht. Sturm und Wellen umgeben uns, und eines Tages wird jeder und jede von uns untergehen. Dem Tod kann niemand entkommen. Das ist der dritte Gedanke, den wir zulassen sollten. Es hilft sowieso nicht, sich wie besessen an das Leben zu klammern, und nur Schönes und Friedliches erleben zu wollen. Das Leid, der Sturm und die Wellen gehören zum Leben dazu, die Vergänglichkeit und das Sterben ebenso. Wir verdrängen es am liebsten, aber das ist nicht nötig und auch nicht ratsam. Viel besser ist es, sich in all den Stürmen und Gefahren von Jesus an die Hand nehmen zu lassen. Dann können wir selbst angesichts des Todes noch zuversichtlich bleiben. Denn das Eigentliche, das uns erfüllt und wofür wir leben, wird nicht sterben: Es sind seine Gegenwart und seine Liebe, die Hand, die er uns reicht, und seine Hilfe. Sie werden ewig da sein und uns am Ende hinüber führen in sein Reich.
Wenn wir das glauben, tragen wir den endgültigen Sieg davon. Wir sind 100%ig sicher, denn nichts kann uns mehr schaden. Es ist also gut, wenn wir wie Petrus immer wieder rufen: „Herr, hilf mir!“ und uns nach Jesus ausstrecken. Dann nimmt er uns an die Hand und zieht uns zu sich. Seine Kraft wird in uns langsam stärker. Sie nimmt im Laufe der Zeit zu, sodass wir am Ende in Ewigkeit geborgen sind.
Amen.

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