Versuchung

Predigt über Matthäus 4, 1- 11: Jesu Versuchung

1. Sonntag der Fastenzeit, Invokavit, 22.2.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 4, 1- 11

11 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da atraten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde.
Haben Sie sich am Mittwoch vorgenommen, einmal sieben Wochen lang „anders zu leben“? Dazu sind wir jetzt eingeladen, in der sogenannten Fastenzeit. Es ist der 40-tägige Zeitraum vor Ostern, mit dem wir uns auf dieses Fest vorbereiten. 1983 rief dafür eine Gruppe von Journalisten und Theologen in Hamburg die Aktion „7 Wochen ohne“ ins Leben. Sie ist inzwischen bundesweit bekannt und hat jährlich mehr als 2 Millionen Teilnehmer und Teilnehmerinnen.
Dabei geht es in dieser Zeit nicht nur darum, etwa auf Schokolade oder Alkohol zu verzichten, sondern sich selber neu zu erfahren, Freiräume zu schaffen und andere Seiten des Lebens zu entdecken, als wir sie gewöhnlich kennen. Deshalb gibt es jedes Jahr ein Thema, das ein Team erarbeitet und Material dafür zusammenstellt. Dieses Mal schlagen sie uns vor, sieben Wochen lang niemanden „runterzumachen“, auch uns selber nicht, uns nicht mehr zu vergleichen, nicht zu nörgeln und zu tratschen. Wir sollen stattdessen loben und anerkennen, was wir an Schönem entdecken. Wir sind eingeladen, auf das Gute zu achten, dankbar zu sein und dabei neu zu uns selber und zueinander zu finden.
Und das lohnt sich bestimmt. So ganz einfach ist es auch nicht, denn natürlich stecken wir in bestimmten Denk- und Gefühlsmustern. Wir müssen der Versuchung widerstehen, unfair oder unecht zu sein, Macht auszuüben und Gott zu vergessen. Das Materielle soll in den Hintergrund treten, unsre Oberflächlichkeit und unser Leistungsdenken werden hinterfragt.
Und damit sind wir ganz nah an dem, was in der Geschichte von der Versuchung Jesu ebenfalls vorkommt. Wir haben sie vorhin gehört: Sie spielt vor dem Beginn seiner Wirksamkeit. Jesus war vierzig Tage und vierzig Nächte in der Wüste gewesen. Durch die Einsamkeit und Kargheit dieses Ortes war er der Anfechtung und Bedrohung ausgesetzt und sollte sich bewähren. Deshalb hatte Gott ihn dahin geschickt. So trat am Ende dieser Zeit der Teufel an Jesus heran, und Jesus musste sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen wollte. Der Versucher forderte ihn zu drei Dingen auf: Erstens sollte er aus Steinen Brot machen. Zweitens sollte er von der Zinne des Tempels springen und sich von den Engeln auffangen lassen. Und drittens sollte er den Teufel anbeten, um die Weltherrschaft zu erlangen.
Doch all diesen Versuchungen hat Jesus widerstanden. Er blieb innerlich stark und fest und hielt sich an den Willen Gottes. So hat er seine Entscheidung jedes Mal mit einem Bibelwort begründet.
Wenn er der ersten Versuchung nachgegeben hätte, hätte er allen Menschen Brot geben können und dadurch viele für sich gewonnen. Doch dann wären sie ihm auch nur der materiellen Vorteile wegen gefolgt, und das wollte er nicht. Sie sollten es aus innerer Überzeugung tun, eine Lebensentscheidung treffen und sich selber einbringen. Denn die Menschen brauchen nicht nur etwas zu essen, sie brauchen den Kontakt zu Gott, seine Stimme und seine Liebe. Das war die Botschaft Jesu. Er hatte den Auftrag, die Gegenwart Gottes erfahrbar zu machen, sie unter die Menschen zu bringen und zum Hören auf sein Wort einzuladen. Jesus zitierte bei der ersten Versuchung deshalb den Satz aus dem fünften Buch Mose: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“
Bei der zweiten Versuchung ging es um eine Sensation: Es wäre spektakulär gewesen, wenn die Engel herangeflogen wären, um Jesus bei seinem Sprung vom Tempel aufzufangen. Die Menschen hätten applaudiert und wären begeistert gewesen. Sie hätten ein Wunder erlebt und alle an Gott geglaubt. Doch auch das wollte Jesus nicht, denn ein Glaube, der durch Sensationen entsteht, ist kein wirklicher Glaube. Er gründet sich ja auf Beweise und nicht auf Vertrauen. Er bleibt unecht und ohne eigene Verantwortung. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ war deshalb seine Antwort, die ebenfalls im fünften Buch Mose stand. „Du sollst nicht versuchen, die Gegenwart Gottes an Überdurchschnittliches zu binden, denn Gott ist in jeder Situation gegenwärtig, auch im Alltag und sogar in Notzeiten. Vertrau auf ihn, auch wenn kein Wunder geschieht.“ So lautete die Begründung Jesu.
