Ein Gnadenjahr

Gottesdienst zum Jahresanfang, 1.1.2015, 19 Uhr
Jakobikirche Kiel

Neujahr, Predigt über Lukas 4, 16- 21: Jesu Predigt in Nazareth

Lukas 4, 16- 21

16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2):
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen,
19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich.
Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn.
21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Liebe Gemeinde.
Bestimmte Dinge machen wir gerne für ein Jahr: So gibt es z.B. das „freiwillige soziale Jahr“ für Jugendliche oder junge Erwachsene, die der Gesellschaft einen freiwilligen Dienst erweisen wollen. Im Bereich der Evangelischen Kirche wird es auch als „Diakonisches Jahr“ bezeichnet. Des Weiteren haben Menschen im Beruf die Möglichkeit, ein „Sabbatjahr“ einzulegen, das ist dann eine Auszeit. Man kann auch ein „Studienjahr“ absolvieren oder ein „Lehrjahr“. Dann gibt es Leute, die reisen in einem Jahr um die Welt, sie machen also ein „Reisejahr“. Und so können wir fortfahren. Wie wäre es z.B. mal mit einem „Familienjahr“, in dem wir der Familie besondere Aufmerksamkeit schenken, oder einem „Sportjahr“, in dem wir uns um unsere Fitness kümmern? Im Rückblick erkennen wir manchmal, dass ein „Freudenjahr“ oder auch ein „Trauerjahr“ hinter uns liegt.
Und dieses Denken gab es auch schon zu biblischen Zeiten. So erwähnt Jesus in seiner Rede in der Synagoge von Nazareth, seinem Heimatort, ein „Gnadenjahr“. Lassen Sie uns darüber einmal nachdenken: Was meint er damit? Und lohnt es sich vielleicht, das einmal einzulegen? Was würde das mit sich führen? Lassen Sie uns diesen Fragen nachgehen.
Jesus hat das Wort nicht erfunden, es stand vielmehr in der Heiligen Schrift bei dem Propheten Jesaja. Aus dessen Buch las Jesus einen Abschnitt vor, der eine frohe Botschaft enthält: „Die Gefangenen werden entlassen, die Blinden werden sehen und die Zerbrochenen befreit.“ (Jesaja 42,3)
Der Prophet bezieht sich mit dieser Verheißung auf ein Gesetz aus dem Buch Mose, nach dem es alle fünfzig Jahre ein sogenanntes Erlassjahr geben soll. Es lautet: „Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen.“ (3. Mose 25, 10)
Dieses Gesetz und auch das Prophetenwort kannten die Zuhörer Jesu sicher. Neu war für sie allerdings seine kurze Auslegung, die dann folgte: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Was sie gehört haben, geht mit ihm in Erfüllung, und zwar „heute“, d.h. im Augenblick des Hörens, als Zuspruch. Jesus ist der von den Propheten Verheißene, das war seine Botschaft. Seine Zuhörer mussten sich also entscheiden, ob sie ihn annehmen oder verwerfen wollten. Und dabei ging es um Heil oder Unheil
Und das haben die Menschen in Nazareth getan, sie haben sich festgelegt, allerdings anders, als Jesus sich das gewünscht hat: Sie lehnten diese Erklärung ab. Dafür kannten sie ihn zu gut, er war ja einer von ihnen gewesen. Ihr Zorn entbrannte vielmehr, denn sie hielten seine Aussagen für eine maßlose Selbstüberschätzung. Wütend und aufgebracht jagten sie ihn am Ende des Gottesdienstes aus der Stadt. Sie wollten ihn sogar einen Abhang hinunterstürzen, doch dazu kam es nicht. Wie durch ein Wunder ging er „mitten durch sie hinweg“ , wie es im Evangelium heißt (v.30). Er war gerettet. Genützt hat sein Auftritt in Nazareth allerdings nichts, denn die Menschen dort haben sich ihm gegenüber vollständig verweigert.
