Der Kampf der Christen mit sich selbst

Predigt über 1. Korinther 9, 24- 27: Das Beispiel des Apostels

3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae, 24.1.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

1. Korinther 9, 24- 27

24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.
25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,
27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Liebe Gemeinde.
Die älteste Sportart, die es schon in der Antike gab, ist der Stadionlauf, das waren damals ca. 200 m. Wettkämpfe dafür sind bereits für das Jahr 776 v.Chr. dokumentiert. Die Athleten mussten schnell und ausdauernd sein, und zum Training gehörten Übung und Entbehrung.
Etwa 100 Jahre später kamen auch Kampfdisziplinen zu den sportlichen Wettbewerben, die erste war der Faustkampf. Er erforderte eine große Härte von den Kämpfern, denn sie schlugen solange aufeinander ein, bis einer aufgab oder zusammenbrach.
Der Sieg wurde bei allen Sportarten als eine Gunst empfunden, die Zeus einem Menschen zu teil werden ließ. Deshalb wurden die Sieger mit einem Olivenkranz aus dem heiligen Hain Olympias geehrt.
Paulus kannte solche Wettkämpfe und ihre Rituale offensichtlich, denn er benutzt sie in seinen Briefen gern als Bild für das, was im Glaubensleben wichtig ist. So auch in unserer Epistel von heute. Da heißt es am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis?“
Darunter dürfen wir uns gern die Sportler vorstellen, die in einem Stadion um die Wette laufen. Der Sieger bekommt am Ende den Ehrenkranz.
Paulus will mit diesem Bild beschreiben, dass auch der Glaube wie ein Wettkampf ist, bei dem es um einen Sieg geht. Er ermahnt seine Leser dazu, das christliche Leben so zu verstehen und den Wettkampf aufzunehmen. „Lauft so, dass ihr den Sieg erlangt.“ schreibt er im Anschluss.
Dabei ist der Vergleichspunkt hauptsächlich die Entsagung, die dafür nötig ist: „Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge.“, darum geht es Paulus. Ohne Askese und Verzicht erreichen die Christen nicht das himmlische Ziel, das ihnen verheißen wird.
Doch es unterscheidet sich natürlich von dem Ziel des heidnischen Kämpfers: Das des Sportlers ist nur ein vergängliches, das der Christen dagegen ist ewig. „Jene enthalten sich, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.“, sind seine Worte.
Mit der nächsten Bemerkung sprengt er den Vergleich nun etwas, denn er fügt an, dass der Christ bei diesem Kampf auf jeden Fall siegen wird: „Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse.“, sagt er, d.h. er ist sich seines Sieges sicher. Das kann man von einem sportlichen Wettkampf ja nicht einfach so sagen. Der Vergleich hinkt an dieser Stelle also etwas, aber das ist wahrscheinlich beabsichtigt. Wir werden das nachher noch etwas genauer bedenken.
Zunächst sei noch das zweite Bild erwähnt, das Paulus anführt, es ist das vom Faustkampf. Auch das bringt er gleich mit der Bemerkung ein, dass der christliche Kämpfer dem heidnischen etwas voraus hat: „Ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt.“, er trifft also. Allerdings meint Paulus nun nicht den Gegner, den er bezwingt, sondern seinen eigenen Leib. Er geht also ein zweites Mal sehr frei mit dem Vergleich um und lenkt seine Gedanken erneut auf die Enthaltsamkeit: Man kann sich darin auch noch steigern. Paulus tut das, indem er jetzt sogar von einer Art Selbstkasteiung spricht: „Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn.“ Er züchtigt und unterjocht seinen eigenen Leib also.
Und dafür gibt es noch einen weiteren Grund. Er möchte, dass seine Predigt wahrhaftig und wirksam bleibt. Es soll keinen Widerspruch geben zwischen dem, wozu er andere ermahnt, und dem, was er selber lebt. Paulus sagt das so: „Damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.“
Die Enthaltsamkeit, die hier das Thema ist, hat also zwei Gründe: Erstens möchte Paulus das himmlische Ziel erreichen, und zweitens soll seine Verkündigung überzeugend sein.
Paulus versteht sich dabei als Beispiel und als Vorbild: Auch die Korinther sollen sich so verhalten, und letzten Endes alle Christen: Wer es mit dem Glauben ernst meint, soll sich das zu Herzen nehmen und konsequent umsetzen. Wir werden hier zur Enthaltsamkeit aufgefordert, zum Kämpfen und zur Geduld, zur Ausdauer und zur Entschlossenheit.