Und bei der dritten Versuchung hätte Jesus alle Macht der Welt bekommen, doch auch das wollte er nicht. Denn Machtausübung läuft immer auf Hass und Zerstörung hinaus. Feindschaft und Krieg sind die Folgen, und das entsprach ganz und gar nicht dem, was Jesus bringen wollte. Im Reich Gottes herrschen Frieden und Barmherzigkeit, und dem blieb Jesus treu. Er bekannte sich eindeutig zu Gottes Willen und ging keine Kompromisse ein. Er gehorchte damit dem ersten Gebot, das lautet: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“
Und nachdem er das alles klar gestellt hatte, befahl er dem Teufel zu weichen. Und der musste gehorchen, Jesus hatte ihn besiegt. „Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ Er war von da an frei und hatte die Kraft, alles zu tun, was Gott ihm aufgetragen hatte. Er konnte das Reich Gottes „nahe herbei bringen“.
Und er hat damit einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Die Versuchungen Jesu sind nämlich ein Grundmuster: So werden auch wir versucht, wenn wir an Gott glauben und zu ihm in Beziehung treten. Das sind die Themen, mit denen wir dann zu kämpfen haben, Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wir sind zur Achtsamkeit und Standhaftigkeit aufgefordert. Denn durch den Glauben erhält unser Leben eine Dimension, die es zu bewahren gilt, weil sie immer in der Gefahr ist, verloren zu gehen. Und dazu ist die Fastenzeit sehr gut geeignet. Sie kann uns helfen, unseren Glauben und unsre Beziehung zu Gott zu festigen, uns innerlich neu auszurichten, uns auf Jesus Christus zu konzentrieren und ihm nachzufolgen.
Lassen Sie uns deshalb noch einmal genau hinschauen, worin die einzelnen Versuchungen bestehen, worin die Gefahren liegen und wie wir ihnen widerstehen können.
Die erste bezieht sich auf den Materialismus, auf unser Konsumbedürfnis, unseren Hunger nach den Dingen dieser Welt. In unserer Gesellschaft können wir den ja ganz gut befriedigen. Wir leben im Wohlstand und jeder und jede von uns hat einigermaßen genug Besitztümer. Wir haben uns auch längst daran gewöhnt, sind umgeben vielen Dingen, die uns lieb und wert sind, und freuen uns daran.
Schlimm ist das nicht, aber wir sollten uns klar machen, wo die Grenzen und auch die Gefahren liegen. Wir sind dadurch nämlich innerlich gesteuert und in gewisser Weise unfrei: Wir arbeiten für unseren Wohlstand und strengen uns an. Leistung und Erfolg spielen eine große Rolle, denn wir geben uns nur selten zufrieden. Wir wollen immer weiter kommen, und müssen uns dafür durchsetzen. Am liebsten denken wir deshalb an uns selber. Innere Werte können verkümmern. Anständiges Verhalten und etwaige Bedenken bleiben eventuell auf der Strecke. Schuldbewusstsein oder Moral spielen keine große Rolle mehr. Eine gewisse Rücksichtslosigkeit macht sich breit und verdirbt unser Handeln, Egoismus und Ungerechtigkeit entstehen. Das sind die ganz großen Gefahren und Schattenseiten in einer Wohlstandsgesellschaft. Nicht umsonst bezeichnen wir sie auch als „Ellenbogengesellschaft“. Der Stärkere setzt sich durch, die Schwächeren haben das Nachsehen.
Deshalb ist es wichtig, dass wir immer wieder auf unseren Lebenswandel achten, uns nach innen wenden und geistige bzw. immaterielle Elemente in unser Denken und Handeln einbeziehen. Gott und die Seele dürfen nicht zu kurz kommen, wenn das Leben und unser Miteinander gelingen sollen.
Und was das heißt, wird an der zweiten Versuchung deutlich, um die es in der Geschichte geht. Auch wir hätten es gerne, wenn Gott einmal senkrecht von oben in die Welt eingreift. Wo bleiben seine Engel, die das Unglück fernhalten, seine starke Hand? Warum tut er so wenig? Das fragen wir uns oft. Doch so wirkt Gott nicht in dieser Welt. Er hat sich eine ganz andere Weise des Eingreifens ausgesucht: Er ruft jeden und jede Einzelne von uns zum Glauben und zum Vertrauen auf. Wenn sein Sohn handeln soll, müssen wir uns für ihn entscheiden und unser Innerstes für ihn öffnen. Er will, dass wir Verantwortung übernehmen und unser Herz von ihm regieren lassen. Es gilt also, dass wir in unsere Seele hineinschauen und seinen Geist walten lassen. Der muss in uns einziehen und wirken. Wir sind aufgefordert, uns von innen her verwandeln zu lassen. Christus braucht Menschen, um in dieser Welt etwas zu tun. Es geht also um die tägliche Übung des Vertrauens und Hoffens, um Gebet und Hingabe. Das ist das Zweite.