Und damit steht die Frage im Raum, was wir denn tun. Wie reagieren wir auf seine Worte? Sicher nicht so krass, wie die Nazarener, aber ganz einfach ist seine Aussage auch für uns nicht. Möglicherweise lehnen wir die Gnade grundsätzlich ab. Wir wollen gar kein „Erlass- oder Gnadenjahr“, denn mit „Gnade“ verbinden wir nicht nur positive Gedanken und Gefühle. Derjenige, der die Gnade verteilt, ist ja immer höher gestellt; wer sie empfängt, ist dagegen klein und abhängig. Er ist der Willkür eines Mächtigeren ausgesetzt und weiß nie, ob der die Gnade nicht auch wieder zurücknimmt. Das schwingt z.B. in der Anrede „gnädiger Herr“ oder „gnädige Frau“ mit. Außerdem ist der Begnadete passiv, er bringt nichts selber ein. Es ist vollkommen uninteressant, was er kann oder leistet, seine Qualitäten spielen keine Rolle, und die Entscheidung über sein Schicksal fällt jemand anders.
Deshalb wollen viele Menschen gar keine Gnade oder Erlass. Sie richtet sich gegen ihre Autonomie und Selbstbestimmtheit. Sie vertrauen lieber auf ihre eigenen Möglichkeiten und wollen das Leben selber gestalten. Und zu denen gehören wir auch meistens. Die persönlichen Fähigkeiten, Kraft und Kreativität, all das zählt bei uns mehr. Damit bauen wir unser Leben auf. Und wir finden es auch gerecht, wenn jemand für seine Vergehen bestraft und möglicher Weise eingesperrt wird. Warum soll er früher frei kommen, als er es verdient hat? Dieses Denken bestimmt unsere Lebensführung und unsere Gesellschaft.
Solange alles gut verläuft, ist das auch angebracht. Natürlich müssen wir unser Leben aktiv gestalten, Entscheidungen treffen und Ziele verfolgen. Daher kommen auch die verschiedenen „Jahresprogramme“, die ich vorhin aufgezählt habe. Sie ergeben sich aus unseren Ideen und Wünschen, aus unseren Fähigkeiten und Zielen. Und ob wir sie umsetzen, hängt zum großen Teil von uns selber ab. Ein „Gnadenjahr“ brauchen wir tatsächlich nicht, das ist unsere Behauptung.
Aber stimmt das wirklich? So ganz einfach ist unser Leben ja nicht. Lassen Sie uns einmal etwas genauer nachhaken, was bei unserer Autonomie eigentlich herauskommt. Und dabei hilft es uns, wenn wir die schlechten Zustände, die Jesus aufzählt, weiter fassen und im übertragenen Sinn verstehen. Er erwähnt Armut und Gefangenschaft, Blindheit und Gebrochenheit. Und das kennen wir bildlich gesehen alle.
So sind wir vielleicht nicht unbedingt materiell arm, aber es gibt ja auch eine Armut an Freude oder Liebe. Unser Leben ist dann irgendwie leer, wir sehnen uns nach mehr Mitmenschlichkeit und Zuwendung, fühlen uns einsam und verlassen.
Und „gefangen“ sind wir auch alle, in Beziehungen und Abhängigkeiten. Andere Menschen machen oft mit uns, was sie wollen. Wir können uns nicht lösen, leiden unter den Bedingungen, unter denen wir leben, und kommen nicht weiter. Wir handeln immer nach denselben Mustern, nichts ändert sich.
Genauso können wir „Blindheit“ im weiteren Sinne verstehen. Dann bedeutet sie, dass wir den Weg nicht mehr erkennen. Wir verstehen nicht, warum etwas geschieht. Das Leben verfinstert sich, wir sind von Dunkelheit umgeben.
Und unter dem „Zerbrechen“ verstand sicher auch schon der Prophet alles, was im Leben schief läuft: Wir sind nicht mit allem erfolgreich, was wir uns vornehmen. Wir sind nicht immer gesund und fröhlich. Vieles zerbricht und zerrinnt im Laufe der Zeit. Wir liegen immer wieder am Boden und leiden.