Doch wie sollen wir das nun verstehen? Und wollen wir das überhaupt? Eine ganze Reihe von Fragen tut sich auf, wenn wir das hier hören.
Der erste spontane Gedanke ist sicher: Wie ungemütlich und anstrengend ist das denn! Die Vorstellung, dass der Glaube ein Kampf ist, entspricht nicht unserem Lebensgefühl, wir halten es für lebensfeindlich.
Die zweite Frage lautet: Ist die Wirklichkeit denn zweigeteilt, in eine göttliche und eine menschliche Sphäre, eine himmlische und eine irdische, die sich gegenseitig ausschließen? Steht die Gegenwart Gottes im Widerspruch zu unseren menschlichen, irdischen Gegebenheiten, sodass wir alle lustvollen Gefühle verdrängen sollen, alles Schöne aus dem Leben verbannen müssen?
Als drittes fragen wir uns, wo denn in diesem Entwurf die Gnade bleibt. Müssen wir uns das Heil plötzlich doch selber erkämpfen, es sozusagen verdienen?
Und schließlich dreht sich hier mal wieder alles nur um das Seelenheil, es fehlen der Weltbezug, der Mitmensch und die Nächstenliebe.
Wollen wir uns mit dem, was Paulus hier schreibt, also überhaupt beschäftigen? Lohnt sich das? Und kann Paulus uns überzeugen? Das müssen wir uns fragen.
Lassen Sie uns die Fragen also durchgehen und uns als erstes damit beschäftigen, wie wir zur Enthaltsamkeit stehen. Das klingt wie gesagt zunächst einmal unbequem. Doch so ungewöhnlich ist es gar nicht, sie auf sich zu nehmen. Das tun ebenso z.B. Bergsteiger, Schachspieler, Komponisten oder Chirurgen. Menschen aus diesen Berufsgruppen wurden in einer Studie einmal gefragt, warum sie sich anstrengen. Das Ziel war bei ihnen offensichtlich weder Geld noch Macht, weder Ansehen noch Vergnügen. Trotzdem stimmten sie alle darin überein, dass sie ihre jeweiligen Aktivitäten als lustvoll und „toll“ empfanden. Die Herausforderung an sich hat sie motiviert. Es hat sich herausgestellt, dass sie sich dem Aufgehen in einer Tätigkeit um dieses Zustandes selbst willen hingeben. Äußere Belohnungen suchten sie nicht, es war spannend genug, bis an die eigenen Grenzen zu gehen.
Anstrengung kann also mit Lust erlebt werden, sie ist nicht von vorne herein körperfeindlich oder lebensverneinend. Im Gegenteil, die Möglichkeit, sich in Askese und Enthaltsamkeit zu üben, liegt in der Natur des Menschen. Denn wer sich anstrengt, befriedigt seine Neugier, er kommt auf jeden Fall weiter, löst Probleme, gewinnt mehr Sicherheit, erweitert sein Wissen und seinen Horizont.
Das wird auch deutlich, wenn wir uns das Gegenteil einmal vorstellen, einen Menschen, der nur nach dem Lustprinzip lebt und am liebsten jede Anstrengung vermeidet. Er sitzt auf dem Sofa, isst und trinkt, sieht fern oder spielt mit seinem Smartphone. Das ist als Alternative jetzt natürlich überzeichnet und stellt ein Extrem dar. Selbstverständlich gibt es viele Abstufungen zwischen Faulheit und Ehrgeiz, aber die Übertreibung macht deutlich: Attraktiv ist eine Lebensweise ohne Herausforderungen nicht. Wenn man sie bis zu Ende denkt, ist sie dumpf und primitiv, ohne Sinn, kraft- und hoffnungslos. Es wird auch klar, dass es viel destruktiver ist, sich den Herausforderungen zu entziehen. Weder der Seele noch dem Körper tut das gut. Denn es entstehen Abhängigkeiten, Sucht und Krankheit sind die Gefahren, auch soziale Isolation. Und man ist nicht vorbereitet, wenn Unglück hereinbricht. Ein solches Leben gibt keine Antworten auf Schicksalsschläge, viele Fragen bleiben offen. Der Mensch wird ein Spielball der Mächte um ihn herum.
Es ist also gar nicht so schlecht, sich anzustrengen, Herausforderungen anzunehmen und sich im Kampf zu trainieren. Dafür müssen wir nicht erst die Bibel lesen. Menschen haben das seit jeher erkannt und umgesetzt. Wahrscheinlich wählt Paulus deshalb auch das Bild vom Sportler: Es ist durchaus ansprechend. Jeder versteht, warum ein Sportler sich in Enthaltsamkeit und Entsagung übt.
Und es ist sehr geschickt, dieses Bild für das Glaubensleben anzuwenden, denn der Glaubenskampf ist ebenfalls in sich selber sinnvoll. Lassen Sie uns also fragen, worin die Entsagung besteht, die Paulus meint, und was wir dabei gewinnen.