Und an der dritten Versuchung wird deutlich, wie sich das konkret auswirkt. Es ist die Versuchung zur Macht und zur Weltherrschaft, und auch die liegt uns nicht fern. Wir kennen alle irgendwelche Menschen, die uns im Weg stehen, die wir nicht mögen und gegen die wir in irgendeiner Form kämpfen. Wir wären sie am liebsten los, denn wir machen sie dafür verantwortlich, wenn uns bestimmte Dinge nicht gelingen. Wir schieben gern die Schuld auf unsere Mitmenschen, wenn wir leiden oder in Not sind. So entstehen dann Streit und Zwietracht, Trennung und Zerstörung.
Und das geschieht nicht nur auf den politischen Schlachtfeldern dieser Welt, sondern auch im persönlichen Bereich, in der Familie und im Kollegenkreis, in der Schule und in der Nachbarschaft. Überall gibt es „Kriegsschauplätze“. Die dritte Versuchung besteht darin, dass wir da mitmischen, die bösen Seiten in unserer Seele stimulieren und dem Machtbedürfnis die Türen öffnen. Wir ziehen über andere her und versuchen, sie loszuwerden. Dem gilt es zu widerstehen, und das heißt: Wir müssen aufhören, auf die anderen zu starren, und ganz nah bei uns selber bleiben. Wir müssen erkennen, wo unser eigenes Versagen liegt, welche Fehler wir haben und was wir verkehrt machen. Wir schauen uns das nicht gerne an, weil es zu unangenehm ist, aber es gilt, dass wir unsere Schwächen aushalten und Niederlagen annehmen. Wir müssen uns selber spüren und zugeben, dass keiner und keine von uns vollkommen ist. Es ist deshalb sinnlos, wenn wir uns aufspielen. Besser ist es, wenn wir uns unter Gott beugen, seinen Willen zulassen und uns von ihm lieben lassen.
Das ist das Entscheidende, darauf läuft es letzten Endes alles hinaus, auf die Liebe Gottes, die in Jesus Christus zu uns gekommen ist.
All diesen Versuchungen zu widerstehen, heißt nicht, dass wir aus eigener Kraft besser werden. Wir führen diesen Kampf nicht allein, sondern haben einen starken Beistand. Es gilt, uns Jesus vor Augen zu halten, uns in seinen Sieg über den Teufel zu versenken und in seinem Namen gegen ihn anzutreten. Dann empfangen wir göttliche Kraft. Deshalb ist das Gebet ein wichtiges Mittel, um weiter zu kommen. Wir sollen nicht zu vollkommenen Menschen werden, sondern in die Nachfolge treten, und das heißt, uns ganz auf Jesus Christus verlassen, auf seine Liebe und Barmherzigkeit. Er hört uns, wenn wir rufen, und er schickt uns seinen Geist. Wir werden von innen her erfüllt und verändert. Er befreit uns aus unseren Denkmustern und schenkt uns ein neues Bewusstsein und Lebensgefühl. Wir erfahren dasselbe wie er, dass nämlich die Engel uns umgeben und uns „dienen“.
Das ist ein sehr schönes Bild. Jesus war nach den bestandenen Prüfungen geschützt. Die Engel sind so etwas wie eine Hülle göttlicher Kraft, eine wahrnehmbare Energie, und in die sollen auch wir hineingenommen werden. Je deutlicher der Name Jesu in uns zum Klingen und Schwingen kommt, desto undeutlicher wird die Stimme des Teufels zu hören sein. Dann werden auch wir durchlässig für den Dienst der Engel an uns.
Ein Beispiel ist dafür Dietrich Bonhoeffer. Er hat im Gefängnis genau diesen inneren Kampf geführt. Er hat sich nicht vom Bösen anstecken oder besiegen lassen, sondern hat ganz auf die Liebe und Kraft Jesu vertraut. Deshalb konnte er dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 65,7)
Zu dieser Gewissheit sollen auch wir kommen, das ist der Sinn der Fastenzeit. Wir verzichten auf bestimmte natürliche Werte, um etwas Übernatürliches zu empfangen. Es ist die Liebe und Gegenwart Gottes, die auch uns einhüllen kann. Es ist deshalb ein guter Vorschlag, sieben Wochen lang niemanden „runterzumachen“, nicht mehr zu beurteilen, wie gut oder schlecht, schön oder hässlich jemand ist. Es ist heilsam, wenn wir stattdessen froh und dankbar sind für das, was und wie wir sind. Wir können Gott loben und dabei neu zu uns selber und zueinander zu finden. Jesus Christus ist diesen Weg vorangegangen, und er lädt uns ein, ihm zu folgen.
Und natürlich sollen wir das auch noch nach Ostern tun. Die Fastenzeit ist nicht dazu da, dass wir einmal sieben Wochen lang anders leben und dann in alte Gewohnheiten zurückfallen. Wir üben vielmehr etwas ein, was auch danach wichtig bleibt. Wir beginnen neu und machen uns auf einen Weg, der Leben und Heil verheißt.
Amen.

 

Es gibt auch eine Andacht zur Fastenaktion „Du bist schön, 7 Wochen ohne runtermachen“ mit einer Auslegung zu Psalm 139, 14- 18: „Du bist wunderbar gemacht.“

 

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