Wenn wir unseren Text so verstehen, klingt er plötzlich ganz anders, und die Verheißung eines „Gnadenjahres“ gewinnt auch für uns eine Bedeutung. Es ist dann das Jahr, das ich bewusst nicht selbst gestalte. Es wird mir vielmehr geschenkt. Ich verzichte einmal auf meine Autonomie und lass mir etwas gefallen. Nicht Ziele oder Inhalte stehen im Vordergrund, sondern das Vertrauen und die Offenheit. Ich gebe mich hin und glaube.
Denn dafür gibt es einen Grund, und der heißt Jesus Christus. Er ist da und möchte, dass ich mich für ihn entscheide, dass ich seine Liebe annehme und mich von ihm führen lasse. Ich muss gar nicht alles hinkriegen, und immer stark und leistungsfähig sein. In einem „Gnadenjahr“ hat auch mein Versagen Raum, meine Schwachheit und mein Leid, meine Einsamkeit und Trauer. Alles, was zu meinem Leben dazugehört, darf vorkommen, ich darf sein, wer ich wirklich bin. Denn so werde ich geliebt und gesehen.
Und das wirkt sich positiv und heilend aus. Ich werde reich beschenkt. Freude und Liebe ziehen in mein Leben ein, es wird erfüllt und schön. Mitmenschlichkeit entsteht, und ich bin nicht mehr einsam. Ein Gnadenjahr ist immer auch ein „Freudenjahr“.
Und es ist ein „Freiheitsjahr“, denn ich werde durch die Gnade innerlich befreit. Viele Abhängigkeiten entstehen ja nur, weil ich zu viel von den anderen Menschen erwarte, und möchte, dass sie so sind, wie ich mir das vorstelle. Das kann ich loslassen und mich entspannen. Ich leide nicht mehr unter den Umständen, in denen ich lebe, und komme weiter. Alte Muster verschwinden, und vieles ändert sich.
Und genauso sehe ich klarer und deutlicher meinen Weg. Er öffnet sich vor mir. Ich verstehe, was in meinem Leben geschieht. Ein Licht leuchtet auf und es wird hell.
Und schließlich werde ich innerlich aufgebaut, ganz gleich, wie erfolgreich ich mit dem bin, was ich mir vorgenommen habe. Es ist nicht mehr entscheidend. Ich kann auch dann fröhlich bleiben, wenn mal etwas schief läuft, oder wenn eine Krankheit kommt. Ich werde immer wieder erlöst und neu belebt, und kann meinen Weg weiter gehen
All das beinhaltet das „Gnadenjahr“, und das ist doch eine wunderbare Perspektive. Es lohnt sich, es einmal einzulegen. Allerdings können wir uns das nun nicht vornehmen, wie ein „freiwilliges soziales Jahr“ oder ein „Sabbatjahr“. Doch das schlägt Jesus uns auch nicht vor. Er verheißt es uns vielmehr, er schenkt es uns und er ist derjenige, der es dann gestaltet. Wir lassen uns einfach nur gefallen, was er für uns tut.
Eigentlich brauchen wir den Beginn eines neuen Jahres oder das Rechnen in diesem Zeitraum für so eine Verheißung nicht, denn sie ist nicht an die Zeit gebunden und gilt in jedem Augenblick. Natürlich reicht sie auch weit über ein Jahr hinaus. Sie vergeht nicht und dauert bis in Ewigkeit. Aber Zeit und Raum sind nun einmal fest in unserem Lebensgefühl verankert. Damit arbeiten wir, wenn wir an unser Leben und unsere Möglichkeiten denken. So begehen wir z.B. den Jahreswechsel bewusst und fangen am Neujahrstag gerne neu an
Und das wusste wohl auch Jesus, deshalb greift er dieses Denken auf. Doch gleichzeitig sprengt er das zeitliche Lebensgefühl, denn in einem „Gnadenjahr“ stellen wir unser Leben auf eine ganz andere Grundlage. Unser Geist öffnet sich für die zeitlose Wirklichkeit. Wir treten ein in die Gegenwart und Gnade Christi und lassen seine Liebe walten. Andere mögliche Jahresinhalte werden dadurch zur Seite geschoben, und das ist gut. Denn etwas Besseres als ein „Gnadenjahr“ kann es gar nicht geben. Es lohnt sich mehr als alles andere, wenn unser Leben heil und erfüllt sein soll.
Amen.

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