Dabei müssen wir einsehen, dass unsere Wirklichkeit in der Tat zweigeteilt ist, und damit sind wir bei der zweiten Frage. Es gibt eine göttliche und eine menschliche Sphäre, eine himmlische und eine irdische. Aber ist das eigentlich so schlimm? Es heißt ja nicht gleich, dass sie sich gegenseitig ausschließen, sondern zunächst nur, dass es noch mehr gibt, als das vergängliche Dasein. Und das ist eine ganz beruhigende Vorstellung, denn so toll ist das Leben in seinen irdischen Grenzen oft gar nicht. Im Gegenteil, es gibt viel Elend und Not. Sowohl persönliche als auch weltweite Probleme halten uns in Atem. Oft leiden wir, und unser Dasein wäre ganz schön armselig, wenn das, was uns auf der Erde widerfährt, alles wäre.
Es muss deshalb eine Möglichkeit der Überwindung geben, einen Himmel, die Ewigkeit, die Gegenwart Gottes. Und es ist auch gut, wenn die sich von dem Jammertal unterscheidet, in das wir hier oft geraten. Auf jeden Fall lohnt es sich, diese Dimension zu gewinnen, und dafür gilt es zu kämpfen. Paulus meint mit seinem „Kampf“ den Lebenseinsatz für das, was uns Hoffnung gibt, was uns Mut macht und uns durch alles Leid hindurch trägt. Und dafür ist ein Kampf auch nötig, denn es gibt Kräfte der Finsternis, die uns davon abhalten wollen, Geister der Lüge und des Irrtums. Traurigkeit und Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit können in unserem Leben die Oberhand gewinnen, und dann sind wir verloren. Es kommt nicht einfach so von alleine, dass wir sie besiegen. Wir müssen gelegentlich schon „mit Fäusten“ darauf einschlagen, d.h. die dunklen Triebe in unsrer Seele und unserem Geist bezwingen. Das Verdrängen von schönen und lustvollen Gefühlen ist hier also gar nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, dass wir wachsam sind, dem Bösen widerstehen und uns selber loslassen. Diesen Kampf meint Paulus hier.
Und dabei ist er sich nun interessanter Weise des Sieges sicher, das hatten wir festgestellt. Darin lag ein gewisser Widerspruch. Paulus sprengt mit dieser Vorstellung das Bild vom Wettkämpfer, aber das tut er wahrscheinlich bewusst. Denn was wir bei dem Kampf des Glaubens gewinnen, fühlt sich ganz anders an, als ein selbstverdienter Sieg.
Die Antwort auf die dritte Frage, wo denn die Gnade bei diesem Kampf bleibt, lautet also: Genau sie gewinnen wir. Das Ergebnis unseres Kampfes ist in ein reines Geschenk. Wir dringen zu dem vor, was Gott für uns durch Jesus Christus bewirkt hat. Und dadurch entsteht ein ganz tiefes Gefühl von Freiheit und Überwindung, Ruhe und Freude. Wir gewinnen Liebe und Hoffnung, Sicherheit und Mut. Und das geschieht aus purer Barmherzigkeit. Wir erkennen: Es ist alles da, wonach wir uns sehnen. Es reicht ein Augenblick des Vertrauens, und der Himmel öffnet sich. Für diesen Augenblick gilt es zu kämpfen.
Das folgende Erleben ist dem vergleichbar, was die Menschen berichtet haben, die ich vorhin erwähnte. Der untersuchende Psychologe hat dafür das englische Wort „Fflow“ eingeführt, auf Deutsch „Ffließen“, und er nannte es das „Flow-Erleben“. D.h. es fließt plötzlich eine Energie, wir werden eins mit uns selber, empfinden tiefe Erfüllung und Zufriedenheit. (Felix von Cube, Dietger Alshuth, Fordern statt Verwöhnen, München, Zürich, 1989, S. 289ff)
Im Glaubenskampf ereignet sich genau das, allerdings in noch viel tieferen Schichten unserer Seele. Und der Widerspruch zu der Anstrengung, die wir vorher investiert haben, ist auch frappierender, aber genau darin liegt das Geheimnis dieses Kampfes. Er lässt sich nicht auflösen: Ohne unsere Anstrengung geht es nicht, wir müssen durchaus alles geben, Leib und Leben einsetzen, und trotzdem besteht der Sieg darin, dass wir in einem Augenblick alles geschenkt bekommen, wonach wir verlangen. Wir haben es nicht verdient, sondern es wird uns aus lauter Gnade zu teil. Paulus hat absichtlich das Bild vom Wettlauf gewählt und die widersprüchliche Bemerkung über die Gewissheit des Sieges hinzugefügt. Sie ist von Anfang an dabei, sie motiviert ihn und sie wird Realität.
Und nur so ist der Glaube überzeugend, das dürfen auch wir uns sagen. Damit ist auch die letzte Frage beantwortet, wo denn die Außenwelt bleibt, wenn wir um unser Heil kämpfen: Wir gewinnen damit nicht nur für uns selber die Überwindung, wir gewinnen auch andere Menschen für den Glauben an Jesus Christus. Unsere „Predigt“ wird echt und überzeugend.
Lassen Sie uns also laufen und nicht aufgeben, kämpfen und nicht müde werden, damit wir den „Siegespreis“ erlangen. Die Sportler in der Antike empfanden den Sieg als eine Gunst von Zeus. Wir dürfen gewiss sein, dass jeder, der kämpft, mit der Gegenwart und Liebe Christi beschenkt wird.
Amen.

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